Humenné – Nördlicher Teil

Das nordostslowakische Humenné ist eine geteilte Stadt. Der eine Teil liegt nördlich von Fernverkehrsstraße und Eisenbahnstrecke, der andere südlich, und dazu kommt noch anderes, was zu keinem so ganz gehört und Möglichkeiten böte, die Teilung aufzuheben.

Der nördliche Teil erstreckt sich entlang der Gottwaldova (Gottwald-Straße), die heute vom Verkehr befreit Námestie Slobody (Platz der Freiheit) heißt. Er beginnt mit einem Halbkreis aus viergeschossigen, teils satteldächigen Gebäuden, in dem rechts der überdachte Marktplatz und links einige ältere Häuser sind. In der Mitte öffnet sich, flankiert wie von einem Tor durch siebengeschossige Gebäude mit flügelartigen Dachaufbauten, die Straße/der Platz.

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Bis zur nächsten Querstraße bildet diese Bebauung viergeschossig und an den Ecken fünfgeschossig mit Flügelaufbauten die Seiten der Straße/des Platzes. An der Querstraße weist eine Ladenzeile mit ihren vertikalen Linien, die in komplizierten kubischen Formen enden, nach links, ein schönes Beispiel des Humenné-Stils.

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In der Mitte erstrecken sich Grünanlagen, in denen auch eine wenig alte Skulptur des Johannes von Nepomuk steht.

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Nach einem Springbrunnen wird der Platz/die Straße noch etwas breiter.

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Die Bebauung bleibt geschlossen, wird aber weniger einheitlich, es gibt eine Post links und ein langes Wohngebäude mit Satteldach rechts.

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Man würde nicht ahnen, daß man nur durch letzteres treten muß, um mitten in einem Wohngebiet zu sein. Es besteht aus viergeschossigen Walmdachgebäuden um offene Höfe mit großen Bäumen, am nördlichen Rand an der Ulica Osvoboditeľov (Straße der Befreier) reihen sich achtgeschossige Punkthäuser. Im weiteren Verlauf werden die Dächer der Häuser flach und es gibt einige kleine Zentren mit Läden.

Erst gegen Ende des Platzes/der Straße und auf der linken Seite stehen wieder einige ältere Gebäude. Am auffälligsten von diesen ist eines von 1936, auf dem das löwengehaltene Stadtwappen prangt. Aber als Gegengewicht gibt es sogleich Gebäude aus sozialistischer Zeit: gegenüber ein Kaufhaus  und direkt angrenzend eine Ladenzeile entlang der nächsten Querstraße.

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Sie besteht aus zwei parallel verlaufenden zweigeschossigen Gebäuden, die aber etwas versetzt stehen, so daß vor den Eingängen kleine Grünbereiche sein können. Die Läden öffnen sich zum ebenerdigen Bereich und zu auf runden Stützen ruhenden Flächen im zweiten Geschoß, die durch mehrere Brücken verbunden sind. Treppen führen teils innen zu diesen Brücken, teils von außen durch die Gebäude hindurch auf die Terrassenebenen.

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Das ist eine ungewöhnliche Lösung, fast weniger Lijnbaan als Passage des 19. Jahrhunderts, weshalb es nur paßt, daß sie heute ein transparentes Dach hat. Anders als leider viele solcher Ladenzeilen wirkt sie auch nicht heruntergekommen oder von improvisierten Billigläden geprägt. Sie ist, könnte man sagen und sogar zu ihrer Lage paßt es, das Nordwestzentrum von Humenné.

Aber wenn man so weit gekommen ist und wohl schon vorher, beachtet man zuerst die beiden bestimmenden Gebäude, mit denen der Platz/die Straße endet: das Schloß links und das Dom Kultúry (Haus der Kultur) seitlich rechts.

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Das Schloß ist ein vielfach veränderter vierflügliger Renaissancebau, auf den man zwischen den Plastiken einer Löwin und eines Löwen zugeht. Sie sind auch viel markanter als das Gebäude selbst.

