Deutsche Gesichter

Stahlhelme aus Stein sind ein häufiger Bestandteil von Denkmälern für den ersten Weltkrieg. Überlebensgroß schließen sie Stelen ab oder liegen auf Wänden, seltener sind sie Reliefs. Sie sind ein noch typischeres Symbol für diesen Krieg als sogar das eiserne Kreuz.

In Frankfurt-Enkheim

Die Verwendung der Kopfbedeckung steht dabei in einer klaren ikonographischen Tradition mit den Denkmälern für den Krieg von 1870/71, in denen selten die preußische Pickelhaube fehlt. Oft stehen diese Kriegerdenkmäler auch nah beieinander, meist bei den Kirchen, doch selten wurden sie, wie etwa in Nieder-Wöllstadt, zu einem Ensemble zusammengefügt, Pickelhaube über Stahlhelm.

Wenn die Helme schräg liegen, ist unter ihnen, wo das Gesicht sein müßte, manchmal eine erst einmal unklare Masse zu sehen: Eichenblätter.

In Wehrheim

Ein Stahlhelm gefüllt mit Eichenlaub, unter der deutschen Kopfbedeckung die Blätter des deutschen Baums. Die Symbolik ist so naheliegend wie wahnwitzig und gibt dem Wort Holzkopf eine neue Bedeutung.

In Ossenheim bei Friedberg liegt ein große Stahlhelm auf einer freistehenden dunklen Wand mit den Namen der Kriegstoten, nicht gerade, sondern schräg nach links ansteigend und mit Eichenlaub gefüllt.

Aber ist da nicht vielleicht doch ein Gesicht? Vorne ragt eine Eichel wie eine Nase hervor, ein horizontales Blatt darunter bildet den Mund, zwei schräge darüber sind die Augen.

Das ist nur angedeutet, aber es ist da. Es handelt sich um die deutschnationale Version der berühmten Gemüsegesichter des Malers Giuseppe Arcimbaldo oder zweier aus Blättern gebildeter Fratzen an einem Kapitell beim Passauer Dom. Oder ist es vielmehr ein ironischer Kommentar des Bildhauers zu seinem deutschnationalen Werk? Das Eichenlaub geht noch durch, aber ein Gesicht aus Eichenblättern und Eicheln ließe sich wohl schwerlich als der Würde des Orts angemessen erklären, zumal auch die unangenehme Assoziation mit dem völlig bandagierten Gesicht eines Kriegsverletzten entsteht.

Was die Wahrheit ist, wird nicht herauszufinden sein, aber das Ossenheimer Beispiel zeigt, daß sich sogar in solchen gänzlich reaktionären Kriegerdenkmälern interessante Details finden lassen.

Nowa Kościelnica

In Nowa Kościelnica gibt es, anders als der Name vermuten lassen könnte, keine Kirche. Statt eines backsteinernen Kirchturms steht an der Haupt- und einzigen Straße des Orts der backsteinerne Turm einer Trafostation und das ist auch zweifelsohne viel nützlicher. Für ein żuławisches Dorf ist Nowa Kościelnica recht kompakt und seine Bebauung besteht teils aus älteren, manchmal hölzernen Bauernhäusern und teils aus Einfamilienhäusern der sozialistischen Zeit. Zwei Häuser aber fallen dazwischen fast noch mehr auf, als es eine Kirche tun würde.

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Das erste hat ein Obergeschoß aus regelmäßigem und einfachem Fachwerk mit Backsteinfüllung auf einem weißen Erdgeschoßteil quer zur Straße und einem holzverkleideten nach rechts parallel zu ihr.

Aber der Giebelteil, der diese L-Form links zum T vervollständigt gibt sich mit Einfachheit nicht zufrieden.

Das Erdgeschoß ist hier völlig offen und die Obergeschosse ruhen vorne auf eckigen hölzernen Stützen, die sich oben schräg verzweigen. Noch das Obergeschoß unterscheidet sich nicht von dem der übrigen Teile, doch unter dem hohen Satteldach kommt das Fachwerk in Bewegung und was zuvor nüchterne gerade und schräge Balken waren, zieht sich nun in Schlangenlinien in die Höhe. Den Balken werden ganz unwahrscheinliche Schwünge abgewonnen, um diesen Effekt zu erreichen. Es ist geradezu so, als erhole sich das Fachwerk hier im fröhlichen Spiel von der Arbeit des darunter liegenden Geschosses.

Der große offene Bereich unter dem aufgestützten Giebelteil hingegen hatte ursprünglich funktionale Gründe, aber man kann nicht umhin, die Leichtigkeit der Konstruktion zu bewundern. Tief im Schatten des Obergeschosses ist links der Eingang, eine dunkle rundbögige Holztür mit konzentrischem Karomuster im einzigen schmalen Teil des Erdgeschosses, der zwischen weißem Putz und Holverkleidung sichtbares Fachwerk hat. Ein kompliziertes Monogramm im Balken darüber erinnert an den Erbauer.

Vorlaubenhäuser dieser Art sind typisch für die Żuławy und äußerst markant, doch oft sieht man sie nicht, da immer nur die wohlhabendsten Familien sie errichteten und diese sich zugleich als erste leisten konnten, sie durch neuere Backsteinhäuser zu ersetzen. Nowa Kościelnica hat das seltene Glück, noch ein weiteres zu haben.

Dieses zweite Haus steht parallel zur Straße und besteht ganz aus Holz. Mit Details wie Fensterläden und Verzierungen an den Ecken wäre sein einziges Geschoß mit Satteldach bereits bemerkenswert auch, wenn nicht direkt in der Mitte ein zur Straße zeigender Giebelteil eingefügt wäre.

Nur hier hat das Haus ein Obergeschoß ohne Dachschrägen und einfaches rechteckiges Fachwerk mit verputztem Backstein.

