Archiv der Kategorie: Eindhoven

Medina oder Terrassenhäuser in Eindhoven

Terrassenhäuser sind meist sehr deutlich als solche zu erkennen, wie das folgende im Norden von Eindhoven. Zur großen Veldmaarschalk Montgomerylaan (Feldmarschall-Montgomery-Allee) stehen die oberen beiden der vier Geschosse deutlich über die beiden darunterliegenden über, zur kleinen Pisanostraat (Pisanostraße) ist jedes Geschoß deutlich hinter dem darunterliegenden zurückgesetzt. Zur ersten Seite sind zumeist große Fenster, zur zweiten ausschließlich Balkone.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Auch der wahrscheinliche innere Aufbau erschließt sich sofort. An der kleinen Straße sind die Eingänge. Das Erdgeschoß ist unter der tragenden Betonkonstruktion weit zurückgesetzt und hier sind die Türen zu den Erdgeschoßwohnungen, die zur anderen Seite Gärten haben, und zu den Treppen, die in die Wohnungen im zweiten Geschoß führen. In der Mitte, wo die beiden Teile des Gebäudes leicht versetzt aufeinandertreffen, ist der Eingang zum Treppenhausturm, der auf der anderen Seite steht. Über ihn oder über Wendeltreppen an den Enden des Gebäudes erreicht man den zur Montgomerylaan zeigenden Laubengang im dritten Geschoß, von dem die Türen zu den Wohnungen in diesen und zu den Treppen in die Wohnungen im vierten Geschoß abgehen.

Diese Konfiguration, durch die alle Wohnungen zu beiden Seiten zeigen, ist eine spezifisch niederländische, die aus dem Mißtrauen gegen typische Geschoßwohnungen und der Sehnsucht nach dem Reihenhaus entstand. Der schwächste Teil dieses Terrassenhauses sind dann ausgerechnet seine Terrassen, die nach oben abgeschrägte Geländer haben, was diese Gebäudeseite als eine einzige schräg ansteigende Fläche wirken läßt und somit bloß eine ästhetische Spielerei ist.

In Eindhovens Zentrum gibt es solche deutlichen Terrassenhäuser nicht. Es ist eng wie so viele niederländische Stadtzentren, wobei dies teils den älteren, aber in ihrer heutigen Form auf die frühe Nachkriegszeit zurückgehenden Häusern und teils allerlei neueren, seit den neunziger Jahren entstandenen Einkaufszentren und Bürokomplexen geschuldet ist. Die Plätze, die es gibt, sind entweder ebenfalls eng und undefiniert oder zu leer wie der Stadhuisplein (Stadthausplatz), der mit seinen Betonrampen ganz offiziell den Skatern überlassen wurde. Und oft ist alles nur abweisend und kahl. Wenn man etwa auf dem öden Vorplatz eines neueren Wohnhochhauses am Vestdijk (Westdeich) steht, blickt man an achtgeschossigen Backsteinfassaden entlang, die unten hohe Kolonnaden haben, ganz egal, ob die Gebäude nun Büro- oder Wohnzwecken dienen.

In dieser Umgebung überrascht es, in der Kneipenstraße Stratumseind um eine Ecke zu schauen und Grün zu sehen, Grün nicht nur, nicht einmal vor allem auf der Erde, sondern auf großen Terrassen.

Mehr noch überrascht es, zwischen den beiden backsteinverkleideten Gebäuden am Vestdijk in eine schmale Gasse zu biegen und hinter dem zweiten, größeren von ihnen große Terrassen mit auch über den Backstein der Seiten hinausquillendem Grün zu sehen.

Das ist Medina.

Anders als bei den Terrassenhäusern in der Vorstadt ist hier erst einmal gar nichts klar. Während es sich zur großen Straße hin monumentale Backsteinformen gibt, ist es zur anderen Seite nur Grün.

Nur ungefähr macht man unter der Vegetation drei zweigeschossige Stufen und zwei abschließende Geschosse mit begrünten Balkonen aus. Doch wie die Seiten erahnen lassen, gibt es auch noch versenkte Innenhöfe und vielleicht anderes.

