Archiv für den Monat Juni 2015

Das menschliche Maß in Padua

Das menschliche Maß ist ein entscheidendes Kriterium für die Beurteilung von Architektur. Was darunter zu verstehen ist, läßt sich jedoch oft schwer erklären. Daher seien an dieser Stelle in loser Folge einige Beispiele aufgeführt. Siehe auch Das menschliche Maß in Wien.

Padua hat eine der ältesten Universitäten Italiens und damit der Welt. Deren ältestes Gebäude, der Palazzo del Bo, ist von außen in der Enge des Stadtzentrums nicht sehr markant, doch dafür hat es im Inneren zwei umso wichtigere Höfe.

Der ältere, der Cortile Antico (Alte Hof) ist italienische Renaissance in Reinform.

PalazzoDelBoCortileAntico

Ein großzügiger und doch intimer quadratischer Raum umgeben von Kolonnaden aus zierlichen dorischen Säulen, die eine Galerie im Obergeschoß tragen, auf der Kolonnaden aus ionischen Säulen das Dach tragen. Auf dem Architrav zwischen den Geschossen zeigen Reliefs Ochsenschädel, die eine Art Logo der Universität sind, weil in einem Vorgängerbau ein Metzger war (auch Palazzo del Bo heißt in altem Italienisch Palast des Ochsen), geflügelte venezianische Löwen, die auf die Zugehörigkeit Paduas zur Republik Venedig hinweisen, und Symbole verschiedener Wissenschaften, während auf dem Architrav unterhalb des Dachs in der Fortsetzung der Säulen Löwenköpfe hervorragen. Diese Ornamentik bleibt aber dem von der Architektur geschaffenen Raum völlig untergeordnet und ändert nichts an seiner Einfachheit und Klarheit. Viel auffälliger sind die unzähligen kleinen Tafeln an den Wänden der Kolonnaden und die Malereien in ihrem Kreuzgewölbe. Als wollten sie das Menschliche der Architektur noch betonen, zeigen sie die Namen, die Herkunft und die Wappen der Absolventen. So entsteht eine Galerie gesamteuropäischer Gelehrsamkeit des 16. Jahrhunderts. In diesem Ausschnitt etwa finden sich Absolventen aus Burgund, England, Spanien, Deutschland, Böhmen, Polen, Ungarn:

PalazzoDelBoCortileAnticoNamen

Der zweite Hof, der Cortile Nuovo (Neue Hof) ist faschistische Architektur in Reinform.

PalazzoDelBoCortileNuovo

Er ist etwa so groß wie der Cortile Antico und hat zwei Geschosse hohe Arkaden, die wie die beiden Geschosse darüber mit glattem weißen Stein verkleidet sind. Oben hängt an einer der Wände ein Relief mit einer lateinischen Inschrift, das irgendetwas über den Zusammenhang von Studium und Soldatentum erzählen will. Auch hier liest man, oben in einem Seitenteil, Namen, aber nur die des Königs Viktor Emmanuel III, der entsprechend der nominell weitesten Ausdehnung des italienischen Imperialismus etwa 1940 auch als König von Albanien und Kaiser von Äthiophien genannt ist, und von Mussolini, der sich lateinisch als „Italorum Duce“ betiteln läßt.

PalazzoDelBoCortileNuovoMussolini

Im Renaissancehof ist alles zweckmäßig und menschlich, während im faschistischen Hof alles monumental und menschenfeindlich ist. So sind die Säulen im Cortile Antico funktionale Elemente, die eben so hoch sind wie erforderlich, während die Arkaden im Cortile Nuovo nichts tragen, sondern nur dazu dienen, daß der Betrachter sind klein und unwichtig fühlt. Sowohl die Architektur der Renaissance als auch die reaktionärste Architektur des italienischen Faschismus sahen sich als eine Fortsetzung der Antike, aber dieses Beispiel zeigt, wie wenig das heißt. Denn nichts, gar nichts haben diese beiden Höfe miteinander gemein.

