Archiv der Kategorie: Allgemeines

Über Blockrandbebauung 

Blockrandbebauung ist die effektivste Ausnutzung von Flächen unter den Bedingungen des Privatbesitzes an Grund und Boden, also im Kapitalismus. In der klassischen Ausprägung, der in Deutschland die fälschlich so genannten Gründerzeithäuser des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu verdanken sind, bedeutet das: an der Straße die beliebigen mehr oder weniger repräsentativen Fassaden und im Blockinneren ein unzusammenhängendes Gewirr von Hinterhöfen, Hinterhäusern, Werkstätten, Kleinindustrie. Der öffentliche Raum bleibt auf die Straßen beschränkt, die aber gleichzeitig dem Verkehr von Fuhrwerken und Autos dienen. Dazu kommen Plätze und Parks, mehr in bürgerlichen, weniger in proletarischen Vierteln.

Illustration von Ruth und Rudolf Peschel aus Piltz, Georg: Streifzug durch die deutsche Baukunst, Berlin 1972

Das Problem daran war, daß das für die weitaus meisten ihrer proletarischen Bewohner ein Leben ohne Licht, mit schlechter Luft und in verheerenden hygienischen Bedingungen bedeutete. Dieses Problem besteht jedenfalls in Deutschland nicht mehr. Die verschmutzende Industrie ist aus den Hinterhöfen verschwunden, die meisten Wohnungen wurden mit enormem Aufwand saniert und das fehlende Licht ist nunmehr weitgehend eine Lifestylefrage. Doch das bleibende Problem an Blockrandbebauung, die zu bauen auch nie aufgehört wurde, ist, daß sie eine unnötige Einschränkung und Verengung des öffentlichen Raums in der Stadt darstellt.

In einer offenen Stadtstruktur sind all die Hierarchien zwischen Blockinnerem, Straßen und Plätzen abgeschafft. Der öffentliche Raum ist grundsätzlich überall. Die Gebäude stehen frei innerhalb von parkartigen Grünflächen, es gibt in fußläufiger Entfernung Zentren des gesellschaftlichen Lebens und der Versorgung mit allem Notwendigen, Fußgänger- und Autoverkehr sind so weit wie möglich getrennt, die Industrie ist abseits der Wohnbebauung konzentriert. Eine solche Stadt, die allen gehört, paßt zu einer Gesellschaft, in der es keinen Privatbesitz an Grund und Boden mehr gibt: dem Sozialismus.

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Tábor

Tábor ist, wie etwa Washington oder Stalinstadt, eine Stadt, bei der schon der Name ein politisches Fanal ist. Da das 1420 gegründete Tábor deutlich älter ist als die anderen beiden Städte, ist das heute jedoch weniger offensichtlich. Ganz wie sie wurde auch Tábor von einer revolutionären Bewegung gegründet, allerdings nicht von einer bürgerlichen oder einer sozialistischen, sondern von einer frühbürgerlichen: den Hussiten.

Nach der Ermordung ihres geistigen Vaters und Namensgebers Jan Hus im Jahre 1415 wurde die hussitische Bewegung, die sich auf die arme tschechische Land- und Stadtbevölkerung und den niedrigen Adel stützte, immer stärker. Längst schon war aus einer religiösen Bewegung gegen die weltliche Macht der Kirche und für Gleichheit im Sinne der Bibel eine politische und militärische Kraft geworden. Als die Hussiten unter dem Heerführer Jan Žižka z Trocnova sich auf einem steilen Hügel in Südböhmen eine eigene Stadt gründeten, nannten sie diese unbescheiden nach dem Berg Tabor in Palästina, der als Ort der Verklärung Christi gilt, auf Tschechisch also Tábor. Entsprechend hieß der kleine, aber vor der Stadt aufgestaute Bach nun Jordán.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988 (Bild zum Vergrößern anklicken)

