Archiv für den Monat Mai 2016

Fridtjof Nansen in Wien

Im weiten Süden von Wien, im 23. Bezirk, liegt der Fridtjof-Nansen-Park, leicht am Hang, eingebettet in städtische und genossenschaftliche Wohnhausanlagen aus den Sechzigern und Siebzigern, ein unauffälliger und angenehmer Ort. Der Park hat, wie sich das gehört, auch ein Denkmal für seinen Namensgeber.

Käme man von der Ecke Amstergasse/Mehlführergasse darauf zu, sähe man es weit oben auf der ansteigenden Wiese.

FridtjofNansenDenkmalWienWiese

Doch eher sieht man von hier nur einige große graue Steinblöcke vor den Bäumen. Erst von Näherem merkt man, daß die Steine nicht zufällig dort liegen, sondern zwei etwa parallel zueinander und ein weiterer quer über ihnen.

FridtjofNansenDenkmalWienVorne

Aus diesem ragt eine bronzene Büste Fridtjof Nansens – ob ihrer wie unfertigen, wie aufgequollenen Oberfläche leicht als Werk des in Wien häufig vertretenen Bildhauers Hubert Wilfan zu erkennen.

FridtjofNansenDenkmalWienBüste

Sie zeigt Nansens scharfes, schnurrbärtiges Gesicht mit in die Ferne gerichtetem Blick in einem hohen Kragen,  der unten nur noch durch ein die schon nicht mehr gezeigte Brust kreuzendes Band angedeutet ist. Vorbild war eine Porträtphotographie des englischen Prominentenphotographen Henry Van der Weyde aus dem Jahre 1897. Eine Bronzetafel am rechten Stein umreißt Nansens Leben knapp:

FridtjofNansenDenkmalWienTafel

Norwegen, Polarforschung, „Fram“, Völkerbund – mit so aufgefrischter Erinnerung mag man dann in den Steinen das Packeis des Nordpolarmeers und in seinem Blick den des entschlossenen Entdeckers erkennen.

Aber die richtige Annäherung zum Wiener Fridtjof-Nansen-Denkmal ist nicht die von vorne, es ist auch kein Zufall, daß kein Weg den Hang hinauf zu ihm führt. Viel eher und richtiger kommt man auf dem Weg durch den Park von der Seite

FridtjofNansenDenkmalWienSeite

oder gar von hinten zu ihm.

FridtjofNansenDenkmalWienHinten

Dann sieht man wieder zuerst nur die Steine und vor allem die Aussicht in die Stadt, die sich plötzlich auftut.

FridtjofNansenDenkmalWienBlick

Zusätzlich zur nahen Wohnbebauung nun eine Landschaft mit dem langen Hang des Wienerbergs, am Horizont die Bürohochhäusern, ein Wasserturm, gar der Funkturm Arsenal und viel näher die Terrassen von Alterlaa. Dorthin, in die Stadtlandschaft Wiens, nicht in die Weiten des Eismeers, blickt dieser Nansen. Das Denkmal lädt geradezu ein, es ihm gleich zu tun, sich neben seiner Büste auf dem Stein niederzulassen und statt sie anzusehen seinem Blick zu folgen und bald zu weiteren Expeditionen durch Wien aufzubrechen.

FridtjofNansenDenkmalWienGesichtBlick

Nicht nur durch seine Form, sondern auch durch seine Lage in der Stadt wird das Denkmal dem Geehrten gerecht.

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Malmöer Wohngebiete: Kroksbäck

Die Wohngebiete in Malmö sind, wie schon gesagt, oft sehr schematisch angelegt. Wie viel innerhalb dieses Schematismus‘ allerdings erreicht werden kann, zeigt das ab 1965 errichtete Wohngebiet Kroksbäck.

