Archiv für den Monat Mai 2017

Alt und Neu an der Pomorska

Es ist ein sehr fotogener Kontrast: vor den zehngeschossigen fortschrittlichen Wohngebäuden ein einziges kleines Einfamilienhaus.

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Es hat einen akkurat umzäunten Garten mit Garage, einigen Bäumen und Marienschrein. Es ist also ein ganz normales polnischen Häuschen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie man es von den Vorstädten bis in die Dörfer überall finden könnte. Allein hier, im nördlichen Gdańsker Wohngebiet Żabianka, auf der rechten Seite der Straße Pomorska, wo es sonst kein anderes Einfamilienhaus gibt, wird es auffällig. In dieser Umgebung wirkt es wie ein Exponat in einem Freilichtmuseum. „Seht, so haben unsere Vorfahren gelebt!“ scheint es dem kopfschüttelnd Vorbeikommenden sagen zu wollen.

Diese Rolle, als Schaustück aus einer überwundenen Vergangenheit, wäre dem Haus an der Pomorska auch zu wünschen. Selbstverständlich müßte es dann tatsächlich ein Museum sein und niemand dürfte dort wohnen. Doch so ist es ja leider nicht. Allzuviele, die das Haus in dieser Umgebung sehen, sehen wohl leider nicht das etwas verquere Alte inmitten des besseren Neuen, die Hütte vor den egalitären Palästen, sondern etwas Erstrebenswertes, das Ziel alles kleinbürgerlichen Luxusstrebens.

Den selbstgebauten Schrein mit der massengefertigen Marienfigur könnte man für sich genommen als harmlosen Ausdruck eines noch volkstümlichen Glaubens, als ein wenig aus dem litauischen, ukrainischen oder auch kleinpolnischen Dorf in die große nachdeutsche Stadt mitgebrachte Ländlichkeit, begreifen. Doch leider weiß man, daß der polnische Katholizismus stärker denn je ist und politisch wie künstlerisch tagtäglich weit Schlimmeres anrichtet.

So ist das Häuschen an der Pomorska leider nicht bloß eine rührende Erinnerung an schlechtere Zeiten, sondern eine traurige Erinnerung an den gegenwärtigen schlechten Zustand der Welt.

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Gočárův okruh – Schnellstraßen in Hradec Králové

Abseits des Busbahnhofs, am Rande des Industriegebiets, zwischen den Gebäuden von Fachschulen, steht in Hradec Králové ein unscheinbarer viergeschossiger Bau und in der Mitte seines Eingangs hat er ein Sandsteinrelief.

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Typisch tschechoslowakisch, abstrakt, irgendeine Schleifenform, scheint es.

Doch dann erkennt man, daß es die Kleeblattkreuzung einer Autobahn darstellt. Erst zweifelt man kurz, vielleicht ist es ja nur ein Zufall, doch schnell ist es klar. Das Autobahnkreuz ist nicht ganz von oben, sondern aus einer leicht schrägen Vogelperspektive gezeigt. Auf einmal wird auch das Gebäude interessanter, der Wechsel zwischen braungekachelten Wandteilen an den Ecken und Fensterbändern, die Garageneinfahrten, der quadratische Grundriß mit offenbar einem Innenhof in der Mitte.

Aber was es mit Autobahnen zu tun hat, verrät es nicht.

Hradec Králové ist indes eine Stadt, die eine enge Beziehung zum Straßenbau hat. Es besitzt einen vierspurigen Schnellstraßenring, der sich als beinahe perfekter Kreis um seine inneren Teile legt. Vergleichbares gibt es in keiner anderen tschechoslowakischen Stadt dieser Größe (etwa 100 000 Einwohner). Daß gerade Hradec Králové diesen Ring hat, liegt zum einen an der unproblematischen Topographie – die einzige Erhebung ist der Hügel, auf dem die Altstadt liegt – und zum anderen daran, daß die städtebaulichen Planungen dafür bis ins Jahr 1928 zurückreichen. Die Ausführung blieb in den Jahren 1967 bis 1980 dem tschechoslowakischen Sozialismus vorbehalten, was eine bemerkenswerte Kontinuität über die Zeiten und Systeme hinweg ist. Nach dem für Hradec Králové ungemein wichtigen Architekten Josef Gočár, von dem die ersten Pläne stammen, wird der Schnellstraßenring auch Gočárův okruh, Gočárring, genannt.

Kreuzungsfrei allerdings ist er nicht und Kleeblattkreuze hat er erst recht nicht, dafür ist die Stadt doch zu klein. Immerhin wurden für ihn zwei Brücken über die Elbe, eine über die Orlice und eine über eine größere Querstraße im Osten gebaut.

