Der redselige Johannes von Nepomuk

Johannes von Nepomuk ist für Verschwiegenheit bekannt, schließlich ging er lieber in den Tod als das Beichtgeheimnis zu verletzen. Für die meisten seiner skulpturalen Darstellungen gilt das nicht und ganz gewiß nicht für die auf der Ostrow Tumski (Dominsel) in Wrocław. Sie wollen so viel erzählen, wie Skulptur, Sockel und Inschrift erlauben, und die in Wrocław ist dabei noch etwas redseliger.

Dieser Johannes von Nepomuk steht an der Katedralna (Kathedralenstraße), der schmalen Straße, die durch das klerikale Herz der Stadt auf die beiden mächtigen Türme des backsteingotischen Doms zuführt, aber nicht direkt in dieser Achse, sondern etwas seitlich. Vielleicht ist das Absicht, denn Sockel und Skulptur erheben sich haushoch, so daß sogar die Strebepfeiler einer anderen backsteingotischen Kirche dahinter zu schrumpfen scheinen.

Der Sockel ist zuerst ein großer Quader mit an den Ecken schräg vorgesetzten Teilen, dann ein schlankerer vertikaler Quader mit allerdings leicht eingewölbten Seiten und schließlich nach einer überstehenden Plattform ein noch schlankerer Pyramidenstumpf. Ganz oben steht Johannes von Nepomuk, in typischem Priestergewand, kurzbärtig, mit Birett, fünffachbesternt, das Kruzifix im ausgestreckten Arm in die Höhe gehalten und der ins Ungefähre gerichtete Blick nicht besonders intelligent. Zu seinen Füßen ballen sich Wolken und tummeln sich Putten mit teils erschreckend alten Gesichtern. Auf den runden Voluten in den Ecken des Pyramidenstumpfs sind goldene Sternformen. Größere Engeln tragen als Atlanten die Ecken der Plattform. Putten sitzen auch auf den eckigen Voluten, die auf die Ecken des niedrigeren Sockelteils zum Betrachter hinabrollen, aber immer noch über der Hohe seines Kopfes bleiben.

Eine der Putten hält zum Zeichen der Verschwiegenheit einen Finger vor den Mund, während alles an dem Denkmal so laut ist. Da ist viel Überladenheit, viel Geschmacklosigkeit, viel Monumentalität, Barock von seiner schlechtesten Seite. Doch dazwischen, gerahmt davon, ist noch etwas anderes, mit dem das Denkmal etwas erzählt, was es wert ist, gehört zu werden: große Reliefs an den vier Seiten des Sockels.

Beginnend mit der linken Seiten erzählen sie im Uhrzeigersinn die Legende des Johannes von Nepomuk. Über den halbrund endenden Reliefs sind jeweils längsovale Felder mit lateinischen Inschriften, so daß es eine Art barocker Comic ist, den man hier betrachten kann.

Auf dem linken Relief sieht man die Königin kniend bei der Beichte, mit Krone, in langem Kleid, das einen Fuß freigibt, wodurch ihr Knien etwas beinahe Laszives bekommt. Ihr Gesicht ist von der Trennwand des Beichtstuhls halb verdeckt und auch das zu ihr geneigte des Priesters, der Johannes von Nepomuk selbst ist, ist nicht zu erkennen, da er sich ein Tuch vor den Mund hält.

Auf dem hinteren Relief sieht man Nepomuk, nun an seiner Kleidung klar erkennbar, auf dem Weg hügelan zu einer kleinen Kapelle. In der einen Hand hat er einen Wanderstock und in der anderen einen Rosenkranz mit Kreuz und sein Birett, das er vielleicht ob der Anstrengung abgenommen hat.

Auf dem rechten Relief sieht man Nepomuk vor dem König. Jener fordert ihn vom Thron herab mit geöffnetem Mund und ausgestrecktem Arm zum Reden auf, doch er legt den Finger auf den Mund, während er das Birett zum Zeichen des Respekts in der Hand hält.

Auf dem vorderen Relief schließlich sieht man, wie Nepomuk von Soldaten von einer Brücke gestürzt wird. Kopfüber stürzt er, sein Birett liegt bereits im Wasser. Man sieht die Bewegung des Hineinwerfens, man sieht den Mord eingefroren im Moment seines Geschehens. Statt im Wasser zu landen, steht Johannes von Nepomuk zum Heiligen geworden riesenhaft oben auf dem Sockel.

Während ringsum alles so überladen ist, sind die Reliefs ganz auf das Nötigste reduziert. Alles was da ist, muß da sein. Den Figuren und wenigen Kulissen bleibt viel Platz auf der Relieffläche. Die Geschichte, die sich im frühen 15. Jahrhundert zugetragen haben soll, scheint dabei in der Gegenwart des Jahres 1731 zu spielen. Von der Kleidung über die Einrichtung bis zur Architektur ist fast alles in den Reliefs barock. Einzig die Rüstungen der Soldaten sind aus der früheren Zeit. Auch die Brücke könnte tatsächlich die gotische Prager Karlsbrücke, von der Nepomuk gestürzt wurde, sein, aber der Brückenbau hatte in der Zwischenzeit ohnedies keine großen Fortschritte gemacht.

