Die Rückseite von Oliwa

Die Klosterkirche von Oliwa im Norden von Gdańsk ist ein vom Barock veränderter gotischer Bau. Gotik und Barock sind eine häufige, aber schwierige Kombination. Häufig jedenfalls in diesen Breiten, wo die Kirchen in der Gotik gebaut und im Barock umgebaut wurden, während es kaum sakrale Architektur der Renaissance gibt. Schwierig, weil Gotik und Barock so unterschiedlichen Prinzipien folgen. Die Gotik ist bestimmt von der Kühnheit und Klarheit der Konstruktion und monumental, vertikal, der Barock hingegen von der Vielfalt der Schmuckformen und verspielt, horizontal. Dies gilt jedenfalls grundsätzlich, obwohl es auch klarst konstruierten Barock und horizontalste Gotik gibt. Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten des Aufeinandertreffens von Gotik und Barock und alle drei kann man am Kloster Oliwa erleben.

Die Vorderseite der Klosterkirche zeigt die ungünstigste Möglichkeit.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Zwischen zwei hohen dünnen Backsteintürmchen bleibt dem Barock nur eine hohe und schmale Fläche, mit der er gar nichts anzufangen weiß. Er rundet die Spitze des einen gotischen Fensters ab, klebt puttenumringte goldene Marien- und Jesus-Monogramme auf, schlägt zwei weitere geschwungene Fenster hinein, schreibt noch schnell das Datum 1771 hinzu und beendet das Ganze mit einem kleinen Giebel.

So nimmt der Barock dem Gotik die Klarheit und die Gotik zwingt den Barock ins Monumentale. Auch das schon 1688 errichtete Portal schafft es nicht, dieser Fassade ein wenig menschliches Maß zu geben.

Alle Bemühungen des Barock sind hier vergebens und wirken so verzweifelt wie die kleine Maria und der kleine Jesus, die sich in den namensgebenden Olivenbaum eines Reliefs geflüchtet zu haben scheinen, ohne daß ihnen das Gold ihrer Kronen dort noch viel nützte.

Die Längsseite der Klosterkirche zeigt die wohl typischste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock.

Vor dem gotischen Baukörper stehen ein kleiner Eingangsbau und eine größere Kapelle aus dem Barock, aber sie interessieren sich überhaupt nicht für ihn, sie bemühen sich nicht im geringsten, auf ihn Bezug zu nehmen, sie stehen einfach in selbstbewußter Gleichgültigkeit davor. Hier verbinden sich Gotik und Barock überhaupt nicht, sondern stehen bloß beieinander.

Der Rückseite der Klosterkirche bleibt es denn vorbehalten, die beste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock zu zeigen. Auf dieser Seite sind die einzigen beiden Strebebögen in Oliwa, diese markantesten Elemente der gotischen Baukunst.

Sie schwingen sich von den niedrigen Pfeilern des Chorumgangs schräg zu den beiden hintersten Pfeilern des Chors auf,  die eine Fläche mit spitzbögigem Fenster rahmen. Dieses Fenster nun nahm der Barock auf. Wie bei den anderen Fenstern des Schiffs ließ er die Form unangetastet, aber krönte seine Spitze noch mit einem kleinen Kreuz in einem eigens dafür angebrachten weißen Putzstreifen. Statt nur mit neuen Fenstern füllte er diese spitzbögige Fläche auf seine eigene Art. Unten ist ein großes und rundes Fenster, ganz wie der Barock es mag, und darüber ist ein weißes Relief. Es zeigt rechts einen Greif, der nach links gewandt an einer Art Pult mit Wappen, Bischofshut und -stab, einem Altar vielleicht, steht und oben etwas links der Mitte einen weiteren Olivenbaum, in dem diesmal Gott und Jesus sitzen.

Alles ist hier in Bewegung, die Seiten des Pults geschwungen und zu beiden Seiten dünne Ranken, die auch aufspritzende Wellen sein könnten. Hier greift der Barock feinfühlig das Beste der Gotik, die Strebebögen, auf und verwandelt es mit seinem Kunstwerk.

Zuerst mag es überraschen, daß dies hier geschieht, an der Rückseite. Wieso befindet sich dieses Kunstwerk, das so viel gelungener und lebendiger wirkt als alles an der Vorderseite, gerade hier, wo es doch keiner sehen kann? Die Antwort ist einfach: einer konnte es sehen. Die Rückseite ist nicht einfach eine Rückseite, sondern die Seite, die zum Abtspalast zeigt. Durch eine Mauer getrennt, aber direkt daneben ist ein Vorplatz des Palasts. Er ist ein recht einfacher Barockbau, zwei Geschosse mit großen Fenstern, im mittigen Giebel ein Fenster, dessen Form dem an der Vorderseite der Kirche ähnelt, und die Pilaster auf rokokohafte Rankenornamente reduziert, die denen im Relief an der Rückseite ähneln.

Der Abt Jacek Rybiński, der die Klosterkirche barock umbauen ließ, ließ sich auch diesen Palast errichten. Er steht genau so, daß er die Kirche zu seinem rechten Seitenflügel macht, und genau deshalb befindet sich dort das Relief.

