Das neualte Hradec Králové

Die eigentümlichsten Gebäude in Hradec Králové stammen aus einer Zwischenzeit: den frühen zwanziger Jahren. Sie füllen einige Straßenzüge jenseits der Elbe gegenüber der Altstadt. Was genau an ihnen so eigentümlich ist, läßt sich zuerst kaum sagen. Es ist Blockrandbebauung, die Formen sind mit allerlei reduzierten Streben und Pilastern an historischen Mustern orientiert, ohne direkt historistisch zu sein – das sieht man häufig.

Plötzlich aber merkt man, was nicht stimmt: die Bebauung ist zu einheitlich, zu gleichmäßig. Eine ganze Straßenseite, noch eine Querstraße, vielleicht sogar die gegenüberliegende Seite können von Gebäuden mit den gleichen Schmuckformen eingenommen werden. Vielleicht gibt es Variationen, doch die bemerkt man kaum. Diese Einheitlichkeit paßt nicht in die kapitalistische Stadt, wo üblicherweise kein Gebäudes dem daneben gleicht, da jedes entsprechend den Wünschen eines privaten Eigentümers gestaltet wurde.

Die Erklärung dafür, daß es in diesem Teil von Hradec Králové anders ist, liegt eben in der Zwischenzeit, in der er entstand. Die Stadterweiterung von der Altstadt in Richtung der Arbeitervorstadt beim Bahnhof hatte in der österreichischen Zeit nur zaghaft begonnen, wie etwa die Jugendstilbauten in der Straße Havlíčková zeigen. Die sehr junge Tschechoslowakei forcierte sie dann. Die Entstehung dieses neues bürgerlich-demokratischen Staates aus den Resten der alten Monarchie erweckte Hradec Králové, sie war sogar wichtiger als es die nicht lange zurückliegende Schleifung der Festungsmauern. Vielleicht wegen Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen, sicher aber auch durch massive Förderung durch Stadt und Staat, galten dabei für eine Weile die üblichen kapitalistischen Gesetze nicht mehr und es entstanden diese großen einheitlichen Straßenzüge.

Was so in sehr kurzer Zeit entstand, war jedoch keineswegs eine neue Architektur oder Stadtplanung. Die Blockrandbebauung, die Straßenstruktur und der Masarykovo náměstí (Masaryk-Platz) in der Mitte wären auch zehn Jahr zuvor unter österreichischen Bedingungen nicht anders geworden. Bloß hätte der Platz schon zu dessen Lebzeiten nach dem Kaiser gehießen statt nach dem ersten tschechoslowakischen Präsidenten Masaryk – ebenfalls zu dessen Lebzeiten.

Auch die Formen der Gebäude sind nicht eigentlich neu. Die einzige Sorge der Architekten scheint die Anordnung der Ornamente und Skulpturen zu sein. Sie finden dabei auch interessante Lösungen, wie etwa bei dem genannten großen Gebäude an den Straßen Klumparová und Střelecká. Seine Fassade ist von horizontalen und vertikalen dreieckig vorragenden Streben strukturiert und in einigen der dazwischen entstehenden Flächen sind Skulpturen, durchaus aber nicht in allen.

So haben die Skulpturen hier keine herausgehobenen Plätze, sondern müssen sie sich in der Fassadenstruktur gleichsam erst suchen. Ähnlich ist es bei einem anderen Gebäude, wo die angedeuteten Pilaster Vertiefungen sind, in denen Fruchtkörbe und nackte Frauen aus Stein stehen wie auch wirkliche Frauen oder Körbe stehen könnten.

Es ist, als würde hier ein Realismus in der Fassadengestaltung gesucht, den nie jemand vermißt hatte.

Letztlich ist dieser Teil damit eine bruchlose Fortführung des in den österreichischen Ländern so starken Postjugendstils der Vorkriegsjahre. Aber eben nicht von dessen fortschrittlichsten Aspekten. Er ist nicht Otto Wagner oder jedenfalls nicht Otto Wagner von 1910, sondern bestenfalls einer seiner mediokreren Schüler von 1890. Er ist eine verpaßte Gelegenheit, eine verspätete Fortführung des 19. Jahrhunderts in Städtebau wie Gebäudeformen. Doch die Zwischenzeit, in der er entstand, dauerte auch in Hradec Králové nicht lange, es wurde in ihr bloß ungewöhnlich viel gebaut.

Direkt an diese Bebauungt angrenzend, gar nicht weit vom Masarykovo náměstí, entstand ein weiterer Platz. Er bildet ein langgestrecktes Rechteck entlang einer großen Straße, die auf die Altstadt zuführt.

