Archiv für den Monat Februar 2015

Wrocław in Hildesheim

In der Sebastian-Bach-Straße in Hildesheim gibt es an einem unauffälligen Haus ein unauffälliges Wandbild.

GebäudeSebastian-Bach-StraßeHildesheim

Es zeigt nicht, wie es zwar tautologisch, aber zu erwarten wäre, Hildesheim. Eine zweitürmige gotische Kirche und ein Gebäude mit gotischen Treppengiebeln und Turm, das gibt es im romanisch geprägten Hildesheim nicht, und ebensowenig einen Fluß und einen eigentümlichen Rundbau. Auch das Wappen mit dem schwarzen Adler ist fremd.

Um zu zeigen, wieso dieses Wandbild bedeutsam ist, bedarf es einiger weitergehender Erklärungen. Es gibt in den westdeutschen Vorstädten unzählige Straßen, die nach Städten heißen, die es nicht gibt: Stettiner Straße, Glogauer Straße, Danziger Straße, Krummauer Straße, Iglauer Weg, um nur einige Beispiele zu nennen. Dies sind Städte, aus denen die dort in mehr oder weniger großer Zahl lebenden Deutschen nach 1945 auf alliierten Beschluß ausgesiedelt wurden, um eine friedliche Entwicklung Europas zu ermöglichen. Man könnte nun sagen, daß es nur naheliegend war, daß die ausgesiedelten Deutschen dort, wo sie sich in Westdeutschland niederließen, die Straßen nach ihren alten Heimatorten benannten – wenn man nicht wüßte, daß sich darin die fehlende Bereitschaft der Deutschen und des westdeutschen Staats, die Ergebnisse des zweiten Weltkriegs zu akzeptieren, und der Wille des deutschen Imperialismus, diese rückgängig zu machen, ausdrückte. Und sogar wenn man somit um alle politischen Hintergründe solcher Straßenbenennungen nicht wüßte, könnte man es nach siebzig Jahren, da kaum noch jemand, der sich an diese Städte erinnern kann, lebt, angebracht finden, die Realität nunmehr anzuerkennen und die Straßen nach den heutigen Städten umzubenennen: nach Szczecin, Głogów und Gdańsk in Polen und Český Krumlov und Jihlava in Tschechien also, um bei den Beispielen zu bleiben.

WandbildSebastian-Bach-StraßeHildesheim

Das Hildesheimer Wandbild nun ist eine künstlerische Entsprechung solcher Straßennamen, denn es zeigt die polnische Stadt Wrocław, die in der deutschen Zeit Breslau hieß. Man sieht eine Kirche, die der Kościół św. Marii Magdaleny (Magdalenenkirche) ähnelt, aber dort steht, wo der Dom stehen sollte, das Rathaus, die Odra (Oder), die Hala Ludowa (Volkshalle, besser bekannt als Jahrhunderthalle, da sie 1913 anläßlich der deutschnationalen Feierlichkeiten zum hundertsten Jubiläum der sogenannten Völkerschlacht bei Leipzig errichtet worden war) und das Wappen von Niederschlesien. Damit an der Gesinnung des Auftraggebers und Hausbesitzers keine Zweifel bleiben, sind auf dem Wandbild auch noch zwei Eichen. Und doch ist es vielleicht anders zu bewerten als die Straßennamen. Wo diese noch immer unweigerlich die diffuse Phantasie eines verlorenen großdeutschen Reichs hervorrufen, bewirkt das Wandbild – gar nichts. Da nirgendwo eine Beschriftung ist, wird nur jemand, der Wrocław gut kennt, überhaupt wissen, welche Stadt gemeint ist. Revanchismus als kryptische Anspielung auf vorstädtischen Hauswänden – damit läßt sich leben.

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Platz mit Goldplakette

Ganz am Ende von Frankfurt, auf dem Sachsenhäuser Berg, wo die Darmstädter Landstraße nach Süden aus der Stadt führt, gibt es einen verlorenen kleinen Platz, ohne Namen, ohne Bedeutung, ohne Menschen. Er ist einer jener zurückhaltenden Orte, die unter anderen Umständen viel mehr sein könnten, aber sich still mit dem Wenigen begnügen, das sie sind, und denen, die sich auf sie einlassen, ihre Schönheit bereitwillig zeigen.

