Tuja

Tuja ist ein winziges Dorf, wirklich kaum eine Handvoll Häuser, aber es ist hat eine der größten und ungewöhnlichsten gotischen Kirchen der ganzen Żuławy.

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Bereits ihr Backsteinmauerwerk ist nicht einfach rot, sondern durch und durch mit schwarzen Backsteinen durchsetzt, die ein mehr oder weniger regelmäßiges Schachbrettmuster ergeben. Auch die Seitenwände des Langhauses sind mit außen drei, in der Mitte zwei Spitzbögen zwischen den zweistufigen Strebepfeilern, von denen nur der mittlere beziehungsweise linke ein Fenster ist, deutlich anders als bei vielen anderen Kirchen.

Vor dem hinteren Ende seines Satteldachs ist ein Giebel aus kurzen quadratischen Pfeilern, deren Ecken abgerundet leicht über die Seitenflächen hervorstehen. Das ähnelt anderen żuławischen Kirchen, aber dort wäre der Giebel die Hauptsache, während in Tuja etwas folgt, das fast keine von ihnen hat: ein Chor.

Er ist fast ebensogroß wie das Langhaus, seine Wände sind sogar höher und nur das Dach niedriger. Mit einzelnen spitzbögigen Fenstern zwischen vielen dreistufigen Strebepfeilern, aus denen schräg gesetzte kleine Pfeiler ragen, endet er halbrund oder so nah an einem Halbrund, wie die gotische Bautechnik es eben zuläßt.

An der Südseite ist in der Mitte des Langhauses ein Eingangstrakt mit Treppengiebel und weiteren der Pfeiler vorgesetzt und an der Nordseite ist das Dach am Ansatz des Chors bis weiter nach unten geführt, was wiederum vertraute Elemente anderer Kirchen der Region sind.

Doch dann ist da der Turm: er hat einen achteckigen, teilweise im Langhaus verschwindenden Grundriß und in den Ecken mächtige Strebepfeiler, deren untere Teile bereits höher sind als die des Langhauses. In den Wänden sind wenige Öffnungen und an einer Stelle bilden die schwarzen Backsteine ein Muster aus auf der Spitze stehenden Quadraten. Der nach vorne zeigende Eingang besteht aus mehreren ineinandergesetzten schmalen Spitzbögen.

Einen solchen Turm gibt es nirgendwo sonst in den Żuławy. Andere Kirchtürme mögen noch größer sein, aber alle haben einen konventionellen quadratischen Grundriß. Irgendjemand entschloß sich in Tuja, alles anders zu machen. Angesichts der Ungewöhnlichkeit des Turms und der Größe, die er hätte, wenn er fertig gebaut worden oder vollständig erhalten geblieben wäre, wirkt sein heutiger schmaler hölzerner Aufsatz mit Zeltdach so jämmerlich, daß er besser weggelassen worden wäre.

Die Kirche steht frei an der einzigen Straße des Dorfs, auf ihrer anderen Seite ist bereits die offene Landschaft, nicht einmal ein Friedhof ist mehr um sie. Nichts in Tuja oder seiner Umgebung erklärt, wieso es eine solche Kirche hat, der Ort verlor seine Bedeutung wohl schon bald nach ihrer Errichtung oder hatte sie nie. Fast könnte man in ihr eine spätmittelalterliche folly, eine architektonische Verrücktheit, einen Ausdruck katholischer Hybris, einen Turmbau zu Tuja sehen wollen. Das winzige Dorf Tuja besitzt eines der vielen Wunder der Żuławy.

Eine Villa in Utrecht

Viele Villen von circa 1895 haben Türme wie Kirchen, wenige Villen von circa 1965 haben Kontrolltower wie Flughäfen. Es gibt keinen eigentlichen Grund, wieso das so ist, denn in beiden Fällen ist es eine Aneignung eines funktionalen Architekturelements als mehr oder weniger funktionslose Dekoration. Daher ist folgende Villa in Utrecht beachtenswert.

Nah am Autobahnring, den aber hohe Bäume verbergen, mit zwei Seiten zu einer kleinen Biegung der Huizingalaan (Huizingaallee) und der dritten zu einem stillen Kanal zeigend, ist sie so gut gelegen, wie das in dieser relativen Nähe zum Stadtzentrum nur möglich ist. Sie ist aus großen hellgrauen Betonformsteinen errichtet, was bereits ein Kontrast zum üblichen niederländischen Backstein ist und zeigt, daß hier ein Architekt seine Visitenkarte baute (Piet Dingemans, 1964). Wichtigstes Gestaltungselement sind Varianten dieser Steine mit entweder drei abgerundet quadratischen Löchern oder zwei schmalen vertikalen Schlitzen, was abwechslungsreiche, mehr oder weniger unregelmäßige Muster ergibt.

Nach links, zum Wasser hin, sind in allen drei Geschossen Fensterbänder mit dunkelgrauen Rahmen und einzelnen schmalen blauen Flächen, wobei vorm untersten, das weißen Putz hat, ein Steg ist und ganz links vor dem obersten ein Balkon mit einer Brüstung aus Lochsteinen hängt.

