Archiv für den Monat März 2020

Turiner Einzelheiten: Ein Eckbau aus Backstein

Das folgende kleine Beispiel soll zeigen, wie wichtig es ist, in jedem Land die Architekturbetrachtung völlig neu zu lernen, da man sonst nichts verstehen oder, schlimmer, alles mißverstehen wird.

Das Eckhaus Via Milano/Via Corte d‘Appello (Mailänder Straße/Berufungsgerichtsstraße) im engsten und ältesten Teil Turins westlich des Piazza Castello (Burgplatzes). So hoch wie die angrenzenden historistischen Gebäude, aber so schmal, daß es zu jeder Seite nur ein Fenster pro Geschoß hat und freistehend ein Punkthaus wäre. Im Erdgeschoß ein verglaster Ladenraum, das Dach leicht überstehend, aber nicht weiter betont. Es ist ganz seine backsteinerne Fassade, auf der dicht an dicht horizontale Streifen aus vorgesetzten Backsteinen verlaufen und eine Rillenstruktur bilden. Nur um die Fenster im dritten und vierten Geschoß sind oben und unten glatte Backsteinflächen, beziehungsweise im vierten Geschoß unten ein weiterer Fensterteil, Über ihnen bilden schräge Backsteinstreifen rundbögige Kränze, was sie, wiewohl ohnedies rechteckig, viel vertikaler und viel näher an konventioneller Ornamentik wirken läßt als sie es eigentlich sind.

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Sieht es schon in den oberen beiden Geschossen aus, als ob die horizontalen Streifen nach unten abknicken, um diese Kränze zu bilden, so wird das bei den Fenstern im zweiten Geschoß noch deutlicher. Beidseits von ihnen sind die schräg nach unten abgeknickten Streifen auf solche Weise versetzt, daß oben schmaler und unten breiter ausgewölbte Formen entstehen.

Eigenartigerweise sind die Auswölbungen an beiden Seiten nicht einmal völlig regelmäßig und gleich groß. Diese Ornamentik, die ganz aus der regelmäßigen Rillenstruktur erwächst, hat keinerlei historische Vorbilder mehr. Hier wird der Backstein, dieses sehr typischer Turiner Material, das anderswo in historisierende Formen gepreßt ist, auf ganz neuartige Weise verwendet.

Mehr ist an dem Gebäude nicht, weshalb auch schwer ist, es zeitlich einzuordnen. Ich schloß, daß es letztlich aus der Zeit des Faschismus stammen muß, weil es für frühere zu schlicht und für spätere zu handwerklich ist. Der schmale Grundriß in der Ecke wie die einfache, aber auffällige Fassade lassen es als Werbung für das Geschäft im Erdgeschoß verstehen.

Diese Einschätzung war völlig falsch. Tatsächlich handelt es sich um den 1788 erbauten Sockel des geplanten neuen Torre Civica (Stadtturms). Er wurde errichtet, noch bevor auch nur klar war, wie der Turm aussehen sollte, aber das war auch egal, da er letztlich nie gebaut wurde. Seine heutige Gestalt hat der Sockel vermutlich aus dem Jahre 1822, wobei in den erhaltenen Plänen zwar die konventionelleren oberen Fenster, nicht aber die unteren eingezeichnet sind.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009

Nicht ein geplantes modernes Gebäude aus der Zwischenkriegszeit, sondern letztlich eine vom Zufall geformte Investitionsruine für einen beinahe noch mittelalterlichen Gebäudetyp steht an der Ecke.

Meine so große Fehleinschätzung liegt darin begründet, daß es ein durch und durch italienisches Gebäude ist, daß es im Norden niemals geben könnte. Auch die Nebengebäude, die ich auf den Historismus des späten 19. Jahrhunderts schätzte, sind hier vermutlich hundert Jahre älter. Die einzige Möglichkeit, solche Fehler in Zukunft zu vermeiden, ist, in Italien alles, was man über Architektur zu wissen glaubt, zu vergessen und von Neuem zu lernen. Das gilt für jedes Land, auch für auf den ersten Blick noch ähnlichere.

Jesus in Javorník

Jesus gibt es in Javorník viermal, während es Orte dieses Namens, der sich von javor (Ahorn) ableitet, viele gibt. In dem hier gemeinten nordostböhmischen Dorf steht Jesus jeweils an der einen Straße, die zwischen den locker verstreuten, teils noch aus Holz gebauten Häusern verläuft. Dreimal hängt er steinern an einem steinernen Kreuz auf einem mehr oder weniger hohen steinernen Sockel, auf dem noch seine Mutter Maria im Relief und eine deutschsprachige Inschrift sind. Die Denkmäler sind wohl barocker oder nachbarocker Herkunft, aber das ist schwer zu sagen, da sie oft renoviert und umgebaut wurden, was auch oft auf ihnen erwähnt ist.

Das größte ist das erste am Ortseingang an der Ecke zur Landstraße, bei ihm liegt auf einem höheren Teil des Sockels noch ein Lamm und vor dem Kreuz ein Totenkopf, „Es ist vollbracht“.

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Das im schlechtesten Zustand ist das mittlere, hier hängt Jesus schon arg verstümmelt da, hat keine Beine mehr.

Das schönste ist das letzte, weil hier das Kreuz im Unterschied zum grauen Sockel aus rotem Stein gefertigt ist.

Der vierte Jesus ist ein Relief, er steht in langem Gewand und mit Heiligenschein über ein kleines Kreuz geneigt, auf dem oben ein Stahlhelm ist. Er gehört zu einem kleinen Denkmal für den ersten Weltkrieg, in dem unter einem gestuften Abschluß „1914-1918“ und auf einem vorgesetzten Quader „Der Heimat Dank ihren Söhnen“ steht.

Man kann vielleicht viel über die Geisteshaltung der örtlichen Deutschen daran erkennen, wie einfach hier Religion und Krieg verbunden sind, aber das war ja nirgendwo schwer. Unverständlich ist, wieso zwar später „1939-1945“ hinzugefügt, aber keine neue Inschrift ergänzt wurde. Ob diese Hinzufügung gar noch von den in den Nachkriegsjahren ausgesiedelten Deutschen stammt, eine Art vergiftetes Abschiedsgeschenk an die Tschechoslowakei, die in den im Münchner Abkommen zwischenzeitlich verlorenen Gegenden sonst „1938-1945“ schrieb?

Auf den Stahlhelmjesus blickt von der anderen Straßenseite Johannes von Nepomuk.