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Das Dom Kultúry hat eine langgestreckte zweigeschossige Fassade aus blaugefaßtem Glas, die von den weißen Linien der Seitenwände und des Dachs gerahmt ist. Inmitten der Glasfläche ist bei den Eingängen rechts eine weiße Wand, während  hinten links der niedrigere blaue und der höhere weiße Teil des Saals aufragen.

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Alt und Neu stehen so beieinander, ohne das zu sagen wäre, welches davon für den Abschluß des Platzes wichtiger wäre. Im Mittelpunkt der Straßenachse steht keines von beiden und auch der dazwischen angeordnete Pamätník Vďaky (Denkmal des Danks) nicht.

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Auf einem langen leicht abgeschrägten niedrigen Sockel aus rotem Stein stehen links Flammenschale und rechts eine überlebensgroße Bronzeplastik: in der Mitte ein Mädchen mit Blume, rechts ein Arbeiter mit geschultertem Gewehr und links ein sowjetischer Soldat mit gesenkter Maschinenpistole und nach links hin hochgehaltener Fahne, deren Fläche bis nach rechts reicht und eine Art Hintergrund für die Figuren bildet. Die Inschrift auf dem Sockel lautet: „Sloboda prinesená je vzácna, ale sloboda vybojovaná je oveľa drahšia“  (Gebrachte Freiheit ist wertvoll, aber erkämpfte Freiheit ist viel wertvoller). Dieses schöne unbezeichnete Zitat von Gustáv Husák impliziert SNP, Dukla, den ganzen Erinnerungsmythus, und die sowjetisch-tschechoslowakische Freundschaft, ohne sie nennen zu müssen.

Schloß, Denkmal, Dom Kultúry bilden gemeinsam den Abschluß der Straße/des Platzes, denn diese/dieser ist keine Achse. Daß sie nicht direkt auf das Schloß zuführen, wie es die alte Stadt sicher stärker tat, ist kein Zufall, doch noch die Torgebäude scheinen eine konventionelle Achse vorzubereiten. Dank dem Fortschritt im Städtebau entstand diese nie und der Platz fließt stattdessen zwischen Schloß und Dom Kultúry, um das Denkmal herum, in den Park hinein, der einst Schloßpark war und nun im schönsten Sinne aufgehoben ist. Das Schloß ist darin beinahe genauso ein Ausstellungsstück wie die regionalen Holzbauten im Freilichtmuseum weiter oben am Hang. Sogar das Denkmal will nicht nur von vorne, sondern auch von seiner Rückseite betrachtet werden, wo zwischen den Falten der Fahne ein liegender Helm, ein Stein (Grabstein?) und ein Baum zu sehen sind.

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Mit den bronzenen Figuren blickt man dann die Gottwaldova/den Námestie Slobody entlang, die schon so vielfältig und spannungsreich sind und doch nur das Zentrum des nördlichen Teils von Humenné.

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Lenin in Witomino

Im Wohngebiet Witomino in Gdynia steht ein Denkmal, das nicht Lenin gewidmet ist.

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Es ist groß, riesig sogar, und steht unübersehbar in einem Grünstreifen an der Straße Wielkokacka. Wie eine Basaltformation aus beigeverputztem Beton ragen seine drei aneinandergefügten Stelen auf. Die höchste der Stelen ist quadratisch mit an den Ecken schräg vorstehenden Teilen, die beiden niedrigeren, von denen eine nicht einmal zur Hälfte und die andere bis auf Dreiviertel der höchsten reicht, sind ähnlich, aber dreieckig, so daß der Grundriß insgesamt dreieckig ist. Ganz oben werden die schrägen Teilen zu aufsteigenden Streben, zwischen denen eine Weltkugel aus Beton ruht.

In dieser Form wäre das Denkmal recht banal, ohne jede Aussage, aber man würde ihm doch etwas Sozialistisches anmerken, vielleicht wegen der Größe, vielleicht wegen des verwendeten Betons, vielleicht einfach wegen der elfgeschossigen Wohngebäude, die erhöht auf der anderen Straßenseite stehen.