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Nach vorne, zur Straße hin, ist links eine breite Garage, über ihr ein Fensterband und noch darüber eine große Terrasse, die hinter Lochwänden versteckt und teils von einem Plexiglasdach überspannt ist. Rechts ist das, was am Wasser noch das Erdgeschoß und links die Garage war, auf ein halbversenktes Untergeschoß ohne Fenster reduziert, über dem in den beiden folgenden Geschossen unterschiedlich hohe Fensterbänder sind. Zum Eingang in der Mitte führt daher eine kurze Treppe hinauf und über ihm dient ein schräger Teil der Terrasse als Vordach.

Nach rechts, zur abbiegenden Straße hin, sind im Untergeschoß fast von den Sträuchern des Gartens versteckte schmale Fensterbänder und im nächsten Geschoß normale, oben aber ist bis kurz vorm Ende eine bloße Wand, in der nur ein einziger vertikaler Fensterschlitz mit rechts vorstehendem Betonrand in Grau und Rot betont, daß hier ein Architekt Architektur baute.

Mitten auf dem Flachdach sitzt der Tower: ein rechteckiger Raum auf einem geschoßhohen Sockel, der nach vorne, zur Eingangsseite, deutlich übersteht, dort eine Glasfläche über einer Brüstung aus Lochsteinen, links und rechts erst Lochwände, dann schmale Glasflächen und hinten eine geschlossene Wand hat.

Es ist ein Kontrolltower, der nichts kontrolliert, und damit die zeitgenössische Variante des Turms einer historistischen Villa, der keine Glocken oder Uhren hat. In beiden Fällen, vorausgesetzt, im Turm der Villa ist überhaupt ein nutzbarer Raum, gibt es auch meist keine besondere Aussicht, da die Türme entweder zu niedrig sind oder die Aussicht ohnehin auch von den normalen Räumen zu haben wäre. Doch Villen mit Türmen und Türmchen gibt es viele, Villen mit Kontrolltower wenige und das ist ein entscheidender Unterschied. Die historistische Architektur des späten 19. Jahrhunderts lebte nur davon, historische Stile zu imitieren, im Falle der modernistischen Architektur der sechziger Jahre war die eindeutige Imitation von Elementen der Luftfahrt- oder sonstigen Technik eine Ausnahme.

Die weitere Straße, wo schon an die vierte Seite der Towervilla eine andere aus grauem Stein anschließt und noch ein, zwei Villen in der Architektenarchitektur ihrer Zeit folgen, ähnelt durchaus einer Villenstraße früherer Zeiten, wo nebeneinander leicht variierte, aber doch ähnliche Stilimitationen stehen.

Aber etwas wie diese Utrechter Straße, in der noch vor der querenden Bahnstrecke wieder typische niederländische Reihenhäuser aus Backstein sind, ist so selten wie der Tower, eher stehen modernistische Villen zwischen historistischen, da es wenige gibt. Der grundsätzliche Unterschied ist, daß circa 1965 nicht mehr Villen die hauptsächliche Bauaufgabe waren, daß eine Wende nicht vor allem in den Formen, sondern in den Zielen von Architektur stattgefunden hatte. Eine Villa mit Tower ist zwar ungewöhnlicher, aber nicht weniger lächerlich als eine mit Turm und gerade durch ihre Ungewöhnlichkeit sowohl reizvoller als auch falscher.

Geschichtsfälschung im Bahnhof

Wie viele Bahnhöfe in Polen wurde auch der von Malbork in jüngerer Zeit renoviert. Verdient hatte das dieser wilhelminische Klotz, der mit billiger Neobacksteingotik vielleicht einen Bezug auf die berühmte riesige Deutschordensburg der Stadt nimmt, sie so bloß beleidigt und doch nur aussieht wie ein x-beliebiger preußischer Provinzbahnhof, eher nicht.

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Da es nun aber geschah, mag man etwa die Kassettendecke im Wartesaal goutieren, weil man schwere dunkle Holzdecken wie diese in öffentlichen Gebäuden nur noch selten sieht, und in ihren Mustern sogar Parallelen zur späteren Kassettendecke im Bahnhof von Gdynia entdecken.

Auch die Wappen, die sich in spitzbögigen Nischen unterhalb der Kuppel um die Bahnhofshalle ziehen, und die auf Bändern darunter aufgeführten zugehörigen Städtenamen können interessant sein.

Die meisten gehören zu polnischen Städten der weiteren Region, Gdańsk, Elbląg, Grudziądz, Olsztyn etc.

Herausgehoben über dem Durchgang zu den Bahnsteigen sind allerdings zwei andere Städte: Berlin und Królewiec.

Berlin ist, wie viele wissen, eine Stadt in Deutschland, Królewiec aber ist der polnische Name für Königsberg und mithin eine Stadt, die es nicht mehr gibt und unter diesem Namen nie gab. Heute heißt sie Kaliningrad. Dazu kommen zwei Städte, die es nicht mehr gibt und die nicht einmal einen polnischen Namen haben: Memel und Insterburg.

