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Alma oder Polen im Supermarkt

Alma war ein Luxussupermarkt. Alma war ein Ausdruck des Glaubens der liberalen polnischen Eliten an den Kapitalismus.

Obwohl es Alma seit spätestens 2017 nicht mehr gibt, kann man noch vielerorts Spuren davon sehen. In Sopot etwa, der reichsten Gliedstadt der Trójmiasto, steht recht zentral an einem Parkplatz hinter der großen Durchgangsstraße Aleja Niepodległości (Uabhängigkeitsallee)  ein kleines Einkaufszentrum, in dem Alma das wichtigste Geschäft war.

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Es ist ein verhältnismäßig eleganter Bau, die Verkleidung des eckigen Körpers und das Glas der vorgewölbten Fassade in dunklem Alma-Grün. Heute sieht es gleichzeitig unberührt und verlassen aus. Schilder in den Türen müssen auf die noch geöffneten Geschäfte im Obergeschoß hinweisen. Im Erdgeschoß jedoch blickt man in den Alma-Supermarkt. Logos, Regale, Kassen, alles ist noch da, bloß Menschen, Waren, auch Licht fehlen.

Das Schicksal der Geschäfte oben scheint auch absehbar, der Moment, da die Tauben das Gebäude ganz für sich haben werden, nah, doch wer weiß.

Beim Bahnhof Oliwa in Gdańsk beispielsweise trat an die Stelle von Alma ein Biedronka-Supermarkt. Das ist sehr symbolisch, denn Biedronka, ein von portugiesischem Kapital ausgebauter Discounter mit nettem polnischen Namen (übersetzt Marienkäfer) und entsprechendem Logo, ist eine Art Anti-Alma.

Was Alma sein sollte, sieht man in Sopot noch an einer makellosen Reklame: auf weißem Hintergrund eine Erdbeere und ein Champagnerkorken.

Alma sollte zeigen, daß der Kapitalismus sein Versprechen erfüllt und Polen reich gemacht hat. Diese Vorstellung muß jedem, der Polen kennt, lachhaft erscheinen, doch genau das glaubten die liberalen Eliten, ja, sie glauben es noch heute. Tatsächlich hat sich in der polnischen Gesellschaft seit 1989 eine Oberschicht und auch eine prekäre Mittelschicht, die in outgesourcten Abteilungen westlicher Firmen arbeitet und in hypothekenbelasteten Eigentumswohnungen in engen abgezäunten Wohnanlagen lebt, herausgebildet, während alle anderen bestenfalls durch das Geld, das im Westen arbeitende Familienmitglieder schicken, vor dem schlimmsten Elend bewahrt werden. Die Menschen der neuen Ober- und Mittelschichten hätten bei Alma einkaufen sollten, doch sie waren einfach nicht zahlreich genug oder gingen lieber doch zu Biedronka.

Das Scheitern von Alma ist das Scheitern des Glaubens an den Kapitalismus. Ihm entspricht der Niedergang der PO, der liberaleren rechten Partei Polens. Sie, die Alma-Partei, glaubt noch heute, daß in Polen dank dem Kapitalismus alles wunderbar läuft. Da das für weite Teile der polnischen Gesellschaft, insbesondere außerhalb der großen Städte, nichts mit der Realität zu tun hat, hatte die PiS, die rechtere rechte Partei Polens, ein leichtes Spiel. Als Biedronka-Partei versprach sie zum einen, die liberalen Eliten etwas zu ärgern, und zum anderen, die Härten des Kapitalismus mit bescheidenen sozialpolitischen Maßnahmen etwas zu mildern. Der Sieg der PiS war somit unausweichlich, zumal die Sozialdemokratie, die in der Übergangszeit der Neunziger noch gebraucht worden war, sich vorher durch die Unterstützung sämtlicher liberalen wirtschaftlichen wie reaktionären geschichtspolitischen Maßnahmen selbst abgeschafft hatte, und es auch sonst keine nennenswerte Linke gibt. Wenn man heute Zeichen der sozialdemokratischen SLD sieht, sind das so sehr Relikte einer vergangenen Zeit wie die verbliebenen Genossenschaftsläden von Społem.

