Die Verfälschung von Schönbrunn

Man kann Schönbrunn von außen sehen – kostenlos – oder man kann Schönbrunn von innen sehen – wenn man gewillt ist, in einer Schlange anzustehen, mindestens 14,20 Euro zu zahlen, in Räumen mit dem Charme eines Provinzflughafens in einer zweiten Schlange anzustehen und sich mit unzähligen anderen Besuchern durch die Säle treiben zu lassen. Ob sich das lohnt, muß jeder selbst entscheiden. Was man auf jeden Fall nicht sehen wird, ist  – Schönbrunn.

Denn das Einzige, was dieses Monstrum von einem Schloß interessant machen könnte, ist, wie es das Außen und das Innen verbindet und das ist bei seiner heutigen Präsentation nicht mehr erlebbar.

Aus Schütz, Manfred/Frenzel, Reiner: Paläster und Schlösser in Europa, Leipzig 1970 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Heute sieht man Schönbrunn entweder von außen als die Seite des Vorhofs oder die Seite des Parks, die durch eine lange Wegstrecke voneinander getrennt sind, oder von innen als eine Abfolge künstlich beleuchteter und mit Holzjalousien abgeschlossener Säle. Doch beides ist nicht, was Schönbrunn sein will. Es ist kein Hindernis zwischen Vorhof und Park, sondern eine Verbindung. Es ist kein museal abgeschotteter Innenraum, sondern nach außen geöffnet.

Man kann ersteres erahnen, wenn man in der Mitte der Hofseite vor der heute verglasten Einfahrt steht und durch das Schloß über die Weite des Parks, über den Neptunbrunnen und den Hang bis zur Gloriette schaut. Diese Einfahrt und der Erdgeschoßbereich, den man als Halteplatz für Kutschen mit einem Busbahnhof vergleichen kann, sind der architekturgewollte Weg vom Vorhof in den Park.

Man kann zweiteres erahnen, wenn man an einer der beiden Seiten auf den Balkonen vorm zweiten Geschoß steht und durch die Jalousien in die Säle und durch sie hindurch zur anderen Seite schaut. Die hohen Fenstertüren weit geöffnet zu den Balkonen und ihren in Vorhof und Park herabführenden Freitreppen, das Außen ins Innere hineinholend, so sind diese Säle gedacht.

Erahnen also kann man Schönbrunn, erleben aber nie. Nie wird man zu Fuß oder in einer Kutsche vorm Vorhof durch den dunklen Bauch des Schlosses kommenund sehen, wie sich vor einem der Park öffnet. Nie wird man vom Saal auf den Balkon treten und statt der Deckenmalereien den Himmel über sich sehen. So, wie Schönbrunn heute präsentiert wird, wird es verfälscht. Ein Ganzes wird zerrissen, in sinnlose Teile zerlegt. Mag sein, daß das schwer zu ändern wäre. Sogar wenn das kapitalistische Bedürfnis, daran Geld zu verdienen, wegfiele, wäre den vielen Tausenden von Besuchern ein Wechseln zwischen Saal und Balkon kaum zu ermöglichen. Der Weg durchs Erdgeschoß dafür wäre leichter zu öffnen.

Nun ist es nichts Schlechtes, im Gegenteil sogar, ein altes Gebäude auf neue Arten zu erschließen, es in einen neuen Kontext zu setzen. Zur Verfälschung wird es erst dadurch, daß es so nichts dazugewinnt, sondern verliert. Denn die heutige Präsentation weitet dem Besucher den Blick auf Schönbrunn nicht, sondern verengt ihn. Sein Innen wird durch sie zu weltabgewandtem k.u.k.-Kitsch, sein Außen zur leeren Fassade. Verloren geht dabei die mögliche Erkenntnis, daß dieses Schloß in funktionaler Hinsicht gar nicht so anders ist als manches, was der Besucher aus dem Alltag kennt. Viele konnten schon transparente Räume, von denen man in Gärten tritt, oder Busbahnhöfe unter Gebäuden erleben, wenige dachten dabei an Schönbrunn. Es wäre zu zeigen, wie viel von dem, was einst dem allerreichsten Adel vorbehalten war, heute Allgemeingut ist, doch das Gegenteil geschieht.