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In einem kapitalistischen Staat Westeuropas kann man sich so ein Denkmal jedenfalls schwer vorstellen, eher vielleicht noch in Südamerika, aber am besten eben im Osten, im sowjetisch geprägten Raum. Was dem Denkmal fehlt, um zu einem typischen Werk des sozialistischen Realismus zu werden, kann man sich daher leicht ergänzen. Oben auf der Weltkugel Hammer und Sichel oder ein fünfzackiger Stern, auf den beiden niedrigeren Stelen Bronzestatuen von Lenin oder Marx und einer lokaleren kommunistischen Persönlichkeit, vielleicht Bolesław Bierut. Alles würde passen.

Würde passen, denn leider weiß man, daß der Sozialismus in Polen zu schwach war, um viele solcher Denkmale zu bauen, und die Reaktion dort heute so stark ist, daß die wenigen dieser Denkmale längst beseitigt sind. Tatsächlich ist das Denkmal weit polnischer und damit noch fremder als das oben Beschriebene ahnen ließe:

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auf der Weltkugel steht Maria und auf den niedrigeren Stelen der heilige Wojciech mit einem Ruder und Papst Karol Wojtyła mit segnend ausgebreiteten Armen. Maria ist auf der Tafel unten als „nasza królowna“ (unsere Königin) bezeichnet, denn Königin von Polen ist einer der obskureren Titel dieser Gestalt, während die anderen beiden offenbar keine Vorstellung brauchen.

Das Erstaunlichste an dem Denkmal ist, daß es erst im Jahre 2000 errichtet wurde. Die so eindeutig realsozialistische Formensprache scheint dazu im ersten Moment gar nicht zu passen, im zweiten aber umso besser. Denn die heutige öffentliche Kunst in Polen ist ganz zwangsläufig durch und durch vom Sozialismus geprägt. Egal, wie sie dazu stehen mochten, lebten die heute arrivierten Künstler im Sozialismus und wurden, ob sie wollten oder nicht, von sowjetischen Einflüssen geprägt. Auch für Werke, die inhaltlich im größten Gegensatz zum Sozialismus stehen, mußten und müssen sie sich daher der Formen des sozialistischen Realismus bedienen. Welcher auch sonst? Die offizielle Kunst des Westens ist für Monumentalität, ja, letztlich für jegliche verständliche Aussage völlig ungeeignet. Propagandakunst wie dieses Denkmal in Gdynia aber will monumental und verständlich sein, gut also für die Auftraggeber, daß die Künstler dies in der Schule des sozialistischen Realismus gelernt hatten.

So verachtenswert der polnische Katholizismus, der dieses Denkmal baute, ist: es ist ein gutes und gelungenes Kunstwerk, das an genau der richtigen Stelle im Stadtraum steht. Und irgendwann kann man dann die notwendigen Veränderungen vornehmen, um Form und Inhalt wieder in Einklang zu bringen und dann endlich wird Lenin in Witomino sein. Falls sich jemand, der dies liest, auf Photoshop versteht, kann er schon einmal einen Entwurf machen, hier die nötigen Zutaten:

Aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Hammer und Sichel in Banská Bystrica, aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983

Die Welt im KFC

Im KFC gegenüber dem Brnoer Hauptbahnhof gibt es im Obergeschoß einen Platz, von dem man über eine Straße hinweg und zwischen zwei Gebäuden hindurch auf die weite Gleislandschaft vor dem Bahnhof blicken kann.

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Nur selten hat man Blicke, die so sehr vom Verkehr, vom Reisen, vom Weg in die Ferne geprägt sind. Auf den gerade Gleisen sieht man ständig Züge ankommen oder davonfahren, vielleicht in fernste Länder, geradewegs auf den Horizont zu, auch wenn vor diesem ein neues Bürohochhaus steht. Auf der Straße sieht man ständig Straßenbahnen vorbeifahren, wenigstens aus den fernsten Teilen der Stadt.

