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Place Flagey

Der Place Flagey (Flagey-Platz) im Brüsseler Stadtteil Ixelles ist zuerst das Maison de la Radio (Haus des Radios) und dieses ist zuerst sein Turm. Anders kann das nicht sein, denn er ist von größter Eleganz und zugleich von einer Klarheit, die ihn zum Symbol seines Orts prädestiniert:

Vier runde Geschosse, die beiden unteren in einer Linie, das dritte etwas, das vierte stark zurückgesetzt zu einem hinten anschließenden schlanken achteckigen Treppentrakt, der nach dem obersten Geschoß noch höher aufragt und aus dem seinerseits ein quadratischer Mast erwächst. Die Geschosse sind ringsum abwechselnd von Fensterbändern, deren schmalen Zwischenräume durch dunkelblaue Kacheln fast unsichtbar gemacht werden, und von etwas niedrigeren Bändern mit horizontal gesetzter ockerfarbener Kachelverkleidung umlaufen. Das Treppenhaus wird über dem obersten Geschoß an drei Seiten seines Achtecks transparent, so daß man die weiße Wendeltreppe darin sehen kann, und weiß ist auch der abschließende Mast.

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Die unregelmäßig aufsteigende Form des Turms wirkt viel komplizierter als sie ist, sie gleicht mal einer Spirale, mal einem schiefen Turm. Sie mußte ikonisch werden, da es im Jahre 1938, als das Maison de la Radio eröffnet wurde, weit und breit, vielleicht in ganz Ixelles, vielleicht in der ganzen Stadt, nichts Vergleichbares gab.

Das Gebäude ähnelt in seinen Formen dem Turm. Es nimmt eine ganze Platzseite ein und beginnt links siebengeschossig mit den beschriebenen Fensterbändern und der beschriebenen Verkleidung. An der abgerundeten rechten Ecke, auf der deutlich zurückgesetzt der Turm steht, wird es sechsgeschossig und die Fensterbänder werden zweimal von vertikalen Verkleidungsstreifen unterbrochen, um ihn mehr zu betonen.

Das Erdgeschoß ist hoch und hat große Glasflächen zwischen grauer Steinverkleidung. Darüber spannt sich ein Vordach aus Glasbausteinen in Betonfassung, dessen Rand aus von unten leicht geschwungenem und dann zweifach eckig gestuftem Sandstein mit schmalen vertikalen Metallbändern besteht.

Im zweiten Geschoß sind die zurückgesetzten Fenster noch nicht als Bänder ausgebildet, sondern regelmäßig von verkleideten Streben unterbrochen. Weiterhin verläuft über dem fünften Geschoß eine Bordüre, die dem Rand des Vordachs entspricht.

So setzt sich das Gebäude entlang des nicht separierten Place Sainte Croix (Heiligkreuzplatz) und nach einer weiteren runden Ecke, über der nur ein rundes Geschoß wie ein Ansatz eines zweiten Turm ist, noch an der Rue du Belvedere (Belvederestraße) fort. Dort folgen umgebaute und niedrigere kubische Teile mit derselben Verkleidung, aber größeren Fenstern, die offensichtlich neuer sind.

Daß das Gebäude seinen sachlichen Formen nicht ganz glaubt, merkt man schließlich besonders an den Eingängen. Kurz vor der Ecke, bevor es um ein Geschoß niedriger wird, ist ein Eingang durch einen vorgesetzten grausteinernen Rahmen, ein weit vorragendes und mit verdoppeltem Rand versehenen Vordach und einen leicht vorgewölbten breiten Erker in den oberen Geschossen markiert. Im zweiten Geschoß ist auch dieser mit Stein verkleidet, darüber erstrecken sich zwischen den Fenstern Pfeiler, vor dem siebten Geschoß endet er mit einem Balkon und auf dem Dach ist eine steinerne Bordüre. Ein Eingang an der rechten Seite hat außer dem Vordach gleich einen bis ins dritte Geschoß reichenden massiven steinernen Rahmen.

Das mindert die Qualitäten des Maison de la Radio nicht, zeugt aber davon, wie schwer es sich Brüssel auch hier tat, mit der Monumentalität zu brechen. Viel angemessener sind die beiden Uhren im obersten Verkleidungsstreifen der Ecken beiderseits des Turms, die bloß schwarze Zeiger und Striche auf den Kacheln sind. So ist das Gebäude in manchem ein Zwitter, ein Kompromiß. Es war für seine Zeit keineswegs mehr besonders radikal, aber auch noch nicht veraltet. Ähnliche Verwaltungsgebäude aus derselben Zeit, wie etwa das der Českolovenské Státní Dráhy (Tschechoslowakischen Staatsbahnen) in Hradec Králové, waren weiter und die beste Architektur erst recht. Auch seine städtebauliche Einordnung ist konventionell und einzig, weil es einen gesamten Block einnimmt, ist es nicht völlig Teil der Blockrandbebauung. Letztlich gewinnt es seinen Wert vor allem im Vergleich zu anderen Brüsseler Großbauten und -bauprojekten seiner Zeit, die zumeist reaktionär waren.