Aber Tábor blieb nicht der Name einer Stadt, sondern ging mit den militärischen Erfolgen der Hussiten um die Welt oder jedenfalls durch die um Böhmen gelegenen Teile Europas. Denn tábor nannten die Hussiten auch die Wagenburgen, zu denen sie die Wagen ihres auch Frauen und Kinder umfassenden Trosses in Schlachten zusammenstellten – eine neuartige Kampftechnik, die sie, zusammen mit ihrer Verwendung von Feuerwaffen (die Worte Pistole wie Haubitze sind tschechischen Ursprungs) und ihrer im Vergleich zu den gegnerischen Söldnerheeren ungleich größeren Kampfmoral, für mehrere Jahrzehnte beinahe unbesiegbar machte. Die Kriegszüge der Hussiten führten in die angrenzenden Teile Ungarns, des Deutschen Reichs und in polnischem Auftrag bis an die Ostsee. Überall lernten ihre Gegner ihre tábory kennen. Sogar in Wien gibt es eine Taborstraße, die aber nicht direkt nach den Hussiten – sie kamen nur bis Strebersdorf am anderen Donauufer – sondern nach einer von ihnen inspirierten Befestigung benannt ist.

Wenn die Hussiten eines gut konnten, dann Krieg führen. Eine der faszinierenderen Ideen für eine alternative Geschichte ist daher auch, wie es gewesen wäre, wenn sie gesiegt und ein hussitisches slawisches Reich zwischen Elbe, Ostsee, Bug und Donau gegründet hätten. Doch den heutigen nachtschechoslowakischen Tschechen sind ihre kriegerischen Vorfahren eher peinlich. Sie haben stattdessen den Defätismus verklärt, mit Švejk als Heiligem, was allerdings auf einem groben und absichstvollen Fehlverständnis von Kommissar Jaroslav Hašek beruht, denn der hatte mit Jan Žižka viel mehr gemein, als ihnen lieb sein kann. Nicht einmal, daß das Wort tábor tatsächlich aus dem Tschechischen in die Nachbarsprachen drang, wollen sie so ganz glauben (und sprachwissenschaftlich ist es nicht völlig eindeutig), obwohl es schon ob der enormen Stärke der Hussiten plausibel erscheint.

Daß die Hussiten nach der Schlacht von Lipany im Jahre 1434 letzlich scheiterten, lag neben ihrer Spaltung in gemäßigte und radikale Fraktionen, zu welchletzteren Tábor gehörte, auch daran, daß die gegnerischen kaiserlich-katholischen Heere ihre Kampftaktiken samt dem tábor übernommen hatten. Aber der Name der Stadt Tábor blieb und ihr revolutionärer Ursprung beeinflußte all ihre weitere Entwicklung.

Möbel in Gdańsk

Geschichte liegt auf der Straße, im übertragenen wie im konkreten Sinne. Etwa die Möbel in den Straßen von Gdańsk, bei den Hauseingängen, bei den Müllplätzen.

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Es handelt sich um typischen halbwilden Sperrmüll, der daraus resultiert, daß Wohnungen renoviert werden.

Fast alle Möbel stammen daher noch aus der sozialistischen Zeit, aus der PRL (Volksrepublik Polen).

In der ehemaligen DDR wäre das meist anders, da die Menschen dort schon in den Neunzigern genug Geld hatten, sich zeitgemäße neue Billigmöbel zu kaufen.

In Polen hingegen war es den meisten nicht möglich, funktionierende Möbel einfach wegzuwerfen. Erst jetzt, da Leute die in den Siebzigern, Achtzigern eingerichteten Wohnungen ihrer verstorbenen oder anderswo abgestellten Großeltern übernehmen, füllen sich die Straßen.

Man kann hier wirklich alles finden, was man zur Einrichtung einer Wohnung bräuchte, von verschiedensten Schränken, Betten, Tischen, Stühlen für Wohn-, Schlaf-, Eß-, Kinderzimmer, Bad, Küche bis hin zu Haushaltsgeräten wie Kühlschränken.

Auch Türen sieht man und sogar eines der breiten und stabilen Fensterbretter, die zu den großen Vorzügen der Falowiec-Wohnungen gehören, stand einmal neben dem Aufzug.

Bei den Haushaltsgeräten scheint die Retromode noch nicht angekommen zu sein, obwohl es doch kaum einen größeren Ausdruck von Luxus gäbe als einen Kühlschrank der Marke „Szron“ (Tau) mit stilisiertem Tannenlogo und gewiß enormem Stromverbrauch bei geringer Leistung.