PlatzDarmstädterStraße

Für die Autofahrer, die auf der Darmstädter Landstraße nach Frankfurt hineinfahren, wäre er das Erste, was sie von der Stadt sehen, aber sie sehen ihn nicht. Rechts der Straße eine Betonwand und ein Flachbau mit Kachelverkleidung in Rot- und Schwarztönen, Betonstreifen unter dem Dach und verglastem Eingang in der Mitte.

DarmstädterStraßeEingang

Davor ein Fußweg, der sich leicht schräg von der Straße entfernt und von ihr mit einem Hochbeet aus Beton separiert ist. Dann der eigentliche Platz, der eine rechteckige Fläche an der Ecke Sachsenhäuser Landwehrweg einnimmt. Von der Darmstädter Landstraße trennen ihn höhere Hochbeete und ein kleiner Flachbau in der Ecke, der dem ersten gleicht. Der Platz besteht aus Wiesenflächen und Bodenplatten aus Beton, zwischen denen sich quadratisch ein Brunnen mit hellen Kieselsteinen öffnet.

BrunnenDarmstädterStraße

Statt eines Kunstwerks steht in der Wiese ein hoher Mammutbaum. Nur ihm einen Rahmen zu geben scheint der Platz zu existieren. Vorbei an diesem Baum geht der Blick auf den schlanken gotischen Rundurm der Sachsenhäuser Warte, Teil eines den eigentlichen Stadtmauern weit vorgelagerten Befestigungssystems, und den breiteren, von Fenster- und Betonbändern umlaufenen Turm des vormaligen Holiday Inn.

MammutbaumSachsenhäuserWarteHolidayInn

Auch dieses Beieinander dreier unterschiedlicher Vertikalen, Mammutbaum, Sachsenhäuser Warte und Holiday Inn, schenkt der Platz seinen Besuchern. Alte und neue Architektur und der exotische Baum, alle sind sie nur dort, weil der Mensch es so wollte, und der Platz faßt sie zu einem harmonischen Bild zusammen, als wolle er fordern, daß die Harmonie mehr als nur ein Bild werde.

Doch nicht einmal das Bild sieht jemand, Besucher hat der Platz ja keine. Wie auch? In der Nähe sind nur wenige Wohnhäuser und auch Passanten gibt es kaum. Zudem ist eine dem Lärm des Straßenverkehrs ausgesetzte Ecke eben, so sehr sich der Platz auch bemüht, kein einladender Aufenthaltsort. Und sogar wenn jemand sich dort aufhalten wollte, es fiele ihm schwer: Bänke oder andere Sitzgelegenheiten gibt es keine mehr.

Im übrigen ist der Platz nur ein glückliches Nebenprodukt. Er entstand mit einer wassertechnischen Anlage der Stadtwerke, die sich unter einer abgesperrten Wiese erstreckt und zu der der erste Flachbau der Eingang ist. Als dieser Komplex neu war, wurde er sogar wahrgenommen: Er erhielt im vierten Bundeswettbewerb Industrie im Städtebau 1977/78 eine Goldplakette. Daß es sich hier um „städtebaulich beispielhafte und umweltgerechte Einordnung und Gestaltung der Arbeitsstätten“ handelt, erkennt man auch noch immer. Doch beachtet wird das seit den späten Siebzigern wohl ebensosehr wie die Urkunde über die Verleihung der Goldplakette, die halbversteckt hinter Hydropflanzen an der weißen Kachelwand des Eingangs hängt, und die Plakette selbst, die noch versteckter daneben hängt.

UrkundeGoldplakette

Erkundungen auf Friedhöfen: Carl Heinz in Frankfurt

Das vielleicht schönste Grabs auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist das von Carl, Sophie und Philipp Carl Heinz.

Es ist ganz aus weißem Stein, sicher Marmor, und hebt sich schon dadurch von anderen Gräbern ab, ohne aber zu protzen. Auf einem grauen Steinsockel, in dem die Namen stehen, ist der eigentliche Stein.

GrabCarlHeinz

Ein Sockel mit in ganz feinem Schwung ansteigenden Seiten, auf dem ein schönes junges Mädchen sitzt. Ein Kranz in ihrem offenen Haar, ihr Blick unklar nach links gerichtet. Ihre Arme und Schultern völlig nackt und auch der Rest ihres schlanken und zarten Körpers bedeckt bloß von einem umgeschlungenen Tuch, das man sich fast scheut, ein Kleid zu nennen, so leicht scheint es ihr jeden Moment vom Körper rutschen und sie gänzlich entblößen zu wollen. Und wie atemberaubend schön es in vielen Falten um ihre Brüste, ihren Bauch und vor allem ihre nach rechts gelagerten Beine fällt. Unglaublich filigran fallen die Falten über den Sockel und neben ihren halbfreigegebenen Füßen gar noch neben dem Namen des Bildhauers über dessen schmalen Fußteil. Friedrich Christoph Hausmann heißt dieser Künstler.