Aber nein, er achtet auf ihn gar nicht, er hat den geneigten Kopf an den Querbalken des Kruzifixes, das er im linken Arm hält, geschmiegt.

Bei ihm ist Jesus domestiziert, abstrahiert, kein Körper am Kreuz mehr, sondern ein Symbol. Johannes von Nepomuk ist Abwechslung vom Einerlei der Jesusse, Marien und Stahlhelme, ein Glück für Javorník wie für jeden Ort.


Ergänzend die Inschriften, die ich mir aus meinen Bildern rekonstruieren kann.

Erster Jesus Vorderseite:

Sieh Mensch wie Kristus
          für dich stirbt
Und liebend dir das Heil erwirbt
O mach dich dieser Liebe werth
Das ist’s was Er von dir begert
Renovirt 1884 A.R.

Erster Jesus Rückseite:

Diese Statua Ließ
Aloisius Rücker Müller
Meister in Mohrn im
Jahr 1816 Errichten.

Renovirt vom Sohn Alois Rücker
1857

Opraveno [ausgebessert, P.E.] 2013

Letzter Jesus:

Durch deinen Schmerz, durch deinen Tod
Hilf Jesu mir in aller Noth,
Lass Deine Marter, Deine Pein
Doch nicht an mir verloren sein !

Nepomuk:

St. 
Johannes 
bitte für uns
___.___
Renovirt
Von
Wohthätern
1880

ANNO 1755
DEN 7 NOVEMBRIS

Torgauer Traditionen

Das sozialistische Torgau erzählt in einem Wandbild aus seiner Geschichte. Auf der langgestreckten orange-gelben Fläche sieht man zwei Gruppen von Menschen: rechts Ritter, teils zu Fuß, teils zu Pferd, in Rüstungen, mit Schwertern und Hellebarden und dem Stadtwappen als Wimpel.

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Links Menschen der DDR-Gegenwart, alte, junge, teils stehend, teils sitzend, ein Bauarbeiter, einer mit Gitarre, hinter ihnen ein noch kleiner, aber geschmückter Baum.

Auf einem Steinblock ganz links ist die Signatur „Kratsch 1987“.

In der Mitte treffen sich zwei Vertreter der beiden Gruppen, rechts einer der Ritter, links ein junger Mann mit rotblondem Vokuhila und ähnlichfarbiger Sportjacke.

Der Ritter will dem Mann ein Schwert übergeben, doch der lehnt es mit freundlicher Geste ab. Über ihnen fliegt eine weiße Taube, rechts davon weitere und überhaupt sind die beiden Gruppen nicht so geschieden, wie es im ersten Moment scheinen mag. Ganz rechts steht ein kleiner Junge mit Hund vor den Rittern und blickt nach vorne, als posierte er mit den eigentümlichen Besuchern aus der Vergangenheit für die Kamera.

Mittig vor den Rittern steht ein kleines Mädchen und winkt nach links, als wolle es die anderen auf ihre kuriose Entdeckung hinweisen.

Und mittig links steht ein Ritter mit zwar eingestecktem Schwert, aber auch einer aufgestellten Lanze, um die blühende Schlingpflanzen wachsen und die von der anderen Seite ein kleiner Junge mit Trompete hält.

Gezeigt ist auf diesem Wandbild des Künstlers Joachim Kratsch, wie der Sozialismus mit der Tradition umgeht: liebevoll, aber selbstbewußt, das Gute aufhebend, das Schlechte zurückweisend. Die Ritter sind den Kindern spielerisch-staunend wahrgenommene Folklore. Aus der Lanze wächst ein Baum. Das Schwert, die kriegerische Tradition, lehnt der ganz im Geschmack der späten achtziger Jahre gekleidete DDR-Bürger ab, er braucht sie nicht, es ist Sozialismus und Frieden. Ganz so sah die DDR die Welt und sie fand dafür unzählige überraschend schöne Bilder wie dieses.

Vielleicht täuschte sie sich. Bezeichnenderweise hat der Frieden im Bild seine Symbole, der Sozialismus aber nicht. Leicht könnte es einfach pazifistisch verstanden werden. Daß die DDR den deutschen Militarismus zurückwies, war richtig, aber daß sie zwei Jahre später zu ihrer Verteidigung nicht das Schwert zücken konnte, war tragisch. Das Ergebnis sieht man um das beschriebene Wandbild.

Es symbolisch zu nennen, daß über die zentrale Szene ein großes grünes Hakenkreuz gemalt wurde, wird dem heutigen Torgau gewiß nicht gerecht, eher paßt es, daß der einstige Saal des Restaurants „Torgau Nordwest“, in dem das Wandbild ist, heute voller zerschlagener Möbel und allerlei anderen Mülls liegt, während die Fensterflächen verbarrikadiert sind. Beides, Neofaschismus und wirtschaftlicher Niedergang, hängt miteinander zusammen.

Der flache Restaurantbau befindet sich ganz am Ende des Wohngebiets Torgau Nordwest, dessen Name noch in blauen Leuchtbuchstaben auf dem Dach steht. Sogar ein Logo – einen Kreis, in dem ein spitzes Dreieck kompaßnadelgleich in die linke obere, die nordwestliche, Ecke zeigt – hatte das Wohngebiet.

Heute zeigt es sich wie so viele kleinere Wohngebiete der ehemaligen DDR. Hinter dem Restaurant beginnt eine breite, leicht geschwungene Grünachse, zu der sich links fünfgeschossige Bebauung mit großzügigen Höfen öffnet, während rechts eine Schule mit großer Turnhalle, ein Kindergarten und dahinter aufgereihte fünfgeschossige Gebäude älteren Typs mit flachem Satteldach stehen.

Am Ende der Achse ist rechts ein Kaufhallengebäude, dessen vorderer Teil ein Wellendach und einen hinter einer Stütze in der Ecke zurückgesetzten verglasten Eingang hat,

und links eine kleine Poliklinik mit Pelikanapotheke, die sich mit einem zur braunen Kachelverkleidung  des Sockelgeschosses und des Dachbandes passenenden abstrakten Kachelrelief schmückt.

Fast alle Gebäude sind neugestaltet und andere, besonders vor dem Restaurant, wurde abgerissen. In der Kaufhalle ist ein vietnamesischer Laden, die Poliklinik stark umgebaut. Für das heutige Wohngebiet ist wohl am wichtigsten, daß es zwischen den beiden letztgenannenten Gebäuden entlang des einzigen unveränderten Wohnbaus, der auch als einziges bei ebenfalls fünf Geschossen einen Aufzug hat, zur herumführenden Straße mit Bushaltestelle und weiter zu einem Einkaufszentrum um einen großen Parkplatz und zu McDonald’s geht.