Die Eckbauten beidseits der Straße sind jeweils besonders hervorgehoben. An der näher bei der Altstadt liegenden Seite sind es mächtige sechsgeschossige Gebäude, die mit ihrer schnörkellosen kubischen Form, ihrem weißen Putz und ihren großen quadratischen Fenstern schon ein enormer Kontrast zur vorigen Bebauung sind.

An der anderen Seite sind es Hochhäuser oder wären das gerne.

Nach einem zweigeschossigen Sockel mit heller Steinverkleidung und großen Glasflächen markiert ein umlaufendes Vordach den Übergang zu fünf weißgetünchten Geschossen. Die Ecken des ansonsten kubischen Baukörpers sind dadurch betont, daß im dritten bis fünften Geschoß zur Straße hin ein abgerundeter Erker vorgesetzt ist, auf dem oben eine kleine Terrasse ist.

Diese Eckbauten sind Tore, durch die man die Vergangenheit verlässt und in die kapitalistische tschechoslowakische Gegenwart tritt.

Der Platz ist dann geprägt von nur zwei weiteren Gebäuden. Das erste steht in der Mitte der Seite, wo die Straße verläuft. Eine Verkleidung aus Sandsteinplatten, die Seiten satteldächig an die unscheinbaren Nachbarbauten anschließend, in der breiten Mitte ein vorgesetzter Erdgeschoßteil mit Balkon, der zwar stark verglast ist, aber eher durch den ihn rahmenden glatten Sandstein wirkt, darüber hohe vertikale und ebenfalls von glattem Sandstein gerahmte Fenster, zwei weitere Geschosse, die schon über den Beginn der Satteldächer hinausragen, und eine große horizontale Giebelfläche, in deren Mitte ein großes Sandsteinrelief hängt. Es zeigt allerlei Geschäftigkeit, die die Textilproduktion darstellen soll, unter dem Schutz von Merkur, dem Gott des Kapitalismus.

In dem Gebäude saß die Verwaltung des Textilunternehmens Steinský-Sehnoutka und es ist auch ein recht typisches tschechoslowakisches Bürogebäude seiner Zeit. Sein reduziert monumentaler Stil ist einer, mit dem sich konservative Teile des Kapitals immer gern schmücken.

Das wichtigste Gebäude des Platzes steht an seiner anderen Seite und es nimmt sie vollständig ein. Auf einem Sockel aus einem Erdgeschoß mit Geschäften, Vordächern aus Beton und Glasbausteinen und einem gänzlich verglasten zweiten Geschoß sitzen drei Geschosse mit horizontalen, fast schon als Bändern wirkenden Fenstern.

Es ist ein äußerst sachlicher und schlichter Bau, der in vielem das Gegenteil des Textilpalasts gegenüber ist. Vertikales fehlt hier völlig. Wollte man Ansätze von klassischer Monumentalität, so vielleicht darin, daß es symmetrisch aufgeteilt ist, ein weiter Teil des Obergeschosses leicht vorgesetzt ist, das Dach dort leicht übersteht und über dem in der Mitte liegenden Eingang ein großes Steinrelief ist.

Aber gerade die Eingangssituation zeigt den Kontrast zum gegenüberliegenden Bau. Glasflächen in einem mit glattem schwarzen Stein verkleideten Rahmen, darüber das Relief mit sechs allegorischen Figuren, darunter wieder Merkur, die teils Atlanten für den überstehenden Teil eher zu spielen scheinen, wie eine der beiden Frauen in der Mitte spielerisch mit einem geflügelten Rad über den halben Erdball zwischen ihnen zu fahren scheint. Während man hier noch aufblicken muß, hat man im Foyer direkt vor sich ein großes Glasbild, das in unaufdringlichem Realismus Szenen des Reisens mit der Eisenbahn, aber auch mit dem Schiff und sogar dem Flugzeug zeigt.

Monumental ist dieses Gebäude nur durch seine schlichte Länge und seine dominante Position auf dem Platz. Als eine Art horizontales Hochhaus ist es untrennbar mit der Platzfläche verbunden, beinahe ist es der Platz.

Kein Privatunternehmen, sondern die ČSD (Československé státní dráhy – Tschechoslowakischen Staatsbahnen), also der Staat selbst repräsentierten sich so. Der Platz hieß und heißt wieder Ulrichovo námestí (Ulrich-Platz) nach dem Bürgermeister František Ulrich, der über die Systeme hinweg von 1895 bis 1929 amtierte und entscheidend für die rasante Entwicklung der Stadt in der jungen Republik verantwortlich zeichnete.

