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Trzcianka an der Eisenbahn

Trzcianka ist ein weithin unbekanntes Städtchen südlich von Piła, das man ebensowenig kennen muß. Es liegt im nördlicheren Westen von Polen, in Wielkopolska (Großpolen), das seinen Namen wohl daher hat, daß es voller großer leerer Felder ist. Es liegt auch an einer Bahnlinie, auf der heute nur noch einige Regionalzüge fahren, obwohl sie einst zur Verbindung zwischen Berlin und Königsberg (heute Kaliningrad) gehörte. Dem Bahnhofsgebäude von Trzcianka würde man das nicht ansehen, denn Fernzüge hielten hier gewiß auch damals nie. Ein anderes Bauwerk hingegen zeugt von der alten Bedeutung der Strecke: die Unterführung beim Bahnübergang in der Sikorskiego (Sikorski-Straße), der Hauptstraße des Orts.

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Beidseits der Gleise stehen leicht schräg zur Straße die Eingangsbauten über den Treppen. Dünne Wände aus Stahlgerüsten, die teils mit Backstein ausgefüllt sind, abgeflachte Tonnendächer, beim rechtsgleisigen noch eine niedrigere Fortsetzung, die unregelmäßig spitz endet und ein unregelmäßiges Dach hat.

Am auffälligsten sind die Blechelemente an der Stelle der Fenster: jeweils zwei schmale nach außen zeigende Dreiecke in dem Türkisgrün des übrigen Gebäudes um ein vertikales Achteck in Ocker.

An einer Stelle über dem Boden im niedrigeren Teil ist sogar ein Muster aus unregelmäßigen ockerfarbenen Dreiecken.

Im ersten Moment ist völlig unklar, aus welcher Zeit diese Bahnunterführung stammen könnte. Sofort ist da die romantische Vorstellung eines sehr ungewöhnlichen Expressionismus der Zwanziger, eines provinziellen Art Déco, wie es ihn sonst höchstens in der Innenarchitektur gab. Wahrscheinlich ist das leider nicht. Die Unterführung und ihre Eingangsgebäude müssen vielmehr irgendwann um 1900, zur Hochzeit der Bahnlinie, entstanden sein. Daß sie an dieser Stelle und nicht etwa beim nahen Bahnhof ist, konnte nur nützlich sein, als starker Zugverkehr den oberirdischen Übergang oft versperrte. Die Blechornamentik hingegen muß weit neuer sein, eine exzentrische Lösung aus dem sozialistischen Polen der sechziger oder siebziger Jahre, die auch gut zu dem ebenfalls türkisgrünen und ebenfalls Dreieckelemente enthaltenden Metallzaun auf der anderen Straßenseite paßt.

Damals hatte die Unterführung schon viel von ihrer Nützlichkeit eingebüßt, heute ist sie abgesperrt. Sie steht, noch immer in relativ gutem Zustand, als Erinnerung an die Geschichte, die an Trzcianka aber schon immer bloß vorbeigebraust war.

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