Die unterste Stufe endet in verglasten Wohnungen, die sich als ganz konventionelle Reihenhäuser ausgeben, ja, sogar Laden- und Galerieräume haben. Auch die davor verlaufende Straße Het College, auf deren anderer Seite drei- und viergeschossige Reihenhäuser stehen, die in den Formen Medina entsprechen oder an es angepaßt sind, ist so eng wie die anderen Straßen des Stadtzentrums, aber anders als sie voller Grün.

Obwohl Medina auf Arabisch einfach Stadt heißt, ist die Assoziation mit einer fruchtbaren und grünen Oase in der Wüste sicher nicht ungewollt und jedenfalls nicht unpassend. Wie bei einer Oase kann man kaum glauben, daß es Medina wirklich gibt, fürchtet eine Fata Morgana. Ein wenig ist die Eindhovener Medina auch ein Trugbild, denn man kann sie nur sehen, nie berühren. In der Straße davor gibt es keine Bänke und die Stufenanlage, die in der Mitte tiefer hineinführt, ist mit hohen Gittern abgesperrt: „Privé terrein“.

Einen öffentlichen Ort kann Medina nicht schaffen, denn nichts haßt der gegenwärtige Kapitalismus mehr als das. Das Hervorquellen des Grüns über seine Terrassen ist schon von den Reihenhäusern gestoppt und schon in der nächsten Straße wenig mehr als eine ferne Ahnung.

Medinas Stärke sind seine Terrassen, während alles übrige zu schwach ist. Dennoch ist es viel, mehr jedenfalls als alles andere im Zentrum von Eindhoven. Das ist umso trauriger, aber auch erstaunlicher, als Medina erst 1999 erbaut wurde, wobei in Eindhoven ja sogar später noch Gutes entstand. Versteckt es sich auch, ist es auch schnell wieder aufgehalten, es ist fortschrittliche Architektur und Erbe des Terrassenhauses draußen im Norden. Der Vergleich der beiden Eindhovener Gebäude zeigt weiterhin: Die Lehre von Alterlaa ist nicht nur, daß Terrassenhäuser der richtige Weg sind, sondern auch, daß sie hängende Gärten sein müssen, schöner und prachtvoller als alles, was Babylon kannte.

Werbeanzeigen

Erkundungen auf Friedhöfen: Das Reihenhaus des Todes

Straßen wie diese gibt es in den Niederlanden tausende. Zweigeschossige rote Backsteinreihenhäuser mit kleinen Vorgärten, die Entstehungszeit an den gemäßigt historistischen Stilen kaum abzulesen. So könnte man die St Jorislaan in Eindhoven tausendmal entlanggehen, ohne zu bemerken, daß eines der Reihenhäuser nicht ganz paßt.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Im Erdgeschoß ist statt der Tür und des großen Fensters ein Tordurchgang mit Gewölbe, vor dem etwas höheren Dach ist eine Art Erker, der im Obergeschoß von Atlanten in zwei Variationen des heiligen Georg getragen wird und in einer Art Türmchen mit Kreuz endet.

Durch das Tor blickt man auf eine lange dunkle Allee und begreift: dort ist ein Friedhof. So surreal es scheint, mitten zwischen den Reihenhäusern einen Friedhofseingang anzuordnen, genau so geschah es Ende des 19. Jahrhundert dem St Joriskerkhof (Sankt-Georgs-Friedhof).

In der Wohnung über dem Durchgang wohnte oder wohnt der Kapelaan (Kapelan), so daß der Friedhof ihr Garten wird. Diese Vorstellung mag etwas unheimlich sein und der Ort tut mit der engen und dunklen Tannenallee in seiner Mitte auch wenig, dieses Gefühl zu zerstreuen. Die Gräber stehen quer neben der Allee und im Halbrund um ein großes Kruzifix bei ihrem Ende.

Als ziehe der Ort das an, findet man auf dem Friedhof zwei ungewöhnlich unheimliche Gräber. Es sind Kindergräber, die ohnedies immer besonders traurig sind.

Das erste ist das Grab eines Mädchens namens Louise Adoplhine Theonie de Block, das 1878 im Alter von nicht einmal vier Jahren starb. Der Name auf dem podestartigen Sockel ist dabei viel schwerer zu lesen als ihr marmornes Ebenbild, das auf dem Sockel in einem satteldächigen Glaskasten liegt, zu sehen ist. Sie liegt leicht seitlich auf einer Liege mit Kissen, trägt zeittypische bürgerliche Kinderkleidung, hat den Kopf in die rechte Hand gestützt, scheint zu schlafen.