Polen hat politisch heute die Wahl zwischen Alma und Biedronka, eine furchtbare Wahl. Und Alma gibt es nicht einmal mehr.

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Nachruf auf eine Straße

Es war erstaunlich, daß es diese Straße in Gdańsk überhaupt noch gab: Dąbrowszczaków. Das heißt: die Straße der Dąbrowszczacy. Und das heißt: der Kämpfer der polnischen Dąbrowski-Brigade im spanischen Bürgerkrieg. Diese Brigade hieß nicht nach dem, gewiß rühmenswerten, napoleonischen General Jan Henryk Dąbrowski (auch Dombrowsky), von dem die polnische Nationalhymne erzählt, sondern nach dem linken Exilpolitiker und militärischen Führer der Pariser Kommune Jarosław Dąbrowski. Die Dąbrowszczaków lag angemessenerweise in Przymorze, wo sie den Abschluß der fortschrittlichen Bebauung zum Küstenstreifen hin bildete.

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Vielleicht hatte der Straße eine gewisse Obskurität geholfen, da nicht alle wußten oder sich interessierten, wer eigentlich diese Dąbrowszczacy waren, bei denen sie wohnten. Aber anders als bei Jana Husa (Jan-Hus-Straße) und Husytów (Hussitenstraße), die bloß nach tschechischen Ketzern aus dem 15. Jahrhundert benannt waren, ging es hier um die Gruppe, die der herrschenden nationalistischen Ideologie, gleich ob in ihrer polnisch-katholischen oder europäisch-liberalen Variante, am stärksten verhaßt ist: polnische Kommunisten. Jede Erinnerung daran, daß es einmal Menschen gab, die Polen und Kommunisten waren, und sogar in einem anderen Land für die Sache des Kommunismus kämpften, muß ausgelöscht werden und es erstaunt tatsächlich, daß es erst so spät geschieht. Das Sanacja-Regime der Dreißiger hatte den polnischen Spanienkämpfern die Staatsangehörigkeit aberkannt, die heute Herrschenden zerstören auch das Wenige, was noch an sie erinnerte. Stattdessen wird die Straße nun nach Lech Kaczyński heißen, einem ehemaligen polnischen Präsidenten, der durch seinen Tod bei einem Flugzeugabsturz im Jahre 2010 zum Märtyrer der polnischen Rechten wurde. Auch hier erstaunt es eher, daß er keine wichtigere Straße bekam.

Ein Jahr lang konnte man noch dem Überlebenskampf der Straße zusehen. Es war ein schwächlicher, jämmerlicher Kampf, da es nie um das Entscheidende, das Andenken der polnischen Spanienkämpfer, ging. Die Anwohner wollten einfach den vertrauten Namen, dessen Bedeutung ihnen egal war, behalten. Dem liberalen Bürgermeister von Gdańsk, der sich auf ihre Seite stellte, ging es hingegen einzig darum, der noch rechteren Zentralregierung eins auszuwischen. Es war wohlgemerkt derselbe Bürgermeister, der eine große Straße nur zu gerne nach antisemitischen Mörderbanden benannt hatte.

Schon Ende 2017 hatte es ausgesehen, als ob der Kampf entschieden war. Unter den nur drei Straßenschilder der ul. Dąbrowszczaków hingen bereits neue Schilder mit dem Namen ul. Prezydenta Lecha Kaczyńskiego (Präsident-Lech-Kaczyński-Straße) und dazu ein kleineres, auf dem die Stadtverwaltung erklärte, daß sie keine andere Wahl hatte.

Nach einer aufschiebenden Gerichtsentscheidung Anfang 2018 waren die Schilder dann sofort wieder verschwunden. Die Dąbrowszczaków hatte noch einen weiteren Sommer. Ende 2018 schließlich gab es eine letztinstanzliche Entscheidung und die Kaczyński-Straßenschilder sind wieder da, nun auch ohne die distanzierende Ergänzung.

Der Kampf ist vorbei. Die Linke war an ihm im übrigen nie beteiligt. Sie hat in Polen schon lange alle Kämpfe verloren und existiert heute praktisch nicht mehr. Daß man bei einer Hipsterkneipe mit deutschem Namen in Wrzeszcz vielleicht einen sympathischen Aufkleber sehen konnte, aber in Przymorze nie, bestätigt das nur.