Während die monumentale Vorderseite und auch die nonchalante Längsseite für das Publikum, das gemeine kirchenbesuchende Volk gedacht waren, existierte diese Rückseite nur zum Privatvergnügen des Abts Rybiński. Erst dadurch, daß er das Schönste an der Kirche gleichsam zum Teil seines Palasts machte, zeigte sich Rybiński so wirklich als Kirchenfürst. Daraus ergibt sich dann die Interpretation des Reliefs: das Wappen auf dem Altar ist Rybińskis, darauf liegen die Isignien seines Rangs, der Altar und der daraus wachsende Olivenbaum sind das Kloster und der so selbstbewußt stehende Greif, das ist doch wohl er selbst, Abt von Oliwa.

Rybiński war der letzte, der sich so fühlen konnte, und er erlebte noch, wie sehr er sich mit seiner Selbsteinschätzung getäuscht hatte. Er war der letzte polnische Abt von Oliwa und der letzte, der zugleich weltlicher Herrscher war, da die Gegend 1772 in der ersten polnischen Teilung Preußen eingegliedert, der Klosterbesitz verstaatlicht und das Kloster 1831 schließlich aufgehoben wurde. So überrascht es auch nicht, daß der Blick auf diese gotisch-barocke Symbiose heute von großen Bäumen fast verdeckt ist.

Darin eine bewußte antikatholische Maßnahme der preußischen Landschaftsarchitektur zu sehen, wäre so verlockend wie zweifelsohne übertrieben. Eher zeigt es einfach, wie leicht das Gefühl für architektonische Zusammenhänge, die in der Erbauungszeit offensichtlich waren, verloren geht.

Kirche und Palast, als Einheit gedacht, sind heute auseinandergerissen, gehören in verschiedene Welten. Wenn man vor der Kirche steht, ahnt man vom Palast nichts, und wenn man vorm Palast steht, ahnt man nicht, was die Strebebögen beim Chor bergen.

Was einst Privatvergnügen des Abts war, ist heute Vergnügen all derer, die genau genug hinschauen.

Goldenberg und die Anarchie

Im 15. Bezirk sitzt das Hauptquartier der Wiener Anarchisten, eine zweimal in der Woche kurz geöffnete Buchhandlung, also beachtet man es kaum, wenn man an einer Wand in der Kranzgasse den dümmlich-coolen Spruch „Bildet Banden!“ mit A als Anarchistenlogo sieht.

AnarchistenGoldenberg

Doch dahinter, in weniger geübten Buchstaben und hellerer Farbe, steht noch etwas weit Interessanteres: Goldenberg.

Goldenberg, das war – ist! möchte man hoffen – eine Jugendgang, die Mitte 2015 durch die kostenlosen Boulevardzeitungen der Stadt geisterte, als einige ihrer Anführer zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Schon der Name faszinierte – sollte es sich tatsächlich um eine jüdische Gang handeln? Dann die Tatsache, daß die Mitglieder sich allesamt den Nachnamen Goldenberg zulegten, der Gründer etwa nannte sich Max Goldenberg. Schließlich das Bild von der Verhandlung, auf dem neben einigen vage südländischen Typen auch ein Schwarzer zu sehen war. Das nun war wirklich außergewöhnlich, da die meisten Gangs eben entlang ethnischer Linien organisiert sind. Zur Erklärung braucht man übrigens nicht einmal von Kulturen und ähnlich Kompliziertem zu reden, es genügt schon, sich der praktischen Vorteile einer gemeinsamen, für Außenstehende unverständlichen Umgangssprache bewußt zu sein. Goldenberg war anders. Offenkundig hatte Max Goldenberg da etwas Herausragendes geschaffen.

In den Boulevardzeitungen gab es zu diesen faszinierenden Umständen erwartungsgemäß nichts, sie erschöpften sich in der moralistischen Verurteilung des Verbrechens, die sie nur, wenn es um mittelalte weiße Bordellbesitzer geht, manchmal ablegen. In einem späteren ausführlicheren Artikel in einer obskuren Zeitschrift (im Internet nur noch eine Ankündigung verfügbar) erfuhr man dann wenigstens, daß die Bande ihr Entstehen dem Charisma Max Goldenbergs verdankte und sich einer aus Kampfsportfilmen zusammengeklaubten individualistischen Selbstoptimierungsideologie verpflichtet fühlte, dem alten „Wenn man nur an sich glaubt, kann man alles erreichen“. Im Kern stammte die Bande aus Favoriten, dem migrantischen 10. Bezirk, aber sie hatte Anhänger in der gesamten Stadt. Im Kern war sie, wie Max selbst, tschetschenisch, aber sie hatte Anhänger verschiedenster Nationalitäten. Religion spielte offenbar keine besondere Rolle.

"Wir sind wenige, aber wir sind überall" - tschetschenische Aufschrift im Wertheimsteinpark. Man beachte die unsicheren kyrillischen Buchstaben und die in ihrer Mischung aus kyrillischen und lateinischen Zeichen kaum mehr verständliche tschetschenische Bezeichnung für Tschetschenien.