Heute heißen sie Klaipėda und Tschernjachowsk.

Das architektonische Ärgernis der Restaurierung des Bahnhofs wird so zum politischen. Für die Gestaltung des Wappenstreifens wäre eine Entscheidung nötig gewesen: entweder die durchgehende Verwendung der gegenwärtigen Namen, also auch Kaliningrad, Klaipėda und Tschernjachowsk, oder der Erhalt der deutschen Namen aus der Bauzeit des Bahnhofs oder etwas ganz Neues, vielleicht die Wappen wichtiger polnischer Städte. So zu tun jedoch, als seien die Namen schon immer polnisch gewesen, sogar der einer Stadt, die früher als Königsberg deutsch war und heute als Kaliningrad russisch ist, das ist nicht weniger als Geschichtsfälschung. Wer Gdańsk will, muß auch Kaliningrad wollen.

WPKiW

Ein Stahlarbeiter in leicht abstrahierten Steinformen blickt über die gesamte zentrale Achse des Parks bis zu den Hochhauszylindern des anschließenden Wohngebiets. Er ist vielleicht überlebensgroß, aber er steht bescheiden am Rand.

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Der WPKiW (Wojewódzki Park Kultury i Wypoczynku – Wojewodschaftliche Kultur- und Erholungspark), heute Park Śląski (Schlesischer Park), ist groß, hat alles von Zoo, Planetarium, Vergnügungspark über Freilichtmuseum und Seilbahn bis zu einem Stadion und liegt entsprechend seinem Namen zwischen Katowice und Chorzów, wobei auch Siemianowice nicht weit ist. Aber er hatte einst noch mehr und dessen Ruinen und Halbruinen sind immer präsent.

Nah zum 1953 von Jan Ślusarczyk geschaffenen Stahlarbeiter kommt man somit nicht mehr, da er auf dem abgesperrten Gelände eines großen leerstehenden Restaurantkomplexes, der der eigentliche Abschluß der Achse ist, steht. Mit einem von rechts nach links ansteigenden Dach des Hauptteils und zwei diesem quer vorgesetzten aufgestützten verglasten Geschossen, die ursprünglich vielleicht einfach Terrassen waren, ist es aber selbst bescheiden und von Weitem nicht zu sehen. Monumentalität gibt es im WPKiW nicht.

Vor dem Restaurant ist bald ein die Achse querendes eckiges Wasserbecken mit doppeltrapezförmiger Insel, auf die, und damit über das Wasser, von beiden Ufern zwei sanft gewölbte grüngestrichene Stahlbrücken mit gelben Geländern führen.

Doch diese Brücken sind gesperrt und das Becken wird, obwohl nicht weit entfernt seitlich eine weitere Brücke ist, zur Trennlinie in der Parkachse.

Auf der Seite von Stahlarbeiter und Restaurant, wo auch die Grünanlagen kaum notdürftig in Stand gehalten sind, ist fast niemand, während auf der anderen Seite, wo auch allerlei Imbißbuden sind, an warmen Tagen ganz das Leben und Treiben herrscht, für das der Park angelegt wurde.

Der junge Stahlarbeiter der Skulptur hat sich in den alten Mann, der neben seinem Moped am Rande des Beckens sitzt und angelt, verwandelt. Er ist allein dort, da die dank seiner Arbeit errichteten Brücken verfallen. Daß er der alte Angler ist, stellt sogar noch den optimistischeren Fall dar, wahrscheinlicher sind Alkoholismus oder Tod. Aber durch allen Niedergang hindurch lebt der Park.

Jenseits des Beckens zieht sich ein breiter Wiesenstreifen, auf dem allerlei Volksfest stattfinden bis zum Osiedle Tysiąclecia (Wohngebiet des Jahrtausends) und der unsichtbaren Straße, wo Straßenbahnen aus den entlegensten Städten der oberschlesischen Agglomeration halten, hin.

Das auffälligste Gebäude neben den Hochhäusern in der Ferne ist eine Halle, die rechts neben dem Anfang der Wiese und in der Fortsetzung der Brücken steht. Beidseits Eingängen in ihren Enden sind niedrige Teile, deren Wände nach außen geschwungen sind, während ihre Dächer geschwungen ansteigen. Sie leiten gleichsam über zum eigentlichen Dach, das aus zwei hyperbolischen Paraboloiden besteht, doch dort, wo sie oben zusammentreffen, quergesetzte Fenster in gewölbten Gauben hat, so daß es an den Rückenkamm eines Stegosaurus erinnert. Die Seitenwände sind wie gefaltet aus vorstehenden Dreiecken, in denen oben weitere Fenster sind.