Vieles andere ließt sich in Berlin gewiß gut als Vintage verkaufen und gewiß haben findige Unternehmer in grenznäheren Städten dieses Potential schon lange erkannt.

Es ist eine wahre Freiluftgalerie der Designgeschichte, durch die man hier geht.

Der vielfach variierte Grundton ist das Braun von furniertem Holz, zu dem oft kräftige Farbakzente von Bezugsstoffen kommen.

Die Formen sind minimalistisch und funktional, allein die Stühle und Sessel erlauben sich manchmal expressivere Elemente. Schnörkel oder auch nur Blumenmuster sind selten. Wer sich mit dem Thema besser auskennt, wird in den Gdańsker Möbeln vielleicht Parallelen zu IKEA-Modellen der gleichen Zeit finden, denn bekanntlich hatte diese Firma ihre Produktion schon in den Siebzigern nach Polen outgesourct, was ihren Gründer reich und zum Alkoholiker machte.

Auf den Rückseiten der Möbel sind oft noch Aufkleber in gelblich verblichenem Papier, die neben technischen Daten den Herstellungsbetrieb und -ort, manchmal auch aufgestempelt Verkaufspreis und -jahr verraten.

Sie sind sich alle ähnlich, aber nie identisch. Sehr selten kommt zur Schrift ein Logo hinzu.

Es tut sich hier eine recht verwirrende Fülle von Betriebsformen auf, die zu verstehen man eine tiefere Kenntnisse der Wirtschaftsstruktur im sozialistischen Polen und deren Veränderungen über einen Zeitraum von immerhin vierzig Jahren bräuchte.

Fabryki meble (Möbelfabriken) scheinen sich von selbst zu erklären, aber am häufigsten ist die spółdzielna pracy (Arbeitsgenossenschaft), was offenbar einfach der sozialistisch angehauchte Name für eine nicht-staatliche Firma ist.

Oft sind dabei die Betriebe aus einem Ort einem zweiten aus einem anderen, größeren untergeordnet und über alles legt sich irgendwann der Krajowy Związek Spółdzielni Meblarskich (Landesverband der Möbelgenossenschaften) mit Sitz in Warschau.

Die Form eines przedsiębiorstwo państwowe (staatlichen Betriebs) ist selten, öfter noch gibt es die spółdzielna inwalidów (Invalidengenossenschaft), eine spezifisch polnische Betriebsform, die sogar heute noch in irgendeiner Form fortexistiert.

Die Herstellungsorte zeigen, daß die Möbelindustrie im sozialistischen Polen stark regional gegliedert war. Fast alle stammen aus Orten, die nicht mehr als hundertfünfzig Kilometer von Gdańsk entfernt liegen, ein nicht kleiner Teil sogar direkt aus der Trójmiasto (Dreistadt) oder unmittelbar angrenzenden Orten. Oft sind es sehr kleine Orte, was auf sehr kleine Betriebe hindeutet.

Umso faszinierender sind daher Importe aus anderen sozialistischen Ländern, die man ausschließlich an den Aufklebern, niemals am Design erkennt.

Ein Kühlschrank der ungarischen Marke „Lehel“ (eine halbmystische Gestalt der magyarischen Frühgeschichte) gibt sich auf dem ansonsten ungarischsprachigen Schild weltgewandt als „Made in Hungary“.

Ein russischsprachiger Aufkleber wurde mit dem eines polnischen Betriebs überklebt, so daß sich der Herstellungsort in der Sowjetunion leider nicht mehr feststellen läßt.

Am häufigsten vertreten ist die DDR. Da ist der VEB (K) Holzindustrie Barth-Mecklenburg mit einer hübschen Kommode im Logo.

Da ist ein „Export: VR Polen“ des VEB Holzindustrie Halberstadt, der sogar zweisprachig beschriftet ist. Bei einzelnen Worten ist die Übersetzung ins Polnische noch tadellos oder wenigstens verständlich, aber an der Formulierung „Produkt entspricht dem vom DAMW geprüften und bestätigten Muster“ scheitert sie völlig.