„Wir sind wenige, aber wir sind überall“ – russischsprachige tschetschenische Aufschrift im Wertheimsteinpark. Man beachte die unsicheren kyrillischen Buchstaben und das erste Wort, die in ihrer Mischung aus kyrillischen und lateinischen Zeichen kaum mehr verständliche tschetschenische Bezeichnung für Tschetschenien.

Doch auch der ausführlichere Artikel kam über auf andere Art moralistisches Verständnis für das Verbrechen nicht hinaus und konnte so nicht zum Kern des Phänomens Goldenberg vordringen: der äußersten Seltenheit multiethnischer und noch dazu überkonfessioneller Gangs. Dazu bedürfte es einer amoralischen Bewunderung für das Verbrechen.

So betrachtet, stellt das Entstehen einer Bande wie Goldenberg sogar einen Erfolg der Integrationspolitik der Wiener Stadtregierung da. Statt sich untereinander zu bekriegen, tun sich die Migranten zusammen, um gemeinsam Supermärkte, noch dazu im reichen 1. Bezirk, zu überfallen.

Auch der faszinierende Name paßt dazu. Man liest zu ihm verschiedene Erklärungen: er soll entweder von einem Berg im Kaukasus, vom amerikanischen Unternehmer Mark Zuckerberg oder vom amerikanischen Wrestler Goldberg stammen. Aber wie niemand es für nötig hielt, zu recherchieren, ob es so einen Berg gibt (eher nicht), wurde auch nirgends thematisiert, inwieweit es für die Gang wichtig war, daß gleich zwei ihrer möglichen Namenspaten Juden sind. Sicherlich aber ist das Ablegen der alten, fremdartig klingenden Namen zugunsten eines deutsch-jüdischen ein Akt der Integration, ja, Assimilation. Man könnte da an die afro-amerikanische Schauspielerin Whoopi Goldberg denken, die ihren Nachnamen wählte, weil ihre Mutter ihr sagte, daß ein jüdischerer Name helfe, in Hollywood Erfolg zu haben. Aber das sind Fragen, die nur echter Journalismus beantworten könnte und so bleiben sie denn unbeantwortet.

Anti-Goldenberg-Aufschrift in Favoriten

Anti-Goldenberg-Aufschrift in Favoriten

Die Anarchisten nun können von einer an Goldenberg heranreichenden Organisationskraft im migrantischen Proletariat nur träumen – und genauso auch die anderen linken Grüppchen, von den weniger idiotischen bis zur offen islamistischen Linkswende. Das Nebeneinander der beiden Schriftzüge – dem Namen der wirklichen Bande und der hippen Forderung, Banden zu bilden, der nie nachgekommen wird, von der ihr Schreiber nicht einmal zu erklären wüßte, was er denn verfickt noch mal damit meint – dieses Nebeneinander offenbart ein weiteres Mal die Lächerlichkeit des Anarchismus.

Sollte es in unseren Breiten einmal dazu kommen, daß der Staat zerfällt, daß es Anarchie gibt, daß die Menschen Banden bilden müssen, um zu überleben, daß es also wird wie in, sagen wir, Libyen, dann werden die Anarchisten gewiß nicht darauf vorbereitet sein, Goldenberg aber vielleicht eher. Fraglich ist bloß, ob dann noch für den sympathisch multiethnischen Charakter der Gang Platz wäre oder ob er sich, genauso eigentlich wie der hiesige Anarchismus, als Nebeneffekt der gemütlichen Wiener Sozialstaatlichkeit herausstellen würde.

Ein Kaufhaus in der Provinz

Manche Gebäude machen unsicher. Aus welcher Zeit stammt dieses Dom Služieb (Haus der Dienste) am Námestie SNP (Platz des SNP) im nordwestslowakischen Städtchen Rajec?

Hohe Schaufenster im Erdgeschoß, die in der Mitte, wo der Eingang ist, nach innen geschwungen sind. Eine Verkleidung aus vertikal gesetzten gelb-grauen Kacheln. Mittig vor den beiden Obergeschossen ein vorgesetzter Rahmen um Fenster und vertikale Streben aus Beton. Ganz rechts neben dem Schaufenster kleine vertikale und quadratische Fenster in unregelmäßiger Anordnung und in verschiedenen Farben.

Das alles könnte für die fünfziger Jahre sprechen, auch der Name klingt danach.

Aber dann kommt man in einen großen glasüberdachten Innenhof, um den in den Obergeschossen ovale Galerien mit Stahlgittergeländer verlaufen.

Und ist das nun ein Hof, eine Passage, eine Markthalle? Ist es groß oder klein, offen oder geschlossen? Etwas will nicht zum Sozialismus, der großzügig über städtischen Raum verfügen konnte, passen.

Nein, eher wirkt es, als habe hier ein Unternehmer versucht, auf einem letztlich kleinen Grundstück ein modernes, großstädtisches Gefühl zu erwecken. Es muß ein Gebäude aus der kapitalistischen ersten tschechoslowakischen Republik sein oder aus dem klerikalfaschistischen Tiso-Staat oder aus den paar halbkapitalistischen Jahren, die die wiedervereinigte Tschechoslowakei nach dem Krieg erlebte. Trotz der Schnörkellosigkeit der Formen bleibt dabei noch immer ein Nachgeschmack vom 19. Jahrhundert mit seinen nach innen gewandten Passagen.