Denn einiges des Alten und Fremden an Schönbrunn ist das Ergebnis einer Verfälschung.

Über Fahrradwege

Ob das Fahrradfahren eine besonders sinnvolle Fortbewegungsart ist, mag man bezweifeln. Es ließe sich sagen, daß es die Nachteile des Autofahrens hat, nämlich die Abhängigkeit von einem selbst zu steuernden Gerät, aber nicht dessen Vorteile, nämlich Komfort und Geschwindigkeit, und ebenfalls die Nachteile des Gehens, nämlich die Anstrengung, aber nicht dessen Vorteile, nämlich die völlige Ungebundenheit und die Möglichkeit der Kontemplation.

Da es aber augenscheinlich Menschen gibt, die am Fahrradfahren Freude haben, müssen auch dieser Fortbewegungsart Wege geschaffen werden. Keinesfalls können das dieselben Wege sein, die von Fußgängern benutzt werden, da die Geschwindigkeiten und damit die Machtverhältnisse zu unterschiedlich sind, und aus demselben Grund ebensowenig die Wege der Autos. Nötig ist vielmehr eine strikte Trennung der Geschwindigkeiten. Wie eine solche auf recht klassisch Le Corbusier’sche Art aussehen kann, läßt sich in den Niederlanden betrachten.

Unbedingt ist in Abwandlung von Le Corbusiers wichtigem Postulat, daß der beste städtische Raum dem Wohnen vorbehalten sein muß (Punkt 23 der „Charte d’Athènes“ [Charta von Athen]), zu fordern, daß die besten Wege dem Fußgänger vorbehalten sein müssen, da nur er zumindest die Möglichkeit hat, aus seiner Umgebung ästhetischen Genuß zu ziehen. Ein negatives Beispiel dafür, wie ein besonders schöner Weg dem Fußgänger geraubt und einer anderen Fortbewegungsart, dem Fahrradfahren, zugeordnet wurde, findet man im Zentrum von Gdańsk.

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Zwischen Hucisko und Błędnik verläuft oberhalb der Bahngleise ein kleiner Parkstreifen. Man ist noch nicht sehr hoch, aber doch so hoch, daß man die backsteinernen Türme und bunten Hochhäuser als Silhouette, als Skyline aus der niedrigeren Bebauung aufragen sieht.

Zugleich ist diese Silhouette noch nicht in abstrakter Ferne, sondern scheinbar zum Greifen nah. Man ist der Stadt nah und fern zugleich, auf einer faszinierenden Zwischenhöhe.

Es ist einer der schönsten Orte des Gdańsker Stadtzentrums. Noch zentral, leitet er zugleich in äußere Teile der Stadt über, etwa hinauf in die ehemaligen Festungsanlagen. Hier, über der Geschäftigkeit der Bahnstrecke und ihr enthoben, müßten Bänke oder vielleicht sogar eine sommerliche Bar zum Verweilen einladen. Stattdessen führt durch den Park ein neuer Fahrradwege, der sogar teils auf einem Steg über den Gleisen verläuft,  während der Fußgänger auf die anderen Seite der 3. Maja (Straße des 3. Mai) verbannt ist.

Nicht nur die Fußgänger verlieren dadurch, sondern ebenso die Fahrradfahrer, für die es keine Nachteile bedeuten würde, wenn ihr Weg auf der anderen Seite der Straße verliefe und sie anhalten könnten, um den schönen Ort zu genießen. Die Stadt verliert. Das ist ein Beispiel für den verheerenden Effekt einer schlechten Stadtplanung, die einen Weg einer unpassenden Fortbewegungsart zuordnet. Ob man Fahrradfahren also sinnvoll findet oder nicht: es kommt immer darauf an, ob die Fahrradwege an den richtigen Stellen sind.

U Švagerků

Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist auch eine Geschichte der Vorstadtkneipen. Dort trafen sich die Arbeiter, dort diskutierten sie, dort organisierten sie sich. Heute geht man an den Gebäuden vorbei wie an anderen trostlosen Vorstadtgebäuden, die Kneipen gibt es nicht mehr, manchmal nur erinnern noch Gedenktafeln an ihre Geschichte.