Die Skulptur wäre noch nicht gar so ungewöhnlich, aber der Glaskasten um sie ist es in großem Maße. Man denkt an Schneewittchen oder aber an Brutkästen und begreift nicht, was für eine Art Trost es den Eltern gegeben haben mochte, ihre Tochter in Stein, scheinbar schlafend und hinter Glas auf dem Friedhof zu besuchen.

Das zweite ist das Grab eines Jungen namens Herman, der 1936 im Alter von nicht ganz fünf Jahren starb. Vor einer spitzbögigen schwarzen Steinplatte steht er ganz aus Bronze in Matrosenhemd, kurzer Hose und mit Roller auf einem niedrigen Sockel mit seinem Namen.

Wo die Familie de Block ihre Tochter schlafend zeigte, entschied die Familie hier, ihren Sohn lebend in einer Alltagssituation zu zeigen. Wo das Mädchen eine verwirrende Fülle von Vornamen hatte, ist der Junge bloß Herman, schon die Lebensdaten sind kleiner und schwer lesbar, ein Nachname fehlt. Wo allerdings die schlafende Skulptur etwas immerhin Friedliches hat, das erst durch den Kontext unheimlich wird, erinnert die stehende Plastik des Kinds mit großem, leicht gesenktem Kopf, unklarem Lächeln, starr nach vorne gerichtetem Blick, streng gescheiteltem, doch gewiß blonden Haar, und direkt über dem Kopf im Stein hängenden Kreuz an irgendeinen Horrorfilm, wozu gewiß auch die unregelmäßigen Verfärbungen des Kupfers beitragen. Hier ist noch unklarer, was die Eltern sich dabei gedacht haben mögen.

Kindergräber sind traurig und umso mehr, wenn sie wie bei diesen beiden Darstellungen den Tod nicht hinnehmen und die Kinder zu Untoten machen wollen, umso mehr, wenn die Eltern ihrer Trauer aus Übermaß an Geld und Mangel an Geschmack solch traurige Formen geben. Aber auf traurige Art passen Louise und Herman in dieses Reihenhaus des Todes.

Philips

Eindhoven ist die Stadt von Philips. Man merkt das sehr bald, auch wenn man es vorher nicht wußte. Eine Statue von Anton Philips, der die Firma nicht gründete, aber aufbaute, steht vor dem Bahnhof, eine seines langjährigen Nachfolgers Frits Philips auf dem Markt. Im ältesten Fabrikgebäude ist das Philips Museum. Ein Stadtteil heißt Philipsdorp (Philipsdorf). Daß die Spielstätte des Fußballvereins PSV Eindhoven Philips Stadion heißt und eine Mischung aus dem Philips-Stern und einem Fußball als Logo hat, ist hier kein traditionsfernes Sponsoring à la Commerzbank Arena, sondern selbstverständlich, schließt steht PSV für: Philips Sport Vereniging (Philips Sportvereinigung).

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Auch mit fast jedem anderen Gebäude der Stadt hat Philips auf die eine oder andere Weise zu tun.

Das markanteste Philips-Gebäude im Zentrum ist der Lichttoren (Lichtturm), ein mächtiger sechsgeschossiger Eckbau aus weißgetünchtem Beton. Die Ecke ist durch drei schräge Flächen deutlich abgerundet und auf ihrem Dach sind zurückgesetzt vier weitere Geschosse, die die Form eines spitzen Vielecks haben, der eigentliche Lichttoren. Krönend darauf ist heute der langweilige und doch einprägsame blaue Philips-Schriftzug.

Der Lichttoren ist in weiten Teilen einfach ein funktionales Fabrikgebäude, das auf fünf Geschossen große rechteckige Fensterflächen zwischen den horizontalen und vertikalen Betonstreben und im niedrigeren fünften Geschoß regelmäßige kleinere Fenster zwischen schmalen vertikalen Streben hat. Während dort Fertigungsräume waren, saßen im Aufbau an der Ecke Testlabors, weshalb dort ständig Licht brannte. Doch zu dieser schmucklosen Funktionalität kommen beidseits der Eckrundung und in regelmäßigen Abständen an den Seiten weit vorgesetzte Pfeiler mit vertikal eingefurchten Linien. Unterhalb des Dachs verläuft ein Band aus mehreren erhabenen horizontalen Streifen, das um die Abschlüsse der Pfeiler weit vorsteht.