Es ist zu bedauern, daß der faschistische Hof der Universität Padua je gebaut wurde, aber ein Gutes hat er doch: durch seine Nähe zum Renaissancehof läßt sich sehr leicht erklären, was menschliches Maß in der Architektur bedeutet.

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Autopon oder Architektur der Verschwendung

Fast jeder Architektur wohnt vielleicht eine gewisse Verschwendung inne, weil sie immer etwas mehr ist, als sie unbedingt sein müßte. Selten jedoch ist das so deutlich wie bei diesem Gebäude in Amsterdam.

AutoponAmsterdam

Es steht am Ende des Overtoom, einer der wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt, und ist entsprechend der Kurve zum Amstelveenseweg leicht geschwungen. Die ersten beiden Geschosse sind verglast und zurückgesetzt. Schräge Betonstützen, die schmal beginnen und sich dann als kompliziert abgerundete und eingewölbte Formen verbreitern, tragen eine Betonwanne und erst auf dieser sind die fünf Wohngeschosse. Ihre Fassade ist strukturiert aus teils unterbrochenen horizontalen Balkongeländern und vertikalen Streben, dahinter aber ebenfalls verglast. Im rechten Teil ist auf dem Dach ein weiteres zurückgesetztes Wohngeschoß, über dessen Terrassen sich ein Brüstungsband spannt. An all dem wäre noch nichts ungewöhnlich, man könnte das Gebäude sogar als Variation auf eine Le Corbusier’sche Unité d’habitation (Wohneinheit) betrachten.

Doch im linken Teil ist auf dem Dach noch ein zweigeschossiger Aufbau, ein wahres Penthouse, vor dessen Obergeschoß auf dünnen Stützen eine Terrasse steht und sogar noch über die Fassade des Gebäudes hervorragt. Und etwa in einer Linie mit der freischwebenden Terrasse auf dem Dach ist unten ein Raum, der vor dem zweiten verglasten Geschoß schwebt.

AutoponPenthouseRaum

Bis auf die Decke und den Boden aus Beton ist er völlig verglast und er schwebt wirklich. Keine Stütze verbindet ihn mit dem Boden. Gehalten wird er nur von zwei Stahlträgern, die von schräg oben aus dem Gebäude herausragen als seien sie eine Hand, die den Raum zwischen den ausgestreckten Fingern und dem Daumen über den Gehsteig hält.

AutoponRaum

Das ist ein Effekt der Schwerelosigkeit, der heute so sehr beeindruckt wie 1961, als das Gebäude fertiggestellt wurde. Der dafür erforderliche technische Aufwand war enorm – und ebenso die Kosten. Und daher stellt sich nach dem ersten Moment der Begeisterung die Frage: Wieso wurde dieser Aufwand betrieben? Der Raum, gläsern über den Köpfen der Fußgänger, erfüllt keinen ersichtlichen Zweck, er ist nur grandiose Verschwendung. Wieso also gibt es ihn?

Man kann den schwebenden Raum und das gesamte Gebäude nur begreifen, wenn man weiß, daß es für einen Autohändler gebaut wurde. Nach dem Geschäft von Ben Pon, einem frühen niederländischen VW-Importeur, heißt es allgemein Autopon-gebouw (Autopon-Gebäude). Daher ist auch der Vergleich mit einer Unité d’habitation verfehlt. Wo eine solche eben eine Wohneinheit ist, ist das Autopon-Gebäude in erster Linie Werbung für ein Unternehmen. Wo eine Unité d’habitation freisteht, ist das Autopon-Gebäude Teil der Blockrandbebauung. Wo die Pfeiler dort einen freien Durchgang schaffen, waren hinter ihnen hier die Verkaufsräume mit den Autos. Wo dort auf dem Dach ein halböffentlicher Raum mit Schwimmbad und Schule für die Bewohner ist, ist hier ein Penthouse, das aber auch mehr der Verstärkung der Werbewirkung als dem Wohnen dient. Und der schwebende Raum ist die extreme Variante eines Schaufensters: hier wurde das jeweils neuste VW-Modell ausgestellt. Mit in seiner ganzen verschwenderischen technischen Raffinesse ist er nur ein Gimmick, das die Blicke auf das Gebäude und das Geschäft lenken sollte. Er ähnelt damit den Türmen, mit denen sich so viele Amsterdamer Gebäude der Zwischenkriegszeit schmückten. Wo diese für die Werbewirkung noch monumentale Vertikalität brauchten, wird sie hier bei einem durchaus nicht monumentalen Gebäude durch ein viel subtileres, aber ebenso nutzloses Detail erreicht.