Geradezu zärtlich sind die in den Reliefs gezeigten Architekturen. Die Kapelle hat unten einen niedrigen Sockel aus Steinblöcken und eine erst halbrund, dann vorhangartig abgeschlossene Tür, darüber korinthische Pilaster an den Ecken, schmale rundbögige Fenster und ein niedrig gewölbtes Dach, aus dem in der Mitte ein kleiner Turm ragt. Auch der Beichstuhl ist eher ein Bauwerk als ein Möbelstück. Die vier Stützen, die die niedrige runde Kuppel tragen, sind einzige Voluten, die sich in einer langgezogenen S-Form hinaufschwingen. Die Zierlichkeit dieser imaginierten barocken Gebäude ist auch ein Gegengewicht sowohl zur barocken Monumentalität des umgebenden Kunstwerks als auch zur gotischen Monumentalität der nahen Kirchen.

Wir können wohl froh sein, daß Johannes von Nepomuk zwar nie verriet, was die Königin ihm gesagt hatte, aber von seiner Verschwiegenheit so gerne und ausführlich erzählte. Wenn wie hier in Wrocław zwischen unzähligen Ausschmückungen ein einfacher und gar nicht uninteressanter Kern leibt, ist es besonders schön. Und wie mit diesem Johannes von Nepomuk ist es mit der barocken Kunst insgesamt.

Das Ende des Dom Technika

Das Dom Technika (Haus des Technikers) ist die Perle der Ulica Rajska (Paradiesstraße) im Zentrum von Gdańsk. Es steht kurz hinter dem Kanał Raduni (Raduni-Kanal), genau dort, wo das alte Gdańsk in das neue übergeht, bescheiden aber unübersehbar

Vier Geschosse, etwa quadratischer Grundriß, backsteinerne Brüstungsbänder, die Fenster zwischen vertikalen Betonstreben leicht zurückgesetzt, auf vorstehenden Betonbalken ruhende vertikal geriffelte Betonbänder oder –geländer um das Dach, um den im ersten Geschoß vorne und rechts umlaufenden Balkon und um eine Terrasse, die an der rechten Seite durch das leicht abfallende Gelände ermöglicht wird. Links zwischen zwei Treppenhäusern eine Backsteinwand mit einem Muster hervorragender kleiner quadratischer Steine. Die beiden Treppenhäuser sind gleich groß, haben den gleichen rechteckigen Grundriß und bei beiden sind die schmalen Seiten backsteinverkleidet, während die breiten Seiten hinter horizontalen Betonlamellen verglast sind.

Da aber das eine parallel vor die Wand gesetzt ist und so nur eine verglaste Wand hat, während das andere quer gesetzt ist und so zwei verglaste Wände hat, wirken sie völlig verschieden.

Der Eingang befindet sich im rechten Teil der Vorderseite und wird bloß durch ein Muster aus kleinen und größeren Kreisen und Kreishälften in der roten Wandverkleidung markiert.

Dieselben Muster finden sich, nun abwechselnd mit heller Holzverkleidung, auch im Inneren. Direkt hinter dem Eingang führt eine Treppe durch alle vier Geschosse nach oben. Ihre Stufen und die Böden sind aus hellem glatten Stein, ihr Geländer und die der größer werdenen Öffnungen sind aus dunklem Stahl und hellem Holz, oben im Dach sind zwei Reihen quadratischer Oberlichter und nach ihrem Abschluß ist eine freistehende Wand mit einem der Wandverkleidung verwandten Glasmuster.

Ohne daß es von außen zu erahnen wäre, wird so ein repräsentativer, aber zugleich funktionaler Aufgang geschaffen. Zugleich setzt die innere Treppe das Spiel der beiden vorgesetzten Treppenhäuser auf andere Weise fort.

Das Dom Technika ist ein Gebäude, daß es schafft, einerseits durch den Backstein Bezug auf das Alte zu nehmen und andererseits in seinen Formen und durch den Beton klar etwas Eigenes zu sein. Zudem steht es frei, weit von der Straße und dem Kanal abgesetzt. Seine Umgebung, die Wiese auf der einen und die Grünanlage auf der anderen Seite, sind so wichtig wie das Gebäude selbst und verbinden es auf vielfältige Art mit weiteren Stadt.

So war das 1973 erbaute Dom Technika nicht nur ein neues Gebäude, sondern ein neuer städtischer Raum.

Bis Ende 2016 blieb auch alles so wie beschrieben und auf der obigen Zeichnung von 1980 zu sehen. Weiterhin sitzen im Dom Technika verschiedene technische Fachverbände, auch wenn die Księgarnia techniczno-naukowa (Technisch-wissenschaftliche Buchhandlung) im Erdgeschoß durch einen Biedronka-Supermarkt ersetzt wurde. Und auch der städtische Raum blieb erhalten, erkennbar jedenfalls, obwohl rechts daneben schon seit längerem eine abgezäunte Baugrube war. Vor wenigen Monaten dann wuchs der Zaun weiter und nahm auch die Wiese vor dem Gebäude ein. Hinzu kam ein großes Schild, das androhte, daß die Ecke auf unendlich banale Weise zugebaut werde. Wie um die Drohung zu unterstreichen, wurden in die Grube zwei kleine Kräne gestellt.