Schlecht war das Wohngebiet Torgau Nordwest im Bezirk Leipzig seiner Konzeption nach nicht und daß all seine Gemeinschaftseinrichtungen verfallen würden, konnte niemand ahnen. Vielleicht aber war es auch nicht gut genug. Es liegt letztlich zu weit vom Zentrum seiner ohnedies nicht großen Stadt entfernt und hat anders als das ältere Wohngebiet an der Straße des Friedens nicht einmal ein bescheidenes Hochhaus. Radikaler und selbstbewußter wäre es gewesen, direkt auf der anderen Seite der Elbe, gegenüber von Altstadt und Schloß Hartenfels, ein neues Wohngebiet zu bauen. Platz wäre genug, denn hinter den Flutwiesen sind dort nur versteckte Teile der Festungsanlagen, in denen heute immerhin ein alternatives Kulturzentrum ist. Wäre es so gekommen, hätten sich Alt und Neu direkt gegenüberliegen können. Dieses theoretische Torgau Ost oder Torgau Brückenkopf, wie die einzubeziehenden Festungsreste heißen, wäre auch der angemessenere Ort für das Wandbild, das statt an einer Restaurantinnenwand dreifach größer an einer Außenwand hätte hängen müssen, um die ringsum offensichtlichen Torgauer Traditionen zu kommentieren.

Die Klassengesellschaft im Food Court

Die Galeria Metropolia ist ein gescheitertes Einkaufszentrum im Gdańsker Stadtteil Wrzeszcz. Es hatte nie eine wirkliche Chance, da alle wichtigen Geschäfte bereits in der weit größeren und als erstes Einkaufszentrum der Trójmiasto (Dreistadt) fest etablierten Galeria Bałtycka direkt jenseits der Gleise waren.

Was es bei seiner Eröffnung Ende 2016 hervorhob, war, daß es mit einem Eingang in der Unterführung, einer Brücke und einem eigenen Bahnsteig, dank dem die nach Norden fahrenden Züge der SKM (Stadtschnellbahn) von zwei Seiten betreten werden können, direkt an den Bahnhof Wrzeszcz anschließt.

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Falls es sich damit für nicht-motorisierte Besucher aus dem Umland interessant machen wollte, war diese Chance spätestens zwei Jahre später hinfällig, als mit dem riesigen Forum Gdańsk, das nicht nur nah am SKM-Bahnhof Śródmieście, sondern auch an der Altstadt liegt, das nächste Einkaufszentrum öffnete. In den wenigen Jahren seiner Existenz schlossen fast alle ursprünglichen Geschäfte und an ihre Stelle traten bizarrerweise vor allem Möbelläden oder auch, wieso nicht, eine Go-Kart-Bahn. Die Fassade wurde derweil immer mehr mit Werbung beklebt, wie ein Vergleich zwischen dem Zustand Ende 2016 und Mitte 2018 zeigt.

Der einzige Teil der Galeria Metropolia, der von Anfang an offenkundig gut lief, war der Food Court im zweiten Geschoß, der auch von ihrem neben dem Bahnsteig besten architektonischen Element profitieren konnte: einer riesigen eingewölbten Fensterfront mit Blick auf die ältere Bebauung von Wrzeszcz beidseits der erhöhten Gleise.

Unweigerlich zog es die Besucher an diese Fenster, um zu ihrem Essen auch diese bei Tag wie Nacht großartige Aussicht zu genießen. Neben vertrauten Ketten wie Burger King, Subway oder Pizza Hut und allerlei Cafés siedelte sich hier auch ein Hummus-Restaurant, das sich an das gesundheitsbewußte Hipsterpublikum der nahen Straße Wajdeloty richtet, und eine Filiale des „berlin-inspirierten“ (Eigenwerbung) Kult Gemüse Kebab an. Ein wenig entstand hier die Atmosphäre eines luxuriösen, aber unprätentiösen Bahnhofsrestaurants. Es ist sogar möglich, am Fenster sitzend die SKM näherkommen zu sehen, aufzustehen und rechtzeitig am einkaufszentrumseigenen Bahnsteig zu sein, um einzusteigen.

Angesichts dieser Situation schien es nur angemessen, daß die Verantwortlichen an die beiden einzigen Qualitäten der Galeria Metropolia – Bahnsteig und Food Court – anzuknüpfen suchten. Im Laufe des Jahres 2019 wurde der Bahnhofscharakter durch digitale Anzeigetafeln bei den Ausgängen betont und im dritten Geschoß ein zweiter Food Court namens „Stacja Food Hall“ eröffnet. Anders als der etablierte Food Court darunter richtet dieser sich ganz an ein anspruchsvolleres oder sich für anspruchsvoller haltendes Publikum und hat Filialen angesehener Gdańsker Restaurants. Er ist Aiolï statt McDonald’s, Alma statt Biedronka.

Doch bei der Gestaltung dieses Raums wurde seine spezifische Qualität völlig mißachtet: der Blick auf die riesige Fensterfront ist fast vollständig von farbigen matten Scheiben in schwarzer Fassung verdeckt, so daß ein ständiges Zwielicht herrscht.

Aus einem Aussichtspunkt wurde ein Keller gemacht. Der Popularität der „Stacja Food Hall“ scheint das erst einmal keinen Abbruch zu tun, was fast noch trauriger ist als die schlechte Innenarchitektur.

So herrscht in der Galeria Metropolia eine Situation, die ein gutes Bild für die gesellschaftliche Situation im kapitalistischen Polen und anderswo ist: die verzweifelt um Distinktion ringende klasa średnia (Mittelschicht) sitzt oben im Dunkeln, alle anderen unten im Licht.

Das 19. Jahrhundert im Stau

Ein Problem des 19. Jahrhunderts war, daß es das Auto nicht vorhersehen konnte. Fatale Wirkung hatte das insbesondere für die bürgerliche Repräsentationsarchitektur der Innenstädte. Alle Boulevards wurden zu Autobahnen und was im Zeitalter der Kutschen noch eine gesuchte Wohnadresse gewesen wäre, reichte im Zeitalter der Autos gerade noch für Büros.