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Und auch die beiden Gebäude, Beispiele des Brnoer Funktionalismus der Zwischenkriegszeit, passen. Das eckige links ist eine Post und das abgerundete rechts ist eine Filiale des Reisebüros Čedok, dessen Logo noch aus einer Zeit stammt, als Züge das üblichste Fernverkehrsmittel und Briefe das übliche Kommunikationsmedium waren. „Svět na dosah ruky“, sagt ein Plakat in einem Fenster des Reisebüros, „die Welt ist in Reichweite“, und wenn man dort im KFC sitzt, kann man das sogar glauben.

Sobieski auf Reisen

Der polnische König Jan III. Sobieski lebte in unruhigen Zeiten in einer unruhigen Gegend und trug als geschickter Politiker und Heerführer zu deren Unruhe auch gerne bei. Vor allem kämpfte er in der Ukraine gegen Tartaren und Türken, aber berühmt wurde er, weil er an der Spitze des Entsatzheers stand, das 1683 die türkische Belagerung Wiens brach. Neben dem Krieg führten ihn Studienreisen nach Deutschland, die Niederlande, Frankreich, England und sogar in die Türkei. Weite Wege für diese Zeit und auch heute noch.

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Eine Liste von Sobieskis Schlachten steht an der Seite seines Denkmals in Gdańsk. Auch in dieser Stadt war Sobieski wiederholt, etwa zu Begegnungen mit Jan Heweliusz. Denn wenn der historisch halbgebildete Deutsch weiß, daß Gdańsk bis 1945 Danzig und eine deutsche Stadt war, dann stimmt das nur halb: bezogen auf Sprache und Kultur seiner Bewohner, aber nicht auf die staatliche Zugehörigkeit. Zu einem deutschen Staat, erst Preußen, dann dem Deutschen Reich gehörte es nur recht kurz (1793-1807 und 1814-1919). In anderen, eher kurzen Zeiten war es eigenständig (1807-1814 und 1919-1939) und lange gehörte es zur polnischen Rzeczpospolita (1455-1772). Ein Danziger Bürger des 18. Jahrhunderts hätte es wohl als Beleidigung empfunden, wenn man ihm gesagt hätte, daß seine Stadt in Preußen liege.

Dennoch erstaunt es, daß ein Reiterstandbild eines polnischen Königs auf einem Platz des heutigen Gdańsk steht. Es ist ein banales historisches Machwerk, das offenkundig aus dem preußisch-deutschen späten 19. Jahrhundert stammt

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Zwar ist der Platz, Targ Drzewny (Holzmarkt) genannt, eher eine bessere Verkehrsinsel und im Sommer bei Obdachlosen beliebt, aber doch sehr zentral gelegen.

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Die Deutschen werden dieses Denkmal also kaum gebaut haben. Die Inschrift auf der anderen Seite erklärt alles:

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„Królowi Janowi III. miasto Lwów MDCCCXCVII.” (König Jan III. die Stadt Lwów)

Nicht die preußischen Deutschen, sondern die Polen, die den Osten des alten Österreichs dominierten, bauten sich also dieses Denkmal und nicht im damaligen Danzig, sondern im damaligen Lwów.

Als Polen nach dem Krieg nach Westen verschoben wurde, als die Deutschen aus den neuen westlichen Teilen Polens ausgesiedelt und die Polen aus der Ukraine dort angesiedelt wurden, als aus Danzig Gdańsk und aus Lwów Lviv oder Lwow wurde, reiste Sobieskis Denkmal mit oder nach und er kam in einer Stadt zu stehen, von der er wohl nie gedacht hätte, daß sie einmal in diesem Maße polnisch sein würde. Zu sehen, wie selbstverständlich Sobieski heute in Gdańsk steht, wie selbstverständlich polnische Obdachlose um ihn sitzen, wie selbstverständlich sich polnische Touristen mit ihm photographieren, hat etwas Beruhigendes. Es zeigt, wie schnell auch die extremsten Bevölkerungsverschiebungen zur Normalität werden. Wenn es so einfach ist, aus einer deutschen Stadt eine polnische und aus einer polnischen eine ukrainische zu machen, wenn sogar ein Denkmal mitreisen kann, dann ist doch alles möglich, vielleicht sogar Fortschritt.

