Erkundungen auf Friedhöfen: Eisen und Staub in Bergen

Gußeiserne Grabsteine sieht man auf Friedhöfen immer wieder einmal. Sie treten ab dem frühen 19. Jahrhundert auf und sind wohl so etwas wie ein Nebeneffekt der industriellen Revolution. Sie waren aber eher eine Modeerscheinung und blieben meist vereinzelt. Nicht so auf dem Friedhof um die Mariakirke (Marienkirche) im südwestnorwegischen Bergen.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Hier sind mehr als die Hälfte der erhaltenen Grabsteine aus Eisen. Aus Gründen, die heute nicht mehr einfach zu eruieren sind, war diese Mode in Bergen beliebter als anderswo. Neben Kreuzen wurden auch Grabplatten und ganze Sarkophage aus Eisen gefertigt.

Die große Qualität des Materials sieht man etwa am Relief auf der Grabplatte des cand.theol. Johan Meyer und an denen der Sarkophage des Bischofs Jacob Neumann und seiner Frau Justine.

In 150 Jahre rosteten sie zwar leicht, verloren aber nicht ihre Form. Sogar ein Riß in einem Sarkophag scheint kaum mehr als ein allererstes Anzeichen eines Verfalls, der sich noch sehr lange hinziehen wird.

Die Mariakirke, teils noch romanisch und die älteste der Stadt, hieß früher auch Tyskekirke (deutsche Kirche), da sie von den deutschen Kaufleuten, die das große Hansekontor Bryggen betrieben, genutzt wurde. In den dank dem hochwertigen Eisen allesamt gut lesbaren Grabinschriften kann man daher manches über deutsche Einwanderung und Assimilation in Bergen lesen. Die Gräber sind etwa zur Hälfte norwegisch und zur Hälfte deutsch beschriftet. In beiden Sprachen sind die orthographischen Variationen groß. „Geboren“ wird auf Norwegisch mal „fød“, mal „föd“, mal „født“ geschrieben und auf Deutsch manchmal „gebohren“.

Oft sind die beiden Sprachen nah beieinander. Seite an Seite etwa liegen die Gräber von A. M. Døscher und Johan Henrich Døscher.

Beide sind identisch gestaltet, schlichte Sarkophage mit einem Kranz um das vertikale Oval des Schriftfelds. Ihres ist auf Deutsch beschriftet, geboren ist sie recht vage „im Hannoverschen”,

seines auf Norwegisch, obwohl auch er „født i det Hannoverske“ (geboren im Hannoverschen) ist.

Sie kam 1823 nach Bergen und starb dort 1834 81-jährig, er, 1795 geboren, kam 1822 und starb 1854. Die Geschichte dahinter ist einfach nachzuvollziehen: er, der Enkel, kjøbmand (Kaufmann), zu Geld gekommen offenbar, holte seine alte Großmutter in die ferne Stadt, in der er sich angesiedelt hatte. An die norwegischen Bedingungen angepaßt wurde dabei einzig die Schreibweise ihres Nachnamens, aber welchen Unterschied macht schon ein ø oder ein ö? Sie blieb Deutsche, er war Norweger geworden, könnte man sagen, aber vielleicht wäre das falsch, vielleicht hätten ihnen diese Zuschreibungen gar nichts bedeutet. Schließlich gab es kein Deutschland und Norwegen war eine erst kürzlich an Schweden gekommene dänische Provinz, in der es außer ein paar Städten, von denen Bergen die größte war, nichts gab.

Dennoch könnte das Erstarken des Norwegischen nach vielen Jahrhunderten deutsch-hanseatischer Präsenz in Bergen mit dem Erstarken nationalen, nationalstaatlichen Denkens zu tun haben. Hundert Jahre zuvor wäre dem eingewanderten Kaufmann vielleicht nicht eingefallen, sein Grab in der Sprache der Einheimischen zu beschriften, einfach deshalb, weil ein deutscher Dialekt in Bergen genauso einheimisch war wie ein dänischer Dialekt.