Das ist eine expressive Art-Déco-Ornamentik, die dem Gebäude eine Monumentalität zu geben versucht, die es als das höchste und größte Umgebung der Umgebung, ja, des gesamten Stadtzentrums, gar nicht gebraucht hätte. Am Abschluß der rechten Gebäudeseite ist der Pfeiler noch anders ausgeführt. Hier endet er in einer Art Türmchen mit spitzem Dach.

Auch die Fenster der hier angrenzenden Gebäudeteile sind kleiner und vertikaler und das Dach steht mit historisierendem Kranzgesims über. Offenkundig ist dies noch eine ältere Planung, die in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, also recht eigentlich ins 19. Jahrhundert, gehört.

Sich von ihr zu lösen und stattdessen in einem minimalistischen Art Déco weiterzubauen, war die vielleicht wichtigste architektonische Entscheidung, die Philips je traf. Statt einem biederen historistischen Bau bekam Eindhoven ein modernes Hochhaus. Denn der Lichttoren ist für seine Zeit und seinen Ort nicht weniger als ein Hochhaus und dadurch für die Stadt weit wichtiger als all die neobacksteingotischen Kirchen.

Ansonsten war Philips selten an erster Stelle, wenn es darum ging, architektonische Neuerungen aufzugreifen. Das ist ein Unterschied etwa zum tschechoslowakischen Baťa, das Zlín so sehr prägte, ja, schuf, wie Philips Eindhoven, aber moderne Architektur geradezu zum Teil seiner Corporate Identity machte. Der Stadtteil Philipsdorp etwa, der sich bald hinter dem innenstädtischen Fabrikgelände bis zu den weiteren Philipsanlagen in Strijp-S erstreckt, besteht ganz aus zweigeschossigen backsteinernen Reihenhäusern in unaufwendigen historistischen Formen, wie sie das Bild aller niederländischen  Städte prägen. Was vor, was nach dem ersten Weltkrieg entstand, ist hier nicht zu erkennen und unwichtig.

Strijp-S ist dann eine wahre Fabrikstadt und das eigentliche Herz von Philips. Es war damit auch eine Stadt in der Stadt, die nur den Arbeitern und Angestellten von Philips zugänglich war. Heute werden seine hohen weißen Fabrikgebäude, Varianten der Gebäude des Lichttoren, zu Wohnungen und Ateliers umgebaut.

Abseits von Strijp-S, jenseits der Bahnstrecke, ragt das einzige noch immer von Philips genutzte Gebäude auf, ein kompliziert aufgestütztes und aufgehängtes Hochhaus von 1964. Heute steht es allein und recht verloren, aber früher war es nur ein Teil weiterer ausgedehnter Philips-Büroanlagen aus derselben Zeit, von denen keine Spur mehr zu finden ist.

Anderswo am Stadtrand steht das evoluon. Als riesige Diskusform, die freischwebend auf einem runden Sockel aus V-Stützen und Glas ruht, war es als neues Symbol der Stadt bestimmt und ist es in gewissem Maße noch heute, obwohl andere Gebäude darauf ebensoviel Anspruch erheben könnte.

Erbauer war im Jahre 1966 selbstverständlich die Firma Philips, die damit zu ihrem 75-jährigen Bestehen ihre Modernität und ihren weltumspannenden Anspruch symbolisieren wollte. Rechts ist der große Eingangsbau, teils mit einem Dach, dessen quadratischen Teile mal höher, mal niedriger gesetzt sind, und von ihm führt ein verglaster Gang zur ufoförmigen Halle. Links ist ein zweiter Eingangsbau, auch aus Beton und in kubischen Formen, aber neuer und deutlich banaler wirkend. Daneben steht ein eigentümlicher Schornstein oder Turm, der durch beidseits horizontal herausragende Elemente an maritime Denkmale wie das für Tegetthoff in Wien oder aber indianische Totempfähle erinnert.