„Pfoten weg von den Helden des Kampfs gegen den Faschismus!“

Auch waren alle klarer kommunistischen Straßennamen schon lange verändert, sogar die bloß antikoloniale Lumumby (Lumumba-Straße), eine wichtige Falowiec-Straße zwischen Dąbrowszczaków und Chłopska in Przymorze, wurde umbenannt.

Daß der Name Dąbrowszczaków noch eine Weile im Stadtbild fortleben wird, liegt einzig daran, daß er weit öfter als auf Straßenschildern auf den Schmalseiten der fünfgeschossigen Wohngebäude neben der Straße steht.

Bleibt abzuwarten, wie lange es dauern wird, bis die Verantwortlichen Geld aufbringen, das zu überstreichen. Im Moment jedenfalls kann man noch etwas letztes Spanien an der winterlichen Ostsee erleben.

Von unbekannten Orten und ihrer Entdeckung

Manchmal hört man die Klage, daß es auf der Welt nichts mehr zu entdecken gäbe, daß alles erforscht und kartographiert sei. Das mag stimmen, doch was heißt das schon? Irgendjemand war überall, irgendjemand hat alles gesehen, aber ich ja nicht. Mit einer gesunden Dosis Sensualismus verschwindet das Problem sofort: man glaube nur, was man mit eigenen Augen gesehen hat. Selbstverständlich weiß ich, daß es beispielsweise Peru gibt, aber glauben, wirklich glauben kann ich es doch erst, wenn ich es gesehen habe.

Und bloß weil es über alles so viele Informationen gibt, heißt nicht, daß man nichts entdecken kann. Man muß die Informationen ja nicht einholen, bevor man auf die Entdeckungsfahrt aufbricht. Man kann jeden einzelnen Ort besuchen, als sei man der erste, der ihn besucht. Man kann sich selbst die Karten zeichnen, wenigstens im Kopf, die Sprachen der Einheimischen lernen und so ihrer Bauweise, ihren Sitten, ihrer Geschichte näherkommen. Bloß, weil etwas schon einmal jemand gemacht hat, heißt nicht, daß man es nicht wieder machen kann. Das tastende und staunende Entdecken von etwas ganz Anderem, das im 17. Jahrhundert ein jesuitischer Missionar in Vietnam oder ein Frankfurter Kaufmannsgehilfe in Moldawien erlebt haben mochte, es läßt sich wiedererleben, wenn man das denn will.

Aber selbstverständlich will das keiner. Die Klage ist nicht ernst gemeint. Das Entdecken neuer Orte als wäre man ihr Entdecker ist mühselig, vielleicht manchmal gefährlich, sicher oft frustrierend. Selbstverständlich will jeder lieber den ausgetretenen Wegen, die früher Baedeker, heute Instagram vorgeben, folgen. Daran ist auch nichts Falsches. Falsch ist nur die Klage, es gäbe nichts mehr zu entdecken, denn es gibt davon so viel wie eh und je.

Aus Autorenkollektiv: Mapa Turystyczna Uznam-Wolin/Touristenkarte Usedom-Wolin, Warszawa/Berlin 1980

Alterlaa als Grundlage

Alterlaa ist etwas Besonderes. Eine ganze Wohnanlage aus hohen Terrassenhäusern, jede Terrasse üppig begrünt – wie oft gibt es das schon?

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Und das ist das Problem an Alterlaa. Es sollte nichts Besonderes sein, sondern das Normale. Terrassenhäuser wie diese, die die Vorteile des Einfamilienhauses mit den Vorteilen des Hochhauses verbinden, sollten gegenwärtig die Grundlage aller Architektur sein. Es sollte sie in tausendfachen Variationen geben, höher und niedriger, mit kleineren und größeren Terrassen, auf verschiedenste Arten an städtische und landschaftliche Bedingungen angepaßt, mehr oder weniger gelungen auch. Sie zu sehen sollte alltäglich sein, langweilig, banal. Keiner sollte darüber nachdenken müssen, wieso sie so sind wie sie sind, da sie eben normal sind und funktionieren. Daß es nicht so ist, daß Alterlaa etwas Besonderes ist, zeigt die Stagnation in der Architektur, die irgendwann zwischen 1975 und 1980 begann.