Auch diese Halle steht leer, doch dank ihrer Form leistet sie auch als abstrakte Skulptur noch gute Dienste. Daß sie allerdings „Kapelusz“ (Hut) genannt wird, verrät einen gewissen Mangel an Originalität des Katowicer Volksmunds oder des Stadtmarketings und ist anders als bei  der berühmteren Halle namens „Spodek“ (Untertasse) im Stadtzentrum keineswegs zwangsläufig. Aber vielleicht ist es auch anders zu verstehen: der Wojewódzki Park Kultury i Wypoczynku wurde gebaut für eine Zukunft, in der Hüte aussehen wie diese Halle. Die hätten dann auch die angelnden Stahlarbeiter gerne getragen.

Bürgerhäuser

Früher oder später gibt die Stadt alle Antworten.

Der Begriff des Bürgerhauses war mir seit jeher so vertraut, daß ich nie über ihn nachdachte. Was ein Bürgerhaus ist, war klar: ein großes öffentliches Gebäude, meist aus den Sechzigern oder Siebzigern, oft aus rohem Beton, mit Restaurant und großem Saal für kulturelle wie sportliche Veranstaltungen. Das eingemeindete Dorf, in dem ich aufwuchs, hatte eines und, wie ich im in der Wetterau verbrachten Coronafrühjahr 2020 feststellte, auch fast jedes andere der Umgebung und gewiß jede Kleinstadt. Inzwischen hatte ich gelernt, daß sich solch ein Bürgerhaus wenig von einem Kulturhaus sozialistischer Länder unterscheidet, wobei der Name entschieden, nun ja, bürgerlich ist, aber wirklich darüber nachzudenken begann ich, als ein polnischer Freund danach fragte. Bürgerhäuser sind eben Ausdruck des westdeutschen Sozialstaats, sagte ich vielleicht allzu vage, genau wie Hallenbäder oder Wohnhochhäuser.

Das Bürgerhaus der Taunusstadt Eppstein gab mir dann präzisere Auskünfte. Es schließt rückwärtig an das Rathaus an, das wiederum etwas abseits des engen Stadtkerns bereits umgeben von Villen steht und wie diese ein banaler historistischer Klotz ist.

Es hat einen hohen und großen Saal parallel zur Straße, der auf einem weit zurückgesetzten Erdgeschoß und eckigen Stützen ruht. Vor seiner verglasten Front ragt ein langer Balkon schwebend noch etwas weiter zur Straße, wird aber vom Dach überspannt, von dessen Betonbalken dünne Metallstreben bis zwischen sein Metallgittergeländer führen. Der linke Teil des Saals und seine Seitenwände, die links wegen der Nähe des Hangs und rechts wegen der des Rathauses kaum zu sehen sind, sind mit horizontalen weißen Kacheln verkleidet.

Der lange Eingang mit seinen Glastüren liegt noch einmal etwas tiefer in der ebenso verkleideten Erdgeschoßwand, so daß links ein querverlaufendes Wandstück wie geschaffen ist für eine vertikale rechteckige Gedenktafel aus Metall mit den großgeschriebenen Worten:

„Dieses Bürgerhaus/hat die Stadt/mit Hilfe der/hessischen/Landesregierung/geschaffen/es dient der/Freizeiterfüllung/dem Spiel und/der Erholung/der Volksbildung/der Gesundheit/dem Wohle/der Jugend/und der Festigung/der Gemeinschaft“

Jeder einzelne Teil dieses kurzen Texts ruft nach einer Exegese, die das siegreich untergegangene Westdeutschland möge verstehen helfen, doch für den Moment müssen die sachlichen Informationen genügen. Die Formulierung hat nichts Ortsspezifisches, die Gedenktafel könnte in jeder Stadt am Bürgerhaus hängen. Neben dem Text, in den Freiräumen seiner zentriert gesetzten Zeichen, ist links oben das hessische Wappen, noch immer ein weiß-rotgestreifter Löwe auf blauem Grund unter gelber Krone,

und rechts von oben nach unten die Jahreszahl 1968, die Worte „Hessisches Bürgerhausprogramm“ und ein wohl zu diesem gehöriges Logo, das in einem Kreis stilisiert einen Mann, eine Frau und ein Kind unter einem den Kreis durchdringenden Dreieck, das ein Dach darstellt, zeigt.

Das ist die die Information: es gibt so viele Bürgerhäuser, weil es mindestens in den Sechzigern ein Programm zu ihrem Bau gab. Sie sind damit den sozialdemokratischen Landesregierungen der Zeit zu verdanken. Sie sind nicht, wie ich denken mußte, etwas allgemein Westdeutsches, sondern etwas Hessisches, wobei es in anderen Bundesländern Ähnliches unter anderen Namen geben mag.

So nett ist die Stadt, so bereitwillig beantwortet sie alle Fragen, wenn man nur geduldig ist.

Die hilfreiche Gedenktafel am Eppsteiner Bürgerhaus ist notdürftig von den Schmierereien vieler Jahrzehnte befreit, aber ein kleines weißes Tag in einem Textfreiraum links oben ergänzt die anderen Ergänzungen der Inschrift um eine Erinnerung an die Gegenwart.

