Maria im Kino

Wie wenig es braucht, damit ein schöner und wiedererkennbarer Ort entsteht! Eine kleine Grünanlage in Pardubice, Bratranců Veverkových (Straße der Vettern Veverka), irgendwie zwischen einer kleinen gotischen Kirche, einem k.u.k. Schulklotz und einer Einkaufspassage, nichts besonderes. Doch ein Kunstwerk und ein architektonisches Kleinod genügen, um etwas daraus zu machen.

Zuerst eine barocke Marienplastik – ihr schlanker Körper zart aus dem Faltenwurf ihres Kleids, dessen Schnürung ihre Brust betont, emporwachsend, leicht zurückgelehnt, mit geöffneten Armen unendlich einladend dastehend und auf ihrem Gesicht ein Lächeln von großer Schönheit.

MariaBratrancůVeverkovýchPardubice

Angeblich soll diese Art der Mariendarstellung, eine Marie Karlovská, Maria schwanger zeigen, doch das würde man nie ahnen. Trotz dem vielsternigen Heiligenschein, der ihr aus dem Nacken wächst wie Antennen aus dem Kopf eines Marsmenschen, hat nichts an dieser Maria mit Religion oder Spiritualität zu tun, sondern nur mit völlig irdischer zärtlicher Liebe.

Am anderen Ende der Grünanlage steht am Anfang einer Häuserflucht aus der ersten Republik ein 1932 errichtetes Kino.

KinoJas70BratrancůVeverkovýchPardubice

Es ist vor allem eine hohe, fast leere Wandfläche, die rechts als pure Form beginnt, oben abgerundet und mit rundem Loch, sich nach links hin als freischwebender Streifen über den Saal legt und sich dann nach einem Schwung nach hinten und unten in dessen Seite fortsetzt. Davor ist rechts im zweiten Geschoß eine quadratische Terrasse und links daneben über den Eingangstüren ein gänzlich verglaster Foyerbereich, dessen Ecken leicht abgerundet sind. Weiter nach links sind weniger markante Bauteile vorgesetzt. Rechts ist über der Terrasse eine Leuchtreklame mit dem Namen des Kinos. Es heißt Jas 70, eine Verbindung des tschechischen Worts für Glanz und dem hochqualitativen 70-mm-Film, den es abspielen konnte. Kleingeschrieben und rot, das j länger und as und 70 verbindend, ist der Schriftzug ein wirkliches Logo. Die große leere Wand ist gleichsam die Leinwand, auf die Terrasse und Foyer als die eigentlichen Formen dieses Kinobaus gesetzt und noch um das Logo ergänzt sind.

Heute steht das Kino leer, keine Paare können mehr aus einer Vorstellung kommend am zärtlichen Lächeln der Maria vorbei zur Trolleybushaltestelle gehen. Aber ein schöner Ort bleibt es dank Staue und Kino doch, denn es braucht eben so wenig.

Die Bundespost in Neuburg

Das Postgebäude in Neuburg an der Donau ist schon auf den ersten Blick ein Kleinod des westdeutschen Brutalismus. Es steht an der großen Münchener Straße unübersehbar groß und fremd zwischen kleinen Häusern. An beiden Seiten führen kleine Straßen tiefer ins Einfamilienhausgebiet.

PostNeuburgGesamt

Das gesamte Gebäude hat eine Verkleidung aus unregelmäßig vertikal geriffeltem Beton und braun gefaßte horizontale Fenster, die mal nur recht schmale Bänder unterhalb der Geschoßdecke bilden, mal weiter zum Geschoßboden reichen, aber immer miteinander verbunden sind. Auch das überstehende Dach des hohen Sockelgeschosses und seine Wände haben die gleiche Verkleidung. Der Sockel ist an der Münchener Straße kürzer als weiter hinten, so daß an den Ecken kleine freie Flächen entstehen. Neben der linken dieser Ecken, aber allseitig zurückgesetzt ragt aus dem Sockel ein quadratischer Hochbau mit drei weiteren, etwas niedrigeren Geschossen auf. Bei jedem von ihnen sind Verkleidung und Fenster unterschiedlich angeordnet. Das ist eigentlich alles und doch erst der Anfang, denn an einigen Stellen durchbricht der Beton diese ohnedies nie starre Ordnung.