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So ist es in Hradec Králové beim Haus U Švagerků (Bei den Švagereks, wohl nach der Familie des ersten Eigentümers benannt). Ein zweigeschossiger historistischer Bau an der Ecke Nerudova/Všehrdova, unweit der Gleise und des Bahnhofs. Direkt an der Ecke hängt die große Gedenktafel. Auf ihrem grauen Stein sind schwarz Hammer und Sichel, nach tschechoslowakischem Brauch nicht gekreuzt, sondern nebeneinander, und eine Inschrift:

„Das Haus U Švagerků war schon seit dem Jahre 1902 Sitz von Arbeiterorganisationen. Seit Oktober 1920 war hier die Redaktion der ‚Pochodeň‘ [Fackel] und das Sekretariat des III. Bezirks der sozialdemokratischen Linken. In den Jahren 1921-1938 arbeiteten und wirkten hier das Bezirkssekretariat der KSČ [Komunistická Strana Československa – Kommunistische Partei der Tschechoslowakei], die Redaktion der kommunistischen ‚Pochodeň‘, der Komsomol, die rote Gewerkschaft, ein proletarischer Turnverein und ein Theater.“

Das könnte schon alles sein und wäre nicht wenig, denn Hammer und Sichel sieht man in Tschechien nur mehr selten. Aber wenn schon nicht die Arbeiterbewegung, so ist die Kneipenkultur in Tschechien heute noch so lebendig wie 1902. Daher gibt es die Kneipe U Švagerků noch immer.

Es ist eine zweifache Zeitreise, am Haus U Švagerků vorbeizugehen. Man ist zurückversetzt zum einen in die Zeit, als die Arbeiterbewegung von den Vorstädten aus kämpfte, und zum anderen in die Zeit, als sie an die Macht gekommen an diese Kämpfe erinnern konnte. Neben der Kneipe und ergänzend zur Gedenktafel war in dem Haus zur Zeit des Sozialismus auch ein Museum der Arbeiterbewegung.

Die prominenteren Kunstwerke aus den Zeiten der sozialistischen Staatlichkeit sind heute aus Hradec Králové verschwunden. Den Lenin auf dem Leninovo náměstí (Leninplatz) gibt es nicht mehr und den Gottwald vom Gottwaldovo náměstí (Gottwaldplatz) hat irgendein Sammler am Stadtrand. Wenn solche Kunstwerke übrig geblieben sind, dann sind sie traurige Ruinen, die die Stadt bei Gelegenheit abräumen wird. Eins steht noch am Rande des Parks Sukovy sady, gar nicht weit von U Švagerků, aber an einer Hauptstraße.

In der Grünanlage ist eine Betonwand, die meist vertikal geriffelt, an den freischwebenden Seiten aber glatt ist, wo rechts in teils fehlenden Metallbuchstaben steht: „Lid je hlavním tvůrcem dějin“ – Das Volk ist der Hauptschöpfer der Geschichte.

In der Mitte, wo die Wand eine schräge Lücke hat, ist ein großer fünfzackiger Stern, dessen linke Hälfte ausgespart ist, während seine rechte Hälfte ein Relief im Beton ist.

Das kann man bloß noch von der Rückseite, wo Fahnenmasten stehen, erahnen, da vorne ein großer Nadelstrauch gepflanzt wurde, eine Art antikommunistischer Gartenbau. Früher hingen an der Wand die Bilder verdienter Arbeiter. In diesem Kunstwerk fanden der Sozialismus und die in der tschechoslowakischen Tradition starke abstrakte Kunst einmal zu einer gelungenen Verbindung, wodurch es ein schönes Symbol des sozialistischen tschechoslowakischen Staats war. Diesen Staat gibt es nicht mehr und im heutigen Tschechien ist ein rabiater Antikommunismus die Staatsdoktrin.

Es überrascht deshalb, daß im Haus U Švagerků auch der örtliche Sitz der KSČM (Komunistická strana Čech a Moravy – Kommunistische Partei von Böhmen und Mähren) und ihrer Zeitung Haló noviny ist.

