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Alterlaa als Grundlage

Alterlaa ist etwas Besonderes. Eine ganze Wohnanlage aus hohen Terrassenhäusern, jede Terrasse üppig begrünt – wie oft gibt es das schon?

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Und das ist das Problem an Alterlaa. Es sollte nichts Besonderes sein, sondern das Normale. Terrassenhäuser wie diese, die die Vorteile des Einfamilienhauses mit den Vorteilen des Hochhauses verbinden, sollten gegenwärtig die Grundlage aller Architektur sein. Es sollte sie in tausendfachen Variationen geben, höher und niedriger, mit kleineren und größeren Terrassen, auf verschiedenste Arten an städtische und landschaftliche Bedingungen angepaßt, mehr oder weniger gelungen auch. Sie zu sehen sollte alltäglich sein, langweilig, banal. Keiner sollte darüber nachdenken müssen, wieso sie so sind wie sie sind, da sie eben normal sind und funktionieren. Daß es nicht so ist, daß Alterlaa etwas Besonderes ist, zeigt die Stagnation in der Architektur, die irgendwann zwischen 1975 und 1980 begann.

In den fünfzig Jahren davor hatte es starke Strömungen gegeben, denen es mehr um Funktion als um Form ging. Ihre Grundlage waren mehr oder weniger hohe, mehr oder weniger lange freistehende Wohngebäude.

Es gab sie in tausendfachen Variationen, höher und niedriger, mit allen möglichen mal mehr, mal weniger schlichten Fassadengestaltungen, oft, aber nicht immer mit Flachdach, auf verschiedenste Arten an städtische und geographische Bedingungen angepaßt, mehr oder weniger gelungen auch. Sie zu sehen war und ist alltäglich, langweilig, banal. Keiner denkt darüber nach, wieso sie so sind wie sie sind, da sie eben normal sind und funktionieren. Das war aber nicht immer so. Bis Mitte der zwanziger Jahre gab es diese Art von Gebäude praktisch nicht. Normal war bis dahin und nach lange danach die Blockrandbebauung. Daß sie heute nichts Besonderes mehr sind, war nicht selbstverständlich, sondern ein Sieg des Fortschritts.

Auch Alterlaa muß siegen und aufhören, etwas Besonderes zu sein.

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Beton bei Reda

In unseren Breiten ist die Hand des Menschen überall zu sehen und oft ist das von ihr Geschaffene auch das Schönste, was es zu sehen gibt.

Die Landschaft östlich von Reda etwa, einem Ort nördlich von Gdynia, ist denkbar reizarm. Keine Hügel mehr, noch kein Meer, alles flach, weite offene Felder, einige verlorene Baumgruppen, letzte Häuser, das Panorama des Orts aus Heizkraftwerk und im Bau befindlichen Wohnhochhaus immer ferner.

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Vom Wasserwerk führt eine Straße quer nach Südosten, eine Zufahrtstraße bloß, die nicht einmal einen Namen hat. Hier ist die Weite der Landschaft weniger drückend, es gibt mehr Bäume und Büsche, neben ihr schlängelt sich ein Bach.

Diese Straße besteht ganz aus quergelegten rechteckigen Betonplatten. Der bauliche Aufwand, den das darstellt, deutet auf ihre Wichtigkeit hin, wobei nicht klar ist, worin die bestehen könnte. Außer dem Wasserwerk an ihrem Anfang und in regelmäßigen Abständen angeordneten umzäunten Tiefbrunnen gibt es bloß ein einziges Haus, das sich zwischen hohen Büschen versteckt.

Angesichts des nicht vorhandenen Autoverkehrs scheinen auch die ebenfalls betongepflasterten Ausweichbuchten eher unnötig, doch sie werden offenbar gerne für Verkehr anderer Art in parkenden Autos genutzt.

Ebenso sind die Spaziergänger, Radfahrer und Jogger aus Reda und Umgebung dankbar für den festen und dauerhaften Betongrund der Straße und es kümmert sie nicht, daß sie nicht in erster Linie für sie gebaut wurde. Die Straße verläuft fast gerade und führt nirgendwohin. Kurz nach einer kreuzenden Straße endet sie deutlich vorm Dörfchen Kazimierz, wo dann auch wieder Hügel sind.