Heute ist im Autopon-Gebäude ein Fitnesstudio und das weiß die Transparenz des schwebenden Raums nicht mal mehr effektiv zu Werbezwecken zu nutzen: die Scheiben sind mit Plakaten zugeklebt.

Doktorenvilla Bergen

Inmitten des alten Bergen, nicht weit von Kirche und Platz, steht eine Villa, die schon durch ihren weißen Putz ihre radikale Geschiedenheit von den rotbacksteinernen Häusern ringsum erklärt.

DokterswoningBergenDorpstraat

Zur Dorpstraat (Dorfstraße) hin hat sie hinter einem niedrigen Mäuerchen mit zwei kleinen Toren einen zweigeschossigen Bauteil mit großen, bandartigen Fenstern im Erdgeschoß und nur schmalen horizontalen Fensterschlitzen im oberen Teil des Obergeschosses. Nach links schließt ein dünnes Vordach und ein Eingangsbereich an einen etwas kürzeren dreigeschossigen Bauteil an, der um kaum mehr als die Breite der Tür näher an der Straße steht. Rechts überspannt ein vertikales Fensterband mit bunten Glasmalereien, hinter dem offenkundig die Treppe nach oben führt, alle drei Geschosse, während links viel bloße Wandfläche und nur im Erdgeschoß ein Fenster ist.

DokterswoningBergenSintAntoniusstraat

Zur querenden Sint Antoniusstraat (Sankt-Anton-Straße) hin kommt zur kubischen Form des dreigeschossigen Bauteils, der hier im ersten und zweiten Geschoß Fenster hat, das Halbrund einer links daneben über einer Terrasse schwebenden Balkonbrüstung, das dem Schwung des Mäuerchen an der Straßenecke, mit dem das recht große Grundstück abgeschlossen ist, entspricht. Treppen führen auf den Balkon und weiter auf die Dachterrasse auf dem zweigeschossigen Bauteil, die schon von der Dorpstraat zu erahnen gewesen war.

DokterswoningBergenGartenseite

Auf der Gartenseite dann verläuft der Balkon über die gesamte Länge des Gebäudes vor dem zweiten Geschoß und die Räume öffnen sich zu ihm wie sie sich im Erdgeschoß zum Garten öffnen. Rechts hinter dem zweigeschossigen Bauteil schließt sich außerdem ein langer flacher Bauteil an, der seitlich eine eigene Tür hat, zu der das zweite der Gartentore führt – hier waren die Praxisräume des Arztes, dem 1932 diese Villa erbaut wurde.

Die Doktorenvilla ist ein Kleinod, vielleicht die schönste der Villen des Ortes, in der Ausgewogenheit ihrer Proportionen und Funktionen weit mehr als bloßer Bauhausstil. Überraschen sollte sie hier in der nordholländischen Provinz aber nicht. Denn Bergen, am Rande der zum Meer führenden Dünen gelegen und nicht allzuweit von Amsterdam, war ab Ende des 19. Jahrhundert zu einem Ort des gehobenen Tourismus geworden, in dem das städtische Großbürgertum seine Ferienvillen baute. Zuerst hatten sie noch monumentale historistische Formen, doch bereits während des ersten Weltkriegs entstand auch die Villenkolonie Meerwijk (Seeviertel). Ihre Gebäude verbinden traditionelle lokale Elemente wie das Reetdach mit einer von Van der Felde beeinflußten Expressivität. Mit ihren komplizierten, vielfach geschwungenen und abgeschrägten Formen bekommen sie, wie es sich auch in Namen wie „De Ark“ (Die Arche) ausdrückt, meist eine Schiffsymbolik.