Letztlich ist es ein Blick auf die Brandmauer an der Seite, wo ein Nachbarbau fehlt, und auf die Rückseite, der alle Gedanken an die Fünfziger verschwinden läßt.

Aber daß sie aufkommen konnten und auch jetzt noch etwas Unsicherheit bleibt, zeigt, was für ein eigenartiges, seltsam aus allen Zeiten gefallenes Gebäude dieses Kaufhaus ist, ein Kleinod. Manche Architektur kann nur in der Provinz entstehen.

Erkundungen auf Friedhöfen: Zwangstaufen und Hoffnung

Politisch kann man am gegenwärtigen Polen leicht verzweifeln. Daß es keine Linke gibt, die diesen Namen verdient hat, muß kaum erwähnt werden, doch es gibt auch keine erwähnenswerte Partei, die sich zumindest links nennt. Die wichtigsten Parteien sind stattdessen die liberale PO, der politische Arm der Europäischen Union, und die rechte PiS, der politische Arm des polnischen Katholizismus. Da die PiS zu ihren reaktionären gesellschaftspolitischen Ansichten auch eine gemäßigt sozialstaatliche Politik betreibt, gewann sie in letzter Zeit alle Wahlen, zur großen Überraschung aller, die meinten, daß es Polen doch total super gehe, weil in den großen Städten einige Leute in outgesourcten Bürojobs arbeiten dürfen.

Der politische Diskurs ist noch etwas schlimmer, als diese Rahmenbedingungen erahnen ließen und das sieht man auch im städtischen Raum. So gibt es im Gdańsker Stadtteil Wrzeszcz eine große Straße namens Aleja Żołnierzy Wyklętych (Allee der verfemten Soldaten), an der sich ein diesen gewidmetes großes Wandbild befindet.

Mit der glorifizierenden jungen Bezeichnung żołnierzy wyklęci sind die Mitglieder reaktionärer Banden gemeint, die nach Kriegsende noch einige Zeit mordend durch ländliche Gegenden Polens zogen, weil sie nicht akzeptieren konnten, daß die Sowjetarmee ihr Land befreit hatte. So groß war ihr Haß auf Kommunisten und Juden, was ihnen ein und dasselbe war, daß sie ihren absurden Kampf in einer Zeit führten, in der die ganze Welt nur Friede und Wiederaufbau wollte. Entsprechend schnell wurden diese Banden von den polnischen Sicherheitsorgangen zerschlagen und ihre Führer hingerichtet.

Künstlerisch bewegt sich die Gestaltung auf niedrigem Niveau: aus einem grün-blauen Tarnmuster werden grün-blaue Wolfsformen im Wald, dazu Porträts der Banditen und das Gedicht „Wilki” (Wölfe) von Zbigniew Herbert.

Aber es ist das niedrige Niveau der allermeisten Streetart; diese hat statt der typischen liberalen Aussage eben eine rechtsradikale.

Um zu sehen, daß es auch ein anderes Polen gab, eines, daß die reaktionären Banden besiegte, um so gut es ging den Sozialismus aufzubauen, muß man heute schon auf einen Friedhof gehen. Der Friedhof Srebrzysko liegt gar nicht weit von der Straße mit dem Wandbild entfernt. Auch hier zeigt sich Polen als das sehr katholische Land, das es heute so stolz sein will. Überall die standardisierten Gräber mit den etwas aus der Erde ragenden Steinkästen, unter denen die Särge liegen, den Kreuzen und den Steinen, deren Inschriften mit Ś.p. (świętej pamięci, seligen Andenkens) beginnen. Auch hier muß man das andere Polen suchen.

Aber dann findet man sie, die Gräber ohne christliche Kreuze und mit andersartigen Inschriften. Direkt in der ersten Reihe rechts des zentralen Wegs, nur etwas höher am bewaldeten Hang, sind einige von ihnen, Ehrengräber verdienter Bürger der Stadt aus den Sechzigern. Ihre Gestaltung gleicht den üblichen Gräbern, aber sie stammen aus einem anderen Land, das es nie so ganz gab, für das die hier Begrabenen aber alles gaben.

Towarzysz, Genosse, nennen sich die Toten hier stolz, manchmal Tow. abgekürzt, und sie waren verdiente Funktionäre der Arbeiterbewegung, haben in Spanien gekämpft oder bei der Verteidigung von Hel und waren in der KPP (kommunistische Partei Polens in der Zwischenkriegszeit) und der PPR (illegale kommunistische Partei Polens zur Zeit der deutschen Besatzung) oder in den kommunistischen Parteien anderer Länder. „Cześć ich pamięci!“, Ehre ihrem Andenken, fordern sie noch immer trotzig. Das Zeichen dieser Menschen ist das vielleicht nicht schöne oder sozialistische, aber zumindest nicht religiöse Kreuz des Ordens Polonia Restituta (Orden der Widererrichtung Polens).