Hier sind das Auffälligste die runden Holzstützen, die im eigentlichen hölzerne Säulen sind. Ihre Basen sind eckig und aus Backstein, während die nur etwas breiteren Kapitelle nach innen gedrehten Voluten haben. Zwischen ihnen sind ebenfalls aus Holz stilisierte zusammengeraffte Vorhänge, die entlang der Straße die Kapitelle der dicht an dicht stehenden, aber vor dem Eingang in der Mitte weiter auseinandertretenden Säulen verbinden und an den Seiten über dem weiteren Zwischenraum noch einmal mittig gehalten sind.

Wie die Fachwerkschlangenlinien des anderen Hauses sind diese hölzernen Vorhänge reine Dekoration, anders als diese aber nicht aus der Funktion gewonnen. Sie symbolisieren stattdessen eine mögliche Funktion, da dort tatsächlich Vorhänge hängen könnten, um den aufgestützten Bereich etwa im Sommer zusätzlich vor der Sonne zu schützen und einen zeltartigen Vorraum zu schaffen. Das würde passen, da dieser Bereich hier stärker auch zum Aufenthalt und zur Erholung ausgestaltet ist. In der Mitte führt eine kleine Holztreppe mit geschwungen schmaler werdenden Seiten und filigranem Geländer zur Eingangstür und beidseits davon sind an die Wand angefügte und am Rand noch etwas um die Ecke geschwungene Bänke.

Während das andere Haus aus vielen verschiedenen Teilen besteht, die im aufgestützten Giebelteil ihren Höhepunkt finden, ist dieses eine in einem Stück errichtete Einheit.

Es ist auch deutlich neuer, wie es über der Tür selbst verrät:

„Wilhelm Klaassen Bauherr 1840“. Es ist ein spätes Gebäude, in dem sich der traditionelle Haustyp mit neueren Einflüssen verbindet. Schon ein Jahrzehnt danach wäre dergleichen wohl nicht mehr gebaut worden, es hätte nicht mehr in eine sich verändernde und näher auch an die Żuławy rückende Welt gepaßt. So sind die beiden Vorlaubenhäuser wohlgemerkt die markantesten, aber nicht die reichsten Häuser von Nowa Kościelnica.

Ein historistischer Bau mit zwei backsteinernen Geschossen, bereits im übergangslos anschließenden winzigen Ort Dworek, hat einen Fachwerkgiebel, der aber nur leeres Zitat nicht einmal lokaler, sondern irgendwelcher traditioneller Architektur ist.

Konsequenter ist das Gutshaus am anderen Ende, das sich mit Neorenaissanceformen in Backstein nicht um die żuławische Architektur schert wie es mit seinen weitläufigen Wirtschaftsbauten und einem Park zur Wisła (Weichsel) hin auch mit dem Ort nichts zu tun haben will.

Beide aber verblassen, werden unsichtbar, neben den beiden untereinander verwandten, aber doch so verschiedenen Vorlaubenhäusern dazwischen.

Die nächste Kirche übrigens ist in Niedźwiedzica, nicht sehr weit entfernt an derselben einzigen Straße, aber bereits jenseits der Autobahn. Nowa Kościelnica hat zum Glück mehr als seinen Namen.

Biblis mit Atomkraft

Der Ort Biblis hat, wie jeder Ort, sein Sehenswertes, doch da Biblis nun einmal Atomkraft bedeutet, ist zwangsläufig enttäuschend, daß die Kühltürme des Kraftwerks nicht direkt hinter den Straßen aufragen, um mit den Doppeltürmen der Kirche zu wetteifern und sie in den Schatten zu stellen. Das Atomkraftwerk Biblis, nach dem, möchte man ahistorisch behaupten, der Ort benannt ist, steht ein ganzes Stück außerhalb am Rhein. Doch auch von diesem Fluß würde man, wenn man Biblis als unschuldiger und unwissender außerirdischer Wanderer besuchte, nichts ahnen.

Von Biblis dem Ort zu Biblis dem Kraftwerk führen durch die flache Landschaft mannigfaltige Wege. Man kann entlang der Landstraße, über Felder, an künstlichen Seen vorbei oder auch auf Umwegen auf dem Hochwasserdamm der Weschnitz, unter Bahnbrücken hindurch und neben renaturalisierten Biotopen, gehen.

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Immer ist das Kraftwerk schon von Weitem zu sehen, denn so sehr es im Ort fehlte, so sehr bestimmt es die Umgebung. Bald schon hat man es auch ganz erfaßt: zwei mächtige Betonkuppeln, an die links ein offenes Betongerüst mit quadratischem Grundriß und quadratischen Öffnungen in zwei hohen Geschossen anschließt, je ein dünner Schornstein und rückwärtig, am Rhein, je zwei riesige Kühltürme in ihrer charakteristischen hyperboloiden Form.

Es ist ein einfaches und klares Bild, nicht ganz symmetrisch, aber voller Harmonie. Auch an grauen Tagen erstrahlt der Beton über der Landschaft. Ohne daß man viel wissen müßte, erklärt sich das Bild auch: in den Kuppeln die Reaktoren, die über das Gerüst mit Brennelementen befüllt werden, und die Türme zur Kühlung der bei der Erzeugung der Elektrizität anfallenden überschüssigen Hitze.

Doch es genügt sogar, noch weniger zu wissen: hier geschieht etwas Wundervolles, hier steht die Wiege einer ganzen Zivilisation. Oder stand, denn, kaum geboren, wurde sie getötet. In Deutschland kann man ein Atomkraftwerk nicht ohne Trauer betrachten. Auch in Biblis wird seit 2011 kein Strom mehr produziert und sein Schicksal war besiegelt, seit im Jahre 1990 das Kraftwerk „Bruno Leuschner“ in Greifswald vom wütenden deutschen Imperialismus sinnlos zerstört wurde.

Doch angesichts von Biblis ist all das ein ferner Hintergedanke, zu stark ist die Schönheit und Wahrheit des Betons vor einem. Vielleicht muß man gar nicht mehr näher hin, denn nah genug kommen, es besser zu verstehen, wird man nicht. Die Landstraße aber führt geradewegs auf das Kraftwerk zu.

Zwischen den beiden Reaktorkuppeln sind ein großes weißes Bürogebäude mit Fensterbändern und ein Torgebäude mit markantem weißem Dachband, das teils schräg verläuft.