PostNeuburgEingang

Der Eingang in der Gebäudemitte ist nicht besonders markiert, es geht einfach zwischen quer gesetzten Wänden mit der allgegenwärtigen Verkleidung hinein. Sogar die kleinen schwarzen Pflastersteine des Gehsteigs setzen sich noch im Inneren fort. Links davon, wo der Schalterraum ist, bestehen die Flächen der Ecke nur aus Glas, vor der glatte wandhohe Betonlamellen sind.

Im hinteren Teil des Sockels sticht ein spitzes Betonelement mit verglasten Seiten hervor. Von hinten, von der im Bogen um das Gebäude führenden Elias-Holl-Schanze, erkennt man, daß es sich dabei um ein Teil des Dachs der dort befindlichen Halle handelt.

PostNeuburgDach

Das Dach ist eigentlich nur eine Abfolge mehrerer kleiner, abwechselnd zu beiden Seiten leicht ansteigender und schräg überstehender Spitzdächer. Da die äußersten Dächer aber gewissermaßen halbiert sind, entsteht dennoch ein skulpturaler Effekt.

Wenn man das Gebäude von hier betrachtet, merkt man zudem, daß es ganz falsch ist, bei ihm von einem Hinten und Vorne zu sprechen. Alle seine Seiten sind gleich wichtig.

Aus dem obersten Geschoß und dem Dach der also nicht hinteren Seite des Hochbaus stehen übereinander je zwei Balkone hervor.

PostNeuburgBalkone

Die unteren beiden bestehen aus dem glatten Beton des Bodens, der nach vorne geschwungen ansteigt und zum Geländer wird, einem Blumenkasten und fast transparenten seitlichen Geländern, während die oberen ganz aus Beton und vielleicht nicht einmal wirkliche Balkone sind.

Vor den Toren des zickzackdächigen Hallenteils ist ein großer, etwas tieferliegender Parkplatz für die Postautos.

PostNeuburgAutos

Von links führt eine lange Rampe mit Betongeländern hinab und ringsum ist eine niedrige Betonmauer mit unten abgerundeten Pflanzenkübeln aus Beton. Sie ist wie ein Rahmen, der das Gelb der Postautos geradezu zum Teil der Architektur macht.

Der scharfe Kontrast zwischen Gelb und Grau findet sich auch im übrigen Gebäude. Neben einigen gelben Postlogos ist da die gelbe Telefonzelle an der rechten Eckfläche zur Münchener Straße.

PostNeuburgTelefonzelle

Schon für sich genommen gehört die Telefonzelle des Typs TelH 78 mit dem abgerundeten Dach, den abgerundeten Fenstern und der gelben Verkleidung zu den Meisterwerken westdeutschen Designs. Sie ist wirklich eine Zelle, ein Modul, das auch in einer Raumstation nicht fehl am Platz wäre, und bei der Neuburger Post ist sie gleichsam zu Hause.

Die linke Eckfläche des Komplexes ist wegen der abzweigenden Ostermannstraße etwa dreieckig. Während auf ihrem rechten Gegenstück Parkplätze sind, ist sie als etwas tieferliegender Ruheplatz mit Baum, Bank und Betonmäuerchen, das eine gewisse Abschirmung von der Straße bietet, gestaltet.

PostNeuburgLinks

Zur Straßenecke beschreibt die Mauer einen Viertelkreis, wo früher wohl ein Schriftzug der Bundespost war, bevor sie mit ineinander versetzten geschwungenen Elementen endet. Hier wird der Beton gänzlich ornamental.

PostNeuburgLinkeEckfläche

Beim Hallendach und bei den Balkonen hatte er es schon versucht, blieb aber letztlich doch funktional. Hier nun scheint er sein zweifelhaftes Ziel erreicht zu haben. Oder sind diese Formen doch ein äußerst abstrahiertes Posthorn?

Heute ist das Holz der Bank kaputt und in der Ecke steht eine Paketstation. Es ist zu befürchten, daß sie irgendwann alles sein wird, was von diesem großartigen Gebäude übrigbleibt. Noch aber ist Neuburgs Post nicht nur eine Symphonie aus Beton, sondern eine funktionierende Post. Und sie ist sogar mehr als das Kleinod, das sie auf den ersten Blick schien, da ihre Lage städtebaulich sehr gut gewählt ist. Sie steht nämlich keineswegs zufällig und zusammenhangslos zwischen den Einfamilienhäusern, sondern genau auf halbem Weg zwischen der Innenstadt und dem großen Wohngebiet Schwalbanger. Sie versuchte, die verschiedenen Teile von Neuburg zu verbinden, aber ein einziges Gebäude reicht dafür nie.