Der 1987 verstorbene Józef Szweda, schon nicht mehr towarzysz, hatte sogar den Order Budowniczych Polski Ludowej (Orden der Erbauer Volkspolens), die höchste Auszeichnung seines Landes.

Die meisten dieser Gräber werden noch gepflegt, protzige Grablichter, wie sie in Polen zu bestimmten Feiertagen in großen Menschen auf Friedhöfen abgeladen werden, stehen auch hier. Manchmal merkt man, daß den Nachkommen ihre kommunistischen Vorfahren peinlich sind. Im Falle von Władysław Ginko löste die Natur das Problem und das Grab der Ehefrau, mit Kreuz und Ś.p., konnte drohend schräg hinter das des armen towarzysz, der das immerhin nicht mehr erleben mußte, gesetzt werden.

In einem anderen Fall mußte bei Restaurierungen zensierend eingegriffen werden: auf das Grab von Leon Derdowski wurde ein christliches Kreuz gemalt, was einer posthumen Zwangstaufe oder einer Zwangs-letzten Ölung gleichkommt.

Aber auch so bedeuten die wenigen Gräber auf diesem Friedhof am Rande von Wrzeszcz und die von ihnen geweckte Erinnerung an die großartigen Frauen und Männer, die die PRL aufbauten, vor allem Hoffnung. Menschen ändern sich schnell. So unmöglich es heute scheint, daß in Polen – oder meinetwegen Saudi-Arabien – die Religion zurückgedrängt wird und der Sozialismus siegt, so schnell kann das unter den richtigen Bedingungen geschehen. Wie Ronald M. Schernikau sagte: „Das sind Angelegenheiten bloß eines Jahrhunderts“.

Hier einige der Menschen, die einst in besseren Wandbildern zu rühmen sind:

Gen.
Władysław Wołowiec
1895 – 1972
Verdienter Funktionär der Arbeiterbewegung
Ehre seinem Andenken

Gen. Andrzej Gruszecki gest. 26. XI. 1965
Gen. Anna Gruszecka gest. 13. VII. 1978
ehem. Funktionäre der KPP und der PPR
ausgezeichnet mit Offizierskreuzen [des Ordens Polonia Restituta]
Ehre ihrem Andenken

Leon Derdowski
geb. 30.VI. 1916
gest. 21.V. 1966
Verdienter Funktionär der Arbeiterbewegung, Teilnehmer der Kämpfe in Spanien 1936 – 1939
Ehre seinem Andenken

Hier ruht Genosse Władysław Ginko
geb. 19.II. 1904
gest. 5.II. 1969
Ehre seinem Andenken

Józef Szweda
28.02.1915 – 21.09.1987
Teilnehmer an der Verteidigung von Hel im Jahre 1939
Verdienter Funktionär der Arbeiterbewegung
Ehre seinem Andenken!

Hier ruht
Gen. Józef Zamojski
Teilnehmer der Internationalen Brigade in Spanien
geb. 26.IX. 1902
gest. 2.VII. 1959
ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, der Kommunistischen Partei Spaniens, der PPR und der PZPR (Vereinigte Arbeiterpartei in der Volksrepublik Polen)
Ehre seinem Andenken

Humenné – Südlicher Teil

Im Zentrum des südlichen Teils von  Humenné, einer durch Straße und Bahnstrecke geteilten nordostslowakischen Stadt, befindet sich ein langer Platz, der wieder Námestie Slobody (Platz der Freiheit) heißt. Als eine Art Einleitung steht rechts ein Punkthochhaus. Der Platz ist locker gerahmt von zweigeschossigen Ladenzeilen und bis zu viergeschossigen Gebäuden, in denen eine Post und andere Gemeinschaftseinrichtungen sind.

zentrumsuedhumenne

Trotz vielen EU-geförderten Umbauten ist die Grundstruktur noch zu erkennen. Sowohl das weit vorgesetzte Treppenhaus einer Ladenzeile rechts als auch der vorgesetzte Saal eines Gebäudes links sind zum Platz hin mit grün-grauem Schiefer verkleidet, wobei auf ersterem ein abstraktes Muster aus Edelstahl ist und auf zweitem eines aus bunten Kacheln, das vielleicht auf die Muster lokaler Trachten Bezug nimmt. Davor steht die überlebensgroße Bronzeplastik einer Frau und eines Mannes, die ein Kind in die Höhe halten.

plastikmusterhumenne

Der Platz endet leicht nach rechts versetzt, was durch den Winkel der Bibliothek links und zwei Punkthäuser rechts markiert ist.

Eine stählerne Brücke mit zwei flachen Bögen führt zu Einfamilienhäusern am anderen Ufer des Flusses Laborec.

stahlbrueckehumenne

Sie stammt aus dem Jahre 1900 wie ungarische Schilder in ihrer Mitte, die ausführlich die beteiligten Ämter nennen, verkünden. Damals war sie eine Straßenbrücke, Symbol des technischen Fortschritts, der auch in die entlegensten und unungarischsten Gegenden Ungarns drang, heute ist sie als Fortsetzung des verkehrsfreien Platzbereichs eine Fußgängerbrücke, noch immer nützlich, aber auch ein Kleinod aus einer anderen Zeit.

