Archiv der Kategorie: Gdynia

Die fonction oblique in Gdynia

Parkdecks auf Betonstützen gibt es bei vielen Bürogebäuden, da sie eben praktisch sind und mit deutlich weniger Aufwand als Tiefgaragen deutlich mehr Stellplätze als ebenerdige Parkflächen schaffen. Zu diesen Parkdecks gehört immer eine Auffahrtsrampe. Aber wieso eigentlich?

Hinter dem großen Bürogebäude des Morski Instyut Rybacki (Instituts für Meeresfischerei), das oberhalb des Zentrums von Gdynia heute vor allem riesigen Werbebannern zu dienen scheint, ist es anders. Hier fehlt die separierte Rampe und stattdessen fällt das Parkdeck mit seiner ganzen Fläche sanft auf das Straßenniveau ab.

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Das ist eine so einfache wie kluge Lösung, denn wieso muß ein Parkdeck eigentlich eine ebene Fläche sein? Autos parken schließlich regelmäßig an Hängen und auch an solchen mit weit prekärerer Steigung als hier.

Wo anderswo Auffahrtsrampen aus Beton durch aufgeschüttete Hügel ersetzt wurden, wird hier das Parkdeck selbst zu einem Hügel aus Beton, der die Auffahrtsrampe unnötig macht. Das ist, wie gesagt, einfach, scheint sogar ganz naheliegend, wenn man es einmal gesehen hat, doch wie Jonathan Richman fragt: „If someone else can do it, how come nobody does?“ (Wenn jemand anderes es machen kann, wieso macht es dann keiner?)

Ideen, die technischen Möglichkeiten des Betons gerade für schiefe Ebenen auszunutzen, gab es selbstverständlich einige, etwa in Claude Parents „fonction oblique“ (schräger Funktion), und es ist nicht ausgeschlossen, daß der Schöpfer des Gdyniaer Parkdecks mit ihnen vertraut war, aber das ändert nichts daran: Was man hier sieht, ist nicht weniger als eine architektonische Großtat. Es ist das Parkhaus des klugen Manns.

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Nowy Jork in Gdynia

Selbstverständlich wollte Gdynia wie New York sein. Ein wenig wollte das in den Zwanzigern und Dreißigern jede Stadt und wie sehr erst die neugegründete und rasant wachsende Hafenstadt eines jungen Staats, von der tatsächlich Schiffe nach New York fuhren. Es gibt ein einziges Gebäude, mit dem Gdynia diesem Anspruch nahe kam oder nahe zu kommen glaubte: den Bankowiec (normalerweise etwas wie Banker, hier aber für das Gebäude benutzt), so genannt nach einer Bankfiliale im Erdgeschoß.

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Von seiner New Yorker Seite zeigt er sich an der Ecke der aufs Meer zuführenden Hauptstraße 10 Lutego (Straße des 10. Februar) und der abzweigenden 3 Maja (Straße des 3. Mai). Der weiß verkleidete Baukörper hat ein verglastes Erdgeschoß, in das über einem schmalen Vordach horizontale rechteckige Fenster noch mehr Lichte lassen, sechs normale Geschosse mit regelmäßigen Fenstern in einer schmalen vorstehenden Umrandung aus grauem Stein und zwei weitere Geschosse, die in Stufen kleiner werden. Dieser Abschluß des Dachs ließe sich mit Stufenpyramiden oder Zikkuraten vergleichen, aber besser noch eben mit New Yorker Wolkenkratzern, die ab den 1910er Jahren in Stufen von der Straße zurückspringen mußten, bevor sie unbeschränkt wachsen durften.

Zum Nachbargebäude in der 10 Lutego endet das Gebäude mit einem trapezförmigen verglasten Erker, während in der 3 Maja die Ecke erst seinen Anfang bildet.

Auf die beiden Stufen folgt hier ein halbrund vorgewölbter turmartigen Aufbau mit durchgehenden Fensterbändern, der im unteren Teil der Fassade neben links zurückgesetzten Balkonen zu einer leichten Wellung nach rechts wird. Das Gebäude setzt sich nun sechsgeschossig fort, wobei das Erdgeschoß unverändert verglast und das oberste Geschoß leicht zurückgesetzt ist. Die übrigen Geschosse sind völlig horizontal gegliedert und scheinen Fensterbänder zu haben, obwohl die eigentlichen Fenster teils sehr schmal und vertikal sind und es weitere zurückgesetzte Balkone gibt.

