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Erkundungen auf Friedhöfen: Zittau am Hang

Eine schönere Lage könnte Zittaus Friedhof kaum haben. Er nimmt einen eigenen niedrigen Hügel ein, so daß er ein Ort ganz für sich ist. Dennoch läßt man die Welt nicht ganz zurück, wenn man durch die Memento Mori des barocken Tors getreten ist.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Vielmehr ist man ihr näher, da der Friedhofshügel sowohl Blicke zu den nahen Türmen der Altstadt als auch zum weiten Bergpanorama nach Tschechien hin bietet.

Am höchsten Punkt des Hügels steht eine stattliche, aber etwas unförmige gotische Kirche mit barockem Türmchen, aber die ist eher Ausgangs- als Mittelpunkt des Friedhofs. Statt bei ihr zu verweilen, fließt er gleichsam die Hänge Richtung Gebirge hinab.

An der steilsten Stellen verwandelt sich der Hang in ein ungemein verschachteltes Gewirr aus Treppen und Terrassen. Zusammen mit den dichten Nadel- und Rhododendronsträuchern entsteht eine Art grünes Labyrinth, in dem nun tatsächlich die Umgebung ganz unwichtig wird und man ganz bei den Gräbern sein kann. Die Treppen und Terrassen sind dabei ohne jede erkennbare Ordnung angelegt, wodurch man in diesem bloß kleinen Teil des Friedhofs viel Zeit verbringen und immer wieder Neues entdecken kann.

Mal sind die Terrassen miteinander verbunden, mal völlig separiert, mal stehen viele Grabsteine, mal nur ein einzelner auf ihnen. Daß zwei Treppen zu einer winzigen Terrasse, die im Winkel zweier anderer eingefügt ist, führen und dort nur ein kleiner klassizistischer Grabstein steht, ist durchaus nicht ungewöhnlich.

Zumeist könnten die Gräber auch überall anders sein, sie sind so zufällig wie die Struktur des Orts, den sie bilden. Zwei jedoch wissen um ihre Umgebung. Das erste steht noch oben am Hang, bevor die Terrassen wirklich beginnen und hat einen großen klassizistischen Stein auf drei oder sogar vier Sockeln.

Ganz unten rechteckige Blöcke, darüber ein an Basaltfelsen erinnernder Teil mit aufrechten sechseckigen Blöcken, darauf kleiner wieder rechteckige Blöcke und noch darüber eine sich nach innen verjüngende Bordüre mit Rankenornamentik. Erst darauf ruht gleich einem kleinen antiken Tempel oder eher dem Modell eines Tempels der eigentliche Grabstein. Seine Fläche ist durch einen rechteckigen unteren Teil, einen rundbögigen Durchbruch in der Mitte und eine darüber verlaufende Bordüre aufgeteilt. Den Abschluß bildet ein auf einem Kranzgesims deutlich überstehendes Dach mit gleich zwei dreieckigen Giebeln, die durch halb- und viertelkreisförmige Elemente verbunden sind.

So klar und streng wie der Aufbau sind die weiteren schmückenden Reliefs. An den Schmalseiten sind oben Kränze und unten zum Kreis gewordene Schlangen, die sich in den eigenen Schwanz beißen, und nach unten zeigende Fackeln.

An der Rückseite sind oben gekreuzte Ährenbündel und unten Palmwedel. An der Vorderseite ist oben auf einem Sims über dem Rundbogen ein über einer Urne kniender Engel und beidseits von ihm Kränze. Die übrigen Flächen neben dem Boden sind den Inschriften vorbehalten. Vorne sind ausführlich die Verstorbenen aufgeführt, wobei interessant ist, daß Martha Jansche zwölf Jahre alt war, als sie den einundzwanzigjährigen Gutsbesitzerssohn Gottlieb Scholze heiratete.

„Hier ruhet
Hr. Gottlieb Scholze
Gutsbesitzer in Olbersdorf
Brauberechtigter Bürger
in Zittau
sowie auch Landtags-Deputirter
geboren in Reichenau
den [?] Febr. 1777
gestorben in Zittau
den [?] 1857“
„Hier ruhet
an der Seite ihres Gatten
die vorangegangene
Fr. Martha [?] Elisabeth
Scholze geb. Jansche[?]
Sie ward gebor. zu Reichenau
den 15. Octbr. 1786
verehelicht den [?] Nov. 1798 mit
Gottlieb Scholze
Gutsbesitzer in Olbersdorf
und starb den 7. Novbr. 1855
Sie zeugten in 57 jähr. Ehe 7 Kind
als 2 Söhne und 5 Töchter
davon sind ihnen 2 Söhne und 1 Tochter
durch den Tod in die Ewigkeit
vorangegangen.“
Während das aus heutiger Sicht sehr fremd wirkt, enthält das lange Gedicht auf der Rückseite, das vielleicht eigens für das Grab geschrieben wurde, romantische Vorstellungen, die uns deutlich näher sein mögen.