Letztere, beinahe eine kurze Hochstraße füllt den gesamten Raum einer Mietskasernenstraße, was einen Eindruck beinahe amerikanischer Großstädtigkeit schafft,

und legt eine geschwungene Auffahrt um das Grün eines Platzes, was wiederum eigenartig idyllisch wirkt.

Auch sonst wurde durchaus alles dafür getan, sie so ein einladend zu machen, wie eine Straßenbrücke zwischen dichter Wohnbebauung eben sein kann.

Sie ruht weit auskragend auf nur je zwei dicken runden Stützen, bei der Auffahrt sogar nur auf einer, was ihr eine gewisse Leichtigkeit gibt, die allerdings von den seitlichen Stützen eines neueren Lärmschutzdachs wieder konterkariert wird.

Am Ring entstanden viele Unterführungen, unter anderem eine besonders gelungene im Zentrum, und auch die Elbbrücken sind mit einer gewissen Berücksichtigung des Fußgängerverkehrs gebaut. Bei der südlichen von ihnen, ursprünglich Most Obrancův míru (Brücke der Verteidiger des Friedens), führen von den Gehwegen neben den Fahrbahnen geschwungene Rampen, die von V-Stützen getragen werden, zum Uferweg hin.

Es ist gerade so, als haben die Planer die geschwungenen Abfahrten der Kleeblattkreuze, die zu bauen ihnen verwehrt geblieben war, stattdessen für den Fußgänger gebaut.

Neben der nördlichen der Brücken, ursprünglich Most Antonína Zápotockého (Antonín-Zápotocký-Brücke) führen Treppen zum Uferweg, aber sie verbreitern sich nach unten leicht und leiten so an den vertikal geriffelten Betonwänden vorbei unter die Brücke.

Es ist, als solle dem Fußgänger freundlich nahegelegt werden, ihre Konstruktion, die weiten sanften Bögen unter den Fahrbahnen und die als schräg übers Wasser ragende Wände ausgeführten Stützen, zu bewundern.

Die Treppen selbst bekommen durch die oben und unten unterschiedlichen Breiten, die steinernen Stufen und die Nadelbüsche daneben etwas Südliches, Antikes.

Durch kleine Details wie diese, die schön sind, ohne dekorativ zu sein, zeigt Hradec Králové, wie stolz es auf seine Brücken und seinen Schnellstraßenring ist. Nur passend also, daß es einer Autobahnkreuzung ein Kunstwerk widmet.

Das alte Hradec Králové

Hradec Králové ist eine jener Städte, bei denen auf beinahe langweilige Art offensichtlich ist, wieso sie gerade dort entstanden, wo sie entstanden. Es liegt auf einem Hügel beim Zusammenfluß von Labe (Elbe) und Orlice in der ansonsten eher flachen ostböhmischen Landschaften. Der Hügel erstreckt sich etwa quer zur Elbe nach Osten und seine Ränder bilden die gleichsam natürliche Grenze des alten Hradec Králové.

Aus Hyhlík, Vladimír/Přeučil, František: Východní Čechy, Praha 1978

Eine Straße, die steil hinaufführt und sich dann teilt, ein großer Platz, der sich als unregelmäßiges Dreieck verjüngt und kaum, daß er zur Straße geworden scheint, auf einen kleinen etwa quadratischen Platz stößt, eine Straße, die steil hinabführt, nördlich einige enge Parallel- und Querstraßen – das ist dieses alte Hradec Králové. Es war im 18. Jahrhundert bereits einmal größer, doch dann wurde es zur Festung ausgebaut und die Vorstädte abgerissen. Vor dem Hügel blieben einzig die Kasernen im Süden. Diese Einkesselung durch die Festungsmauern konservierte das alte Hradec Králové noch etwas mehr als andere tschechische Städte. Heute ist es  „městská památková reservace“ (städtisches Denkmalgebiet, wörtlich Denkmalreservat) und kann wie ein harmonisches Ganzes erscheinen. Dabei ist es ein Kampf!

Auf der nur kurzen westlichen Seite des Platzes ragt ein Gewirr von Türmen empor wie ineinander verkeilte Lanzen.

Aus Autorenkollektiv: Hradec Králové, Praha 1970

Die Hauptkontrahenten sind die beiden spitzen hohen Türme der gotisch-neogotischen Backsteinkirche links und die beiden viel niedrigeren Türme des barocken Rathauses rechts, die mit elegant gewölbten und offenen Hauben enden. Doch der dazwischen stehende Bílá věž (Weiße Turm) übertrumpft sie alle. Er ist ein Renaissancebau, der aber mit riesigen spitzbögigen Fenstern, in denen Säulen sich um etwas Antike bemühen, noch klar der Gotik verpflichtet ist. Riesig und dunkel steht er da, bedrohlich, beinahe monströs. An ihn heftet sich rechts wiederum eine barocke Kapelle mit einer schlanken Kuppel, auf der noch ein vergoldeter Aufsatz in Form zweier gekreuzter Schlüssel und einer Krone ist.