So konnte es in einer Zeit, als es noch keinen mechanischen Verkehr gab, noch sinnvoll erscheinen, auf einem dreieckigen Grundstück dort, wo eine sich spaltende Straße auf eine Querstraße trifft, wie in Montpellier Boulevard Renouvier (Renouvier-Boulevard) und Rue Raoux (Raoux-Straße) auf eine große Kreuzung namens Place du 8 Mai 1945 (Platz des 8. Mai 1945), zwei historistische Wohnhäuser zu errichten, eines mit schmalem Garten in der spitzen Ecke,

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ein zweites, das sich gar Villa  St Georges nennt, mit kleinem Hof zu einer anderen.

Wieso auch nicht? Die extravagante Lage hob die Häuser hervor und wer sich ihnen zu Fuß oder in einer Kutsche gemächlichen Tempos näherte, hatte viel Zeit, den Reichturm ihrer Besitzer zu bestaunen. Vielleicht glaubten sie sogar, mit ihren Häusern in gerade noch innenstädtischer Lage die Vorteile der Repräsentation mit dem Komfort einer Villa am Stadtrand zu verbinden.

Mit allen Vorzügen war es vorbei, als das Auto aufkam und nach und nach zum Massenverkehrsmittel wurde. Heute sind die beiden Gebäude eine dreieckige Insel, ständig umtost vom Verkehr einer großen und komplizierten Kreuzung, zu der weiterhin absichtlich geschaffene Verkehrsinseln mit Palmen und eine Hochstraße gehören, schwer zu erreichen zu Fuß und fast unmöglich mit dem Auto, das auch nirgends parken könnte, dafür unablässig Lärm und Gestank ausgesetzt.

Kein Zweifel, daß Verkehrsplaner in den Sechzigern dieses Hindernis am liebsten weggerissen hätten und wieso nicht, angenehm wohnen ließ sich dort ohnehin nicht mehr und von der intendierten repräsentativen Wirkung blieb für die vorbeirasenden Autos nicht einmal mehr eine Ahnung. Auch um die historistische Architektur wäre es nicht schade.

Etwas anders ist das beim Eckbau links davon, der eines der zartesten Beispiele des Jugendstils in Montpellier ist.

Um Repräsentation ist es jedoch fast noch stärker bemüht. Zwei Geschosse auf einem erhöhten Keller, drei Fensterfolgen an der Vorderseite, je eine an den schrägen Nebenseiten, stadttypischer heller Sandstein. Im Erdgeschoß beschränkt sich die Ornamentik auf die hohe und schmale Eingangstür in der Mitte, ist aber auch dort nicht mehr als ein archetypisch jugendstiliges Frauengesicht und einige Blattformen. Im Obergeschoß wird eine nach unten geöffnete Bohnenform zum bestimmenden Merkmal. Sie bildet schmale horizontale Fenster noch über den eigentlichen Fenstern, wo Distelzweige sie rahmen, sie ist mit filigranen Metallornamenten gefüllt in den Geländern der vor den Fenstern hängenden sandsteinernen Balkonen und sie ist noch zu erahnen in den Bögen einer Brüstung auf dem Dach, die auf einen überstehenden Teil mit Kranzgesims folgt. Das alles ist, gerade im Vergleich zum Historismus nebenan, klar, einfach, leicht und hübsch, wie der Jugendstil das eben im besten Fall ist.

Ein wertvoller Akzent sind die wenigen türkisen Kacheln über den flachen Bögen der Erdgeschoßfenster und die Kachelbordüre unter dem Dach, die auf blauem Grund schlanke grüne Ranken mit violettblauen Kelchblüten zeigt.

Diese Prunkwinden sind für Montpellier typisch, oft sieht man sie über Mauern hängen und auch an diesem Jugendstilgebäude, wo tatsächlich von einem Balkon etwas über eine Ecke der Fassade wächst, würden sie nicht überraschen, so daß ihre Darstellung fast tautologisch ist. Somit eine ortstypische Pflanze zum bestimmenden Ornament zu machen, ist einer der kleinen Schritte, mit dem der Jugendstil über den Historismus hinausgeht.

Den vagen Quellen nach wurde das Gebäude erst 1920, als der Jugendstil anderswo schon überwunden war und Autos sich gerade vom Sportvergnügen für reiche Söhne zum Massenverkehrsmittel entwickelten, errichtet. Vorm dennoch ungeahnten Verkehr rettet es auch seine etwas bessere Architektur selbstverständlich nicht, im Gegenteil. Seine zarte Fassade ist gänzlich der Kreuzung ausgesetzt und von kaum irgendwo gut zu betrachten. Ein wenig Glück hatte es paradoxerweise gerade dadurch, daß es die Gesellschaft eines ganz dem Auto dienenden Gebäudes bekam: einer Werkstatt. Sie steht, wo einst der Garten war.

Links, zur Rue Raoux, ist ein großes rotes Hallentor, rechts, zur Avenue Georges Clemenceau (Georges-Clemenceau-Allee) ist ein rotgefaßtes Schaufenster.

Sonst besteht die Werkstatt gänzlich aus weißen Wandflächen ohne jegliche Verzierung, was ihre Architektur so zeitlos macht wie die des von ihr umschlossenen Eckbaus zeitverhaftet ist. Sie bildet einen weißen Rahmen für das hübsche, wenn auch durch den Ablauf der Zeit und das gewonnene Wissen etwas verschroben wirkende Jugendstilgebäude und trennt es von den banalen historistischen Nachbargebäuden.

Das Auto hat gesiegt, was notwendig und im Vergleich zum Vorangegangenen gut war, und indem es in diesem Fall mit der ihm gemäßen radikal schlichten Architektur dem Besten der älteren Architektur zur Hilfe kam, zeigte es sich als ungewöhnlich großzügiger Sieger.

Uns müssen die Probleme des 19. Jahrhunderts nicht kümmern, wohl aber, daß sie nicht überwunden sind. Das Auto zeigte, daß eine andere Art von Stadt nötig ist, aber zumeist wurde bloß die Stadt des 19. Jahrhunderts notdürftig für das Auto angepaßt. Dieses, unser Problem wird nicht zu lösen sein, bevor nicht das große Versprechen des 1917 begonnenen 20. Jahrhunderts eingelöst wird.

Das aufgeschnittene Gebäude

Im Wohngebiet Witomino in den Hügeln von Gdynia gibt es einen ungewöhnlichen Gebäudetyp, der auf den ersten Blick beinahe zu gewöhnlich aussieht. Langgestreckt, fünf Geschosse, regelmäßige horizontale Fensteröffnungen, Flachdach – solche Gebäude gibt es in Witomino und in tausend anderen Wohngebieten dutzendfach. Wenn man vier von ihnen oberhalb der Straße schräg aufgereiht sieht, könnte man sie übersehen wollen.