Es unterscheidet sich erst einmal kaum von vielen anderen. Entlang des leicht geschwungenen Hyllievångsvägen (Hyllievångweg) erst dreigeschossige Bebauung, vier aufgereihte achtgeschossige Gebäude an einer querender Erschließungsstraße, dann wieder dreigeschossige Bebauung, ein querender Grünstreifen, vier aufgereihte achtgeschossige Gebäude an einer querenden Erschließungsstraße und schließlich wieder dreigeschossige Bebauung, vier aufgereihte achtgeschossige Gebäude und noch einmal dreigeschossige Bebauung. Auf der anderen Seite des Hyllievångsvägen dazu noch eine Schule und ein Park, durch den es bald ins Wohngebiet Holma geht. Das ist genau so langweilig, wie es sich liest. Doch in Kroksbäck ist die konsequente Trennung zwischen Fußgänger- und Autoverkehr, die Malmö auszeichnet, direkt ins Wohngebiet geholt und das ändert alles.

HyllievångsvägenKroskbäckMalmö

Der Hyllievångsvägen nämlich liegt in einem Graben, über den beim Grünstreifen und den abschließenden niedrigen Gebäuden drei kaum merklich gewölbte Fußgängerbrücken führen.

KroksbäckBrückeBushaltestelleMalmö

Auch die Erschließungsstraßen sind bei ihrer Einmündung tiefer als die Bebauung und für Fußgänger überbrückt, bevor sie dann langsam ansteigen und enden.

KroksbäckBrückenMalmö

Beidseits der Brücken sind an der Straße jeweils Bushaltestellen, während an den Erschließungsstraßen Parkplätze und die Einfahrten von Tiefgaragen sind.

KroksbäckGaragenMalmö

Die Treppen hinab zu diesen gleichen den Zugängen zu Bootsanlegestellen an einem Kanalsystem. So erwacht allein durch zusätzliche Funktionalität der Schematismus zum Leben. Es entsteht ein gar nicht mehr langweiliger städtischer Raum und gleichzeitig, wie als Nebeneffekt, eine Fülle poetischer Assoziationen, etwa mit niederländischen Grachten oder venezianischen Kanälen. Nur passend, daß das prominenteste Kunstwerk von Kroksbäck, geschaffen von Barbro und Holger Bäckström im Jahre 1968, aus geschwungenen Blechen mit Meeres- oder Himmelsmotiven auf einem hohen Gestell besteht und „Hylliemöllan“ (Hylliemühle) heißt.

BarbroHolgerBackströmHylliemöllanKroksbäckMalmö1

Und gleich einer Mühle anderer Art steht es an dem Kanal anderer Art.

BarbroHolgerBackströmHylliemöllanKroksbäckMalmö2

Wie jede gelungene Trennung von Fußgänger- und Autobahnverkehr, zeichnet sich auch die in Kroksbäck durch ihre Selbstverständlichkeit aus. Es gibt schlichtweg keinen Grund, nicht über die Fußgängerbrücken zu gehen. Daß an einigen Stellen dennoch das Bedürfnis besteht, den Hyllievångsvägen abseits von diesen zu überqueren, bezeugen Trampelpfade am hinabführenden Hang. Dabei jedoch geht es wohl meist um Zugang zu geparkten Autos, die dort im Sinne der Konzeption des Wohngebiets ohnedies nicht sein sollten. Gegenüber der Schule wurde sogar ein weiterer Übergang geschaffen, doch statt aus einer Brücke besteht er bloß aus zur Straße führenden Treppen.

KroksbäckFurtMalmö

Das ist, als baute man eine Furt, nachdem der Brückenbau bereits perfektioniert wurde, so offenkundig und traurig ist dieser Rückschritt. Nebenbei läßt diese Querung auch die heute so beliebte Barrierefreiheit vermissen. Wie anders sind da sowohl die Fußgängerbrücken als auch die Bushaltestellen. Sie sind jeweils nicht nur mit einer Treppe angebunden, sondern auch mit einem sanft ansteigenden Weg im Hang, der in seiner Biegung als besondere Aufmerksamkeit für ältere Menschen eine Bank hat.