Sobald es warm genug war, kamen richtige Kräne und es wird tatsächlich gebaut.

Das Dom Technika wird in einen Hinterhof verbannt sein.

So geschieht einem der besten Gebäude der Ulica Rajska, was ihrem besten Kunstwerk, dem Heweliusz-Denkmal, bereits geschehen ist. Nichts Besonderes also, typische kapitalistische Zerstörung all dessen, was in der Stadt gut und fortschrittlich war. Man muß wohl froh sein, daß das Dom Technika überhaupt noch fortexistieren wird und, was fast wichtiger ist, auch der Grünbereich mit dem Heweliusz-Denkmal. Zukünftig wird es eine Perle in einer häßlichen und erdrückend engen Schale sei.

Erkundungen auf Friedhöfen: Das Grab des Rabbis Samuel Aron Frommer

Manchmal wird von lebendiger Geschichte geredet. Das stimmt natürlich nie. Geschichte ist tot und alles, was Geschichte nacherlebbar machen will, ist eine, vielleicht gutgemeinte, Lüge. Aber manchmal steht man der Geschichte doch unvermittelter gegenüber als sonst. So am Grab des Rabbis Samuel Aron Frommer auf dem alten jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs.

FrommerGrab

Es ist ein großes Grab, aber nicht auffällig groß. Eine freistehende Gruft mit leicht orientalisierenden Pilastern und Tempeldach. Oben zu drei Seiten in hebräischer Schrift der Name und die chassidischen Ehrentitel des Rabbis. Innen ein schmaler Raum und an seinem Ende ein großer, aber schlichter weißer Stein mit hebräischer Inschrift.

FrommerGrabstein

Nirgends ein lateinisches Wort. Das ist auf dem Wiener Zentralfriedhof, wo meist zweisprachige oder deutsche Inschriften sind, nicht häufig, aber auch nicht einmalig. So könnte man also weitergehen, sicher, daß das Grab einem nichts sagen kann, weil man kein Hebräisch kann. Das wäre aber ein Fehler. Stattdessen trete man ein.

Auf den Sockel des Grabsteins wurde etwas geschrieben, Kritzeleien, meint man, Schändungen gar, Zeichen der Verwahrlosung. Und auch zwischen den Zeilen oben etwas, ein Herz mit Datum. Dann das plötzliche Erkennen: das Schwarze auf dem weißen Stein ist kein Dreck, es ist sind Buchstaben. Der Grabstein des Rabbis Samuel Aron Frommer ist über und über mit Worten bedeckt. Und nicht irgendwelche Worte:

„Lieber Rabi bitt beim lieben Gott für mein Weibi u. für mich Dora, Sigi, Pepi, Franzi / Er soll uns nicht verlassen / Poldy u. Leon 7/VIII 1938“

„Lass bald Frieden für uns Juden kommen […]“

FrommerFrieden

„Hilf mir, daß ich nach Palästina kann […]“

FrommerPalästina

„Lieber guter Rabbi, heute ist es 18 Monate das Feitil [?] im K.-Z. ist. Hilf uns doch endlich, heiliger Rabbi! 22.9.39“

FrommerKZ

Alle, alle diese Inschriften sind Fürbitten an den toten Rabbi Frommer, flehende, immer verzweifelter werdende Wünsche. Sie erzählen mitten auf dem Friedhof so direkt und eindrucksvoll vom vergangenen jüdischen Leben wie kaum etwas anderes, was man im öffentlichen Raum finden kann.

Auch hier lebt die Geschichte nicht, aber sie ist unvermittelt, ungefiltert, vor einem. Die Worte eines der wenigen verbliebenen Zeitzeugen können faszinierend sein, aber er spricht sie als die Person, die er heute ist, nicht als die Person, die er vor 75 Jahren war. Die Worte eines zeitgenössischen Berichts können faszinierend sein, aber sie sind bloß wie beliebige andere Worte auf Papier gedruckt. Das einzig Vergleichbare wäre es, einen handschriftlichen Brief aus der Zeit in der Hand zu halten und wer hat dazu schon Gelegenheit? Hier aber kann man lesen, was Wiener Juden in eigenen Worten und in eigener Handschrift niederschrieben.