An der folgenden Ecke mit der Batorego (Báthory-Straße) wächst das Gebäude noch einmal um ein siebtes Geschoß an, dessen eigene Ecken offen, aber vom auf einer dünnen runden Stahlstütze ruhenden Dach überspannt sind. In einem ausgesparten Teil der Ecke hängen zudem eckige Balkone in entsprechenden stählernen Stangen. In der Batorego läuft das Gebäude in den zuvor angenommenen horizontalen Formen weiter und es spräche nichts dagegen, daß es das noch lange tut, doch schon bald folgt das Nachbargebäude.

Der zwischen 1936 und 1938 errichtete Bankowiec ist nicht nur eines der größten Gebäude von Gdynia, sondern auch eines der besten. Hier zeigt sich die Stadt ganz auf der Höhe der kapitalistischen Architektur ihrer Zeit. Wie aus dem hohen, massiven, kubischen Eckbau durch die Vermittlung des runden Teils der lange und horizontale Teil entspringt, ist hinreißend schön.

Von New York zum Bauhausstil in einem Gebäude. Denn Gdynia wollte zwar New York sein, war aber viel stärker von den europäischen Architekturmoden der Zeit geprägt. New York war bei der Reise über den Atlantik und in die Ostsee zu Nowy Jork (Neu-York) geworden und der Bankowiec verdankt dem Wiener Hochhaus in der Herrengasse vielleicht mehr als irgendwelcher tatsächlichen amerikanischen Architektur. Mit Gebäuden wie diesem jedenfalls war Gdynia das, was es sein wollte. Es ist jedoch auch immer zu betonen, daß der Bankowiec ein Stück kapitalistischer Architektur innerhalb von Blockrandbebauung wie aus dem 19. Jahrhundert ist. Daß genauso in Wien oder Brno gebaut wurde, und eher früher, spricht nicht für die neue Stadt Gdynia.

Von der Rückseite zeigt sich der Bankowiec grauer, aber nicht schlechter. Regelmäßige Fenster, Balkone mit abgerundeten Geländern aus einem geschlossenen Teil zwischen unten und oben hervortretenden dünnen Stahlstreben und völlig verglaste höhergeführte Treppenhäuser – so könnte auch freistehende Zeilenbebauung wie in Frankfurt oder Rathenow aussehen. In der Tat könnte dieser mittlere Teil alleine stehen, denn er wurde nach dem Eckteil an der 10 Lutego erbaut und ist mit ihm wie mit der zweiten Ecke nur durch die Fassade, nicht aber baulich verbunden.

Bei der höheren Ecke wird die Rückseite denn auch verwinkelter, ähnlicher dem Schlechtesten von New York. Und aus den damals teuren und heute wohl bereits wieder teuren Wohnungen geht der Blick auf eine vegetationslose Hinterhoflandschaft.

Es mindert den Wert des Gebäudes nicht, daß es nicht über seine Zeit hinausging. Etwas schade ist es dennoch, daß Gdynia nicht wußte, wie viel mehr als New York es hätte sein können wollen.

Ein Albtraum von Gotenhafen

Wenn man in Gdynia den Hauptbahnhof hinter sich läßt und mit der SKM (Stadtschnellbahn) weiter nach Norden fährt, sieht man rechts die weite Industrielandschaft des Hafens und links vermischte Bebauung vor den Hügeln. Doch plötzlich taucht darin ein Monster auf.

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Es ist ein Gebäude so böse, daß es alles andere überdeckt. Schon höher am Hang, durch einen weiten kahlen Vorbereich von der großen Morska (Meeresstraße) getrennt, steht es da. Besonders groß ist es den bloßen Daten nach nicht einmal: der Hauptteil hat fünf Geschosse, wobei das unterste halb unterirdisch ist, und dahinter ist in der Mitte ein noch einmal zwei Geschosse höherer Teil. Aber es will groß sein und alles um sich herum kleinmachen. Die vertikalen Linien der Fenster der vier unteren Geschosse sowie der Putzflächen zwischen ihnen werden von den schmalen vertikalen Ritzen des fünften Geschosses vom bloß Monumentalen ins Monströse verstärkt. Wie Schießscharten oder Pechnasen mittelalterlicher Burgen drohen sie der Umgebung entgegen.