Gerahmt wird der übrige Place Flagey zu zwei Seiten scheinbar von nur drei sehr großen und langen Wohngebäuden mit meist zehn, im höchsten Mittelteil zwölf Geschossen, deren Formen wenig markant, aber sachlich sind – Stein im Erdgeschoß, helle Kacheln in Sand- und Ockertönen oben, Fensterbänder.

Tatsächlich handelt es sich bei zwei von ihnen um mehrere nach dem Krieg erbaute Einzelgebäude, deren Fassadengestaltung sehr strengen Auflagen unterworfen war, um dem dritten zu ähneln, das wiederum zum Maison de la Radio passen sollte, als es bereits 1938 errichtet wurde. In der Fortführung von Plänen der dreißiger Jahre noch bis ins Jahre 1963 zeigt sich aufs neue eine spezifisch Brüsseler Stringenz und Konsequenz, die hier immerhin nur harmlose Wirkungen hat.

Zur vierten Seite öffnet sich der Place Flagey zum baumumstandenen Étang d’Ixelles (Ixeller Teich), auf den ältere bürgerliche Bebauung folgt.

Gerade diese Öffnung, die vielleicht nur dem Zufall der Topographie geschuldet ist, vielleicht in irgendwelchen Plänen gar geschlossen werden sollte, macht den Place Flagey zu einem so angenehmen und ungewöhnlichen Ort. Dank dem Turm des Maison de la Radio hat er sein architektonisches und dank dem Teich sein städtebauliches Wahrzeichen. Er ist ein Platz, aber auch mehr als ein Platz und jüngste Veränderungen, die den Straßenverkehr einschränken und die Verbindung zum Teich erleichtern, helfen ihm sehr.

Völlig in den Hintergrund schwindet neben dem Maison de la Radio eine neogotische Backsteinkirche, nach der und einem ehemaligen Krankenhaus der gleichfalls ja unsichtbare Place Sainte Croix heißt. Der neue Turm hat den alten völlig ersetzt, das Radio die Kirche, und das ist ja auch schon etwas.

Bruxelles

Der Schlüssel zum städtebaulich-architektonischen Verständnis von Brüssel findet sich in einer unscheinbaren zweisprachigen Inschrift am Mont des Arts (Kunstberg):

„Der Kunstberg, entworfen von Léopold II., begonnen unter Léopold III., gebaut unter Baudouin I., ist dem Andenken von Albert I. gewidmet.“

Die genannten Könige regierten insgesamt von 1865 bis 1993. Brüssel ist eine Stadt ungebrochener Kontinuitäten und entschiedenster, verheerendster Konsequenz. Das 19. Jahrhundert hörte hier nie  auf. Nicht nur blieb die Monarchie über alle Kriege und Revolutionen ringsum erhalten, sie baute auch weiter, was ihr erfolgreichster und schrecklichster Vertreter, König Léopold II., begonnen hatte. Denn was für den Mont des Arts gilt, das gilt für die gesamte Stadt.

Es fängt an mit dem über der Altstadt thronenden Palais de Justice (Justizpalast) von 1883, einem historistischen Gebäude so monströs und brutal, daß es schwindelig macht. Diesen Palast des Todes maßstablos zu nennen, wäre jedoch verfehlt, denn vielmehr begründet er einen neuen gänzlich unmenschlichen Maßstab monarchistischer Machtdarstellung, dem ganz Brüssel unterworfen werden sollte. Es setzt sich fort in Triumphbögen, Denkmälern und dem ganzen übrigen Inventar des Historismus. Vielleicht sind die Brüsseler Beispiele immer noch etwas monumentaler als anderswo und erst in Kaiserdeutschland an schierer Schrecklichkeit erreicht, aber sie bleiben noch im Rahmen ihrer Zeit.

Doch während anderswo das 19. Jahrhundert mit dem Jahr 1914 oder spätestens dem Jahr 1917 endete, ging es in Brüssel einfach weiter. Léopold II. war lange tot, als die Stadt weiter nach seinen und seiner Architekten Vorstellungen geformt wurde. Man sieht das gut, wenn man vom oberen Ende des Mont des Arts in die Ferne blickt.