Rabbi Frommer starb laut dem Grabstein am 23. Sivan 5691, also am 8. Juni 1931, und das erste noch zu lesende Datum auf dem Stein ist 1936. Auch aus den Fünfzigern sind einige Inschriften und vereinzelte aus noch späterer Zeit. Wie man daran sieht, ist das Beten am Grab von herausragenden Rabbis, den Zaddiks, eine übliche Praxis der ostjüdischen Chassidim. Unkontrovers allerdings ist es nicht und mußte auch erst einmal mit allerlei theologischen Spitzfindigkeiten vom Anbeten der Toten unterschieden werden, denn das wäre streng verboten. Joseph Roth beschriebt 1927 in „Juden auf Wanderschaft“ den chassidische Kult um einzelne Rabbis so:

„Sehr deutlich ist die Trennung zwischen sogenannten aufgeklärten Juden und den Kabbalagläubigen, den Anhängern der einzelnen Wunderrabbis, von denen jeder seine bestimmte Chassidimgruppe hatte. Die aufgeklärten Juden sind nicht etwa ungläubige Juden. Sie verwerfen nur jeden Mystizismus und ihr fester Glaube an die Wunder, die in der Bibel erzählt werden, kann nicht erschüttert werden durch die Ungläubigkeit, mit der sie den Wundern der gegenwärtigen Rabbis gegenüberstehn. Für die Chassidim ist der Wunderrabbi der Mittler zwischen Mensch und Gott. Die „aufgeklärten“ Juden bedürfen keines Mittlers. Ja, sie betrachten es als Sünde, an eine irdische Macht zu glauben, die imstande wäre, Gottes Ratschlüssen vorzugreifen, und sie sind selbst ihre eigenen Fürsprecher. Dennoch können sich viele Juden, auch, wenn sie keine Chassidim sind, der wunderbaren Atmosphäre, die um einen Rabbi weht, nicht entziehen und ungläubige Juden und selbst christliche Bauern begeben sich in schwierigen Lagen zum Rabbi, um Trost und Hilfe zu finden.“

Wie das Grab des Rabbis Frommer zeigt, nahm die übliche Praxis in der Zeit der größten Bedrängnis der Juden stark zu. Nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland, nach der Einführung judenfeindlicher Gesetze und den ersten Pogromen, stieg verständlicherweise das Bedürfnis, den Rabbi um Hilfe zu bitten. Die allermeisten Inschriften sind aus den Jahren 1938 und 1939. Außer den deutschen Inschriften sind auch jiddische in hebräischen Buchstaben und ukrainische in kyrillischen Buchstaben zu lesen, eine von diesen gar vom „9/VI 43“.

Es waren offenkundig einfache Leute, die hier in einfachen, manchmal ungelenken Worten ihre Bitten aufschrieben und dadurch tiefe Einblicke in ihre Lebenssituation und ihre Welt gaben, genau die Leute, die in den Geschichtsbüchern kaum vorkommen. Sie schrieben es nicht, damit es gelesen werde, sie schrieben es für ihren „heiligen Rabbi“. Für sie war Frommers Grab ein Wallfahrtsort, den zu besuchen ihnen wohl leider so wenig brachte wie allgemein der Besuch von Wallfahrtsorten. Heute ist es ein Denkmal, zufällig, ungeplant, bloß weil diese Worte dort die Zeit überdauert haben. Es ist damit einer der faszinierendsten jüdischen Orte in Wien.

Informationen finden sich darüber wenigstens im Internet keine. Ein unkommentiertes Bild bei Flickr, eine Erwähnung in einem jiddischsprachigen Forum, der Hinweis, daß Samuel Arons Sohn Simon im Jahre 1907 in der türkisch-israelitischen Gemeinde Wiens heiratete, das ist alles. Wer Frommer war, woher er stammte, das läßt sich nicht mehr herausfinden. Dem steht die Verehrung gegenüber, die er laut der Inschriften bei seinen Anhängern genoß.

Man kann also nur spekulieren: Er war Oberhaupt einer chassidischen Dynastie, einer derjenigen, die Roth Wunderrabbis nennt. Er stammte aus dem Osten, aus Galizien, der Ukraine oder Litauen, war aber seit vor 1907 in Wien, vermutlich in der jüdisch geprägten Leopoldstadt. Während manche chassidische Dynastien die Vernichtung durch die Deutschen überstanden und in den USA oder Israel weiterbestehen, am bekanntesten wohl die Chabad, bleibt von der des Rabbis Samuel Aron Frommer offenbar nur dieses Grab. So erzählt es indirekt auch von der Vernichtung. Doch was das heißt, Vernichtung, wird man niemals lebendig nachempfinden können.

Straßenbahnstation Zaspa

Straßenbahnen fahren meist auf der Straße und man könnte das natürlich finden, schließlich heißen sie so. Auch die östlich der SKM-Strecke  von der Gdańsker Innenstadt bis nach Oliwa führende Straßenbahnlinie verläuft auf Straßen und meist in deren Mitte. In älteren Teilen mit kleineren Straßen, noch in Wrzeszcz also, ist das vielleicht unausweichlich. Aber in neuen Teilen, in Zaspa, Przymorze und Żabianka, gäbe es viele Alternativen. Man würde das vielleicht nicht einmal bemerken, gäbe es nicht die Straßenbahnstation Zaspa, die entgegen ihrem Namen fast schon in Przymorze liegt.

Bevor man sie erreicht, fallen die Schienen kaum merklich ab, während die Straße auf beiden Seiten kaum merklich ansteigt.