Noch außerhalb des Geländes ist rechts das Informationszentrum, weiß, mit großen Fenstern, aus recht- und vieleckigen Teilen zusammengesetzt, ringsherum Tafeln, die die örtliche Tierwelt erläutern.

Sind die Elemente des Atomkraftwerks einfach und ablesbar wie die einer mittelalterlichen Burg, so gleicht auch der um das Gelände führende Wassergraben mit schrägen Betonrändern einem Burggraben.

Jenseits davon sind hohe Betonzäune mit regelmäßigen Streben in rechteckigen Rahmen, auf denen nur dezent Natodraht liegt.

Auch von Nahem ist das Atomkraftwerk Biblis schön, gewiß, aber etwas fehlt. Das Besucherzentrum reicht nicht, auch der Kranz schräger Fahnenmasten vor ihm nicht; es bräuchte ein Kunstwerk. Aber die Gesellschaft, die es baute, konnte den unfaßbaren Heroismus der Beherrschung des Atoms nicht ausdrücken, jedenfalls nicht in bleibenden Werken, weil sie die falsche war. Die riesigen funktionalen Betonformen in der Landschaft bleiben allein, werden zur Abstraktion. Seit Biblis keinen Strom mehr produziert, ist das auch tatsächlich alles. Die Zukunft, für die es steht, wird trotz alledem kommen.

Biblis ohne Atomkraft

Wenn man den Namen Biblis hört und aus einer bestimmten Generation und Region stammt, kann man nicht anders, als an das dortige Atomkraftwerk zu denken. Vielleicht trägt dazu auch der Name bei, in dem etwas faszinierend Fremdes, mindestens Bibel, aber eher noch Byblos, steckt und der auch ohne Atomkraft zwischen den Wattenheim und Großrohrheim der südhessischen Umgebung oder den Neckarwestheim und Brunsbüttel im weiteren Westdeutschland auffiele. Der Ort Biblis selbst ist da zwangsläufig erst einmal enttäuschend.

Am grausteinernen Bahnhof immerhin steht ein Stellwerk aus der Zeit, als DB noch für Deutsche Bundesbahn stand und sie als Behörde andere als graueste Architektur schuf: auf einem großen langgestreckten Kubus mit blauer vertikal gewellter Metallverkleidung kleiner und leicht überstehend ein flacher Zylinder mit entsprechend roter Verkleidung, der an den Seiten des vorderen Teils über die Gleise ausgerichtete Fenster hat.

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Aber ansonsten ist Biblis ein aufgeblähtes Dorf, das sich im 19. Jahrhundert mit recht gleichförmigen Straßen enger, unter dem Putz der westdeutschen Jahre wohl backsteinerner Häuser füllte und so auch für Fachwerkrustikalität keinen Raum läßt. Biblis ist katholisch und markiert das leider mit einer zu großen zweitürmigen Kirche aus rotem Stein in irgendwie neoromanischen Formen.

Das interessantere katholische Bauwerk steht daher rechts neben der Kirche, wie diese quer zur Hauptstraße, und enthält Bürgerzentrum, Pfarrzentrum und Katholische Öffentliche Bücherei. An der Straße ist ein weißer Treppentrakt, dessen linke Ecke abgerundet und von horizontalen Fenstern mit abstrakten Betonglasmustern umlaufen ist.

Nach dem zurückgesetzten Eingang des Bürgerzentrums hat das Gebäude zwei hohe Geschosse mit zu den Seiten vollständig verglasten Sälen.

Das obere Geschoß ruht auf schmalen eckigen Betonstützen, so daß nicht nur das Erdgeschoß deutlich nach innen versetzt ist, sondern schräge Beete zu den Fensterbändern eines niedrigeren Untergeschosses hinleiten.

Im hinteren Teil ist unter den Stützen ein Durchgang, in dem der Eingang des Pfarrzentrums ist, und quer durch das Gebäude schieben sich Flachbauten, in denen rechts die Bücherei und links, bei der Kirche, die Pfarrerswohnung ist.

Zwischen dem Gebäude und der Kirche ist ein Grünbereich mit hohen Nadelbäumen, Beeten, in die sich Sitzgruppen aus Beton und Holz öffnen, Bänken und Kruzifix. Es ist der einzige von den Straßen losgelöste öffentliche Bereich im Zentrum von Biblis.

Das Bürgerzentrum, wie man das Gebäude vereinfachend nennen kann, gehört in eine bescheidene, allzubescheidene westdeutsche Architektur der Siebziger, die hier sogar nach unten baut, um neben dem historistischen Kirchenklotz nicht zu sehr aufzufallen, und doch das einzige ist, was ihn erträglich macht. Stammt das Treppenhaus aus der Sakralarchitektur und sind die Aufstützungen ein dezidiert fortschrittliches Motiv, so sind die kleinen, quer zur Straße verlaufenden kupfernen Satteldächer auf dem Dach, das ebensogut flach sein könnte, Vorahnungen der postmodern-historistischen Moden der Achtziger, deren Nachwirkungen noch in einem später angebauten verglasten quadratischen Aufzug mit Zeltdach und Wetterfahne zu sehen sind.

Die überraschende Komplexität des Gebäudes mag zu seinen vielen Funktionen passen, während seine letztendliche Einheitlichkeit der Absorption alles öffentlichen Lebens in Biblis unter den Katholizismus, die es bedeutet, entspricht.

Daß der Katholizismus auch im sakralen Bereich nicht nur Fürchterliches wie die Kirche baute, deutet eine kleine, vielleicht barocke Kapelle an, doch die steht etwas weiter links an der Hauptstraße unerreichbar im Hof einer – katholischen – Schule.

Man muß suchen, um Ausstrahlungen des Bürgerzentrums im übrigen Ort zu finden. Die Bäckerei Reis leitete sich für ihr ansonsten ganz unauffälliges zweigeschossiges Haus ein vertikales Fensterband, das abstrakte Muster nicht nur im inneren Betonglas, sondern auch im noch filigraneren äußeren Beton hat, und einen Pflanzenkasten über der Einfahrt.