„Friede sey mit deiner Asche“ steht abschließend auf ihrem Grab, „fred med hans støv“ (Friede seinem Staub) auf seinem. Grammatikalisch ist das auf Deutsch richtig, gebräuchlich keineswegs. Es ist eine offensichtliche Übersetzung der norwegischen Grabformel, eine zu wörtliche überdies, die die Präposition „mit“ statt des gebräuchlichen Dativs verwendet. Noch näher am Norwegischen ist dann die Formel auf dem Grab des Kaufmanns Hinrich Volckmann und seiner Frau Sara Dameta: „Friede mit ihrem Staube !“.

Auf dem Grab der Jungfrau Helena Hasselmann liest man schließlich „Friede mit ihre Asche!“.

Hier ist das Deutsch schon kein Deutsch mehr. Wer es schrieb, war mit der Sprache offenbar kaum mehr vertraut, er wollte, aber konnte nicht. Dieses norwegisierte Deutsch ist letztlich ein stärkerer Hinweis auf die Assimilation der Deutschen in Bergen als die norwegisch beschrifteten Gräber.

Es ist ein Glück, gerade diese Umbruchsphase vom Deutschen zum Norwegischen auf dem kleinen Friedhof in Eisen gegossen nachlesen zu können.

Advertisements

Das neue Hradec Králové

Es beginnt gleich dort, wo das neualte Hradec Králové endet, gleich hinter dem Ulrichovo náměstí (Ulrich-Platz). Schon das diesen prägende lange sachliche ČSD-Gebäude ist nicht mehr völlig Blockrandbebauung.

(Bilder zum Vergrößeren anklicken)

Nur in der Mitte sind hinter ihm zwei sechsgeschossige Querflügel, die mit einem weiteren Teil einen Hinterhof umschließen, aber die Seiten sind frei, wenn auch umzäunt. Offen ist der Stadtraum noch nicht, aber auch nicht mehr allein vom zugebauten Blockrand bestimmt.

In den folgenden Straßen scheint die Blockrandbebauung sich fortzusetzen, bloß haben die fünfgeschossigen Gebäude nun fast durchweg sachliche Formen. Statt Schmuck und Pilaster gliedert der Wechsel von offenen und geschlossenen Flächen die Fassaden – typische tschechoslowakische Architektur der Zwischenkriegszeit. Auch, wenn man von den Straßen Nerudova und Na lípkách, die beinahe parallel ins Stadtzentrum führen, auf die Gebäude blickt, sieht man nichts anderes als diese sachliche Blockrandbebauung.

Erst in den Querstraßen öffnen sich die Blocks plötzlich.

Ein Blick ins Blockinnere tut sich auf und man sieht Grün.

Statt Hinterhöfen, von denen nurmehr kleine private Flächen hinter den Gebäuden bleiben, erstreckt sich da eine große öffentliche Parkfläche. Diese vorsichtige, halb versteckte Öffnung ist ein enorm wichtiger Schritt. Hier ist die Blockrandbebauung aufgebrochen. Hier beginnt die neue Stadt. Hier verläßt Hradec Králové auch städtebaulich das 19. Jahrhundert.

Zwei Blocks sind auf diese Art geöffnet und zugleich zu einer neuartigen Achse zusammengefaßt, die an der großen Straße Střelecká, die zum Schnellstraßenring der Stadt gehört, beginnt. Beidseits der Öffnung zum Park stehen Villen, ein Bezug auch zum Villenviertel auf der anderen Straßenseite.

Sie sind beide ähnlich, aber nicht identisch. Nachdem die fünfgeschossige Umbauung der Blocks schon auf vier Geschosse abgefallen ist, beginnen die Villen jeweils mit einem schmalen dreigeschossigen Trakt mit brauner Kachelverkleidung, in dem das Treppenhaus ist. Ihre eigentlichen Baukörper sind dann deutlich zurückgesetzt und zweigeschossig.