Hinter dem Mädchen aber erhebt sich die Fläche des Steins, auf deren leichter Einwölbung ein feines Relief ist: rechts neben dem Mädchen eine Harfe und die Zweige eines Eichenstrauchs, in dem kleine Vögel sitzen. Oben verbreitern sich die Seiten leicht, so daß die Assoziation eines Kreuzes aufblitzt, bevor der Stein halbrund endet. Und ganz oben, ein krönender Abschluß, sitzt auf dem Stein ein weiteres Vögelchen. Links neben den Beinen des Mädchens eine Inschrift, wie sie passender nicht sein könnte: „‚Doch wenn aus dem Auge trübe mir ein Meer von Schmerzen sah, sang von Lust ich und von Liebe und vom Leben sang ich da‘ Saxen-Hausen“. Ein Grabmal, das das Leben feiert!

Wenn man will, kann man es dem Jugendstil zuordnen, aber eher als einem bestimmten Formenkanon zuzugehören, ist es von den Fesseln der Tradition völlig befreites größtes handwerkliches Können. In einem früheren Werk Hausmanns auf dem Friedhof ist das Relieffeld noch von einem dreieckigen Tempelgiebel abgeschlossen, gerade so, als trauten sich entweder Bildhauer oder Auftraggeber nicht, die enorme Lebendigkeit dieser Kunst ganz aus dem Rahmen der Tradition zu entlassen. Dazu brauchte es erst einen kongenialen Auftraggeber: die Familie des Carl Heinz.

Er starb im Jahre 1900 und der Grabstein dürfte wenig älter sein. Die spärlichen Daten über ihn ließen sich schon gut zum Bild eines Exzentrikers zusammenfügen. So gab er, was auch immer er sonst tat, gegen Ende seines Lebens einen Gedichtsband heraus und zwar unter dem Pseudonym Saxen-Hausen (nach dem Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen). Die Worte auf dem Stein sind also seine. Man kann darüber rätseln, ob seine Frau, die wenige Jahre nach ihm starb, sein Sohn, der ihn auch nicht lange überlebte, oder gar er selbst die Idee zu diesem Grabstein hatten, gewiß ist, daß sie einem Millieu mit viel Geld und viel Geschmack angehörten.

Aber so wie diese Familie austarb, führte auch die befreite handwerkliche Perfektion nur in eine Sackgasse. Der Stil von Hausmann ist für kaum etwas anderes als Idyllen geeignet und an denen, die schon damals eine Lüge waren, war schon bald kein Bedarf mehr. In gewissem Sinne ist dieses so lebensfrohe Grabmal schon der Abgesang auf eine Epoche, in der das Bürgertum unangefochten herrschte, ein kleines letztes Aufbäumen, in dem es diese Herrschaft noch einmal mit Schönheit und Menschlichkeit zu verbinden wußte. Wie ein Schritt in die Zukunft aussah, zeigte etwa zur gleichen Zeit Richard Luksch in Wien, ebenfalls auf einem Friedhof.

Die Brücke der Roten Armee in Wien

Seit 1956 heißt die betreffende Wiener Donaubrücke wieder nach einem Reich – wir wollen annehmen, nach dem, das Österreich seit langem nicht mehr ist und nicht nach dem, von dem die rote Armee es gegen seinen Willen befreite.

Diese Reichsbrücke, eine stählerne Kettenbrücke mit zwei hohen Pfeilern, die 1937 als Ersatz für eine ältere Brücke gebaut wurde, war einer der Prestigebauten des faschistischen Ständestaats. Sie trug erheblich zur Verbesserung der Verkehrssituation in Wien bei, um die sich der Austrofaschismus überhaupt sehr verdient machte, vielleicht einfach, weil er einsah, daß er im Wohnungsbau eh nie an die Leistungen der Sozialdemokratie herankommen würde.

Bei der Befreiung Wiens im April 1945 blieb die Reichsbrücke als einzige Donaubrücke erhalten, da die Rote Armee ihre Sprengung gemeinsam mit einheimischen Widerstandskämpfern in einer Kommandoaktion verhinderte.

