Archiv für den Monat Februar 2018

Am Heroldsberg

Wer in Hammelburg Geld hat, wohnt beispielsweise am Heroldsberg. Das heißt nicht, daß man allen Häusern, die da am Hang unterhalb der Weinberge und mit Blick über das Saaletal stehen, das Geld ansieht. Manch einer hatte wohl einfach nur Glück, dort ein Stück Land zu haben und baute, wie es seinen Mitteln entsprach und wie er überall gebaut hätte. Aber zwischen den unauffälligen Häusern sind die, die den Heroldsberg zu einem Freilichtmuseum der Architekturmoden der letzten knapp hundert Jahre machen.

Unten noch, in der Seeshofer Straße, steht ein zweigeschossiges Haus mit zur Straße zeigendem Satteldachgiebel, laut dem roten Stein unter einer verglasten Mariennische „Erbaut von  Josef Aul 1913.“

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An den Ecken hat es halb verdeckt von Regenrinnen Ornamente aus einer runden Form und nach unten verlaufenden Streifen; es ist der Höhepunkt des Hammelburger Jugendstils.

Am anderen zeitlichen Ende und am Ende der Straße An der Leite, die hier noch nicht geteert ist, steht vor den alten Gebäuden des Steinbruchs eine achtzig Jahre verspätete Version der Villa Tugendhat.

Zeitlich dazwischen und in der Straße Am Heroldsberg steht etwa ein Haus im sogenannten postmodernen Stil mit blaßrosa Holzverkleidung, blasstürkisen Akzenten über den Fenstern, einem kleinen abgerundeten Giebel ohne jede Funktion, einem begrünten Garagendach, das keinesfalls eine Dachterrasse ist, und um den Eingang dekorativ freigelegten Stahlträgern, die mit ihren Löchern keinesfalls einfach normale, bloß funktionale Stahlträger sind.

In den frühen Neunzigern, späten Achtzigern wurde dieses Haus in den Architekturzeitschriften als Zukunft des Bauens vorgestellt und gewann mindestens unterfränkische Preise.

Oder ein Haus von, laut Wetterfahne, 1982, das so tut als habe es einen runden Treppenhausturm wie aus der Renaissance und als haben dessen rundbögige Fenster Umrandungen aus ortstypischem roten Sandstein.

Oder das vielleicht radikalste Haus Hammelburgs, das noch nicht hoch am Hang steht und gerade deshalb Blicke nicht nur über das Tal mit dem Kloster und dem Schloß Saaleck, sondern auch über die Altstadt hat. Auf einem Garagensockel mit rauher roter Steinverkleidung befindet sich sein stadtseitiger Garten und dann sein zweigeschossiger kubischer Baukörper, der unter dem Obergeschoß und um das Flachdach Waschbetonstreifen hat.

Vorne sitzt das Obergeschoß auf teils filligarn stählernen, teils massiv steinverkleideten Stützen. In der straßenabgewandten Ecke führt eine stählerne Wendeltreppe zu einem talseitigen Balkon, neben dem ein trapezförmiger Teil des Hauses anschließt. Anderswo wäre so ein Beispiel der westdeutschen Architektur der Sechziger, Siebziger nicht weiter auffällig, doch in Hammelburg, wo es Flachdächer und Sichtbeton schlechthin nicht gibt, umso mehr. Entsprechend der Kampf, den seine jetzigen Besitzer gegen es führen. Überall, wo Platz war, wurde Kitsch angebracht, und Solarpanele sind nicht nur auf dem Dach, sondern ebenso auf der vorderen Fassade, denn was bringt ökologisches Handeln, wenn es keiner sieht?

Schließlich steht am Heroldsberg auch das Haus, das einen der Höhepunkte der neueren Architektur Hammelburgs bildet. Von Weitem ist es nur ein schwarzes Dreieck am Hang, klar, selbstbewußt, fremd. Von Nahem besteht es ganz aus einem zum Tal hin schräg aufsteigenden und mit schwarzen Holzplatten verkleidetem Dach.