KroksbäckBushaltestelleMalmö

Ursprünglich hätte Kroksbäck bloß ein Teil eines größeren Wohngebiets namens  Södra Hyllie (Hyllie Süd) sein sollen, doch das wurde nie gebaut, weshalb der Hyllievångsvägen lange abrupt mit einem Wendekreis endete und auch jetzt ziemlich vage ins Ungewisse weiterläuft.

KroksbäckEndeHyllievångsvägenMalmö

Wenn dieses Södra Hyllie die Ansätze von Kroksbäck fortgeführt und weiterentwickelt hätte, wäre es ein großer Gewinn für Malmö und die Architektur geworden. Besser als das heutige Hyllie, das bald folgt, wäre aber sogar ein mediokres Wohngebiet.

Autobahnidylle

„And we’ll surface surrounded by grass and trees and the flyover that takes the cars to cities“, Idylle darf nur so aussehen. In Wien sind das der nördliche Beginn des Donaukanals und der Knoten Nußdorf.

Die von Klosterneuburg kommende Stadtautobahn hat sich am Donauufer schon auf hohe Betonstützen aufgeschwungen,

KlosterneuburgerHochstraßeDonauufer

bevor sie den Brigittenauer Sporn und den zarten grünen Stahl der Schemerlbrücke mit den lachhaft monumentalen Bronzelöwen und dem jede Monumentalität konterkarierenden weiß-transparenten Gebäude erreicht.

EnsembleMitAutobahn

Mit dem offiziellen Namen Klosterneuburger Hochstraße führt sie nach Wien hinein, ohne daß ein einziges Auto Wiener Boden berührte oder Wiener Fußgänger behelligte. Sie verläuft nicht am, sondern weit oberhalb des rechten Donaukanalufers.

KlosterneuburgerHochstraßeDonaukanal

Das Ufer selbst, ja, der ganze Kanal, gehört dem Fußgänger. Das Wasser überspannen erst zwei Eisenbahnbrücken, die eine aus Stahl, die andere aus Beton, doch bald hat auch die Autobahn Abzweigungen zum anderen Ufer, eine, zwei, mehrere, unterschiedlich hoch, einander überkreuzend.

KlosterneuburgerHochstraßeÜberDonaukanal

Über dem grünen Wasser des Donaukanals und den grünen Pflanzen der Ufer entsteht ein kompliziertes Ballet vielfach geschwungener grauer Betonpfeiler und –brücken.

KlosterneuburgerHochstraßeStüze

Sie tragen die Autos. Wohin die Straßen dort oben führen, woher sie kommen, kann man von hier unten nicht durchschauen und man muß es auch nicht, denn selbst hat man die klarste nur mögliche Orientierung entlang des Donaukanals und Wege ins Gewerbegebiet an der Muthgasse oder in andere Teile des 19. Bezirks stehen einem immer offen.

Allzufrüh endet diese Situation. Etwa ab der Höhe Schongauergasse wird am linken Ufer eine Straße ebenerdig und auch am rechten Ufer nähert sich die aufgestützte Straße nach der Höhe Mooslackengasse langsam dem Boden.

KlosterneuburgerHochstraßeEnde

Viele Fahrspuren nun beidseits des Donaukanals.

DonaukanalstraßeHeiligenstädterBrücke

Noch immer bleibt dem Fußgänger das Ufer, aber er ist nun isoliert, abgeschnitten von der städtischen Umgebung durch den Fluß des Autoverkehrs, der undurchdringlicher ist als das Wasser des Donaukanals. Durch die auf Stützen stehende Autobahn war der Fußgänger erhoben, nun wird er erniedrigt, und alles wird noch schlimmer dadurch, daß er eine hundertwässrige Monstrosität vor sich hat.