Die Metzgerei Kipfstuhl hat links im oberen Geschoß ein großes Fenster, unter dem sich der horizontal gemaserte Beton rechts als kleiner Pflanzenkasten mit erst schrägem, dann geradem Rand vorreckt, und rechts am schmalen Vordach eine Leuchtschrift in roten Großbuchstaben für das erste und blauen Kleinbuchstaben mit fast liegendem s für das zweite Wort.

Es ist bezeichnend für Biblis, daß sich die fortschrittlichen Strömungen der Architektur hier, abseits des Bahnhofs, mit der katholischen Kirche und dem traditionellen Handwerk verbinden mußten, um wenigstens kleine Spuren zu hinterlassen. Das ist auch nicht wenig und wäre mehr als genug, wenn Biblis nur irgendein südhessisches Dorf mit assoziationsreichem Namen wäre. Doch da Biblis nun einmal Atomkraft bedeutet, ist zwangsläufig enttäuschend, daß die Kühltürme des Kraftwerks nicht direkt hinter den Straßen aufragen. Es ist dies die Enttäuschung von Prousts Erzähler, als er feststellte, daß die Kirche von Balbec nicht direkt am Meer steht, die Enttäuschung, wenn die Realität nicht dem aus Namen und wenigen Informationen zusammengeträumten Bild entspricht.

Erkundungen auf Friedhöfen: Mehr als Gräber in Oberursel

Oberursels Friedhof ist auch für sich genommen ein schöner Ort. Hohe Bäume, große Gräber reicher Familien aus dem frühen 20. Jahrhundert und eine dezent vor dem Wildwuchs bewahrte kleinere Vegetation, inklusive Rhododendron, der Friedhöfe und alle anderen Orte aufwertet.

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Doch zudem findet sich hier eines der schönsten alten Gebäude der Stadt: die Kreuzkapelle.

Mit schwarzem Walmdach, auf dem mittig ein kleines Türmchen ruht, Mauerwerk aus grauem Stein, das um die Öffnungen und an den Ecken mit rotem Sandstein akzentuiert ist, und hohen rundbögigen Fenstern an den Seiten neben dem mehr angedeuteten trapezförmigen Chor scheint sie sich erst einmal nicht von anderen hiesigen Kirchen zu unterscheiden.

Vorne aber, wo bei diesen Kirchen der Turm wäre, wird alles anders. Sowohl an der Vorderseite als auch an den Seiten daneben sind oben runde Fenster, die jeweils von vier unregelmäßigen, aber mit einer kaum erkennbaren Bordüre versehenen roten Steinen gerahmt sind, und unten breite Rundbögen, deren vertikalen Teile andeutungsweise als Säulen gestaltet sind.

Heute ist nur noch vorne tatsächlich ein Tor, doch auch die zugemauerten Bögen genügen, um erahnen zu lassen, was für einen spektakulären offenen und transparenten Eingangsbereich diese kleine und ansonsten so unauffällige Kapelle einst gehabt haben könnte.

Als sei das der architektonischen Großartigkeit noch nicht genug, ragt an der rechten Seite aus der schmalen Fläche zwischen Ecke und Bogen in geringer Höhe eine Kanzel.

Die schmale zu ihr führende Tür hat einen spitzen Vorhangbogen und ihren Boden bildet ein großer achteckiger Stein mit neuem Metallgeländer, der nach unten abgeschrägt ist. Zusätzlich ruht er auf zwei weiter und zwei kürzer aus der Wand ragenden Steinbalken mit nach oben geschwungenen Vorderseiten. Diese Steine sind nur klein, aber für die Statik der Kanzel gewiß entscheidend, während ihre nur scheinbar einfachen kassettenartigen Muster, die tiefe Reliefs bilden, sie zu abstrakten Kunstwerken eigenen Rangs machen.

Gleich der Tür und dem Boden aus rotem Sandstein gefertigt, wirken sie wie das Kleinod, für das die gesamte Kapelle errichtet wurde. Daß ihr Schöpfer um ihre Bedeutung wußte, zeigen prominent vorne plazierte Steinmetzzeichen.

Fast selbstverständlich, daß ein Bauwerk wie die Kreuzkapelle ihre Entstehung dem glücklichen Zusammenspiel zweiter Epochen, der spätesten Renaissance des Jahres 1618 und des reifen Barock genau hundert Jahre später, verdankt.

Und als sei auch die Verbindung von großartiger Architektur und einem großartigen architektonischen Detail noch nicht genug, gesellt sich zur Kapelle ein Kunstwerk. Es steht quer zu ihr und etwas abseits ihrer rechten Seite, so daß man es fast für ein besonders großes der Gräber halten könnte.

Auf einem langen knapp zwei Meter hohen Sockel aus grauem Stein stehen drei Kreuze aus rotem Stein, an denen drei Figuren hängen. Es handelt sich um eine der recht seltenen vollständigen Darstellungen der Kreuzigung von Jesus und der mit ihm hingerichteten Dismas und Kosmas, die sogenannte Schächer, gewöhnliche Kriminelle also, waren.

Anders als bei einzelnen Kruzifixen, wo eine irgendwie geartete Figur an einem irgendwie gearteten Kreuz immer als Jesus verstanden werden wird, stand der Bildhauer hier vor der Aufgabe, die Unterschiede zwischen den drei Gekreuzigten deutlich herauszuarbeiten. Das geschieht dadurch, daß das mittlere Kreuz mit Jesus deutlich größer ist als die beiden seitlichen, nur Jesus mit Nägeln am Kreuz befestigt ist, die anderen aber mit Seilen, und Jesus insgesamt ruhiger und würdevoller hängt. Konventionelle Attribute wie die Dornenkrone aus Jesus‘ nach links geneigtem Kopf oder die ausgestreckten Mittel- und Zeigefinger seiner Hände, wären da kaum mehr nötig.

Unweigerlich sind es die seltener gesehen Kreuze der Schächer, die man eher betrachtet, wie auch ihre Schaffung für den Bildhauer gewiß die interessantere Herausforderung war. Da sind dann die geballten Fäuste und das lange Haar des Dismas links

und die schlaff hängenden Hände, der vorgesackte Oberkörper und die schief gekreuzten Füße des Kosmas rechts.