Und da ist der „VEB Vereinigte Möbelf“, wie auf dem halb abgerissenen Aufkleber noch zu erkennen ist.

Auch dieser Aufkleber ist zweisprachig und die polnische Übersetzung enthält einen markanten Fehler: „artykół” statt „artykuł“. Da ó und u im Polnischen denselben Lautwert haben (sogenanntes geschlossenes und offenes u), ist dies ein Fehler, der besonders Muttersprachlern und anderen, die zuerst wußten, wie Worte klingen und erst danach lernten, wie sie geschrieben werden, unterläuft. Wer Polnisch im Ausland als Fremdsprache lernte, kannte hingegen das Schriftbild wohlmöglich schon vor dem Klang und würde eher nicht das fremdartige ó an die Stelle des vertrauten u setzen. Sofort spekuliert man über die Geschichte des Übersetzers. Ein Deutscher vielleicht, der in einer Stadt des polnischen Korridors der Zwischenkriegszeit etwas Polnisch gelernt hatte und später ausgesiedelt wurde? Oder ein Jude, der irgendwo in Galizien ein paar Klassen einer polnischen Schule besucht hatte und später in den Wirren von Krieg und Nachkrieg in die DDR gelangt war? Die wahrscheinlichste Identität des Übersetzers ist etwas prosaischer: ein polnischer Arbeiter im betreffenden DDR-Betrieb. Dafür spricht, daß der Hersteller vermutlich vollständig VEB Vereinigte Möbelfabriken Frankfurt/Oder hieß und direkt an der Friedensgrenze zwischen Polen und der DDR lag. Man kann sich gut vorstellen, wie irgendein Manager ihm einen Stoß Papiere in die Hand drückte: „Hey, du bist doch Pole, übersetz das mal schnell!“ Daß Sprachkenntnisse allein noch nicht zum guten Übersetzen befähigen, kann man so vierzig Jahre später in den Straßen von Gdańsk nachlesen.

Zur Geschichte kommen eben immer auch die kleinen, meist nur zu erahnenden Geschichten. Auch die Möbelstücke selbst können sie erzählen, denn neben der industriellen Fertigung gab es die individuelle Umgestaltung. Man kann beispielsweise das massive Unterteil eines Küchenschrank finden, das gewiß noch von vor dem zweiten, wenn nicht dem ersten Weltkrieg stammt, aber den Moden der sechziger, siebziger Jahre angepaßt wurde. Seine Seiten und Füße wurden dazu zitronengelb und seine Türen in hellem Türkis gestrichen, auch neue Griffe bekam er und die weißen Schubladen sind noch neuer. Wenn sein Schicksal nur ein wenig anders verlaufen wäre, würde er vielleicht restauriert werden, um wieder wie vor hundert Jahren auszusehen, doch er wartet auf dem Sperrmüll.

Oder man sieht einen Küchenhängeschrank aus der sozialistischen Zeit, an den jemand liebevoll neue Türen aus modischer furniertem Holz anbrachte, was ihn aber auch nicht rettete.

Schließlich gibt es noch die Möbel, die einfach so schön sind, daß ich sie nicht auf der Straße stehen lassen konnte.

Was bleibt auch anderes übrig bei einem Sofa mit strahlend orangenem Bezug und braunen kunstledernen Armlehnen? Noch dazu, wenn es bis hin zum grünbedruckten Aufkleber des Herstellerbetriebs Dąb (Eiche) aus Gdynia mit dem dreidimensionalen d-Logo perfekt ist.

Es ist zudem kein Sofa, sondern ein kanapo-tapczan, wie die mit starkem PRL-Beiklang behaftete Bezeichnung, eine Mischung aus kanapa (Sofa) und tapczan (Liege), lautet. Liegesofas dieses Typs mit einfachem, aber robustem Klappmechanismus und abnehmbaren Armlehnen lernte ich dank meinem kanapo-tapczan überall und in allen Farben oder Mustern erkennen.