Dieses Dach beginnt über der weißen Doppelgarage, die niedriger am Hang und näher an der Straße steht, spannt sich über den danach hinaufführenden Eingang und steigt über dem weißen Erdgeschoß des eigentlichen Hauses weiter an, birgt ein, zwei weitere Geschosse unter sich, wobei sein schwarzes Holz auch deren Seiten bedeckt. Auch die Talseite, wo Fenster, Balkone, Terrassen sind, fällt nicht senkrecht, sondern leicht schräg ab.

Es ist ein Einfamilienhaus, eine Villa, ein Schloß, errichtet für jemanden, der Geld hatte, originär westdeutsche, kapitalistische Architektur, ein Gebäude, das es in einer besseren Welt, in der für alle statt für einzelne reiche Bürger gebaut würde, nie hätte geben können, aber für das, was es ist, ist es perfekt. Es ist jedenfalls zeitgemäß, Architektur eines Kapitalismus, der behauptet, vielleicht sogar glaubt, noch immer die Zukunft zu sein. So radikal wie sein flachdächiger Nachbar ist es nicht, aber dessen Formen wollen schon lieber sozialistisches Wohnhochhaus als bürgerliches Einfamilienhaus sein. Bei diesem weiß-schwarzen Haus paßt alles und zugleich versteckt es sich nicht hinter Vergangenem, sei es nun Villa Tugendhat oder Renaissanceschloß, oder erschöpft sich im müden Zitatwitz der sogenannten Postmoderne. Sieht man es, so sieht man Westdeutschland, wie es sich selbst sah. Man kann es kaum photographieren, ohne daß es mit Schloß Saaleck im Hintergrund aussieht wie Werbung aus den Siebzigern.

Das also ist das Freilichtmuseum am Heroldsberg und es ist einen Besuch wert. Doch so faszinierend es ist zu betrachten, was die, die Geld hatten, bauten, so viel Schönheit da ist: ein sozialistisches Hammelburg wäre faszinierender und schöner.

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Bystřice pod Hostýnem

Bystřice pod Hostýnem im Norden Mährens beginnt mit einem Versprechen: einem meisterhaften tschechoslowakischen Bahnhof. Das Stadtzentrum, zu dem er sich öffnet, ist nicht weit und nicht ganz nah. Man sieht nichts von ihm, so wenig wie man das nähere Industriegebiet, in das auf der anderen Seite des Bahnhofs Schienen führen, sieht.

Ins Zentrum führt die lange und gerade Nádražní (Bahnhofsstraße). Es ist eine Straße mit Häusern, die halb noch dörflich sind und halb schon Villen sein wollen. Sie sind allesamt klein, haben nie mehr als zwei Geschosse, und schließen meist lückenlos aneinander an. Aber mit ihren Formen und Ornamenten sind sie etwas anderes. Gleich zu Beginn der Straße sieht man links Jugendstil mit typischen Frauengesichtern

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und rechts die Sachlichkeit der ersten tschechoslowakischen Republik mit abgerundeter Ecke.

Einmal leistet sich ein Häuschen, dessen Ornamente noch historistisch sind, an der Seite einen Anbau, der mit dem verglasten Erdgeschoß und vor allem den horizontalen Metallgeländern der Terrasse im Obergeschoß erst recht in die erste Republik gehört.

Die Häuser streben über die mährische Provinz hinaus, kommen aber nicht weit. Es ist bezeichnend, daß am Ende der Nádražní eines der höchsten und größten Gebäude der Stadt steht: ein typischer k.k. Schulbau.

Rechts schließt sich der Platz an, der durch seine Länge und das Fehlen wirklich alter Häuser eher untypisch ist.