Sie sind strukturiert durch horizontale weiße Putzbänder unter dem Dach und zwischen den Geschossen und durch die erst durch schmale braune Kachelflächen verbundenen, dann durchgängig verglasten Fensterbänder. In der Ecke zum Treppenhaus ist vor dem Obergeschoß jeweils ein großer Balkon. Zur Öffnung des Parks steht das Obergeschoß, dessen Ecke die Fensterbänder umlaufen, jeweils leicht über. Auf dem Dach sind Aufbauten mit horizontalen Streben, die auf Dachterrassen hindeuten. Die Eingänge sind am Rande neben dem Treppenhaus, während an den Schmalseiten Garageneinfahrten sind. Rückwärtig sind tiefergelegte Gärten.

Hübsche Villen also, typisch für die Moden ihrer Zeit. Das Außergewöhnliche, vielleicht Einmalige an ihnen ist, daß sie nicht freistehen, sondern Teil einer umfassenden Planung sind.

Durch diesen Eingang tritt man in den Parkstreifen, der sich durch die beiden Blocks zieht.

Am Ende der Achse steht ein schmaler weißer Turm mit zwei durchgehenden vertikalen Lamellenöffnungen, aber der ist vom üppigen Grün zuerst fast verdeckt. Erst, wenn man die erste Querstraße passiert hat und näherkommt, sieht man ihn besser. Eine schmucklose weiße Form, die zu einer Feuerwache oder zu einer Fabrik gehören könnte. Wenn man schon nahe ist, sieht man im Hintergrund rechts von ihm die Türme der Altstadt auf dem Hügel.

Der Kontrast ist groß, aber nur oberflächlich; auch der weiße Turm ist ein Kirchturm. Nach der zweiten Querstraße stehen links und rechts dreigeschossige Backsteinbauten und zwischen ihnen geht es in den Kirchhof.

Vor ihm ist ein wirkliches Tor, wenn auch niedrig und nicht monumental. Im ornamentalen Gitter ist ein goldener Kelch – es ist eine hussitische Kirche. Der Kirchhof ist ein weder großes noch kleines Dreieck.

Spätestens hier merkt man, daß die Straßen Nerudova und Na lípkách nicht parallel, sondern aufeinander zu verlaufen. Nach einem Vorhof, von dem die Gebäude erschlossen sind, legen sich Kolonnaden um eine abgesenkte Wiese, deren einziger Schmuck ein kleines Beet und ein Stein mit Bibelzitat sind, während links und rechts vor den umgebenden Mauern Kolumbarien, transparente Urnenfächer, sind. Hinter der Wiese erhebt sich der Turm. Etwas hinter ihm sind an den Seiten zwei weitere Eingänge. Rückwärtig schließt er mit einem Brückentrakt an die eigentliche Kirche an, deren weißer Baukörper an den Seiten die Spitze des Dreiecks einnimmt.

Aus Autorenkollektiv: Hradec Králové, Praha 1970

Diese Kirchenanlage ist zweifelsohne großartig, ja, auf ihre Art vollkommen. Ohne jegliche historistischen Formen schafft sie doch die Atmosphäre mittelalterlicher Bauten. Von außen wirkt sie durch den roten Stein der Gebäude und die Mauer fast abweisend und die Kirche mit ihren großen runden Fenstern zwischen vertikalen Streben fast gotisierend, doch im Hof ist alles weiß und sachlich und auch die Kirche hat horizontale Fensterbänder.

Der Kirchhof ist zugleich Kreuzgang als auch Begräbnisstätte, zugleich abgeschlossen als auch geöffnet, zugleich als Endpunkt der Parkachse Teil der Stadt als auch außerhalb von ihr. Hier entstand so etwas wie ein antikatholisches Kloster, aber ohne Nonnen oder Mönche, ein demokratisches Kloster, so wie die hussitische Kirche als Religion für die demokratische tschechoslowakische Republik geschaffen worden war. Diese Kirche ist einer der gelungensten neuen Sakralbauten der Tschechoslowakei. Welten trennen sie von dem unentschlossen monumentalen Stil üblicher hussitischer Kirchen. Dennoch wäre es besser, wenn es sie nicht gäbe.

Denn ganz wie Religion in welcher Form auch immer den Fortschritt stört, stört die Kirche auch in ihrer architektonischen Großartigkeit den fortschrittlichen Städtebau. Die Parkachse wäre besser, wenn sie mit einem freien Blick über den weiten Park am Ufer der Labe (Elbe) und die Altstadt darüber endete. Das brächte auch die beiden Gebäude besser zur Geltung, die an dieser Seite als Gegenstücke zu den Villen die Öffnung des Parks flankieren.