Wo die landschaftlichen Reize fehlen, wird das Menschengemachte selbst zum Reiz, also die Straße, der Beton. Es sind auch wahre Miniaturlandschaften, die sich auftun, wenn man zu Boden blickt. Keine der Betonplatten gleicht der anderen. Meist liegen sie auch nach über dreißig Jahren noch regelmäßig aneinander, aber manchmal wurde eine durch die Zufälligkeiten der Bodenbeschaffenheit deutlich verschoben.

Oft gibt es kleinere Löcher, die aus Jahrzehnten der Benutzung resultieren, aber manchmal größere, die das Stahlgerüst freilegen und nur mit Qualitätsmängeln des Ausgangsprodukts zu erklären sind.

Manchmal, aber durchaus nicht immer, sind die Platten in der Mitte leicht gebrochen, was sowohl mit den Bodengegebenheiten als auch mit Qualitätsschwankungen in der Produktion zu tun haben kann.

An den Rändern greift oft die Natur auf den Beton aus, zähe Gräser wachsen auf kleinen Flecken Erde. Auch bläuliche Flechten ziehen sich an manchen Stellen über das Grau.

Das sind die Veränderungen der Zeit, aber als die Straße neu war, waren ebenfalls nicht alle ihrer Platten gleich. Einige haben horizontale Linienstrukturen,

andere vertikale.

Die schönsten haben horizontale Wellenlinien, mal mehr,

mal weniger steil,

und werden gleichsam zu abstrakten Kunstwerken, mindestens so t-shirtgeeignet wie Joy Division-Schallplattencover. Und schließlich sind da noch Zahlen, manchmal Buchstaben im Beton vieler der Platten.

Irgendetwas Technisches, ahnt man, und nach und nach wird klar, daß es sich um Datumsangaben handelt.

Ende 1984, Anfang 1985 wurden die Platten demnach in einem Betonwerk hergestellt. Ganz prosaisch mithin, gebraucht sicher, um in irgendwelchen lange verlorenen Unterlagen festgehalten zu werden. Aber diese Zahlen im Beton sind noch etwas anderes: die Unterschriften von Künstlern auf ihren Werken. Die Arbeiter, die sie mit leichtem Strich in den Beton schrieben, wußten sicherlich nicht, daß sie ihn signierten. Es sind schließlich Unterschriften bestimmt dazu, zu verschwinden oder übersehen zu werden. Die Arbeiter wußten vielleicht nicht einmal, daß sie die Schöpfer der Welt sind. Ihr Werk jedoch ist alles.

Der Mensch setzte selten Unterschriften auf die Welt, die er sich schuf. Angemessen vielleicht, daß es gerade hier anders ist, denn hier ist die menschliche Schöpfung alles. Ohne diese Betonstraße, also ohne die namenlosen Arbeiter eines Betonwerks, gäbe es diese Landschaft östlich von Reda nicht.

Der tschechoslowakische Kompromiß

Die Plastik der sozialistischen Tschechoslowakei wollte abstrakt sein, wie alle tschechoslowakische Kunst, mußte aber, jedenfalls, wenn sie an die exponiertesten Orte wollte, zumindest irgendwie als sozialistischer Realismus einzuordnen sein. Als Kompromiß entstand oft keine Mischform, keine gemäßigte Abstraktion und kein abstrahierter Realismus, sondern ein Nebeneinander. Realistische Plastiken wurden neben etwas Abstraktes gestellt.

Das prominenteste Beispiel ist ein Werk von Vincent Makovský, das meist „Nový věk“ (Neues Zeitalter), aber auch manchmal „Atomový věk“ (Atomzeitalter) genannt wird und vor dem Parlament in Prag

Aus Autorenkollektiv: Praha, její krásy, Praha 1985 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

sowie der Messe in Brno steht.

Aus Budík, Miloš/Sámková, Eva: Brno v 80 barevných fotografiích, Praha 1975

Zwischen einer Frau in einem beinahe antikisierenden Kleid, die Blumen hält, und einem Mann in einem langen Kittel, der zusammengerollte Pläne hält, ist da ein Knäuel ineinander verschränkter Streben, das an Strahlen oder eine Explosion denken lassen kann, aber an sich nichts ist als eben eine abstrakte Form. Mit einem beliebigen Namen interpretiert könnte es auch ein selbständiges Kunstwerk sein. Hier aber flankieren es die beiden völlig realistischen und, wenn man will, sozialistischen Figuren.