In den fünfzig Jahren davor hatte es starke Strömungen gegeben, denen es mehr um Funktion als um Form ging. Ihre Grundlage waren mehr oder weniger hohe, mehr oder weniger lange freistehende Wohngebäude.

Es gab sie in tausendfachen Variationen, höher und niedriger, mit allen möglichen mal mehr, mal weniger schlichten Fassadengestaltungen, oft, aber nicht immer mit Flachdach, auf verschiedenste Arten an städtische und geographische Bedingungen angepaßt, mehr oder weniger gelungen auch. Sie zu sehen war und ist alltäglich, langweilig, banal. Keiner denkt darüber nach, wieso sie so sind wie sie sind, da sie eben normal sind und funktionieren. Das war aber nicht immer so. Bis Mitte der zwanziger Jahre gab es diese Art von Gebäude praktisch nicht. Normal war bis dahin und nach lange danach die Blockrandbebauung. Daß sie heute nichts Besonderes mehr sind, war nicht selbstverständlich, sondern ein Sieg des Fortschritts.

Auch Alterlaa muß siegen und aufhören, etwas Besonderes zu sein.

Beton bei Reda

In unseren Breiten ist die Hand des Menschen überall zu sehen und oft ist das von ihr Geschaffene auch das Schönste, was es zu sehen gibt.

Die Landschaft östlich von Reda etwa, einem Ort nördlich von Gdynia, ist denkbar reizarm. Keine Hügel mehr, noch kein Meer, alles flach, weite offene Felder, einige verlorene Baumgruppen, letzte Häuser, das Panorama des Orts aus Heizkraftwerk und im Bau befindlichen Wohnhochhaus immer ferner.

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Vom Wasserwerk führt eine Straße quer nach Südosten, eine Zufahrtstraße bloß, die nicht einmal einen Namen hat. Hier ist die Weite der Landschaft weniger drückend, es gibt mehr Bäume und Büsche, neben ihr schlängelt sich ein Bach.

Diese Straße besteht ganz aus quergelegten rechteckigen Betonplatten. Der bauliche Aufwand, den das darstellt, deutet auf ihre Wichtigkeit hin, wobei nicht klar ist, worin die bestehen könnte. Außer dem Wasserwerk an ihrem Anfang und in regelmäßigen Abständen angeordneten umzäunten Tiefbrunnen gibt es bloß ein einziges Haus, das sich zwischen hohen Büschen versteckt.

Angesichts des nicht vorhandenen Autoverkehrs scheinen auch die ebenfalls betongepflasterten Ausweichbuchten eher unnötig, doch sie werden offenbar gerne für Verkehr anderer Art in parkenden Autos genutzt.

Ebenso sind die Spaziergänger, Radfahrer und Jogger aus Reda und Umgebung dankbar für den festen und dauerhaften Betongrund der Straße und es kümmert sie nicht, daß sie nicht in erster Linie für sie gebaut wurde. Die Straße verläuft fast gerade und führt nirgendwohin. Kurz nach einer kreuzenden Straße endet sie deutlich vorm Dörfchen Kazimierz, wo dann auch wieder Hügel sind.

Wo die landschaftlichen Reize fehlen, wird das Menschengemachte selbst zum Reiz, also die Straße, der Beton. Es sind auch wahre Miniaturlandschaften, die sich auftun, wenn man zu Boden blickt. Keine der Betonplatten gleicht der anderen. Meist liegen sie auch nach über dreißig Jahren noch regelmäßig aneinander, aber manchmal wurde eine durch die Zufälligkeiten der Bodenbeschaffenheit deutlich verschoben.

Oft gibt es kleinere Löcher, die aus Jahrzehnten der Benutzung resultieren, aber manchmal größere, die das Stahlgerüst freilegen und nur mit Qualitätsmängeln des Ausgangsprodukts zu erklären sind.

Manchmal, aber durchaus nicht immer, sind die Platten in der Mitte leicht gebrochen, was sowohl mit den Bodengegebenheiten als auch mit Qualitätsschwankungen in der Produktion zu tun haben kann.