Man steht in einer riesigen Achse, die von einer verhältnismäßig bescheidenen klassizistischen Kirche im Quartier Royal (Königsviertel) auf dem Hügel über den aus faschistoiden Sandsteinbauten bestehenden Platz des Mont des Arts

und die Spitze des Rathausturms in der Altstadt bis zu einer riesigen Kirche weit draußen führt.

Will man schon beim Mont des Arts kaum glauben, daß so etwas nach 1945 erbaut werden konnte, so erscheint es vollends surreal, daß die Kirche Sacré-Cœur, ein bizarres Monstrum in einer Art Art Déco-Stil, erst Anfang der Siebziger fertiggestellt wurde, der 1970er wohlgemerkt.

Aber das ist eben Brüssel: der wahnhafte Traum eines kleinen Monarchen des 19. Jahrhunderts, der von seinen Nachfolgern pflichtschuldig Wirklichkeit gemacht wurde. Daß die dafür nötigen Mittel direkt aus der Ausbeutung des Kongo, die sogar in der nicht unbedingt zimperlichen Blütezeit des Kolonialismus berüchtigt war, stammen, das sieht man diesen Gebäuden und Stadträumen auch an.

Straße der Kolonien / Zur Erinnerung an die Annexion des Kongo

D‘Ieteren

Im Brüsseler Stadtteil Ixelles steht ein Autohaus, das diesen Namen verdient hat.

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Es ist ein langgezogener Bau in der schwer zu übersetzenden Rue du Mail (etwa: Straße eines Ballspiels aus dem 17. Jahrhundert) zwischen der unkomplizierten Rue Américaine (Amerikanischen Straße) und der wiederum schwierigen Rue du Prévôt (etwa: Straße eines belgisch-französischen Beamtentitels). Auf zwei Sockelgeschossen ragen hohe schwarze Stützen und zwei dickere Erschließungstrakte auf, die fünf weitere Geschosse tragen. Mit dunkelgolden verspiegelten Fenstern und ähnlicher Verkleidung, schmalen vertikalen Streben aus silbernem Stahl und vor den zurückgesetzten Fenstern bei den beiden Treppenhäusern zusätzlichen horizontalen Lamellen wirkt der aufgestützte Teil wie ein schwebender Goldbarren.

Die Unterseite dieses Teils, gleichsam die Decke des freien Bereichs, ist mit einem regelmäßigen Kreismuster gestaltet. Selbstverständlich ist hier eine Parkfläche, zu der von rechts nach links parallel zur Straße eine prominente Rampe hinaufführt.

Die beiden Sockelgeschosse werden von außenliegenden Stahlpfeilern und -trägern gehalten, was rechts, wo eine Tankstelle ist, noch sinnlos zu sein scheint. Links jedoch dient es dazu, die gesamte Ecke zur Rue Américaine in Glas aufzulösen.

In den zwei oberirdischen und einem zusätzlichen unterirdischen Geschoß ist ein einziger großer Saal, in dem auf Plattformen, die an Stahlseilen von der Decke hängen und Marmorböden haben, die Autos stehen. Es sind Volkswagen, denn dieses Autohaus gehört dem VW-Händler D’Ieteren. Statt Autos nur zu verkaufen, ist es ein Tempel für Autos. Selbstverständlich hängt an einer Wand ein abstraktes Kunstwerk aus Stahl.

Heute werden hier auch VW-Derivate von Škoda und Seat verkauft und der Eingang, der nur ein schlichtes Vordach zwischen den Stahlpfeilern hatte, wurde durch eine weiße Torkonstruktion unnötig betont.

Aber insgesamt ist das Autohaus D’Ieteren seit seiner Erbauung im Jahre 1967 gänzlich unverändert und dient auch noch seinem ursprünglichen Zweck. Seine Architektur könnte ebensogut an eine Ausfallstraße passen, frühere und luxuriösere Version eines dieser beliebigen Autohäuser wie am Rande von Altenburg, doch hier steht es inmitten der Blockrandbebauung von Ixelles. Anders als etwa Autopon in Amsterdam versucht es nicht, durch besonders auffällige Architektur Werbewirkung zu erzielen, sondern konzentriert sich auf die Präsentation der Autos. Da es aber freisteht, wirkt es innerhalb der geschlossenen Brüsseler Straßenzüge umso auffälliger. Man merkt an ihm, wie selten solche Auflockerungen, solche winzigen Öffnungen in der alten Stadt sind. Hinter ihm ist heute fast der gesamte Block frei, ein unglaublicher Luxus scheinbar. Jedoch – dort sind bloß Parkdecks. Für die Stadt wäre es besser, wenn die Autos in ihrem Haus blieben.