ReichsbrückeGedenktafelDetail

Die Rettung durch die Sowjetarmee war für die Brücke wie eine Neuschöpfung. Vom Symbol des Faschismus wurde sie zum Symbol der Befreiung. Den Ehrennamen „Brücke der Roten Armee“ hat sie also mehr verdient als jede andere Brücke. Sie trug ihn nur zehn kurze Jahre, in der Zeit, als Österreich wenigstens formal besetzt war und die Kommunisten auf seine Teilung hoffen konnten, der die Sowjetunion jedoch leider, ganz wie im Falle Deutschlands, die Einheit und Neutralisierung vorzog.

Im Jahre 1976 stürzte die Reichsbrücke dann ein, offenbar hatte der Ständestaat nicht gar so gut gebaut. Als Ersatz entstand die heutige Brücke, ein schlankes stahlverkleidetes Betonband über dem Wasser der Donau.

Reichsbrücke

Oben fahren die Autos, im Inneren fährt die U-Bahn und an den Seiten gehen die Fußgänger. Sogar eine U-Bahnstation, die nach der in der gleichen Zeit angelegten Donauinsel heißt und sich mit Fenstern zu ihr öffnet, befindet sich darin. Diese Brücke hätte den Ehrennamen sogar noch mehr verdient, in einem anderen Österreich wäre sie betongewordene Lobpreisung der Roten Armee.

Doch in diesem Österreich ist alles, was bleibt, eine Gedenktafel.

ReichsbrückeSowjetischeGedenktafel

Eine runde Bronzeplakette darauf zeigt sowjetische Soldaten, Schiffe und Flugzeuge im Kampf um die alte Brücke und im Hintergrund die Jubiläumskirche, die das vielleicht monströseste Kirchenbauwerk der Stadt, eine elaborierte Beleidigung der Romanik, ist und deren Sprengung unbedingt wünschenswert wäre.

ReichsbrückeKirche

Dazu die Jahreszahl 1945 und die Inschriften, oben russisch, unten deutsch: „Доблестным советским гвардейцам воздушным десантникам – Влагодарные жители Вены“ – „Den heldenhaften sowjetischen Luftlandegardisten – Die dankbaren Bürger Wiens“

Doch damit niemand auf die Idee komme, zu überlegen, was es damit auf sich hat, ist sie so angebracht, daß es fast ausgeschlossen ist, sie zu finden.

Wiener Gebäude und die Kunst: Hände in Margareten

„Kunst am Bau“ gibt es viele und meist handelt es sich dabei um genau das, was dieses unschöne Wort aussagt: beliebige Kunst, die auf beliebige Art an einem beliebigen Bau angebracht ist. Nur selten findet man Kunst, die wirklich in einen Bezug zu dem Gebäude, das sie trägt, oder der Umgebung, der sie sich zuwendet, steht. In dieser Reihe sollen in loser Folge besonders positive oder besonders negative oder sonstwie bedeutende Beispiele von Kunst an Wiener Gebäuden dargestellt sein. Siehe auch Dampfschiffe in Aspern und Das Wien der Zukunft im Jahre 1968.

Das Gebäude in der Viktor-Christ-Gasse im 5. Bezirk, um das es geht, ist unauffällig – acht Geschosse, das obere zurückgesetzt – und sein Kunstwerk ist es auch: zwei erhobene und geöffnete Hände. Als sandsteinerne Skulpturen ragen sie aus der Fassade, direkt über dem Eingang in der Gebäudemitte, beidseits eines Fensters im zweiten Geschoß .

HändeViktor-Christ-Gasse

Vielleicht wegen des Straßennamens, vielleicht, weil sich das Gebäude mit Bienenstocklogo und den Worten „Eigentumswohnungen/Erbaut/1958“ als ÖVP-naher Anti-Gemeindebau zu erkennen gibt, und obwohl die weitere Fassade, die von horizontalen Putzbändern zwischen den Fenstern strukturiert ist, keinen Hinweis darauf gibt, meint man diese Hände als die segnend ausgebreiteten eines Christus zu erkennen und dessen unsichtbaren Körper mit dem Kopf über dem Fenster zu erahnen. So wäre dies nicht weniger als die geniale Vollendung einer jahrhundertealten Tradition katholischer Kunst. Jeder Betrachter hat den segnenden Jesus so oft gesehen, daß nunmehr nur noch seine Hände gezeigt werden müssen, damit er ganz zu sehen ist. Das ist Abstraktion im eigentlichen Sinne des Wortes, da von etwas abstrahiert, etwas weggelassen wird. Der Künstler versteht es, sich des Gebäudes selbst, seines Wechsels von Fenster- und Wandflächen, zu bedienen, um durch die simple Hinzufügung zweier Hände sein Kunstwerk zu schaffen.