Zwischen den beiden Plätzen, dem aus der Zwischenzeit und dem aus der reifen tschechoslowakischen Republik, liegen keine zehn Jahre. Von der Vergangenheit löste sich Hradec Králové was die Gebäudeformen anging also schnell. Noch immer aber blieb es der Blockrandbebauung verhaftet. Es entstand eine bemerkenswerte neualte Stadt. Und nur wenig später begann Hradec Králové gar, wahrhaft neu zu werden.

Wrocławs Kampf gegen die Mietskaserne

Breslau war eine der schlimmsten preußischen Mietskasernenstädte, manchmal heißt es, schlimmer als Berlin selbst. Trotz den enormen Kriegszerstörungen blieben auch Wrocław nach 1945 viele dieser Mietskasernen. Wie die Stadt mit diesem schweren Erbe umging, zeigt beispielhaft der Block zwischen den Straßen Tomaszweska, Przestrenna, Kamienna und Łódzka.

An der Ecke Tomaszewska/Przestrenna scheint die Mietskasernenstadt noch heil. Fünfgeschossige Mietskasernen in irgendwelchen historistischen Formen, irgendwelche Balkone, irgendwelche Giebel, an der Ecke ein Türmchen. Hier noch das preußische 19. Jahrhundert.

An der Ecke Przestrenna/Łódzka treffen Alt und Neu aufeinander, ohne sich zu berühren. Mietskasernen entlang ersterer, ein fortschrittliches Wohngebäude entlang zweiterer Straße. Es ist schmucklos eckig und, obwohl es ebenfalls fünf Geschosse hat, niedriger. Dazwischen ist ein Durchgang.

An der Ecke Łódzka/Kamienna ist die fortschrittliche Bebauung dann geschlossen. Zwei fünfgeschossige Gebäude, das eine höher als das andere, schließen ohne besondere Betonung die Ecke und es gibt einen aufgestützten Durchgang.

An der Ecke Kamienna/Tomaszewska ist es fast genauso wie an der vorigen, doch hier steht eine einzelne Mietskaserne mit etwas Abstand zwischen den fortschrittlichen Gebäuden.

Vier deutlich unterschiedliche Ecken also, von denen man nicht unbedingt denken würde, daß sie zu ein und demselben Straßenblock gehören. Doch sobald man das Blockinnere betritt, sind alle Unterschiede verschwunden.

Es ist unabhängig von der umgrenzenden Bebauung ein einziger zusammenhängender Raum mit Bäumen, Wiesen, Bänken, Spielgeräten, auch Parkplätzen. Und obwohl in letzter Zeit die Parkplätze auf die Wiese ausgegriffen haben, ist es ein angenehmer und wohlgestalteter, ein schöner Raum. Es ist ein Raum, der zu der fortschrittlichen Bebauung gehört: öffentlich zugänglich, als differenzierte Einheit geplant, großzügig.

Was völlig fehlt ist der Raum, der zu den Mietskasernen gehörte: die Hinterhoflandschaft. Egal, ob diese aus Hinterhäusern oder Schuppen bestände, sie zeichnete sich aus durch die Zersplitterung des Raums in private voneinander abgeschottete Parzellen. Dieser Raum des 19. Jahrhunderts ist hier restlos zerstört. Die Mietskasernen sind verwandelt durch den fortschrittlichen Raum, sie sind aufgehoben. Statt auf Hinterhöfe blickt man von ihren Wohnungen in einen Park.

Besonders gut läßt sich die Verwandlung an der einzelnen Mietskaserne an der Ecke Kamienna/Tomaszewska aufzeigen. Sie steht frei, wie sie nie gedacht war. Fenster, die auf dunkle Lichtschächte hätten gehen sollen, öffnen sich zum Grün. Und da die Mietskaserne höher ist als die fortschrittlichen Gebäude daneben, wirkt sie wie ein absichtlich hervorgehobenes Punkthaus.

Der Kampf gegen die Mietskaserne ist in diesem Block gewonnen, ohne daß es nötig gewesen wäre, alle Mietskasernen abzureißen. Diese Art des Umgangs mit dem Mietskasernenerbe ist typisch für Wrocław. Nicht immer ist das Ergebnis so lehrbuchhaft klar wie in diesem Block, aber das Grundprinzip, die alten Gebäude durch neue zu ergänzen und insbesondere einen neuen Raum zu schaffen, ist dasselbe. Es ist wohlgemerkt kein radikales Vorgehen, da die überkommene Straßenstruktur erhalten bleibt. Aber die starre Monotonie der Mietskasernen wird aufgebrochen. Grün mischt sich ins Grau.

Interessant ist, daß es Vergleichbares in Berlin, Hauptstadt der DDR, weit seltener und erst spät gab. Jede Stadt hatte ihre eigenen Taktiken im Kampf gegen die Mietskaserne. Daß der Kampf weiterzuführen sein wird, zeigen Neomietskasernen aus jüngerer Zeit, die einst freie Ecken zubauen und dort Neohinterhöfe entstehen lassen, oder Abzäunungen, die einst zusammenhängenden öffentlichen Raum privatisieren.