Dann geht es unter der niedrigen Brücke der abzweigenden Straßenspuren hindurch, die mit ihrer Länge und ihren Betonwänden fast wie ein Tunnel wirkt.

Und auf einmal ist alles anders.

Keine Straße mehr. Wo sie verläuft, sieht man nur einen Hang mit Gras und Büschen.

Davor drei Bahnsteige und, auf einer dreiseitigen Stufenanlage in den Hang gesetzt, ein kleines Gebäude, das unter einem von dünnen runden Stützen getragenen dicken brauen Flachdach links einen offenen Warteraum und rechts Fahrkartenschalter hat.

Auf der anderen Seite blickt man über den weiten Wendekreis der Straßenbahn zu Schuppen vor einem Park und in das parkartige Grün zwischen den ersten elfgeschossigen Wohngebäuden, darunter dem ersten Falowiec, von Przymorze.

Wege führen durch die Wiese des Wendekreises und an der anderen Seite gibt es zwei weitere Bahnsteige.

Es ist, als habe die Straßenbahn eine ihr feindliche Umwelt verlassen und sei in ihrem natürlichen Lebensraum angekommen. Überdeutlich ist das Gefühl der Erleichterung, der Befreiung: hier, genau hier muß die Straßenbahn sein. Befreit ist sie von der Straße, die sie sich mit den Autos teilen muß. Die Straßenbahnstation Zaspa gehört ganz ihr und dem Fußgänger. Sie zeigt, daß alles auch ganz anders sein könnte. Sie zeigt, daß die Straße gerade nicht der richtige Ort für die Straßenbahn ist. Auch das Wort Straßenbahn scheint auf einmal ganz ungeeignet und es ist ja auch bloß eine Eindeutschung des englischen Tramway, Tram, das viel weniger einschränkend ist.

In der Straßenbahnstation Zaspa zeigte der fortschrittliche polnische Städtebau, daß er grundsätzlich verstand, wie sinnvoll und notwendig die Trennung der verschiedenen Verkehrsmittel ist. Doch sie ist nur eine kleine Oase. Nach kurzem Halt muß die Straßenbahn durch den nächsten Tunnel wieder hinaus auf die Straße.

Mennonitenkirche Gdańsk

Wenn man sich mit dem Zug von Süden her dem Hauptbahnhof von Gdańsk nähert, etwa auf der Höhe der SKM-Station Śródmieście, sieht man am Hang über den Gleisen ein kleines weißes Gebäude.

Zwischen den kaiserzeitlichen Mietskasernen, die sich den Biskupia Górka (Bischofsberg) hinaufdrängen, sticht es durch seine große Schlichtheit hervor.

Es hat einen rechteckigen Grundriß, an den Breitseiten je fünf große und hohe rundbögige Fenster, schmale Pilaster mit winzigen ionischen Kapitellen, ein leicht gestuft überstehendes und elegant geschwungenes Walmdach, das so wohlproportioniert ist wie das ganze Gebäude.

Soviel sieht man bereits vom Zug und wenn man näher kommt, wird es kaum mehr. Der Eingang an der zur Straße zeigenden Schmalseite ist irgendwie vorgesetzt, an der anderen Seite ist irgendein neuerer Anbau, aber das ist egal.

Radikale Einfachheit, die sich ihrer letzten Ornamente fast schämt, zeichnet das Gebäude aus. Es wurde 1819 gebaut und würde so dem Klassizismus zuzuordnen sein, gar als ein mustergültiger Ausdruck dieses Stils gelten. Aber viel wichtiger ist es, zu betrachten, was dieses Gebäude war: eine mennonitische Kirche.

Weiß man dies, wird die Stileinordnung sinnlos, denn sakrale Architektur, die freiwillig oder aus äußerem Zwang, von größter Kargheit geprägt war, gab es schon lange vorher. Immer waren es die Minderheiten, die so bauten, meist also die Juden. Daher ist es kein Zufall, daß diese mennonitische Kirche nicht viel anders aussieht als etwa die Synagoge in Włodawa, deren Erbauung noch in den Barock fällt. Selbstverständlich war die Situation von Anhängern radikaler protestantischer Sekten und Juden in vielem verschieden, aber beide standen sie außerhalb der protestantischen oder katholischen Staatsreligionen ihrer Zeit.

Auch die Lage der Kirche am Rand der Stadt paßt dazu. Als die Mennoniten, Teil der Wiedertäuferbewegung der Reformationszeit und benannt nach einem friesischen Priester, aus ihren süddeutschen und niederländischen Kerngebieten flüchten mußten, siedelten sie sich unter anderem bei Gdańsk an, da die polnische Rzeczpospolita ihnen Religionsfreiheit gewährte. Eigennützig war das nicht, denn die Mennoniten galten als talentierte und fleißige Bauern und Handwerker. Und wohlgemerkt lebten sie bei Gdańsk, nicht in, denn Bürger der Stadt konnten sie erst ab 1800 werden. Ihre neue Kirche bauten sie an dieser Stelle, weil sie so sowohl für die in den Vororten lebenden Mennoniten als auch für die, die ihre neuen Möglichkeiten nutzten und nach Gdańsk zogen, gut erreichbar war.