DeBarkMeerwijkBergen

Das ist so faszinierend wie offenkundig bizarr, denn wenig ist trauriger als ein Schiff auf dem Trockenen. Meerwijk will eine Flotte sein, ist aber ein Schiffsfriedhof, es will die niederländische Seemacht und Tradition zelebrieren, kündet aber von deren baldigem Niedergang. Es will ein Weg fort von der historistischen Architektur sein und ist es auch, aber es ist ein Irrweg. Von diesem, der sogenannten Amsterdamer Schule, sollte sich die niederländische oder jedenfalls die Amsterdamer Architektur in der gesamten Zwischenkriegszeit kaum mehr erholen.

Für Bergen ist die Doktorenvilla daher zweierlei: einerseits die Ankunft der neuesten Architekturmode in einem architekturmodebewußten Ort, aber andererseits auch ein wertvolles Gegengewicht zur Amsterdamer Schule. All die Symbolik, all das kleinlich Niederländische, weicht einer funktionalen weißen Klarheit wie sie zur selben Zeit auch in anderen avancierten Industrieländern den Weg für wahrlich Neues freiräumte.

Radikaler Barock

Der Barock ist ein oft mißverstandener Stil. Er wird allgemein mit Prunkt und Überladenheit verbunden, was auch offensichtlich nicht völlig falsch ist. Übersehen wird dabei, daß er mit den Formen der ausgestorbenen griechischen und römischen Zivilisationen, die von der Renaissance bedauerlicherweise wiederbelebt worden waren, viel freier und spielerischer umgeht als diese und daß die hinter den Prunkfassaden verborgenen Baukörper auf neuartige Arten landschaftliche Gegebenheiten ausnützen.

Es ist das zentrale Paradox des Barock, daß er der Natur klare geometrische Formen gab, den Gebäuden aber die überkommenen Formen der Antike oder gar, besonders im Rokoko, die der Natur. Im Park von Schönbrunn kann man in zwei unterschiedliche hohen eckig geschnittenen Hecken schon die Zeilenbauweise der schlichten fortschrittlichen Wohngebäude des 20. Jahreshunderts sehen, während das Schloß dahinter eben ein zu großer und reichlich banaler Barockbau ist.

HeckenSchönbrunn

An einer anderen Stelle stehen auf einer Wiese kugel- und kegelstumpfförmige Sträucher, während dahinter der Obeliskbrunnen, der den Abschluß einer der vier großen Alleen des Parks bildet, zu sehen ist.

StrauchformenSchönbrunn

Die eigentlich einfache Form des Obelisken steht auf bizarren und unendlich geschmacklosen Pseudofelsen, von denen allerlei falsche Vegetation herunterhängt.

ObeliskbrunnenSchönbrunn

Neben gänzlich unnatürlicher Natur also äußerst schlecht die Natur nachahmende Architektur.

ObeliskbrunnenSchönbrunnDetail

Ein radikaler Barock nun hätte es genau andersherum gemacht: er hätte der Natur das Komplizierte, Ornamentale gelassen, das das Ihrige ist, und der Architektur das Klare, Schnörkellose gegeben, das das Ihrige sein sollte. Es gab einen solchen radikalen Barock nur in Ansätzen, etwa im Lusthaus im Prater. Auch die Entwürfe der Revolutionsarchitektur waren ein solcher Ansatz, aber zu monumental. Sie wurden auch nie ausgeführt und statt ihrer entstand der Klassizismus, oder, wie er anderswo die Verbindung zum französischen Kaiserreich offenlegend und damit richtiger heißt, das Empire. Trotz seinen vielen fortschrittlichen Aspekten war dieser Stil eher ein Rückschritt zu den antiken Formen, von denen der Barock, auch in seinen nicht radikalen Varianten, eine gewisse Befreiung gewesen war. Es brauchte die Zwischenzeit des Historismus des 19. Jahrhunderts, der in seiner Beliebigkeit allen überkommenen Formen den letzten Anschein von Legitimität nahm, bis im Zusammenhang mit der nächsten großen Revolution die fortschrittliche Architektur zum Durchbruch kommen konnte.

