König und Königin von Suburbia

In den zersiedelten Weiten von Perchtoldsdorf, zwischen unzähligen Einfamilienhäusern, fernab des alten Dorfs am Hang des Wienerwalds, steht die Kirche Maria Königin.

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Eine einfache Halle mit Satteldach, das aber von außenliegenden Pfeilern und Streben getragen wird, so daß der Eingang weit zurückgesetzt sein kann. Im vorderen Teil eine flache Verbindung zum Turm rechts.

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Die Seiten des Turms bestehen aus glatten Betonplatten, neben denen an den Breitseiten noch Öffnungen ins Treppenhaus sind. Oben schließt ihn ein leicht überstehender Glockenraum mit dünnen horizontalen Holzlamellen und ein mittiges kupfernes Kreuz ab.

Man kann in den äußeren Pfeilern Bezüge auf die Gotik und im abgesetzten Turm Bezüge auf die Campanile der italienischen Renaissance sehen.

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Man kann die den schachbrettartig angeordneten Fensterschlitzen der rechten Wand und anderen Öffnungen zu verdankenden Lichteffekte im Inneren bewundern.

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Aber es genügt auch, festzustellen, daß es ein typischer katholischer Kirchenbau aus den Sechzigern ist. Inmitten des damals neuen Einfamilienhausgebiets gelegen, wollte die Kirche sicher gerne sein Zentrum sein. Der Turm war geradezu ein Ausgleich dafür, daß das alte Perchtoldsdorf von einem säkularen Wehrturm bestimmt ist. Hoch ist er deshalb, was besonders an der Schmalseite zu spüren ist.

Nicht nur architektonisch sprechen Turm und Kirche zur Umgebung. Unter dem Glockenraum sind an allen Seiten Uhren und dazu an den Breitseiten die in den Beton vertieften Worte: „Es ist später als du denkst“.

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Übertragen verstanden ist das recht bedrohlich, konkret verstanden weckt es Zweifel daran, ob die Turmuhren denn richtig gehen, und das unwillkürliche Bedürfnis, sich mit einem Blick aufs Handy zu vergewissern.

Außerdem ist links über dem Eingang ein großes steinernes Schild über die Geschichte der Pfarre Perchtoldsdorf.

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In seiner Relieffläche oben links eine medaillenartige Darstellung des Bischofs Ulrich II. von Passau, der die Pfarre gründete, unten rechts das Wappen des Erzbischofs von Wien, der die neue Kirche weihte, und auf zwei hervorgehobenen Linien die Namen der damaligen Kirche, Unserer lieben Frau, und der der neuen Kirche, Maria Königin. Dazwischen die Aussage, daß Perchtoldsdorf 750 Jahre nach der Gründung seiner Pfarre, im Jahre 1967, „neuerlich unter den Schutz der Muttergottes gestellt“ werde. Dieses Gefühl der Kontinuität über die Jahrhunderte hinweg, dieses Denken in enorm langen Zeiträumen, das in diesen Worten behauptet wird, beeindruckt und paßt gut zu dem, was die katholische Kirche sein will.

Geradezu unglaublich jedoch ist, daß der Wiener Erzbischof, der die Kirche damals Maria Königin weihte, Franz König hieß. Man müßte schon sehr naiv oder gläubig sein, um das für einen Zufall zu halten. Franz König genoß es sicher, eine Kirche indirekt nach sich selbst zu benennen und sich mit Maria, die seinen Nachnamen mit dem archaischen weiblichen Suffix bekommt, verheiratet zu fühlen. Ein solches Selbstbewußtsein eines Kirchenfürsten paßt auch gut zum Katholizismus. Denn was, wenn nicht strenge Hierarchien, in der sich ausreichend Hochgestellte jeden Spaß und auch sonst alles erlauben können, macht ihn aus?

Heute, da sich die mit dem zweiten vatikanischen Konzil begonnene Protestantisierung der katholischen Kirche fortgesetzt hat, wäre das wohl nicht mehr möglich. Und auch damals schon war es egal. Die Kirche will zwar ein Zentrum sein, aber sie ist es nicht, da an ihrem kleinen Platz bloß noch eine Schule und ein Kiosk sind. Die einzigen Zentren, die Suburbia kennt, sind Einkaufszentren. Maria Königin und Franz König sind in ihrer Kirche so verloren wie all ihre Nachbarn in den Einfamilienhäusern. Es ist später, als sie denken.

Sátoraljaújhely

Wer würde schon damit rechnen, daß man ausgerechnet vom Bahnhof Slovenské Nové Mesto nach Ungarn kommt? Dieses Slowakisch Neustadt im südlichen Osten des Landes ist nämlich gewiß keine Stadt, sondern wenig mehr als der Bahnhof und einige entschieden dörfliche Straßen, und es ist auch nicht sehr slowakisch, da man sehr bald über die Grenze nach Ungarn kommt. Die Tschechoslowakei verabschiedet sich mit einem Grenzgebäude mit zwei Geschossen und einem Vordach, von dem die Stützen schrägt nach außen verlaufen.

