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Das Ohr Gottes oder Das menschliche Maß in Dolany

Selbstverständlich ist so eine barocke Dorfkirche eigentlich zu groß. Hohes Schiff, hoher Turm mit hoher Kupferhaube und noch dazu wie auf einem Sockel auf einer eigenen niedrigen Erhebung stehend, dreimal so hoch wie alle anderen Häuser im Ort. Das hat seinen Sinn in einem ausgedehnten und recht ungeordneten Dorf wie Dolany am Berghang über Olomouc und der Haná, da sie so von weither sichtbar ist und das Zentrum markiert. Aber von Nahem ist solch ein Gebäude eben einfach zu groß und abweisend. Im besten Fall weiß die barocke Architektur um dieses Problem.

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In Dolany hat die hohe Fassade der 1785 fertiggestellten Kostel svatého Matouše (Matthäuskirche) kaum Verzierungen, bloß einige feine Linienmuster an der Stelle von Kapitellen kaum sichtbarer Pilaster. Doch man muß gar nicht hinaufschauen. Alles, was wichtig ist, hat man ja unten auf angenehmer Höhe. Den Beginn der auf den Eingang zuführenden Treppe bilden die Sockel zweier Heiligenstatuen, zwischen geschlängeltem Steingeländer leitet sie nach oben, wo dieses sich als Halbkreis um einen Vorplatz legt und mit zwei weiteren Sockeln und Statuen endet.

Stehen unten die Evangelisten Matthäus, nach dem die Kirche heißt, und Johannes, so sind es oben praktischere Heilige, links mit kaum zu sehendem brennenden Haus Florian, der vor Feuer schützt, und rechts mit umso prominenterem entblößten Bein und brotbringenden Hund Rochus, der vor der Pest schützt.

Und in einer Nische über dem schlichten Portal halten zwei Putten ein Dreieck, in dem zwischen Strahlen ein Ohr ist.

Das ist ungewöhnlich, hier erwartet man ein Auge. Dieses findet sich erst über dem rechten Seiteneingang in einem weiteren Dreieck, das wiederum zwei Putten schräger halten.

Gleich mit zwei Sinnen ist Gott hier also symbolisiert. Eine entsprechende Gestaltung an der linken Seite fehlt, was schade ist, denn man hätte doch gerne gewußt, was für ein Körperteil Gottes der Bildhauer sonst noch auf ein Dreieck mit Strahlen hätte setzen können.

All diese Elemente sind ganz an den Menschen gerichtet und haben menschliches Maß. Daß auch hoch oben am Rande des Dachs kleine Skulpturen, unklare Putten auf Amphoren oder Kugeln, sind, ist hingegen mehr eine Fingerübung des Bildhauers, für die es kein Publikum als vielleicht die Tauben oder einen imaginierten Gott gibt.

Wie bei jedem gelungenen hohen Gebäude dient die Höhe dazu, es von weither sichtbar zu machen, während sie direkt bei ihm weniger wichtig wird und anderes die Aufmerksamkeit aufgreift. Die Kirche als höchstes Gebäude von Dolany markiert das Zentrum des Orts, schuf es vielleicht erst. Zur selben Zeit wie sie entstand eine Schule, heute sind einige Läden in der Nähe. Auch das, was spätere Zeiten den Bewohnern und Besuchern von Dolany sagen wollten, sagten sie ganz zwangsläufig in der Nähe der Kirche.

So steht auf einer Wiese in ihrer und ihrer Treppe Verlängerung ein Ensemble aus drei Denkmälern.