Es ist eine gewisse Ironie, daß das so zurückhaltende Gebäude durch die später angelegte Bahnstrecke in eine exponierte Lage versetzt wurde und nunmehr gerade durch seine schlichte weiße Gestalt auffällt. Doch selbst das gilt nur im Winter; in den warmen Jahreszeiten versteckt es sich hinter hohen Bäumen.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Poprad-Tatry

Der Bahnhof Poprad-Tatry am Fuße der Hohen Tatra ist die Apotheose der tschechoslowakischen Bahnhofsarchitektur. Oder er wäre es, wenn er je fertig geworden wäre. Schon auf den ersten Blick ist offenkundig, daß er etwas Besonderes ist:

Seine Halle ist quer über die Gleise gebaut, ja, sie hängt an einem freiliegenden Stahlskelett aus zwei horizontalen Balken und leicht schrägen V-Trägern über den Gleisen.

Von der Mitte der Gleise steigt dieser aufgehängte Bauteil sanft zu den Seiten an, wobei er auf der einen Seite höher und länger als auf der anderen wird. Auf dieser Seite, schon nach dem Ende des äußeren Skeletts, werden die verglasten Wände der Halle kaum merklich durch die Fensterreihen von Büroräumen abgelöst. Zuletzt sechsgeschossig, aufgestützt und mit einer leicht schrägen metallverkleideten Wand an der Schmalseite, durchbricht der Bauteil einen parallel zu den Gleisen verlaufenden Bürobau, der so ebenfalls in einen kürzeren und einen längeren Teil gegliedert wird.

Sein Sockel ist zweigeschossig und mit quadratischen Platten aus rauem roten Stein verkleidet. Darüber sitzen größere zweigeschossige kubische Teile, die mit vertikalen sandfarbenen Kacheln verkleidet und durch schmale vertikale Stahlstreben strukturiert sind. Die Schmalseite am längeren Ende des Bürobaus, wo die Post ist, nimmt wieder die Formen des aufgehängten Bauteils auf.

Im zweiten Geschoß ragt sie vor und steigt als dunkel verglaste Fläche leicht nach hinten an. Oben steht in einer eigens geschaffenen Schrift, in der die As sehr stilisiert fast schon Berggipfel, die Ps fast schon Sicheln und die Rs fast schon Hämmer und Sicheln sind, der Bahnhofsname: Poprad-Tatry.

Daß der Bahnhof diesen Doppelnamen, in dem sowohl die Stadt Poprad als auch das Gebirge Tatra enthalten sind, nicht umsonst trägt, merkt man bald, wenn man nicht nur seine Form, sondern auch seine Funktionsabläufe erlebt.

Von den Bahnsteigen gelangt man über Treppen und Rolltreppen hinauf in die Halle. Ihr Inneres entspricht dem, was von außen zu erwarten ist, und überrascht dennoch.

Die vertikalen Streben zwischen den golden getönten Scheiben werden von ihren beiden Schmalseiten in dem Maße schräger, wie das Dach niedriger wird, so daß der Raum in einer komplizierten Bewegung begriffen scheint.

So leitet die Halle einen zu beiden Seiten weiter.

Ihr höherer und längerer Teil führt in die Stadt, nach Poprad. Am Ende dieses Teils sind ein Aufenthaltsbereich mit verstreuten sechseckigen Bänken und der Eingang des Restaurants. Im Obergeschoß legt sich darum eine hufeisenförmige Galerie, zu der rechts eine Treppe führt. Während die Wände und Stützen unten rote Steinverkleidung haben, sind die Ränder der Galerie und die Wand darüber, wo eine weitere Treppe in ein weiteres Geschoß führt, gelb gestrichen oder mit runden gelben Kachelmustern verkleidet.

Noch vor diesem Bereich am Hallenende führen Treppen und Rolltreppen zwischen zwei großen Stützen mit roter Steinverkleidung hinab in die Schalterhalle. Sie liegt nur noch etwas höher als die Gleise und öffnet sich nach vorne mit einer Fensterfront zu einer großen Terrasse auf dem Dach eines flachen Vorbaus.

Noch einmal Treppen und Rolltreppen und man ist in diesem Vorbau, der links und rechts sowie vorne am Ende einer eher dunklen Ladenpassage Ausgänge hat. Links geht es in einen Park und weiter ins Zentrum von Poprad, rechts an einem historistischen Hotelbau vorbei zum Busbahnhof und vorne nach den Geschäften und einem Steinrelief mit alten Gebäuden ebenfalls gen Zentrum.

So ragt der Bahnhof mit dem Vorbau weit in die Stadt hinaus, macht sich so selbstbewußt wie feinfühlig zum Teil von ihr, wirft gleichsam eine Landungsbrücke aus, um die vom Zug kommenden Menschen in sie hineinzuleiten.