Auch die beiden langen Seiten des Platzes verbindet wenig, ja, sie stehen sich feindlich gegenüber.

Aus Havel, Jiří: východočeským krajem, Praha 1984

An der Nordseite vielfach umgebaute Häuser, die alle noch durch Arkaden im Erdgeschoß verbunden sind. An der Südseite einheitlichere, größere Gebäude aus dem Barock: der Bischofspalast und insbesondere das Jesuitenkolleg, zu dem eine zweitürmige Kirche gehört. Sie stehen einerseits für eine fortschrittlichere, großzügigere Architektur, aber andererseits für die gewaltsame Rekatholisierung einer Stadt, in der noch lange hussitische Traditionen nachgewirkt hatten. Die jesuitische Kirche kümmert sich erst recht nicht um die Symmetrie oder Harmonie des Platzes, sie steht einfach dort, wo es ihr paßt, und gewinnt, indem sie sich nicht an ihnen beteiligt, alle Kämpfe, die an der Westseite stattfinden. Diese barocke Architektur ist ein absoluter Fremdkörper in der mittelalterlichen Stadtstruktur, das Neue und Gute, aber zugleich auch ein beinahe kolonialer Ausdruck von Macht.

Daß all diese Gegensätze und Kämpfe heute als das einheitlich schöne Alte erscheinen, ist der nie oft genug zu nennenden „Patina des Alters” (Georg Piltz) geschuldet. Selbst die paar Jugendstilgebäude im schmaleren Teil des Platzes, deren Bau um die vorige Jahrhundertwende für Erregung sorgte, fallen jetzt kaum noch auf.

Scheinbar unbeteiligt, weil losgelöst, freistehend, sind einzig die Kunstwerke: auf dem großen Platz eine hohe Mariensäule umgeben von vielen Heiligen und auf dem kleinen Platz ein Johannes von Nepomuk.

Die aufgehaltene Ausbreitung von Hradec Králové konnte sich erst im späten 19. Jahrhundert, nachdem die Festung geschleift worden war, fortsetzten. Aber auch da wuchs es nur zögerlich und wenig. Um den Hügel, vor allem zur Elbe hin, entstand historistische Wohnbebauung. Nördlich wurden ein Park und eine Prunkstraße mit k.k. Repräsentationsbauten angelegt, Hradec Královés  ziemlich bescheidene Version der Ringstraße. Alles aber blieb klein und provinziell, geprägt von Armee und Kleinbürgertum. Einziges Zeichen der Industrialisierung war eine große Brauerei, die im südwestlichen Teil des Hügels auf Resten der Festung entstand. Die wirkliche Entwicklung geschah fernab beim Bahnhof, wo Industriebetriebe und eine Arbeitervorstadt heranwuchsen. Der alles entscheidende Moment für Hradec Králové war dann das Jahr 1918 und die Entstehung der Tschechoslowakei.

Fast Food Religion

Im Einkaufszentrum Riviera in Gdynia gibt es direkt nebeneinander KFC, Burger King und McDonald’s. Wenn man Fast Food als Religion betrachtet, dann sind das der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Aber schon diese Dreifaltigkeit der Systemgastronomie kann nur ein synkretistischer subjektiver Blick als solche erkennen, da nicht alle dieser Ketten überall gleich beliebt sind. In Deutschland oder Ungarn beispielsweise ist Burger King der natürliche Zweite, der größte Konkurrent von McDonald’s, das Andere, an das man denkt, wenn man an Fast Food denkt. KFC hingegen fristet ein Schattendasein und würde vielleicht sogar noch unbeholfen Kentucky Fried Chicken genannt. In Tschechien oder Polen aber ist auf dem zweiten Platz KFC, während es Burger King lange Jahre gar nicht gab und sich auch jetzt erst nach und nach verbreitet – betrieben von derselben Firma wie KFC.

So hat Fast Food, wie jede andere Religion, seine lokalen Ausprägungen. In Amerika, so hört man, ist er polytheistisch.