Koszwały

Koszwały erinnert daran, daß es immer bessere und schlechtere Arten, etwas zu machen, gibt. Seine Ausgangsbedingungen sind dabei nicht anders als in anderen żuławischen Dörfern. Ob man die Nähe zur Autobahn wegen des ständigen Hintergrundrauschens als Nachteil oder wegen der guten Anbindung an Gdańsk als Vorteil sehen will, sei dahingestellt. Und erst einmal ist auch nichts anders.

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Zwischen zumeist neueren Häusern an der um einen Grünstreifen mit Spielplätzen erweiterten Durchgangsstraße steht ein Vorlaubenhaus neueren Typs mit nur einem Geschoß und quer in der Mitte des hohen Satteldachs eingefügtem aufgestütztem Teil. Mit dem mittleren Giebel sieht man so meist auch einen der seitlichen und das kompliziert verschlungene oder aber X-Formen bildende Fachwerk mit ebenso filigraner Backsteinfüllung scheint sich zu vervielfachen. Sympathischerweise wird der geschützte Bereich zwischen den Stützen hier als Autostellplatz genutzt, was daran erinnert, daß die Vorlauben ursprünglich keine ästhetische Spielerei, sondern funktional waren.

Aber was Koszwały unterscheidet, ist seine Kirche. Sie ist eher klein, aus Backstein und wurde 1995 errichtet.

Ihr charakteristisches Merkmal sind Fenster in einer Form, die sich als halbierte Spitzbögen beschreiben läßt. Um den quadratischen Turm, der oben mit einer spitzen Haube aus braunem Blech endet, sind sie schmal und hoch, um das Langhaus hingegen breit und eher niedrig. Dort über Eck und hier beidseits der Strebepfeiler werden sie zu ganzen Spitzbögen vervollständigt, ohne daß dies sofort offensichtlich würde. Auf zwei schrägen Strebepfeilern ruht auch die Hälfte des Turms, wodurch vor dem Eingang ein offener überdachter Bereich entsteht.

Es gibt vieles, was gegen diese Architektur, wie überhaupt gegen den Neubau von Kirchen, spricht, aber es wird doch deutlich, daß dem Architekten hier mehr zur Gotik als eine stupide Nachahmung ihrer Formen einfiel. Einzig an der Vorderseite des Turms ist auf den Backsteinen der Umriß eines typischen gotischen Spitzbogens gezeichnet, gleichsam zitiert. Insbesondere der auf Strebepfeilern aufgestützte Turm stellt hingegen eine überraschende und neuartige Verwendung gotischer Konstruktionsprinzipien dar, was zugleich eine Verbindung zu den Vorlauben der traditionellen Bauernhäuser schafft.

Wenn eine zeitgemäße Neogotik existieren könnte, dann sähe sie so aus. Die Kirche von Koszwały ist mithin ein gelungenes Gebäude, dem man auch die kitschigen Glasbilder in den Fenstern nachsieht.

Hinter der Kirche ist ein Lapidarium, auch das in einer Gegend, wo viele alte Gräber einer anderen Religion in einer anderen Sprache verblieben, nicht ungewöhnlich. Um einen Baum liegen auch tatsächlich einfach die zerbrochenen Reste alter Grabsteine, doch an den Wänden des Chors, der eher ein Querbau ist, wurde eine regelrechte Ausstellung eingerichtet.

Nicht Grabsteine, sondern Grabplatten, die einst im Inneren einer älteren Kirche die im Boden eingelassenen Gräber bedeckten, hängen hier an den Backsteinwänden. Sie sind nicht ganz einheitlich groß, rechteckig und aus grauem Stein. Obwohl sie aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen, scheinen Stilbezeichnungen für diese würdevoll-schlichten und von den langen Inschriften bestimmten Grabmale zu ungenau. Eine Platte mit einem breiten Rahmen aus Ranken, in dessen Ecken in Kreisen die Evangelistensymbole mit Namensbändern sind, ist schon ungewöhnlich reich geschmückt.

Eine, in der in einem mittigen Kreis mit Olivenzweigen das große Monogramm PM  (für Peter Macker) ist, wirkt zeitlos minimalistisch.

Viele beschränken sich ganz auf die Worte.

Rechts neben den Platten hängen jeweils kleine Plastiktafeln mit einer Wiedergabe der Inschrift und ihrer polnischen Übersetzung.

(Neben der letzten der obigen Grabplatten)

Das ist bei verwitterten und sonst schwer lesbaren Platten auch für des Deutschen mächtige Leser sinnvoll, zumal dort Worte wie „Teichgeschworener“ (Teich=Deich), die aus lange vergessenen Verwaltungsstrukturen stammen, vorkommen. Doch wertvoller ist die polnische Übersetzung der Grabinschriften, denn das macht sie auch der heutigen Bevölkerung zugänglich und ist etwas, was den Lapidarien anderer Orte oft fehlt.