Den Anspruch von Bystřice zeigt rechts bei seinem Ende wiederrum ein Eckbau der ersten Republik. Seine Fassade ist strukturiert durch eckige Doppelstreben zwischen den hohen Fenstern, die zinnenartig noch über das Dach hinausreichen. Die abgerundete Ecke ist im zweiten Geschoß etwas höher als die seitlichen Teile, endet jedoch auch mit diesem. Der freie Eckbereich darüber ist gerahmt von den kahlen Wänden der seitlichen dritten Geschosse, in deren Winkel das fast flache Dach geradezu hineinwächst. Die Geschoßwände steigen darüber nach hinten geschwungen weiter auf und sind rückwärtig über dem Dach durch drei konzentrische Bögen verbunden. Gerade dadurch, daß sie sich erst niedriger und zurückhaltender gibt, wird die Ecke so zum monumentalen Element des für seine Zeit und sein Land äußerst typischen Gebäudes.

Bestimmt ist der Platz aber von drei Gebäuden auf der linken Seite: dem Hotel Podhoran aus sozialistischer Zeit, der Kirche und dem Schloß, das am Ende der zwischen den ersten beiden verlaufenden Straße jenseits des Flüßchen Bystřička steht.

Das Hotel ist durchaus kein besonderer Bau und weit entfernt von den besten Leistungen der tschechoslowakischen Architektur. Teil der Blockrandbebauung, vom Platz entlang der Straße bis zum Bach reichend, vier Geschosse, durch rote Kacheln zu Bändern zusammengefaßte Fenster und etwas vorgesetzte Bänder mit grauem Putz, im Erdgeschoß größere Glasflächen für Foyer und Restaurant, zum Platz hin ein Vordach über dem Eingang, zur Kirche hin einige Flächen mit roten Kacheln und zwei Fenster mit vorgesetzten quadratischen Rahmen.

Einziges interessantes Detail ist die Anordnung einer Fahnenstange ganz links auf der Platzseite. Eine eher schmale vertikale graue Fläche, die deutlich sowohl vor den roten Kacheln als auch vor den Putzbändern hängt, dient ihrem schwarzen Metall gleichsam als Leinwand. In der linke Hälfte ragt die Fahnenstange ihrerseits vor und wird auf halber Höhe von zwei Lautsprechern flankiert, während unten rechts daneben das blaue Schild mit dem Namen des Platzes, heute Masarykovo, einst wohl Gottwaldovo, ist.

Wiewohl baulich klar Teil des Hotels, gehört diese Fahnenstange funktional schon eher zum angrenzenden Rathaus und dient damit der ganzen Stadt.

Nichts Besonderes ist das Hotel, ja, aber die barocke Kirche gegenüber ist ja auch nichts Besonderes. Fast mehr noch als das Hotel hat man sie in minimalen Variationen dutzendfach gesehen. Der gelbe Putz, die weißen Pilaster, die großen rundbögigen Fenster, der Turm – es lohnt kaum der Beschreibung.

Das Schloß ist schon etwas anderes. Das Tor mit Wappenrelief und schlanken Obelisken, von dem die kahlen weißen Mauern links und rechts zurückschwingen, ist reine Renaissance, wie man sie weit seltener sieht. Aber vielleicht hat es seinen Wert auch eher dadurch, daß es übrigblieb, als aus sich selbst heraus. Bald hinter Tor und Mauern schließt denn auch ein weit banalerer barocker Teil an, der wie der große Park heute von der Armee genutzt wird.

Was den Platz bestimmt, ist das Beieinander der drei Gebäude. Für sich genommen mögen sie nichts Besonderes sein, zusammen sind sie immerhin das Zentrum von Bystřice pod Hostýnem. Statt einer scheinbar harmonischen Idylle wie in so vielen tschechischen Stadtzentren herrschen hier spannungsvolle Kontraste. Aber wenn die Heiligen vor der Kirche oder der Johannes von Nepomuk daneben zum Hotel blicken und sich im Glas des Restaurants spiegeln, entsteht vielleicht eine neue Art von Harmonie.

Jenseits des Platzes setzt sich Bystřice vor allem entlang der hinausführenden Straßen vor allem mit kleinen Häuschen, die nicht einmal mehr den Ehrgeiz der Nádražní haben, fort. Weiter draußen verläuft entlang der Bystřička ein Park mit Freibad und bei ihm ist das Západní sídliště (Wohngebiet West) angeordnet. Seine Dominante sind achtgeschossige Punkthäuser aus zwei versetzten quadratischen Teilen. Sie stehen aufgereiht an einer Straße, dazwischen Ladengebäude.