Doch auch, wenn der Fußgänger mit den Autos auf einer Ebene sein muß, wenn seine Wege so verschlungen sind, wie es die der Autos auf ihren Auf- und Abfahrten sein müssen, kann daraus noch etwas Gutes entstehen: ein Park. Solch ein Park liegt im Knoten Nußdorf, der direkt dort, wo die Flyovers der Autobahn am dichtesten waren, an den Donaukanal grenzt. Es ist ein Park aus vielen, nie sehr großen Teilen.

ParkKnotenNußdorf2

Kein Gartenarchitekt, sondern ein Verkehrsplaner entwarf ihn. Die Autobahn bestimmt ihn voll und ganz. Sie ist für ihn, was anderswo die Natur wäre, sie ist die Wasserläufe, die Felsen und die Hügel.

ParkKnotenNußdorfUnterführung

So winden sich Wege durch mal ebene, mal sanft oder steil abfallenden Wiesen, verbinden kurze Unterführungen und Brücken die einzelnen Teile, stehen Bäume am Ufer der Autobahn.

ParkKnotenNußdorfBrücke

Von manchen Stellen schaut man über die Fahrbahnen und in den 20. Bezirk hinein oder zum Kahlenberg hin.

ParkKnotenNußdorfBlick

Von anderen Stellen sieht man die Autobahn nicht einmal mehr, aber immer hört man sie als ein sanftes Rauschen. Und wieso soll dieses Rauschen weniger schön sein als das des in Wien fernen Meeres? Wieso soll dieser Park weniger schön sein als etwa der Türkenschanzpark mit seinen Wasserfällen und Teichen?

ParkKnotenNußdorf

Der Park im Knoten Nußdorf hat keine Bänke, keine Skulpturen, keine Grillplätze, nicht einmal einen Namen. An seinem höchsten Punkt, wo die Nordbrücke und der den Fußgängern vorbehaltene Nordsteg über die Donau führen, steht immerhin eine betongetragene Bronzetafel zum Bau der Nordbrücke.

NordbrückeTafelKurtSchlauss

Dort ist neben der Bauzeit, 1961 bis 1964, dem damaligen Bürgermeister, Franz Jonas, und vielen anderen am Bau beteiligten Institutionen und Firmen auch der Architekt Kurt Schlauss genannt. Dieser hat sich auch mit dem Bau des Schottentors und anderem große Verdienste erworben, weshalb es sich anböte, den Park ihm zu Ehren Kurt-Schlauss-Park zu nennen. Doch ob mit oder ohne Namen: Wer die Stadt und ihre mögliche Zukunft liebt, dem ist dieser Autobahnpark die wahre Idylle.

Malmö Roddklubb

Es gibt Gebäude, die so perfekt an ihren Ort passen, daß man sie sich gar nirgends anders vorstellen kann. Der Sitz des Malmö Roddklubb (Ruderklub Malmö), errichtet 1942, als in anderen Teilen Europas dergleiche Baumaßnahmen eher keine Priorität genossen, ist ein solches Gebäude.

Wie eingezwängt steht er auf einem schmalen Grundstück zwischen dem Gleisgelände vorm Hauptbahnhof und einer großen Straße. Man kann ihn dort leicht übersehen, er bemüht sich auch nicht, auf sich aufmerksam zu machen, sogar die Reklame für den Kaffeehersteller Zoegas auf dem Dach verblasst schon.

MalmöRoddklubbGesamt

Er hat zwei Geschosse aus vom Verkehr angedunkeltem gelben Backstein. Zur Straße im Erdgeschoß kleine runde Fenster, im Obergeschoß in der rechten Hälfte unter einem leicht aufsteigenden Pultdach größere rechteckige Fenster und in der linken Hälfte eine große Terrasse mit einem Geländer aus glattem dunklen Holz. Der Übergang vom Obergeschoß zur Terrasse ist markiert durch ein größeres Fensterband bei der Ecke. An der rechten Schmalseite ist ein öffnungsloser halbrunder Teil, im Erdgeschoß ein Eingang und Fenster und im Obergeschoß ein kleiner Stahlgitterbalkon und Öffnungen mit Glasbausteinen.