Rechts des Platzes geht es langsam ins Industriegebiet. Zuerst technische Schulen und das etwa 15-geschossige Verwaltungshochhaus von Chemkostav, dann die eigentlichen Werke. Bloß das Eisstadion und das Hallenbad passen nicht auf diese Seite.

Links erstreckt sich das Wohngebiet, dessen Erschließungsstraße Třebíčská (Třebíčer Straße) heißt, ein schöner tschechoslowakischer Name nicht nur, weil Třebíč in Mähren liegt, sondern auch, weil das Slowakische den Buchstaben Ř nicht kennt. Es ist von zwei markanten Gebäudetypen geprägt. Der erste ist lang und neungeschossig. Verglaste Treppenhäuser auf der einen und schräg beginnende Balkone auf der andere Seite. Zwischen den aus dem Dach ragenden Betriebsräumen der Aufzuge schwerelos wirkende Verbindungsdächer.

langesgebaeudehumenne

Unten an den Schmalseiten zwischen den nach außen schräg ansteigenden Stützen Durchgänge, die geschickt in das Wegesystem des Wohngebiets einbezogen sind.

durchganghumenne

Der zweite ist ein Punkthaus, das aus einem vierzehn- und einem dreizehngeschossigen quadratischen Teil bestehen, die in einer Ecke um ein halbes Geschoß versetzt ineinandergefügt sind und zu den entstehenden Winkeln hin Dachaufbauten aus Betonlamellen haben.

punkthaushumenne

Die langen Gebäude bilden als mäanderndes Y das Rückgrat des Wohngebiets, während die Punkthäuser an den Rändern entlang der parallel zur Bahnlinie verlaufenden Straße Laborecká und des Flusses angeordnet sind.

punkthauslangesgebaeudehumenne

Daß das niemals schematisch wirkt, liegt vielleicht auch an der großartigen Gestaltung der Freiflächen. Kindergärten, Schulen und eine Kaufhalle sind so eingebettet, daß sie gut zu erreichen, aber nie im Weg sind. Zum Fluß hin gibt es nach den langen Gebäuden keine Straßen mehr, sondern einen weiten offenen Grünbereich.

gruenbereichhumenne

Am Fluß selbst verläuft ein erhöhter Spazierweg und es gibt eine Kneipe und einen Tretbootverleih.

laborechumenne

Nicht zuletzt unterstützt die künstlerische Gestaltung den Charakter des Wohngebiets. Bei jedem Spielplatz sind Betonskulpturen und Betonwände, die teils Reliefs, teils bunte Kacheln tragen.

reliefwaendehumenne

Während die Wände eine Vielzahl gegenständlicher Motive, die sich an Kinder richten, haben, sind die Skulpturen abstrakt, scheinen aber den Beton und die vorgefertigten Platten der Gebäude ringsum manchmal gleichsam zu karikieren, wenn sie scheinbar vorgefertigte Teile so ineinanderfügen wie sie unmöglich ineinandergefügt werden können.

betonskulpturhumenne

Sogar die bunten Stahlgerüste der Spielgeräte verwandeln sind manchmal in Raketen.

raketehumenne

Eine solch konsequente künstlerische Gestaltung ist auch in der Tschechoslowakei selten, fast fühlt man sich an ein Wohngebiet im fernen Prag erinnert.

Der äußere, östliche Teil des Wohngebiets erreicht dieses städtebauliche und künstlerische Niveau dann nicht mehr. Er ist von offener neungeschossiger Hofbebauung geprägt, die nur durch einige Punkthäuser und dadurch, daß sie an den Ecken manchmal auf sieben und fünf Geschosse abfällt, aufgelockert ist. Doch in diesem Teil befindet sich ein bemerkenswertes kleines Wohngebietszentrum.

okresnysudplatzhumenne

An sich wären die mit blauen kleinen Kacheln verkleidete Poliklinik, die beiden zweigeschossigen Ladengebäude und der achtgeschossige Bürobau im Humenné-Stil, die da um einen kaum gestalteten Platz stehen, nichts Besonderes, doch in dem Bürobau sitzt das Okresný súd (Kreisgericht). Dadurch handelt es sich hier um ein gelungenes und leider äußerst seltenes Beispiel dafür, wie das Nebenzentrum eines Wohngebiets mit einer für die Gesamtstadt wichtigen Funktion verbunden werden kann.

Insgesamt ist die Situation im südlichen Teil von Humenné genau umgekehrt als im nördlichen. Im Norden ist das Bedeutendste das Zentrum mit dem Dreiklang aus Schloß, Denkmal und Kulturhaus, während die Wohngebiete nichts Besonderes sind. Im Süden ist das Zentrum nur mittelmäßig, da wirklich prägende Gebäude fehlen und vieles in den letzten Jahren umgebaut wurde. Das Wohngebiet ist hier hingegen großartig, da es die landschaftlichen Gegebenheiten, also die Nähe des Flusses, ausnutzt und interessante Gebäudetypen mit einem harmonischen Stadtraum und passenden Kunstwerken verbindet. Der nördliche und südliche Teil von Humenné zeigen so auf jeweils verschiedene Art die Leistungen von Architektur und Städtebau in der Tschechoslowakei.