Nieuwe Kerk Groningen

Neu ist die 1665 erbaute Nieuwe Kerk (Neue Kirche) im nordwestniederländischen Groningen unzweifelhaft in städtebaulicher Hinsicht.

Stehen die beiden älteren großen Kirchen der Stadt irgendwie seitlich am etwa rechteckigen Grote Markt (Großen Markt) oder am Ende des langgezogenen Vismarkt (Fischmarkts), mehr oder weniger also dort, wo sie die Zufälligkeiten der Stadtentwicklung hinsetzten, so steht die Nieuwe Kerk in der Mitte eines großen quadratischen Platzes. Er und damit sie bilden den Mittelpunkt einer geplanten Stadterweiterung des 17. Jahrhunderts, die sich durch ein regelmäßiges rechtwinkliges Straßenraster auszeichnet.

Aber die Nieuwe Kerk steht nicht nur in der Mitte des Platzes, sie paßt auch dorthin. Der Grundriß des Backsteinbaus ist ein griechisches Kreuz, also ein Plus, dessen Enden zu den Platzseiten zeigen.

Genau in der Mitte, im Kreuzungspunkt der Dächer, sitzt ein kleiner offener Turm aus Holz. In die Zwischenräume des Kreuzes sind niedrigere Bauteile gesetzt, die seine Ecken verbinden und so einen dreieckigen Grundriß haben. In ihnen sind Portale, auf die Wege von den vier Ecken des Platzes zuführen.

Die Architektur ist somit perfekt den Bedingungen des Städtebaus angepaßt. Eine typischere Kirchenform, die ein Vorne und ein Hinten hat, hätte auch den Platz hierarchisch geteilt. Durch die gewählte allansichtige Form aber gibt es keine Hierarchie, jede Seite ist gleich wichtig und die Nieuwe Kerk ist wirklich Mittelpunkt des Platzes und des neuen Stadtteils. Das ist neu.

Schwieriger ist die Frage nach dem Neuen, was ihren Stil betrifft. Die Eckbauten gleichen mit zwei hohen Geschossen mit eckigen vertikalen Fenstern eher Bürgerhäusern als sakraler Architektur und haben teils tatsächlich eine Wohnfunktion. Die Portale sind niedrig und haben antikisierende Ornamente wie sie in den frühen Barock passen. An den Enden des Kreuzes sind jeweils zwei hohe und eher schmale Fenster, die zwar mit runden Bögen enden, aber doch sehr gotisch wirken. Gleiches gilt für das runde Fenster, das noch weiter oben in der Mitte ist. Über den hohen Fenstern sind völlig bezuglose Tempelgiebelchen angeklebt. Die tatsächlichen Giebel scheinen zu spitzen Dreiecken vor einem Satteldach werden zu wollen, aber die Kirche hat Walmdächer, so daß sie wie abgeschnitten mit Balustraden enden müssen.

Alles wirkt, als werde hier eine Architektur, die einerseits noch von der Gotik zehrt, andererseits aber schon bereit ist, losgelöst von allen Traditionen neue funktionale Lösungen zu finden, in antikisierende Moden hineingezwungen. Zugleich lassen sich aber auch die etwas lächerlichen Zierformen schwer in Stilbegriffe wie Renaissance oder Barock fassen. Denn nichts, rein gar nichts,  hat diese protestantische niederländische Kirche mit dem zu tun, was zeitgleich in katholischen Ländern entstand, was den geringen Wert von Stilbezeichnungen zeigt.

Das spezifisch Niederländische an der Nieuwe Kerk sieht man auch daran, daß sie kein Einzelstück und kein Original ist, sondern so stark an die Amsterdamer Noorderkerk (Nordkirche) angelehnt, daß man von einer Kopie sprechen kann.

Die Noorderkerk entstand bereits 1622 und hat an den Giebelseiten etwas aufwendigere und nicht ganz so offensichtlich lächerliche Verzierungen. Der entscheidende Unterschied aber ist die städtebauliche Einordnung. Die Noorderkerk steht in der Ecke eines kleinen dreieckigen Platzes am Beginn der Prinsengracht (Prinzenkanal), so daß zwei Seiten zu schmalen Straßen zeigen.