Dismas scheint noch zu kämpfen, Kosmas schon aufgegeben zu haben, was der biblischen Darstellung, daß der eine Jesus um Verzeihung bittet und der andere ihn verspottet, in etwa entspricht. Beide aber wirken lebendiger als der allzu serene Jesus.

Während die Jahreszahl 1802 unten am mittleren Kreuz noch ganz in barocker Manier geschrieben ist, weist sie in eine Zeit nach dem allgemein akzeptierten Ende dieses Stils. Tatsächlich sind die Skulpturen frei von unnatürlich exaltierten Verrenkungen und stattdessen von den ausgemergelten Körpern über die Lendenschürze bis zu den Seilen realistisch. Die Bewegung und Lebendigkeit, die bei aller Übertreibung auch zum Barock gehörte, scheint jedoch in den Schächern weiterzubestehen, während sie dem Jesus völlig fehlt. Wie die Kapelle über die typischen katholischen wie protestantischen Dorfkirchen hinausgeht, geht auch die dreifache Kreuzigung von Oberursel über die typischen Kruzifixe, die in katholischen Orten an Straßen und Feldwegen stehen, hinaus, aber ganz ohne die Hilfe von Jesus.

Nach dem frühen 17., 18. und 19. Jahrhundert wollte auch das 20. einen Beitrag zum Ensemble des Oberurseler Friedhofs leisten und erreichtet also im Jahre 1906 ein Tor am stadtseitigen Eingang. Mit irgendwie schweren, biederen Jugendstilformen, die nur in den Schmiedearbeiten zu südlich-österreichischer Eleganz finden, und grauem Mauerwerk mit rotsandsteinernen Details, die die Formen der Kapelle bloß beleidigen, reicht es aber leider nicht an die Größe der vergangenen Zeiten heran.

Anderswo auf dem Friedhof wurde im Jahre 1939 eine große Trauerhalle errichtet, zu deren skandinavischtümelnden Formen mit schwarzen Holzmustern, falschem Fachwerk und schrägen steinernen Strebepfeilern lobend bloß gesagt werden könnte, daß sie dank der Bäume in keiner Sichtbeziehung zur Kapelle stehen.

Ein schöner Ort bleibt Oberursels Friedhof dennoch.

Bahnhof Alkmaar

Der Bahnhof von Alkmaar bestand bis vor wenigen Jahren aus einem kleinen historistischen Gebäude mit einigen Um- und Anbauten aus späteren Zeiten und einem Tunnel, der zu den beiden Bahnsteigen führte – ein typischer Provinzbahnhof eben. Heute ist bis auf den Tunnel noch alles vorhanden, aber der wichtigste Teil des Bahnhofs ist seit Ende 2015 eine umbaute Brücke, die deutlich links des alten Gebäudes über die Gleise führt.

BahnhofAlkmaarAufheben

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Sie ruht auf scheinbar wenigen und dünnen runden Stützen aus hellem Beton und hat eine Verkleidung aus rechteckigen grauweißen Metallplatten mit unregelmäßigem Muster aus kleinen Löchern oder schmalen vertikalen und horizontalen Schlitzen, zwischen der an den Seiten Fensterbänder und in der Mitte verglaste Flächen verlaufen. Zu den Bahnsteigen führen zu beiden Seiten breite Treppen und Rolltreppen, über denen sich das Dach der Brücke fortsetzt, während die Seiten vollständig verglast sind.

BahnhofAlkmaarBahnsteige

Ebenso ist das bei den Treppen und Rolltreppen, die auf der Stadtseite aus Richtung der alten Bahnhofs quer auf das Ende der Brücke führen, und denen, die auf der anderen Seite nach dem Ende der Brücke gerade hinabführen, doch hier sind die Seiten nicht verglast und die Dächer enden freischwebend auf hohen Stützen, um die Eingangssituation zu betonen.

BahnhofAlkmaarTreppeAndereSeite

Im Inneren der Brücke ist ein breiter und heller Gang mit schwarzem Stein auf dem Boden, weißen Kacheln unter den Fensterbändern und hellbrauner Holverkleidung über ihnen sowie an der Decke. Der Gang ist ganz als Durchgangsbereich gestaltet und hat keine Bänke, aber auf den gekachelten Fensterbänken kann man sich niederlassen, wenn man es nicht eiliger hat, zu den Treppen, Rolltreppen oder mittigen verglasten Aufzügen zu kommen und die großen Anzeigetafeln zu lesen.

BahnhofAlkmaarGang

Was durch den Bau dieser Brücke geschah, war nicht weniger als eine völlige Verwandlung des Bahnhofs und seines Bezugs zur Umgebung. Das alte Bahnhofsgebäude trat in den Hintergrund und beherbergt nun neben einigen Läden und Restaurants nur noch bahninterne Räumlichkeiten, während ein neuer Schalterraum in einem Verbindungsbau am Fuße der stadtseitigen Treppe eingerichtet wurde, der aber nur noch eine Ergänzung zu den vielen Fahrkartenautomaten ist.

BahnhofAlkmaarStadtseite

Der Bahnhof verlor durch die Veränderungen etwas, vor allem die Bahnhofshalle als Aufenthaltsort, aber er gewann viel mehr, da er nun von beiden Seiten gleich gut erreichbar ist. Schon lange hatte sich Alkmaar auch auf die andere Seite der Gleise ausgebreitet und die Ausrichtung des Bahnhofs auf die alten Teile der Stadt war obsolet geworden. Mit der Brücke wurden auf der anderen Seite ein Park&Ride-Parkplatz, Fahrradstellplätze und eine Parkbucht zum Bringen und Abholen von Fahrgästen eingerichtet, die nicht weniger integral zum Bahnhof gehören als Schalter, Läden, Restaurants und ein ganzes offenes Parkhaus für Fahrräder auf der anderen Seite.