In der Mitte ist der Eingangstrakt deutlich vorgesetzt und ein riesiger tiefer Rundbogen mit vertikalem Streben erstreckt sich über die ersten vier Geschosse. Oben sind wieder die Schießscharten und das noch weiter als sonst schon überstehende Dach, dessen Wirkung durch antikisierende Kranzgesimse noch verstärkt wird.

Dieses durch und durch reaktionäre Gebäude baute sich im Jahre 1929 das Instytut Handlu Morskiego (Institut für Seehandel). Wie eine feindliche Zwingburg sitzt es über dem Hafen, der einem zu Füßen liegt, wenn man aus seinen Fenstern blickt oder aus seiner Tür tritt. Dort die modernste Technik, die zu klarsten Formen zwingt, hier eine unsäglich rückwärtsgewandte Architektur.

Doch diese Verbindung war in der Zwischenkriegszeit nichts Besonderes. Architektur galt noch immer weithin als etwas, das würdevoll und schmückend der Technik entgegengesetzt sein müßte. Reaktionäre Architektur wie diese in Gdynia entstand in den Zwanzigern überall, ob nun in bürgerlich-demokratischen Staaten wie der Tschechoslowakei oder Deutschland, im faschistischen Italien oder eben in einer Quasi-Diktatur wie Polen. Politische Schlüsse lasen sich daraus also nicht ziehen, aber es genügt ein einziger Blick auf das Instytut Handlu Morskiego, um zu spüren, wie wohl sich in ihm nach 1939 die neuen deutschen Herren der Stadt, die sie in Gotenhafen umtauften, gefühlt haben müssen. Denn in dieser Architektur war schon viel von Gotenhafen angelegt, bevor irgendwem dieser perverse Name eingefallen wäre.

Gdynia selbst war 1939 bereits viel weiter, war es auch 1929 eigentlich schon gewesen. Trotz all ihren Mängeln sind die übrigen Teile der Stadt glücklicherweise viel näher an der Klarheit des Hafens als an der Menschenfeindlichkeit des Seehandelsinstituts.

Der Strand der Trójmiasto

Eines der schönsten Dinge an der Trójmiasto (Dreistadt) ist ihr langer, langer Sandstrand. Wenn man will, kann man ihn an einem Stück vom Rande des Hafens von Gdańsk bis zur Klippe im Gdyniaer Stadtteil Orłowo gehen, etwa 12 Kilometer, und dann noch weiter.

Vom äußersten Punkt an der Mündung der Motława in Gdańsk, wo Hafenanlagen und das Westerplatte-Denkmal aufragen,  sieht man den Strand in einem sanften Bogen vor sich und jenseits der Klippe Gdynia.

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Man passiert Brzeźno, wo die erste Molo (Seebrücke) weit ins Meer hineinragt, und Przymorze. In Jelitkowo zwingt die Einmündung des Potok Oliwski (Oliwaer Bachs), die sich mäandernde Miniaturcanyons in den Sand gräbt, zu einem Umweg in den Park, da man sie trockenen Fußes nicht überqueren kann.

Mit dem schlanken weißen Körper des Hotels Marina beginnt Sopot, die zweite Stadt der Trójmiasto.

Sopots Zentrum rückt bis dicht an den Strand heran und greift mit der Molo noch weit ins Meer hinaus.

Bald danach ändert sich die Landschaft. Nun sind es die Hügel, die bis nah ans Meer rücken.

Der Strand wird schmaler, wilder, nun wachsen hier Bäume und wenn man zurück auf Sopot und Gdańsk blickt, ist es, als blicke man von einer einsamen Mangroveninsel in die ferne Zivilisation. Ein weiterer Wasserlauf, der Kamienny potok (Steinbach), gräbt sich seinen Weg durch den Sand zum Meer, aber er ist meist schmaler, man kann hinüberspringen.

Etwa hier beginnt Gdynia, die dritte Stadt der Trójmiasto, doch genau merkt man es nicht. Wieso Polen nach dem ersten Weltkrieg diesen Teil der Bucht von Gdańsk bekam, ist dafür umso klarer erkennbar: es ist der schlechtere, der landschaftlich schwierigere, der dünner besiedelte auch, der, dessen Verlust die Deutschen leichter verschmerzen konnten. So passiert man Orłowo, das die dritte und kleinste der Seebrücken hat, und direkt danach endet der Strand. Wenn man weitergehen will, hat man die Wahl zwischen Betonbefestigungen um die Klippe oder Waldwege auf ihr. Es folgt noch etwas Strand im Wechsel mit Promenade, nun ohne Aussicht auf die vorherigen Teile, bevor man im Zentrum von Gdynia ankommt. Erst von dem weit ins Meer reichenden Kai, der schon zum Hafen gehört, blickt man wieder auf den Rest der Trójmiasto zurück.