„Nach manchen schwülen Lebenstagen
Labt Dich die kühle Schlummernacht
Nun schweiget deiner Sehnsucht Klage
Nun ist Dein Leidenskampf vollbracht
Darum gönnen wir Dir deinen Frieden
Ein schöner Trost ist uns beschieden
Du wandelst dort in höhern Licht
Du stirbst in unsern Herzen nicht.
Nicht kennen kann der Tod die Herzen
Die treu und fest das Leben band
Sie folgen nach der Erde Schmerzen
Sich in das ew’ge Friedensband
Und liebend wie sie heimgegangen
Hält hier ein Grabmahl sie umschlangen
Dort jauchzen sie in Morgenroht
Die Liebe kennet nicht der Tod
Wir meinen nicht, daß er von uns geschieden
Er floh des irdschen Lebens flücht‘gen Tand
Der Tugend schönster Lohn war ihm beschieden
In jenem ew‘gen bessern Friedensland
Denn thatenreich und edel war sein Leben
Das gute Herz geöffnet fremdem Leid
Und rein und lauter seines Geistes Streben
Und Wohlthun sein höchste Seligkeit
Wer so gelebt, der ist uns nicht
gestorben.
Ob auch geendet seines Lebens
Traum
Sein Name hat Unsterblichkeit
erworben
Lebt fort in unres Herzens
tiefstem Raum.“
Das Entscheidende an dem Grabstein ist aber nicht die steinerne Fläche, sondern ihre Lücke, der rundbögige Durchbruch. Steht man davor, sieht man durch ihn nur etwas links die beiden Türme der Johanniskirche.

Die Öffnung in der Mitte, die man für ein interessantes, aber beliebiges Gestaltungselement halten könnte, verbindet das Grab mit der Kirche, den Friedhof mit der Stadt. Die Kirche, damals ein Neubau, wird durch den Blick zum Teil des Grabs, zu seiner Mitte gar. Dadurch gewinnt nicht nur das Grab, sondern auch die Kirche, deren monumentaler Klassizismus durch den Rahmen des weit filigraneren, menschlicheren Klassizismus beinahe schön wird.

Das zweite Grab, das um seine Umgebung weiß, ist das der Familie Domschke. Es liegt eigentlich schon am Fuße des Hangs, aber der separierte Raum, den es bildet, gehört noch ganz zu dessen Terassensystem.

Zuerst sieht man zwischen dem Rhododendron eine große Skulptur, die eine schlanke Männergestalt in einem langen GEwand zeigt. Den rechten Arm hat sie mit geöffneter Handfläche leicht nach oben vorgestreckt, während die linke Hand nach unten weist. Das Gesicht ist dabei so ernst und streng wie die gesamte Skulptur wirkt. Was sie zeigen soll, ist nicht klar, aber etwas eindeutig Religiöses ist es nicht, eher vielleicht etwas Antikes und ob der Gestik kann man auch Assoziationen mit einem Verkehrspolizisten schwer vermeiden.

Als nächstes sieht man den Namen Domschke, der auf einem niedrigen Mäuerchen weit vor der Skulptur steht. Zur antiken Würde der Skulptur will dieser irgendwie gewöhnliche, irgendwie slawische, irgendwie sächsische Name nicht passen, auch wenn er sich mit seinen großen kupfernen Buchstaben in schnörkelloser Schriftart, die wirklich auf dem Mäuerchen stehen und durch die man aufs Grün des Grabs blickt, sehr darum bemüht.

Der Namenszug ist schon mit weniger auffälligen Teilen der Grabanlage verbunden. Vom Hang links kommt das Mäuerchen mit Schieferverkleidung und Betonsims heran und wird für die Buchstaben eine Stufe niedriger. Das E von DOMSCHKE setzt sich als schmaler kupferner Streifen fort, der kurz darauf, da das Mäuerchen in einer abgerundeten Ecke noch eine Stufe tiefer wird, ein freischwebendes Geländer bildet. Noch vor der nächsten abgerundeten Ecke verschwindet das Mäuerchen ganz und wein niedrigeres Geländer läuft alleine weiter.