BahnhofAlkmaarHalenEnBrengen

Wie ein kleiner, einfacher Eingriff – ein funktionales Brückengebäude in zurückhaltenden Formen – etwas gänzlich Neues entstehen lassen kann, ohne daß dafür das Alte auch nur angetastet werden müßte, kann als vorbildlich gelten und zeigt, daß fortschrittliche Architektur auch heutzutage möglich ist. Daran ist insbesondere in Deutschland, wo alte Bahnhofsgebäude typischerweise dem Verfall überlassen und durch zwei Fahrkartenautomaten in einem kahlen Tunnel ersetzt werden, immer wieder zu erinnern.

Schließlich gibt es im neuen Bahnhof von Alkmaar noch einen kleinen Ort, der über die engste Funktionalität hinausgeht, ohne nutzlos oder dekorativ zu sein. Am stadtseitigen Ende der Brücke laden einige breite Stufen mit hölzernen Sitzflächen vor der hier völlig gläsernen Wand zum Verweilen und zum Ausblick die Silhouette der Stadt über den nahen roten Reihenhäuschen an.

BahnhofAlkmaarSitzbereich

Hier hängt rechts an der Wand ein kupferglänzendes Schild, das an drei im zweiten Weltkrieg umgekommene Alkmaarer Eisenbahner erinnert, und steht auf einem Brett ein Blumenkasten aus demselben Material.

BahnhofAlkmaarGedenktafel

„Zur Erinnerung an die, die fielen. 1940-1945“

Beides stammt von 1947, fand hier aber einen angemessenen neuen Platz. Dieser kleine Aufenthaltsbereich, der die Stadt durch den Ausblick vorstellt und mit dem Gedenkschild an die Vergangenheit erinnert, vervollständigt den neuen Bahnhof. Die gesamte Funktion und Geschichte des Bahnhofs sind durch seine Brücke aufs Schönste aufgehoben.

„HafenCity“

Die Bauten der Hamburger Speicherstadt sind lächerlich historistisch verziert, aber wie sie am Wasser stehen, entspricht eben ihrer Funktion, und die backsteinernen Schluchten, die sie bilden, müssen sie eben bilden.

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In der angrenzenden sogenannten „HafenCity“, die seit 2001 auf stadtnahen Teilen des Hamburger Hafens errichtet wird, wäre alles möglich gewesen und alle stadtplanerischen und architektonischen Lehren der letzten hundert Jahre seit der Speicherstadt hätten dort angewandt werden können. Stattdessen Blockrand, Bürgersteig und Straße.

Viel Backstein, wenn auch alles nicht so schlimm wie in Berlin, da ein Fünfziger-, statt ein Dreißiger-Jahre-Retrostil überwiegt. An einem alten Hafenbecken freistehende Gebäude.

Eines darf mit weißen abgerundeten Betonbalkonen und Dachterrasse sogar an die Siebziger anknüpfen, ist aber genauso Teil der architektonischen Beliebigkeit wie des durch die backsteinerne Blockrandbebauung dahinter wieder geschlossenen städtebaulichen Konservatismus.

Am Ende die Elbphilharmonie, die von Weitem wohl noch irgendwie ikonisch wie ein Backsteinschiff unter silbernen Segeln wirken mag,

aber von Nahem nur ein Klotz ist, dessen oberer Teil an die Oberfläche einer verschmierten CD erinnert, während die Wellen des Dachs die Klotzhaftigkeit nicht im geringsten mindern.

Im Inneren ist eine lange Rolltreppe, die zu einem erhöhten Platz und umlaufenden Wegen auf dem backsteinernen Teil führt. Diese Bereiche sind zwar entschieden nicht öffentlich, aber sie bieten immerhin eine halbwegs interessante Aussicht über Stadt und Hafen. Symbolisch, daß auf der in den Fluß ragenden Spitze vor oder hinter der Elbphilharmonie ein Parkplatz ist, denn über Auto, Straße und Parkplatz vermag diese Stadtplanung nicht hinauszudenken.

Wenn nicht die Touristen durchgeschleust würden, wäre das auch alles, was man in der „HafenCity“ sähe. Anders als am im Schlechten verwandten Potsdamer Platz in Berlin sind in dieser Simulation von Urbanität nicht einmal viele Läden oder Restaurants.

Das Beste an der „HafenCity“ sind die vor einigen der Gebäude auf der Höhe des zweiten Geschosses verlaufenden Fußgängerbrücken, die sogar teilweise über Straßen führen und durch die Speicherstadt Verbindungen zur Innenstadt schaffen.

Hier ist man der schlechten Stadtplanung im gewissen Maße enthoben, allerdings auch allein, da dieses Brückensystem wenig frequentiert ist. Die Bohlen verrotten dennoch bereits. Und selbstverständlich gilt: „PRIVATWEG/Betreten auf eigene Gefahr !“

Das könnte auch der Wahlspruch der gesamten „HafenCity“ sein. Aber wieso sollte man die schon betreten wollen?

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Lužná u Vsetína

Vom Ort her sieht man den Bahnhof von Lužná u Vsetína (Lužná bei Vsetín) gar nicht. Er ist von dort nur ein Haus zwischen Häusern. Links ein bis zum Boden geführtes unregelmäßiges Satteldach mit holzverkleideter Giebelfläche, in dem oben eine Fenstergaube vorgesetzt ist, rechts quer dazu auf dem Erdgeschoß ein nach dort zeigendes niedriges Satteldach, beide mit roter Blechverkleidung, ansonsten weißgrauer Putz, Fenster, Türen und ein üppiger Vorgarten.

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Von den Gleisen her sieht der Bahnhof gar nicht grundsätzlich anders aus, ist aber unverkennbar ein Bahnhof.

Links das Erdgeschoß mit nach dort zeigendem niedrigem Satteldach, unter dem ein geschützter Wartebereich mit zwei dünnen eckigen Stützen ist. In der roten Backsteinwand sind links die Toilettentüren, zwischen denen die Wand vertikal geriffelte silberne Metallverkleidung und Schautafeln hat, und rechts die Tür des Dienstraums.

Noch bevor dieser Bereich endet, steigt ein quergesetztes Satteldach nach rechts an und fällt als unregelmäßige Form bis zum Boden ab. Über dem Wartebereich hat es eine holzverkleidete Fläche, während der übrige Teil vollständig verglast ist. Das ist die Bahnhofshalle, in die am Ende des Wartebereichs Türen führen.