Offenbar ist das Gebäude nach wie vor im Besitz der Partei, was erklärt, wieso die Gedenktafel nie entfernt wurde. Die Arbeiterbewegung ist wieder zurück, wo sie vor hundert Jahren war, scheint es, am Rande, in den Vorstädten. Doch es ist noch schlimmer: Zwar behielt die KSČM anders als die anderen Nachfolger der einstigen Staatsparteien stur das „kommunistisch“ im Namen und bekommt regelmäßig etwa 15 Prozent der Stimmen – nicht wenig in der zersplitterten tschechischen Parteienlandschaft – ist aber eine bestenfalls sozialdemokratische Partei mit einem starken Einschlag nostalgischer Russophilie. Ihr offizielles Symbol sind weder Hammer und Sichel noch fünfzackiger Stern, sondern – Kirschen.

Bleibt die Erinnerung an die glorreiche Zeit, als die Arbeiterbewegung und ihr Staat Hradec Králové für immer veränderte.

Zwei Arten von Stadt

Es gibt nur zwei Arten von Stadt, grundsätzlich. Zwischen den Straßen Bolesława Krzywoustego und Piastowska in Przymorze im Norden von Gdańsk sind sie nebeneinander zu betrachten.

Die erste Art von Stadt wird hier vertreten von „Oliwa Park“. Der Name ist bezeichnend, weil an ihm nichts stimmt: diese Wohnanlage ist nicht in Oliwa und sie ist ganz bestimmt kein Park.

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Sie besteht aus grau-weißen fünfgeschossigen Gebäuden in irgendwelchen modisch minimalen Formen, die irgendwie um Parkplätze und private Gärten angeordnet sind. Um sie herum ist ein Zaun. Nichts gibt sie der umliegenden Stadt, niemand kann sie durchqueren.

Die zweite Art von Stadt wird hier vertreten von einem namenslosem kleinen Wohngebiet, das schon nicht nur administrativ Teil von Przymorze ist. Es besteht aus längeren fünfgeschossigen Gebäuden und sechsgeschossigen Punkthäusern, zwischen denen öffentliche Grünflächen und Parkplätze sind.

Direkt nach dem Zaun von „Oliwa Park“ führt ein Weg von der Bolesława Krzywoustego zur Piastowska. Von diesem Weg zweigt ein anderer ab und führt durch eine Grünfläche auf einen Durchgang im längsten Gebäude des Wohngebiets zu.

Danach setzt er sich fort als leichter Bogen entlang der Schmalseiten links aufgereihter Gebäude, während die Parkplätze rechts durch Bäume und eine niedrige Steinmauer abgetrennt sind.

Er endet zwischen den Punkthäusern an der Ecke Piastowska/Chłopska, wo eine Ladenzeile ein winziges, aber wertvolles Zentrum bildet.

Der Bezug dieses Wohngebiets zur umliegenden Stadt ist voller Zärtlichkeit. Es nimmt den Fußgänger auf und leitet ihn sanft durch sich hindurch. Für ein Stück seines Wegs behütet es ihn liebevoll, ohne sich ihm je aufzuzwingen. Der Durchgang durch das Gebäude hat dabei etwas geradezu Erotisches. Er ist genau dort, wo er sein muß, und läßt einen ungehindert ins weitere Wohngebiet eindringen.

Das Ladengebäude an seinem anderen Ende verbindet zwei der Punkthäuser und hat einen Durchgang, durch den man von der großen Chłopska kommend genauso selbstverständlich tritt.

So bilden die Durchgänge die beiden Enden oder Anfänge des Wohngebiets und der Weg zwischen ihnen ist klar definiert. Aber er ist zugleich nur einer von vielen möglichen Wegen. Immer kann man auch anders gehen, der Raum zwischen den Gebäuden ist offen.

Auf seine Art ist das Wohngebiet perfekt. Für sich selbst genommen ein harmonisches Ganzes, tut es doch alles, wertvoller Teil eines größeren Ganzen, der Stadt, zu sein und es liegt an dieser, ebenso harmonisch zu werden. In „Oliwa Park“ gibt es von all dem keine Spur. Auch, wenn man seinen Zaun wegrisse, bliebe es noch ein Hindernis, da es ohne jeden Bezug auf die umliegende Stadt gebaut ist.

Die beiden grundsätzlichen Arten von Stadt sind absolute Gegensätze. Die erste ist schlecht, die zweite ist gut. Die erste ist die kapitalistische Stadt, die zweite ist die sozialistische Stadt.