Leeres Zittau: Urbex

Urbex ist kein besonders schönes Wort. Daß es wie das Außenhandelsunternehmen eines halb-sozialistischen Zwergstaats klingt, wäre noch kein Problem, wenn nicht das, was es bezeichnet – die Erkundung leerstehender Gebäude – so interessant, schön und wichtig wäre. Urbex nämlich steht für Urban Exploration (städtische Erkundung), was auch schon viel besser als die Abkürzung klingt. Zu schade, daß es kein besseres Wort dafür gibt. Doch in Zittau brauchten wir gar kein Wort dafür. Wir sagten „in ein Haus einsteigen“ oder „in ein Haus gehen“. Oder wir sagten gar nichts und taten es einfach.

Denn in Zittau, das seit 1990 etwa die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hat und wo jedes zweite Gebäude leersteht, war das, was unschön Urbex genannt wird, eine Selbstverständlichkeit, eine Alltäglichkeit und brauchte daher keine Bezeichnung. Es erforderte keinen Aufwand, keinen Mut, kaum auch nur eine bewußte Entscheidung. So müde und verloren war dieses Städtchen in der hintersten Ecke dieses neu-alten Deutschlands, dessen Entstehung es zerstört hatte, daß sich oft nicht einmal jemand bemühte, die Zugänge zu den Gebäuden zu versperren und wenn doch, dann oft eher symbolisch. Wer hätte es auch tun sollen? Besitzer gab es keine und die Stadtverwaltung hatte Besseres zu tun, wenn auch nicht ganz klar ist was.

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So war Zittau für alle, die wollten, ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Leben in Zittau war die das Leben in einer friedlichen und freundlichen postapokalyptischen Welt. Zur einen Hälfte war sie bewohnt und das Leben nahm in ihr erstaunlicherweise seinen alltäglichen Gang, zur anderen Hälfte war sie verlassen, aber auch dort lauerten meist weder Monster und Mutanten noch realere Gefahren.

Im leeren Zittau gab es fast alles, was es im bewohnten Zittau gab – alte und neue Wohnhäuser, Kneipen, ein Kino – und manches, was es in diesem nicht gab – Kasernen, Fabriken. Diese beiden Zittaus lebten meist in friedlicher Koexistenz, nur manchmal wurden leere Gebäude abgerissen, nur manchmal stürzten leere Gebäude, die zwanzig, fünfundzwanzig Jahre sich selbst überlassen gewesen waren, ein und gefährdeten bewohnte Nebengebäude.

Ob es in Zittau Urbex gab, weiß ich nicht. Vermutlich schon. Urbex als modischer Abenteuertrend von Menschen mit guten Kameras, die von ihren Explorationen dann YouTube-Videos machen. Vermutlich kamen sie aus ihren großen Städten auch mal nach Zittau. Aber sie waren Touristen, während wir mit den leeren Gebäuden lebten. Ob unsere Videos besser gewesen wären, ist gar keine wichtige Frage, denn Zittau wäre nicht Zittau gewesen, wenn wir dort je etwas anderes gemacht hätten als zu leben.

Und Leben im Verfall macht müde. So wunderbar alles in dem Ruinenspielplatz Zittau auch war, immer schwebte im Hintergrund eine gewisse Melancholie. Zittau hatte offenkundig keine Zukunft und so lag auch für jeden einzelnen von uns die Zukunft anderswo. Wir zogen weiter und waren viellelicht nur Touristen anderer Art gewesen. Vielleicht passiert es uns heute mal, wenn wir irgendwo anders ein leerstehendes Gebäude betreten, daß wir Urbex betreiben. Aber wenn es im folgenden um einige Erlebnisse im leeren Zittau gehen soll, dann geht es nicht um Urbex.