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Dahinter ist Sátoraljaújhely.

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Nun könnte man meinen, daß eine ungarische Stadt ohnedies gar nicht so anders aussehen sollte als eine slowakische, schließlich gehörte die Slowakei bis 1918 zu Ungarn und schließlich waren beide Länder seit den späten Vierzigern vom Sozialismus geprägt. Doch diese verkürzte Sichtweise widerlegt Sátoraljaújhely sofort. Schon das Panorama der Stadt ist anders. Wo in der Tschechoslowakei am Rande, vielleicht höher am Hang, vielleicht niedriger am Bach, ein deutlich sichtbares fortschrittliches Wohngebiet mit Hochhäusern wäre, ragt hier nur ein höheres Wohngebäude auf, dafür aber sehr zentral. Auch die Sendeanlagen und der markante Aussichtsturm auf dem hinter der Stadt aufragenden pyramidenförmigen Hügel, dem etwas pathetisch benannten Magas hegy (Hohen Berg), sind nur durch die Grenznähe zu erklären.

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Zwar verstand sich die Tschechoslowakei auf großartige Türme, aber sie hätte keinen Grund gehabt, gerade dorthin einen zu bauen. Ungarn wählte die schwebende Zeltform des Turmdachs vielleicht bewußt, denn der Name der Stadt lautet, auf die Form des Bergs bezogen, etwa Neuer Platz oder auch Ort unter dem Zelt.

Einiges in Sátoraljaújhely gleicht selbstverständlich durchaus dem in anderen Orten. Die eingeschossigen dörflichen Häuschen entlang der Straßen, der historistische Prunk des Gerichtsgebäudes, um das die Bebauung höher, städtischer wird, der vereinzelte Jugendstil – das gibt es überall im ehemaligen Österreich-Ungarn. Der langgestreckte, offenkundig aus einer Verbreiterung der Straße entstandene Platz mit der römisch-katholischen Kirche in der Stadtmitte, die evangelische Kirche etwas abseits, die griechisch-katholische Kirche am Rande bei den Weinbergen – das gibt es auch in der östlichen Slowakei häufig. In Sátoraljaújhely sind alle drei Kirchen schlichte barocke, nachbarocke Gebäude, die sich von tausend anderen und untereinander wenig unterscheiden.

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Das sind die Gemeinsamkeiten jedoch bereits. Was in Sátoraljaújhely völlig fehlt, ist die mal mehr, mal weniger fortschrittliche, immer aber deutlich erkennbare Architektur der ersten tschechoslowakischen Republik. Falls es hier Gebäude aus der Zwischenkriegszeit gibt, unterscheiden sie sich vom Vorangegangenen nur marginal, was auch damit zu tun haben kann, daß die Tschechoslowakei eine aufstrebende bürgerliche Demokratie und Ungarn eine rückwärtsgewandte Diktatur war.

Aber auch, als sowohl die Tschechoslowakei als auch Ungarn sozialistisch wurden, verschwanden die Unterschiede keineswegs. Das größte fortschrittliche Wohngebäude von Sátoraljaújhely besteht aus zwei leicht schräg zueinandergesetzten elfgeschossigen Teilen, die durch einen kürzeren Verbindungsteil zu einer H-Form verbunden sind.

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Ein solches Gebäude wäre in der Tschechoslowakei in einer kleinen Stadt höchst ungewöhnlich und noch ungewöhnlicher wäre, daß es mit den Kirchen und den Sendeanlagen das Stadtpanorama bestimmte. In Sátoraljaújhely steht es unweit des Platzes und ist verbunden mit niedrigerer fortschrittlicher Bebauung, die parallel zur Dózsa György út (György-Dózsa-Straße) in ein kleines Wohngebiet am Bach führt.

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Dessen fünfgeschossige offene Hofbebauung könnte nun gut auch in der Tschechoslowakei oder irgendwo zwischen Salzwedel und Irkutsk sein.

Aber am anderen Ende dieses Wohngebiets, an der großen Rákóczi út (Rákóczi-Straße), die von der Grenze heranführt, folgen auf einmal dreigeschossige Gebäude in einem eigenartigen historisierenden Stil.

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Grüner Putz, verschnörkelte gelbe Stahlbalkone, Satteldächer mit rustikalen Holzornamenten vor den Giebeln. Daß die Gebäude teils direkt an die fortschrittliche Bebauung anschließen und recht heruntergekommen sind, spricht dafür, daß sie tatsächlich aus der sozialistischen Zeit, den späten Achtzigern wohl, stammen müssen.

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Es ist eine gänzlich reaktionäre Architektur, wie sie in derselben Zeit im Westen populär war. In der Tschechoslowakei wäre sie undenkbar gewesen. Doch auch mit der reaktionären Architektur der späten DDR, die historisierende Ornamente auf Betonplatten klebte, aber zumindest etwas Eigenes sein wollte, haben diese ungarischen Gebäude wenig gemein. Eher würde etwas Vergleichbares, bloß mit Tiefgarage und besser erhalten, auch in, sagen wir, Bergen-Enkheim nicht überraschen. So weit, wie diese Bebauung von fortschrittlicher Architektur entfernt ist, so weit war Ungarn in den Achtzigern wohl auch bereits vom Sozialismus entfernt.