Insgesamt ist das evoluon-Gelände heute eigenartig isoliert, abgesperrt, zwar zugänglich, aber nicht einladend.

Und so geht es weiter. Wohin man auch blickt in Eindhoven, da ist auf die eine oder andere Weise Philips. Das Denkmal für das erste Telefongespräch mit Niederländisch-Ostindien in den Dreißigern – mehr Philips als der damaligen Königin gewidmet. Die Sternwarte – benannt nach Anton Philips. Es reicht bis zu der allgegenwärtigen Glühbirnensymbolik.

Wenn im Kneipenviertel am Stratumseind irgendwo eine Leuchtreklame mit dem vertrauten blau-weißen Philipslogo hängt, weiß man nicht genau, ob das noch Überbleibsel eines alten Elektronikgeschäfts oder schon hippes Zitat ist.

Denn vielleicht stimmt es nicht ganz, daß Eindhoven die Stadt von Philips ist, vielleicht muß man eher sagen: Eindhoven war die Stadt von Philips. Produziert wird anderswo, geplant, verwaltet, entworfen größtenteils auch. Philips ist, damit wieder Baťa in Zlín verwandt, in Eindhoven eher Folklore, Erinnerung an eine gar nicht ferne industrielle Vergangenheit, als realer wirtschaftlicher Faktor. Doch wie dem auch sei, übersehen kann man Philips in Eindhoven nicht, auch wenn man an niederländischer Industriegeschichte keinerlei Interesse hat.

Der abstrakte Automechaniker oder Mehr Werbekunst in Eindhoven

Die Tradition, Gebäude nicht nur mit auswechselbarer Werbung zu verstehen, sondern im Vertrauen auf die Ewigkeit auch mit künstlerischen Darstellungen ihrer Bestimmung, endete in Eindhoven mit den innenstädtischen Renovierungen und Wiederaufbauten der Fünfziger nicht ganz. So gibt es am Leenderweg, weit vom Zentrum, zwischen den immergleichen backsteinernen Reihenhäusern der niederländischen Vorstadt ein langes dreigeschossiges Gebäude in simpelsten Formen (Hausnummer 227).

Im hohen Erdgeschoß neuere verglaste Ladenvorbauten und zurückgesetzte Tore, in den beiden Geschossen darüber schwarz gestrichene Backsteinverkleidung und regelmäßige Fensteröffnungen, die zwar in beiden Geschossen gleich groß sind, aber im zweiten durch darunter angebrachte glatte hellblaue Verkleidung größer und vertikaler wirken. Im rechten Teil sind auf etwa vier Fünfteln der Fassade vier rechteckige Betonplatten mit Mosaiken unter die unteren Fenster und etwas kleinere und schmalere über die oberen Fenster gesetzt. Die Fenster und die horizontalen Flächen zwischen ihnen sind hier zudem leicht zurückgesetzt, so daß die vertikalen Streben zwischen ihnen deutlich betont werden.

Diese Mosaike, die die lange Fassade unterbrechen, sind nicht das Markanteste, sondern das einzig Markante an dem Gebäude. Man kann sie leicht für eine hübsche abstrakte Dekoration halten. Auf weißem Grund jeweils viel Grau und Schwarz sowie wenig Blau, Rot und Grün, vielerlei unregelmäßig eckige Flächen. Aber in diesen abstrakten Formen sind bei genauem Hinsehen gegenständliche zu erkennen. Oben Autos und andere Fortbewegungsmittel, Hubschrauber, Flugzeuge vielleicht. Auch unten jeweils Autos, Verkehr im Hintergrund, dazu im ersten ganz links ein nach links springender Hund in Schwarz und in den übrigen weiße menschliche Gestalten.

Im zweiten sitzt die Gestalt und hat einen Zirkel in der Hand.

Im dritten steht sie und hat einen Hammer in der Hand.

Im vierten geht sie und hat vielleicht den Zeigefinger ausgestreckt.