Aus Ehm, Josef: Praha, Praha 1977

Ein anderes Beispiel ist die Plastik des Památník československo-sovětského přátelství (Denkmal der tschechoslowakisch-sowjetischen Freundschaft) von Rudolf Svoboda in Plzeň. Links steht der abstrakte Teil, eine hohe stählerne Stele, auf der eine eckig gefaltete Form horizontal sitzt, rechts der realistische Teil, eine bis zu den Schnallenschuhen detaillierte Bronzeplastik eines Mädchens. Von ihrem rechten Arm wächst etwas nach links zum abstrakten Teil hinüber, nimmt die Faltenformen auf, verbindet beide Teile. Man kann in den abstrakten Teilen somit eine Fahne erkennen, aber sie sind eben nicht eindeutig eine Fahne.

Das ist der tschechoslowakische Kompromiß: für die repräsentativsten Kunstwerke dürfen die Künstler so abstrakt arbeiten, wie sie wollen, solange nur auch ein realistischer Teil dabei ist. Ob mit diesem Kompromiß nun jeder oder niemand zufrieden ist, sei dahingestellt. Wichtig ist, daß es etwas völlig anderes ist als in der DDR, wo sich die Künstler von einer gänzlich realistischen Basis manchmal zu Abstraktem vorarbeiteten, das aber immer viel eindeutiger zu interpretieren war.

Nachruf auf einen McDonald’s

McDonald’s kam erst mit dem Kapitalismus nach Polen. Es hätte anders sein sollen, der Sozialismus hätte zu McDonald’s kommen und ihn in die ganze Welt hinaustragen sollen. Was hätte schließlich besser gepaßt als das standardisierte massengefertige Essen eines VEB McDonald’s? Aber so war es nicht und ausgerechnet McDonald’s kam als Symbol des Kapitalismus in die ehemals sozialistischen Staaten.

In Polen hatte er es nicht gar so eilig, erst 1992 eröffnete die erste Filiale. Die Bilder von ihrer sehr polnischen Eröffnung mit segnenden Priestern kursieren heute im Internet und letztes Jahr wurde das fünfundzwanzigste Jubiläum gefeiert, „super tu być“, lautete der Slogan, „super, hier zu sein“.

In Gdańsk ist McDonald’s seit 1993, als im Bahnhof die erste Filiale entstand. Kurz darauf, 1994, folgte eine zweite, nicht gleichfalls im Zentrum, aber auch nicht am Rande, sondern in Wrzeszcz, ziemlich in der Mitte des langgestreckten Stadtköpers, nahe der Aleja Grunwaldzka, der wichtigsten Verkehrsachse der Trójmiasto. Dieser zweite Gdańsker McDonald’s hatte ebenfalls kein eigens errichtetes Gebäude, sondern zog in ein zweigeschossiges und mehr zufällig freistehendes Backsteinhaus, das er mit gläsernen Vorbauten seinen Bedürfnissen anpaßte.

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Die Jahre vergingen, der McDonald’s wurde Teil der Stadt, er war der Ort erster Dates und vieler anderer Ereignisse in vieler Menschen Leben. Die Umgebung veränderte sich, das Einkaufszentrum Manhattan und eine abgeschottete teure Wohnhochhausanlage entstanden daneben. Inzwischen gab es viele weitere McDonald’s-Filialen, in den Wohngebieten Morena und Przymorze, in den Einkaufszentren und anderswo an der Grunwaldzka, wo sie besser mit dem Auto zu erreichen waren. Im Jahre 2013 dann wurde der zweite McDonald’s von Gdańsk geschlossen. Ein paar Jahre stand das Gebäude leer, nur noch Spuren erinnerten an seine Geschichte.

Im letzten Jahr erst zog eine Filiale eines Warschauer Restaurants dort ein: „Aïoli – Inspired by Gdańsk“.

Der Wechsel von McDonald’s zum hippen Restaurant zeigt die Entwicklung des Kapitalismus in Polen. 1992 war Polen dank den Jahren des Sozialismus noch eine Gesellschaft ohne größere Klassenunterschiede. McDonald’s paßte dazu. Sein egalitäres Essen war die Art von bescheidenem Luxus und Internationalität, die die ersten, die es sich leisten konnten, wollten. Inzwischen haben sich die Klassen wieder stärker differenziert und es gibt eine prekäre Mittelschicht, die um Distinktion bemüht ist. Ihr ist McDonald’s, der wohlgemerkt nach wie vor nicht bilig ist, zu vulgär, sie will etwas anderes und kriegt die Filiale eines anderen Restaurants.