Wäre nicht das Wohngebiet daneben, wäre nicht das H-Hochhaus, man könnte an der Architektur des ungarischen Sozialismus verzweifeln. Kleiner Trost ist außerdem der runde und von einer hölzernen Kuppel abgeschlossene Bau der Kaufhalle des Wohngebiets.

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Seine unten überstehenden Holzbalken haben eine ähnliche Ornamentik, aber bei einem freistehenden Gebäude und im Kontrast zur fortschrittlichen Bebauung, ist das weit weniger schlimm. Falls es etwas Altem ähneln kann, dann einer Kirche. So bekommt das Wort Einkaufstempel einen neuen Sinn.

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Dennoch wünschte man sich, die Tschechoslowakei hätte das Versprechen des Namens eingelöst und gegenüber von Sátoraljaújhely wirklich ein Slovenské Nové Mesto oder gar ein Československé Nové Mesto, Tschechoslowakisch Neustadt, gebaut.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Dolný Kubín zastávka

In mancher Hinsicht ist Dolný Kubín zastávka der archetypische ländliche tschechoslowakische Bahnhof: klein, scheinbar im Nirgendwo gelegen, als Dolný Kubín Haltestelle dem eigentlichen Bahnhof der Stadt ungeordnet und doch ein ausgesucht schöner Bau.

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An der eingleisigen Strecke durchs Tal des Flusses Orava in der nordwestlichen Slowakei ist ein Bahnsteig aus Betonplatten, auf den erst einmal ein langgestreckter Wiesenstreifen mit verschiedenen Nadelbäumen folgt. Links ein zweigeschossiger Bauteil, in dem oben zwei Wohnungen für das Bahnhofspersonal sind, wie die beiden leicht überstehenden und abgeschrägt endenden Balkonen an der Schmalseite zeigen. Unten links der Betriebsraum, aus dem sich die Fenster des Schalters und der Gepäckannahme in einen weiter rechts gelegenen geräumigen Wartesaal mit Holzbänken öffnen.

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Zwischen beiden Geschossen ganz links der Bahnhofsname in großen Leuchtbuchstaben und dann ein mit trapezförmig vorstehendem Blech abgeschlossenes schmales Vordach.

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Wo weiter rechts ein flacher Bauteil zurückgesetzt anschließt, ist das Vordach stattdessen weiter vorgesetzt, so daß von dünnen eckigen Stützen getragen ein geräumiger äußerer Wartebereich entsteht, von dem man zu den Toiletten kommt.

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Alle üblichen Bestandteile eines kleinen tschechoslowakischen Bahnhofs also auf tadellose Weise zusammengefügt. Zugleich der Eindruck enormer Ländlichkeit und Provinz.

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Dolný Kubín zastávka ist ein Bahnhof, neben dem rechts nicht nur auf einem Feld eine Ziege grast und ein Auslauf für Hühner ist, nein, es ist ein Bahnhof, in dessen eigentliches Gebäude ein Hühnerstall integriert wurde.

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Das gehört nun nicht mehr zum Standard tschechoslowakischer Bahnhöfe, sondern geschah auf Initiative der Bahnhofsvorsteherfamilie wohl in der Zeit nach 1990, als dafür irgendwann Gepäckaufnahme und Toiletten geschlossen wurden.

Aber auf eigenartige Weise widersprechen sich die klarste fortschrittliche Architektur und die Ländlichkeit nicht. Es wirkt keineswegs so, als würde ein abgestürztes Raumschiff von primitiven Eingeborenen als Stall benutzt oder ein römischer Tempel von Barbaren, sondern eher, als würde einem funktionalen Gebäude eben eine weitere Funktion hinzugefügt. Wieso sollte ein Hühnerstall auch rustikal aussehen? Er ist ja ein Funktionsbau und kann genausogut ein Raum in einem Bahnhof sein. Alles paßt.

Die Ironie jedoch ist, daß der Bahnhof keineswegs so abgelegen ist, wie er wirken kann. Im Gegenteil hat er eine gute Verbindung zu wichtigen Teilen von Dolný Kubín, der größten und am wenigsten auf Tourismus ausgerichteten Stadt an der Orava, eine bessere Verbindung sogar als der Bahnhof, der ihren Namen ohne Zusatz trägt.

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Verdient hätte er, nicht zastávka, Haltestelle, sondern mesto, Stadt, zu heißen. Aber die Nadelbäume verdecken das zusätzliche Wort ohnedies.

Fiľakovo

Im  Städtchen Fiľakovo in der südlichen Mittelslowakei bezieht sich alles auf die eine oder andere Weise auf die Burg. Dabei ist diese schon lange eine Ruine.