Aber hier sind es eigentlich zwei Gebäude, die deutlich versetzt parallel zueinander stehen und an den Innenseiten, wie man hier sagen muß, offene Laubengängen haben, von denen die Wohnungen erschlossen sind.

In der Mitte sind sie durch ein Treppenhaus verbunden, dessen Dach schräg von einem zum anderen Teil aufsteigt, da sie auch kaum merklich auch in der Höhe versetzt sind.

Es wirkt, als sei hier eines der gewöhnlichen, allzugewöhnlichen Gebäude aufgeschnitten und auseinandergezogen worden, um dem neugierigen Betrachter einen Blick ins sonst verborgene Innere zu gestatten.

Selbstverständlich sind es vielmehr funktionale Überlegungen, die zu dieser Lösung führten. Es entsteht ein für die fortschrittliche Architektur eher ungewöhnlicher Raum mit recht eng einander gegenüberliegenden Laubengängen. Wenn noch Wäsche vor den Wohnungen hängt, erinnert es fast mehr an die Pawlatsche genannten offenen Korridore in den Hinterhöfen österreich-ungarischer Mietskasernen oder gar an mediterrane Hinterhöfe als an Gebäude des sozialistischen Polen. Dieser Vergleich bleibt jedoch zu oberflächlich, da die aufgeschnittenen Gebäude ja im Gegenteil deutlich nach außen, zum städtischen Raum des Wohngebiets, ausgerichtet sind. Eher handelt es sich um eine Fortentwicklung der besten Gdyniaer Gebäude der Zwischenkriegszeit, die ebenfalls Laubengänge haben.

Nicht nur, weil sie auf so subtile Weise mit den üblichen Gebäudetypen spielen, sind diese Witominoer Gebäude ein wertvolles Experiment, das es auszuwerten gelten wird.

Osoblaha

Ist Osoblaha ein Dorf oder ist es eine Stadt? Es ist der größte Ort in seinem nördlich nach Polen hineinragenden Zipfel Tschechiens, aber das heißt wenig, da er nur klein ist. Es hat einen Bahnanschluß, aber das heißt wenig, da es nur eine Schmalspurbahn ist, die nie stillgelegt wurde, weil das in Tschechien nicht geschieht.

Am Rande ist es klar dörflich, ältere Bauernhöfe wechseln sich mit tschechoslowakischen Einfamilienhäusern ab. Ob man das Zentrum als städtisch empfindet, hängt von den Kategorien, die man anlegt, ab, doch jedenfalls gleicht es keiner typischen tschechischen Kleinstadt, da die gesamte Bebauung aus der sozialistischen Zeit stammt. Obwohl sie nur eine einzige Straße bildet, läßt sie sich leicht in zwei Teile, einen alten und bunten und einen neuen und weißen, gliedern.

Selbstverständlich ist der alte Teil keineswegs alt, sondern wurde in den Fünfzigern nach dem Stalinismus oder jedenfalls unbeeinflußt von ihm gebaut. Er heißt Na náměstí (Auf dem Platz) und so ist in der Mitte ein kleiner Platz mit Grünanlagen.

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Von der schmalen Platzseite aus gesehen, mit der das Zentrum beginnt, ist auf der linken Seite ein langes dreigeschossiges Gebäude mit Walmdach und Läden im Erdgeschoß, die mal mit braunen Kacheln, mal mit schwarzem Schiefer verkleidet sind. Auf der rechten Seite steht erst das Kulturní Dům (Kulturhaus), dann ein dreigeschossiger Eckbau. Vielleicht ist der alte bunte Teil so wenig bunt wie alt, aber die Gebäude sind rot und gelb verputzt, was sie von denen des zweiten Teils unterscheidet.

Nach einer Querstraße folgt links zuerst eine Kaufhalle mit großem Schaufenster und vor das Dach gesetzten Dreiecksformen, bevor die Wohnbebauung beginnt. Ihre Fenster sind jeweils durch dunkelgraue Betonteile verbunden, während der übrige Beton ein fast weißes Hellgrau hat. Links steht nach der Kaufhalle das höchste Gebäude der Stadt, das sechs Geschosse in zwei zueinander versetzten Bauteilen hat.

Danach steht ein längerer viergeschossiger Bau mit vier Teilen, die abwechselnd ferner und näher an der Straße stehen. Rechts stehen parallel zur Straße zwei gerade viergeschossige Gebäude (im folgenden Bild seitenverkehrt).

Am Ende dieser Zentrumsachse ist eine Grünanlage und ein offener, aber teils von niedrigen Mauern umgebener Platz. Dahinter, an der nächsten Querstraße, sind zwei Schulgebäude, von denen eines ein nicht mehr als solches zu erkennendes altes ist, und dann noch ein deutlich altes, das zum dörflichen Rand überleitet, denn der ist ja nie weit weg, Osoblaha ist nur klein. Vereinfacht gesagt nimmt das städtische Zentrum mit seiner einen Straße und seinen zwei Plätzen einen Hügelkamm ein, während das Dorf sich darum erstreckt. Außer den Straßen führen noch einige Fußwege mit Treppen hinauf, vom Bahnhof im Süden einer an einer alten Mauer entlang, von Norden zwei über kleine stählerne Brücken über einen kleinen Bach.

Doch wie kommt es nun, daß es im Kern von Osoblaha nichts Altes mehr gibt? Die Antwort geben die beiden Plätze und die beiden Kunstwerke auf diesen. Auf dem alten Platz steht ein gußeiserner Brunnen, an dessen eckiger Basis zu zwei Seiten halbrunde Becken sind, bevor er in sich kompliziert verjüngenden runden Formen, aus denen Wasserhähne über die Becken ragen, in ein großes rundes Becken übergeht. Noch darin steht die Plastik einer Frau mit einer Amphore auf der Schulter, aus der ein weiteres kleines rundes Becken ragt.

Dieser Brunnen zeigt, daß Osoblaha einmal anders aussah, denn er entstammt offenkundig der bürgerlichen Kunst des 19. Jahrhundert und nicht nur im relativ nahen Branná steht ein fast identischer.