Doch die religiöse Interpretation ist nur eine der möglichen. Ebensogut könnte man finden, daß es sich dort an der Fassade um erhobene Hände handelt, was heute umso passender wäre, da direkt gegenüber das Polizeikommissariat Margareten ist.

HändePolizeikommissariatMargareten

In diesem Fall wäre es ein Gebäude, das sich der Polizei ergibt. Statt um ein sakrales Kunstwerk handelte es sich um ironisches, das Themen wie Sicherheit und Macht behandelt und damit sicher auch auf dem gegenwärtigen Kunstmarkt Erfolg haben könnte. Wiederum wird mit simpelsten Mitteln die Architektur selbst zum Material der Kunst gemacht, diesmal sowohl das sich ergebende Gebäude als auch die Polizeiwache.

Ob die Aussage nun eine religiöse oder eine ironische sein sollte: was hier Ende der Fünfziger entstand, geht weit über seine Zeit und die typische öffentliche Kunst in Wien hinaus.

Die Villa an der Autobahn

Die Sinawastingasse ist keine sehr gute Wohnlage. Erstens ist sie in Floridsdorf, einem Wiener Arbeiterbezirk am anderen Ufer der Donau. Zweitens ist sie direkt an der Autobahn. Das interessanteste an ihr ist, daß sie nach einer Anna Sinawast benannt ist, deren Nachname noch die heute unübliche weibliche Endung -in trug. Gerade dort eine Villa zu errichten, ist nicht naheliegend, aber vielleicht etwas weniger verwerflich als im reichen Grinzing mit seinen Weinbergen, da eben das Bauland so wenig begehrenswert ist. Wie der Architekt dieser Villa mit dieser Lage umging, ist so gelungen und lehrreich, daß ein hübsches Kleinod entsteht.

VillaSinawastingasseAutobahnseite

Zur Autobahnseite, die auch die Nordseite ist, hat das zweigeschossige Haus keine Fenster, sondern nur dünne Glasbausteinbänder unterhalb der Geschoßdecken und eine Tür in der linken Hälfte. Zur Tür tritt das Obergeschoß in zwei Vorsprüngen über das Erdgeschoß hervor, wodurch schon die Enden der Betonbalken, die die Decken tragen, sichtbar werden. Sie werden an der Südseite zum bedeutendsten Gestaltungsmerkmal des Hauses.

VillaSinawastingasseGartenseite

Hier tragen sie eine große Terrasse und ragen noch über das etwas weiter vorgezogene Erdgeschoß hervor und bilden auch über der Terrasse ein kurzes Vordach. Die Wände beider Geschosse sind zu dieser Seite völlig in Glas aufgelöst. Davor erstreckt sich der Garten und jenseits der Straße ein Park. An den übrigen beiden Seiten ist das Haus kahl bis auf die Horizontalen der tragenden Balken.

Alles an der Gestaltung des Hauses ergibt sich zwangsläufig aus seiner Lage. Es wendet sich von der Autobahn ab und dem Garten zu. Daß dieses Gestaltung aber nicht zwangsläufig ist, zeigt ein Blick auf die Nachbargebäude, die ganz konventionelle Fensteraufteilungen haben und überall stehen könnten. Während das bei dem einen daran liegt, daß es gebaut wurde, bevor es die Autobahn gab, ist es beim anderen, das noch nicht einmal ganz fertiggestellt ist, nur durch Ignoranz und Unfähigkeit zu erklären. So erlebt man in der Sinawastingasse den Unterschied zwischen guter und schlechter Architektur.

Die Dreifaltigkeit in Lainz

Vor einiger Zeit wurde an dieser Stelle eine Darstellung der Dreifaltigkeit in Jedlersdorf beschrieben. Um genauer herauszuarbeiten, was deren Qualitäten sind, sei nunmehr eine ähnliche und zugleich völlig verschiedene Darstellung vorgestellt, die in einer Biegung der Lainzer Straße, interessanterweise in der Grünfläche vor einem Gemeindebau, steht.

DreifaltigkeitLainzGesamt

Auch hier handelt es sich um einen Gnadenstuhl – sitzender Gott, Jesus am Kreuz, Taube – auf einer Säule. Sogleich fällt auf, wie viel reicher alle Bestandteile geschmückt sind. Schon der Sockel strotzt vor Ornamenten und an der Säulenbasis und ihrem gerade noch korinthischen Kapitell blicken zu den vier Seiten kleine Puttengesichter.