An Nerudova und Na lípkách fallen sie auf vier Geschosse ab, um sich dann dreigeschossig zum Park zu wenden. Auf beiden dieser Stufen sind Dachterrassen, stattlich schon auf der höheren, riesig auf der niedrigeren, so daß man von Terrassenhäusern sprechen kann. Wieder sind beide Gebäude nicht identisch, etwa hat das rechte abgerundete Ecken mit Balkonen.

Hier ensteht ein Gebäudetyp, der mehr als die sachlichen Mietshäuser, mehr als die hübschen Villen und sicherlich viel mehr als der großartige Kirchenkomplex zur Parkachse und zu einer neuen Art von Stadt passen. Und Hradec Králové begann diese neue Stadt zu bauen.

Ein Sturz im Park Reagana

In Gdańsk gibt es einen Park Prezydenta Ronalda Reagana (Präsident-Ronald-Reagan-Park) und in diesem gibt es ein Kunstwerk, das Ronald Reagan und den Papst zeigt.

(Bilder zum Vergrößeren anklicken)

Papież (Papst) ist in Polen ein Synonym für Jan Paweł II. (Johannes Paul II.) und in Kunstwerken wird er tausendfach dargestellt, weshalb es vielleicht zutreffender ist, daß dieses den Papst und Ronald Reagan zeigt, nicht andersherum.

Es handelt sich um überlebensgroße Bronzeplastiken, die ein in Miama im Jahre 1987 entstandenen Pressephoto nachahmen. Papst und Präsident nebeneinander gehend, miteinander sprechend.

Das Kunstwerk steht an einem wichtigen Weg, der von Przymorze und einer Bushaltestelle zum Strand führt. Es steht nicht auf diesem Weg, aber auch nicht von ihm abgetrennt. Die Plastiken gehen ohne Sockel auf demselben Boden wie der Betrachter.

Erst seitlich sind niedrige abgeschrägte Betonmäuerchen mit schlecht lesbaren, weil stark spiegelnden Tafeln aus dunklem Stein. „Wdzięczni za niepodłegłość Polacy” (Die für die Unabhängigkeit dankbaren Polen), steht dort groß und kleiner Hinweise auf das Photo und die Sponsoren des Denkmals.

Hinzu kommen drei Fahnenmasten, an denen zwei polnische Flaggen und eine von Johannes Paul II., aber keine amerikanische hängen.

Denkmalplastiken in realistischen Formen und angeordnet in realistischen Situationen zu zeigen, ist ein typisches Merkmal der reifsten Strömungen des sozialistischen Realismus, von dem auch die zeitgenössische polnische Propagandakunst zehrt. Ein schlechtes Kunstwerk ist diese im Park Reagana, so reaktionär der Inhalt, also nicht.

Was seine Schöpfer aber nicht bedachten, war die enorme Verehrung, die viele Menschen in Polen dem Papst entgegenbringen. Sie wollen ihn, wie groß auch immer, nicht im Gang und im Gespräch mit irgendeinem bloßen Menschen sehen und gewiß nicht auf einer Ebene mit sich selbst. Sie wollen zu ihm aufblicken, ihn anbeten, ihm Opfer bringen. Kein Wunder also, daß jemand Blumenkästen im Halbkreis vor die Plastiken aufstellte, damit ein Ort entstehe, wo Kerzen, Kreuze und Kränze zu ihren Füßen abgelegt werden können.

Das zeigt ein großes Unverständnis, ja, Desinteresse an diesem Kunstwerk, denn es soll ja gerade freistehen, keinen Sockel, keine Barrieren haben. Aber es geht diesen Papstgläubigen eben nicht um Kunst, sondern um den Papst.

Daher sieht es nun im Park Reagana so aus, als seien ein riesiger Papst und ein riesiger Ronald Reagan kurz davor, allerlei Devotionalien zu zertrampeln und dann über Blumenkästen zu stolpern.

