Sowjets und Hussiten vor der Tatra

Das Mosaik ist die vielleicht typischste sozialistische Kunstform und so erstaunt es nicht, daß man auch im slowakischem Poprad am Fuße der Tatra einige findet. Hier sind zwei von ihnen:

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Viel mehr als die Tatsache, daß sie beide Mosaike sind, scheinen diese Beispiele zweier Epochen der Kunst des tschechoslowakischen Sozialismus nicht gemeinsam zu haben.

Das erste Mosaik stammt von 1951 und zeigt eine Begegnung zwischen sowjetischen Soldaten in grünen Uniformen und slowakischen Bauern in Trachten kurz nach der Befreiung der Slowakei vom Faschismus.

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Links mischen sich die jungen Soldaten unter die jungen Bäuerinnen. Einer legt dem einzigen Mann den Arm um die Schulter, einer grüßt eine Mutter mit Baby im Arm, ein Mädchen bietet einen Teller mit Keksen an, einer fordert sie mit Verbeugung zum Tanz auf. In der Mitte sitzt ein pfeiferauchender Alter im Gespräch mit einem Soldaten mit Ziehharmonika. Links läßt ein Soldat einen kleinen Jungen auf einem der vielen Pferde reiten. Im Hintergrund sind ein paar Bäume und links erhöht eine barocke Kirche, deren Turmhaube kurz unterhalb des Kreuzes abgeschnitten ist. Neben ihr hängen eine rote und eine tschechoslowakische Fahne, von denen nicht klar ist, woran sie befestigt sein könnten.

An dem Sujet wäre gar nichts auszusetzen, wenn die künstlerische Qualität des Mosaiks nicht so schlecht wäre. Die durchweg rotwangingen Figuren mögen realistisch sein, allerdings nach der Art von Kinderbuchillustrationen der billigsten Sorte.  Nichts an diesem Kunstwerk versucht, der besonderen historischen Bedeutung des Dargestellten nahezukommen und diese in den öffentlichen Raum wirken zu lassen. Es ist nur eine leere Idylle, die auf einer rasch überblätterten Kinderbuchseite nicht weiter schlimm wäre, in dieser Größe und als Mosaik aber bloß lächerlich ist. Ob der tschechische Künstler Karel Minář es einfach nicht besser konnte oder ihn die stalinistische Kunstdoktrin der frühen Fünfziger nicht besser gelassen hätte, sei dahingestellt. Das Mosaik befindet sich in einem zentralen Teil der Stadt in einer Grünanlage an der Ulica 1. mája (Straße des 1. Mai), ist aber zugleich seltsam losgelöst von seiner Umgebung, da es nicht etwa an einem Gebäude, sondern an einer freistehenden Wand angebracht ist. Fast wirkt es, als sei den Stadtplanern erst spät eingefallen, daß sich an dieser Stelle etwas Kunst gut machen würde, und als hätten sie auf die Schnelle einfach nichts nichts Besseres bekommen.

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Das zweite Mosaik stammt von 1989 und was es zeigt, ist nicht unter einen so einfachen Begriff zu bringen.

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Auf dem weißen Hintergrund ist unten links der Mitte eine vertikale Fläche, die mit einer Stadtsilhouette beginnt, sich in einer Art gotischen Maßwerkform mit den Worten „Zelená Hora – Tábor bratríkov na Spiši“ (Zelená Hora – Heerlager der Brüder im Spiš) fortsetzt und abschließend in einem großen Kreis mit den Worten „Comitatus Scepusiensis“ (Komitat Spiš) die Wappen der Städte der nordslowakischen Landschaft Spiš zeigt.

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Oben links sind auf einer horizontalen Fläche innerhalb kompliziert verschlungener Linien und Farben, sich geradezu aus diesen herausarbeitend, mittelalterliche Kämpfer mit Helmen, Schwert, Schild mit Kelchwappen zu sehen. Am rechten Ende dieser Fläche ist eine Gestalt mit waagerecht abstehendem Haar, vielleicht eine Frau, die einen Vogel, vielleicht eine Taube, nach rechts hält.

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Rechts ist auf mittlerer Höhe eine weitere horizontale Fläche, in deren Linien und Farben zuerst zwei ähnliche Gestalten, die eine auf einem nach links gewandten Pferd, die andere rechts dahinter mit erhobenem Schwert, zu erkennen sind. Weiter rechts dann in Linien, die aus den gotisch geschwungenen zu den geraden von Stromleitungen und Baukränen zu werden scheinen, eine Figur mit geschulterter Hacke, eine Frau mit Kind und eine weitere mit einer Ziehharmonika oder einem Papier.