In Amsterdam ist die Allansichtigkeit der Kirche verschwendet, da sie ob ihrer Lage dennoch ein Hinten und Vorne hat. Sie könnte auch irgendwie anders aussehen, müßte es vielleicht. In Groningen aber ist es der umgebende Platz, der die architektonische Form fordert. Die Noorderkerk zu kopieren und in die Mitte eines Platzes zu stellen, war im eigentlichen ein schöpferischerer Akt als die Noorderkerk zu bauen. Wie in Groningen mit einem Versammlungsgebäude, das groß und repräsentativ, aber nicht erdrückend monumental ist, ein städtebaulicher Mittelpunkt geschaffen wird, das ist auf gelungene und ungewöhnliche Weise neu.

Ein Gebäude in Türkis

„Kommunistische“ Architektur sei grau, hört man oft. Dem gegenüber steht dann implizit die Buntheit des Kapitalismus. Völlig falsch ist das, wie die meisten anderen Vorurteile, nicht. In der Tat baute die fortschrittliche Architektur des Sozialismus gerne mit rohem grauen Beton. Doch das tat die fortschrittliche Architektur des Kapitalismus ebenfalls und es ist auch nicht ersichtlich, was am vielfältig nuancierten Grau von Beton schlechter sein sollte als etwa an dem Grau von Stein. Überdies liebte der Sozialismus auch die Farbe. Ein schwer zu übersehendes Beispiel steht in Brno an der Hněvkovského (Hněvkovský-Straße), einer großen Ausfallstraße im Süden.

Alle Gebäude dieses Bürokomplexes sind ganz und gar nicht grau, sondern türkisgrün. Sie verdanken das einer Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln, deren heller türkisgrüner Grundton von unregelmäßig eingestreuten dunkleren Kacheln variiert wird.

Es ist wirklich zuerst die Farbe, die man an diesem Gebäude sieht, so stark wirkt sie, ohne dabei grell zu sein. Sie begleitet einen auch, wenn man sich die Zeit nimmt, die Architektur näher zu erkunden.

Der Mittelpunkt ist ein parallel zur Straße stehendes neungeschossiges Bürohochhaus. Seine Breitseiten haben außer der Verkleidung nur Fensterbänder, doch etwas neben der Mitte sind Treppenhäuser leicht vorgesetzt. Sie haben nur an den Schmalseiten schmale Fenster und wirken so als vertikale türkisgrüne Streifen, die die vorherrschenden Horizontalen durchschneiden. Das oberste Geschoss ist fensterlos und mit vertikal strukturiertem dunklen Metall verkleidet. An der südlichen Schmalseite ist ein weiteres Treppenhaus, das aber im Gegensatz zu den anderen weit vorgesetzt ist und dank Glasflächen an den Breitseiten völlig transparent wirkt. Es mag an der alles bestimmenden Farbe liegen, daß das Glas einen leichten Türkisstich zu haben scheint. An der zur Stadt zeigenden nördlichen Schmalseite ist bloß in der Mitte ein vertikales Fensterband. Doch diese flankierend und dann wieder außen ist die Verkleidung in zwei breiten Streifen leicht vorgesetzt, so daß über dem transparenten Erdgeschoß die Vertikalen stark betont sind.

Der zweigeschossige Sockelbau verläuft erst parallel zur Straße, dann quer, wo mittig das Hochhaus an ihn stößt, und dann wieder parallel. Das Erdgeschoß hat dabei im letzten L-förmigen Teil große Schaufenster, während die Obergeschosse nur links und rechts deutlich zurückgesetzt aufragen. Durch vorgesetzte vertikale Verkleidungsstreifen, die denen der vorderen Schmalseite des Hochhauses entsprechen, wirken sie skulptural und wie vom Erdgeschoß losgelöst.

An der Ecke zu einer großen Querstraße rahmt dieser Sockelbau den kleinen Mariánské náměstí (Marienplatz). Er ist heute zuerst Parkplatz, doch in seiner Mitte ist noch immer ein runder Brunnen mit einer hohen stählernen Skulptur. Sie besteht aus zu einem Kreis angeordneten Scheiben, die oben treppenartig vorspringen.

Es ist ein abstraktes Kunstwerk, wie es für die Tschechoslowakei typisch ist. Zu den einfachen, aber markanten Formen und der Farbe des Gebäudes paßt es gut, während zum Namen des Platzes, vielleicht nicht zufälligerweise, kein Zusammenhang zu erkennen ist.

An der Südseite des Hochhauses führt ein verglaster Brückentrakt im zweiten Geschoß zu einem weiteren dreigeschossigen Bau, der mit seinen konventionellen Fensteröffnungen ganz banal wäre, wäre nicht auch er türkisgrün verkleidet und ragten aus dem Dach nicht mehrere große Parabolantennen.

Ein weiterer Brückentrakt verbindet dieses Gebäude mit einer quer zur Straße stehenden Halle.