Ein Teil von mir würde all die Möbel retten wollen, Möbelhändler werden, in einem Lagerhaus wohnen, aber mir bleiben nur die Worte. Das freudigste Erlebnis war es deshalb, als ich einmal merkte, daß ich mit meinem Interesse an den abgestellten Möbeln nicht allein bin. Denn die hellblaue Stehlampe der Firma zaos gefiel mir selbstverständlich sehr – ganz aus Metall, nicht mehr mehr als eine runde Standfläche, eine dünne, oben leicht schräge Stange und eine nach unten geöffnete Halbkugel für die Glühbirne. Ich hätte sie gerne mit nach Hause genommen, aber ich gönne sie der Frau, die ein paar Momente schneller bei ihr war und dank der die Geschichte nun weitergehen kann.

Der Papst im Kajak

Was man in Polen bald erfährt, ist die große Wertschätzung für den Papst. Papst, papież, das ist hier kein Amt mit wechselnden Inhabern, sondern eine Person: Jan Paweł II, Johannes Paul II., Karol Wojtyła. Die Wertschätzung für ihn ist nicht nur staatsoffiziell, sondern umfaßt weiter Teile der Gesellschaft. Auch unter weltoffenen, sogar nicht-religiösen jüngeren Menschen sollte man mit abfälligen Bemerkungen oder Scherzen über den Papst vorsichtig sein, wobei es andererseits auch eine ganze Internetsubkultur, die gerade mehr oder weniger herabwürdigenden Scherzen über den Papst gewidmet ist, gibt.

Zeugnisse der Verehrung des Papstes findet man im öffentlichen Raum ständig. Kaum ein Ort ohne Straßen, Plätze, Brücken, die nach ihm benannt sind, und wenn man nicht mehr als ein Denkmal für ihn findet, hält man sich wohl in einem Hort des Säkularismus auf. Das Jan-Paweł-II-Denkmal ist im heutigen Polen denn eine Kunstgattung für sich, die teils gelungene, teils mißlungene und teils nachgerade bizarre Ausformungen hat. Selten sieht man ein Papstdenkmal, das überrascht, denn trotz unterschiedlichsten Formen bleiben sie schematisch. Das allein gibt dem folgenden Beispiel aus dem Städtchen Łobez im ländlichen Nordwesten des Landes einen gewissen Wert.

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Im hübschen Park am Ufer des Flusses Rega steht ein Findling auf einem runden Sockel aus grauen Steinen und auf diesem ist eine rote steinerne Tafel mit dem Umriß Polens und einer Inschrift.

Man liest, daß der Stein 2012 zum fünfzigsten Jubiläum einer Kajaktour die Rega entlang zum Meer, die der damalige Krakówer Bischof Wojtyła 1962 mit einer Jugendgruppe unternommen hatte, aufgestellt wurde. Nun erkennt man in der polnischen Karte links oben auch Łobez und den Verlauf der Rega. Das gewählte Papstzitat „Wenn du die Quelle finden willst, mußt du in die Berge gehen, gegen den Strom. Kämpfe dich hindurch, suche, weiche nicht zurück“, wirkt angesichts einer Kajakfahrt durch völlig flaches Land und mit der Strömung zum Meer etwas unpassend, beinahe schon sarkastisch, aber das ist ja eher etwas Gutes. Zwei große Informationstafeln am Weg erzählen weiterhin äußerst detailliert von dem Ausflug und zeigen auch ein Bild des Papstes im Kajak.

Es gibt guten Grund, diese Art von Personenkult lächerlich zu finden, aber anders als so viele andere Papstdenkmäler stellt dieses immerhin einen Bezug zwischen der Person Karol Wojtyła und dem Ort Łobez her. Das Denkmal illustriert auch, daß der Möglichkeiten für Gedenkorte wirklich kaum Grenzen gesetzt sind, wenn man jedes kleinste Ereignis im Leben einer Persönlichkeit als erinnerungswürdig definiert. Daß nicht gerade diese Person das verdient hat, steht außer Frage, und daß es keine verdient hat, ließe sich gut argumentieren, aber die Verbindung von kleinen Lebensereignissen mit dem Gedenken an große Menschen ist ein interessanter Ansatz für die Denkmalgestaltung. Und für Łobez wie für überall gilt: der Papst im Kajak ist besser als der Papst im Vatikan.