Przymorze – Der Name

Przymorze – ein Name wie ein Versprechen. Przy – bei, morze – Meer. Die Präposition und das Substantiv sind ausnahmsweise ohne Deklination des letzeren verbunden und noch dazu zu einem Wort zusammengefügt. Aber Przymorze, der Name des größten fortschrittlichen Wohngebiets von Gdańsk, ist eben kein normales Wort. Im polnischen Sprachgebrauch käme es nie vor. Niemand würde sagen: „Jestem przy morzu“ (Ich bin beim Meer), sondern immer nur: „Jestem nad morzem“ (Ich bin am Meer, wörtlich: Ich bin über dem Meer).

Przymorze ist ein Versprechen – das Versprechen eines neuen Gdańsk, eines Gdańsk am Meer. Denn Gdańsk liegt, wie immer zu betonen ist, nicht am Meer. Seine gesamte Geschichte und Bedeutung ist mit dem Meer verbunden, es ist eine Hafenstadt, aber es liegt, wie nicht wenige andere Hafenstädte, weit genug vom Meer entfernt, um für feindliche Flotten fast unerreichbar zu sein. Wenn also ein jeder Bewohner des alten Danzig irgendwie mit dem Meer zu tun hatte, so hatte er doch einen recht weiten Weg, um an seinem Strand zu stehen. In Przymorze ist das anders. Es liegt zwar ebenfalls nicht direkt am Meer, aber sehr nahe beim Meer.

przymorzemeer

Przymorze ist das Versprechen des Neuen und somit zwangsläufig auch polnischer als seine Nachbargegenden. Das fängt beim Namen an: Jelitkowo kommt von Glettkau, auch wenn das offenkundig slawischen Ursprungs ist, Zaspa kommt von Saspe, auch wenn Zaspa sogar im heutigen Polnisch noch etwas bedeutet (Schneeverwehung). Przymorze aber hatte nie einen anderssprachigen Namen. Wie auch? Wo es ist, war früher nichts. Landwirtschaft, ein paar Höfe, von denen noch einige Straßen- und Haltestellennamen zeugen, das war alles, was es hier vorher gab. Daß hier Gdańsk sein könnte, Gdańsk przy morzu, wäre den Bauern dort nie eingefallen und nicht nur, weil sie die nah-ferne Großstadt als Danzig kannten.

Um Gdańsk bis nach Przymorze zu erweitern, brauchte es erst den polnischen Sozialismus. Es rückt so nahe an Sopot heran und wurde mit diesem und Gdynia zum Teil einer Trójmiasto (Dreistadt). Der Sozialismus führte Gdańsk zum Meer und machte aus drei Städten eine dreifaltige Stadt. Das Wohngebiet Przymorze ist einer der wichtigsten Teile dieser Stadt und erfüllt schon dadurch das Versprechen seines Namens.

Humenné – Nördlicher Teil

Das nordostslowakische Humenné ist eine geteilte Stadt. Der eine Teil liegt nördlich von Fernverkehrsstraße und Eisenbahnstrecke, der andere südlich, und dazu kommt noch anderes, was zu keinem so ganz gehört und Möglichkeiten böte, die Teilung aufzuheben.

Der nördliche Teil erstreckt sich entlang der Gottwaldova (Gottwald-Straße), die heute vom Verkehr befreit Námestie Slobody (Platz der Freiheit) heißt. Er beginnt mit einem Halbkreis aus viergeschossigen, teils satteldächigen Gebäuden, in dem rechts der überdachte Marktplatz und links einige ältere Häuser sind. In der Mitte öffnet sich, flankiert wie von einem Tor durch siebengeschossige Gebäude mit flügelartigen Dachaufbauten, die Straße/der Platz.

beginnnamestieslobodyhumenne

Bis zur nächsten Querstraße bildet diese Bebauung viergeschossig und an den Ecken fünfgeschossig mit Flügelaufbauten die Seiten der Straße/des Platzes. An der Querstraße weist eine Ladenzeile mit ihren vertikalen Linien, die in komplizierten kubischen Formen enden, nach links, ein schönes Beispiel des Humenné-Stils.

ladenzeilehumennegesamt

In der Mitte erstrecken sich Grünanlagen, in denen auch eine wenig alte Skulptur des Johannes von Nepomuk steht.

nepomukhumenne

Nach einem Springbrunnen wird der Platz/die Straße noch etwas breiter.

brunnenhumenne

Die Bebauung bleibt geschlossen, wird aber weniger einheitlich, es gibt eine Post links und ein langes Wohngebäude mit Satteldach rechts.

gebaeudedurchganghumenne

Man würde nicht ahnen, daß man nur durch letzteres treten muß, um mitten in einem Wohngebiet zu sein. Es besteht aus viergeschossigen Walmdachgebäuden um offene Höfe mit großen Bäumen, am nördlichen Rand an der Ulica Osvoboditeľov (Straße der Befreier) reihen sich achtgeschossige Punkthäuser. Im weiteren Verlauf werden die Dächer der Häuser flach und es gibt einige kleine Zentren mit Läden.