Die Nutzung dieses langen Strands für Tourismus und Naherholung konzentriert sich auf die Seebrücken in Brzeźno, Sopot und Orłowo, auf Jelitkowo, wo eine Straßenbahn endet, und auf die Promenade in Gdynia. Doch auch sonst wird man am Strand immer Menschen um sich haben, denn die Bewohner der Trójmiasto nutzen die luxuriöse Nähe des Meeres. Auch im tiefsten Winter, wenn der Sand von Schnee bedeckt ist, gibt es Spaziergänger.

Auch an Frühlings- und Herbstabenden sitzen am Rande Paare und Grüppchen und trinken Bier, denn das polnische Verbot des öffentlichen Alkoholkonsums wird hier nicht durchgesetzt.

An heißen Sommerwochenenden dann, auch außerhalb der Saison, ist es voll wie in einem Urlaubsort.

Es ist in jedem Moment ein städtischer Strand, ein Strand mitten in der Zivilisation. Die Stadt ist nah. Für die Bewohner der großen fortschrittlichen Wohngebiete Zaspa, Przymorze und Żabianka ist der Strand in fußläufiger Entfernung und für alle anderen führen mehrere Straßenbahn- und Buslinien zu ihm. Und man sieht die Stadt. Selbst, wenn einmal keine Gebäude direkt angrenzen, sind welche in der Entfernung erkennbar. In der Nacht leuchten die Lichter dreier Städte über das Wasser.

Dazu kommen die Schiffe. Frachtschiffe auf Reede, Fähren in nahe Orte oder aber nach Skandinavien, im Sommer Segel- und Motorboote aller Art. Immer wird man so daran erinnert, daß der Strand sich zwischen zwei Hafenstädten und entlang von ehemaligen Fischerdörfern erstreckt.

Man könnte sagen: Dieser lange Strand ist die Trójmiasto. Er ist vielleicht der Orte, wo man all das, was ihre einzelnen Teile miteinander verbindet und voneinander trennt, am besten erleben kann.

Polska YMCA Gdynia

Das Polska YMCA ist eines der wichtigsten Gebäude des frühen Gdynia.

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Es steht in der Derdowskiego (Derdowski-Straße) und hat fünfeinhalb Geschosse mit einer braungrauen Backsteinfassade. Der Eingang ist in der rechten Gebäudeecke in einem ausgesparten Bereich mit runder Stütze, wo eine Treppe nach links zur Tür des über einem halb unterirdischen Geschoß liegenden ersten Geschosses führt.

Während dessen erstes Fenster noch durch ein Muster aus schräg vorstehenden Steinen besonders markiert ist, sind die nach links folgenden bandartig lang und horizontal. In den nächsten drei Geschossen sind die Fenster kleiner und vertikal, wobei links ein breiter vertikaler Streifen freigelassen ist, wo von oben nach unten in silbernen Buchstaben YMCA steht. Das oberste Geschoß ist deutlich zurückgesetzt und hat ein Dach aus nach außen und oben schräg ansteigenden Betonflächen. Auch an den Schmalseiten sind mehrere Reihen großer Fenster. Die straßenabgewandte Fassade entspricht der beschriebenen, doch die Fenster sind hier quadratisch und rechts ist ein leicht vorgesetzter Treppenhaustrakt, auf dem schachbrettartig kleine quadratische Öffnungen und herausstehende Steine sind.

Unten schließt ein etwa zwei Geschosse hoher großer Flachbau an, der entlang der abzweigenden Żeromskiego (Żeromski-Straße) direkt am Gebäuderand, rechts wegen des Treppenhauses etwas zurückgesetzt beginnt. Ganz wie das oberste Geschoß des Gebäudes hat der Flachbau ein schräg aufwachsendes Dach.

Überspannt von diesem beginnen die beiden Seiten mit geraden Backsteinflächen, die bald etwa auf halber Höhe geschwungen vortreten und unter einem schmalen Fensterband als entsprechendes Band weiterlaufen, während darunter Flächen aus rechteckigen horizontal gesetzten Glasbausteinen sind.