Ihre hohe Schmalseite scheint ein einziger türkiser Block zu sein, auf dem leicht zurückgesetzt das Dach auf milchigen Glasflächen zu schweben scheint. Es ist erst flach, steigt aber dann in Richtung Hochhaus schräg an und seine Seiten – sind türkis verkleidet.

An der Seitenwand der Halle ist ein weiteres abstraktes Kunstwerk aus verschlungenen dickeren und dünneren Linien, in dem man, vielleicht wegen der dann folgenden Bahnstrecke, eine Gleislandschaft erkennen mag.

Zwischen den einzelnen Gebäuden sind Verkehrsflächen und Parkplätze, aber auch Wiesen mit großen Bäumen, die ihr eigenes, andersartiges Grün beisteuern.

Das Bemerkenswerteste an diesem Komplex ist letztlich nicht einmal die Farbe, sondern die Tatsache, daß die Farbe überall ist. Nicht nur das Hochhaus und die zur Straße zeigenden Seiten nämlich sind türkisgrün verkleidet, sondern alles. Die Rückseiten der Sockelbauten, die Flächen zwischen den rückwärtigen Toren der Halle, alles. Fast lächerlich oder aber selbstironisch wird es, wenn sogar ein kleiner Verteilerkasten nicht ohne die Verkleidung bleibt.

Erst ganz hinten im ersten Hof findet sich eine offenbar ältere Halle mit gelbbraunem Putz. Aber sogar hier ließen es sich die Architekten nicht nehmen, wenigstens den an die neuen Gebäude grenzenden Teile der Schmalseite in Türkisgrün nachzuzeichnen.

Man kann es übertrieben finden, daß hier alles mit dieser Verkleidung gleichsam übergossen ist, aber es sagt auch viel über den Sozialismus. Es gibt hier keine prunkvolle Schauseite und keine häßliche Rückseite. Was nur die dort tätigen Arbeiter sehen, ist nicht weniger wichtig als das, was die weitere Öffentlichkeit sieht. In der türkisgrünen Verkleidung drückt sich der Wunsch nach Ganzheit, nach Einheit aus. Der Kapitalismus kann das niemals verstehen und das zeigt er auch mit dem, was er an dem Gebäudekomplex veränderte. Die zur Stadt zeigenden Schmalseite nutzt er als riesige Plakatwand. Zudem verkleideten einige Geschäfte die Erdgeschoßflächen des Sockelbaus neu. Und die Farbe die sie dazu wählten war – grau.

Es gibt manches über die Buntheit des  Kapitalismus zu sagen. Das banalste, an diesem Gebäude schön zu exemplizieren, wäre, daß es eben die Buntheit der Reklame ist. Weniger banal ist Ronald M. Schernikaus Aussage: „Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen“.  Aber, und das ist an diesem Gebäude noch besser zu zeigen, oft ist sie nicht einmal bunt.

Chronogramm

Ein Chronogramm ist ein kurzer Text, in dem eine Jahreszahl versteckt ist. Dazu werden Buchstaben, die römische Ziffern sein können, durch Großschreibung hervorgehoben. Anders als bei normalen römischen Zahlen ist die Reihenfolge egal und es werden einfach alle Einzelziffern addiert. Das Chronogramm paßt damit gut zum Barock und seinem Hang zum Verspielten und Verrätselten. Er leistete damit auch dem späteren Betrachter seiner Bauten und Kunstwerke einen Dienst, denn ihm helfen Inschriften mit Chronogrammen zu deren genaueren zeitlichen Einordnung.

Aber auch noch um 1830, nachdem die antikisierende Strenge des Klassizismus mit solchen Spielereien vielerorts schon Schluß gemacht hatte, lebten Chronogramme und Barock an den Rändern, in der Provinz weiter. Hier zwei Beispiele aus dörflichen Teilen von Hradec Králové, die damals noch nicht geahnt hätten, daß sie einmal zu dieser Stadt gehören würden.

In Pouchov, nahe der nüchternen barocken Kirche, mit der ein weiter Bereich mit mehreren voneinander durch Mauern getrennten Friedhöfen endet, steht eine Statue des Johannes von Nepomuk.

Sie wirkt gänzlich barock, aber ihre Inschriften sind nicht auf Latein, sondern in einem alten Tschechisch verfaßt. Auf der Rückseite ist ein Chronogramm, das darunter bereits als 1829 aufgelöst ist, was aber erst bei der Restaurierung im Jahre 1906 geschehen sein mag.

Von [?] zu Ehren Gottes und des Heiligen Johannes von Nepomuk errichtet

Faszinierend ist hier, daß das W, ein Buchstabe, den weder das Lateinische noch das heutige Tschechisch kennen, als zwei Vs gezählt wird. So wird die Form des Chronogramms der Volkssprache angepaßt und noch verrätselter.