Unzweifelhaft geht es hier um die Automobilbranche von Entwurf über Herstellung zum Straßenverkehr. Damit ist klar, worauf es sonst keinen Hinweis mehr gibt: das Gebäude wurde für einen Automechaniker erbaut, der seine Werkstatt in einer Halle jenseits der Tore im Erdgeschoß hatte. Es handelte sich um die VW-Werkstatt Hub van der Meulen und die Mosaike stammen laut den spärlichen Angaben von V.d. Hoek oder Jan de Winter. Wieso van der Meulen sich für diese halbabstrakte, alles andere als plakative Kunst entschied, ob er tatsächlich kunstsinnig war oder ob der Architekt ihm dargelegt hatte, daß es so billiger ist, als wenn das Gebäude selbst auffälliger gestaltet würde, das läßt sich auch hier nicht mehr feststellen. Wie bei den anderen Beispielen ist die Kunst alles, was blieb, und alles, was von der alten Funktion erzählt. Hier, wo ringsherum nicht die belebte Innenstadt, sondern die Vorortstraße ist, hat es aber noch etwas größeren archäologischen Wert.

Picasso, Schuhe, Lederhosen oder Etwas Werbekunst in Eindhoven

In der Innenstadt von Eindhoven oder in jeder anderen Stadt, in der die Einkaufsstraßen von relativ kleinen vermischten Häusern geprägt sind, kann man noch manchmal Hinweise auf längst nicht mehr bestehende Geschäfte finden. Sie sind in den Fassaden der Gebäude selbst, in die sie frühere Besitzer im immer irrigen Glauben, für die Ewigkeiten zu bauen, gesetzt hatten.

Kleinere Beispiele findet man bereits in der Fußgängerzone Demer. Am dreigeschossigen Haus Demer 23 wird die in weißem Rahmen von der braunen Backsteinfassade abgesetzte und vertikal durch zwei weiße Streben gegliederte Fensterfläche der Obergeschosse horizontal von einem Band durchzogen, in dem in Weiß auf Schwarz zwischen einfachen dreiblättrigen Ornamenten ein gekreuzter Hammer und Schuh sind.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Sie sind ebenfalls nur stilisiert, aber als Werkzeug und Herrenschuh gut zu erkennen. Früher war dort also vermutlich ein Schuhmacher, heute ein Modegeschäft namens „Parfois“. Von wann das ornamentale Band ist, läßt sich schwer eindeutig sagen, aber höchstwahrscheinlich aus den Fünfzigern, als die Straße, die 1942 bei einem alliierten Luftangriff auf das nahe Philips-Werk stark zerstört worden war, wieder aufgebaut wurde.

Am dreigeschossigen Haus Demer 28 findet sich über dem hervorgehobenen mittleren Fenster im zweiten Geschoß auf der hellen Steinfassade ein steinernes Relief. Auf goldenem Grund ist hier eine kurze Männerhose zu sehen, über den Knien und an den Hüften geschnürt und mit aufklappbarem Hosenlatz. Darüber steht „De leren broek“ (Die lederne Hose). Man könnte diese Darstellung für älter halten, als sie ist, doch darunter steht: „A° 1820-1952 REN“, also das Baujahr und das Jahr der Wiederherstellung nach dem Krieg.

Wer hier Lederhosen verkaufte oder ob der Name einen anderen Hintergrund hat, weiß man nicht mehr ohne weiteres. Laut den verfügbaren Informationen bezieht er sich auf eine Gerberei, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Aber das Haus traf es erstaunlich glücklich: gegenwärtig ist dort ein Levi’s-Geschäft. Alle Fenster sind mit Reklamephotos ausgefüllt, so daß man nun um die kleine Lederhose lauter große Jeans sieht.

Wo es sich bei den zuvor genannten Beispielen um kleine, leicht zu übersehende Details handelt, wird beim Gebäude 18 der nahen Straße Keizersgracht die Fassade ganz von der künstlerischen Gestaltung bestimmt. Es ist ein schmales Gebäude mit etwa drei Geschossen, das zwischen Nachbarbauten fast eingezwängt ist. Im Erdgeschoß Schaufenster, der Putz der Obergeschosse weiß und rechts nah beim Rand ein breites vertikales Band, das horizontal abwechselnd aus grünem Backstein und schieferartiger grauer Steinverkleidung besteht. Im zweiten Geschoß ist das Band von zwei Fenstern unterbrochen, die so aufgeteilt sind, daß sich vier Teile um ein zentrales Quadrat legen. Das ist der Rahmen für das Wandbild im großen linken Teil der Fassade.