In ihr ist links der Schalter und an den fensterlosen Seiten stehen Bänke.

Der Boden und die Innenseiten der Schalternische bestehen aus glattem weißen Stein, die Wände sind im unteren Teil, wo weitere Schaukästen eingebaut sind und eine Karte hängt, auch innen aus Backstein

und im oberen, wo eine Uhr ist, weiß verputzt,

während die schrägen Decken mit hellem Holz, das nur an den kurzen außen überstehenden Rändern vom Wetter geschwärzt ist, verkleidet sind. Weit oben sind die Dachteile mit hellen Holzbalken verbunden.

Dieser kleine Bahnhof steht deutlich oberhalb der Gleise, die bereits am Hang über dem Tal verlaufen, so daß vor ihm eine Art Terrasse mit Geländern aus Stahl und Holzplanken ist und zum Bahnsteig an der Betonwand von links und rechts Treppen hinabführen.

Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig, der leider nur auf Umwegen zu erreichen ist, steht ein offenes Wartehäuschen mit weißgetünchten Backsteinwänden in Stahlrahmen und einem holzverkleideten Flachdach, man im Vorüberfahren leicht für den ganzen Bahnhof halten könnte, da das andernorts vorkommt und ja auch nicht wenig ist.

Lužná u Vsetína, das ist der Bahnhof als Einfamilienhaus. Die Architektur, vom hohen Wohnzimmer mit Backstein und Holz bis zur Terrasse mit großartigen Blicken über das Tal der Senice, könnte die eines luxuriösen Einfamilienhauses der späten Sechziger oder frühen Siebziger sein, als es nach der Strenge des Modernismus wieder rustikaler und gemütlicher wurde und die Dächer spitzer, ohne daß allerdings schon Historistisches darin wäre.

Solche Einfamilienhäuser allerdings gab es in der sozialistischen Tschechoslowakei nicht; also bauten die Architekten Bahnhöfe. Ihnen war das individuell vielleicht nur eine Befriedigung des Bedürfnisses, kreativ zu sein, das heißt, westliche Trends nachzuahmen, doch was dadurch geschah, war eine Expropriation elitärer Gebäudetypen zum Nutzen der bahnfahrenden Massen. Dergleichen war in Dlouhá  Třebová mit den Case Study Houses geschehen, hier in Mähren traf es eine spätere Einfamilienhausmode. So sind diese Gebäude auch nicht Werke einzelner Architekten, sondern eines Systems, des Sozialismus, das den Rahmen vorgab.

Das Besondere in Lužná u Vsetína ist, daß der Bahnhof als Einfamilienhaus tatsächlich auch ein Einfamilienhaus ist.

Viele tschechoslowakische Bahnhöfe sind auch als Wohnort mindestens für die Stationsvorstehersfamilie konzipiert und was sonst durch Obergeschosse oder abgesetzte oder freistehende Bausteile gelöst wurde, wurde es hier durch eine Trennung der Länge nach in einen gleisseitigen öffentlichen und einen ortsseitigen privaten Teil erreicht. Daß der Bahnhof somit vom Ort nicht einmal als Bahnhof zu erkennen ist, so sehr ist er Einfamilienhaus geworden, wird ihn noch eine Weile vor dem Verfall retten, doch das ist nur ein kleiner Trost dafür, daß die Halle und alles andere zum Gleis Zeigende geschlossen und die expropriierte Architektur statt allen niemandem mehr zugänglich ist.

Nepomuk in Nepomuk?

Nepomuk ist eine Stadt mit zu vielen Skulpturen. Überall stehen sie, gerade so, als sollten sie daran erinnern, daß im ganzen Land und weit darüber hinaus überall Skulpturen von Johannes von Nepomuk stehen. Sie sind allesamt nicht besonders alt, allesamt aus Sandstein und allesamt leider nicht besonders gut, sondern bloß kitschig. Besonders viele sind in den neuen Terrassenbeeten im links eines k.k. Verwaltungsgebäudes noch weiter ansteigenden Teil des Platzes abgestellt, Ergebnis eines Symposiums, doch auch überall sonst, ob nun beim Bahnhof oder beim Penny-Supermarkt, findet man sie.

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Auch Stauen des heiligen Johannes von Nepomuk gibt es, obwohl das in seinem Geburtsort recht tautologisch und unnötig ist. Eine barocke steht weit außerhalb der Stadt am Weg nach Zelená Hora und markiert ungewöhnlicherweise eine kleine Quelle. Sie zeigt den Heiligen halb kniend und mit dem Birett in der Hand statt auf dem Kopf, eine kleine Variation, die einen selbstbewußten Künstler verrät.

Eine zweite steht bei einer Brücke am Weiher unterhalb der älteren Kirche und zeigt, wie einem exaltierten Nepomuk von Engeln das Kruzifix angetragen kriegt.

Die Skulptur ist barock, doch die um sie errichtete Kapelle von 1879, die 1949 erneuert wurde, wie in ihrem Fries steht, zeugt statt von volkstümlichem Glauben schon eher vom kalkulierten Versuch, die Bekanntheit des Heiligen touristisch zu nutzen, während ringsum eine neue Welt entstand und die Bauern ins nahe Plzeň gingen, um Arbeiter bei Škoda zu werden.

Der Versuch dauert bis heute an, weshalb 1993 auch auf dem Platz eine Nepomukstatue errichtet wurde. Wie sie einen älter und ernster wirkenden Heiligen beim Blick auf das erhobene Kruxifix zeigt, ist zwar nicht ganz schlecht, aber das Bedürfnis nach Tautologie wirkt doch eher stillos.

Anrührender ist da sogar noch der winzige massengefertige Johannes von Nepomuk in der Nische eines Hausgiebels.

