Archiv für den Monat Februar 2017

Humenné – Südlicher Teil

Im Zentrum des südlichen Teils von  Humenné, einer durch Straße und Bahnstrecke geteilten nordostslowakischen Stadt, befindet sich ein langer Platz, der wieder Námestie Slobody (Platz der Freiheit) heißt. Als eine Art Einleitung steht rechts ein Punkthochhaus. Der Platz ist locker gerahmt von zweigeschossigen Ladenzeilen und bis zu viergeschossigen Gebäuden, in denen eine Post und andere Gemeinschaftseinrichtungen sind.

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Trotz vielen EU-geförderten Umbauten ist die Grundstruktur noch zu erkennen. Sowohl das weit vorgesetzte Treppenhaus einer Ladenzeile rechts als auch der vorgesetzte Saal eines Gebäudes links sind zum Platz hin mit grün-grauem Schiefer verkleidet, wobei auf ersterem ein abstraktes Muster aus Edelstahl ist und auf zweitem eines aus bunten Kacheln, das vielleicht auf die Muster lokaler Trachten Bezug nimmt. Davor steht die überlebensgroße Bronzeplastik einer Frau und eines Mannes, die ein Kind in die Höhe halten.

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Der Platz endet leicht nach rechts versetzt, was durch den Winkel der Bibliothek links und zwei Punkthäuser rechts markiert ist.

Eine stählerne Brücke mit zwei flachen Bögen führt zu Einfamilienhäusern am anderen Ufer des Flusses Laborec.

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Sie stammt aus dem Jahre 1900 wie ungarische Schilder in ihrer Mitte, die ausführlich die beteiligten Ämter nennen, verkünden. Damals war sie eine Straßenbrücke, Symbol des technischen Fortschritts, der auch in die entlegensten und unungarischsten Gegenden Ungarns drang, heute ist sie als Fortsetzung des verkehrsfreien Platzbereichs eine Fußgängerbrücke, noch immer nützlich, aber auch ein Kleinod aus einer anderen Zeit.

Rechts des Platzes geht es langsam ins Industriegebiet. Zuerst technische Schulen und das etwa 15-geschossige Verwaltungshochhaus von Chemkostav, dann die eigentlichen Werke. Bloß das Eisstadion und das Hallenbad passen nicht auf diese Seite.

Links erstreckt sich das Wohngebiet, dessen Erschließungsstraße Třebíčská (Třebíčer Straße) heißt, ein schöner tschechoslowakischer Name nicht nur, weil Třebíč in Mähren liegt, sondern auch, weil das Slowakische den Buchstaben Ř nicht kennt. Es ist von zwei markanten Gebäudetypen geprägt. Der erste ist lang und neungeschossig. Verglaste Treppenhäuser auf der einen und schräg beginnende Balkone auf der andere Seite. Zwischen den aus dem Dach ragenden Betriebsräumen der Aufzuge schwerelos wirkende Verbindungsdächer.

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Unten an den Schmalseiten zwischen den nach außen schräg ansteigenden Stützen Durchgänge, die geschickt in das Wegesystem des Wohngebiets einbezogen sind.

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Der zweite ist ein Punkthaus, das aus einem vierzehn- und einem dreizehngeschossigen quadratischen Teil bestehen, die in einer Ecke um ein halbes Geschoß versetzt ineinandergefügt sind und zu den entstehenden Winkeln hin Dachaufbauten aus Betonlamellen haben.

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Die langen Gebäude bilden als mäanderndes Y das Rückgrat des Wohngebiets, während die Punkthäuser an den Rändern entlang der parallel zur Bahnlinie verlaufenden Straße Laborecká und des Flusses angeordnet sind.

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Daß das niemals schematisch wirkt, liegt vielleicht auch an der großartigen Gestaltung der Freiflächen. Kindergärten, Schulen und eine Kaufhalle sind so eingebettet, daß sie gut zu erreichen, aber nie im Weg sind. Zum Fluß hin gibt es nach den langen Gebäuden keine Straßen mehr, sondern einen weiten offenen Grünbereich.

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Am Fluß selbst verläuft ein erhöhter Spazierweg und es gibt eine Kneipe und einen Tretbootverleih.

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Nicht zuletzt unterstützt die künstlerische Gestaltung den Charakter des Wohngebiets. Bei jedem Spielplatz sind Betonskulpturen und Betonwände, die teils Reliefs, teils bunte Kacheln tragen.