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Ihre Mauern sind aus dem roten Stein des Felsens, auf dem sie steht, und lassen sich kaum mehr von ihm unterscheiden. Auf beiden wächst Gras, beide überziehen graue Flechten. Bloß beim Eingang wurde ein großer Turm samt hölzernem Wehrgang restauriert, sonst ist alles Ruine.

Ganz Fiľakovo scheint um diese Burg herum gewachsen zu sein. Die niedrigen Häuschen der ältesten erhaltenen Teile kauern sich im Westen und Süden um den Fels, als ob sie sich von ihr noch immer Schutz erhofften. Doch alles, was heute in Fiľakovo zu sehen ist, entstand erst seit dem 18. Jahrhundert, als die Burg bereits Ruine war. In ihrer Blütezeit im 17. Jahrhundert lag die Stadt etwas südlicher und war mit der Burg zwar genauso eng, aber viel gleichberechtiger verbunden, als man heute denken könnte. Von dieser Stadt, in der es protestantische und katholische Kirchen, aber auch Moscheen gab, blieb nichts übrig, nachdem sie im Jahre 1683 von einem ungarisch-türkischen Heer belagert und zerstört worden war.

Städtisch ist an den heutigen ältesten Gebäuden wenig, auch die Straßen haben kaum eine Struktur und sind teilweise nicht einmal gepflastert. Südlicher erst gibt es städtische Ansätze, vor allem das Rathaus, ein Bau aus dem Jahre 1912, also aus der späten ungarischen Zeit.

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Nicht uninteressant der große verglaste Saal an der Ecke, der nach gewellten Giebeln ein hohes Zeltdach mit verglaster Laterne hat. Es ragt bereits weit über die kleinen Häuser der Stadt hinaus, wie das zuvor abseits der Burg nur die Kirche tat. Diese ist ein typischer großer Barockbau mit seitlichem Turm und Klostertrakt.

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Etwas weiter südlich beginnt das heutige Zentrum der Stadt, das dem ungarischen Alten ein nicht nur tschechoslowakisches, sondern auch sozialistisches Neues gegenübersetzten will.

In seiner Mitte ist der große quadratische Námestie slobody (Freiheitsplatz). Er hat Wiesen, zwischen Pflanzenkübeln aus Beton aufgehängte Bänke,

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vor allem aber eine große freie Fläche mit rechteckigen Betonplatten in einem Raster aus schwarzen Pflastersteinen.

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Bestimmendes Gebäude soll das die Westseite einnehmende Dom kultúry (Kulturhaus) sein, doch es scheitert kläglich, weil es ein dermaßen nichtiger stalinistischer Bau ist, daß seine steinverkleideten Streben nicht einmal einschüchtern. An der südlichen Seite steht eine Schule und das nach dem hübschen Stadtwappen benannte Hotel Palma.

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Es zeigt dem Platz das vorgesetzte verglaste Obergeschoß seines Restaurants und das verglaste Treppenhaus in der Schmalseite des viergeschossigen Betontrakts, eine horizontale transparente Fläche neben einer vertikalen, verschwindet aber heute fast hinter Bäumen. Jenseits der Biskupická (Biskupicer Straße) an der Ostseite steht ein langes sechsgeschossiges Wohngebäude mit Läden im Erdgeschoß. Während man die Straße entlang auf die Kirche blickt,

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sieht man zwischen den Sechsgeschossern und achtgeschossigen Punkthäusern dahinter bereits wieder die Burg.

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Schließlich stehen quer zur Nordseite des Platzes drei siebengeschossige Gebäude. Grauer und roter Putz, Gitterbalkone, Flachdächer.

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Zwischen ihren Schmalseiten sind zweigeschossige Ladengebäude mit einer Verkleidung aus roten Kacheln, die durch flache Teile und Vordächern verbunden sind. Viele Durchgänge mit Schaufenstern führen in die Grünbereiche zwischen den Gebäuden und weiter Richtung Burg in die älteren Teile der Stadt.

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Gerade diese Bebauung schafft also wertvolle Verbindungen und ist zugleich ein ruhiger, souveräner Kontrapunkt zur blöden Monumentalität des Kulturhauses. Mit den dünnen Stützen der Vordächer ist sie ein kleines Stück Lijnbaan in der südslowakischen Provinz, aber eben nicht nur oberflächlich, sondern auch funktional. Flache Ladengebäude führten bis zur Straße und weiter diese entlang, wobei dort nun ein neueres Gebäude steht. Als Verbindungsglied zur Kirche dient das zweigeschossige Gebäude der Post. Auf dem schwarzen Stein ihres Treppenhauses sind eine rote Kreisfläche und auf dieser die silbernen Umrissen einer Taube, die einen Zweig im Schnabel trägt. Es ist nur ein kleines Kunstwerk, aber immerhin unendlich besser als die erschreckend banalen historistischen Skulpturen bei der Kirche.