Johannes von Nepomuk mit Blumen

An der Ecke Heiligenstädter Straße/Sickenberggasse im 19. Bezirk wird die hübsche, gleichsam ländliche Tradition gepflegt, dem dort stehenden Johannes von Nepomuk jeweils saisontypische Blumen oder Pflanzen in den Arm zu legen. Meist sind es künstliche, teilweise aber sogar echte Pflanzen.

JohannesVonNepomukLila

Die Skulptur scheint für diesen Schmuck wie gemacht, da ihr rechter Arm eine Lücke hat, die Forsythien oder anderes gut hält. Statt die Hand in etwas gespreizter Geste, die an Überraschung denken läßt, auf die Brust zu stützen, scheint dieser Johannes von Nepomuk sich nun leicht vorzubeugen und im Begriff zu sein, sowohl die Blumen in seinem rechten Arm als auch die Palmwedel und das Kruzifix in seinem linken Arm jemandem geben, schenken zu wollen.

JohannesVonNepomukForsythien

Bloß bleibt unklar, an wen er sich richten könnte. Zwar ist es, als seien die Gebäude der Umgebung um die Skulptur von 1709 oder 1710 herumgebaut. Sogar das Haus, vor dem sie steht, hat für sie eine ausgesparte Ecke.

JohannesVonNepomukHeiligenstädterStraße

Doch leider bringt das wenig, da sie genau schräg zur sehr nahen Straßenecke ausgerichtet ist. Man müßte auf der vielbefahrenen Heiligstädter Straße stehen, um sie von vorne zu sehen. So bleibt von diesem blumengeschmückten Heiligen bloß ein vager Eindruck von Freundlichkeit.

Gemeindebau am Mildeplatz

Wenn man an Wiener Gemeindebau denkt, fallen einem wohl zuerst die großen und berühmten Anlagen der Zwanziger ein, vor allem der Karl-Marx-Hof, während einem mindestens im selben Moment die schlichte Großzügigkeit der besten Lösungen aus den Sechzigern, etwa die Johann Böhm-Wohnhausanlage, und die großen unübertroffenen Meisterwerke der Siebziger einfallen sollten, vor allem der Heinz Nittel-Hof. Doch typischer für das Stadtbild Wiens sind die unzähligen kleinen Gemeindebauten, die in den Fünfzigern und Sechzigern entstanden.

GemeindebauMildeplatzGesamt

Ein hübsches Beispiel steht an der Ecke Seitenberggasse/Mildeplatz im 16. Bezirk. In der Seitenberggasse schließt das Gebäude an ein niedrigeres vorstädtisches Mietshaus aus dem späten 19. Jahrhundert an.

GemeindebauMildeplatzSeitenberggasse

Fünf Geschosse, ein leicht überstehendes Dach, das gerne flach wäre, ockerfarbener Putz, regelmäßige größere und kleinere Fenster, bei den Badezimmern nur horizontale Schlitze. Das alles wäre fast unsichtbar schlicht, wenn nicht die Ecke zum Mildeplatz geschickt betont wäre. Direkt nach den letzten Fenstern wird der Putz weiß und der entstehende horizontale Streifen dient dem Wiener Wappen und der Aufschrift, die aus rotem Metall aufgesetzt sind, als Hintergrund. Mit ihnen präsentiert sich das Gebäude stolz als Gemeindebau: „Wohnhaus der Gemeinde Wien errichtet in den Jahren 1958 – 1959“.

GemeindebauMildeplatzAufschrift

Zum Mildeplatz hin sind die Obergeschosse der Ecke erst ganz leicht vorgesetzt und haben dann Balkone mit gewellten Geländern. Nach diesen folgt wieder der ockerfarbene Putz.

GemeindebauMildeplatz

Ganz rechts, wo das Gebäude an ein größeres Mietshaus anschließt, ist der Durchgang in den Hof. Daß er einen dünnen Rahmen aus hellem Stein hat, sieht man vielleicht nicht, aber das Mosaik um ihn sicher.