Außerdem gibt es niedrige Zeilenbebauung, Schulen, Kindergärten. Auch das ist nur tschechoslowakischer Durchschnitt. Bystřice pod Hostýnem ist eben, was es ist: eine Kleinstadt an der Grenze der mährischen Regionen Haná und Valašsko, an der Grenze zwischen Flachland und Gebirge, stark geprägt von der Tschechoslowakei, insbesondere ihrer sozialistischen Epoche. Vielleicht hält es nicht, was sein Bahnhof versprach, aber schon das Versprechen hatte seinen Wert.

Strom in Tczew

In Tczew, einem Städtchen südlich von Gdańsk, sieht man noch oft die Befestigungen alter überirdischer Stromleitungen an den Gebäuden.

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So altmodisch wirkt das heute, daß man leicht vergißt, wie kurz eigentlich die allgemeine Elektrifizierung der Städte zurückliegt. Sie geschah mit genau solchen Leitungen und Befestigungen, die demnach einmal die Symbole größter Modernität waren. Der ebenfalls symbolische Mittelpunkt des elektrifizierten Tczew ist eine Transformatorenstation unterhalb der Altstadt nahe dem Ufer der Wisła (Weichsel).

Auf quadratischem Grundriß erhebt sie sich turmartig. Um den unteren Teil, in dem vorne eine Metalltür ist, verlaufen auf dem hellen gelben Putz leicht vorstehende horizontale Bänder aus Backstein. Der höhere obere Teil ist durch etwas stärker vorstehende vertikale Streben, die unten und oben abgerundet sind, strukturiert. An den Seiten sind drei dieser Streben, hinten und vorne zwei. Der oberste Teil, das Dach, ist ganz leicht vorgesetzt und wird von einer schmalen horizontalen Bordüre in zwei Hälften zerteilt. Vorne flankieren die Streben mittige Metalllamellen und über ihnen ragt ein schmales und hohes Wappenschild noch höher als das Dach auf, wo neben ihm beidseits zwei schräge Zacken sind.

Es ist eine eigentümliche Architektur, nicht historistisch, aber auch nicht sachlich, sondern um eine Expressivität bemüht, die das Moderne der Elektrizität gleichsam nachzuzeichnen versucht, eine Architektur, die ausnahmsweise Art Déco genannt werden kann. Aus dem eckigen horizontalen Teil erwächst der runde vertikale, bevor Dach und Wappen den Abschluß bilden. Sie wollen das fast Klassische, jedenfalls konventionell Repräsentative dieses Turms sein, sind aber eher eine gewisse Inkonsequenz. Es ist, als traue die Architektur ihren bloßen Formen nicht und meine, noch eine Krone zu brauchen. Dazu paßt, daß sich das, was von vorne ein Dach scheint, von hinten als bloße Blende vor dem eigentlichen Flachdach offenbart.

Obwohl grundsätzlich Zweckbau, ist die unter den wenigen Resten der Stadtmauer gelegene Trafostation dort auch eine neue Art von Wachturm, der alten Stadt zugewandt, sie mit seiner Elektrizität beschützend und verjüngend. Seit circa 1936, als sie gebaut wurde, hat sich die Umgebung verändert. Leerstehende Fabriken, neue Mietshäuser, ein Sportplatz sind nun ihre Nachbarn.

So ist sie zum einen schon Denkmal einer anderen elektrischen Epoche, aber zum anderen auch noch in Benutzung. Noch immer spannen sich sogar überirdische Leitungen nach rechts und verbinden die Zeiten.

Frankfurt West

Der Frankfurter Westbahnhof ist ein Bahnhof reduziert auf äußerste Funktionalität.