Vor der Skulptur und parallel zur Namensseite schließt es an den einfachen, an den Seiten niedrigeren und in der Mitte höheren Grabstein an, biegt danach um noch eine abgerundete Ecke und endet, kurz bevor es mit dem Mäuerchen eine rechteckige Fläche umschließen würde, in einem kleinen kupfernen Kreuz.

So führt das Mäuerchen über den Namen und das aus ihm erwachsende Geländer in einer Art Spiralform in die Grabanlage hinein. An der rechten Seite gab es eine kleine Pforte und links hinten im Hang steht eine große, von abgerundetem Beton gefaßte Bank mit hölzerner Sitzfläche.

Der eigentliche Grabstein nun ist eingebettet in den von Mauer und Geländer umgebenen Bereichs, zwischen Name und Skulptur. In der Mitte ist ein schmales Bronzerelief, das eine flache Schale zeigt, die von unten zwei Hände halten, während oben zwischen vier kleinen Sternen Rauch aufsteigt. Darum stehen in Schwarz die Vornamen der Familienmitglieder, allesamt Doppelnamen.

Den Anfang macht 1932 Alma-Hulda, auf wann das Grab Domschke also zu datieren ist, den Abschluß 2002 Gisela-Ute, der der gute Erhaltungszustand zu verdanken ist. Zwar versinkt es gleichsam im Rhododendron, der Grabstein ist zwischen Efeu auf dem Boden und verschiedenen Pflanzen fast versteckt, aber das wirkt geplant, nicht verwahrlost.

Das Grab lebt vom Kontrast zwischen der Monumentalität der Skulptur und den viel intimeren Elementen im Inneren, dem Kontrast zwischen dem Wunsch, von weither gesehen zu werden, und der der Verweigerung, jemanden zu schnell und zu leicht in seine Nähe zu lassen, dem Kontrast zwischen Öffentlichem und Privatem mithin. Überall wäre solch ein Grab ein bemerkenswertes Ensemble, aber hier, an den verwinkelten Hang des Zittauer Friedhofs, paßt es so wirklich. Gewiß ist das kein Zufall und wer es gestaltete wußte, daß er mit ihm geplant fortsetzte, was diesen Teil des Friedhofs seit jeher zufällig ausgezeichnet hatte.

Beide Grabmäler, das von 1855  und das von 1932, zeigen, daß Friedhofsarchitektur weit mehr als ein Stein mit irgendwelchen Aufschriften und Verzierungen sein kann. Die schöne Lage des Zittauer Friedhofs wird noch schöner, wenn sie so bewußt architektonisch ausgenutzt wird.

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Leeres Zittau: Urbex

Urbex ist kein besonders schönes Wort. Daß es wie das Außenhandelsunternehmen eines halb-sozialistischen Zwergstaats klingt, wäre noch kein Problem, wenn nicht das, was es bezeichnet – die Erkundung leerstehender Gebäude – so interessant, schön und wichtig wäre. Urbex nämlich steht für Urban Exploration (städtische Erkundung), was auch schon viel besser als die Abkürzung klingt. Zu schade, daß es kein besseres Wort dafür gibt. Doch in Zittau brauchten wir gar kein Wort dafür. Wir sagten „in ein Haus einsteigen“ oder „in ein Haus gehen“. Oder wir sagten gar nichts und taten es einfach.

Denn in Zittau, das seit 1990 etwa die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hat und wo jedes zweite Gebäude leersteht, war das, was unschön Urbex genannt wird, eine Selbstverständlichkeit, eine Alltäglichkeit und brauchte daher keine Bezeichnung. Es erforderte keinen Aufwand, keinen Mut, kaum auch nur eine bewußte Entscheidung. So müde und verloren war dieses Städtchen in der hintersten Ecke dieses neu-alten Deutschlands, dessen Entstehung es zerstört hatte, daß sich oft nicht einmal jemand bemühte, die Zugänge zu den Gebäuden zu versperren und wenn doch, dann oft eher symbolisch. Wer hätte es auch tun sollen? Besitzer gab es keine und die Stadtverwaltung hatte Besseres zu tun, wenn auch nicht ganz klar ist was.