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So gut, wie es sein könnte, sein müßte, ist dieses neue Zentrum nicht. Die Bebauung um den Platz bleibt zu zusammenhanglos, er selbst zu kahl. Aber im Vergleich zum erhaltenen Alten ist es dennoch viel, ja, es knüpft in seiner Lage klar an das Fiľakovo des 17. Jahrhunderts an. Daß Fiľakovo dank dem Sozialismus eine neue Blütezeit erlebte, ist eine einfache, aus seiner städtebaulichen Entwicklung abzulesende Tatsache. Es wird zum ersten Mal seit seiner Zerstörung 1683 wieder wirklich zur Stadt.

Außer dem Zentrum gab die Tschechoslowakei Fiľakovo ein weiteres großes Wohngebiet im Nordwesten.

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Es ist bloß ein geschwungenes Band aus neungeschossigen Gebäuden an der Straße Farská lúka (Pfarrwiese), hinter dem Schulen und Kindergärten angeordnet sind. Aber es ist gänzlich der Burg zugewandt.

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Hier sieht man die großen Möglichkeiten fortschrittlicher Architektur gerade in kleinen Städten wie Fiľakovo, wo nur zehntausend Menschen wohnen. Alt und Neu stehen sich direkt gegenüber, aber ohne Konflikt.

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Die Gebäude des Wohngebiets gehören in eine wahrhaft neue Welt. Völlig mühelos sind sie höher als das ungarische Rathaus, das einmal der Stolz der Stadt war. Ihre Bewohner sind geradezu auf Augenhöhe mit der Burg. Doch es bleibt leider eine Sichtbeziehung. Der Bereich dazwischen, wo ein über den kleinen Supermarkt hinausgehendes Wohngebietszentrum und gestaltete Grünflächen, ein Park, sein müßten, besteht aus einer von Trampelpfaden durchzogenen Wiese und den ärmlichsten Teilen der alten Bebauung.

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Fiľakovo ist dennoch insgesamt geradezu ein Lehrbuchbeispiel einer fortschrittlichen Stadtplanung. In der Mitte die Burg und die Altstadt. Südlich das neue Zentrum. Nordwestlich das Wohngebiet. Östlich die Bahnstrecke, hinter der Industriebetriebe liegen. Nördlich an der Bahnstrecke die kleine Station Fiľakovo zastávka (Fiľakovo Haltestelle), fast am Fuße des Felsens und nah am Wohngebiet. Südlicher und über die Železničná (Eisenbahnstraße) direkt mit dem Námestie slobody verbunden der größere Bahnhof Fiľakovo. Zwischen beiden ein großer Park, der beim großen historistischen Gebäude des Gymnasiums auf das Zentrum trifft. Rings um die zentralen Teile der Stadt, aber nicht zu weit gefächert, Einfamilienhäuser und Kleingärten. Was fehlt, sind wohlgestaltete Übergänge zwischen all diesen verschiedenen Elementen der Stadt. Doch selten sieht man sie so harmonisch verteilt wie hier. Die fehlenden Übergänge haben mehr mit der gegenwärtigen Zeit als der ursprünglichen Planung zu tun, aber das ist fast egal. Es wären nur kleine Eingriffe nötig und Fiľakovo wäre nicht nur auf dem Papier des Lehrbuchs, sondern auch in Wirklichkeit ein beinahe perfekter städtischer Organismus.

Nepomuk in Stadlau

Österreich ist noch immer ein katholisches Land und pflegt deshalb auch einiges katholisches Brauchtum. So gibt es in manchen Stationen der Wiener U-Bahn Figuren der heiligen Barbara, der Schutzpatronin des Tunnelbaus. Sie sind immer klein und mehr oder weniger kitschig und stehen immer mehr oder weniger versteckt in verglasten Nischen, hier etwa am U3-Bahnsteig am Westbahnhof.

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Jedes Wort über derlei harmlose Folklore ist eines zu viel.

Anders ist es mit einer Darstellung des Johannes von Nepomuk am U- und S-Bahnhof Stadlau. Er gilt, da er von der Prager Karlsbrücke geworfen zum Märtyrer wurde, auch als Brückenheiliger und paßt damit gut an die U2, die nach der Innenstadt fast ausschließlich auf einer aufgestützten Trasse verläuft.

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Auf dem bloßen Beton der großen dreieckigen Stützen beim Bahnhofseingang der rote Metallumriß einer menschlichen Gestalt und das Wort „Nepomuk“ aus grünen Metallbuchstaben – das ist der Stadlauer Johannes von Nepomuk. Und das genügt.

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In dem Umriß sieht man das Birett auf seinem Kopf, die Palmzweige links, das Kruzifix rechts, das lange Gewand und irgendwie sogar die barock verrenkte Haltung, in der er steht. Wer einmal eine barocke Nepomukskulptur gesehen hat – und es ist schwer, das in Österreich nicht getan zu haben – füllt sich den Umriß auf dem Beton mit dieser. Das Bild des allgegenwärtigen Heiligen ist so stark, daß es nurmehr angedeutet werden muß.