Amsterdamer Türme

Jedes Gebäude in Amsterdam, das etwas auf sich hält, hat einen Turm. Traditionell waren das vor allem die Kirchen, wie überall, während die normalen Häuser entlang der Grachten und Straßen sich meist mit geschmückten Giebeln begnügten, wie überall. Das änderte sich im späten 19. Jahrhundert durch neue Gebäudetypen wie das Mietshaus, das Hotel, das Bürogebäude, die der entwickelte Kapitalismus hervorbrachte. Die ersten dieser neuen Türme neuer Gebäude, etwa diese Leidsestraat Ecke Keizersgracht, waren noch eher Kuppeln, wie sie ähnliche historistische Gebäude auch in anderen Städten haben.

LeidsestraatKeizersgracht

Doch als im Jahre 1900 nach nur zwanzig Jahren das „American Hotel“ am Leidseplein (Leidener Platz) umgebaut wurde, wie auf seiner Fassade samt Relief des ursprünglichen Gebäudes festgehalten ist,

AmericanHotelAmsterdamRelief

bekam es nicht nur Jugendstilformen, sondern vor allem auch: einen Turm.

AmericanHotelAmsterdam

Dieser, an der Gebäudeecke zur Singelgracht, mit Uhr, in einer Art Zikkuratform endend, war so etwas wie das Urbild der folgenden Amsterdamer Türme.

In der Zwischenkriegszeit dann, als die Architektur der Stadt von der expressiven Monumentalität der Amsterdamer Schule beherrscht war, kam es zu einer waren Turmschwemme. Wirklich jedes größere Gebäude bekam nun einen.

CarltonAmsterdam

Das riesige, der Vijzelstraat Kolonnaden zuwendende und die Reguliersdwarsstraat überspannende Carlton Hotel von 1928 – es hat einen Turm. Er krönt die komplizierte Dachlandschaft des Hotels und ist mit seinem offenen Stahlaufbau so etwas die eckige Variante einer der typischen offenen Turmhauben der Stadt.

AmsterdamscheBankRembrandtplein

Das ehemalige Bankgebäude am Rembrandtplein (Rembrandtplatz), 1932 fertiggestellt – es hat einen Turm. Das Gebäude tritt an der Ecke leicht zurück, aber nur, um seinen schlanken, aus mehreren eckigen Teilen zusammengesetzten Uhrturm noch stärker wirken zu lassen.

ChevroletStadhouderskadeAmsterdam

Das 1927 fertiggestellte Gebäude eines Chevrolet-Händlers am Stadhouderskade (Statthalterkai) – es hat einen Turm. Eckig und mit vertikalem Fensterschlitz scheint er vor allem zeigen zu wollen, wo das Gebäude anfängt und der Nebenbau aufhört, doch das gelingt ihm kaum, da der dunkelrote Backstein alles dominiert. Das ist auch der Grund, wieso die drei beschriebenen Gebäude einander so ähnlich sind.

DeTelegraafNieuwezijdsVorburgwalAmsterdam

Auch das bereits deutlich fortschrittlichere, von einer einfachen Backsteinfassade mit großen regelmäßigen Fensterflächen bestimmte ehemalige Redaktionsgebäude der Tageszeitung „De Telegraaf“ am Nieuwezijds Voorburgwal (Neuseitner Vorburgwall), 1930 fertiggestellt – es hat einen Turm. Doch dieser ist viel schlichter, eine simple eckige Form, die sich oben in einer dünneren eckigen Konstruktion aus Stahl und Glas fortsetzt, so daß er an eine Antenne erinnert. Er ist auch der höchste der Amsterdamer Türme.