Laxenburg

Laxenburg, das sind verschiedene Dinge. Erstens ein ziemlich gewöhnliches Dorf des Wiener Umlands, in dem es einiges zu entdecken gibt. Zweitens eine eigentümliche Schloßanlage, die eher ein Tor zwischen dem Dorf und einem großen Park ist. Drittens dieser Laxenburger Park, der vielleicht der schönste Landschaftspark in der Umgebung von Wien ist. Viertens ein Ort des Niedergangs und Verfalls. Letzteres ist weniger offenkundig als die anderen Dinge. Um es zu erkennen, muß man den ehemals kaiserlichen Park durchstreifen und verstehen, was man dort sieht.

In seiner englisch-romantischen Scheinnatürlichkeit, den weiten Wiesen zwischen den Baumgruppen, den skulpturgleich herausgehobenen Einzelbäumen, stehen die üblichen Tempelchen und Grotten, aber sie sind eher der Konvention geschuldet. Was den Park auszeichnet sind verschiedene neogotische Bauwerke, ein Turnierplatz, eine Rittersäule, eine Brücke und allen voran auf einer eigenen Insel eine Burg.

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Mit ihren Zinnen und runden spitzdächigen Türmchen, ihren Toren und spitzbögigen Fenstern ist sie ein geradezu lachhaft bizarres Bauwerk.

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Nichts haben etwa die großen spitzen Maßwerkfenster, hinter denen sich offenkundig ein Saal verbirgt, und das angefügte runde Treppenhaus des zentralen Turms mit wirklichem Mittelalter, wirklicher Gotik zu tun. Von einer solchen findet man etwa am Alten Schloß, das im Park als weitere stimmungsvolle Attraktion herumsteht, noch Spuren.

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All die neogotischen Bauten aber sind nichts anderes als ein altdeutscher Themenpark, ein Laxenburger Disneyland.

Man beachte, wann das alles errichtet wurde: ab 1798! Eine Zeit der größten Veränderungen in Europa, das Heilige Römische Reich deutscher Nation auch offiziell dem Ende nah, die französische Revolution in der Gestalt Napoleons auf unaufhaltbarem Siegeszug – aber der Kaiser träumt sich für viel Geld ins Mittelalter zurück! Die Neogotik im Laxenburger Park ist der architektonische Ausdruck des Niedergangs Österreichs. Wie viel hundert, fünfzig Jahre ausmachen können! Anfang des 18. Jahrhunderts war Österreich auf dem Höhepunkt seiner Macht, seine Armee ging unter Prinz Eugen von Sieg zu Sieg und gleichzeitig entstanden Meisterwerke barocker Architektur wie Eugens Belvedere. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand Laxenburg. Selten spiegelt sich die Situation eines Landes so klar in seiner Architektur wieder wie hier.

Neuburg-Schwalbanger

Schwalbanger ist das andere Neuburg, auf der anderen Seite des Bahndamms, fernab der herausgeputzten Pracht der Altstadt auf dem Hügel, die sich stark dem sympathischen Größenwahn des Pfalzgrafen Ottheinrich im 16. Jahrhundert verdankt, fernab aber auch der westdeutschen Provinztrostlosigkeit der weiteren Innenstadt. Es ist das, was man in der DDR ein Plattenbauviertel nennen würde und wovon in Westdeutschland lieber gar nicht geredet wird.

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Schwalbanger beginnt kurz nach der Bahnbrücke mit einem langen Gebäude, das aus vier-, drei-, sechs-, fünf-, wieder drei- und schließlich neungeschossigen Teilen besteht.

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Es ist nicht nur in der Höhe, sondern durch viele vor- oder zurückgesetzte Teile auch in der Fläche differenziert, so daß es trotz der weißen Verkleidung und dem Blau-Gelb oder Braun der Balkone kaum wie ein einzelnes Gebäude wirkt. Auf beiden Seiten verlaufen Fußwege, auf denen man zwangsläufig tiefer ins Wohngebiet kommt, da sie nach rechts durch einen zugewachsenen Hügel und ein zweigeschossiges Ladengebäude von der namensgebenden Straße Am Schwalbanger und nach links durch nur halb unterirdische Garagen von der weiteren Umgebung getrennt sind.