Religiöser Eifer veränderte hier staatstragende Propagandakunst so, daß auch der kommunistische Betrachter etwas an ihr finden kann. Alle sind zufrieden, könnte man sagen, aber stimmen würde es natürlich nicht.

Renaissance über Gotik

Die Kościół Św. Brigidy (Brigittenkirche) kann man beim Gang durch die älteren Teile von Gdańsk leicht übersehen, da sie zwar unweit der zentralen Ulica Rajska (Paradiesstraße) steht, aber direkt hinter der weit größeren Kościół Św. Katarzyny (Katharinenkirche) steht. Während diese wie viele andere Gdańsker Kirchen das Bedürfnis nach monumentaler Backsteingotik eher übererfüllt, ist die Brigittenkirche bescheidener. An ihrem dennoch stattlichen backsteinernen Baukörper kann man typische Aspekte der örtlichen Gotik besonders gut ablesen. Dabei hilft, daß sie, anders als viele ihrer Schwestern, viel Platz um sich hat und man sie recht gut in ihrer Gesamtheit erfassen kann.

Der Platz ist weitgehend Parkplatz, aber direkt vor der Kirche ist Pflaster in großem Schachbrettmuster, das auf Wegen durch den Parkplatz und zur Grünanlage an den Straßen Mniszki und Stolarska strukturierend in die weitere Umgebung ausgreift.

Auf dem schlichten Bau mit den großen und breiten spitzbögigen Fenstern sitzen drei Satteldächer, die an den Schmalseiten mit je drei Giebeln enden. Diesen bleibt es, neben dem ornamentalen Band über den Fenstern, überlassen, für Repräsentation und Schmuck zu sorgen. Das tun sie mit allerlei Bögen und Öffnungen in von schlanken Pfeilern gegliederten Treppenformen, die bei jedem Giebel leicht variiert sind. An der Ostseite, zur Ulica Mniszki hin, ist vor den mittleren Giebel, aber nicht direkt in die Mitte, ein niedrigerer Eingangsbau gesetzt, der einen eigenen, noch etwas prunkvolleren Giebel hat.

An der Westseite ist der mittlere Teil als Chor über die seitlichen Teile weitergeführt, so daß sich an den Ecken kleine Freiräume bilden und man die drei Giebel nie nebeneinander sehen kann. Der des Chors ist durch eine kleine Haube noch zusätzlich betont. Zudem hat der Chor zwischen den Fenstern vorgesetzte Strebepfeiler, bleibt aber doch wie die gesamte Kirche eine einfache rechteckige Halle, ohne die sonst oft typische Rundung.

Fast scheint die Architektur der Kirche näher an profanen als an sakralen Bauten. Wenn man nur die Giebel der Ostseite sieht, könnte man auch meinen, es mit Bürgerhäusern zu tun zu haben. Wie ein Ausschnitt aus einer Stadtsilhouette scheint es, wenn links des linken Giebels ein ferner Turm mit großer barocker Kupferhaube steht.

Aber der Turm ist nicht fern, sondern Teil der Kirche, direkt hinter dem Gieibel. In das Dach gesetzt ist er er ein fast würfelförmiger Aufbau mit drei Geschossen. In jedem kleine Fenster, erst rund-, dann spitzbögig, und kleine Pilaster. Abschließend die geschwungen in einem offenen Teil ansteigende und schlank auslaufende Haube.

Dieser Turm gehört in eine andere Welt. Er ist ein Werk der Renaissance, das sich selbstbewußt auf den gotischen Körper der Kirche gesetzt hat. Der Kontrast ist enorm: unten das dunkle Rot des Backsteins, oben gelber Putz und weiße Pilaster. Hier die verschachtelten ahistorischen Ornamente der Gotik, dort die auf die Antike zurückweisende, wenn auch nicht klar dorische Abfolge der Pilaster. Und ist dieser Bauteil überhaupt ein Turm? Besonders hoch ist er nicht. Und gehört er wirklich zur Kirche? Eher wirkt es, als sei ein zierliches Schloß in eine rohe rote Felsenlandschaft gesetzt worden. Äußerst anschaulich jedenfalls sieht man hier den Fortschritt, den die Renaissance gegenüber der Gotik bedeutete. Die Renaissance erhebt sich hier im wahrsten Sinne über die Gotik. Dem Barock blieb es da nur, mit der Haube einen letzten Akzent zu setzen.