Der neue Platz am Ende der Straße öffnet seinen repräsentativen Teil, der rückwärtig von einer nicht ganz regelmäßigen niedrigen Mauer mit hellgrauer Steinverkleidung umgeben ist, nach rechts. Die großen schwarzen Rechtecke des Pflasters sind hier unterbrochen und ein Weg nur in Weiß, den vier quadratische Betonhochbeete flankieren, führt auf eine niedrige Sockelplatte mit drei Sandsteinskulpturen zu.

Die mittlere, etwas weiter vorne stehende zeigt auf einem kleinen Sockel mit der Inschrift „Poděkování a lásku Vám“ (Euch Dank und Liebe) eine Frau, die die Arme nach oben gereckt hat und eine fließende Form, eine Fahne sicher, die aber eins mit ihrem Haar ist, hält.

Rechts steht eine Stele mit geschwungen hinaufführender Rille, die sich in der Mitte als Fläche mit breiten horizontalen Wellenlinien verbreitert. Darin halten sich zwei Hände zum Gruß und über der rechten ist ein fünfzackiger Stern.

Links steht eine ähnliche, aber nicht identische Stele, in deren Mitte zwei von unten geöffnete Hände eine Taube aufsteigen lassen.

Während die querenden Wellen rechts wirken, als sei ein Knoten in die Stele gemacht, den der Handschlag besiegelt, scheinen sie links Wolken zu sein, vor denen die Taube fliegen kann. Hinter der Sockelplatte, fast versteckt, sind quer einige rechteckige Grabplatten mit fünfzackigem Stern.

Links von ihr, unübersehbar und eigentlicher Mittelpunkt des Platzes, steht auf einer schräg in die Grenze zwischen Pflaster und Wiese gesetzten niedrigen Betonplatte eine in den Himmel gerichtete sowjetische Flugabwehrkanone des Typs 52-K.

In Fortsetzung der Achse der Straße, während diese weiter links verläuft und das Denkmalensemble rechts steht, sind in der Mitte des Platzes Beete.

Durch die Grünanlage, die ihn zur etwas niedriger liegenden Ecke abschließt, führt nach links eine Treppe hinab

und leicht rechts geradeaus ein Weg.

Mittig in der Wiese ist ein runder gepflasterter Teil mit einem Steinquader, der heute altarartig funktionslos scheint, aber vielleicht als Rednerpult gedacht war.

Hinzu kommen Fahnenmasten und auch der eckige Turm der an der nächsten Querstraße stehenden Feuerwache wirkt als vertikales Element in den Platz hinein.

Dieser 1975 eröffnete Náměstí Osvobození (Platz der Befreiung), über den ein Bronzeschild hinten an der Mauer informiert, ist ein großartiges Denkmalensemble, das das Gedenken nicht irgendwo abseits, sondern mitten in den städtischen Raum, mitten ins Zentrum von Osoblaha setzt, es mit ihm förmlich verwebt.

„Grundstein zum Denkmal der Roten Armee/Enthüllt am 21.3.1945“

All seine Elemente, die drei Skulpturen, die Worte, das Kriegsgerät, sind von größter Einfachheit und meisterlich komponiert zusammengefügt. In solchen Platzensembles zeigt sich die Größe des tschechoslowakischen Städtebaus.

Indirekt erzählt der Platz auch davon, daß in Osoblaha in der Endphase des zweiten Weltkriegs schwere Kämpfe tobten. Als die sowjetische Armee es am 22. März 1945 als ersten Ort des tschechischen Teils der Tschechoslowakei befreit hatte, war die Stadt fast vollständig zerstört. Das ist ein für tschechoslowakische Orte durchaus seltenes Schicksal, weshalb es wenige vergleichbare Stadtzentren gibt. Man sieht, daß es der Tschechoslowakei gar nicht einfiel, etwas Altes zu rekonstruieren, sondern daß sie sich völlig selbstbewußt etwas Neues baute, das sie als sich angemessen empfand.  Ob es das ist, bleibt immer die Frage, aber es ist zumindest ein Stadtraum voller Offenheit und ohne Hindernisse. Jedes Gebäude ist von allen Seiten betrachtbar und erreichbar, überall sind Wege für Fußgänger.

Noch etwas anderes ist in Osoblaha auffällig: die unterschiedliche Bevölkerung in seinen verschiedenen Teilen. Im dörflichen Teil und im „alten“ Teil des Zentrums wohnen weiße Tschechen, während im neuen Teil Roma wohnen. So steht dort das Weiß der Architektur und das Grün der Vegetation in einem Kontrast zur dunklen Haut der Bewohner, was einen eigenartig schönen Eindruck von überraschender Exotik ergibt. Den ethnischen Unterschieden entsprechen in Tschechien, wie auch andernorts, immer soziale, so daß man mit weißen Tschechen im Restaurant in der Ecke rechts vom Platz sitzen kann, während an der Flugabwehrkanone Romakinder klettern. Das ist wohlgemerkt nicht so absolut, wie es sich eben vielleicht las, sondern nur ein oberflächlicher Eindruck. Gewiß gibt es in der Bewohnerstruktur der verschiedenen Teile Durchmischungen und in der Kneipe beim Kulturhaus und auf den Spielplätzen treffen sich Tschechen und Roma auch, Osoblaha ist nur klein.

Vielleicht sind es alle diese Kontraste – zwischen dörflichem Rand und städtischem Zentrum, zwischen altem und neuem Teil des Zentrums, zwischen überkommener bürgerlicher Kunst auf dem einen und sozialistischer Kunst auf dem zweiten Platz, zwischen den Hautfarben – Kontraste, die allesamt von typisch tschechischer Kleinstadtidylle so fern sind, durch die Osoblaha zur Stadt wird.

Spliter Endzeiten

Zeugnisse aus Endzeiten sind immer traurig. An einem größeren Haus im Spliter Stadtteil Varoš hängt eine Gedenktafel für Tito, der dort Ende 1936 die Freiwilligen für den spanischen Bürgerkriegs organisierte. Deren Entschluß, heißt es am Ende, sei ein Ausdruck des Vertrauens in die KPJ (Komunistička partija Jugoslavije – Kommunistische Partei Jugoslawiens) gewesen. Weiße steinerne Tafeln dieser Art sieht man gerade im alten steinernen Arbeiterviertel Varoš öfter, etwa an Geburtshäusern von Partisanen oder anderen Kommunisten und oft sind auf ihnen dann Hammer und Sichel statt wie hier ein fünfzackiger Stern. Aber diese wurde Ende 1987 angebracht.