Erkundungen auf Friedhöfen: Muslimische Gräbervielfalt in Malmö

Zum Malmöer Immigrantenstadtteil Rosengård gehört auch der Östra kyrkogården (Ostfriedhof). Neben einem großen christlichen, das heißt protestantischen, Teil hat er auch einen kleinen jüdischen und einen etwas größeren und wachsenden muslimischen Teil.

Dieser ist der jüngste Teil, die ersten Gräber sind aus den Siebzigern, und wirkt auch unfertiger, provisorischer als anderen. Das liegt wohl daran, daß er nicht wie diese allseits von Bäumen oder Hecken umschlossen ist, sondern zu umliegenden öden Wiesen und der dahinter aufragenden Wohnbebauung geöffnet ist.

Die Gräber sind sehr unterschiedlich. Es gibt bosnische Gräber mit kitschig realistischen eingravierten Porträts,

albanische Gräber in stilisierten Moscheeformen,

türkische Gräber mit türkischen Flaggen

und Gräber mit arabischen oder persischen Aufschriften wie folgendes irakische.

Manche Steine sind nur schwedisch, manche zweisprachig, manche nur in anderen Sprachen beschriftet. Manchen fehlt jeder Hinweis auf Religiöses, manche haben Hinweise auf die erste Sure des Korans الفاتحة/fatiha.

Was hier auffällt, ist, daß es so etwas wie das typische muslimische Grab nicht gibt. Wie auch? Auch ein christliches Grab sieht in Schweden schließlich anders aus als in Deutschland und dort wieder anders als in Polen oder Italien. Bestattungskultur ist regional, bestenfalls national. Religion ist dabei zweitrangig. So sehen die bosnischen Gräber in Malmö den serbischen in Wien sehr ähnlich und deuten auf gesamtjugoslawische Moden hin. Diese Vielfalt hat etwas Beruhigendes. Und sie ist bedroht.

Denn der Friedhof hat auch eine Ecke, wo nur einfache niedrige Holzschilder im Boden stecken oder sogar nur Plastikschilder mit Nummern.

Dort liegen die Extremisten sunnitischer Couleur, die Wahhabiten von der arabischen Halbinsel und die Deobandis vom indischen Subkontinent, denen schon Namen auf Gräbern der Anfang von Heiligen- oder Götzenverehrung ist, die sie hassen. Einzig der schwedischen Ordentlichkeit verdankt es sich, daß man die Gräber überhaupt als solche erkennt. Auf dem Friedhof ist dieser Islam, der zurecht behauptet näher an den Ursprüngen zu sein und regionale Varianten ablehnt, glücklicherweise noch in der Minderheit. Lehrreich wäre ein Besuch dieses Friedhofs daher für all diejenigen, die in mal wohlwollendem, mal übelwollenden Rassismus denken, alle Muslime seien gleich und müßten irgendwelche religiöse Vorschriften beachten. Er zeigt die bedrohte Vielfalt des Islam.

Das neualte Hradec Králové

Die eigentümlichsten Gebäude in Hradec Králové stammen aus einer Zwischenzeit: den frühen zwanziger Jahren. Sie füllen einige Straßenzüge jenseits der Elbe gegenüber der Altstadt. Was genau an ihnen so eigentümlich ist, läßt sich zuerst kaum sagen. Es ist Blockrandbebauung, die Formen sind mit allerlei reduzierten Streben und Pilastern an historischen Mustern orientiert, ohne direkt historistisch zu sein – das sieht man häufig.

Plötzlich aber merkt man, was nicht stimmt: die Bebauung ist zu einheitlich, zu gleichmäßig. Eine ganze Straßenseite, noch eine Querstraße, vielleicht sogar die gegenüberliegende Seite können von Gebäuden mit den gleichen Schmuckformen eingenommen werden. Vielleicht gibt es Variationen, doch die bemerkt man kaum. Diese Einheitlichkeit paßt nicht in die kapitalistische Stadt, wo üblicherweise kein Gebäudes dem daneben gleicht, da jedes entsprechend den Wünschen eines privaten Eigentümers gestaltet wurde.