Es war die Elite, die hier begraben lag, wohlhabende und den städtischen Bürgern nicht nachstehende Bauern, wie eine Tafel an der zur Straße zeigende Seite des Chors erläutert. Auch sie ist auf Deutsch vorhanden, nicht perfekt, aber verständlich übersetzt.  Hier beginnt die Ausstellung mit einer rötlichen Platte ohne erhaltenen Text, aber mit besonders kompliziertem und tiefem Relief, das von einem Rahmen mit runden Blumen in den Ecken umgeben. In den Volutenformen, die ein leeres rechteckiges Feld oben und eines mit der Inschrift „Anno 1660“ unten rahmen, sind auch ein Totenschädel und eine Sanduhr untergebracht, während im runden Feld in der Mitte das Monogramm HK ist. Es folgen eine kleine Tafel über die Errichtung eines protestantischen Vorgängerbaus im Jahre 1672 mit Namen und Monogrammen der Kirchenvorsteher und eine nur mit Monogrammen.

All das verbindet die neue Kirche mit der, nicht nur religiösen, Geschichte von Koszwały.

Hinter dem gelungensten Kirchenneubau weit und breit hat Koszwały auch die beste Ausstellung über die Geschichte der Żuławy weit und breit. Beides verdankt sich offenbar der Initiative des damaligen Pfarrers Józef Urban. Koszwały zeigt, wie es sich besser machen läßt. Auch ohne Autobahn und Vorlaubenhaus wäre es anders als andere żuławische Dörfer.

Synagoge in Michelstadt

Michelstadt hat eine Synagoge wie aus dem Bilderbuch, wenn es denn viele Bilderbücher mit Synagogen und noch dazu solchen gäbe.

Die Vorderseite zeigt zu einer der typischen kleinen Straßen von Michelstadt,

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die Rückseite zur Stadtmauer,

die linke Seite zu einer winzigen Gasse,

die rechte Seite zu einem schmalen Hof, über den man zu einem Turm der Mauer blickt.

Da das Gebäude beinahe quadratisch ist, sind alle Seiten identisch aufgebaut: zwei hohe rundbögige Fenster, dazwischen oben ein horizontales ovales, alle mit schmucklosen gelben Steinrahmen zum weißen Putz. An der rechten Seite ist weiterhin unter dem mittleren Fenster ein flacher öffnungsloser Erker und in den Ecken sind eckig dorische Pilaster, die das Dach tatsächlich zu tragen scheinen. Dieses Krüppelwalmdach zeigt zur Straße und läßt in der Giebelfläche viel Raum für ein kleines rechteckiges Fenster. Daß hier die Vorderseite ist, ergibt sich so selbstverständlich, daß unter dem mittleren Fenster nur ein Steinschild mit hebräischer Inschrift und ein einfacher rechteckiger Eingang mit weiteren hebräischen Worten im Schlußstein hinzukommen müssen.

Unten links neben der Ecke steht weiterhin die Zahl 1791, das Jahr der Erbauung angebend und die einzige Information für die des Hebräischen nicht mächtige Umwelt.

Heute sind beinahe störend über dem Eingang ein Schild des dort untergebrachten Museums und, entsprechend dem unsympathischen Michelstädter Brauch, historische Gebäude mit schwarzen Metallbuchstaben zu beschriften wie Modelleisenbahnhäuser, das Wort „Synagoge“.

Die Michelstädter Synagoge ist damit ein elegantes und schlichtes Gotteshaus, wie es sich Minderheitenreligionen oft errichteten. Es ist genau diese Eleganz und Schlichtheit, mit der sie zwischen den Fachwerkhäusern der Stadt unweigerlich hinaussticht und wie nur wenige Gebäude sonst über den Odenwald hinausweist.

Ob durch glückliche Umstände oder durch die kluge Wahl der jüdischen Gemeinde hat die Synagoge auch eine sehr gute städtebauliche Einordnung, was in einer so engen alten Stadt fast unmöglich ist. Direkt vor ihr zweigt von der geschwungen um dem Kirchhügel verlaufenden Mauersraße eine Quergasse zur nächsten Straße ab, in ihrer Folge ist eine Lücke zwischen den höher stehenden Gebäuden und dann folgt bereits der große, aber nicht sehr hohe rote gotische Bau der Stadtkirche.

Es herrscht also eine Sichtbeziehung zwischen beiden Sakralbauten, die sich in fast allem unterscheiden außer darin, daß sie gelungene Beispiele der Architektur ihrer Zeit sind.

Während die Gotik Jahrhunderte hatte, solche Kirchen zu bauen, hatte die jüdische Sakralarchitektur zwischen den Anfängen der Emanzipation, die es an den meisten Orten erst erlaubte, repräsentative Synagogen zu errichten, und dem Sieg des Historismus, der vorschrieb, daß Synagogen orientalisierende Formen haben müssen, nur wenig Zeit. Tragischerweise wurden die meisten Synagogen gebaut, als die Architektur am schlimmsten war. Deshalb sehen viele Bilderbuchkirchen aus wie die Michelstädter Stadtkirche, aber Bilderbuchsynagogen, sogar wenn es sie gäbe, leider nicht wie die Michelstädter Synagoge. Umso wertvoller ist es, daß man eine solch schöne Synagoge direkt in Michelstadt betrachten kann, aber bessere Bilderbücher wären trotzdem gut.