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So war Zittau für alle, die wollten, ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Leben in Zittau war die das Leben in einer friedlichen und freundlichen postapokalyptischen Welt. Zur einen Hälfte war sie bewohnt und das Leben nahm in ihr erstaunlicherweise seinen alltäglichen Gang, zur anderen Hälfte war sie verlassen, aber auch dort lauerten meist weder Monster und Mutanten noch realere Gefahren.

Im leeren Zittau gab es fast alles, was es im bewohnten Zittau gab – alte und neue Wohnhäuser, Kneipen, ein Kino – und manches, was es in diesem nicht gab – Kasernen, Fabriken. Diese beiden Zittaus lebten meist in friedlicher Koexistenz, nur manchmal wurden leere Gebäude abgerissen, nur manchmal stürzten leere Gebäude, die zwanzig, fünfundzwanzig Jahre sich selbst überlassen gewesen waren, ein und gefährdeten bewohnte Nebengebäude.

Ob es in Zittau Urbex gab, weiß ich nicht. Vermutlich schon. Urbex als modischer Abenteuertrend von Menschen mit guten Kameras, die von ihren Explorationen dann YouTube-Videos machen. Vermutlich kamen sie aus ihren großen Städten auch mal nach Zittau. Aber sie waren Touristen, während wir mit den leeren Gebäuden lebten. Ob unsere Videos besser gewesen wären, ist gar keine wichtige Frage, denn Zittau wäre nicht Zittau gewesen, wenn wir dort je etwas anderes gemacht hätten als zu leben.

Und Leben im Verfall macht müde. So wunderbar alles in dem Ruinenspielplatz Zittau auch war, immer schwebte im Hintergrund eine gewisse Melancholie. Zittau hatte offenkundig keine Zukunft und so lag auch für jeden einzelnen von uns die Zukunft anderswo. Wir zogen weiter und waren viellelicht nur Touristen anderer Art gewesen. Vielleicht passiert es uns heute mal, wenn wir irgendwo anders ein leerstehendes Gebäude betreten, daß wir Urbex betreiben. Aber wenn es im folgenden um einige Erlebnisse im leeren Zittau gehen soll, dann geht es nicht um Urbex.

Zittau in fünf Farben

Eine längliche Holzplatte und darauf ein Druck, der die Stadt Zittau zeigt.

ZittauVEBRoburHanddruckOehler

Der Untergrund ein etwas vergilbtes Weiß, die Linien schwarz, dazu Gelb, Grün und Rot, allesamt eher blaß. In einem schwarzen Rahmen die Gebäude und Sehenswürdigkeiten der Stadt (von links nach rechts):

In Rot der mächtige Marstall auf dem August-Bebel-Platz (jetzt Neustadt), davor der barocke Herkulesbrunnen in Grün, der tatsächlich davorsteht. In Gelb der minarettartig schlanke barocke Turm der Klosterkirche. In Rot Giebel und Türme der klassizistischen Johanniskirche, für deren Unterschiedlichkeit sich die Stadt nicht einmal, wie etwa in Kraków, eine Legende einfallen ließ. Darunter in Gelb der Nazibau des Gerhart-Hauptmann-Theaters, das es wundersamerweise noch gibt, ohne daß es aber noch das hübsche Logo auf der Fassade verwendete. In Gelb das Rathaus in seinem für das Zittau des mittleren 19. Jahrhunderts typischen, an mediterrane englische Neogotik erinnernden Stil, ein Oberlausitzer Miramare. Darunter, schwarz auf roter Fläche und unaufdringlicher Mittelpunkt, das filigrane Schmiedewerk des Grünen Borns. In Grün der barocke Eckerker der Alten Post in der Bautzener Straße. In Gelb das Eingangsgebäude des VEB Robur-Werke mit dem markanten, an eine Kurbelwelle erinnernden Logo des Kleinlasterherstellers. Und dezent hinter den vier letztgenannten, in Weiß und Schwarz mit roten Balkonen, eines der typischen fortschrittlichen Wohngebäude der Stadt. In Rot der Hefftergiebel am Kloster, Höhepunkt der Renaissancearchitektur in Zittau und von kaum irgendwo gut zu sehen. Davor mehrfarbig die Blumenuhr, die zum Wahrzeichen der Stadt zu machen man als Leistung des Stadtmarketings im frühen 20. Jahrhundert betrachten kann. Abschließend in Gelb der Turm des Gymnasiums, dessen oberer Teil eine Nachahmung eines Bautzener Stadttores ist. Dazu hie und da einige grüne Sträucher und Bäume, das Wappen, in dessen Mittelpunkt zwischen böhmischen Löwen und schlesischen Adlern einfach ein Z ist, der verschnörkelte Name und unterhalb des Rahmens die Worte „Unseren Werktätigen zum 25. Jahrestag der DDR . VEB Robur-Werke Zittau“, sowie der Hinweis „Handdruck Oehler Zittau“.