DreifaltigkeitLainzSockel

Der eigentliche Gnadenstuhl ist viel plastischer und bewegter gestaltet. Gott hat beim Sitzen bloß das rechte Bein normal angewinkelt, das linke aber kompliziert nach hinten gewunden, um seine Hände fällt sein Gewand in weiten Falten und nicht in den Händen, sondern mit gespreizten Fingern hält er das Kreuz weit vor seinen Körper.

DreifaltigkeitLainzSeite

Sowohl Jesus am Kreuz als auch Gott, ja, sogar die Taube unterhalb von Jesus‘ Lendenschurz, haben die Köpfe mit ekstatischem Gesichtsausdruck zu den Seiten geneigt.

Es ist offensichtlich, daß der Lainzer Gnadenstuhl von größeren künstlerischen Fertigkeiten zeugt als der in Jedlersdorf. Alles an ihm ist komplizierter und feiner. Allein das macht ihn nicht auch zum größeren Kunstwerk. Denn dazu gehört nicht nur die handwerkliche Form, sondern auch die Angemessenheit gegenüber dem Inhalt. In Jedlersdorf unterstützt die Form den Inhalt: die drei Figuren erwachsen totempfahlartig aus einander und sind fast ein Relief.

DreifaltigkeitssäuleJedlersdorfDetail

In Lainz steht die Form dem Inhalt im Wege: Gott hält das Kreuz mit Jesus von sich fort, als interessiere es ihn nicht, und die Taube schwebt irgendwo unten im Unbestimmten.

DreifaltigkeitLainzVorne

Auch mag der ekstatisch-leidende Gesichtsausdruck beim gekreuzigten Jesus noch angehen, bei Gott aber, der doch über so etwas stehen sollte, wird er zweifelhaft und bei der Taube, die bloß ein Symbol des heiligen Geists ist, gänzlich lächerlich. Musil schreibt, aus dem Zusammenhang gerissene barocke Skulpturen in großer Zahl machten „den Eindruck einer Katatonikerversammlung in einem Irrenhaus“; oft reicht dazu auch schon eine einzige. Durch den Puttenkopf im Kapitell direkt unter der Taube zerstört sich das Kunstwerk schließlich selbst: er erweitert die Dreifaltigkeit zur bizarren Vierfaltigkeit.

Gewiß kann es uns heute einerlei sein, wie gut oder schlecht vor dreihundert Jahren irgendwelche theologischen Konzepte künstlerisch dargestellt wurden und vielleicht spricht viel dafür, sich gerade den karikaturhaft gescheiterten Versuchen zu widmen. Aber die Angemessenheit von Form und Inhalt ist eine Frage, die noch heute jedes Kunstwerk, das einen Inhalt haben möchte, betrifft.

Interessant ist zudem, zu überlegen, inwieweit die beiden Kunstwerke von ihren Entstehungsorten beeinflußt wurden. Heute gehören Jedlersdorf wie Lainz zu Wien, aber das heißt nichts. Vor dreihundert Jahren waren es Dörfer, die mit Wien wenig und miteinander nichts zu tun hatten. Noch heute dauert es von Jedlersdorf im Nordosten mindestens eine Stunde (Marchfeldkanal Bus 30A, Jedlersdorf Straßenbahn 31, Floridsdorf U6, Längenfeldgasse U4, Hietzing Straßenbahn 60, Jagdschloßgasse, falls es jemand überprüfen will) bis nach Lainz im Südwesten, damals dürfte es eine Tagesreise gewesen sein. Jedlersdorf liegt im flachen Land jenseits der Donau, Lainz schon am Fuße des Wienerwalds. Gut war das Leben hier wie dort für die meisten nicht, aber sicher war Lainz viel reicher, schon ob der Nähe des Hofs in Schönbrunn.

Das sieht man den beiden Skulpturen auch an. Beschränkt die in Jedlersdorf sich aufs Nötigste, so ist die in Lainz von verschwenderischer Opulenz. Ist Gott hier ein würdevoller alter Bauer oder Handwerker, der das Kreuz mit starken, das Tragen gewöhnten Händen hält, so ist er dort ein überfeinerter Adeliger, der sich am Holz nicht die Finger schmutzig machen will.

Doch Einfachheit und Klarheit siegen, wenigstens künstlerisch, immer über Kompliziertheit und Prunk. Dieser Sieg ist Jedlersdorf zu gönnen.