In einem ehemaligen Teil von Třebeš findet sich auf dem eng mit Gräbern bedeckten Hang zwischen dem hölzernen Glockenturm und der teils holzverkleideten und von hölzernen Arkaden umgebenen Kostel sv. Jana Křtitele (Johannes-der-Täufer-Kirche) das Grab von Wenzel und Anna Kohaut.

Es ist eines der wenigen deutsch beschrifteten Gräbern auf dem kleinen Friedhof, wobei die Germanisierung der Familie wohl noch nicht lange zurücklag, ist Wenzel doch die deutsche Form des sehr tschechischen Václav und bedeutet „kohout“ Hahn.

Es ist auch sonst ein eigenartiges Grab, das vorne im durchaus klassizistischen Rahmen aus Säulen und Dreiecksgiebel das Relief einer trauernden Frau zeigt und unten eine Inschrift in Schreibschrift hat, in der es mehr um die trauernde Tochter als um die Verstorbenen geht.

Erst auf der, allerdings zu den Arkaden zeigenden, Rückseite sind die Lebensdaten des 1834 verstorbenen Vaters und der 1835 verstorbenen Mutter genannt. Darunter ist eine weitere Inschrift, nun mit Chronogramm.

Es ist jedoch ein Chronogramm, das auf den ersten Blick keinerlei Sinn ergibt. Viele der hervorgehobenen Buchstaben, S, R, E, A und T, können keine römischen Ziffern sein. Nur, wenn man auch die Üs als Vs zählt, ergibt sich doch noch die Zahl 1837. Vielleicht hatte die Tochter nur noch ein ungefähres Gefühl dafür, was ein Chronogramm ist, und wollte die von ihr als mehr oder weniger arbiträr erlebte Verwendung großer und kleiner Buchstaben, die sie aus barocken Inschriften kannte, eher als Retroelement in das Grab ihrer Eltern einfügen. Vielleicht aber bilden die überschüssigen Buchstaben auch einen heute nicht mehr zu entschlüsselnden Code. S R E A E A T E E. Es ist unmöglich zu sagen. Hier erreicht die Gattung des Chronogramms seinen Höhepunkt und wird zugleich ad absurdum geführt – das Rätsel läßt sich nicht mehr lösen.

Bald darauf wurde der Barock dann auch von den Rändern verdrängt und Chronogramme entstanden keine mehr.

Alt und Neu an der Pomorska

Es ist ein sehr fotogener Kontrast: vor den zehngeschossigen fortschrittlichen Wohngebäuden ein einziges kleines Einfamilienhaus.

Es hat einen akkurat umzäunten Garten mit Garage, einigen Bäumen und Marienschrein. Es ist also ein ganz normales polnischen Häuschen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie man es von den Vorstädten bis in die Dörfer überall finden könnte. Allein hier, im nördlichen Gdańsker Wohngebiet Żabianka, auf der rechten Seite der Straße Pomorska, wo es sonst kein anderes Einfamilienhaus gibt, wird es auffällig. In dieser Umgebung wirkt es wie ein Exponat in einem Freilichtmuseum. „Seht, so haben unsere Vorfahren gelebt!“ scheint es dem kopfschüttelnd Vorbeikommenden sagen zu wollen.

Diese Rolle, als Schaustück aus einer überwundenen Vergangenheit, wäre dem Haus an der Pomorska auch zu wünschen. Selbstverständlich müßte es dann tatsächlich ein Museum sein und niemand dürfte dort wohnen. Doch so ist es ja leider nicht. Allzuviele, die das Haus in dieser Umgebung sehen, sehen wohl leider nicht das etwas verquere Alte inmitten des besseren Neuen, die Hütte vor den egalitären Palästen, sondern etwas Erstrebenswertes, das Ziel alles kleinbürgerlichen Luxusstrebens.

Den selbstgebauten Schrein mit der massengefertigen Marienfigur könnte man für sich genommen als harmlosen Ausdruck eines noch volkstümlichen Glaubens, als ein wenig aus dem litauischen, ukrainischen oder auch kleinpolnischen Dorf in die große nachdeutsche Stadt mitgebrachte Ländlichkeit, begreifen. Doch leider weiß man, daß der polnische Katholizismus stärker denn je ist und politisch wie künstlerisch tagtäglich weit Schlimmeres anrichtet.

So ist das Häuschen an der Pomorska leider nicht bloß eine rührende Erinnerung an schlechtere Zeiten, sondern eine traurige Erinnerung an den gegenwärtigen schlechten Zustand der Welt.

Gočárův okruh – Schnellstraßen in Hradec Králové

Abseits des Busbahnhofs, am Rande des Industriegebiets, zwischen den Gebäuden von Fachschulen, steht in Hradec Králové ein unscheinbarer viergeschossiger Bau und in der Mitte seines Eingangs hat er ein Sandsteinrelief.