Man kann in diesem schönen und schlichten, Alt und Neu, Kultur, Wohnen und Arbeit umfassenden Stadtpanorama vielleicht die ganze DDR des Jahres 1974 erkennen. Man kann daran, daß kein VEB Robur-Werke seinen Werktätigen mehr so etwas schenkt, da von ihm nur beeindruckende Industrieruinen am Bahnhof, einige liebevoll gepflegte Fahrzeuge und Nostalgie blieben, den ganzen Niedergang Zittaus, einer Region, eines Landes beschreiben. Doch für den Moment genügt mir, daß dieses kleine Kunstwerk mich an der Wand meiner Wiener Wohnung an eine alte Heimat erinnert.

Traumhäuser

Niemals will ich in einem Einfamilienhaus leben. Die Ablehnung dieser kleinbürgerlichen Wohnform ist eine meiner architektonischen Grundüberzeugungen. Aber wenn ich müßte, dann wollte ich als mein Einfamilienhaus etwas wie dieses:

BreitenseerStraßeMaroltingergasse

Ein kleines vorstädtische Mietshaus an der Bushaltestelle, verloren an der Grenze von 14. und 16. Bezirk zwischen der großen Maroltingergasse, einem Hofer-Supermarkt und enormen Kasernenanlagen, die langsam verfallen. Es ist so ein Haus, wie man es in jeder im 19. Jahrhundert großgewordenen Stadt findet, es ist versinnbildlichte Vorstadt, Banlieue. Nicht zufällig findet man es im vielleicht besten Comic über Architektur und Starkult, „Dolores“ von Anne Baltus und François Schuiten und Benoît Peeters, wieder und so regengrau wie dort sollte der Himmel darüber immer sein.

Aus Baltus, Anne/Schuiten, François/Peeters, Benoît: Dolores, Tournai 1991

Aus Baltus, Anne/Schuiten, François/Peeters, Benoît: Dolores, Tournai 1991

Es ist ein Haus für das Aufgeben, für die Resignation, fürs Exil, ein Ort, vor dem niemals das Auto einer Schauspielerin eine Panne haben wird.

Ein Haus fürs Leben aber, ein Ferienhaus, eine Datsche wie ich sie für ein paar Sommertage mit Freunden durchaus nicht ungern hätte, sollte aussehen wie dieses in Eckartsberg bei Zittau:

HausEckartsberg

Dank an Paul Lamplugh für dieses und das folgende Bild

Ein ganz simpler kleiner Bau, perfekt in den Hang gesetzt, so daß er von unten zweigeschossig, von oben flach ist. Es besteht eigentlich nur aus der großen Terrasse um das zweite Geschoß, nur wie ergänzend kommen die gemusterte Glasbetonwand rechts vorm Erdgeschoß, die sich in der Terrassenbrüstung verändert fortsetzt, und der abgesetzte rotbatbacksteinerne Kamin links hinzu. Selbst an der Inneneinrichtung der ganz nach außen gerichteten Räume müßte nichts verändert werden.

EckartsbergInnen

Gemein ist beiden Häusern nur, daß sie so leicht zu übersehen sind. Die Datsche steht verlassen auf dem Gelände einer riesigen historistischen Villa, deren westdeutsche Hausherrin sie niemals wirklich sehen können wird und nur zu sagen wußte, sie habe der „Stasi“ gehört. Ob das stimmt, ist schwer zu sagen, aber wenn sie einst Tschekisten zur Sommerfrische gedient hätte, machte sie das nur noch schöner.

Doch wirkliche, realere Träume sind in Wohnungen besser aufgehoben.