Diese Gestaltung ist auch die einzig angemessene für eine zeitgenössische Heiligendarstellung, denn eine solche ist immer nur eine leere Hülle, der der Kern fehlt: der Glaube. Österreich mag katholisch sein, aber gläubig ist es nicht. Den Glauben an die wundertätige und brückenbeschützende Kraft von Heiligenstatuen, diesen volkstümlichen und von einer starken Kirche durchgesetzten Glauben, der ganz Österreich und halb Europa mit unzähligen Johannes von Nepomuks bedeckte, diesen aus Armut und Verzweiflung erwachsenden Glauben, den gibt es hier nicht mehr. Wie John Dolan in „Dead Catholics“, seinem schönen Text über amerikanischen Katholizismus und Punk, schrieb:

„Anyone born in the developed world after 1945 who actually believes in some supernatural spook is mentally ill. You didn’t have to believe in God to believe in the Church. Unlike God, the Church actually existed“ (Jeder, der nach 1945 in einem Industrieland geboren wurde und wirklich an irgendein übernatürliches Zeug glaubt, ist geisteskrank. Man mußte nicht an Gott glauben, um an die Kirche zu glauben. Anders als Gott existierte die Kirche nämlich wirklich.)

Das Fortbestehen der Kirche kann ein Problem sein, wenn es auch in einem Land wie Österreich gegenwärtig kein sehr großes ist. Ihre Bräuche und ihre Kunst aber sind durch den Wegfall des Glaubens zu Folklore geworden. Und wenn die sich so subtil und beziehungsreich ausdrückt wie im Werk des Bildhauers Werner Feiersinger in Stadlau, ist das auch halb so schlimm.

Luxus

Eine Villa in der Hohen Tatra – wer hätte das nicht gern? Oder wer sollte das nicht gerne haben wollen, wenn er um diese Möglichkeit wüßte?

Groß sollte sie sein, aber nicht zu groß, modern, aber nicht zu modern. Vielleicht ein steinverkleidetes Sockelgeschoß, das auf der einen Seite nur sehr niedrig, auf der anderen Seite dank der Hanglage aber hoch genug für zwei Garagen und die übrigen Wirtschaftsräume ist.

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Darüber zwei schmucklose weiße Geschosse mit hölzernen Rolläden vor den Fenstern und ein leicht überstehendes Dach, das nicht ganz flach ist, aber meist so wirkt. Vor dem höher am Hang gelegenen Eingang ein Windfang aus Glasbausteinen und ein halbrund schwebendes Vordach, darüber vor dem Treppenhaus wieder Glasbausteine.

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Hineinführend eine nur durch ein rundes Fenster mit einem X aus dünnen Eisenstreben verzierte Tür.

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Im Inneren ein Treppenhaus mit schnörkellosen Gittergeländern und hölzernen Handläufen.

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Genügend Zimmer an einem erschließenden Gang, darunter ein schwarzgekacheltes Bad mit Wanne.

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Als Herz des Ganzen im erhöhten Erdgeschoß ein großes Kaminzimmer mit – so viel Rustikalität muß sein, damit man sich trotz all der Modernität als Burgherr fühlen kann – Kassettendecken, dunkler Holzverkleidung und einem spitzbögigen Durchgang ins Nebenzimmer.

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Doch es soll ja nicht irgendeine Villa, sondern eine in der Hohen Tatra sein. Das Entscheidende ist daher die Lage. Man will einen guten Blick auf die Berge und ins Tal, aber auch gute Infrastruktur. Da bietet sich der auf 1350 Metern Höhe gelegene Ferienort Štrbské Pleso  geradezu an. Straßen, die elektrische Eisenbahn und die Zahnradbahn führen hinauf. Außer Berg und Tal gibt es auch noch den namensgebenden Bergsee, auf den man also ebenfalls blicken will. Damit ist die Lage für die Villa auch schon beinahe vorgegeben. Da die Stellen im Süden zwischen See und Hang von großen Hotels eingenommen sind, bleibt nur ein schmaler Grat im Westen oberhalb des Sees. Und wirklich, genau so eine Villa, die Vila Limba, steht an an genau dieser Stelle in Štrbské Pleso.

Der Blick über den See ist es, um den sich das Gebäude am meisten bemüht. In der südöstlichen Ecke ist ein leicht abgesetzter Teil, der nur den Sockel und das Erdgeschoß umfaßt.

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Aus ihm öffnen sich vom Kaminzimmer lange vertikale Fenster gen See.

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Oben aber ist eine Dachterrasse.

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Eine kleine Stufe führt aus dem Obergeschoß hinaus, über einen Teil spannt sich noch das auf einer runden Stütze ruhende Dach, dann trennt einzig das schon aus dem Treppenhaus bekannte Gittergeländer den Blick von der Umgebung. Das scheinbar flache Tal vor der Niederen Tatra liegt zur einen Seite,

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der See vor dem Gebirgspanorama auf der anderen Seite.