Kurz vor dem Ende dieses Teils folgt ein nunmehr ein Geschoß hoher Teil, der bis auf die Linie des überstehenden Dachs vorgesetzt ist. Er hat dann große abgerundete Ecken, bei denen Fensterbänder beginnen, und schließt mit einer leichten Einwölbung die andere Seite des Flachbaus ab.

Dort ist ein Eingangsbereich mit breiten Türen und einem dünnen freischwebenden Vordach aus Beton, das das Gebäudeende wieder gerade macht.

Man könnte nun betonen, wie ausgewogen und harmonisch alles an dem Gdyniaer YMCA-Gebäude ist, wie gelungen auch die Details wie die Türen mit ihren kleinen umrandeten runden Glaselementen im Holz, und man hätte damit ganz recht.

Doch das wirklich Bedeutende an dem Gebäude ist etwas anderes: es steht frei. Es ist nicht Teil der Blockrandbebauung und es war auch nie als solcher gedacht. Es sollte immer freistehen. Es kennt dementsprechend kein Hinten und kein Vorne, all seine Seiten sind ihm gleich wichtig.

Gewiß ist der Eingang in der Derdowskiego der Haupteingang, aber er ist bewußt an die Seite gerückt und ganz dezent ausgestaltet. Und ist nicht der rückwärtige Eingang gleichsam repräsentativer? Repräsentativer, nicht etwa monumentaler, denn von Monumentalität ist das Gebäude gänzlich frei. Aber auch die expressiven Elemente, die Schwünge und Rundungen, all die in einer Hafenstadt so naheliegenden maritimen Anklänge, sind eher zurückgenommen, auf das Erdgeschoß beschränkt. Mit Abstand markantestes Gestaltungselement sind vielmehr die überstehenden Dachschrägen, die insbesondere in den Ecken an Fragmente umgedrehter Pyramiden erinnern. Man kennt solche irgendwie schwebend wirkenden Dächer, aber von Gebäuden aus den Fünfzigern, Sechzigern, ja, Siebzigern.

Wenn das Polska YMCA, wie man annehmen kann, aus den dreißiger Jahren, als das junge Gdynia wuchs, stammte, wäre es das bei weitem fortschrittlichste Gebäude dieser Zeit in der Stadt. Doch es ist zehn Jahre neuer, entstand zwischen 1948 und 1951. Architektur dieser Zwischenzeit gibt es in Polen, anders als etwa in der Tschechoslowakei, sehr wenig, da der arme, kriegszerstörte und nach Westen verschobene polnische Staat andere Probleme hatte und den Aufbau erst in den Fünfzigern in nunmehr stalinistischen Formen beginnen konnte. Nicht verwunderlich somit, daß gerade eine wohlhabende internationale Organisation wie YMCA (Young Men’s Christian Association – Christlicher Verein junger Männer) sich in dieser Zeit ihr Gebäude bauen konnte. Als protestantische Gruppierung in einem katholischen Land und als westliche in einer Volksdemokratie hatte es YMCA doppelt schwer und war verboten noch bevor der Neubau eingeweiht war, ohne das wohl irgendjemand weiter traurig war.

Doch auch für die frühe Nachkriegszeit ist das Polska YMCA ein herausragendes Gebäude. Auch zwanzig Jahre später könnte ein freistehender Bau aus fünfgeschossigem Bürotrakt und flachem Saaltrakt ganz ähnlich gebaut worden sein und Dächer wie seins wurden in den folgenden Jahren sogar allgegenwärtig. Noch der Brückentrakt, der es über der Żeromskiego mit einer Schule verbindet und tatsächlich neuer ist, paßt mit quadratischen Glasbausteinen hinter dünnen V-Trägern aus Stahl gut zu ihm.

Das Polska YMCA steht an einer Schwelle zwischen dem nicht alten kapitalistischen Gdynia, dessen Formen es nahe ist, und dem noch nicht gebauten neuen sozialistischen Gdynia, auf das es vorausweist. Wo Gdynia eine Stadt des 19. Jahrhunderts in teils modernistischen Formen ist, gehört es schon in eine andere Art von Stadt. Es ist so, wie die übrige Architektur der Zwischenkriegszeit in Gdynia vielleicht gern gewesen wäre. Es ist so, wie diese nur träumen konnte zu sein.

Noch heute steht das Gebäude frei, aber zum großen Plac Kaszubski (Kaschubischen Platz) hin wurde ein unsäglicher Eckbau davor gesetzt, der seine linke Seite zum Hinterhof macht.