GemeindebauMildeplatzKunst

Es besteht aus unregelmäßig angeordneten bunten Flächen, die auf seinem großen fast quadratischen Teil links des Durchgangs groß und fast quadratisch sind, und auf seinem schmalen vertikalen Teil rechts schmal und vertikal. Gleichsam fortgesetzt ist diese künstlerische Gestaltung durch die linke Innenwand des Durchgangs, wo unregelmäßig verteilt kleine horizontale und vertikale Fensterschlitze sind. Hinten ihnen ist der Coloniaraum, wie der Müllraum sehr österreichisch und sehr fünfziger Jahre heißt.

GemeindebauMildeplatzColoniaraum

All das ist völlig typisch, obwohl die architektonischen und künstlerischen Lösungen variieren. Zu jedem Gemeindebau gehören neben der roten Aufschrift unbedingt auch Fahnenstangen, damit am 1. Mai, am Nationalfeiertag am 26. Oktober und vielleicht noch am 12. Februar, dem Jahrestag des Bürgerkriegs 1934, österreichische und Wiener Flaggen gehisst werden können, eine Steintafel mit den Namen des Bürgermeisters, einiger Stadträte und schließlich des Architekten

GemeindebauMildeplatzSchild

und eine rote SPÖ-Infotafel.

GemeindebauMildeplatzInfotafel

Um das Problem all dieser kleinen über die Stadt verstreuten Gemeindebauten zu erkennen, muß man bloß in den Hof gehen. Er ist nur ganz klein, etwas Gras, eine Birke, ein paar Hecken, ein paar Blumen. Dicht daneben die Mauern zur Hinterhoflandschaft der alten Gebäude ringsum.

GemeindebauMildeplatzHof

An der überkommenen Stadtstruktur ändern solche Gemeindebauten also rein gar nichts. Sie sind eben Blockrandbebauung und auch ihre Höfe sind oft klein. Sie wollen nichts Neues schaffen, sie können es auch nicht. Sie sind Ausdruck der Unmöglichkeit von Städtebau im Kapitalismus. Und so groß die Macht der Sozialdemokratie in Wien war und teils noch ist, am Privateigentum an Grund und Boden konnte sie nicht rühren. Die Allgegenwart von Gemeindebauten wohin man auch geht ist daher kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Sie sind Symbole einer sozialdemokratischen Macht, die nicht besteht.

Lijnbaan

Rotterdam hatte Glück, nein, richtiger: Rotterdam hatte Glück im Unglück. Das Unglück war die völlige Zerstörung seines Stadtzentrums durch deutsche Bomben am 14. Mai 1940. Das Glück war das wiederaufgebaute Stadtzentrum: die Lijnbaan.

Ihre Struktur ist denkbar einfach. Eine breite ungefähr von Süden nach Norden verlaufende Fußgängerzone zwischen einheitlichen zweigeschossigen Gebäuden, die im Erdgeschoß Schaufenster und im Obergeschoß kleinere Fenster und vertikale Streben haben. Vor den Gebäuden sind Kolonnaden mit dünnen Stahlstützen und holzverkleideten Decken, die In regelmäßigen Abständen Querverbindungen zur anderen Seite bilden.

VordächerLijnbaanRotterdam

Dazu kommen Beete, Bäume, Bänke und einige Kunstwerke. Bloß zwei Querstraßen unterbrechen die Abfolge dieser Elemente. Auf einem der querenden Vordächer am südlichen Beginn der Lijnbaan steht in großen gelb-grünen Buchstaben in einer nicht verschnörkelten, aber auch nicht bloß sachlichen kursiven Type ihr Name.

LeuchreklameLijnbaanRotterdam

Jeder Laden in Ost wie in West, der etwas auf sich hielt, hatte in den fünfziger Jahren eine ähnliche Leuchtreklame. Etwas wie die Lijnbaan aber gab es im Jahre 1953 nirgends auf der Welt.