An den Rändern greift oft die Natur auf den Beton aus, zähe Gräser wachsen auf kleinen Flecken Erde. Auch bläuliche Flechten ziehen sich an manchen Stellen über das Grau.

Das sind die Veränderungen der Zeit, aber als die Straße neu war, waren ebenfalls nicht alle ihrer Platten gleich. Einige haben horizontale Linienstrukturen,

andere vertikale.

Die schönsten haben horizontale Wellenlinien, mal mehr,

mal weniger steil,

und werden gleichsam zu abstrakten Kunstwerken, mindestens so t-shirtgeeignet wie Joy Division-Schallplattencover. Und schließlich sind da noch Zahlen, manchmal Buchstaben im Beton vieler der Platten.

Irgendetwas Technisches, ahnt man, und nach und nach wird klar, daß es sich um Datumsangaben handelt.

Ende 1984, Anfang 1985 wurden die Platten demnach in einem Betonwerk hergestellt. Ganz prosaisch mithin, gebraucht sicher, um in irgendwelchen lange verlorenen Unterlagen festgehalten zu werden. Aber diese Zahlen im Beton sind noch etwas anderes: die Unterschriften von Künstlern auf ihren Werken. Die Arbeiter, die sie mit leichtem Strich in den Beton schrieben, wußten sicherlich nicht, daß sie ihn signierten. Es sind schließlich Unterschriften bestimmt dazu, zu verschwinden oder übersehen zu werden. Die Arbeiter wußten vielleicht nicht einmal, daß sie die Schöpfer der Welt sind. Ihr Werk jedoch ist alles.

Der Mensch setzte selten Unterschriften auf die Welt, die er sich schuf. Angemessen vielleicht, daß es gerade hier anders ist, denn hier ist die menschliche Schöpfung alles. Ohne diese Betonstraße, also ohne die namenlosen Arbeiter eines Betonwerks, gäbe es diese Landschaft östlich von Reda nicht.

Der tschechoslowakische Kompromiß

Die Plastik der sozialistischen Tschechoslowakei wollte abstrakt sein, wie alle tschechoslowakische Kunst, mußte aber, jedenfalls, wenn sie an die exponiertesten Orte wollte, zumindest irgendwie als sozialistischer Realismus einzuordnen sein. Als Kompromiß entstand oft keine Mischform, keine gemäßigte Abstraktion und kein abstrahierter Realismus, sondern ein Nebeneinander. Realistische Plastiken wurden neben etwas Abstraktes gestellt.

Das prominenteste Beispiel ist ein Werk von Vincent Makovský, das meist „Nový věk“ (Neues Zeitalter), aber auch manchmal „Atomový věk“ (Atomzeitalter) genannt wird und vor dem Parlament in Prag

Aus Autorenkollektiv: Praha, její krásy, Praha 1985 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

sowie der Messe in Brno steht.

Aus Budík, Miloš/Sámková, Eva: Brno v 80 barevných fotografiích, Praha 1975

Zwischen einer Frau in einem beinahe antikisierenden Kleid, die Blumen hält, und einem Mann in einem langen Kittel, der zusammengerollte Pläne hält, ist da ein Knäuel ineinander verschränkter Streben, das an Strahlen oder eine Explosion denken lassen kann, aber an sich nichts ist als eben eine abstrakte Form. Mit einem beliebigen Namen interpretiert könnte es auch ein selbständiges Kunstwerk sein. Hier aber flankieren es die beiden völlig realistischen und, wenn man will, sozialistischen Figuren.

Aus Ehm, Josef: Praha, Praha 1977

Ein anderes Beispiel ist die Plastik des Památník československo-sovětského přátelství (Denkmal der tschechoslowakisch-sowjetischen Freundschaft) von Rudolf Svoboda in Plzeň. Links steht der abstrakte Teil, eine hohe stählerne Stele, auf der eine eckig gefaltete Form horizontal sitzt, rechts der realistische Teil, eine bis zu den Schnallenschuhen detaillierte Bronzeplastik eines Mädchens. Von ihrem rechten Arm wächst etwas nach links zum abstrakten Teil hinüber, nimmt die Faltenformen auf, verbindet beide Teile. Man kann in den abstrakten Teilen somit eine Fahne erkennen, aber sie sind eben nicht eindeutig eine Fahne.