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Um auf kleiner Fläche gleich fünf Gleise unterbringen zu können, geht er den für Bahnhöfe ungewöhnlichen Weg in die Höhe. Auf einer aufgestützten Trasse, die sich bald spaltet, ist ein Bahnsteig mit zwei Gleisen, an dem alle stadtauswärts fahrenden und die meisten der stadteinwärts fahrenden S-Bahnen halten. Daneben sind ebenerdig ein Bahnsteig mit einem Gleis, an dem eine andere stadteinwärts fahrende S-Bahn hält, und ein Bahnsteig mit zwei Gleisen für die Regionalzüge.

Der gleichsam natürliche Platz für das Bahnhofsgebäude ist unter der aufgestützten Trasse.

Zwischen den massiven Betonstützen, die leicht abgerundet und nach oben leicht verbreitert sind, behauptet es sich nicht durch irgendwelche markanten oder auch nur beschreibbaren Formen, sondern einzig durch das blasse, aber kräftige Orangegelb und das Dunkelblau seiner rechteckigen horizontalen Kacheln. Dazu kommen die nötigen Öffnungen der verschiedenen Betriebsräume und der zweiteilige Eingang, der weit links angeordnet ist.

Der rechte Teil des Eingangs ist markiert durch nicht mehr als eine Glasfläche, die nicht breiter ist als die vier Glastüren. Innen führen geradeaus links eine eher schmale Treppe hinab in den Tunnel zu den Regionalbahnsteigen und auf dem Rest der Länge einige Stufen hinauf auf den unteren S-Bahnsteig.

Nach rechts führen eine Treppe und zwei Rolltreppen hinauf auf den oberen S-Bahnsteig.

Auch im Bahnhofsinneren sind die Wände mit orangegelben Kacheln verkleidet. An den Decken sind weiße Lamellen mit Lampenstreifen und auf dem Boden quadratische Platten mit Kieselstruktur auf weißem Grund. Wollte man hier eine Verspieltheit suchen, so höchstens in dem Schwung, mit dem die an den Seiten kachelverkleidete und oben dem Boden entsprechende Brüstung neben der nach unten führenden Treppe beginnt und dann in eine Wand übergeht.

Neben der Brüstung stehen Fahrkartenautomaten und das ist der ganze Raum.

Der linke Teil des Eingangs ist ein offener Bereich um eine der Betonstützen, hinter dem unter einer Glasbausteinwand eine breite Treppe in den Tunnel zum Regionalbahnsteig und zu einem anderen Ausgang jenseits der Gleise führt.

Zuerst ist dieser eher ein großzügiger Raum mit demselben Orange und Blau der Kacheln, bevor er dann in einen viel schmaleren, viel konventionelleren Tunnel mit hellgelben Kacheln, der wohl von einem Vorgängerbau von 1961 übrigblieb, endet.

Der obere Bahnsteig und der Regionalbahnsteig haben auf dünnen quadratischen Stahlstützen ruhende Dächer, deren Decken als parallel zu den Gleisen verlaufende schmale weiße Lamellen ausgebildet sind, während für den unteren S-Bahnsteig das darüberliegende Gleisbett das Dach bildet.

Nichts ist hier zu viel, nichts zu wenig. Die Funktionalität ist allumfassend. Der gar nicht große Innenraum des Bahnhofs ist ein Verteiler für die Menschenströme von und zu den Bahnsteigen. Ganz deutlich ist, daß es zuerst um die S-Bahn geht. Für deren Fahrgäste sind es bis zu ihren Bahnsteigen entweder nur wenige Stufen oder der Weg durch den großzügigen zentralen Treppen- und Rolltreppenbereich. Für die weniger und insbesondere seltener frequentierten Regionalbahnsteige bleibt der Tunnel. Diese Zugangsart, bei so vielen Bahnsteigen die normale und einzige, ist am Westbahnhof in Frankfurt schon an den Rand gedrängt, ganz konkret in ihrer Lage im Bahnhofsraum und auch im übertragenen Sinne. Doch zugleich ist der große Tunnelraum seinerseits ein Verteiler zwischen den beiden Eingängen, dem Bahnhofsraum und eher nebenbei dem Regionalbahnsteig.