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Während die Wände eine Vielzahl gegenständlicher Motive, die sich an Kinder richten, haben, sind die Skulpturen abstrakt, scheinen aber den Beton und die vorgefertigten Platten der Gebäude ringsum manchmal gleichsam zu karikieren, wenn sie scheinbar vorgefertigte Teile so ineinanderfügen wie sie unmöglich ineinandergefügt werden können.

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Sogar die bunten Stahlgerüste der Spielgeräte verwandeln sind manchmal in Raketen.

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Eine solch konsequente künstlerische Gestaltung ist auch in der Tschechoslowakei selten, fast fühlt man sich an ein Wohngebiet im fernen Prag erinnert.

Der äußere, östliche Teil des Wohngebiets erreicht dieses städtebauliche und künstlerische Niveau dann nicht mehr. Er ist von offener neungeschossiger Hofbebauung geprägt, die nur durch einige Punkthäuser und dadurch, daß sie an den Ecken manchmal auf sieben und fünf Geschosse abfällt, aufgelockert ist. Doch in diesem Teil befindet sich ein bemerkenswertes kleines Wohngebietszentrum.

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An sich wären die mit blauen kleinen Kacheln verkleidete Poliklinik, die beiden zweigeschossigen Ladengebäude und der achtgeschossige Bürobau im Humenné-Stil, die da um einen kaum gestalteten Platz stehen, nichts Besonderes, doch in dem Bürobau sitzt das Okresný súd (Kreisgericht). Dadurch handelt es sich hier um ein gelungenes und leider äußerst seltenes Beispiel dafür, wie das Nebenzentrum eines Wohngebiets mit einer für die Gesamtstadt wichtigen Funktion verbunden werden kann.

Insgesamt ist die Situation im südlichen Teil von Humenné genau umgekehrt als im nördlichen. Im Norden ist das Bedeutendste das Zentrum mit dem Dreiklang aus Schloß, Denkmal und Kulturhaus, während die Wohngebiete nichts Besonderes sind. Im Süden ist das Zentrum nur mittelmäßig, da wirklich prägende Gebäude fehlen und vieles in den letzten Jahren umgebaut wurde. Das Wohngebiet ist hier hingegen großartig, da es die landschaftlichen Gegebenheiten, also die Nähe des Flusses, ausnutzt und interessante Gebäudetypen mit einem harmonischen Stadtraum und passenden Kunstwerken verbindet. Der nördliche und südliche Teil von Humenné zeigen so auf jeweils verschiedene Art die Leistungen von Architektur und Städtebau in der Tschechoslowakei.

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Przymorze – Der Name

Przymorze – ein Name wie ein Versprechen. Przy – bei, morze – Meer. Die Präposition und das Substantiv sind ausnahmsweise ohne Deklination des letzeren verbunden und noch dazu zu einem Wort zusammengefügt. Aber Przymorze, der Name des größten fortschrittlichen Wohngebiets von Gdańsk, ist eben kein normales Wort. Im polnischen Sprachgebrauch käme es nie vor. Niemand würde sagen: „Jestem przy morzu“ (Ich bin beim Meer), sondern immer nur: „Jestem nad morzem“ (Ich bin am Meer, wörtlich: Ich bin über dem Meer).

Przymorze ist ein Versprechen – das Versprechen eines neuen Gdańsk, eines Gdańsk am Meer. Denn Gdańsk liegt, wie immer zu betonen ist, nicht am Meer. Seine gesamte Geschichte und Bedeutung ist mit dem Meer verbunden, es ist eine Hafenstadt, aber es liegt, wie nicht wenige andere Hafenstädte, weit genug vom Meer entfernt, um für feindliche Flotten fast unerreichbar zu sein. Wenn also ein jeder Bewohner des alten Danzig irgendwie mit dem Meer zu tun hatte, so hatte er doch einen recht weiten Weg, um an seinem Strand zu stehen. In Przymorze ist das anders. Es liegt zwar ebenfalls nicht direkt am Meer, aber sehr nahe beim Meer.