McDonald’s war nie „inspired by Gdańsk“ (inspiriert von Gdańsk), sondern dort genauso wie überall sonst – das war das Schöne an McDonald’s. Die Zukunft gehört auf absehbare Zeit den „Aïolis“ der Welt.

Über Fahrradwege

Ob das Fahrradfahren eine besonders sinnvolle Fortbewegungsart ist, mag man bezweifeln. Es ließe sich sagen, daß es die Nachteile des Autofahrens hat, nämlich die Abhängigkeit von einem selbst zu steuernden Gerät, aber nicht dessen Vorteile, nämlich Komfort und Geschwindigkeit, und ebenfalls die Nachteile des Gehens, nämlich die Anstrengung, aber nicht dessen Vorteile, nämlich die völlige Ungebundenheit und die Möglichkeit der Kontemplation.

Da es aber augenscheinlich Menschen gibt, die am Fahrradfahren Freude haben, müssen auch dieser Fortbewegungsart Wege geschaffen werden. Keinesfalls können das dieselben Wege sein, die von Fußgängern benutzt werden, da die Geschwindigkeiten und damit die Machtverhältnisse zu unterschiedlich sind, und aus demselben Grund ebensowenig die Wege der Autos. Nötig ist vielmehr eine strikte Trennung der Geschwindigkeiten. Wie eine solche auf recht klassisch Le Corbusier’sche Art aussehen kann, läßt sich in den Niederlanden betrachten.

Unbedingt ist in Abwandlung von Le Corbusiers wichtigem Postulat, daß der beste städtische Raum dem Wohnen vorbehalten sein muß (Punkt 23 der „Charte d’Athènes“ [Charta von Athen]), zu fordern, daß die besten Wege dem Fußgänger vorbehalten sein müssen, da nur er zumindest die Möglichkeit hat, aus seiner Umgebung ästhetischen Genuß zu ziehen. Ein negatives Beispiel dafür, wie ein besonders schöner Weg dem Fußgänger geraubt und einer anderen Fortbewegungsart, dem Fahrradfahren, zugeordnet wurde, findet man im Zentrum von Gdańsk.

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Zwischen Hucisko und Błędnik verläuft oberhalb der Bahngleise ein kleiner Parkstreifen. Man ist noch nicht sehr hoch, aber doch so hoch, daß man die backsteinernen Türme und bunten Hochhäuser als Silhouette, als Skyline aus der niedrigeren Bebauung aufragen sieht.

Zugleich ist diese Silhouette noch nicht in abstrakter Ferne, sondern scheinbar zum Greifen nah. Man ist der Stadt nah und fern zugleich, auf einer faszinierenden Zwischenhöhe.

Es ist einer der schönsten Orte des Gdańsker Stadtzentrums. Noch zentral, leitet er zugleich in äußere Teile der Stadt über, etwa hinauf in die ehemaligen Festungsanlagen. Hier, über der Geschäftigkeit der Bahnstrecke und ihr enthoben, müßten Bänke oder vielleicht sogar eine sommerliche Bar zum Verweilen einladen. Stattdessen führt durch den Park ein neuer Fahrradwege, der sogar teils auf einem Steg über den Gleisen verläuft,  während der Fußgänger auf die anderen Seite der 3. Maja (Straße des 3. Mai) verbannt ist.

Nicht nur die Fußgänger verlieren dadurch, sondern ebenso die Fahrradfahrer, für die es keine Nachteile bedeuten würde, wenn ihr Weg auf der anderen Seite der Straße verliefe und sie anhalten könnten, um den schönen Ort zu genießen. Die Stadt verliert. Das ist ein Beispiel für den verheerenden Effekt einer schlechten Stadtplanung, die einen Weg einer unpassenden Fortbewegungsart zuordnet. Ob man Fahrradfahren also sinnvoll findet oder nicht: es kommt immer darauf an, ob die Fahrradwege an den richtigen Stellen sind.

U Švagerků

Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist auch eine Geschichte der Vorstadtkneipen. Dort trafen sich die Arbeiter, dort diskutierten sie, dort organisierten sie sich. Heute geht man an den Gebäuden vorbei wie an anderen trostlosen Vorstadtgebäuden, die Kneipen gibt es nicht mehr, manchmal nur erinnern noch Gedenktafeln an ihre Geschichte.