Doch wie sind diese Turmbauten zu Amsterdam nun zu erklären? Vielleicht genügt es, den Namen des ersten so betürmten Gebäudes zu betrachten: „American Hotel“. Alle genannten Gebäude wollen amerikanisch sein oder so, wie sich niederländische Architekten Amerika vorstellten, sie wollen dem alten Amsterdam ein wenig vom ehemaligen Nieuw Amsterdam und heutigen New York geben, sie wollen Wolkenkratzer sein. Doch für wirkliche Wolkenkratzer reichte das Geld und vieles andere nicht, also mußten die Türme als Ersatz dienen, als Andeutung des Strebens in die Höhe. Anders als die Wolkenkratzer Amerikas sind sie damit völlig nutzlos oder, falls sie Uhren haben, zumindest nicht nützlicher als die Kirchtürme und werden so ungewollt doch wieder sehr europäisch. Mit Wolkenkratzern wie Kirchen gemein haben sie allerdings, daß sie in der Stadt mehr oder weniger zufällig und nicht nach stadtplanerischen Gesichtspunkten plaziert sind. Fast keiner der genannten Türme ist aus größerer Entfernung sichtbar oder steht in einer Sichtachse.

An der einen Stelle in Amsterdam, die für ein Hochhaus oder wenigstens einen Turm geradezu prädestiniert wäre, dem innerstädtischen Abschluß der langen und breiten Straße Overtoom, kurz hinter dem Leidseplein, steht zwar durchaus ein Gebäude aus der Zwischenkriegszeit, aber es ist nicht sehr hoch und hat auch keinen Turm.

GemeentetramAmsterdam

Der frühere Sitz der städtischen Verkehrsbetriebe Gemeentetram (Gemeindetram) von 1923 beschließt die Achse vielmehr auf dieselbe Art, wie es ein dreiflügeliges Schloß täte. An beiden Seiten des Backsteinbaus sind dreigeschossige Querflügel, die in den Ecken runde, oben verglaste Erker und im oberen Geschoß trapezförmige Fenster haben. Zwei Bauteile, die nur aus Wandflächen und dunkel verglasten Ecken bestehen, leiten über zum viergeschossigen Hauptflügel, der durch vertikale Streben zwischen den Fenstern der ersten drei Geschosse strukturiert ist und in Mitte ein Portal hat. Es ist ein durch und durch konservatives Gebäude, dem sogar der sympathische Wunsch, Wolkenkratzer zu sein, fehlt. Etwas Wertvolles und Schönes hat es aber doch: unterhalb des zweiten Geschosses des Hauptflügels ragen eckige Steinstreben nach vorne, die vom Bildhauer Hildo Krop als Reliefs, nein, als Skulpturen gestaltet sind.

GemeentetramAmsterdamSkulpturenHildoKrop

Die Motive haben mit Verkehr zu tun, Pferde vor einer Kutsche, Sänftenträger, was so naheliegend wie banal ist. Wie der Stein aber ganz ausgenutzt und man etwa vorne die Pferde und an den Seiten die Kutsche sieht, ist großartig.

GemeentetramAmsterdamSkulpturenDetail

Diese Kleinteiligkeit und Allansichtigkeit bricht beinahe die frontale Monumentalität des Gebäudes. Solche neuartigen künstlerischen Herangehensweisen, wie man sie in Wien etwa bei Josef Scheus Grab findet, gibt es in Amsterdam häufiger, bereits an der Börse, einem Jugendstilbau von 1903, gibt es Beispiele.

Wie schön ein Amsterdamer Turm sein kann, wenn er keiner mehr ist, zeigt schließlich das Kaufhaus Vroom & Dreesmann. Es wurde 1934 errichtet und ist eines der fortschrittlichsten Amsterdamer Gebäude seiner Zeit. Eigentlich besteht es nur aus von hellem gelben Backstein gerahmten Glasflächen zur Kalverstraat

V&DKalverstraat

und zum Rokin.