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Przymorze ist das Versprechen des Neuen und somit zwangsläufig auch polnischer als seine Nachbargegenden. Das fängt beim Namen an: Jelitkowo kommt von Glettkau, auch wenn das offenkundig slawischen Ursprungs ist, Zaspa kommt von Saspe, auch wenn Zaspa sogar im heutigen Polnisch noch etwas bedeutet (Schneeverwehung). Przymorze aber hatte nie einen anderssprachigen Namen. Wie auch? Wo es ist, war früher nichts. Landwirtschaft, ein paar Höfe, von denen noch einige Straßen- und Haltestellennamen zeugen, das war alles, was es hier vorher gab. Daß hier Gdańsk sein könnte, Gdańsk przy morzu, wäre den Bauern dort nie eingefallen und nicht nur, weil sie die nah-ferne Großstadt als Danzig kannten.

Um Gdańsk bis nach Przymorze zu erweitern, brauchte es erst den polnischen Sozialismus. Es rückt so nahe an Sopot heran und wurde mit diesem und Gdynia zum Teil einer Trójmiasto (Dreistadt). Der Sozialismus führte Gdańsk zum Meer und machte aus drei Städten eine dreifaltige Stadt. Das Wohngebiet Przymorze ist einer der wichtigsten Teile dieser Stadt und erfüllt schon dadurch das Versprechen seines Namens.

Humenné – Nördlicher Teil

Das nordostslowakische Humenné ist eine geteilte Stadt. Der eine Teil liegt nördlich von Fernverkehrsstraße und Eisenbahnstrecke, der andere südlich, und dazu kommt noch anderes, was zu keinem so ganz gehört und Möglichkeiten böte, die Teilung aufzuheben.

Der nördliche Teil erstreckt sich entlang der Gottwaldova (Gottwald-Straße), die heute vom Verkehr befreit Námestie Slobody (Platz der Freiheit) heißt. Er beginnt mit einem Halbkreis aus viergeschossigen, teils satteldächigen Gebäuden, in dem rechts der überdachte Marktplatz und links einige ältere Häuser sind. In der Mitte öffnet sich, flankiert wie von einem Tor durch siebengeschossige Gebäude mit flügelartigen Dachaufbauten, die Straße/der Platz.

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Bis zur nächsten Querstraße bildet diese Bebauung viergeschossig und an den Ecken fünfgeschossig mit Flügelaufbauten die Seiten der Straße/des Platzes. An der Querstraße weist eine Ladenzeile mit ihren vertikalen Linien, die in komplizierten kubischen Formen enden, nach links, ein schönes Beispiel des Humenné-Stils.

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In der Mitte erstrecken sich Grünanlagen, in denen auch eine wenig alte Skulptur des Johannes von Nepomuk steht.

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Nach einem Springbrunnen wird der Platz/die Straße noch etwas breiter.

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Die Bebauung bleibt geschlossen, wird aber weniger einheitlich, es gibt eine Post links und ein langes Wohngebäude mit Satteldach rechts.

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Man würde nicht ahnen, daß man nur durch letzteres treten muß, um mitten in einem Wohngebiet zu sein. Es besteht aus viergeschossigen Walmdachgebäuden um offene Höfe mit großen Bäumen, am nördlichen Rand an der Ulica Osvoboditeľov (Straße der Befreier) reihen sich achtgeschossige Punkthäuser. Im weiteren Verlauf werden die Dächer der Häuser flach und es gibt einige kleine Zentren mit Läden.

Erst gegen Ende des Platzes/der Straße und auf der linken Seite stehen wieder einige ältere Gebäude. Am auffälligsten von diesen ist eines von 1936, auf dem das löwengehaltene Stadtwappen prangt. Aber als Gegengewicht gibt es sogleich Gebäude aus sozialistischer Zeit: gegenüber ein Kaufhaus  und direkt angrenzend eine Ladenzeile entlang der nächsten Querstraße.

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Sie besteht aus zwei parallel verlaufenden zweigeschossigen Gebäuden, die aber etwas versetzt stehen, so daß vor den Eingängen kleine Grünbereiche sein können. Die Läden öffnen sich zum ebenerdigen Bereich und zu auf runden Stützen ruhenden Flächen im zweiten Geschoß, die durch mehrere Brücken verbunden sind. Treppen führen teils innen zu diesen Brücken, teils von außen durch die Gebäude hindurch auf die Terrassenebenen.