MalmöRoddklubbEcke

Die Gleisseite entspricht fast der Straßenseite, doch sowohl die runden Fenster unten als auch die eckigen oben beginnen später und das Fensterband fehlt, während eine Treppe mit dunklem Holzgeländer am Erdgeschoß entlang auf die Terrasse führt. Die andere Schmalseite ist die schlichteste: im Obergeschoß eine Fahnenstange zwischen den Fenstern und Glastüren zur Terrasse, deren Geländer leicht abgeschrägt endet, im Erdgeschoß drei blaue Tore, die wie Garagentore aussehen.

MalmöRoddklubbWasser

Doch diese Seite öffnet sich zum Wasser. Von der Betonfläche vorm Gebäude führt ein Holzsteg hinab und bis weit aufs Wasser hinaus.  Hinter den Garagentoren ist die Halle mit den Booten, das Herz des Ruderklubs.

Das Gebäude muß an diesem Ort sein und es muß das Gebäude eines Ruderklubs sein. Entsprechend ist es architektonisch am schwächsten, wo es vom Wasser wegweist. Der halbrunde Teil ist noch durch ein Treppenhaus motiviert, aber der Balkon daneben ist nur noch bauhausstiliges Gimmick. Auch die Metallbuchstaben mit dem Namen, die unter dem Fensterband sind, passen zwar,

MalmöRoddklubbSchrift

aber sie wirken zu gesucht, zu kompliziert. Ihnen fehlt die ruhige Eleganz des ähnlichen und doch ganz verschiedenen Schriftzugs des Malmö Elverk (Elektrizitätswerk Malmö), der auf vielen roten Umspannungshäuschen prangt.

MalmöElverk

Doch wo das Gebäude auf das Wasser ausgerichtet ist, stimmt alles. Die Terrasse öffnet den Blick darauf, die Tore öffnen den Zugang dazu. Während es links unter einer Brücke hindurchgeht, verbreitert sich die Wasserfläche nach vorne langsam.

MalmöRoddklubbUmgebung

Offenes Wasser, das Meer gar, ist noch fern. Aufgrund seiner zentralen Lage in der nordöstlichen Ecke des Kanalsystems um den Stadtkern, ist es eher so, als sei das ganze Gebäude ein Tor zum Wasser und zugleich zu einem zweiten, vom Wasser statt von Straßen erlebten Malmö. Zur einfachen Brillianz des Gebäudes gehört es, daß es seine Verbindung zum Wasser nicht zuerst durch maritime Symbolik, obwohl man die finden könnte, sondern durch Funktionalität zeigt. Es zeigt außerdem, wie die Enge und ungünstige Lage eines Grundstücks durch die richtige Architektur nicht nur ausgeglichen, sondern zu einem Vorteil werden kann.

MalmöRoddklubbSeite

Gegen Neostile

Es könnte gefragt werden: Was ist eigentlich das Problem an Neostilen, am Historismus, also daran, für neue Gebäude die Formen früherer Zeiten zu benutzen? Eine knappe Antwort wäre: historistische Gebäude beleidigen sowohl ihre alten Vorbilder als auch ihre eigene Zeit. Das ist an einigen Gebäuden im Zentrum von Malmö gut aufzuzeigen.

In der Engelbrektsgatan (Engelbrechtstraße) steht ein fünfgeschossiges Gebäude mit einer Fassade aus backsteingefülltem Fachwerk.

Engelbrektsgatan11Malmö

Zwischen den Holzbalken sind die roten Backsteine zu filigranen Mustern angeordnet. Die Vorbilder für dieses vom Großhändler Edwin Thomée im Jahre 1917 (!) errichtete Gebäude findet man nur eine Straßenecke weiter auf dem Lilla Torg (Kleinen Platz).