Die siebte Terrasse von Sans Souci

Sechs Terrassen führen hinauf zum Potsdamer Schloß Sanssouci, das selbst kaum höher als eine von ihnen ist. In der Mitte hat das Schloß eine ovale kupferne Kuppel und ringsherum auf dem langen rechteckigen Baukörper steinerne Brüstungen. Ein Flachdach hat es nicht, aber es will eines haben, denn die Walmdächer hinter den Brüstungen wirken wie schamhaft versteckte Fremdkörper.

Aus Autorenkollektiv: Potsdam, Leipzig 1969

Nur den technischen Beschränkungen der Zeit ist dieses Dach geschuldet, an dessen Stelle eine große Dachterrasse sein sollte, die sich auch über das für die mittige Einfahrt unterbrochene säulengetragene Halbrund auf der anderen Seite fortsetzen würde. Und in der Mitte müßte eine Treppe auf die Kuppel führen, wo eine kleine ovale Fläche zwischen Brüstungen sich als bester Aussichtspunkt anbietet. Das erst wären Orte einem Kurfürsten und König gemäß, das erst wäre der Höhepunkt von Sanssouci.

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR, Leipzig 1982

Es gibt die siebte Terrasse, die Dachterrasse auf dem Schloß, nicht, aber die Architektur will sie, sie fordert mehr, als die Bautechnik bieten konnte. Sicher gibt es wichtigere Beispiele für die Fortschrittlichkeit von Sanssouci, aber dieser Wunsch nach einer Dachterrasse ist eines.

Giessener-Turm

Wie Frankfurt den Henninger-Turm hatte – ein Brauereisilo mit Panoramarestaurant – so hatte Gießen den Giessener-Turm, wobei sich das Adjektiv auf die Brauerei, nicht die Stadt bezieht. Während der Henninger-Turm zuerst ein Silo war, dem ein walzenförmiger Restaurantteil eher aufgepfropft wurde, um ihn zum Turm zu machen, ist der später entstandene Giessener-Turm zuerst ein Turm, dem man das Silo nicht ansähe, wäre nicht die riesige Bierwerbung auf den Breitseiten.

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Er ist etwa fünfzehn Geschosse hoch und besteht ganz aus vertikalen rechteckigen Betonplatten mit weißem Putz. Der Funktion entsprechend beschränken sich die Öffnungen auf die rechte Schmalseite, wo monolithische weiße Balkone hervorstehen, und schmale Fensterbänder am anschließenden Anfang der Breitseite.

Das vorvorletzte dreizehnte Geschoß steht zu allen Seiten deutlich über und ist höher. An der rechten Schmalseite ist es offen wie die Balkone, aber von den schmalen Seitenwänden, der Brüstung und einem dieser entsprechenden abschließenden Streifen gerahmt. An den Breitseiten sind links niedrige vertikale Lamellen und ab der Hälfte beginnt ein hohes Fensterband, das die linke Schmalseite umläuft und so einen dreiseitig transparenten Raum öffnet. Hoch oben ragt das Restaurant gleichsam schwebend aus dem Turmschaft heraus, bevor der mit zwei weiteren, bis auf die fehlenden Balkone unveränderten Geschossen endet.

Während der Henninger-Turm eine zwar markante, aber eher eigenartige, improvisierte Form hatte, ist der Giessener-Turm ganz deutlich eine Einheit und war von Anfang an dazu bestimmt, an genau dieser Stelle genau so auszusehen. Während der Henninger-Turm vor einigen Jahren abgerissen und durch ein Wohnhochhaus in einer beleidigenden Kopie seiner Formen ersetzt wurde, steht der Giessener-Turm noch immer.

Daß er allerdings in Gießen steht, merkt man nur schwer, wenn man ihn von der Bahnstrecke auf der einen Seite sieht, und kaum besser, wenn man ihn von der Autobahn auf der anderen Seite sieht.

Er steht auf einem Hügelkamm, der direkt zwischen diesen beiden nach Norden führenden Verkehrswegen verläuft und insbesondere aus der Bahn kann man meinen, Gießen schon lange verlassen zu haben, wenn man ihn bemerkt.

Tatsächlich ist der Giessener-Turm in dieser Richtung das letzte Gebäude der Stadt. Er ist auch ein städtebauliches Symbol, letzter triumphaler Gruß der Stadt, wo sie fern schien, und ein landschaftsprägender Punkt.

Er steht an der Marburger Straße, einer großen Ausfallstraße auf dem Hügel, die Breitseite zu dieser, die linke Schmalseite mit dem verglasten vorstehenden Geschoß stadtauswärts gewandt, und ist von einem Industriegebiet umgeben, während an den Rändern niedriger am Hang Einfamilienhausgegenden und dann Felder und Wiesen sind.