V&DRokin

Doch auf die Andeutung eines Turms kann es nicht verzichten: zum Rokin ragt ein Erker, in dem wohl ein Treppenhaus ist, halbrund hervor. Monumentalität allerdings ist hier keine mehr. Jede horizontale Wirkung wird durch die große Glasfläche daneben aufgehoben. Damit man den Kopf keinesfalls heben braucht, ziert den unteren Abschluß dieses Treppenhauses, genau auf der Augenhöhe der Passanten, ein Steinrelief.

V&DRokinRelief

Es zeigt in der Mitte einen knienden Mann, der das Amsterdamer Wappenschild mit dem xxx hält, und einen sitzenden Mann, der eine Krone darüber hält. Das ist eine simple Darstellung der Verleihung des Rechts, die heilig-römische Kaiserkrone über dem Wappen zu tragen, durch den späteren Kaiser Maximilian I. im Jahre 1489. Der Ort ist wohl gewählt, um die etwas paradoxe Tatsache, daß eine protestantische Stadt sich mit der Krone eines katholischen Herrschers schmückte, darzustellen, denn früher stand dort eine katholische Kirche. Es waren die katholischen Unternehmer Willem Vroom und Anton Dreesmann, die sie abreißen ließen, um 1912 ihr erstes Kaufhaus, den Vorgängerbau des heutigen, zu errichten, selbstverständlich aber nicht ohne anderswo den Bau einer weit größeren neuen Kirche zu unterstützen.

So verbindet sich hier fortschrittliche Architektur, die nicht mehr von Amerika träumt, sondern in aller Schlichtheit und Bescheidenheit ihre Funktion erfüllt, mit einem wichtigen Ansatz für eine fortschrittliche baugebundene Kunst. Oder zumindest ist es das, was man heute sieht. Das liegt jedoch daran, daß nur die Hälfte des ursprünglichen Plans ausgeführt wurde. Dieser sah vor: einen Turm. Er wäre dem des Telegraaf-Gebäudes wohl sehr ähnlich geworden. Wieder einmal taten der Zufall und ökonomische Einschränkungen ihre segenreiche Wirkung für die Architektur. Nur dank ihnen ist das Kaufhaus Vroom & Dreesmann ein Antithese zu allen Amsterdamer Türmen und Beispiel eines Wegs in die Zukunft.

Bergens Zentrum

Der Ort Bergen im Norden von Holland hat ein doppeltes Zentrum. Es gibt zum einen das alte Zentrum, dessen Mittelpunkt eine gotische Kirche bildet. Sie war einst recht groß, doch seit ihrer Zerstörung durch protestantische Geuzen im Kampf gegen die katholischen Spanier im Jahre 1574 besteht sie zu mehr als der Hälfte nur noch aus den Außenmauern mit ihren backsteinernen Spitzbögen.

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Der verbleibende Teil der sogenannten Ruïnekerk (Ruinenkirche) hat in der Dachmitte ein Türmchen mit offenem Glockenspiel und einer für die niederländischen Sakralarchitektur typischen Haube, die eine Zwiebelform nur aus gebogenen Streben bildet. Um die Kirche ist eine Wiese, die früher der Friedhof war, und darum ein rechteckiger Platz mit kleinen, mehr oder weniger alten Backsteinhäuschen. Bloß das passend benannte bereits beinahe klassizistische „Huis met de pilaren“ (Haus mit den Pfeilern) von 1787 sticht aus dieser Bebauung heraus.

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Das ist der Kern des alten Dorfs Bergen.

Von der nordwestlichen Ecke des Platzes blickt man schon ins nahe neue Zentrum. Es nimmt eine Straßenecke ein und besteht nur aus einem einzigen Gebäudekomplex sowie dem Raum um diesen.