SüdwestenLillaTorgMalmö

Es sind kleine Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrhundert, keins mehr als zwei Geschosse hoch, manche schon ganz schief durch die Strapazen der Zeit. Auch hier Backstein zwischen dunklen Holzbalken, doch hier ist das kein Fassadenschmuck, sondern Ausdruck einer Konstruktionsmethode. Und wenn hier, teilweise, nicht immer, der Backstein zu Mustern angeordnet ist, handelt es sich um ein Bemühen, innerhalb dieser Konstruktionsmethode ornamentale Effekte zu erzielen, nicht um ein beliebiges Ornament.

In der südöstlichen Ecke des Stortorget (Großen Platzes) stehen zwei hohe sechsgeschossige Bürohäuser mit aufwendig geschmückten Neorenaissancefassaden vor allem aus rotem Sandstein, die in hohen Volutengiebeln enden.

SüdostenStortorgetMalmö

Das ältere links mit der Apoteket Lejonet (Löwenapotheke) stammt von 1896. Auch hier braucht man nur zwischen den beiden Gebäuden hindurch- und etwas die Södergatan (Südstraße) entlangzugehen, um an der Ecke Skomakaregatan (Schuhmacherstraße) ein Vorbild zu finden. Es ist das  Flensburgska huset (Flensburghaus) von 1596, ein zweigeschossiger Renaissancebau aus rotem Backstein mit weißen horizontalen Streifen, der die Seite seines Satteldachs und zweier quer ins Dach gesetzter Teile mit Volutengiebeln schmückt. Es ist ein für seine Zeit stattliches, für den heutigen Blick aber zierliches Gebäude. Es ist zuerst funktional, mit neueren, städtischeren Baumethoden gebaut als die Fachwerkhäuser, und erst in zweiter Linie verziert, mit Formen, die aus dem fernen Süden, aus den Niederlanden, kommen.

Historistische Gebäude nehmen Formen, die einmal einen Sinn und Kontext hatten, und kleben sie auf Gebäude, die auch völlig anders aussehen können. Indem sie deren einfache und menschliche Formen ins Gigantische aufblasen, beleidigen sie ihre Vorbilder bloß. Außerdem ist da eine Hilflosigkeit und ein fehlendes Selbstbewußtsein. Der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, der die Welt revolutionierte wie keine Zeit zuvor, weigerte sich, seinen neuen technischen Möglichkeiten entsprechende Formen zu finden. Und so verkleiden sich Malmöer Gebäude, die in dieser Größe hundert Jahre früher kaum denkbar gewesen und wie Hochhäuser mit den Kirchen konkurriert hätten, als Fachwerkhäuser oder als Bürgerhäuser der Renaissance und wirken doch nur lächerlich. Der Historismus in der Architektur ist damit auch ein entscheidender Ausdruck der Schwäche des Kapitalismus. Es ist kein Zufall, daß der Kapitalismus erst aus seinem historistischen Albtraum erwachte und endlich neue Formen suchte, als ihn die Geburt einer noch neueren und revolutionäreren Gesellschaftsordnung, des Sozialismus, erschütterte. Doch da war es zu spät, man konnte ihm nicht mehr glauben, da war der Bezug auf eine Zukunft schon so offensichtlich eine Lüge, wie es zuvor der Bezug auf eine Vergangenheit gewesen war.

Malmöer Wohngebiete: Kulladal

Im südschwedischen Malmö gibt es die Altstadt beim Hafen, die innerhalb des Wassers um die einstigen Festungsanlagen wie auf einer Insel liegt, Vorstädte aus dem 19. Jahrhundert, die im Westen bürgerlicher und im Süden und Osten proletarischer sind, und dann eine weite halbstädtische Landschaft aus Straßen, Einfamilienhäusern und Gewerbeanlagen, in der fortschrittliche Wohngebiete wie Inseln anderer Art liegen.