In diesem Haus weilte Ende XII 1936 Josip Broz Tito, um die Abreise der Freiwilligen von Dalmatien nach Spanien zu organisieren Indem sie sich dazu entschieden, im revolutionären Kampf des spanischen Volks zu helfen, drückten die demokratischen und antifaschistischen Kräfte Splits und Dalmatiens ihr Vertrauen in die KPJ und den Glauben an eine bessere Zukunft aus
Split 27 XII 1987 Stadtorganisation des SSRNH (Socijalistički savez radnog nardoda Hrvatske – Sozialistischer Bund des arbeitenden Volks Kroatiens) Split

Angesichts der bald folgenden Ereignisse wirkt der letzte Satz wie eine leicht verzweifelte Beschwörung von etwas, was schon sehr unsicher war, und die Anbringung der Tafel selbst wie eine letzte Aktion der Kommunisten, die Jugoslawien retten wollten. Daß es in ihrem Land bald einen Bürgerkrieg geben würden, ahnten wohl auch die weitsichtigsten unter ihnen nicht. Jedenfalls waren sie nicht bereit für den Krieg und hatten anders als in Spanien keine Rolle in ihm, so daß es keine gute Seite und keine Internationalen Brigaden geben konnte.

Sogar Zeugnisse früheren Lebens, die eigentlich schön wären, können durch das Wissen um die Endzeit trauriger werden.

In der Teslina (Tesla-Straße) wurde vor dem Haus mit der Nummer 13 ein Schaden im Boden mit Zement ausgefüllt und Kinder oder Jugendliche schrieben ihre Namen hinein, wie sie es überall tun würden. Das war am 11. Juni 1986.

Fünf Jahre später würden sie den Krieg erleben. Ihre Namen im Boden sind dort inzwischen lange genug, um eine Art archäologischen Wert zu haben, genau wie leider die Gedenktafel.

Place Flagey

Der Place Flagey (Flagey-Platz) im Brüsseler Stadtteil Ixelles ist zuerst das Maison de la Radio (Haus des Radios) und dieses ist zuerst sein Turm. Anders kann das nicht sein, denn er ist von größter Eleganz und zugleich von einer Klarheit, die ihn zum Symbol seines Orts prädestiniert:

Vier runde Geschosse, die beiden unteren in einer Linie, das dritte etwas, das vierte stark zurückgesetzt zu einem hinten anschließenden schlanken achteckigen Treppentrakt, der nach dem obersten Geschoß noch höher aufragt und aus dem seinerseits ein quadratischer Mast erwächst. Die Geschosse sind ringsum abwechselnd von Fensterbändern, deren schmalen Zwischenräume durch dunkelblaue Kacheln fast unsichtbar gemacht werden, und von etwas niedrigeren Bändern mit horizontal gesetzter ockerfarbener Kachelverkleidung umlaufen. Das Treppenhaus wird über dem obersten Geschoß an drei Seiten seines Achtecks transparent, so daß man die weiße Wendeltreppe darin sehen kann, und weiß ist auch der abschließende Mast.

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Die unregelmäßig aufsteigende Form des Turms wirkt viel komplizierter als sie ist, sie gleicht mal einer Spirale, mal einem schiefen Turm. Sie mußte ikonisch werden, da es im Jahre 1938, als das Maison de la Radio eröffnet wurde, weit und breit, vielleicht in ganz Ixelles, vielleicht in der ganzen Stadt, nichts Vergleichbares gab.

Das Gebäude ähnelt in seinen Formen dem Turm. Es nimmt eine ganze Platzseite ein und beginnt links siebengeschossig mit den beschriebenen Fensterbändern und der beschriebenen Verkleidung. An der abgerundeten rechten Ecke, auf der deutlich zurückgesetzt der Turm steht, wird es sechsgeschossig und die Fensterbänder werden zweimal von vertikalen Verkleidungsstreifen unterbrochen, um ihn mehr zu betonen.

Das Erdgeschoß ist hoch und hat große Glasflächen zwischen grauer Steinverkleidung. Darüber spannt sich ein Vordach aus Glasbausteinen in Betonfassung, dessen Rand aus von unten leicht geschwungenem und dann zweifach eckig gestuftem Sandstein mit schmalen vertikalen Metallbändern besteht.

Im zweiten Geschoß sind die zurückgesetzten Fenster noch nicht als Bänder ausgebildet, sondern regelmäßig von verkleideten Streben unterbrochen. Weiterhin verläuft über dem fünften Geschoß eine Bordüre, die dem Rand des Vordachs entspricht.

So setzt sich das Gebäude entlang des nicht separierten Place Sainte Croix (Heiligkreuzplatz) und nach einer weiteren runden Ecke, über der nur ein rundes Geschoß wie ein Ansatz eines zweiten Turm ist, noch an der Rue du Belvedere (Belvederestraße) fort. Dort folgen umgebaute und niedrigere kubische Teile mit derselben Verkleidung, aber größeren Fenstern, die offensichtlich neuer sind.

Daß das Gebäude seinen sachlichen Formen nicht ganz glaubt, merkt man schließlich besonders an den Eingängen. Kurz vor der Ecke, bevor es um ein Geschoß niedriger wird, ist ein Eingang durch einen vorgesetzten grausteinernen Rahmen, ein weit vorragendes und mit verdoppeltem Rand versehenen Vordach und einen leicht vorgewölbten breiten Erker in den oberen Geschossen markiert. Im zweiten Geschoß ist auch dieser mit Stein verkleidet, darüber erstrecken sich zwischen den Fenstern Pfeiler, vor dem siebten Geschoß endet er mit einem Balkon und auf dem Dach ist eine steinerne Bordüre. Ein Eingang an der rechten Seite hat außer dem Vordach gleich einen bis ins dritte Geschoß reichenden massiven steinernen Rahmen.

Das mindert die Qualitäten des Maison de la Radio nicht, zeugt aber davon, wie schwer es sich Brüssel auch hier tat, mit der Monumentalität zu brechen. Viel angemessener sind die beiden Uhren im obersten Verkleidungsstreifen der Ecken beiderseits des Turms, die bloß schwarze Zeiger und Striche auf den Kacheln sind. So ist das Gebäude in manchem ein Zwitter, ein Kompromiß. Es war für seine Zeit keineswegs mehr besonders radikal, aber auch noch nicht veraltet. Ähnliche Verwaltungsgebäude aus derselben Zeit, wie etwa das der Českolovenské Státní Dráhy (Tschechoslowakischen Staatsbahnen) in Hradec Králové, waren weiter und die beste Architektur erst recht. Auch seine städtebauliche Einordnung ist konventionell und einzig, weil es einen gesamten Block einnimmt, ist es nicht völlig Teil der Blockrandbebauung. Letztlich gewinnt es seinen Wert vor allem im Vergleich zu anderen Brüsseler Großbauten und -bauprojekten seiner Zeit, die zumeist reaktionär waren.