Ein Ausschnitt aus dem Schild: „Pfarrer Karol Wojtyła („Onkel“) konnte mit seiner Begeisterung für aktive Freizeitgestaltung auch junge Leute anstecken. Die Ferienzeit widmeten sie gemeinsam dem Wandern, Zelten, Gesang am Lagerfeuer und auch dem Gebet, der Meditation, Gesprächen und der Hl. Messe.
Pfarrer Karol war ein begeisterter Kajakfahrer. Die erste Fahrt mit Seiner Beteiligung geschah im Jahre 1953 auf dem Fluß Brda. Danach unternahm er mit seinem Kajak, genannt „Gummistiefel“, 25 Fahrten auf schönen polnischen Flüssen.
Im Jahre 1962 fuhr Bischof Karol Wojtyła zusammen mit der Krakówer Jugendgruppe „Środowisko“ („Umwelt“) auf dem Fluß Rega von Świdwin über Łobez zur Ostsee.“

Alma oder Polen im Supermarkt

Alma war ein Luxussupermarkt. Alma war ein Ausdruck des Glaubens der liberalen polnischen Eliten an den Kapitalismus.

Obwohl es Alma seit spätestens 2017 nicht mehr gibt, kann man noch vielerorts Spuren davon sehen. In Sopot etwa, der reichsten Gliedstadt der Trójmiasto, steht recht zentral an einem Parkplatz hinter der großen Durchgangsstraße Aleja Niepodległości (Uabhängigkeitsallee)  ein kleines Einkaufszentrum, in dem Alma das wichtigste Geschäft war.

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Es ist ein verhältnismäßig eleganter Bau, die Verkleidung des eckigen Körpers und das Glas der vorgewölbten Fassade in dunklem Alma-Grün. Heute sieht es gleichzeitig unberührt und verlassen aus. Schilder in den Türen müssen auf die noch geöffneten Geschäfte im Obergeschoß hinweisen. Im Erdgeschoß jedoch blickt man in den Alma-Supermarkt. Logos, Regale, Kassen, alles ist noch da, bloß Menschen, Waren, auch Licht fehlen.

Das Schicksal der Geschäfte oben scheint auch absehbar, der Moment, da die Tauben das Gebäude ganz für sich haben werden, nah, doch wer weiß.

Beim Bahnhof Oliwa in Gdańsk beispielsweise trat an die Stelle von Alma ein Biedronka-Supermarkt. Das ist sehr symbolisch, denn Biedronka, ein von portugiesischem Kapital ausgebauter Discounter mit nettem polnischen Namen (übersetzt Marienkäfer) und entsprechendem Logo, ist eine Art Anti-Alma.

Was Alma sein sollte, sieht man in Sopot noch an einer makellosen Reklame: auf weißem Hintergrund eine Erdbeere und ein Champagnerkorken.

Alma sollte zeigen, daß der Kapitalismus sein Versprechen erfüllt und Polen reich gemacht hat. Diese Vorstellung muß jedem, der Polen kennt, lachhaft erscheinen, doch genau das glaubten die liberalen Eliten, ja, sie glauben es noch heute. Tatsächlich hat sich in der polnischen Gesellschaft seit 1989 eine Oberschicht und auch eine prekäre Mittelschicht, die in outgesourcten Abteilungen westlicher Firmen arbeitet und in hypothekenbelasteten Eigentumswohnungen in engen abgezäunten Wohnanlagen lebt, herausgebildet, während alle anderen bestenfalls durch das Geld, das im Westen arbeitende Familienmitglieder schicken, vor dem schlimmsten Elend bewahrt werden. Die Menschen der neuen Ober- und Mittelschichten hätten bei Alma einkaufen sollten, doch sie waren einfach nicht zahlreich genug oder gingen lieber doch zu Biedronka.