Das ist zwar nicht ganz so symmetrisch, wie es sich hier liest, aber doch in erstaunlichem Maße, und je mehr man den Giessener-Turm von verschiedenen Seiten betrachtet, desto besser merkt man, wie perfekt seine Lage gewählt ist. Während der Henninger-Turm eben dort gebaut wurde, wo die Brauerei saß, ohne Bezug zur Stadt oder zu irgendetwas, und zum Symbol wurde, weil er eben groß und vom Zentrum nicht zu übersehen war, ist der Giessener-Turm Teil einer sozialdemokratischen Stadtplanung der siebziger Jahre; zum Symbol wurde er nie, wohl schlichtweg, weil Gießens Zentrum sehr weit entfernt ist.

Das übrige Brauereigeländer hat erst einmal wenig Bemerkenswertes, allerlei niedrige Hallen eben, in der größten, aus der der Turm ragt, straßenseitig Glasflächen mit Blick auf die Kessel, ein typisches Element der westdeutschen Brauereiarchitektur nach 1945.

Rechts der Einfahrt ist vor einem niedrigen Bürobau mit dunkelgrüner Kachelverkleidung ein Grünstreifen, ein Garten, in dem Mauerreste und ein Brunnen, die beim Abriß der alten Brauerei in der Innenstadt gefunden wurden, ausgestellt sind.

Zudem ist da ein Basaltblock mit Gedenktafel:

„[…]Dem Giessener Brauhaus zur Eröffnung der neuen Brauerei von den Firmen LAHN-WASCHKIES und LUDWIG SCHNEIDER, 19. Oktober 1978“

Wie viel Zeit seit 1978 vergangen ist, zeigt deutlich der hinter dem Fels gepflanzte Nadelbaum, der ihn heute nicht nur überragt, sondern einen großen Ast von rechts um ihn legt, als sei er an seinem neuen Ort schon wieder Natur geworden.

Die Brauerei schaffte es nicht solange. Noch im Jahre 2011 ersetzte sie das bierdeckelartige Logo des Giessener Brauhauses auf den Breitseiten, das in Blau, einer heute als unbierig empfundenen Farbe, gehalten war, durch eines in typischerem Grün. Seit 2015 ist sie geschlossen.

Doch der Giessener-Turm steht so makellos wie 1978. Er ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Architektur seiner Zeit, verwandt durch das vorgesetzte Geschoß etwa dem Frankfurter Schwesternwohnheim, der wohl letzten Zeit, in der der deutsche Kapitalismus solch selbstbewußte Gebäude so selbstbewußt in die Landschaft setzte. Und, allem Lokalpatriotismus zum Trotz: der Giessener-Turm ist schöner als es der Henninger-Turm je war.

Eine doppelte Kirche

Von der einen Seite sieht die Kirche von Ober-Breidenbach gar nicht wie eine Kirche aus. Sie hat ein Erdgeschoß aus grauem Stein und ein Obergeschoß mit regelmäßigen vertikalen Fensteröffnungen, einer weißen Holzschindelverkleidung und hohem Satteldach. Obwohl diese Verkleidung für den Vogelsberg typisch ist, ist das Gebäude zugleich nicht mit einem Bauernhof zu verwechseln, da es frei steht und statt aus Fachwerk aus Stein errichtet ist. Im Erdgeschoß an der rechten Breitseite deuten noch verschiedene Öffnungen auf ein hohes Alter wenigstens dieses Teils hin.

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Auch an der Vorderseite ist im Stein um die Tür und das hölzerne Vordach gleich einer Aureole ein alter Spitzbogen übriggeblieben.

Dieser alte, einfache, scheinbar unsakrale Bau ist jedoch heute nur noch die ungleich unauffälligere Hälfte der Ober-Breidenbacher Kirche. Schon von Weitem ist das auf einer Hügelkuppe gelegene Dorf an einem hohen und spitzen Kirchturm, dessen runden Schaft weitere schmale dreieckige Spitzen abschließen, zu erkennen.

Er sitzt auf einem Bau aus schwarzem Stein mit roten spitzbögigen Doppelfenstern, der direkt vor den beschriebenen Teil angefügt wurde.

Offensichtlich handelt es sich hier um Neogotik, aus dem Jahre 1870, wie es im Maßwerk der seitlichen Tür steht. Man sieht hier gut, daß diese Formen anders als die tatsächlich gotischen Öffnungen im Erdgeschoß daneben, reine Dekoration ohne Bezug zur Konstruktion sind, denn über den vorgefertigten Fenstern sieht man im Mauerwerk deutlich die flachen tragenden Bögen.

Außer dem Kontrast zwischen Gotik und Neogotik ist der zwischen den rohen, unterschiedlich geformten Steinen des älteren Teils und den regelmäßigen Blöcken des neueren auffällig. Der schwarze Basalt des neueren Teils hingegen ist für die Region typisch, doch vielleicht wichen frühere Jahrhunderte seiner Düsterheit absichtlich zugunsten dem immerhin helleren grauen Feldstein aus.

Es ist jedenfalls ein Glück, daß Ober-Breidenbach in den 1860er Jahren das Geld fehlte, seine alte Kirche einfach durch einen neogotischen Neubau zu ersetzen, und man Alt und Neu nebeneinander betrachten kann.