Typisch tschechoslowakisch, abstrakt, irgendeine Schleifenform, scheint es.

Doch dann erkennt man, daß es die Kleeblattkreuzung einer Autobahn darstellt. Erst zweifelt man kurz, vielleicht ist es ja nur ein Zufall, doch schnell ist es klar. Das Autobahnkreuz ist nicht ganz von oben, sondern aus einer leicht schrägen Vogelperspektive gezeigt. Auf einmal wird auch das Gebäude interessanter, der Wechsel zwischen braungekachelten Wandteilen an den Ecken und Fensterbändern, die Garageneinfahrten, der quadratische Grundriß mit offenbar einem Innenhof in der Mitte.

Aber was es mit Autobahnen zu tun hat, verrät es nicht.

Hradec Králové ist indes eine Stadt, die eine enge Beziehung zum Straßenbau hat. Es besitzt einen vierspurigen Schnellstraßenring, der sich als beinahe perfekter Kreis um seine inneren Teile legt. Vergleichbares gibt es in keiner anderen tschechoslowakischen Stadt dieser Größe (etwa 100 000 Einwohner). Daß gerade Hradec Králové diesen Ring hat, liegt zum einen an der unproblematischen Topographie – die einzige Erhebung ist der Hügel, auf dem die Altstadt liegt – und zum anderen daran, daß die städtebaulichen Planungen dafür bis ins Jahr 1928 zurückreichen. Die Ausführung blieb in den Jahren 1967 bis 1980 dem tschechoslowakischen Sozialismus vorbehalten, was eine bemerkenswerte Kontinuität über die Zeiten und Systeme hinweg ist. Nach dem für Hradec Králové ungemein wichtigen Architekten Josef Gočár, von dem die ersten Pläne stammen, wird der Schnellstraßenring auch Gočárův okruh, Gočárring, genannt.

Kreuzungsfrei allerdings ist er nicht und Kleeblattkreuze hat er erst recht nicht, dafür ist die Stadt doch zu klein. Immerhin wurden für ihn zwei Brücken über die Elbe, eine über die Orlice und eine über eine größere Querstraße im Osten gebaut.

Letztere, beinahe eine kurze Hochstraße füllt den gesamten Raum einer Mietskasernenstraße, was einen Eindruck beinahe amerikanischer Großstädtigkeit schafft,

und legt eine geschwungene Auffahrt um das Grün eines Platzes, was wiederum eigenartig idyllisch wirkt.

Auch sonst wurde durchaus alles dafür getan, sie so ein einladend zu machen, wie eine Straßenbrücke zwischen dichter Wohnbebauung eben sein kann.

Sie ruht weit auskragend auf nur je zwei dicken runden Stützen, bei der Auffahrt sogar nur auf einer, was ihr eine gewisse Leichtigkeit gibt, die allerdings von den seitlichen Stützen eines neueren Lärmschutzdachs wieder konterkariert wird.

Am Ring entstanden viele Unterführungen, unter anderem eine besonders gelungene im Zentrum, und auch die Elbbrücken sind mit einer gewissen Berücksichtigung des Fußgängerverkehrs gebaut. Bei der südlichen von ihnen, ursprünglich Most Obrancův míru (Brücke der Verteidiger des Friedens), führen von den Gehwegen neben den Fahrbahnen geschwungene Rampen, die von V-Stützen getragen werden, zum Uferweg hin.

Es ist gerade so, als haben die Planer die geschwungenen Abfahrten der Kleeblattkreuze, die zu bauen ihnen verwehrt geblieben war, stattdessen für den Fußgänger gebaut.

Neben der nördlichen der Brücken, ursprünglich Most Antonína Zápotockého (Antonín-Zápotocký-Brücke) führen Treppen zum Uferweg, aber sie verbreitern sich nach unten leicht und leiten so an den vertikal geriffelten Betonwänden vorbei unter die Brücke.

Es ist, als solle dem Fußgänger freundlich nahegelegt werden, ihre Konstruktion, die weiten sanften Bögen unter den Fahrbahnen und die als schräg übers Wasser ragende Wände ausgeführten Stützen, zu bewundern.

Die Treppen selbst bekommen durch die oben und unten unterschiedlichen Breiten, die steinernen Stufen und die Nadelbüsche daneben etwas Südliches, Antikes.

Durch kleine Details wie diese, die schön sind, ohne dekorativ zu sein, zeigt Hradec Králové, wie stolz es auf seine Brücken und seinen Schnellstraßenring ist. Nur passend also, daß es einer Autobahnkreuzung ein Kunstwerk widmet.