Das ist es, was man sich bewußt machen muß, wenn man die Lijnbaan betrachtet: sie war einzigartig. Es gab nichts Vergleichbares. Eine lange und großzügige Einkaufsstraße mit einheitlicher Bebauung und ganz für den Fußgänger, ganz ohne Autos, eine Fußgängerzone. Das war neu, das war revolutionär, das war ein Kulminationspunkt eines halben Jahrhunderts fortschrittlicher Bestrebungen in Architektur und Städtebau. Und die Lijnbaan ist ja nicht irgendwo, sondern mitten in Rotterdam, der zweitgrößten Stadt der Niederlande und einer der wichtigsten Hafenstädte der Welt. Sie ist nicht nur diese Einkaufsstraße, sondern Kern von etwas Größerem.

In ihrem nördlichen Teil wird die Lijnbaan statt von einer Straße von einer identisch aufgebauten Fußgängerzone, der Korte Lijnbaan (Kurze Lijnbaan), gequert. Sie verläuft von West nach Ost auf das Stadhuis (Stadthaus) zu, das als eines der wenigen Gebäude die deutschen Bomben überstanden hatte.

KorteLijnbaanRotterdam

Im Kreuzungspunkt der beiden Fußgängerzonen steht eine Plastik sich balgender Bärenjungen,

BärenLijnbaanRotterdam

dann öffnet sich der Stadhuisplein (Stadthausplatz). So wie der Platz in zwei Stufen breiter wird, steigen die Bürogebäude an seinen Seiten in zwei Stufen auf vier Geschosse und dann auf sieben Geschosse an. Das Stadhuis ist dann jenseits der Straße Coolsingel, einer großen Verkehrsachse, die den von der Lijnbaan verbannten Autoverkehr aufnimmt. Zum Coolsingel hin, auf der gesamten östlichen Seite der Lijnbaan, stehen sehr vermischte Bürogebäude aus den folgenden Jahrzehnten. Einzig am Stadhuisplein sind sie in eine Ordnung gezwungen, wobei sie zwar verschiedene Fassaden haben, aber in den Bauvolumen identisch sind.

Das Stadhuis selbst ist ein monumentaler Neorenaissancebau, der aus dem späten 19. Jahrhundert stammen könte, aber perverserweise erst 1920 fertiggestellt wurde. Daß gerade dieses Monstrum, Ausdruck reaktionärster Architekturgesinnung, die Bomben heil überstand, gehört zu den bitteren Tatsachen der Zerstörung Rotterdams. Aber ein solch massiver Neubau hatte es eben einfacher als zierlichere und schönere Bauten des Zentrums, die erhaltenswert gewesen wären. Nicht um seiner selbst Willen, sondern als Symbol des Vorangegangen,so hassenswert es auch sein mag, keineswegs aber des Alten, mußte die Lijnbaan das Stadhuis trotzdem in sich aufnehmen. Sie tat gut daran, denn sie wächst durch den Kontrast weiter und zeigt wie weit Rotterdam in nur dreißig Jahren kam.

StadhuispleinLijnbaanRotterdam

In der Mitte des Stadhuisplein steht ein Denkmal für die Opfer der deutschen Bombenangriffe. Auf einem niedrigen Sockel vier überlebensgroße realistisch dargestellte Figuren. Während die beiden Männer zur Lijnbaan schauen, zu ihrem Aufbauwerk, von dem sie gerade auszuruhen scheinen, sind das Kind und die Frau zum Stadhuis gewandt. Es wirkt, als wundere sich das Kind über dieses Ding dort, wobei ihm die Frau in der Erklärung mit der Hand über den Kopf streichelt. Die Lijnbaan selbst ist eine Art gebauter Antifaschismus. An die Stelle dessen, was die Deutschen zerstörten, kam nicht etwa ein wiederhergestelltes Altes, sondern eine Neues, das in seiner Menschlichkeit die Antithese zur Naziarchitektur ist.

Das Neue, das ist insbesondere die Wohnbebauung westlich der Lijnbaan. Parallel zur Fußgängerzone erheben sich lange zehngeschossige Gebäude, während entlang der Querstraßen und der Korte Lijnbaan etwas kürzere vierzehngeschossige Gebäude stehen.

AertVanNesstraaatLijnbaanRotterdam

Ihre Formen unterscheiden sich jeweils leicht, aber alle haben sie dieses Spiel von großen, bis weit zum Boden reichenden Fenstern und Flächen aus hellem Backstein, Beton oder Putz, das für die beste niederländische Architektur der Zeit typisch ist.