Das ist der tschechoslowakische Kompromiß: für die repräsentativsten Kunstwerke dürfen die Künstler so abstrakt arbeiten, wie sie wollen, solange nur auch ein realistischer Teil dabei ist. Ob mit diesem Kompromiß nun jeder oder niemand zufrieden ist, sei dahingestellt. Wichtig ist, daß es etwas völlig anderes ist als in der DDR, wo sich die Künstler von einer gänzlich realistischen Basis manchmal zu Abstraktem vorarbeiteten, das aber immer viel eindeutiger zu interpretieren war.

Nachruf auf einen McDonald’s

McDonald’s kam erst mit dem Kapitalismus nach Polen. Es hätte anders sein sollen, der Sozialismus hätte zu McDonald’s kommen und ihn in die ganze Welt hinaustragen sollen. Was hätte schließlich besser gepaßt als das standardisierte massengefertige Essen eines VEB McDonald’s? Aber so war es nicht und ausgerechnet McDonald’s kam als Symbol des Kapitalismus in die ehemals sozialistischen Staaten.

In Polen hatte er es nicht gar so eilig, erst 1992 eröffnete die erste Filiale. Die Bilder von ihrer sehr polnischen Eröffnung mit segnenden Priestern kursieren heute im Internet und letztes Jahr wurde das fünfundzwanzigste Jubiläum gefeiert, „super tu być“, lautete der Slogan, „super, hier zu sein“.

In Gdańsk ist McDonald’s seit 1993, als im Bahnhof die erste Filiale entstand. Kurz darauf, 1994, folgte eine zweite, nicht gleichfalls im Zentrum, aber auch nicht am Rande, sondern in Wrzeszcz, ziemlich in der Mitte des langgestreckten Stadtköpers, nahe der Aleja Grunwaldzka, der wichtigsten Verkehrsachse der Trójmiasto. Dieser zweite Gdańsker McDonald’s hatte ebenfalls kein eigens errichtetes Gebäude, sondern zog in ein zweigeschossiges und mehr zufällig freistehendes Backsteinhaus, das er mit gläsernen Vorbauten seinen Bedürfnissen anpaßte.

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Die Jahre vergingen, der McDonald’s wurde Teil der Stadt, er war der Ort erster Dates und vieler anderer Ereignisse in vieler Menschen Leben. Die Umgebung veränderte sich, das Einkaufszentrum Manhattan und eine abgeschottete teure Wohnhochhausanlage entstanden daneben. Inzwischen gab es viele weitere McDonald’s-Filialen, in den Wohngebieten Morena und Przymorze, in den Einkaufszentren und anderswo an der Grunwaldzka, wo sie besser mit dem Auto zu erreichen waren. Im Jahre 2013 dann wurde der zweite McDonald’s von Gdańsk geschlossen. Ein paar Jahre stand das Gebäude leer, nur noch Spuren erinnerten an seine Geschichte.

Im letzten Jahr erst zog eine Filiale eines Warschauer Restaurants dort ein: „Aïoli – Inspired by Gdańsk“.

Der Wechsel von McDonald’s zum hippen Restaurant zeigt die Entwicklung des Kapitalismus in Polen. 1992 war Polen dank den Jahren des Sozialismus noch eine Gesellschaft ohne größere Klassenunterschiede. McDonald’s paßte dazu. Sein egalitäres Essen war die Art von bescheidenem Luxus und Internationalität, die die ersten, die es sich leisten konnten, wollten. Inzwischen haben sich die Klassen wieder stärker differenziert und es gibt eine prekäre Mittelschicht, die um Distinktion bemüht ist. Ihr ist McDonald’s, der wohlgemerkt nach wie vor nicht bilig ist, zu vulgär, sie will etwas anderes und kriegt die Filiale eines anderen Restaurants.

McDonald’s war nie „inspired by Gdańsk“ (inspiriert von Gdańsk), sondern dort genauso wie überall sonst – das war das Schöne an McDonald’s. Die Zukunft gehört auf absehbare Zeit den „Aïolis“ der Welt.