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Die Villa ist kein herausragender Bau. In den Dreißigern war dergleichen in einem entwickelten kapitalistischen Industriestaat wie der Tschechoslowakei absolut nichts Besonderes. Sie ist bestenfalls Durschnitt. Auf ihre Lage geht sie kaum ein. Eine wirkliche Dachterrasse etwa, die einen offenen Rundumblick bietet, wäre nicht nur naheliegend, weil alle doch Le Corbusier gelesen hatten, sondern ob der Lage fast zwangsläufig. Doch die Villa Limba ist die einzige. So durchschnittlich ihre Architektur, so einmalig ist ihre Lage und die entscheidet alles. Sie hat keine Nachbarn. Sie steht nah an Štrbské Pleso, aber weit genug abseits, um das Gefühl zu wecken, sie stehe wirklich verloren in der majestätischen Natur.

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Die Blicke von ihren Fenstern und ihrer Terrasse gibt es von keinem anderen Ort. Von keinem anderen Ort muß man sich bloß umdrehen, um entweder den See oder das Tal zu sehen. Sie hat etwas, was niemand anderes hat. Und das, das ist Luxus.

Wie die Bilder vielleicht erahnen ließen, steht diese einmalige Villa in der Hohen Tatra heute leer.

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Das ist nur richtig, denn für diese Art von Luxus kann im vom sozialistischen Massentourismus geprägten und vom kapitalistischen Massentourismus fortgeführten Štrbské Pleso kein Platz sein. Wohlgemerkt ist es aber der Kapitalismus, der diesen ihm ureigenen Bau verfallen läßt. Abzuwarten, ob es ihm gelingen wird, die Villa als einen Ort uneinholbarer Exklusivität wiederzubeleben und zu vermarkten. Der Sozialismus hätte gut daran getan, sie als Aussichtspunkt und eine Art Museum der ersten tschechoslowakischen Republik zu gestalten. Gegenwärtig steht ihre Tür jedem, der gerne eine Villa in der Hohen Tatra hätte, offen.

Den Helder

Den Helder ist eine Hafenstadt an der nördlichsten Spitze von Noord-Holland, genau dort, wo einst die umschlossene Zuiderzee (Südmeer) auf die offene Nordsee traf, genau dort auch, wo das holländische Festland endet und mit Texel die westfriesischen Inseln beginnen. Die gleichsam natürliche strategische Bedeutung dieser Lage machte es nur naheliegend, dass Napoleon östlich des Dorfs Helder ab 1810 einen großen Kriegshafen anlegen ließ, der sich später zum wichtigsten der Niederlande entwickelte. Bis ins späte 19. Jahrhundert bestand Den Helder aus diesem Hafen und dem alten Dorf. Nur langsam wuchsen die beiden Teile zusammen. Daß genau zwischen ihnen 1865 auch der Bahnhof errichtet wurde, half dieser Entwicklung zu Anfang, wurde dann aber zum großen Hindernis, da die Gleisanlagen die entstehende Stadt zerteilten. Das Zentrum von Den Helder verlagerte sich derweil vom Dorf zum Hafen.

Vom alten Dorf mit seinen hölzernen Häusern finden sich keine Spuren mehr, da es im zweiten Weltkrieg von englischen Bomben beschädigt und dann von den Deutschen abgerissen wurde.  Von der Stadt des 19. Jahrhunderts sind noch Grundzüge zu erkennen, wobei sie schwer städtisch zu nennen sind. Eher ist sie eine Ansammlung von niedrigen backsteinernen Reihenhäusern. Es gibt keinen Platz, keine größeren Straßen. Bloß eine umlaufende Gracht (Kanal) schafft etwas Struktur und dort sind auch einige wichtigere Gebäude wie Schulen und Kirchen. Daß eine der Kirchen dem Eingang des Kriegshafens gegenüberliegt, muß schon als städtebauliche Leistung gelten.

Heute ist Den Helders Bedeutung geringer. Aus der Zuiderzee wurde durch den Bau des Afsluitdijk (Abschlußdeichs) das IJsselmeer (Ijsselsee). Aus dem alten Kriegshafen wurde ein Museum. Zwar ist der weit größere neue Kriegshafen noch immer wichtigster Stützpunkt der niederländischen Marine, aber in Europa herrscht relativer Friede. So ist Den Helder heute vor allem Durchgangsort für den hier die Fähre erreichenden Verkehr nach Texel, einer ganz von deutschen Touristen und Schaftzucht geprägten Insel.

Doch Den Helder hat auch, leicht zu übersehen, ein neues Zentrum aus den sechziger Jahren, das von Seekrieg oder auch nur vom Meer nichts mehr weiß. Ans 19. Jahrhundert erinnert dort nur noch ein großer Wasserturm aus Backstein. Um Platz für das Zentrum zu schaffen, wurden zuerst der Bahnhof samt einigen hundert Meter Gleis abgebrochen und ein neuer Bahnhof weiter südlich erbaut. Dieser wurde dadurch zum Mittelpunkt des Zentrums.