Es beginnt auf der Höhe des Fensterabschlusses und nimmt ein quadratisches Feld aus glattglasierten Kacheln ein. Der Stil ist offensichtlich von Picasso inspiriert, auf dem blaßgrünen Hintergrund sind Figuren aus scheinbar einfachen Strichen, die klar zu erkennen, aber in den Proportionen, Perspektiven und Farben nicht um Realismus bemüht sind. Links eine große Blume vor einer Leinwand und darüber eine Sonne. Rechts eine kleinere Blume, ein Hahn und darüber ein Stern. Oben waagerecht ein weiblicher Engel, der schon unter dem Stern beginnt und mit den ausgebreiteten Armen in diesen und in die Sonne hineinreicht. Im Mittelpunkt frontal ein Künstler mit großer Palette, auf der vier Farben sind, und etwas Rotem in der Hand.

Es ist ein entschieden epigonales Werk, bei dem man sich nicht wundern würde, wenn es sein Epigonentum hinter einem Titel wie „Hommage à Picasso“ zu verstecken suchte. Der tatsächliche Titel dieses Werks von Hugo Brouwer aus dem Jahr 1958 ist nicht herauszufinden, vielleicht hatte es nie einen. Denn als es entstand, hatte es einen konkreten Werbezweck: das Gebäude erbaute sich der Kunsthandel Pijnenborg. Das Motiv ist also nicht zufällig, sondern, direkter noch möglicherweise als Schuh oder Lederhose, auf den Zweck des Gebäudes bezogen. Heute, da dort das Restaurant „La Cubanita“ ist, wirkt es in den Stadtraum als selbständiges Kunstwerk. Und daß es von allen gesehen werden kann, macht dieses epigonale Werk vielleicht ähnlich wertvoll wie die tatsächlichen Picassos, die im Eindhovener Van Abbe-Museum und anderswo weggesperrt sind.

Jenseits des Reihenhauses

Es ist ja nicht so, daß die Niederlande, weil sie Einfamilienhäuser, meist Reihenhäuser, bevorzugen, nicht in der Lage wären, mehrstöckige Wohngebäude zu bauen. Im Gegenteil sind ihre diesbezüglichen Leistungen mindestens so gut wie die in anderen Ländern.

Eine Wohnanlage wie diese Ecke Stratumsedijk/Elzentlaan (Stratumdeich/Elzentstraße) in Eindhoven etwa, die sogenannten Wilma-Flats (Wilma-Appartmentgebäude).

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Die Kreuzung dieser beiden Straße wird bestimmt von einem großen dreizehngeschossigen Hochhaus an der zweiten von ihnen. Die Schmalseiten sind aus rohem grauen Beton, auch die unter Hälfte der Balkonbrüstungen und die Trennwände zwischen den Balkone – ein solches Gebäude würde auch in viele andere kapitalistische wie sozialistische Staaten gut passen. Dann entlang des Stratumsedijk stadteinwärts eine Ladenzeile, Schaufenster und eckige Kolonnaden im Erdgeschoß, Fensterband zwischen zwei Betonbändern im leicht überstehenden Obergeschoß – ein fast archetypischer Anblick, der aus unzähligen anderen Städten vertraut ist.

Das achtgeschossige Wohnhaus, das etwas zurückgesetzt hinter der Ladenzeile steht, ist schon weit typischer niederländisch. Die Schmalseiten sind mit weißen Backsteinimitationen, zwischen denen die horizontalen Betonträger sichtbar bleiben, verkleidet, die Breitseiten aber sind ganz in Glasflächen hinter Balkonen mit offenen und geschlossenen Brüstungen aufgelöst. Ein entsprechendes sechsgeschossiges Gebäude, ohne Ladenvorbauten und weit kürzer, schließt quer hinter dem Gebäude an.