Die Erklärung dafür, daß es in diesem Teil von Hradec Králové anders ist, liegt eben in der Zwischenzeit, in der er entstand. Die Stadterweiterung von der Altstadt in Richtung der Arbeitervorstadt beim Bahnhof hatte in der österreichischen Zeit nur zaghaft begonnen, wie etwa die Jugendstilbauten in der Straße Havlíčková zeigen. Die sehr junge Tschechoslowakei forcierte sie dann. Die Entstehung dieses neues bürgerlich-demokratischen Staates aus den Resten der alten Monarchie erweckte Hradec Králové, sie war sogar wichtiger als es die nicht lange zurückliegende Schleifung der Festungsmauern. Vielleicht wegen Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen, sicher aber auch durch massive Förderung durch Stadt und Staat, galten dabei für eine Weile die üblichen kapitalistischen Gesetze nicht mehr und es entstanden diese großen einheitlichen Straßenzüge.

Was so in sehr kurzer Zeit entstand, war jedoch keineswegs eine neue Architektur oder Stadtplanung. Die Blockrandbebauung, die Straßenstruktur und der Masarykovo náměstí (Masaryk-Platz) in der Mitte wären auch zehn Jahr zuvor unter österreichischen Bedingungen nicht anders geworden. Bloß hätte der Platz schon zu dessen Lebzeiten nach dem Kaiser gehießen statt nach dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten Masaryk – ebenfalls zu dessen Lebzeiten.

Auch die Formen der Gebäude sind nicht eigentlich neu. Die einzige Sorge der Architekten scheint die Anordnung der Ornamente und Skulpturen zu sein. Sie finden dabei auch interessante Lösungen, wie etwa bei dem genannten großen Gebäude an den Straßen Klumparová und Střelecká. Seine Fassade ist von horizontalen und vertikalen dreieckig vorragenden Streben strukturiert und in einigen der dazwischen entstehenden Flächen sind Skulpturen, durchaus aber nicht in allen.

So haben die Skulpturen hier keine herausgehobenen Plätze, sondern müssen sie sich in der Fassadenstruktur gleichsam erst suchen. Ähnlich ist es bei einem anderen Gebäude, wo die angedeuteten Pilaster Vertiefungen sind, in denen Fruchtkörbe und nackte Frauen aus Stein stehen wie auch wirkliche Frauen oder Körbe stehen könnten.

Es ist, als würde hier ein Realismus in der Fassadengestaltung gesucht, den nie jemand vermißt hatte.

Letztlich ist dieser Teil damit eine bruchlose Fortführung des in den österreichischen Ländern so starken Postjugendstils der Vorkriegsjahre. Aber eben nicht von dessen fortschrittlichsten Aspekten. Er ist nicht Otto Wagner oder jedenfalls nicht Otto Wagner von 1910, sondern bestenfalls einer seiner mediokreren Schüler von 1890. Er ist eine verpaßte Gelegenheit, eine verspätete Fortführung des 19. Jahrhunderts in Städtebau wie Gebäudeformen. Doch die Zwischenzeit, in der er entstand, dauerte auch in Hradec Králové nicht lange, es wurde in ihr bloß ungewöhnlich viel gebaut.

Direkt an diese Bebauungt angrenzend, gar nicht weit vom Masarykovo náměstí, entstand ein weiterer Platz. Er bildet ein langgestrecktes Rechteck entlang einer großen Straße, die auf die Altstadt zuführt.

Die Eckbauten beidseits der Straße sind jeweils besonders hervorgehoben. An der näher bei der Altstadt liegenden Seite sind es mächtige sechsgeschossige Gebäude, die mit ihrer schnörkellosen kubischen Form, ihrem weißen Putz und ihren großen quadratischen Fenstern schon ein enormer Kontrast zur vorigen Bebauung sind.

An der anderen Seite sind es Hochhäuser oder wären das gerne.

Nach einem zweigeschossigen Sockel mit heller Steinverkleidung und großen Glasflächen markiert ein umlaufendes Vordach den Übergang zu fünf weißgetünchten Geschossen. Die Ecken des ansonsten kubischen Baukörpers sind dadurch betont, daß im dritten bis fünften Geschoß zur Straße hin ein abgerundeter Erker vorgesetzt ist, auf dem oben eine kleine Terrasse ist.

Diese Eckbauten sind Tore, durch die man die Vergangenheit verlässt und in die kapitalistische tschechoslowakische Gegenwart tritt.