Das Scheitern von Alma ist das Scheitern des Glaubens an den Kapitalismus. Ihm entspricht der Niedergang der PO, der liberaleren rechten Partei Polens. Sie, die Alma-Partei, glaubt noch heute, daß in Polen dank dem Kapitalismus alles wunderbar läuft. Da das für weite Teile der polnischen Gesellschaft, insbesondere außerhalb der großen Städte, nichts mit der Realität zu tun hat, hatte die PiS, die rechtere rechte Partei Polens, ein leichtes Spiel. Als Biedronka-Partei versprach sie zum einen, die liberalen Eliten etwas zu ärgern, und zum anderen, die Härten des Kapitalismus mit bescheidenen sozialpolitischen Maßnahmen etwas zu mildern. Der Sieg der PiS war somit unausweichlich, zumal die Sozialdemokratie, die in der Übergangszeit der Neunziger noch gebraucht worden war, sich vorher durch die Unterstützung sämtlicher liberalen wirtschaftlichen wie reaktionären geschichtspolitischen Maßnahmen selbst abgeschafft hatte, und es auch sonst keine nennenswerte Linke gibt. Wenn man heute Zeichen der sozialdemokratischen SLD sieht, sind das so sehr Relikte einer vergangenen Zeit wie die verbliebenen Genossenschaftsläden von Społem.

Polen hat politisch heute die Wahl zwischen Alma und Biedronka, eine furchtbare Wahl. Und Alma gibt es nicht einmal mehr.

Nachruf auf eine Straße

Es war erstaunlich, daß es diese Straße in Gdańsk überhaupt noch gab: Dąbrowszczaków. Das heißt: die Straße der Dąbrowszczacy. Und das heißt: der Kämpfer der polnischen Dąbrowski-Brigade im spanischen Bürgerkrieg. Diese Brigade hieß nicht nach dem, gewiß rühmenswerten, napoleonischen General Jan Henryk Dąbrowski (auch Dombrowsky), von dem die polnische Nationalhymne erzählt, sondern nach dem linken Exilpolitiker und militärischen Führer der Pariser Kommune Jarosław Dąbrowski. Die Dąbrowszczaków lag angemessenerweise in Przymorze, wo sie den Abschluß der fortschrittlichen Bebauung zum Küstenstreifen hin bildete.

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Vielleicht hatte der Straße eine gewisse Obskurität geholfen, da nicht alle wußten oder sich interessierten, wer eigentlich diese Dąbrowszczacy waren, bei denen sie wohnten. Aber anders als bei Jana Husa (Jan-Hus-Straße) und Husytów (Hussitenstraße), die bloß nach tschechischen Ketzern aus dem 15. Jahrhundert benannt waren, ging es hier um die Gruppe, die der herrschenden nationalistischen Ideologie, gleich ob in ihrer polnisch-katholischen oder europäisch-liberalen Variante, am stärksten verhaßt ist: polnische Kommunisten. Jede Erinnerung daran, daß es einmal Menschen gab, die Polen und Kommunisten waren, und sogar in einem anderen Land für die Sache des Kommunismus kämpften, muß ausgelöscht werden und es erstaunt tatsächlich, daß es erst so spät geschieht. Das Sanacja-Regime der Dreißiger hatte den polnischen Spanienkämpfern die Staatsangehörigkeit aberkannt, die heute Herrschenden zerstören auch das Wenige, was noch an sie erinnerte. Stattdessen wird die Straße nun nach Lech Kaczyński heißen, einem ehemaligen polnischen Präsidenten, der durch seinen Tod bei einem Flugzeugabsturz im Jahre 2010 zum Märtyrer der polnischen Rechten wurde. Auch hier erstaunt es eher, daß er keine wichtigere Straße bekam.

Ein Jahr lang konnte man noch dem Überlebenskampf der Straße zusehen. Es war ein schwächlicher, jämmerlicher Kampf, da es nie um das Entscheidende, das Andenken der polnischen Spanienkämpfer, ging. Die Anwohner wollten einfach den vertrauten Namen, dessen Bedeutung ihnen egal war, behalten. Dem liberalen Bürgermeister von Gdańsk, der sich auf ihre Seite stellte, ging es hingegen einzig darum, der noch rechteren Zentralregierung eins auszuwischen. Es war wohlgemerkt derselbe Bürgermeister, der eine große Straße nur zu gerne nach antisemitischen Mörderbanden benannt hatte.