Unterführungen in Hradec Králové

Unterführungen sind ein problematisches städtebauliches Instrument. In ihrer typischsten Form, wenn eine Treppe hinab, ein Tunnel unter der Straße hindurch und eine weitere Treppe wieder hinauf führt, repräsentieren sie die Unterordnung des Fußgängers unter das Auto und sind abzulehnen. Auch im ostböhmischen Hradec Králové finden sich einige solcher Unterführungen, insbesondere am Schnellstraßenring, der das weitere Zentrum umgibt

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Doch außerdem gibt es dort zwei Unterführungen ganz anderer Art.

Die eine ist Mitten im Zentrum an einer wichtigen Kreuzung auf dem Weg vom Bahnhof zur Altstadt (Třída Karla IV/Střelecká). Ihren Beginn kann man beinahe übersehen, so unmerklich sanft senkt sich der Boden.

Schon hat man die Straßenebene verlassen und geht zwischen Betonwänden, in denen ein Rillenmuster komplizierte große Pfeilelemente bildet.

Unter der Straße ist dann eine breite und helle Passage mit Schaufenstern auf beiden Seiten, die teils zu Werbe- oder Informationsflächen, teils zu Geschäften gehören.

Statt Beton dominieren nun das Glas und die schwarz-silbernen Rahmen der Schaufenster. Auf der anderen Seite geht es in so sanfter Steigung zwischen gemusterten Betonwänden hinauf, wie es zuvor hineingegangen war.

So gestaltet ist eine Unterführung kein umständliches Hindernis, sondern eine wertvolle Erleichterung für den Fußgänger. Sie zu gehen wird ihm nicht aufgezwungen, sondern ist ihm selbstverständlich. Bei typischen Unterführungen werden Eilige immer den Drang verspüren, die Straße oberirdisch zu überqueren, hier aber fiele das niemandem ein, weil es sinnlos wäre.

Ein zweiter Teil der Unterführung entspricht dann der typischen Form. An ihrem zentrumsseitigen Ende besteht die Möglichkeit, statt des Wegs eine Treppe hinaufzugehen und nach links zweigt ein weiterer schmalerer Gang ab, von dem auf der anderen Straßenseite eine weitere Treppe hinaufführt.

Über den Treppenaufgängen sind kleine Aufbauten mit verglasten Seiten, wie sie oft die typischen Unterführungen markieren.

Von der Straße würde man nur diesen Teil der Unterführung sehen, nicht aber ihren weit besseren, da der sich so unmerklich, gleichsam natürlich in den städtischen Raum einfügt. Aber auch die Betonmuster der Wände drängen gleichsam nach oben. Als Verkleidung für einen Belüftungs- und Stromverteileraufbaus an der einzigen Ecke, zu der die Unterführung nicht führt, werden sie beinahe zur abstrakten Skulptur.

Die zweite Unterführung ist im südlichen Wohngebiet Moravské předměstí (Mährische Vorstadt) dort, wo sich dessen zentrale Straße in einem Kreisel spaltet und zu den Seiten abzweigt (třída E. Beneše/Palachova).

Ist die Umgebung auch völlig anders, so bleibt doch das Prinzip das gleiche. Es gibt keine Treppen, stattdessen fällt das Gelände beidseits der Straße zur Kreuzung hin sanft ab und verschiedene Wege führen auf die Unterführung zu. Wieder gibt es Betonwände, hier aber als weit ausgreifende geschwungene Form mit vertikalen Rillen. Oben sind orangene Geländer, vor ihnen verlaufen orangene Handläufe und in der Mitte ist unter einer großen weißen Fläche der Durchgang.

Die eigentlichen Unterführungen sind hier nur sehr kurz. Man tritt durch sie in ein offenes Oval in der Mitte des Kreisels.

An einer Schmalseite ist eine halbrunde gemusterte Betonwand, an den Breitseiten sind aufsteigende Beete mit dichtem Nadelgebüsch und oben legt sich wieder das orangene Geländer darum.

Es ist ein überraschender Ort, den man hier durchquert, Ort des Durchgangs, aber zugleich freundlich, ja, einladend. Die Öffnung zum Himmel und das Grün erfüllen dieselbe Funktion wie im Zentrum die Schaufenster: sie nehmen der Unterführung das Dunkle und Abweisende. Auch hier gibt es keinen Grund, die Unterführung nicht zu nutzen und schon das beweist, wie gut sie gestaltet ist.

Diese beiden Beispiele aus Hradec Králové zeigen, daß kein städtebauliches Instrument grundsätzlich schlecht ist. Es kommt immer darauf an, wie es benutzt wird. Im ersten Fall setzt die fortschrittliche Stadtplanung die Unterführung zur Lösung eines Problems in der überkommenen Stadt ein. Im zweiten Fall, wo sie Teil einer umfassenden fortschrittlichen Planung ist, kann man schon kaum mehr von einer Unterführung sprechen.