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So ist es in Hradec Králové beim Haus U Švagerků (Bei den Švagerkas, nach der Familie des ersten Eigentümers Emanuel Švagerka benannt). Ein zweigeschossiger historistischer Bau an der Ecke Nerudova/Všehrdova, unweit der Gleise und des Bahnhofs. Direkt an der Ecke hängt die große Gedenktafel. Auf ihrem grauen Stein sind schwarz Hammer und Sichel, nach tschechoslowakischem Brauch nicht gekreuzt, sondern nebeneinander, und eine Inschrift:

„Das Haus U Švagerků war schon seit dem Jahre 1902 Sitz von Arbeiterorganisationen. Seit Oktober 1920 war hier die Redaktion der ‚Pochodeň‘ [Fackel] und das Sekretariat des III. Bezirks der sozialdemokratischen Linken. In den Jahren 1921-1938 arbeiteten und wirkten hier das Bezirkssekretariat der KSČ [Komunistická Strana Československa – Kommunistische Partei der Tschechoslowakei], die Redaktion der kommunistischen ‚Pochodeň‘, der Komsomol, die rote Gewerkschaft, ein proletarischer Turnverein und ein Theater.“

Das könnte schon alles sein und wäre nicht wenig, denn Hammer und Sichel sieht man in Tschechien nur mehr selten. Aber wenn schon nicht die Arbeiterbewegung, so ist die Kneipenkultur in Tschechien heute noch so lebendig wie 1902. Daher gibt es die Kneipe U Švagerků noch immer.

Es ist eine zweifache Zeitreise, am Haus U Švagerků vorbeizugehen. Man ist zurückversetzt zum einen in die Zeit, als die Arbeiterbewegung von den Vorstädten aus kämpfte, und zum anderen in die Zeit, als sie an die Macht gekommen an diese Kämpfe erinnern konnte. Neben der Kneipe und ergänzend zur Gedenktafel war in dem Haus zur Zeit des Sozialismus auch ein Museum der Arbeiterbewegung.

Die prominenteren Kunstwerke aus den Zeiten der sozialistischen Staatlichkeit sind heute aus Hradec Králové verschwunden. Den Lenin auf dem Leninovo náměstí (Leninplatz) gibt es nicht mehr und den Gottwald vom Gottwaldovo náměstí (Gottwaldplatz) hat irgendein Sammler am Stadtrand. Wenn solche Kunstwerke übrig geblieben sind, dann sind sie traurige Ruinen, die die Stadt bei Gelegenheit abräumen wird. Eins steht noch am Rande des Parks Sukovy sady, gar nicht weit von U Švagerků, aber an einer Hauptstraße.

In der Grünanlage ist eine Betonwand, die meist vertikal geriffelt, an den freischwebenden Seiten aber glatt ist, wo rechts in teils fehlenden Metallbuchstaben steht: „Lid je hlavním tvůrcem dějin“ – Das Volk ist der Hauptschöpfer der Geschichte.

In der Mitte, wo die Wand eine schräge Lücke hat, ist ein großer fünfzackiger Stern, dessen linke Hälfte ausgespart ist, während seine rechte Hälfte ein Relief im Beton ist.

Das kann man bloß noch von der Rückseite, wo Fahnenmasten stehen, erahnen, da vorne ein großer Nadelstrauch gepflanzt wurde, eine Art antikommunistischer Gartenbau. Früher hingen an der Wand die Bilder verdienter Arbeiter. In diesem Kunstwerk fanden der Sozialismus und die in der tschechoslowakischen Tradition starke abstrakte Kunst einmal zu einer gelungenen Verbindung, wodurch es ein schönes Symbol des sozialistischen tschechoslowakischen Staats war. Diesen Staat gibt es nicht mehr und im heutigen Tschechien ist ein rabiater Antikommunismus die Staatsdoktrin.

Es überrascht deshalb, daß im Haus U Švagerků auch der örtliche Sitz der KSČM (Komunistická strana Čech a Moravy – Kommunistische Partei von Böhmen und Mähren) und ihrer Zeitung Haló noviny ist.