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Das ist eine ungewöhnliche Lösung, fast weniger Lijnbaan als Passage des 19. Jahrhunderts, weshalb es nur paßt, daß sie heute ein transparentes Dach hat. Anders als leider viele solcher Ladenzeilen wirkt sie auch nicht heruntergekommen oder von improvisierten Billigläden geprägt. Sie ist, könnte man sagen und sogar zu ihrer Lage paßt es, das Nordwestzentrum von Humenné.

Aber wenn man so weit gekommen ist und wohl schon vorher, beachtet man zuerst die beiden bestimmenden Gebäude, mit denen der Platz/die Straße endet: das Schloß links und das Dom Kultúry (Haus der Kultur) seitlich rechts.

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Das Schloß ist ein vielfach veränderter vierflügliger Renaissancebau, auf den man zwischen den Plastiken einer Löwin und eines Löwen zugeht. Sie sind auch viel markanter als das Gebäude selbst.

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Das Dom Kultúry hat eine langgestreckte zweigeschossige Fassade aus blaugefaßtem Glas, die von den weißen Linien der Seitenwände und des Dachs gerahmt ist. Inmitten der Glasfläche ist bei den Eingängen rechts eine weiße Wand, während  hinten links der niedrigere blaue und der höhere weiße Teil des Saals aufragen.

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Alt und Neu stehen so beieinander, ohne das zu sagen wäre, welches davon für den Abschluß des Platzes wichtiger wäre. Im Mittelpunkt der Straßenachse steht keines von beiden und auch der dazwischen angeordnete Pamätník Vďaky (Denkmal des Danks) nicht.

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Auf einem langen leicht abgeschrägten niedrigen Sockel aus rotem Stein stehen links Flammenschale und rechts eine überlebensgroße Bronzeplastik: in der Mitte ein Mädchen mit Blume, rechts ein Arbeiter mit geschultertem Gewehr und links ein sowjetischer Soldat mit gesenkter Maschinenpistole und nach links hin hochgehaltener Fahne, deren Fläche bis nach rechts reicht und eine Art Hintergrund für die Figuren bildet. Die Inschrift auf dem Sockel lautet: „Sloboda prinesená je vzácna, ale sloboda vybojovaná je oveľa drahšia“  (Gebrachte Freiheit ist wertvoll, aber erkämpfte Freiheit ist viel wertvoller). Dieses schöne unbezeichnete Zitat von Gustáv Husák impliziert SNP, Dukla, den ganzen Erinnerungsmythus, und die sowjetisch-tschechoslowakische Freundschaft, ohne sie nennen zu müssen.

Schloß, Denkmal, Dom Kultúry bilden gemeinsam den Abschluß der Straße/des Platzes, denn diese/dieser ist keine Achse. Daß sie nicht direkt auf das Schloß zuführen, wie es die alte Stadt sicher stärker tat, ist kein Zufall, doch noch die Torgebäude scheinen eine konventionelle Achse vorzubereiten. Dank dem Fortschritt im Städtebau entstand diese nie und der Platz fließt stattdessen zwischen Schloß und Dom Kultúry, um das Denkmal herum, in den Park hinein, der einst Schloßpark war und nun im schönsten Sinne aufgehoben ist. Das Schloß ist darin beinahe genauso ein Ausstellungsstück wie die regionalen Holzbauten im Freilichtmuseum weiter oben am Hang. Sogar das Denkmal will nicht nur von vorne, sondern auch von seiner Rückseite betrachtet werden, wo zwischen den Falten der Fahne ein liegender Helm, ein Stein (Grabstein?) und ein Baum zu sehen sind.

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Mit den bronzenen Figuren blickt man dann die Gottwaldova/den Námestie Slobody entlang, die schon so vielfältig und spannungsreich sind und doch nur das Zentrum des nördlichen Teils von Humenné.

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Lenin in Witomino

Im Wohngebiet Witomino in Gdynia steht ein Denkmal, das nicht Lenin gewidmet ist.

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Es ist groß, riesig sogar, und steht unübersehbar in einem Grünstreifen an der Straße Wielkokacka. Wie eine Basaltformation aus beigeverputztem Beton ragen seine drei aneinandergefügten Stelen auf. Die höchste der Stelen ist quadratisch mit an den Ecken schräg vorstehenden Teilen, die beiden niedrigeren, von denen eine nicht einmal zur Hälfte und die andere bis auf Dreiviertel der höchsten reicht, sind ähnlich, aber dreieckig, so daß der Grundriß insgesamt dreieckig ist. Ganz oben werden die schrägen Teilen zu aufsteigenden Streben, zwischen denen eine Weltkugel aus Beton ruht.