Das mittlere ist eine hohe Stele zum zehnten Jubiläum der Gründung der Tschechoslowakei. Sie ist aus schwarzem und grauem Stein, unten sind Sandsteinreliefs, die Kriegsszenen und vorne eine Art Engel zeigen, und oben ist ein Bronzerelief, das den ersten Präsidenten Masaryk zeigt. Hinzu kommt, nonchalant 1945 beigefügt, eine nur russischsprachige Gedenktafel samt eingraviertem Porträt des gefallenen Sowjetsoldaten Valentin Maximowitsch Balobanow. Das verweist schon auf das zweisprachige sowjetische Denkmal weiter vorne rechts. Ist das bürgerliche Denkmal zu unruhig, unentschlossen, unausgewogen, ist das sowjetische bloß schlicht. An den Barock reichen beide nicht heran. Anders ist es mit dem dritten Denkmal vorne links. Es besteht aus einem großen Würfel aus glattem grauen Stein, der dank einer schmaleren und niedrigeren Basis fast schwerelos scheint, und es ist den Opfern des Faschismus gewidmet.

Vorne steht unter dem Wappen der ČSSR „Na věčnou památku padlým za vlast ve II. světové válce“ (Zum ewigen Andenken an die im II. Weltkrieg für das Vaterland Gefallenen). Auf der rechten Seite ist unter Lindenlaub eine Liste dieser Gefallenen.

Es sind Albín Nasswetter und Jan Hejná, die in der britischen Luftwaffe kämpften,  Otto Soor, der als Teil einer in der Sowjetunion aufgestellten tschechoslowakischen Fallschirmjägereinheit am Slowakischen Nationalaufstand (SNP) teilnahm, Alois Štěpánek, Josef Brzokoupil und Jaromír Sedláček, die als politische Gefangene in Auschwitz, Brno und Buchenwald starben, und schließlich Svatopluk Prokeš, der am Widerstandskampf in der Heimat teilnahm. Das ist von den Zufälligkeiten der Geschichte so perfekt zusammengestellt worden, wie man es sich kaum glaubhaft hätte ausdenken können. Fast alle Fronten, fast alle Opfer- und Kämpfergruppen sind vertreten.

In diesem Denkmal ist eine Stärke und Einfachheit, die der des Barocks ebenbürtig ist. Hier fand ein System seinen Ausdruck, daß in seinen besten Momenten so selbstbewußt und umfassend war wie der Katholizismus im 18. Jahrhundert: der Sozialismus. Was er versäumte, war die städtebaulichen Vorgaben der Kirche aufzugeben und sein Kunstwerk mit seiner eigenen Architektur zu verbinden. Schon die bürgerliche erste Republik hatte ein Stück entfernt am Ortsrand eine riesige Schule mit recht monströsem Relief über ein Komenský-Wort gebaut. Der Sozialismus rückte näher an die Kirche heran und war unendlich viel feinfühliger. Das von ihm 1987 gebaute Zdravotní středisko (Gesundheitszentrum) befindet sich jenseits der Straße rechts der Kirche.

Sein Hauptteil hat zwei Geschosse, regelmäßige vertikale Fenster und in der rechten Hälfte einen vorgesetzten Eingangsbereich mit Treppe, dessen Glasfläche beide Geschosse überspannt. Links schließt ein niedrigerer zweigeschossiger Trakt mit Garagen und Anlieferbereichen an und rechts der Flachbau der Apotheke, so daß eine U-Form entsteht. Vor der Apotheke sind Kolonnaden auf eckigen Metallstützen, die vom umschlossenen Bereich zur Kirche überleiten.

Das Gebäude will sich mit der Kirche nicht in der Höhe messen, sondern schafft ganz unangestrengt und selbstverständlich seinen eigenen städtischen Bereich, der den der Kirche ergänzt und erweitert. Das ist der einzig richtige Umgang mit überkommener Architektur.

Leider aber ist die Architektur des Sozialismus von der Kunst, die seine Heiligen, die Menschen sind, auf angemessene Weise ehrt, getrennt. Hier im Hufeisen des Gesundheitszentrums, wo der Sozialismus in Dolany am sichtbarsten er selbst war, wäre auch der richtige Ort für den Denkmalwürfel gewesen. Das wäre die fortschrittliche Lehre aus dem Barock gewesen und hätte das Ensemble noch weiter über die Kirche erhoben. Immerhin jedenfalls hat das Dorfgesundheitszentrum genau die richtige Größe.

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