Offenbar ist das Gebäude nach wie vor im Besitz der Partei, was erklärt, wieso die Gedenktafel nie entfernt wurde. Die Arbeiterbewegung ist wieder zurück, wo sie vor hundert Jahren war, scheint es, am Rande, in den Vorstädten. Doch es ist noch schlimmer: Zwar behielt die KSČM anders als die anderen Nachfolger der einstigen Staatsparteien stur das „kommunistisch“ im Namen und bekommt regelmäßig etwa 15 Prozent der Stimmen – nicht wenig in der zersplitterten tschechischen Parteienlandschaft – ist aber eine bestenfalls sozialdemokratische Partei mit einem starken Einschlag nostalgischer Russophilie. Ihr offizielles Symbol sind weder Hammer und Sichel noch fünfzackiger Stern, sondern – Kirschen.

Bleibt die Erinnerung an die glorreiche Zeit, als die Arbeiterbewegung und ihr Staat Hradec Králové für immer veränderte.

Zwei Arten von Stadt

Es gibt nur zwei Arten von Stadt, grundsätzlich. Zwischen den Straßen Bolesława Krzywoustego und Piastowska in Przymorze im Norden von Gdańsk sind sie nebeneinander zu betrachten.

Die erste Art von Stadt wird hier vertreten von „Oliwa Park“. Der Name ist bezeichnend, weil an ihm nichts stimmt: diese Wohnanlage ist nicht in Oliwa und sie ist ganz bestimmt kein Park.

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Sie besteht aus grau-weißen fünfgeschossigen Gebäuden in irgendwelchen modisch minimalen Formen, die irgendwie um Parkplätze und private Gärten angeordnet sind. Um sie herum ist ein Zaun. Nichts gibt sie der umliegenden Stadt, niemand kann sie durchqueren.

Die zweite Art von Stadt wird hier vertreten von einem namenslosem kleinen Wohngebiet, das schon nicht nur administrativ Teil von Przymorze ist. Es besteht aus längeren fünfgeschossigen Gebäuden und sechsgeschossigen Punkthäusern, zwischen denen öffentliche Grünflächen und Parkplätze sind.

Direkt nach dem Zaun von „Oliwa Park“ führt ein Weg von der Bolesława Krzywoustego zur Piastowska. Von diesem Weg zweigt ein anderer ab und führt durch eine Grünfläche auf einen Durchgang im längsten Gebäude des Wohngebiets zu.

Danach setzt er sich fort als leichter Bogen entlang der Schmalseiten links aufgereihter Gebäude, während die Parkplätze rechts durch Bäume und eine niedrige Steinmauer abgetrennt sind.

Er endet zwischen den Punkthäusern an der Ecke Piastowska/Chłopska, wo eine Ladenzeile ein winziges, aber wertvolles Zentrum bildet.

Der Bezug dieses Wohngebiets zur umliegenden Stadt ist voller Zärtlichkeit. Es nimmt den Fußgänger auf und leitet ihn sanft durch sich hindurch. Für ein Stück seines Wegs behütet es ihn liebevoll, ohne sich ihm je aufzuzwingen. Der Durchgang durch das Gebäude hat dabei etwas geradezu Erotisches. Er ist genau dort, wo er sein muß, und läßt einen ungehindert ins weitere Wohngebiet eindringen.

Das Ladengebäude an seinem anderen Ende verbindet zwei der Punkthäuser und hat einen Durchgang, durch den man von der großen Chłopska kommend genauso selbstverständlich tritt.

So bilden die Durchgänge die beiden Enden oder Anfänge des Wohngebiets und der Weg zwischen ihnen ist klar definiert. Aber er ist zugleich nur einer von vielen möglichen Wegen. Immer kann man auch anders gehen, der Raum zwischen den Gebäuden ist offen.

Auf seine Art ist das Wohngebiet perfekt. Für sich selbst genommen ein harmonisches Ganzes, tut es doch alles, wertvoller Teil eines größeren Ganzen, der Stadt, zu sein und es liegt an dieser, ebenso harmonisch zu werden. In „Oliwa Park“ gibt es von all dem keine Spur. Auch, wenn man seinen Zaun wegrisse, bliebe es noch ein Hindernis, da es ohne jeden Bezug auf die umliegende Stadt gebaut ist.

Die beiden grundsätzlichen Arten von Stadt sind absolute Gegensätze. Die erste ist schlecht, die zweite ist gut. Die erste ist die kapitalistische Stadt, die zweite ist die sozialistische Stadt.