Pod dębem

Polen – das ist von Zittau, einer Kleinstadt im äußersten Osten Sachsens, aus gesehen vor allem ein kleines Stück Landstraße, vielleicht einen Kilometer lang, zwischen der Neißebrücke hinter dem ehemaligen Grenzübergang Friedenstraße und dem ehemaligen Grenzübergang zwischen Polen und Tschechien. Die Formulierungen, die man damit am häufigsten verbunden hört, sind „Kippen holen in Polen“, „tanken in Polen“ oder allgemeiner „an die Tanke in Polen“. Diese Landstraße  funktioniert für Zittau im eigentlichen auf amerikanische Art: es ist eine auf den Autoverkehr ausgerichtete Einkaufsstraße mit in mittelgroßem Abstand zueinander liegenden Ladeneinheiten.

Nördlich von ihr liegt hinter Feldern das Dörfchen Porajów, bis zur Schaffung der Friedensgrenze der Zittauer Vorort Groß-Poritsch und bekannt für Kasernen, ein Kriegsgefangenenlager im ersten und ein KZ-Außenlager im zweiten Weltkrieg, heute ausgezeichnet durch seine große moderne Kirche und dadurch, daß der Zug nach Liberec hindurchfährt, aber nicht hält. Südlich von ihr ist ein verwildertes Wald- und Wiesengewirr zur Nysa hin.

Aber all das betrifft den deutschen Kunden der polnischen Läden nicht, für ihn gibt es nur die Landstraße. Gleich hinter der Grenze, wie alle Bebauung links der Straße, ist die Horex- oder die rote Tankstelle, etwas abseits flankiert von einer grünen Bude mit Friseur und Wechselstube. Für denjenigen, der zu Fuß unterwegs ist, endet Polen mit dieser ersten Tanke auch schon wieder, denn Zigaretten oder auch Bier und Wódka bekommt er hier. Das weitere betrifft nur noch den Autofahrer, der auch die eigentliche Zielgruppe ist. Ein Stück weiter folgt, von der Straße durch eine Schotterfläche abgesetzt, eine lange Reihe von Buden, simpelste Version einer amerikanischen strip mall, in denen Korbmöbel und anderes, vor allem aber Zigaretten, verkauft werden. Dann folgt eine weitere, nun, Tankstelle, die aber die älteste sein könnte, vielleicht in den Wild-West-Tagen nach dem Anschluß oder nach der Schaffung des Grenzübergangs von einem findigen örtlichen Unternehmer eröffnet. Noch immer scheint sie, weit von der Straße zurückgesetzt und umgeben von Felder, ein von einem Tanklaster auf einem künstlichen Hügel dominiertes Provisorium.

Früher war auf der rechten Seite noch eine gelbe AP-Tankstelle, doch von der ist nichts mehr übrig, so daß man sich getrost auf die linke Seite konzentrieren kann. Hier folgt nun der jüngste Teil der Einkaufstraße. Zuerst eine blaue Aral-Tankstelle. Der, nicht abwegige, Gedanke war wohl, daß die deutschen Kunden bei einer ihnen vertrauten Marke bereitwilliger tanken würden, doch das wurde durch ein Werbeplakat in unsäglichem Deutsch sogleich konterkariert. Dann eine Art kleines Einkaufszentrum.

Biedronka

Noch lange nachdem die Tankstelle eröffnet war, stand es als Rohbau, dann halbausgebaut da, ein höhergeführter geschwungener Teil zwischen Flachbauten, so daß man nur rätseln konnte, was es einmal werden könnte. Erst im Sommer 2013 wurde es eröffnet. In der linken Hälfte öffnet sich das Waltz Cafe mit einer Terrasse nach außen, „najlepsza restauracja w regionie“, „bestes Restaurant in der Region“, will es sein. Tritt man durch den verglasten Eingang des Mittelteil ein, so steht man in einem hohen und geräumigen Gang, der oben von runden Fenstern beleuchtet wird. Noch wirkt er etwas kahl, doch für den Kunden geht es ohnehin nur um den Biedronka-Supermarkt, der sich nach rechts öffnet und die kleinen Kleiderläden, die auf das Restaurant und eine Wechselstube folgend links angeordnet sind.