Es ergeht ihm mithin genauso wie anderen Gebäuden, mit denen das sozialistische Polen später die kapitalistische Stadtstruktur aufzulockern suchte. Auch das zeugt von seiner Bedeutung.

Gdynia

Gdynia ist eine Planstadt aus den zwanziger Jahren. Das merkt man aber nicht. Man würde vielleicht auch nicht merken, daß Gdynia eine besondere Stadt ist, die ihre Existenz ganz den Zufällen der geschichtlichen Entwicklung verdankt. Das wiederentstandene Polen hatte in den Friedensverhandlungen nach dem ersten Weltkrieg mühsam einen kleinen souveränen Zugang zum Meer erlangt, den sogenannten  polnischen Korridor, doch dort gab es keine nennenswerten Häfen. Auch, daß Polen in Danzig/Gdańsk mit seinem Hafen, das als Wolne Miasto/Freie Stadt unabhängig wurde, einige Rechte bekam, genügte nicht. Ein polnischer Hafen mußte her und die Wahl fiel auf eine sumpfige Bucht beim kaschubischen Fischerdorf Gdynia, keine dreißig Kilometer nördlich von Gdańsk. In kurzer Zeit wurde dort der größte und modernste Hafen der Ostsee gebaut, bald verkehrten polnische Ozeandampfer von Gdynia nach Amerika. Und neben dem Hafen, für den Hafen entstand ab etwa 1925 die Stadt Gdynia.

Aufgrund dieser Geschichte gilt Gdynia in Polen oftmals als Inbegriff der modernen Stadt. Das ist ein Irrtum, der durch einen verständlicherweise oberflächlichen Blick auf viele Fassaden von Gebäuden aus der glorreichen Anfangszeit der Stadt, den zwanziger und dreißiger Jahren, noch verstärkt wird. Denn tatsächlich ist es leicht, Gdynia so zu photographieren, daß es äußerst modern wirkt.

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Alles ist weiß und insbesondere die Eckbauten haben oft geschwungene Balkone oder andere abgerundete Elemente. Diese hervorgehobenen Gebäude der Hafenstadt wollen selbst ein wenig Schiffe sein. Andere Gebäude haben dann bei sehr schlichten Formen meist fünf normale Geschosse und ein zurückgesetztes abschließendes Geschoß.

All das ist für seine Zeit so modern wie typisch. Etwa so wurde auch in der tschechoslowakischen Demokratie, in der jugoslawischen Monarchie oder im österreichischen Ständefaschismus, um nur einige zu nennen, gebaut.

Fast ebensoleicht aber kann man Gdynia so photographieren, daß es überhaupt nicht modern wirkt.

Da sind dann Gebäude mit dreieckigen Tempelgiebeln oder halbrunden, irgendwie neobarocken Giebeln über stuckverzierten Fassaden. Solche historistischen Gebäude sind zweifelsohne in der Minderheit, aber daß es sie gibt, ist bezeichnend.

Besser als die modernsten und die historistischsten Gebäude repräsentiert Gdynia daher vielleicht  ein Nebeneinander wie dieses in der zentralen Straße Świętojanska: links ein Gebäude mit zurückgesetztem Obergeschoß und abgehobenem Mittelteil, der von einer Balkonnische mit Metallgeländer abgeschlossen wird, und direkt daneben eines mit schrägem Dach und Dreiecksgiebel, in dem unglaublicherweise die Jahreszahl 1930 steht.

Nebeneinander also ein Gebäude, das völlig in seine Zeit paßt, und eines, das dreißig, vierzig Jahre zu spät ist. Und es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß das modernere Gebäude früher errichtet wurde.

Doch all das bisher Beschriebene berührt nur die Fassaden der Gebäude, die eben auf die eine oder andere Art gestaltet sind. Entscheidend für die Frage nach Gdynias Modernität ist aber die Stadtplanung. Die beschriebenen Gebäude, ob nun von außen modernistisch oder historistisch, sind allesamt Teil von Blockrandbebauung in einem regelmäßigen rechtwinkligen Straßenraster. Das ist das 19. Jahrhundert.

Wenn man an der Świętojanska durch eine Einfahrt tritt, gelangt man in einen Hinterhof. Einige Schuppen mit Werkstätten, ein quergesetztes Hinterhaus.

Das ist das 19. Jahrhundert.