Kommt man geradewegs auf den Vorbau zu, scheint die Schmalseite des über die Gleise gesetzten Bauteils, die über dem Glas der Schalterhalle auf massiven Stützen ruht, fast zu schweben. Beidseits des breiten vorderen Eingangs des Vorbaus schwingen sich mit hellem Stein verkleidete Treppen mit spiegelbildlichen Dächern zur Terrasse auf, während über ihm ein Relief aus demselben Stein ist.

Es zeigt das geflügelte Rad, altes Symbol des Eisenbahnwesens, aber es hat nichts Altes mehr, es scheint in so schneller Bewegung, daß es sich vervielfacht, während die Flügel zu Linien, die nur noch Geschwindigkeit ausdrücken, geworden sind.

Der niedrigere und kürzere Teil der Halle führt in die Tatra. Über den Ausgängen wird der glatte rötliche Stein der Halle zu einem großen  Relief, das in einer eckig stilisierten Bergsilhouette einige Blumen, sich anblickende Gesichter im Profil, das Wappen von Poprad und in die Berge führende Linien zeigt.

Man tritt hinaus auf einen aufgestützten überdachten Mittelbahnsteig, mit dem sich die Halle draußen fortsetzt.

Links sieht man bei günstigem Wetter das, was Relief ankündigte: die Gipfel der Hohen Tatra, die zuvor durch das getönte Glas eher zu erahnen waren.

Hier fährt die TEŽ ab, die Tatranská električká železnica, die Elektrische Tatrabahn. Umgangssprachlich wird sie einfach električka genannt, was im Slowakischen sonst Straßenbahn heißt, doch der Hochbahnsteig erinnert eher an den einer U-Bahn.

Tatsächlich ist es ein Nahverkehrssystem, das hier seinen Ausgang nimmt, aber eben eines, das nicht durch eine Stadt, sondern durch die Berge führt. Von Poprad im Tal gelangt man mit der TEŽ bis in die Touristenorte hoch oben am Hang, wo die Wanderwege, Lifte und Seilbahnen weiter ins Gebirge führen. Diese Bahn ist es auch, die die Linien im Relief darstellen.

Der Bahnhof Poprad-Tatry ist denn das Tor in die Tatra. Er ist zentraler Teil der über bloße Infrastruktur weit hinausgehenden, eher schon städtebaulichen Maßnahmen, mit denen die Tschechoslowakei ihr Hochgebirge erschloß. Er ist nicht bloß der Bahnhof von Poprad, sondern auch der Bahnhof der Tatra, weshalb sein Name paßt. Er ist eine Schnittstelle zwischen Fernverkehr in die ganze Tschechoslowakei und darüber hinaus, Nahverkehr in die Tatra und fußläufigem Zugang nach Poprad. Aus diesen Funktionen ergibt sich seine ganze Architektur. Er sitzt wie eine Krone über den Gleisen nicht etwa, weil das so hübsch aussieht, sondern weil es so sinnvoll ist.

Auch unter der enormen Zahl bemerkenswerter Gebäude, die die tschechoslowakische Bahnhofsarchitektur hervorgebracht hat, nimmt der Bahnhof Poprad eine besondere Stellung ein. Denn so vielfältig diese Bahnhöfe, die von der Hauptstadt Prag bis in die fernste Provinz über das Land verstreut liegen, sein mögen, ist den meisten doch der grundlegende Aufbau gemein: ein Eingangsgebäude mit Halle als Verbindung zur Stadt und hinter diesem die Gleise, die mal durch Unterführungen, mal durch ebenerdige Übergänge verbunden sind. Dazu ein Bürogebäude für die verschiedenen Verwaltungsfunktionen und eine Post. Kritisch könnte gesagt werden, daß dadurch die Gleise, die für den Bahnhof das wichtigste sein sollten, in den Hintergrund gerückt werden. Neue funktionale Verbindungen von Gebäuden und Gleisen oder auch nur klassische Bahnsteighallen finden sich sehr selten. Der Bahnhof Poprad-Tatry zeigt, daß die Bahnhofsarchitektur der Tschechoslowakei auch das ganz Neue konnte. Er verbindet die verschiedenen Elemente auf neue Art und hebt die Halle empor über die Gleise. 1977 begonnen und 1983 eröffnet, ist er ein weiteres Glied in einer großartigen Entwicklung.

So unangreifbar stark ist der funktional-architektonische Kern des Gebäudes, daß ihm keine Widrigkeit etwas anhaben kann. Sein größtes Problem war, daß er bei seiner Eröffnung nicht fertig war. Es fehlten die Verbindungen von der Halle zu den Bahnsteigen, die so zwangsläufig zu ihm gehören. Dann kamen all die Veränderungen der späteren Jahre: die Tönung der Hallenfenster ist dreckig verlaufen, das Restaurant ist geschlossen, die Terrasse ist unzugänglich, der an den Gleisen stehende Bürobau hat eine vulgarisierende Wärmedämmung, so daß die ursprüngliche Verkleidung nur noch bei der Post sichtbar ist, und im Sommer 2016 waren weitere Umbauten im Gange.

Immerhin bekam der Bahnhof die nötigen Verbindungen zur Halle, die an deren Architektur anzupassen aber niemand für nötig hielt.