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Sobald man an der nach links geschwungenen Richard-Wagner-Straße steht, überblickt man auch schon ganz Schwalbanger. Links der Straße einige lange viergeschossige Gebäude und rechts von ihr punktartige achtgeschossige Gebäude, die aus zwei Teilen um ein verglastes Treppenhaus bestehen.

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Sie stehen locker verteilt zwischen Grünflächen, in denen Spielplätze und Bänke angeordnet sind. Wo früher ein Supermarktgebäude war, ist nun ein neues banales Wohngebäude.

Links des Schwungs der Straße erhebt sich das Gebäude, das den selbstverständlichen, fast möchte man sagen: natürlichen Mittelpunkt von Schwalbanger bildet. Es besteht aus einem achtgeschossigen Bauteil, der mit seiner recht breiten Schmalseite zur Straße zeigt, und einem links angefügten langen dreigeschossigen Bauteil, der am Enge zweigeschossig abknickt.

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Die vorgesetzten Balkone wirken, als seien sie aus weißgetünchten Betonplatten, größeren für Seiten und Böden, kleineren für die Geländer, nicht nur zusammengefügt, sondern baukastenartig zusammengesteckt. Beim höheren Bauteil zeigen solche Balkone nur zur Straße und nach rechts, während links nur kleine horizontale Fenster und einzelne freischwebende Balkone sind.

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Doch nichts des bislang Beschriebenen würde genügen, das Gebäude zum markanten Mittelpunkt des gesamten Wohngebiets zu machen. Dafür ist das, was zwischen den beiden Bauteilen ist, nötig. Unten, über dem verglasten Eingangsbereich, sind zwei Terrassenstufen mit geschwungen ansteigenden, wannenartigen Geländern aus horizontal gemasertem Beton. Oben, dem hohen Bauteil angefügt und ihn noch um ein Geschoß überragend, ist ein verglastes Treppenhaus, das nach links von einem noch weiter aufragenden eckigen Schornstein abgeschlossen wird.

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So wird das Gebäude, 1972 als Altersheim der Heiliggeist Bürgerspital-Stiftung, errichtet, zum höchsten des Wohngebiets und wohl zum höchsten von ganz Neuburg. Die geschwungenen Formen des Eingangs unten setzen sich als Muster in der Fläche des Schornsteins fort. An dessen rechtem Rand steigen eine dicke blaue Linie und mit etwas Abstand eine dünnere braune Linie auf, um weit oben in einem Schwung auf den linken Rand stoßen, wo eine zweite hellblaue Linie beginnt und spiegelbildlich bis zum oberen Ende der Schornsteins führt. Die dazwischen entstehende schwarze Fläche erinnert an ein liegendes Cocktailglas, an den Ještěd, an die Seiten von Alterlaa oder einen Kraftwerkskühlturm. Alles Assoziationen, denen Schwalbanger gerecht wird, denn, wie man es auch nennen mag, es ist ein gelungenes fortschrittliches Wohngebiet, klein, unprätentiös, einfach nur ein angenehmer Ort zum Wohnen.

Und Schwalbanger hat Glück, denn so fernab vom übrigen Neuburg ist es gar nicht. Über die Augsburger und Adolf-Kolping-Straße erreicht man schnell den Bahnhof und über die Münchner Straße halbwegs schnell die Innenstadt und die Altstadt.

Man kommt so auch zum vielleicht schönsten Ort in Neuburg. Es ist eine Bank vor der südöstlichen Ecke der Stadtmauer. Sitzt man dort oben, liegt einem die Stadt zu Füßen. Man kann dem Verkehr lauschen und hin und wieder einen Zug vorbeifahren oder einen Düsenjäger vom Luftwaffenstützpunkt aufsteigen sehen. Sitzt man dort oben, sieht man damit ganz Neuburg. Zwischen all den roten Dächern ragen nur die Post, die Fabrikanlagen von Hoffmann Mineral und eben Schwalbanger auf.

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Schwalbanger ist wirklich ein anderes, neues Neuburg, das weit weniger provinziell ist als etwa seine Innenstadt. Ottheinrich könnte stolz darauf sein.