Przymorze – Der Falowiec

Der Falowiec in Gdańsk sollte eines der berühmtesten Gebäude in Polen sein. Als achthundert Meter langes Wellenhaus, wie die annähernde Übersetzung lautet, ist er das längste Gebäude des Landes und eines der längsten Europas.

(Bilder zum Vergrößeren anklicken)

Er ist so etwas wie das horizontale Gegenstück zum Pałac Kultury (Kulturpalast) in Warschau, der lange das höchste Gebäude Polens war. So wie an den Pałac Kultury denkt, wer an Warschau denkt, sollte an den Falowiec denken, wer an Gdańsk denkt. Da der Falowiec aber nicht im Stadtzentrum, sondern im Wohngebiet Przymorze im Norden steht, ist er nicht so berühmt wie er sein sollte. Während der Pałac Kultury noch heute ein vielleicht ungeliebtes, aber unübersehbares Wahrzeichen Warschaus ist, ist der Falowiec, immerhin oder sogar, das Wahrzeichen eines anderen Gdańsk.

Denn architektonisch könnten die Unterschiede nicht größer sein. Der Pałac Kultury ist bloß ein riesiges Beispiel des stalinistischen Irrwegs in der Architektur des Sozialismus, der Falowiec jedoch ein Beispiel ihrer kühnsten und fortschrittlichsten Leistungen. Entsprechend ist er auch nicht nur einer, sondern viele, nicht nur ein Gebäude, sondern ein Gebäudetyp. Zum längsten Falowiec an der Obrońców Wybrzeża (Straße der Verteidiger der Küste) kommen noch sechs weitere kürzere. Gemeinsam bilden sie das Grundgerüst von Przymorze.

Seinen Namen hat der Falowiec, das heißt ein Gebäude dieses Typs, dadurch, daß er nicht einfach gerade ist, sondern seine elfgeschossigen Teilstücke leicht schräg aneinandergesetzt sind, so daß sich eine Wellenform ergibt. Er zeichnet sich durch zwei sehr verschiedene Breitseiten aus.

Die eine Seite besteht ganz aus offenen Laubengängen, von denen die Wohnungen erschlossen sind. Durch die breiten Betonbrüstungen wirkt diese Seite vlig horizontal, wie aufeinandergeschichtete Bänder, während die vertikalen Streben des tragenden Betongerüsts fasst unsichtbar schmal sind. Einzige Vertikalen sind die vollständig verglasten Treppenhäuser, die unten bei den überdachten Eingängen beginnen und oben mit den Aufbauten der Aufzüge enden.

Die andere Seite besteht ganz aus den vorragenden Balkonen der Wohnungen. Hier sieht man, daß sich das Wellenhafte des Wellenhauses nicht in der Anordnung seiner Baukörper erschöpft. Denn die Balkone ragen als kleinere und größere Dreiecke leicht hervor, kein Geschoß gleicht dem anderen, die Fassade scheint in ständiger Bewegung.

Dies wird noch dadurch unterstützt, daß manche der Balkone Geländer aus Beton haben, andere aber aus Metallgittern. Von der Laubengangseite ist der Falowiec somit sachlich und nüchtern, beinahe kahl, von der Balkonseite aber lebhaft und verspielt, ein Mosaik unzähliger Wohnungen, in denen unzählige Menschen leben. Die äußere Form entspricht der inneren Funktion. Von der Nüchternheit des halböffentlichen Laubengangs tritt man in die Individualität des privaten Wohnraums.

Doch das deutet auch auf ein Problem des Falowiec hin. Zum Laubengang nämlich zeigen die Küchen und teilweise sogar Zimmer, was die Privatsphäre der Wohnungen beeinträchtig. Das ist allerdings ein Problem aller Laubenganggebäude und ein nur schwer zu lösendes. Und entschädigt wird man in jeder Wohnung durch großartige Ausblicke, die oft bis zum Meer auf der einen

und zu den Hügeln auf der anderen Seite reichen.