In dieser Form wäre das Denkmal recht banal, ohne jede Aussage, aber man würde ihm doch etwas Sozialistisches anmerken, vielleicht wegen der Größe, vielleicht wegen des verwendeten Betons, vielleicht einfach wegen der elfgeschossigen Wohngebäude, die erhöht auf der anderen Straßenseite stehen.

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In einem kapitalistischen Staat Westeuropas kann man sich so ein Denkmal jedenfalls schwer vorstellen, eher vielleicht noch in Südamerika, aber am besten eben im Osten, im sowjetisch geprägten Raum. Was dem Denkmal fehlt, um zu einem typischen Werk des sozialistischen Realismus zu werden, kann man sich daher leicht ergänzen. Oben auf der Weltkugel Hammer und Sichel oder ein fünfzackiger Stern, auf den beiden niedrigeren Stelen Bronzestatuen von Lenin oder Marx und einer lokaleren kommunistischen Persönlichkeit, vielleicht Bolesław Bierut. Alles würde passen.

Würde passen, denn leider weiß man, daß der Sozialismus in Polen zu schwach war, um viele solcher Denkmale zu bauen, und die Reaktion dort heute so stark ist, daß die wenigen dieser Denkmale längst beseitigt sind. Tatsächlich ist das Denkmal weit polnischer und damit noch fremder als das oben Beschriebene ahnen ließe:

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auf der Weltkugel steht Maria und auf den niedrigeren Stelen der heilige Wojciech mit einem Ruder und Papst Karol Wojtyła mit segnend ausgebreiteten Armen. Maria ist auf der Tafel unten als „nasza królowna“ (unsere Königin) bezeichnet, denn Königin von Polen ist einer der obskureren Titel dieser Gestalt, während die anderen beiden offenbar keine Vorstellung brauchen.

Das Erstaunlichste an dem Denkmal ist, daß es erst im Jahre 2000 errichtet wurde. Die so eindeutig realsozialistische Formensprache scheint dazu im ersten Moment gar nicht zu passen, im zweiten aber umso besser. Denn die heutige öffentliche Kunst in Polen ist ganz zwangsläufig durch und durch vom Sozialismus geprägt. Egal, wie sie dazu stehen mochten, lebten die heute arrivierten Künstler im Sozialismus und wurden, ob sie wollten oder nicht, von sowjetischen Einflüssen geprägt. Auch für Werke, die inhaltlich im größten Gegensatz zum Sozialismus stehen, mußten und müssen sie sich daher der Formen des sozialistischen Realismus bedienen. Welcher auch sonst? Die offizielle Kunst des Westens ist für Monumentalität, ja, letztlich für jegliche verständliche Aussage völlig ungeeignet. Propagandakunst wie dieses Denkmal in Gdynia aber will monumental und verständlich sein, gut also für die Auftraggeber, daß die Künstler dies in der Schule des sozialistischen Realismus gelernt hatten.

So verachtenswert der polnische Katholizismus, der dieses Denkmal baute, ist: es ist ein gutes und gelungenes Kunstwerk, das an genau der richtigen Stelle im Stadtraum steht. Und irgendwann kann man dann die notwendigen Veränderungen vornehmen, um Form und Inhalt wieder in Einklang zu bringen und dann endlich wird Lenin in Witomino sein. Falls sich jemand, der dies liest, auf Photoshop versteht, kann er schon einmal einen Entwurf machen, hier die nötigen Zutaten:

Aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Hammer und Sichel in Banská Bystrica, aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983

Die Welt im KFC

Im KFC gegenüber dem Brnoer Hauptbahnhof gibt es im Obergeschoß einen Platz, von dem man über eine Straße hinweg und zwischen zwei Gebäuden hindurch auf die weite Gleislandschaft vor dem Bahnhof blicken kann.

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Nur selten hat man Blicke, die so sehr vom Verkehr, vom Reisen, vom Weg in die Ferne geprägt sind. Auf den gerade Gleisen sieht man ständig Züge ankommen oder davonfahren, vielleicht in fernste Länder, geradewegs auf den Horizont zu, auch wenn vor diesem ein neues Bürohochhaus steht. Auf der Straße sieht man ständig Straßenbahnen vorbeifahren, wenigstens aus den fernsten Teilen der Stadt.