Erst gegen Ende des Platzes/der Straße und auf der linken Seite stehen wieder einige ältere Gebäude. Am auffälligsten von diesen ist eines von 1936, auf dem das löwengehaltene Stadtwappen prangt. Aber als Gegengewicht gibt es sogleich Gebäude aus sozialistischer Zeit: gegenüber ein Kaufhaus  und direkt angrenzend eine Ladenzeile entlang der nächsten Querstraße.

nordwestzentrumhumenne

Sie besteht aus zwei parallel verlaufenden zweigeschossigen Gebäuden, die aber etwas versetzt stehen, so daß vor den Eingängen kleine Grünbereiche sein können. Die Läden öffnen sich zum ebenerdigen Bereich und zu auf runden Stützen ruhenden Flächen im zweiten Geschoß, die durch mehrere Brücken verbunden sind. Treppen führen teils innen zu diesen Brücken, teils von außen durch die Gebäude hindurch auf die Terrassenebenen.

nordwestzentrumhumenneinnen

Das ist eine ungewöhnliche Lösung, fast weniger Lijnbaan als Passage des 19. Jahrhunderts, weshalb es nur paßt, daß sie heute ein transparentes Dach hat. Anders als leider viele solcher Ladenzeilen wirkt sie auch nicht heruntergekommen oder von improvisierten Billigläden geprägt. Sie ist, könnte man sagen und sogar zu ihrer Lage paßt es, das Nordwestzentrum von Humenné.

Aber wenn man so weit gekommen ist und wohl schon vorher, beachtet man zuerst die beiden bestimmenden Gebäude, mit denen der Platz/die Straße endet: das Schloß links und das Dom Kultúry (Haus der Kultur) seitlich rechts.

schlossdomkulturyhumenne

Das Schloß ist ein vielfach veränderter vierflügliger Renaissancebau, auf den man zwischen den Plastiken einer Löwin und eines Löwen zugeht. Sie sind auch viel markanter als das Gebäude selbst.

schlosshumenne

Das Dom Kultúry hat eine langgestreckte zweigeschossige Fassade aus blaugefaßtem Glas, die von den weißen Linien der Seitenwände und des Dachs gerahmt ist. Inmitten der Glasfläche ist bei den Eingängen rechts eine weiße Wand, während  hinten links der niedrigere blaue und der höhere weiße Teil des Saals aufragen.

domkulturyhumenne

Alt und Neu stehen so beieinander, ohne das zu sagen wäre, welches davon für den Abschluß des Platzes wichtiger wäre. Im Mittelpunkt der Straßenachse steht keines von beiden und auch der dazwischen angeordnete Pamätník Vďaky (Denkmal des Danks) nicht.

pamaetnikvdakahumennevorne

Auf einem langen leicht abgeschrägten niedrigen Sockel aus rotem Stein stehen links Flammenschale und rechts eine überlebensgroße Bronzeplastik: in der Mitte ein Mädchen mit Blume, rechts ein Arbeiter mit geschultertem Gewehr und links ein sowjetischer Soldat mit gesenkter Maschinenpistole und nach links hin hochgehaltener Fahne, deren Fläche bis nach rechts reicht und eine Art Hintergrund für die Figuren bildet. Die Inschrift auf dem Sockel lautet: „Sloboda prinesená je vzácna, ale sloboda vybojovaná je oveľa drahšia“  (Gebrachte Freiheit ist wertvoll, aber erkämpfte Freiheit ist viel wertvoller). Dieses schöne unbezeichnete Zitat von Gustáv Husák impliziert SNP, Dukla, den ganzen Erinnerungsmythus, und die sowjetisch-tschechoslowakische Freundschaft, ohne sie nennen zu müssen.

Schloß, Denkmal, Dom Kultúry bilden gemeinsam den Abschluß der Straße/des Platzes, denn diese/dieser ist keine Achse. Daß sie nicht direkt auf das Schloß zuführen, wie es die alte Stadt sicher stärker tat, ist kein Zufall, doch noch die Torgebäude scheinen eine konventionelle Achse vorzubereiten. Dank dem Fortschritt im Städtebau entstand diese nie und der Platz fließt stattdessen zwischen Schloß und Dom Kultúry, um das Denkmal herum, in den Park hinein, der einst Schloßpark war und nun im schönsten Sinne aufgehoben ist. Das Schloß ist darin beinahe genauso ein Ausstellungsstück wie die regionalen Holzbauten im Freilichtmuseum weiter oben am Hang. Sogar das Denkmal will nicht nur von vorne, sondern auch von seiner Rückseite betrachtet werden, wo zwischen den Falten der Fahne ein liegender Helm, ein Stein (Grabstein?) und ein Baum zu sehen sind.

pamaetnikvdakahumennehinten

Mit den bronzenen Figuren blickt man dann die Gottwaldova/den Námestie Slobody entlang, die schon so vielfältig und spannungsreich sind und doch nur das Zentrum des nördlichen Teils von Humenné.

pamaetnikvdakahumenneblick