Um die Hauptkirche, die erst nachträglich nach Nepomuk benannt wurde, sind eine lobenswerte Ausstellung und selbstverständlich allerlei entbehrliche neue Skulpturen, doch zum interessantesten Werk, das in ihrer Nähe steht, findet sich wie so oft kein Wort. Es zeigt auf einem Sockel eine sitzende Figur, den rechten Arm aufs Bein gestützt und in dessen Hand den nach rechts geneigten Kopf, bekleidet nur mit einer Art Lendenschurz und einem langen Mantel. Bloß an einer vage zu erahnenden Dornenkrone erkennt man, daß das also Jesus sein muß.

Doch es ist keines der typischen Motive. Alle Zeichen der Göttlichkeit – Kreuz und Heiligenschein vor allem – fehlen ihm. Er sitzt eher zusammengesunken da, sein Bauch in Falten über dem Lendenschurz, die Haltung wie der Gesichtsausdruck nachdenklich.

Zugleich ist die künstlerische Qualität der Skulptur beachtlich, wie insbesondere die Lücke zwischen den dünnen Beinen und dem übrigen Körper zeigt. Zu den Füßen der Skulptur ist auf dem Sockel ein flacher, leicht schräger Stein mit einer einzigen Blume angedeutet.

Als einzige weitere Information steht rechts am Sockel: „W.P. 1767“. Ein spätbarockes Werk also und Beispiel eines, gerade im Vergleich zu Johannes von Nepomuk, recht seltenen sogenannten Christus in der Rast, das heißt auf die Kreuzigung wartend.

Die besten neueren Skulpturen in Nepomuk sind dem Sozialismus zu verdanken. Sie befinden sich im Wohngebiet Na Vinici, das etwa auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Altstadt liegt, so daß sie sogar fast die ersten sein können, die man sieht. Auf einer leicht ansteigenden Wiese vor den Schmalseiten der viergeschossigen Gebäude stehen zwei spielende Bären, ein Pfau und ein Hahn.

Statt aus Sandstein sind sie aus glattem hellem Beton.

Während die Bären noch abgerundet-realistisch gestaltet sind, haben die beiden Vögel stilisierte Formen und in den Beton sind kleine Muster aus bunten quadratischen Kacheln eingelassen.

Wäre ganz Nepomuk voller solcher Skulpturen, so gereichte ihm das zur Zierde und wäre auch der Allgegenwärtigkeit seines Heiligen im ganzen Land und weit darüber hinaus angemessen, doch leider endete diese tschechoslowakische Tradition.

Die wichtigste Skulptur von Nepomuk schließlich steht gar nicht wirklich in Nepomuk.

 

Fremdes Fachwerk in Mittelbuchen

In Polen heißt Fachwerk „mur pruski“ (preußische Mauer), aber damit ist immer mit rotem Backstein gefülltes Fachwerk gemeint.

Evangelische Kirche in Malbork (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Wird schon diese Konstruktion also als fremd empfunden, so gibt es für klassischeres, mit Lehm und kleinen Stöcken gefülltes Fachwerk bloß Fachworte (hah!), die im allgemeinen Sprachgebrauch nicht vorkommen. Umgekehrt gibt es auch in typischen mittelhessischen Dörfern durchaus Backsteinfachwerk, das zumeist in Ausbesserung älterer Gebäude entstand und oft unter weißem Putz unsichtbar ist, aber sprachlich wird es von anderem nicht unterschieden.

In Nieder-Wöllstadt

Das Besondere in Mittelbuchen, das durch die Wirren der hessischen Gebietsreform der Siebziger zu Hanau gehört, ist, daß eines seiner markantesten Gebäude eine Backsteinfachwerkkonstruktion ist.

Es handelt sich um den Aufbau des Oberen Tors, das mit seinem steinernen Spitzbogen und einem schmalen runden Steinturm etwas weiter rechts oben am Hang ein Überbleibsel der mittelalterlichen Dorfbefestigung ist.

Der Aufbau hat nur ein Geschoß, ein sehr leicht gewalmtes Satteldach mit zu den Seiten zeigenden Giebeln und eine sehr einfache und regelmäßige Holzkonstruktion mit bis auf einige Schrägen an den Rändern rechteckigen Zwischenräumen. Wie als Ausgleich bilden die eher schmalen und länglichen Backsteine zwischen dem schwarzen Holz jeweils unterschiedliche Muster. Mal sind es verschiedene Stufen- und Pfeilmuster aus horizontal und vertikal gesetzten Steinen, mal Zickzackmuster aus schräg gesetzten Steinen, mal X-Muster aus schrägen Steinen zwischen geraden.

Die Muster sind völlig unregelmäßig, kein Feld gleicht ganz dem anderen, die Anordnung ist nicht symmetrisch und an den über dem Tor gelegenen Seiten sind sie nur unwesentlich aufwendiger als an den anderen.

Der Aufbau des Oberen Tors ist so ungewöhnlich, weil er eine traditionelle und lokale Bauweise, das Fachwerk, mit etwas Neuem und Fremdem, dem Backstein, verbindet. 1814 steht im unteren Balken auf der Stadtseite und das erklärt bereits viel: der Toraufbau stammt aus einer Zwischenzeit, als die Gegend französisch beherrscht war. Ursprünglich sollte er als Gefängnis dienen, doch 1814 war die französische Zeit bereits fast vorbei und er blieb als Ahnung von einer möglichen anderen Geschichte zurück. Er ist fremd in Mittelbuchen, aber seine geometrischen Muster wirken weniger französisch als vage aztekisch und sonstwie lateinamerikanisch und seine tatsächlichen Vorbilder stammen aus nördlicheren Gegenden, wo Backstein in Ermangelung von natürlichem Stein schon seit dem Mittelalter verwendet wurde.

Wenn diese Konstruktionsweise sich durchgesetzt und den Namen „französische Mauer“ bekommen hätte, wäre das so unpräzise wie das polnische „preußische Mauer“, aber so sind Sprachen. Ironischerweise war es vielleicht gerade dieser fremdartige Neubau, der es dem Oberen Tor ersparte, gleich dem Unteren Tor und der schon lange nutzlosen Befestigung vieler Dörfer wenige Jahrzehnte später abgerissen zu werden, denn er ließ sich noch gut nutzen. Mittelbuchen verdankte dieses Zeugnis seiner Geschichte dann Frankreich.