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Das ist alles hoch symbolisch, sehr kompliziert, teilweise kaum zu erkennen, so daß jede Beschreibung ist schon eine halbe Interpretation ist. Ohne die kurze Inschrift, die man auch als Titel des Werks sehen kann, wäre überhaupt nicht zu verstehen, worum es geht, und auch so ist es insbesondere einer deutschsprachigen Leserschaft nicht ganz leicht zu vermitteln. „Zelená Hora – Tábor bratríkov na Spiši“ steht dort also und es könnte als „Zelená Hora – Heerlager der Brüder im Spiš“ übersetzt werden. Daß „zelená hora“ grüner Berg bedeutet, ist nicht wichtig, und auch, daß das Wort „tábor“ sehr komplexe und weit über ein simples Heerlager hinausgehende Bedeutungen hat, kann man vernachlässigen, aber „bratríci“ als Brüder zu übersetzen, ist recht eigentlich nutzlos, da es nichts erklärt. Die bratríci nämlich waren hussitische Krieger, die nach der Niederlage der radikalen Teile der Hussiten bei Lipany in Böhmen im Jahre 1434 in die ungarische Slowakei geflohen waren. Die Hussiten wiederum waren Träger einer von Jan Hus inspirierten Bewegung gegen die Vorrechte der Kirche und für die Gleichheit aller Christen, eine Art Reformation vor der Reformation, allerdings mit starker militärischer und tschechisch-nationaler Komponente. Ihr Symbol war der Kelch. In der Slowakei lebten und kämpften die bratríci erst im Dienste von Adligen, dann unter selbstgewählten Anführern bis zu ihrer endgültigen Niederlage im Jahre 1467. Sie eroberten Burgen, Kloster und Städte, verbreiteten hussitisches Gedankengut und unternahmen Raubzüge. Entsprechend wurden sie von der armen slowakischen Landbevölkerung als Befreier und vom deutschen und ungarischen Patriziat in den Städten als Verbrecher wahrgenommen. Für die tschechoslowakische Geschichtsschreibung war die kurze Episode des Wirkens der bratríci in der Slowakei fast so wichtig wie die revolutionäre Geschichte der Hussiten selbst, da es eines der wenigen Beispiele eines engen Kontakts, ja, einer Gemeinschaftlichkeit zwischen Tschechen und Slowaken in früheren Zeiten war. Zelená Hora, eine der zeitweise wichtigsten Festungen der bratríci, lag unweit von Poprad beim Dorf Hrabušice, so daß sowohl der thematische als auch der unmittelbar örtliche Bezug für das Mosaik gegeben ist.

Was aber nun genau zu sehen ist, ob links die tschechischen hussitischen Krieger und rechts die von ihnen inspirierte slowakische Landbevölkerung oder links die bratríci und ganz rechts die sozialistische Gegenwart oder noch etwas anderes, bleibt eine Frage der Interpretation. Auf jeden Fall versucht der Küntstler Péter Pollág in diesem Werk, sein Sujet auf eine vielschichtige und komplexe Weise zu erfassen. Das Mosaik benutzt dazu durchaus realistische Formen, die allerdings mit dem Kinderbuchrealismus des ersten Mosaiks nichts mehr gemein haben. Damit wird es seinem großen Maßstab und seinem öffentlichen Charakter gut gerecht. Es hat einerseits schnell im Vorbeigehen zu erfassende Elemente wie die Wappen oder die Schrift, und andererseits viele Details, die ein längeres Verweilen rechtfertigen. An einem der vorgesetzten Treppenhäuser des Wohngebietszentrums Výkrik (Aufschrei) im Süden der Stadt angebracht, ist es zudem von weither sichtbar. Leider war es jedoch auch das Letzte, was vor den politischen Veränderungen 1989 dort geschah, und so befindet sich vor ihm, wo ein Platz und eine Grünanlage sein sollten, nur eine von Trampelpfaden durchzogene Wiese.

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Wenn man nur diese beiden Mosaike, eines aus der Anfangszeit des Sozialismus in der Tschechoslowakei und eines aus seiner Endzeit, betrachtet, könnte man sich leicht vorstellen, daß dessen Kunst eine Entwicklung vom simplistischen Realismus zu komplexeren, aber immer noch unter den Begriff Realismus zu fassenden Formen genommen hat. Doch das trifft, wie bereits einmal beschrieben, keineswegs zu. Zwischen beiden Kunstwerken lag eine Zeit in den Sechzigern und Siebzigern, in der völlige Abstraktion vorherrschte. Ein komplex realistisches und sogar im weitesten Sinne politisches, vielleicht gar sozialistisches Mosaik wie das von 1989 ist gerade nicht das Gegenteil von einem simplistisch realistischen, politischen und, nun ja, sozialistischen Mosaik von 1951, sondern eher eine Synthese aus einem solchen und der in der Zwischenzeit so starken Abstraktion. So sind die beiden beschriebenen Poprader Mosaike viel enger verwandt, als es zuerst scheint. Letztlich sind übrigens auch die Sujets sehr ähnlich: In beiden Fällen geht es um den Kontakt der slowakischen Landbevölkerung mit fremden, aber als befreundet dargestellten Soldaten.

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