ZumParkLijnbaanRotterdam

Auch die dritte Seite entlang der westlich parallel zur Lijnbaan verlaufenden Karel-Doormanstraat (Karel-Doorman-Straße) ist durch dreigeschossige Gebäude, Reihenhäuser gar, teils geschlossen, aber das merkt man kaum. Denn dazwischen sind üppige Grünflächen, die sich nach Südwesten öffnen.

ParkLijnbaanRotterdam

Sie sind mit Wiesen, Bäumen und Wasser abwechslungsreich gestaltet und zugleich Durchgangs- als auch Aufenthaltsflächen. Sie, kleine Oasen der Ruhe, ergänzen die geschäftige Einkaufsstraße. Sie gehören zusammen, beide öffentlich, beide dem Fußgänger vorbehalten, beide etwas Neues.

Es ist der westliche Bereich, durch den die Lijnbaan so wichtig wird. Gäbe es ihn nicht, wäre sie zwar gut, aber letztlich doch nur eine kapitalistische City, in der eben Auto- und Fußgängerverkehr getrennt sind. Doch mit der Wohnbebauung und den Grünflächen, die wertvollsten innerstädtischen Raum einnehmen, geht sie darüber hinaus. Durch diese große zusammenhängende Planung, in der Läden, Büros, Wohnungen, Freiflächen und Grün zu einem, man kann es nicht oft genug wiederholen, nie dagewesenen Ganzen zusammenfinden, wurde die Lijnbaan zum Vorbild einer ganzen Generation von Stadtplanern. Man spürt ihren Einfluß in jedem städtischen Raum, der in den nächsten Jahrzehnten gebaut wurde. Sie bekam Nachfolger, die besten in den sozialistischen Staaten, die sie, wie es Nachfolgern gebührt, oft übertrafen.

Perfekt ist die Lijnbaan auch bei Weitem nicht. Auch die fortschrittlichste Stadtplanung änderte nichts daran, daß Rotterdam eine dezidiert kapitalistische Stadt ist. Hinter den Ladengebäuden sind kleine Zufahrtsstraßen, britischen back alleys (Hintergassen) oder auch Hinterhöfen gleich, eng, schmutzig, dunkel, jedenfalls vergleichsweise, die Rückseite der Lijnbaan. Das war den technischen Möglichkeiten der Zeit geschuldet, die es noch nicht wirtschaftlich machten, Anlieferungsbereiche unterirdisch anzuordnen, aber dennoch schon bezeichnend. Auch der grünen offenen Höfe gibt es nur zwei und wo ein dritter sein könnte, sind ein Parkhaus und ein enger Hinterhof.

Vor allem jedoch hielt der Rest des wiederaufgebauten Rotterdam nie, was die Lijnbaan versprach. Alle Gebäude neu, auch keine klassischen Hinterhöfe mehr, aber immer Straßen und Straßenkreuzungen, die sich fälschlich Plätze nennen. Kaum hat man die Grünanlagen der Lijnbaan verlassen, ist man in Straßen, die nicht weniger beliebig sind als in jeder anderen kapitalistischen Stadt.

UmgebungLijnbaanRotterdam

Südlich der Lijnbaan wurde in den Sechzigern versucht, eine angemessene Fortsetzung zu bauen, aber sie endet bald diffus zwischen Kaufhausbauten. Alles spätere blieb Dekoration oder planloses Zubauen freier Flächen. Auch die eigentliche Lijnbaan, die Einkaufsstraße, blieb von all den Moden der Zeiten nicht unberührt. Die Vordächer sind nur noch selten annähernd original und fehlen manchmal ganz. Die Beete und viele Bänke sind verschwunden, die Bäume groß geworden.

Der etwas zurückgedrängte Kapitalismus eroberte sich die Stadt zurück. Auch der schönste Garten kann dem wuchernden Dschungel nicht standhalten. Das Schicksal der Lijnbaan entspricht damit dem der westeuropäischen Sozialstaatlichkeit. Aber noch immer wirkt die Lijnbaan so neu wie ihr gelber Schriftzug nun altmodisch wirkt. Noch immer überrascht die Offenheit und Großzügigkeit, weil man diese in kapitalistischen Städten sonst höchsten an den Rändern findet. Noch immer ist die Lijnbaan das Herz von Rotterdam. Sie war die erste und sie wird bestehen blieben, während vieler ihrer Nachfolgerinnen, die Prager Straße in Dresden etwa oder die Stadtpromenade in Cottbus, schon erstört sind. Rotterdam hatte einmal mehr Glück.