Gerahmt wird der übrige Place Flagey zu zwei Seiten scheinbar von nur drei sehr großen und langen Wohngebäuden mit meist zehn, im höchsten Mittelteil zwölf Geschossen, deren Formen wenig markant, aber sachlich sind – Stein im Erdgeschoß, helle Kacheln in Sand- und Ockertönen oben, Fensterbänder.

Tatsächlich handelt es sich bei zwei von ihnen um mehrere nach dem Krieg erbaute Einzelgebäude, deren Fassadengestaltung sehr strengen Auflagen unterworfen war, um dem dritten zu ähneln, das wiederum zum Maison de la Radio passen sollte, als es bereits 1938 errichtet wurde. In der Fortführung von Plänen der dreißiger Jahre noch bis ins Jahre 1963 zeigt sich aufs neue eine spezifisch Brüsseler Stringenz und Konsequenz, die hier immerhin nur harmlose Wirkungen hat.

Zur vierten Seite öffnet sich der Place Flagey zum baumumstandenen Étang d’Ixelles (Ixeller Teich), auf den ältere bürgerliche Bebauung folgt.

Gerade diese Öffnung, die vielleicht nur dem Zufall der Topographie geschuldet ist, vielleicht in irgendwelchen Plänen gar geschlossen werden sollte, macht den Place Flagey zu einem so angenehmen und ungewöhnlichen Ort. Dank dem Turm des Maison de la Radio hat er sein architektonisches und dank dem Teich sein städtebauliches Wahrzeichen. Er ist ein Platz, aber auch mehr als ein Platz und jüngste Veränderungen, die den Straßenverkehr einschränken und die Verbindung zum Teich erleichtern, helfen ihm sehr.

Völlig in den Hintergrund schwindet neben dem Maison de la Radio eine neogotische Backsteinkirche, nach der und einem ehemaligen Krankenhaus der gleichfalls ja unsichtbare Place Sainte Croix heißt. Der neue Turm hat den alten völlig ersetzt, das Radio die Kirche, und das ist ja auch schon etwas.

Tauben in Málaga

Die Tauben im südspanischen Málaga sehen nicht anders aus als anderswo, sie verhalten sich auch nicht anders – ihr Leben ist ein stetiger schutzloser Überlebenskampf mit Nahrungssuche, Schlaf und Nachwuchsaufzucht – und doch ist etwas anders an ihnen. Anders sind die Tiere, mit denen sie sich ihren städtischen Lebensraum teilen, anders die Pflanzen.

Ganz im Zentrum ist da etwa eine Eule. Wieso auf einen der Sonnenschirme vor dem McDonald’s an der zentralen Straßenachse, die hier eigenartigerweise Plaza de la Marina (Marineplatz) heißt, eine Eulenfigur gesetzt wurde, bleibt unklar, aber falls es dazu dienen sollte, die Tauben abzuschrecken, hatte es jedenfalls keinen Erfolg.

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Im Gegenteil, die Sonnenschirme sind noch vor den Palmen an der Straße oder den Simsen des Gebäudes der Lieblingsort der McDonald’s-Tauben der Stadt. Weitgehend unbemerkt von den darunter Speisenden sitzen sie am Rand, um auf allfällige Essensreste zu lauern, oder aber sie ruhen sich mit gemütlich unter das Gefieder gefalteten Beinen von ihrem anstrengenden Alltag aus.

Auch im Dunkeln noch – vielleicht, weil das breite Trottoir so hell erleuchtet ist, vielleicht, weil sie eine spanisch-abendliche Lebensart pflegen – ist dieses Treiben der Tauben ununterbrochen.

Tags wie nachts wacht mitten unter ihnen die Eule wie ein ruhiger und weiser Anführer, der eben zufällig einer anderen Spezies angehört.

Die wichtigsten realen Tiere, die außer den Tauben in Málaga leben, sind kleine grüne Papageien. Sie wirken hier vielleicht nicht einmal exotisch, da es ähnliche auch in weit kühleren Gegenden wie niederländischen und westdeutschen Großstädten gibt. Allerdings sind es dort afrikanisch-asiatische Halsbandsittiche und hier südamerikanische Mönchssittiche. Da beide im Flug ohnehin zu grünen Blitzen verschwimmen, sind nicht die Unterschiede in Größe und Aussehen, sondern die in ihren Behausungen bedeutend. Die Mönchssittiche nämlich wohnen in den Palmen, die in Málaga, ob in Parks, an Straßen im Zentrum oder auf einem Parkplatz beim Strand in Pedregalejo, häufiger als Bäume sind.

Anders als Halsbandsittiche, die in Baumhöhlen nisten, oder als Tauben, die mit Mühe ein paar Zweige an halbwegs geschützten Stellen übereinanderlegen, flechten diese Papageien Zweige zu kunstvollen und großen Nestern, wahren hängenden Höhlen, aviären Penthäusern – und zwar unter den Kronen der Palmen.

Dies nun kommt den Tauben, denen schon die verholzten Ansätze abgestorbener Palmwedel leidlich breite und ebene Sitzflächen bieten, die sie an Gebäudenischen und -simse erinnern mögen, sehr gelegen. Wie sonst die Baukunst der Menschen ist es hier die der Papageien, die den Tauben geeignete Orte zum Ruhen und vielleicht auch Nisten bietet. Da sie nicht das Innere, sondern nur die mit den flachen Teilen der Palmen verbundenen Dächer der Nester nutzen, kann man sogar von einer Art symbiotischen Verhältnis sprechen. Ob dieses auch den Papageien dient, ist dabei unwichtig, da sie schlichtweg zu klein sind, um etwas gegen die Tauben ausrichten zu können und es entsprechend auch nicht versuchen. Wenn man in Málaga auf einer Palme Tauben und Papageien sieht, dann zwar oft in großer Nähe, aber nicht eigentlich gemeinsam.

Eulen, Papageien, Palmen und spanischer Lebensart sei Dank sind die Tauben von Málaga also anders als ihre nördlicheren Artgenossen, aber genauso sympathisch.

Zum Abschluß noch zwei Málagaer Suchbilder mit Tauben und Papageien (zum Vergrößern anklicken):