Schon am Eröffnungssonntag war der Biedronka gut besucht. Junge polnische Mädchen waren aus Porajów gekommen, ein älteres deutsches Paar rechnete sich Złoty-Preise in Euro um, die meisten waren vielleicht weniger zum Einkaufen als aus Neugier auf die neue Einkaufsmöglichkeit hier. Obwohl die meisten Besucher noch aus Polen waren, war das Einkaufszentrum bereits klar das Herz dieser Straße. Auch konnte man schon spüren, daß es sich zu einem wahren Zentrum der Gegend am Dreiländereck entwickeln könnte. Wo sonst als hier sollte diese disparate, zu drei Ländern gehörende Region auch zusammenwachsen? Denn so lobenswert alle Kultur- und Sprachprojekte auch sind: wo die Menschen sich wirklich begegnen, das ist beim Einkaufen, in Restaurants, in Cafés. Hier, wo Tschechen aus Hrádek, Polen aus Porajów und Deutsche aus Zittau es mit dem Auto genauso nah haben, da werden sie sich begegnen. Kultur, die nicht bloß elitär sein will, sollte an diesen Ort, der ja nur fünf Minuten vom Dreiländereck entfernt liegt, anknüpfen. Was spräche etwa dagegen, an dieser so amerikanischen Straße in der Mitte Europas, ein Kulturzentrum als Drive-In zu schaffen?

Doch bis dahin bleibt das Einkaufszentrum. Dieses und die Tankstelle teilen sich eine Einfahrt und sind verbunden durch eine große gepflasterte Parkplatzfläche. Sie wäre bloß kahl und nicht der Rede wert, wenn nicht, etwa dort, wo man entweder zur Tankstelle oder zum Einkaufszentrum abbiegt, umgeben von einem kleinen unregelmäßig geformten Beet, eine einzelne Eiche stände.

Baum

Sie stand da auch früher schon, groß, aber nicht so groß wie all die Eichen, die die Landstraße zur Allee machen, ihre Vorfahren, und entsprechend unbeachtet. Jetzt aber, inmitten des grauen Pflasters zum Kleinod geworden, ist sie es, die diesem sonst ganz banalen Einkaufskomplex Charakter und Einzigartigkeit gibt. Die Subtilität eines ungenannten Planers – oder Planungsprozesses? – , die sie dort beließ, ist zu beglückwünschen. Unwillkürlich denkt man daran, daß die erwähnten Buden sich auf einem naiv handgemalten Schild „Unter der Eiche“ nennen, obwohl nicht klar ist, welche der Alleeichen gemeint ist und man nur vermuten kann, daß der Schreiber den Dativ Plural nicht zu bilden wußte – und die Klugheit besaß, es auch nicht zu versuchen. Für dieses Ensemble aus Tankstelle, Einkaufszentrum und Baum wäre dieser Name jedoch passend. Mag sein, daß irgendwann die Wurzeln des Baums das Pflaster zu schädigen beginnen werden und er doch noch gefällt werden wird, für den Moment aber kann man die Aral-Eiche getrost noch vor der Napoleonslinde auf dem Weg ins Zittauer Gebirge oder der majestätischen Platane am Zittauer Stadtring, die sich im Vorfrühling stadtführerbekannt mit einer Krokuswiese umgibt, den schönsten Baum der Gegend des Dreiländerecks zu nennen. Während die Eichenallee, die sich auch in Tschechien fortsetzt, vielleicht ein gärtnerischer Ausdruck des Bündnisses zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn aus dem frühen 20. Jahrhundert, also Ausdruck reaktionärster Politik, ist, hat diese einzelne Eiche etwas Progressives, Polnisches an sich.

Nach der abzweigenden Straße nach Kopaczów folgt noch die gelbe AP-Tankstelle. Man könnte meinen, daß seien zu viele Tankstellen für ein so kleines Stück Straße, aber man irrte sich vielleicht, denn die Kriterien, nach denen die deutschen Kunden ihre Tankstellen wählen, sind unergründlich Manche überzeugt die Nähe der Horex, manche der Name der Aral, manche die teilweise deutschen Kassiererinnen der AP, manche noch etwas anderes und sogar die Tankstellen in Zittau haben Kunden, unter anderem wegen des Vorurteils gegen „polnisches“ Benzin. Danach nichts mehr, die Straße wird dunkler zwischen Wald auf beiden Seiten und steigt zur tschechischen Grenze hin leicht an. Nur in den Sommermonaten gibt es hier neben einer unidentifizierbaren Backsteinruine noch einen Stand mit Obst und Gemüse.

Tschechien empfing Anfang 2014 mit einem großen McDonald’s-Schild, das aber bloß auf einen im 25 Kilometer entfernten Liberec angesiedelten hinweist. Doch auf der Einkaufsstraße in Polen ist noch viel Platz, wer weiß, was noch alles kommt.