Erinnerungskultur in Hernals

Auf dem neugestalteten Vorplatz des S-Bahnhofs Hernals im gleichnamigen 17. Bezirk steht eine niedrige Betonmauer mit einer horizontalen Digitalanzeige, auf der jeweils für eine Weile ein Name eingeblendet ist.

DenkmalHernalsTauben

Da das unmöglich für irgendwen irgendetwas bedeuten kann, ist die Mauer flankiert von zwei großen Informationstafeln in schlechtem Deutsch und schlechterem Englisch.

DenkmalHernalsText

Dort kann man dann lesen, daß es sich hier um ein Denkmal für „Verfolgung, Widerstand und Freiheitskampf“ handelt. Die Künstler haben sich bewußt gegen allgemeine Symbolik entschieden und nennen stattdessen die individuellen Personen, damit sich der Betrachter mit diesen identifizieren können, heißt es. Wie idiotisch das ist, muß nicht besonders betont werden. Denn selbst wenn es möglich sein sollte, sich mit einer Person zu identifizieren – mit einem Namen, über den man nichts weiteres weiß, kann man es bestimmt nicht.

Aber das Denkmal paßt gut in die gegenwärtige Erinnerungskultur. Es stützt sich auf die Lüge, daß es ein reines Erinnern, ein Erinnern um des Erinnern willen, ein Erinnern ohne Zweck geben könne. Aber Erinnern dient nicht der Vergangenheit und den Opfern, sondern der Gegenwart und den gegenwärtigen Menschen. Es sagt etwas darüber aus, was für eine Zukunft sie wollen. Die Opfer sind tot und ihr Tod kann nur ihren Verwandten etwas bedeuten. Für die Gegenwart und die Zukunft stellt sich die Frage, was aus dem Verbrechen, dessen Opfer sie wurden, für Schlüsse zu ziehen sind. Jedes unpersönliche Erinnern ist nicht zwangsläufig ein Mißbrauch, aber sicher ein Gebrauch des Geschehenen. Wenn wie in Hernals zweckfrei erinnert werden soll, kann es genausogut auch einfach nicht geschehen.

Aber Platz für einen hassenswerten neuen Zweck bleibt doch immer noch: auf der Tafel steht, es solle gezeigt werden, daß Widerstand eine individuelle Entscheidung gewesen sei. Das ist schlichtweg eine Beleidigung der Opfer. Denn ein sozialdemokratischer oder kommunistischer Widerstandskämpfer handelte eben als Sozialdemokrat oder Kommunist, als Teil einer, wenigstens ideellen, Organisation und mit einem bestimmten Ziel. Diese Organisationen und diese Ziele zu nennen, würde ihn mehr ehren als sein banaler Name, den er im Dienste der Organisation und des Ziels sicher bereitwillig geändert hätte.

Das Beste, was man über dieses Denkmal in Hernals sagen kann, ist, daß es sich eh nie jemand ansehen wird. Und immerhin die Tauben scheinen es zu mögen.

Heimat

Heimatliche Gefühle verspüre ich nur dann, wenn ich irgendwo in Osteuropa Kanaldeckel mit den Worten „Made in GDR“ sehe.

KanaldeckelMadInGDRBratislava

Bratislava oder irgendwo

Es geht dabei wohlgemerkt um eine geistige Heimat; die DDR habe ich in den wenigen Jahren unserer Koexistenz nie betreten. Angesichts dieser Kanaldeckel fühle ich mich wie ein Exilant, dessen Land nicht mehr existiert, ein Tschechoslowake im Jahre 1940 vielleicht, oder ein Prätendent um die Krone eines untergegangenen Königreichs. Aber natürlich habe ich weder mit Edvard Beneš oder Klement Gottwald noch mit Bonnie Prince Charlie etwas gemein – die hatten vordringlichere Sorgen als Kanaldeckel. Und zu viel Heimat tut auch nicht allen gut.

(Näheres zu den Kanaldeckeln hier)