Schon Ende 2017 hatte es ausgesehen, als ob der Kampf entschieden war. Unter den nur drei Straßenschilder der ul. Dąbrowszczaków hingen bereits neue Schilder mit dem Namen ul. Prezydenta Lecha Kaczyńskiego (Präsident-Lech-Kaczyński-Straße) und dazu ein kleineres, auf dem die Stadtverwaltung erklärte, daß sie keine andere Wahl hatte.

Nach einer aufschiebenden Gerichtsentscheidung Anfang 2018 waren die Schilder dann sofort wieder verschwunden. Die Dąbrowszczaków hatte noch einen weiteren Sommer. Ende 2018 schließlich gab es eine letztinstanzliche Entscheidung und die Kaczyński-Straßenschilder sind wieder da, nun auch ohne die distanzierende Ergänzung.

Der Kampf ist vorbei. Die Linke war an ihm im übrigen nie beteiligt. Sie hat in Polen schon lange alle Kämpfe verloren und existiert heute praktisch nicht mehr. Daß man bei einer Hipsterkneipe mit deutschem Namen in Wrzeszcz vielleicht einen sympathischen Aufkleber sehen konnte, aber in Przymorze nie, bestätigt das nur.

„Pfoten weg von den Helden des Kampfs gegen den Faschismus!“

Auch waren alle klarer kommunistischen Straßennamen schon lange verändert, sogar die bloß antikoloniale Lumumby (Lumumba-Straße), eine wichtige Falowiec-Straße zwischen Dąbrowszczaków und Chłopska in Przymorze, wurde umbenannt.

Daß der Name Dąbrowszczaków noch eine Weile im Stadtbild fortleben wird, liegt einzig daran, daß er weit öfter als auf Straßenschildern auf den Schmalseiten der fünfgeschossigen Wohngebäude neben der Straße steht.

Bleibt abzuwarten, wie lange es dauern wird, bis die Verantwortlichen Geld aufbringen, das zu überstreichen. Im Moment jedenfalls kann man noch etwas letztes Spanien an der winterlichen Ostsee erleben.

Von unbekannten Orten und ihrer Entdeckung

Manchmal hört man die Klage, daß es auf der Welt nichts mehr zu entdecken gäbe, daß alles erforscht und kartographiert sei. Das mag stimmen, doch was heißt das schon? Irgendjemand war überall, irgendjemand hat alles gesehen, aber ich ja nicht. Mit einer gesunden Dosis Sensualismus verschwindet das Problem sofort: man glaube nur, was man mit eigenen Augen gesehen hat. Selbstverständlich weiß ich, daß es beispielsweise Peru gibt, aber glauben, wirklich glauben kann ich es doch erst, wenn ich es gesehen habe.

Und bloß weil es über alles so viele Informationen gibt, heißt nicht, daß man nichts entdecken kann. Man muß die Informationen ja nicht einholen, bevor man auf die Entdeckungsfahrt aufbricht. Man kann jeden einzelnen Ort besuchen, als sei man der erste, der ihn besucht. Man kann sich selbst die Karten zeichnen, wenigstens im Kopf, die Sprachen der Einheimischen lernen und so ihrer Bauweise, ihren Sitten, ihrer Geschichte näherkommen. Bloß, weil etwas schon einmal jemand gemacht hat, heißt nicht, daß man es nicht wieder machen kann. Das tastende und staunende Entdecken von etwas ganz Anderem, das im 17. Jahrhundert ein jesuitischer Missionar in Vietnam oder ein Frankfurter Kaufmannsgehilfe in Moldawien erlebt haben mochte, es läßt sich wiedererleben, wenn man das denn will.

Aber selbstverständlich will das keiner. Die Klage ist nicht ernst gemeint. Das Entdecken neuer Orte als wäre man ihr Entdecker ist mühselig, vielleicht manchmal gefährlich, sicher oft frustrierend. Selbstverständlich will jeder lieber den ausgetretenen Wegen, die früher Baedeker, heute Instagram vorgeben, folgen. Daran ist auch nichts Falsches. Falsch ist nur die Klage, es gäbe nichts mehr zu entdecken, denn es gibt davon so viel wie eh und je.

Aus Autorenkollektiv: Mapa Turystyczna Uznam-Wolin/Touristenkarte Usedom-Wolin, Warszawa/Berlin 1980