Der Platz ist dann geprägt von nur zwei weiteren Gebäuden. Das erste steht in der Mitte der Seite, wo die Straße verläuft. Eine Verkleidung aus Sandsteinplatten, die Seiten satteldächig an die unscheinbaren Nachbarbauten anschließend, in der breiten Mitte ein vorgesetzter Erdgeschoßteil mit Balkon, der zwar stark verglast ist, aber eher durch den ihn rahmenden glatten Sandstein wirkt, darüber hohe vertikale und ebenfalls von glattem Sandstein gerahmte Fenster, zwei weitere Geschosse, die schon über den Beginn der Satteldächer hinausragen, und eine große horizontale Giebelfläche, in deren Mitte ein großes Sandsteinrelief hängt. Es zeigt allerlei Geschäftigkeit, die die Textilproduktion darstellen soll, unter dem Schutz von Merkur, dem Gott des Kapitalismus.

In dem Gebäude saß die Verwaltung des Textilunternehmens Steinský-Sehnoutka und es ist auch ein recht typisches tschechoslowakisches Bürogebäude seiner Zeit. Sein reduziert monumentaler Stil ist einer, mit dem sich konservative Teile des Kapitals immer gern schmücken.

Das wichtigste Gebäude des Platzes steht an seiner anderen Seite und es nimmt sie vollständig ein. Auf einem Sockel aus einem Erdgeschoß mit Geschäften, Vordächern aus Beton und Glasbausteinen und einem gänzlich verglasten zweiten Geschoß sitzen drei Geschosse mit horizontalen, fast schon als Bändern wirkenden Fenstern.

Es ist ein äußerst sachlicher und schlichter Bau, der in vielem das Gegenteil des Textilpalasts gegenüber ist. Vertikales fehlt hier völlig. Wollte man Ansätze von klassischer Monumentalität, so vielleicht darin, daß es symmetrisch aufgeteilt ist, ein weiter Teil des Obergeschosses leicht vorgesetzt ist, das Dach dort leicht übersteht und über dem in der Mitte liegenden Eingang ein großes Steinrelief ist.

Aber gerade die Eingangssituation zeigt den Kontrast zum gegenüberliegenden Bau. Glasflächen in einem mit glattem schwarzen Stein verkleideten Rahmen, darüber das Relief mit sechs allegorischen Figuren, darunter wieder Merkur, die teils Atlanten für den überstehenden Teil eher zu spielen scheinen, wie eine der beiden Frauen in der Mitte spielerisch mit einem geflügelten Rad über den halben Erdball zwischen ihnen zu fahren scheint. Während man hier noch aufblicken muß, hat man im Foyer direkt vor sich ein großes Glasbild, das in unaufdringlichem Realismus Szenen des Reisens mit der Eisenbahn, aber auch mit dem Schiff und sogar dem Flugzeug zeigt.

Monumental ist dieses Gebäude nur durch seine schlichte Länge und seine dominante Position auf dem Platz. Als eine Art horizontales Hochhaus ist es untrennbar mit der Platzfläche verbunden, beinahe ist es der Platz.

Kein Privatunternehmen, sondern die ČSD (Československé státní dráhy – Tschechoslowakischen Staatsbahnen), also der Staat selbst repräsentierten sich so. Der Platz hieß und heißt wieder Ulrichovo námestí (Ulrich-Platz) nach dem Bürgermeister František Ulrich, der über die Systeme hinweg von 1895 bis 1929 amtierte und entscheidend für die rasante Entwicklung der Stadt in der jungen Republik verantwortlich zeichnete.

Zwischen den beiden Plätzen, dem aus der Zwischenzeit und dem aus der reifen tschechoslowakischen Republik, liegen keine zehn Jahre. Von der Vergangenheit löste sich Hradec Králové was die Gebäudeformen anging also schnell. Noch immer aber blieb es der Blockrandbebauung verhaftet. Es entstand eine bemerkenswerte neualte Stadt. Und nur wenig später begann Hradec Králové gar, wahrhaft neu zu werden.

Wrocławs Kampf gegen die Mietskaserne

Breslau war eine der schlimmsten preußischen Mietskasernenstädte, manchmal heißt es, schlimmer als Berlin selbst. Trotz den enormen Kriegszerstörungen blieben auch Wrocław nach 1945 viele dieser Mietskasernen. Wie die Stadt mit diesem schweren Erbe umging, zeigt beispielhaft der Block zwischen den Straßen Tomaszweska, Przestrenna, Kamienna und Łódzka.