Der Falowiec ist, wenn er schon nicht berühmt ist, zumindest das angemessen besondere Gebäude für den besonderen Ort, der Przymorze ist. Und wer ihn gesehen hat, wird ihn vielleicht bemerkenswerter als alles andere in Gdańsk finden.

Maria in Drag

Wenn die Dreifaltigkeitssäule auf dem Zelný trh (Krautmarkt) in Brno nur Jesus, den heiligen Geist und Gott zeigen würde, wäre sie immer noch das bessere der beiden barocken Kunstwerke auf diesem Platz.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Aber angesichts des unsäglichen Steinhaufens von einem Brunnen weiter unten auf der ansteigenden Platzfläche ist das kein großes Kompliment.

Budík, Miloš u. Samková, Eva: Brno – v 80 barevných fotografích, Praha 1976

Die Darstellung der Dreifaltigkeit, bei der Jesus und Gott nebeneinandersitzen und der heilige Geist als Taube in einem Strahlenkranz zwischen ihnen schwebt, ist eben weit weniger interessant als die das Gnadenstuhls, bei der Gott den gekreuzigten Jesus zwischen den Beinen hält. Sie wirkt eher wie ein Kaffeekränzchen bei Sonnenuntergang, während die zweite wirklich eine Ahnung vom komplizierten Einswerden dreier Teile, von Dreifaltigkeit, gibt. Auch hier, wo die beiden auf dem großen ionischen Kapitell der Säule und Wolken sitzen, während die Strahlen und die Taube an einem weiteren Teil, durch den die Säule eher zum Obelisk wird, hängt, wird das nicht anders.

Aber da ist noch mehr. Auf dem Sockel vor der flachen puttenbehafteten Säule stehen zwei weitere Figuren: vorne Maria, hinten Johannes von Nepomuk. Diese beiden Heiligen so nah beieinander, Rücken an Rücken, zu sehen, macht ihre Gemeinsamkeiten ungewöhnlich deutlich.

Für sich genommen sind die beiden Skulpturen ganz typisch. Maria in verzückter Verrenkung, die rechte Hand etwas nach unten ausgestreckt, die linke Hand auf der Brust, unter ihr die Weltkugel mit zertretener Schlange.

Johannes von Nepomuk in ganz ähnlicher Verrenkung, Kruzifix und Palmwedel im rechten Arm, die linke Hand seinerseits auf der Brust.

Was sie verbindet, sind ihre Heiligenscheine. Marias hat viele Sterne, Nepomuks nur fünf. Aber sie sind die einzigen beiden Heiligen, deren Heiligenscheine Sterne haben. In dieser Hinsicht steht Johannes von Nepomuk nur wenig unter Maria, der Mutter Gottes. In Brno stehen sie sogar auf einer Stufe, deutlich über den beiden anderen Heiligen, die links und rechts niedrigere Sockel haben.

Die Erbauer der Säule waren sich sicher bewußt, was sie taten, als sie beiden so heraushoben und beisammen zeigten. Ihnen würde es wohl zu weit gehen, würde man in Johannes von Nepomuk eine zweite Maria, eine Maria in Drag sehen wollen, und die beiden zusammen als eigentümliche Zweifaltigkeit. Aber heute ist es schwer, das nicht zu sehen.

Eine Bank in Groningen

Das Gebäude, das 1958 für die Amsterdamsche Bank (Amsterdamer Bank) am Grote Markt (Großen Markt) in Groningen gebaut wurde, ist auch heute noch eines der markantesten der Stadt. In der Mitte der Nordseite des Platzes stehend, ist es das aber auf viel subtilere Weise als die monumentale Tempelfassade des Rathauses oder der hohe, in drei steinernen und zwei kupfernen Stufen ansteigende Turm der Martinikerk (Martinskirche), die seine Nachbarn sind.

