Überraschende Parallelen

Manchmal gibt es architektonische Parallelen, die erst überraschen, dann aber ganz logisch erscheinen.

So sieht man in den ionischen Kapitellen der jesuitischen Kirche in Wien die Buchstaben IHS

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und in den Blattkapitellen des stalinistischen Bahnhofs in Odessa Hammer und Sichel.

BahnhofOdessaKapitelleHammerUndSichel

In beiden Fällen wird ein großartiges und klares Logo – das IHS mit Kreuz des Jesuitenordens und das Hammer und Sichel der revolutionären Arbeiterbewegung – zum bloßen Ornament reduziert und durch diese Wiederholung vulgarisiert. Die Parallelen gehen weiter: während das IHS von den goldenen Zacken einer stilisierten Sonne umgeben ist, befindet sich hinter dem Hammer und Sichel etwas, das ebensogut als Muschelform wie als die Strahlen einer aufgehenden Sonne betrachtet werden kann. In der Nähe sind jeweils figürliche Darstellungen von Gestalten, die für die jeweilige Weltanschauung wichtig waren – in Wien unter anderem die Heiligen Katharina und Anton, in Odessa ein sowjetischer Soldat und ein sowjetischer Matrose – aber jeweils so weit oben angebracht, daß man sie kaum wirklich betrachten kann.

Diese Parallelen sind bei näherer Betrachtung beinahe selbstverständlich. In Dingen der Kunst und Architektur waren sowohl der Jesuitenorden als auch der Stalinismus durch und durch reaktionär. Nichts Monströseres als jesuitische Kirchen, nichts Monströseres als stalinistische Prachtbauten, jedenfalls in den meisten Fällen. Doch so wie der Jesuitenorden für das Fortbestehen des Katholizismus notwendig war, war der Stalinismus notwendig für das Fortbestehen des Sozialismus. In Zeiten der größten Bedrohung, das wußten sowohl Ignatius von Loyola als auch Josef Stalin, wären Skrupel verhängnisvoll gewesen. Der Unterschied ist, daß der erste damit etwas Schlechtes bewirkte, der zweite jedoch etwas Gutes. Manchmal erzählt die Architektur einem eben doch nicht alles.

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Ein Gedanke zu „Überraschende Parallelen

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