Für die neue Art des städtischen und vorstädtischen Verkehrs, die für Frankfurt die S-Bahn bedeutete, ist hier der Bahnhof neuer Art. Entsprechend fehlt ihm auch ein Wartesaal, jedenfalls heute, wo alle Räume von Imbissen und Kiosks eingenommen sind, aber niemand sollte hier auch länger warten müssen, als es sich auf den Bänken der Bahnsteige gemütlich tun ließe.

Der Frankfurter Westbahnhof ist so vollendet funktional, daß er unsichtbar wird. Er verschwindet als perfekte Maschine in der Stadt, auf deren Skyline er vom oberen Bahnsteig aus Logenplätze bietet. Er ist vielleicht gar kein Bahnhof mehr und so trägt er vor allem noch umgangssprachlich den an Dampfloks und Monopoly erinnernden Namen; auf allen Schildern heißt er Frankfurt (Main) West oder schlicht Frankfurt West.

Das sozialistische Kladno: Widerwilliger Stalinismus

Kladno hat einige der eigenartigsten Bauwerke der ganzen Tschechoslowakei. Es sind Hochhäuser und so, „věžáky“, heißen sie auch umgangssprachlich, ohne das näher gesagt werden müßte, um welche es geht, da sie in den Fünfzigern die ersten in der Stadt waren und bis heute zumindest die höchsten blieben. Sechs von ihnen stehen aufgereiht in der Straße Vítězná im Stadtteil Rozdělov.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Sie bestehen aus einem dreizehngeschossigen Teil quer zur Straße, an den hinten zu beiden Seiten elfgeschossige Teile anschließen. Was an der mit braunem Putz und hellen rötlichen Kacheln gestalteten Fassade auffällt, ist, daß alles an ihr vertikal ist. Die Fenster sind immer durch vertikale Streifen voneinander getrennt. An der Vorderseite sind zwischen Kachelflächen außen und pro Geschoß zwei Fenstern in der Mitte tiefe Furchen, deren Vertikalität auch durch kleine Balkone in jedem zweiten Geschoß nicht vermindert wird.

Es ist eine offenkundig stalinistische Architektur, aber eine sehr eigenartige. Alle Details passen dazu: Die ersten beiden Geschosse bilden einen Sockel mit Steinstruktur, die Balkone haben als Geländer eine Art Sonnenradform aus Beton, unter den Dächern sind vorstehende Gesimse und auf ihnen sind Geländer mit dicken Streben. Alles an den Hochhäuser will monumental sein, will überwältigen. Dennoch ist irgendetwas anders als bei anderer stalinistischer Architektur. Das Vertikale und die Formen evozieren zwar irgendetwas Historisches, aber keinen bestimmten Stil. Es gibt keine Ornamente, Skulpturen oder auch nur Säulen. Vor den Eingängen sind niedrige Vordächer mit Kassettendecke, deren Stützen über ihnen fortgesetzt und zu stilisierten Torbögen verbunden sind, doch die bemühte Monumentalität bleibt wirkungslos, da es keinen Grund gibt, je von vorne, von der Straße auf die Gebäude zuzukommen.

Wenn ausgerechnet die kleinen Höfe beidseits der Gebäude, die nur der Müllabfuhr oder Anlieferung dienen, die moumentalsten Portale aus Stützen und verbindenden Streben haben, wirkt das beinahe karikierend.

Vielleicht ist das Eigenartige an den Hochhäusern von Kladno, daß sie so leicht auch ganz anders aussehen könnten. Bei anderen stalinistischen Hochhäusern, etwa dem Pałac Kultury (Kulturpalast) in Warschau, verjüngen sich die massigen Baukörper nach oben hin und auch mit einer völlig anderen Fassade würden sie letztlich stalinistisch bleiben. Die Kladnoer Hochhäuer wären mit einer anderen Fassade nicht mehr von der fortschrittlichen Architektur ihrer Entstehungszeit zu unterscheiden. Die stalinistischen Formen gehören nicht zu ihrem Wesen, sie haben sie nur widerwillig angenommen. Schon ihre straßenabgewandte Seite wirkt mit längeren Balkonen und recht langen horizontalen Fenstern viel weniger monumental, so sehr sich auch vorragende kachelverkleidete Streben um Vertikalität bemühen.