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Über dem Plein (Platz), wie er einfach heißt, ist ein zweigeschossiges Wohngebäude aufgestützt. Es beginnt an der Breelaan mit einer Schmalseite aus rötlichem Backstein und erstreckt sich auf schlichten quadratischen Stützen nach rechts. Vor der Schmalseite ist eine freistehende Betontreppe, die zu einem vorgesetzten Balkon auf der von der Straßenecke abgewandten Seite, von dem die Wohnungen erschlossen werden, führt. An dieser Seite besteht das erste Geschoß aus Holzverkleidung und Glas und das zweite aus Backstein mit Fenstern, die oben durch schmale horizontale Fensterschlitze verbunden sind.

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An der anderen Seite ist das erste Geschoß über der Betonfläche des Bodens völlig verglast, da auch die Balkonbrüstungen fast nur aus Glas bestehen, während das zweite weißgekachelte Balkonbrüstungen hat. Als markante vertikale Gliederung wirken hier die Backsteinwände, die die Wohnungen trennen.

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So ist der Plein in zwei Teile geteilt, aber doch ein Ganzes, da das Gebäude nicht als Hindernis, sondern als Durchgang wirkt.

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Kurz nach der Treppe steht quer zwischen den Stützen ein stark verglaster Flachbau, in dem früher das Fremdenverkehrsbüro VVV war. Erst bei seinem anderen Ende hat das Wohngebäude auch ein Erdgeschoß. Hier beginnt quer eine Ladenzeile mit breitem, von dünnen Stahlstützen getragenem Vordach.

BakemaflatBergenNHVordach

Dieses Vordach schließt an einen Restaurantpavillon an, wodurch der Platz an der Ecke auch zu dieser Seite einen durchlässigen Abschluß bekommt. Die weitere Ladenzeile, erst parallel zur Straße, dann wieder quer und schließlich, nun nah bei ihr, noch etwas weiter parallel, wird so zu einer Art Boulevard, der aus dem Platz entspringt. Das ist das Zentrum des heutigen, vom Tourismus geprägten Bergen.

Der so markante wie schlichte Gebäudekomplex, 1958 erbaut und nach seinem Architekten Jaap Bakema manchmal Bakemaflat (Bakema-Wohngebäude) genannt, ist für das neue Zentrum das, was die Ruïnekerk für das alte ist. Doch anders als sie bleibt er gänzlich allein. Schon in der nächsten Umgebung ist nichts, was seinem Anspruch auf eine neue, geplante Stadtstruktur nahe käme, dort stehen nur beliebige Wohn-, Hotel- und Einkaufsbauten, die nichts mit ihm oder miteinander zu tun haben. Das übrige Bergen ist ein einziges Suburbia, das zur einen Hälfte aus teuren Villen am Rande der Dünen und zur anderen Hälfte aus Reihenhäusern am Rande der Felder besteht. Hier wie dort gibt es einiges zu entdecken, aber nichts wie das Bakemaflat.

Zwischen altem und neuem Zentrum, nicht geographisch, sondern zeitlich, gibt es nur einen einzigen Ansatz von Stadtplanung: die Stationsstraat (Bahnhofsstraße). Breit, mit relativ großen Backsteinhäusern bebaut, will sie, wohl um die Jahrhundertwende entstanden, ganz Boulevard im Sinne des 19. Jahrhunderts sein. Auch ihre Entstehung hat schon mit dem Aufkommen des Tourismus zu tun. Ihr Name ist eine der wenigen Erinnerungen an die Kleinbahn, die zwischen 1905 und 1955 die nahe Stadt Alkmaar mit Bergen und seit 1909 auch mit dem Badeort Bergen aan Zee verband. Wiewohl sie dampfbetrieben war und größtenteils außerhalb der Ortschaften verlief, galt sie im damaligen Sprachgebrauch als Tram, ganz wie Prousts Bahn in Balbec. Die Haltestelle befand sich direkt vor dem Bakemaflat, doch die beiden verpaßten sich knapp und hätten auch nicht wissen können, daß sie Teil desselben Fortschritts waren.

Heute gehört Bergen den Autos und Fahrrädern. Man kann nur wünschen, daß seinem hübschen neuen Zentrum das Schicksal der halben Kirche und der ganzen Kleinbahn erspart bleibt.