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Ein kleiner Bau nur, der quer zum Ende des einzelnen Bahnsteigs steht. Seine verglaste Mitte ist betont durch die leicht spitz nach vorne verlaufenden Wände und die von beiden Seiten ansteigenden Betonfalten des Dachs, während der Rest ganz aus Backstein besteht. Das Innere der Bahnhofshalle ist zusätzlich transparent durch runde Oberlichter im Dach, gerade so, als wollte das Gebäude den Weg vom Zug in die Stadt so wenig wie nötig versperren.

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Zum Bahnhof gehört außerdem ein Uhrturm, der rechts auf dem offenen Vorplatz steht. Er besteht aus einer dicken Betontrebe in der Mitte und drei schräg zu ihr gesetzten schmaleren ringsum, die untereinander in regelmäßigen Abständen durch Längsbalken verbunden sind. Die vertikalen Teile sind weiß, die horizontalen Hellblau und die Uhr im oberen Teil hat ein rundes Ziffernblatt mit goldenen Zeigern und Strichen.

Alle weiteren Teile des Zentrums gehen vom Bahnhof aus. Nach dem Vorplatz verläuft quer eine Straße, während sich gegenüber ein weiterer rechteckiger Platz öffnet. Die städtebauliche Funktion des Bahnhofs ist damit klar: Es ist die einer Kirche. Und in der Tat gibt es Kirchen aus den Sechzigern, die genau wie der Bahnhof von Den Helder aussehen.

Nach links führt die Straße als Middenweg am Wasserturm vorbei auf einen Platz mit Kreisverkehr. Beiderseits des Julianaplein (Julianaplatzes) stehen fünfgeschossige Gebäude, meist Wohngebäude, mit Läden im Erdgeschoß.

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Entlang der nach rechts führenden Beatrixstraat (Beatrixstraße) setzt sich die Bebauung in derselben Höhe fort, wird aber rasch niedriger. Gleich bei ihrem Anfang steht mit dem Kaufhaus Vroom & Dreesmann das vielleicht wichtigste Gebäude des neuen Den Helder. Es könnte das typischste Provinzkaufhaus aus den Sechzigern sein: Schaufenster im Erdgeschoß, Verkleidung aus vertikalen weißen Betonplatten, hinter denen ein oder zwei Geschosse sein mögen.

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Aber es gibt ein weiteres Geschoß, in dem unter einem spitz auf- und absteigenden Dach aus dünnem Beton Wohnungen sind. Diese Verbindung von Kaufhaus und Wohnungen, die mit Blumen auf ihren Loggien so heimelig wie überall wirken, überrascht, wirkt aber gelungen. Außerdem steht vor dem Kaufhaus ein zweites, viel kleineres Gebäude. Auf einer einzigen runden Stütze ruht ein wie schwebender ovaler Raum mit Fensterband, aus dessen Dachmitte eine hohe Stange ragt.

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Fremdartig, wie der Funkturm einer Mondkolonie vielleicht, steht dieses da. Doch ein schmaler Trakt verbrindet es mit dem Obergeschoß des Kaufhauses, das hier ebenfalls ein Fensterband hat: es ist Teil seines Restaurants. Mit diesem schwebenden Gebäude schwingt sich die nordholländische Provinz in die Zukunft, in den Weltraum auf. Noch mehr als der Bahnhof ist es Symbol des neuen Den Helder des 20. Jahrhunderts, ganz wie der Wasserturm, zu dem es die Straße entlangblickt, Symbol des 19. Jahrhunderts war.

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Es gewinnt seine Wirkung gerade durch den Kontrast zu den zurückhaltenden Formen nicht nur seines Kaufhauses, sondern der gesamten übrigen Bebauung.

Viel näher als symbolisch kommt dieses Den Helder der Zukunft auch nicht. Es schafft keine neue Stadt. Es ist keine Lijnbaan. Zwar ist der Platz parkartig grün. Zwar beginnt die Fußgängerzone Spoorstraat (Gleisstraße) nördlich des Platzes mit erst ein-, dann zweigeschossigen lijnbaanartigen Ladenzeilen und war früher von lijnbaanartigen Vordächern überspannt.

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Zwar spielt die Blokker-Filiale mit Wabenmustern im Beton Bijenkorf.

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Zwar wurden erst seit den Achtzigern viele freie Ecken zugebaut. Doch grundsätzlich: Platz, Straße, Blockrandbebauung, Kirche/Bahnhof freistehend – es ist eine Stadt des 19. Jahrhunderts in den Formen des 20. Einen Kinoeingang wie den des Rialto etwa gab es in jeder City jeder kapitalistischen Stadt.

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Und auch die Zeit, da man in dem schwebenden Gebäude etwas essen und sich der Zukunft nahe fühlen konnte, ist vorbei, da die Kaufhauskette Vroom & Dreesmann Ende 2015 konkurs ging.

Dennoch kam Den Helder in den letzten zweihundert Jahren weit. Vom Deich aus betrachtet ragen die Bauten des neuen Zentrums wie Hochhäuser aus dem Backsteinmeer.

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