Der Sozialismus war, wie hier überdeutlich zu erkennen ist, die Bedingung für diese Architektur. Nach seinem Wegfall blieb die Apotheose aus. Auf das Ende der tschechoslowakischen Bahnhofsarchitektur folgte keine nennenswerte tschechische oder slowakische Bahnhofsarchitektur. Statt Vollendung sieht man am Bahnhof Poprad-Tatry all die Wunden der letzten fünfundzwanzig Jahre, aber auch die Möglichkeiten einer Zukunft. Vielleicht wäre Apotheose ohnedies ein unpassender Begriff für etwas, was einfach eine Entwicklung zum Besseren war, ein Fortschritt. Und was auch noch mit diesem Bahnhof passieren mag, durch seine enorme Funktionalität wird er immer das Tor in die Tatra und ein architektonisches Meisterwerk bleiben.

Ferne Tote

Daß in einem großen Krieg wie dem zweiten Weltkrieg Soldaten fern ihrer Herkunftsländer sterben, das weiß man, das gehört zu einem solchen Krieg. Dennoch ist es noch einmal etwas anderes, an unerwarteten Orten daran erinnert zu werden. Noch faszinierender ist es, wenn die Toten keine Soldaten aus den großen kriegsführenden Staaten waren, die eben dort starben, wo deren Armeen kämpften, sondern solche, die erst ungewöhnlichere komplizierte Schicksale in die Armeen, für die die sie kämpften und starben, geführt hatte.

Auf einem alliierten Friedhof in Nordholland, etwa diesem in Bergen, erwartet man die vielen britischen, kanadischen, australischen und neuseeländischen Gräber.

Doch dazu finden sich auch oft polnische

und manchmal tschechoslowakische.

Mitten im gefühlten Westen ist da der gefühlte Osten, der dort scheinbar so gar nicht hingehört. Die polnischen Adler und tschechoslowakischen Löwen auf den schlichten weißen Steinen in Bergen sind eine Erinnerung an den Beitrag, den Piloten und Flugzeugbesatzungen aus diesen Ländern vom Westen her, mit der britischen Armee kämpfend, im Krieg gegen Deutschland erbrachten.

Im Osten kämpften polnische und tschechoslowakische Truppen an der Seite der sowjetischen Armee, wie ein Denkmal in Gdynia erinnert. Im Vorort Orłowo, abseits der durch die ganze Trójmiasto führenden großen Straße, die hier Aleja Zwycięstwa (Allee des Sieges) heißt, bildet der rechteckige Stein mit Bronzetafel den Mittelpunkt einer kleinen Grünanlage.

Daß hier am 27.3.1945 bei der Befreiung von Gdynia drei Soldaten der polnischen 1. Panzerbrigade „Helden der Westerplatte“ fielen, wäre nur halb so interessant, wenn nicht der erstgenannte Petko Tanczew ein Bulgare wäre, weshalb unter dem Adler und dem fünfzackigen Stern auch eine bulgarische Inschrift folgt. Was Петко Танчев ochotnik, доъроволец, Freiwilligen werden ließ und wieso er der polnischen Brigade zugeordnet wurde, läßt sich wohl nur noch schwer herausfinden. In Gdynia war bis vor einigen Jahren auch noch eine Schule nach ihm benannt. Heute ist die Gedenktafel, so fern vom Schwarzen Meer und so nah an der Ostsee, eine von eher wenigen bulgarischen Spuren in der Trójmiasto.

An einen Kämpfer nicht an der Seite, sondern in der sowjetischen Armee erinnert eine Gedenktafel am Kulturhaus des ostslowakischen Dörfchens Kladzany.

Sein Name war Hans Jahn und er war, wie zu lesen ist, deutscher Antifaschist in den Reihen der roten Armee, der bei der Befreiung von Kladzany kämpfte und fiel.

Laut den verfügbaren Daten war er ein Wehrmachtssoldat, der zur sowjetischen Armee übergelaufen war und bei Kladzany starb, vielleicht, während er einen anderen rettete. Daß er nicht vergessen ist, verdankt sich der DDR, die das in Dessau stationierte Funkaufklärungsregiment „Hans Jahn“ nach ihm benannte, und dessen Soldaten, die mehr über ihren Namenspatron herausfinden wollten. Die 1979 angebrachte Tafel war somit eine freundliche Geste der Tschechoslowakei an die befreundete DDR, eine Erinnerung an die anderen Deutschen, die es erstaunlicherweise gab. In Kladzany ist Hans Jahn dadurch nicht ganz vergessen und erst Ende letzten Jahres führte das örtliche Laientheater ein Stück über ihn auf.

Was diese drei Beispiele, drei von sicher unzähligen, unter denen ebenso sicher noch weit eigentümlichere sind, zeigen, ist, daß der zweite Weltkrieg auch deshalb so genannt wird, weil in ihm alles zusammenhing. Polnische und tschechoslowakische Flieger in Holland, ein bulgarischer Freiwilliger an der polnischen Ostsee, ein deutscher Rotarmist in der slowakischen Provinz – das sagt viel über den zweiten Weltkrieg.