(Bilder zum Vergrößeren anklicken)

Die sechs vor dem leicht zurückgesetzten Erdgeschoß stehenden eckigen Stützen setzen sich hinter den großen Fensterflächen der drei weiteren Geschosse fort und tragen schließlich mit etwas Abstand zum obersten Geschoß ein dünnes leicht aufsteigendes und leicht überstehendes Betondach. Die weißgraue Steinverkleidung der Stützen im Erdgeschoß ist in den horizontalen Bändern, die die Geschosse optisch trennen, wieder aufgenommen. In der rechten Hälfte des zweiten Geschosses ragt ein kleiner quadratischer Balkon hervor und in regelmäßigem Abstand im vierten Geschoß drei weitere. Alle sind unten mit dem weißgrauen Stein verkleidet sind. Ansonsten sind da nur Glas und türkisgrüne Farbakzente, die einen Kontrast zu Stein und Beton bilden.

Schon im Vordach des links angeordneten Eingangs, in einigen der dünnen Fensterrahmen und in den dünnen Stahlgeländern der Balkone erscheint dieses Türkisgrün. Quadratische Flächen in derselben Farbe sind auch im überstehenden Dach und wenn man nahe genug herantritt, sieht man, daß auch die Gitterböden der Balkone so gefärbt sind und zu weiteren farbigen Quadraten werden.

Das Gebäude ist geradezu darauf ausgerichtet, von Nahem, mit hinaufgehendem Blick betrachtet zu werden. Heute, da der Grote Markt halbwegs vom Verkehr befreit ist, und man das Gebäude aus jeder beliebigen Entfernung so lange man will anschauen kann, erscheint das sinnlos, aber zur Entstehungszeit, als davor eine Straße und ein schmaler Gehsteig verliefen, war es das keineswegs. So erzählt die Architektur des Gebäudes nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die des umliegenden Stadtraums.

Daß dieses Gebäude und seine aus derselben Zeit stammenden Nachbarbauten überhaupt so gebaut wurden, hat wiederum mit der Geschichte der Kämpfe um die Stadt im April 1945 zu tun. In den Gebäuden der Nord- und Ostseite des Platzes hatten sich deutsche Truppen verschanzt und die kanadischen Befreiungstruppen hatten Panzer einsetzen müssen, um sie zu besiegen. Die beiden Platzseiten, nicht aber die nahe Kirche oder das Rathaus, wurden dabei völlig zerstört.

Die Amsterdamsche Bank wird sicher wenig darüber getrauert haben, daß ihre vorherige Filiale, ein expressiver Backsteinbau aus den Zwanzigern, durch eine neue, modischere ersetzt werden konnte. Sie zeigte sich dabei als ein architektonisch fortschrittlicherer Teil des Kapitals. Wie anders es hätte sein können – und damit die Beliebigkeit kapitalistischer Architektur – beweißt der backsteinverkleidete Eckbau rechts daneben, der sich mit einer Skulptur wohl auf die Kirche beziehen sollte.

Schließlich erzählt die Bankfiliale in Groningen noch die Geschichte der Konzentration des Bankwesens in den Niederlanden. Sie wurde errichtet für die Amsterdamsche Bank, doch diese schloß sich schon wenig später mit der Rotterdamsche Bank (Rotterdamer Bank) zur Amsterdam Rotterdam Bank, besser bekannt als AMRO, zusammen, aus der später die noch heute bestehende ABN AMRO wurde. Und fast scheint es, als habe das Gebäude nur darauf gewartet, denn seine türkisgrüne Farbakzente passen so gut zum gegenwärtigen Logo von ABN AMRO, daß sie fast wie Teil einer Corporate Identity wirken.

Architektonisch ist die Bank in Groningen nicht mehr und weniger als ein Bürohaus der Fünfziger, Teil der Blockrandbebauung, ein Kleinod, mit dem sich der Kapitalismus dieser Zeit repräsentierte. Es hat dabei eine Sensibilität für Details und ein Talent, vorgeblich sachliche Architektur edel wirken zu lassen, die es zum würdigen Vertreter ebendieser Architekturperiode machen.

Gerade wird das Gebäude umgebaut, ABN AMRO ist nach nebenan gezogen und schon verschwunden ist das Kleinod im Kleinod, das aus weißgrauem Stein gehauene abstrakte Relief im Balkon des zweiten Geschosses. Markant ist es noch immer.