An der Ecke Tomaszewska/Przestrenna scheint die Mietskasernenstadt noch heil. Fünfgeschossige Mietskasernen in irgendwelchen historistischen Formen, irgendwelche Balkone, irgendwelche Giebel, an der Ecke ein Türmchen. Hier noch das preußische 19. Jahrhundert.

An der Ecke Przestrenna/Łódzka treffen Alt und Neu aufeinander, ohne sich zu berühren. Mietskasernen entlang ersterer, ein fortschrittliches Wohngebäude entlang zweiterer Straße. Es ist schmucklos eckig und, obwohl es ebenfalls fünf Geschosse hat, niedriger. Dazwischen ist ein Durchgang.

An der Ecke Łódzka/Kamienna ist die fortschrittliche Bebauung dann geschlossen. Zwei fünfgeschossige Gebäude, das eine höher als das andere, schließen ohne besondere Betonung die Ecke und es gibt einen aufgestützten Durchgang.

An der Ecke Kamienna/Tomaszewska ist es fast genauso wie an der vorigen, doch hier steht eine einzelne Mietskaserne mit etwas Abstand zwischen den fortschrittlichen Gebäuden.

Vier deutlich unterschiedliche Ecken also, von denen man nicht unbedingt denken würde, daß sie zu ein und demselben Straßenblock gehören. Doch sobald man das Blockinnere betritt, sind alle Unterschiede verschwunden.

Es ist unabhängig von der umgrenzenden Bebauung ein einziger zusammenhängender Raum mit Bäumen, Wiesen, Bänken, Spielgeräten, auch Parkplätzen. Und obwohl in letzter Zeit die Parkplätze auf die Wiese ausgegriffen haben, ist es ein angenehmer und wohlgestalteter, ein schöner Raum. Es ist ein Raum, der zu der fortschrittlichen Bebauung gehört: öffentlich zugänglich, als differenzierte Einheit geplant, großzügig.

Was völlig fehlt ist der Raum, der zu den Mietskasernen gehörte: die Hinterhoflandschaft. Egal, ob diese aus Hinterhäusern oder Schuppen bestände, sie zeichnete sich aus durch die Zersplitterung des Raums in private voneinander abgeschottete Parzellen. Dieser Raum des 19. Jahrhunderts ist hier restlos zerstört. Die Mietskasernen sind verwandelt durch den fortschrittlichen Raum, sie sind aufgehoben. Statt auf Hinterhöfe blickt man von ihren Wohnungen in einen Park.

Besonders gut läßt sich die Verwandlung an der einzelnen Mietskaserne an der Ecke Kamienna/Tomaszewska aufzeigen. Sie steht frei, wie sie nie gedacht war. Fenster, die auf dunkle Lichtschächte hätten gehen sollen, öffnen sich zum Grün. Und da die Mietskaserne höher ist als die fortschrittlichen Gebäude daneben, wirkt sie wie ein absichtlich hervorgehobenes Punkthaus.

Der Kampf gegen die Mietskaserne ist in diesem Block gewonnen, ohne daß es nötig gewesen wäre, alle Mietskasernen abzureißen. Diese Art des Umgangs mit dem Mietskasernenerbe ist typisch für Wrocław. Nicht immer ist das Ergebnis so lehrbuchhaft klar wie in diesem Block, aber das Grundprinzip, die alten Gebäude durch neue zu ergänzen und insbesondere einen neuen Raum zu schaffen, ist dasselbe. Es ist wohlgemerkt kein radikales Vorgehen, da die überkommene Straßenstruktur erhalten bleibt. Aber die starre Monotonie der Mietskasernen wird aufgebrochen. Grün mischt sich ins Grau.

Interessant ist, daß es Vergleichbares in Berlin, Hauptstadt der DDR, weit seltener und erst spät gab. Jede Stadt hatte ihre eigenen Taktiken im Kampf gegen die Mietskaserne. Daß der Kampf weiterzuführen sein wird, zeigen Neomietskasernen aus jüngerer Zeit, die einst freie Ecken zubauen und dort Neohinterhöfe entstehen lassen, oder Abzäunungen, die einst zusammenhängenden öffentlichen Raum privatisieren.