Von der straßenabgewandten Seite zeigt auch das Hochhaus seine niederländischen Charakteristika: zwischen einem vorgesetzten Aufzugstrakt rechts und einer Wendeltreppe in jeweils vorgesetzten Balkonen in der linken Ecke ist es von Laubenggängen erschlossen. Laubengänge sind in Ländern, wo das Einfamilienhaus die Grundlage des Wohnbaus ist, immer weit beliebter als anderswo. Vielleicht soll den Bewohnern damit das Gefühl genommen werden, daß sie sich mit anderen ein Gebäude teilen. Vielleicht ist es den Bewohnern auch wichtig, daß, wenn schon nicht wie beim Reihenhaus alle Passanten, wenigstens die Nachbarn in die Zimmer schauen können. Es ist jedenfalls kein Zufall, daß das 1960 entwickelte Vorfertigungssystem der Firma Wilma Bouw, in dem die Gebäude errichtet wurden und von dem sie ihren Namen hatten, Laubengänge verwendet.

Im durch die drei Gebäude von der Straße abgegrenzten Bereich ist ein großer Hof, der den Namen Bomansplaats (Bomanhof) trägt. Er ist öffentlich zugänglich, auf ihm stehen viele große Platanen, aber er ist ausschließlich Parkplatz.

Eine Gestaltung, die zum Aufenthalt oder irgendeiner anderen Nutzung als für das Auto einlädt, ist nicht einmal angedeutet. Hier zeigt sich die niederländische Architektur von ihrer schlechtesten Seite. Vom großen Vorbild der Lijnbaan ist der Raum unendlich weit entfernt. Es ist, als solle der Platz, der durch das Bauen in die Höhe eingespart wurde, wieder möglichst sinnlos verschwendet werden.

So ärgerlich diese städtebauliche Verschwendung auch ist, das Beispiel zeigt klar, wie gut die Niederlande auch hohe Wohngebäude zu bauen verstanden. Aber sie wollten meist einfach nicht.

Lenin in Eindhoven

Von den beiden neogotischen katholischen Backsteinkirchen im Zentrum von Eindhoven ist die Augustijnenkerk (Augustinerkirche) zweifelsohne die interessantere. Zwar ist die Catharinakerk (Katharinenkirche) zentraler gelegen, näher an historischen Vorbildern, reicher in den Details, man könnte sagen das: architektonisch bessere Gebäude.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Doch wie falsch es ist, an die historistische Afterarchitektur jener Zeit Maßstäbe architektonischer Qualität anzulegen, zeigt die Tatsache, daß ihr gotischer Vorgängerbau 1860 abgerissen worden war, damit sie gebaut werden konnte. Das paßt gut ins 19. Jahrhundert: Was sollen wir mit einer alten Kirche, wenn wir auch eine neue Kirche haben können, die alt aussieht?

Aber auch wenn man es wichtig fände, daß die Augustijnenkerk das schlechtere Gebäude ist, es wird hinfällig, da sie eines hat: einen riesigen kupfernen Jesus auf der Turmspitze.

Das ist in höchstem Maße bizarr, aber eben ungewöhnlich und falls überhaupt etwas bei solcher Architektur zählt, dann dies. Neogotische Backsteinkirchen wurden viele gebaut, allein in Eindhoven gibt es noch ein halbes Dutzend weitere, aber so etwas hat keine. Einen Jesus mit segnend ausgebreiteten Armen statt eines typischen Kreuzes auf die Kirchturmspitze zu setzen, das hätten sich andere Architekten und Kirchengemeinden nicht getraut. Ob ihnen bewußt war, sie sehr sie mit ihrer bizarren Idee die gotischen, also nach oben schmaler werdenden und einen spitzen Abschluß suchenden Formen des übrigen Gebäudes konterkarierten, weiß man nicht.

Gewiß jedenfalls ahnte im Eindhoven des Jahres 1898 niemand, daß hier ein Vorläufer stalinistischer Planungen gebaut wurde, denn keine vierzig Jahre später hätte in Moskau ein Hochhaus mit einer riesigen Leninstatue auf der Spitze entstehen sollen, ein sogenannter Palast der Sowjets. So zeigt die Eindhovener Kirche auch, daß die stalinistische Architektur bloß eine Fortsetzung der historistischen Architektur des 19. Jahrhunderts und damit für den Sozialismus ungeeignet war. Sie ist ein warnendes Beispiel. Angesichts der Augustijnenkerk muß man umso froher sein, daß die Moskauer Pläne nie realisiert wurden. Denn Lenin hat wahrlich Besseres verdient.