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Und auch die beiden Gebäude, Beispiele des Brnoer Funktionalismus der Zwischenkriegszeit, passen. Das eckige links ist eine Post und das abgerundete rechts ist eine Filiale des Reisebüros Čedok, dessen Logo noch aus einer Zeit stammt, als Züge das üblichste Fernverkehrsmittel und Briefe das übliche Kommunikationsmedium waren. „Svět na dosah ruky“, sagt ein Plakat in einem Fenster des Reisebüros, „die Welt ist in Reichweite“, und wenn man dort im KFC sitzt, kann man das sogar glauben.

Sobieski auf Reisen

Der polnische König Jan III. Sobieski lebte in unruhigen Zeiten in einer unruhigen Gegend und trug als geschickter Politiker und Heerführer zu deren Unruhe auch gerne bei. Vor allem kämpfte er in der Ukraine gegen Tartaren und Türken, aber berühmt wurde er, weil er an der Spitze des Entsatzheers stand, das 1683 die türkische Belagerung Wiens brach. Neben dem Krieg führten ihn Studienreisen nach Deutschland, die Niederlande, Frankreich, England und sogar in die Türkei. Weite Wege für diese Zeit und auch heute noch.

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Eine Liste von Sobieskis Schlachten steht an der Seite seines Denkmals in Gdańsk. Auch in dieser Stadt war Sobieski wiederholt, etwa zu Begegnungen mit Jan Heweliusz. Denn wenn der historisch halbgebildete Deutsch weiß, daß Gdańsk bis 1945 Danzig und eine deutsche Stadt war, dann stimmt das nur halb: bezogen auf Sprache und Kultur seiner Bewohner, aber nicht auf die staatliche Zugehörigkeit. Zu einem deutschen Staat, erst Preußen, dann dem Deutschen Reich gehörte es nur recht kurz (1793-1807 und 1814-1919). In anderen, eher kurzen Zeiten war es eigenständig (1807-1814 und 1919-1939) und lange gehörte es zur polnischen Rzeczpospolita (1455-1772). Ein Danziger Bürger des 18. Jahrhunderts hätte es wohl als Beleidigung empfunden, wenn man ihm gesagt hätte, daß seine Stadt in Preußen liege.

Dennoch erstaunt es, daß ein Reiterstandbild eines polnischen Königs auf einem Platz des heutigen Gdańsk steht. Es ist ein banales historisches Machwerk, das offenkundig aus dem preußisch-deutschen späten 19. Jahrhundert stammt

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Zwar ist der Platz, Targ Drzewny (Holzmarkt) genannt, eher eine bessere Verkehrsinsel und im Sommer bei Obdachlosen beliebt, aber doch sehr zentral gelegen.

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Die Deutschen werden dieses Denkmal also kaum gebaut haben. Die Inschrift auf der anderen Seite erklärt alles:

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„Królowi Janowi III. miasto Lwów MDCCCXCVII.” (König Jan III. die Stadt Lwów)

Nicht die preußischen Deutschen, sondern die Polen, die den Osten des alten Österreichs dominierten, bauten sich also dieses Denkmal und nicht im damaligen Danzig, sondern im damaligen Lwów.

Als Polen nach dem Krieg nach Westen verschoben wurde, als die Deutschen aus den neuen westlichen Teilen Polens ausgesiedelt und die Polen aus der Ukraine dort angesiedelt wurden, als aus Danzig Gdańsk und aus Lwów Lviv oder Lwow wurde, reiste Sobieskis Denkmal mit oder nach und er kam in einer Stadt zu stehen, von der er wohl nie gedacht hätte, daß sie einmal in diesem Maße polnisch sein würde. Zu sehen, wie selbstverständlich Sobieski heute in Gdańsk steht, wie selbstverständlich polnische Obdachlose um ihn sitzen, wie selbstverständlich sich polnische Touristen mit ihm photographieren, hat etwas Beruhigendes. Es zeigt, wie schnell auch die extremsten Bevölkerungsverschiebungen zur Normalität werden. Wenn es so einfach ist, aus einer deutschen Stadt eine polnische und aus einer polnischen eine ukrainische zu machen, wenn sogar ein Denkmal mitreisen kann, dann ist doch alles möglich, vielleicht sogar Fortschritt.