Malmös Wohngebiete wurden allesamt zwischen den Fünfzigern und Siebzigern gebaut und zeichnen sich meist durch einen Schematismus aus, der überrascht, wenn man mit einigen Beispielen der Stadtplanung anderer europäischer Länder aus derselben Zeit vertraut ist. Immer dreigeschossige Gebäude, die zu Kamm- oder offenen Hofstrukturen angeordnet sind, und acht- bis zehngeschossige Gebäude, die in Zeilenstrukturen aufgereiht sind, immer alle in rechten Winkeln zueinander. Daß die Gebäude selbst sich immer in Details unterscheiden, ist zweitrangig, da es kaum auffällt.

Ein typisches Beispiel ist das Wohngebiet Kulladal im Süden der Stadt. Am nördlichen und am südlichen Ende je drei aufgereihte neungeschossige Gebäude und dazwischen um ein großes Quadrat aus Straßen dreigeschossige Gebäude. Da die Neungeschosser im Süden etwas höher stehen als auf der anderen, ist der Raum dazwischen nach örtlichen Maßstäben tatsächlich ein Tal.

Aus Tidman, Yngve: Bo i gemenskap - HSB Malmö 50 år, Malmö 1975

Aus Tidman, Yngve: Bo i gemenskap – HSB Malmö 50 år, Malmö 1975

Das Quadrat wird von einem zweigeschossigen Parkdeck und einer flachen Ladenzeile eingenommen. Vor dieser ist ein kleiner Platz, der aufwendig und hübsch mit Beeten, Mäuerchen, Hochbeeten und Bänken gestaltet ist, alles so rechtwinklig wie die Bebauung. An diesem Kulladalstorget (Kulladalplatz) hält der Bus und manchmal der Bücherbus. Einziger wirklicher Kontrast zur Regelmäßigkeit sind die Bäume

KulladalMalmöMagnolie

und ein Kunstwerk in der Mitte vor den südlichen zehngeschossigen Gebäuden. Es besteht aus einem schwarzen Sockel und drei Bronzeplatten mit Torsos, die außen von hinten, in der Mitte von vorne zu sehen sind.

Modell aus Tidman, Yngve: Bo i gemenskap - HSB Malmö 50 år, Malmö 1975

Modell aus Tidman, Yngve: Bo i gemenskap – HSB Malmö 50 år, Malmö 1975

Der Name dieses Werks von Barbro Bäckström aus dem Jahre 1975 lautet „I rena glädjen“ (In reiner Freude).

IRenaGlädjeBarbroBackströmKulladalMalmö

Wohngebiete wie Kulladal liegen ohne viel Bezug zueinander oder etwas anderem verstreut, wie es das Privateigentum an Grund und Boden in kapitalistischen Staaten eben bedingt, aber sie sind durch Geh- und Radwege, die meist dank Brücken und vor allem Unterführungen sehr gelungen vom Autoverkehr getrennt sind, gut mit allem verbunden. Geradezu typisch ist eine Situation wie folgende: der Weg senkt sich langsam ab,

WegMunkhättegatanMalmö

führt in einer Unterführung unter der Munkhättegatan (Munkhättestraße) hindurch und bleibt auf der anderen Seite deutlich tiefer als sie.

NettoMunkhättegatanMalmö

Dort folgt ein kleines flaches Ladenzentrum, an dessen langer Wand eine dekorative Gestaltung aus bunten Glassteinen und Bronze auch geradezu im Vorbeigehen wahrgenommen werden will.

KunstNettoMunkhättegatanMalmö

Weit bedeutender für die fortschrittliche Architektur Malmös als die meist langweiligen und schematischen Wohngebiete selbst sind solche Verbindungen, die den großen Wert einer Trennung von Auto- und Fußgängerverkehr zeigen. So werden die Inseln immerhin zu einem Archipel. Besser wäre Festland.