Auch städtebaulich ist dieser Teil Kladnos weit entfernt von den durchgängig bebauten Straßenzügen, die die stalinistischen Teile von Ostrava-Poruba oder der Berliner Stalinallee auszeichnen. Zwischen den Hochhäusern stehen dreigeschossige Gebäude in ähnlichen, aber ebenfalls horizontaleren Formen, die im Erdgeschoß Läden oder Restaurants haben und in den Obergeschossen Wohnungen.

Dieses Modell, freistehende Punkthochhäuser und Ladenpavillons entlang einer Straße, ist so vertraut, so grundlegend für den fortschrittlichen Städtebau, daß die hier darübergegossenen stalinistischen Formen einen geradezu surrealen Eindruck erwecken können.

Nun könnte man sich leicht verleitet fühlen, im Widerwillen, mit dem hier die stalinistische Architektur angenommen wurde, einen Entsprechung des Widerwillens, mit dem die Tschechoslowakei den politischen Stalinismus annahm, zu sehen, doch das wäre falsch. Zum einen galt gleiches für alle Volksdemokratien, zum anderen baute auch die Tschechoslowakei viel konventioneller Stalinistisches. Eher sind die Kladnoer Hochhäuser schon Produkte einer Zwischenzeit; als sie 1958 fertiggestellt waren, war die stalinistische Architekturdoktrin bereits verworfen.

Auch das weitere Wohngebiet tut das Seinige, um zu zeigen, welch eine Sackgasse die Hochhäuser waren. In den paar Straßen hinter ihnen sind einige viergeschossige Gebäude mit Walmdach, an die jeweils quer fünfgeschossige mit flacherem Dach anschließen. Sie benutzen den braunen Putz und die hellen rötlichen Kacheln ganz ostentativ gegen die Hochhäuser: an einer ihrer Schmalseiten haben sie Balkone mit zur Hälfte kachelverkleideten, zur Hälfte stahlstrebigen Geländern, die durch mal links, mal rechts angeordnete Wände so verbunden sind, daß sie eckige Schlangenlinien auf die Fassade malen. Von Monumentalität ist hier keine Spur mehr.

Das Zentrum des Wohngebiets, ein kleiner rechteckiger Platz, öffnet sich zwischen den letzten beiden stadtauswärts gelegenen Hochhäusern. An seiner rechten Seite steht zuerst ein dreigeschossiges Kaufhaus in den Formen der Hochhäuser, das seltene Beispiel eines stalinistischen Kaufhauses also.

Ansonsten ist der Platz von drei fünfgeschossigen fortschrittlichen Wohngebäuden geprägt, wobei das an der linken Seite mit seiner flachen Ladenzeile den entscheidenden Rahmen bildet und auch ein gewisses Gegengewicht zum Kaufhaus ist.

Es ist der linke Abschluß den Platzes, während die Ladenzeile bis weit in ihn hineinragt und zu seinem rückwärtigen Abschluß wird. Zugleich führt ein Durchgang weiter ins Wohngebiet. Das Gebäude hatte einstmals sogar eine Farbgebung, die großzügig auf die der Hochhäuser Bezug nahm. Die ist verschwunden, genauso wie die Sandsteinskulptur in der Platzmitte, eine leicht abstrahiert eine Familie zeigte, genauso wie die gesamte Platzgestaltung.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988

Die Hochhäuser aber stehen weiterhin, seit sechzig Jahren wie unverändert. Sie wirken heute so eigenartig wie damals. Aber bei aller Eigenartigkeit ist das Wohngebiet Rozdělov doch auch im besten Sinne normal und war in allem außer den monumentalen Formen seiner Hochhäuser ein wertvolles Vorbild für die weitere architektonische Entwicklung der Tschechoslowakei.