In der Straße Abrahama steht ein einziges Gebäude, fünf Geschosse hoch, seitlich Brandmauern, vorne eine repräsentative Fassade mit horizontaler Gliederung. Daneben öffnet sich der Blick auf die Hinterhoflandschaft jenseits der Świętojanska, den es nicht geben sollte, weil auch hier die Blockrandbebauung geschlossen sein sollte.

Genauso hätte auch eine isolierte Mietskaserne fünfzig Jahre früher dagestanden, bloß die Fassade wäre anders. Das ist das 19. Jahrhundert.

Die Grundidee der Stadtplanung von Gdynia, wenn man sie so nennen will, ist diese: eine Hauptstraße, die am Meer entlangführt, eine Hauptstraße, die aufs Meer zuführt, und in ihrem Kreuzungsbereich ein langer Platz mit Öffnung zum Meer. Dazu ein Villenviertel auf einem Hügel am Meer oberhalb der Stadt und weitere jenseits der Bahnstrecke am Waldrand. Das ist das 19. Jahrhundert.

Da das, was gebaut wurde zwar viel war, aber nie für die 125 000 Einwohner, die Gdynia Ende der Dreißiger hatte, ausreichte, entstanden außerdem am Rande und in Hafennähe Elendsquartiere, Slums mit Namen wie „Pekin“ (Peking) oder „Drewniana Warszawa“ (Hölzernes Warschau). Sie waren wohl unvermeidbare Erscheinungen einer schnellwachsenden kapitalistischen Großstadt. Heute gibt es von ihnen dank dem Sozialismus keine Spuren mehr und geredet wird von ihnen erst recht nicht. Das ist das 19. Jahrhundert.

Gdynia ist also eine Planstadt der 1920er Jahre, deren Plan auch aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte. Es gibt dort nichts, was sich grundsätzlich von Planstädten wie Odessa oder Łódź, die tatsächlich im 19. Jahrhundert entstanden, unterscheidet. Das ist Gdynia oder seinen Planern im übrigen nicht besonders vorzuwerfen. Als seine Erbauung begann, waren die theoretischen Grundlagen einer neuen Stadtplanung noch kaum entwickelt. Auch paßte zu einem rückständigen kapitalistischen Staat wie Polen eben eine kapitalistische Stadtstruktur aus dem 19. Jahrhundert. Nicht zuletzt gibt es, zumeist an den früheren Rändern der Stadt, durchaus einzelne städtebauliche Ansätze, die über die Blockrandbebauung hinausgehen und die einzeln zu erwähnen sein werden.

Die Schaffung des Hafens und der Stadt Gdynia war eine großartige Leistung des jungen polnischen Staats. Es ist eine wichtige und in vieler Hinsicht faszinierende, ja, eine einzigartige Stadt. Es ist die neueste und polnischste Stadt an der Ostsee und bildet innerhalb der Trójmiasto (Dreistadt) den Gegenpol zum alten und deutscheren Gdańsk. Aber eine moderne, den neuen Ideen und Möglichkeiten seiner Zeit entsprechende Stadt, wie etwa das tschechoslowakische Zlín, ist Gdynia eben nicht.

La Dolce Vita in Gdynia

Eigentlich mag ich weder Möwen noch das Gdynskie Centrum Filmowe (Filmzentrum Gdynia) besonders. Jene sind aggressive Aasfresser, die den bescheideneren Tauben wie den intelligenteren Krähen das Leben schwer machen, dieses ist ein Stück irgendwie asymmetrischer Modearchitektur, wie ihn sich Städte gerne irgendwo hinstellen, um ein wenig Bilbao zu spielen. Doch wenn eine Möwe in dem irgendwie schiefen Becken unter dem irgendwie schiefen Gebäudeteil am Eingang ein Bad nimmt, werden beide wunderbar.

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Die Möwe näherte sich forschenden Schritts durch die Grünfläche an der rechten Seite, hüpfte flügelunterstützt über eine niedrige gläserne Brüstung und dann ins Becken. Das Wasser aber war so niedrig, daß sie darin stehen konnte. Nicht schwimmend, sondern gehend bewegte sie sich dort. Sie tauchte den Kopf ins Wasser, trank, schien mit dem Schnabel ihr Gefieder zu putzen und mit dem Fuß den Schnabel.

Von meinen Blicken ließ sie sich nicht stören. Nach einer Weile hüpfte sie an einer anderen Stelle mit wieder nur einem Flügelschlag hinaus. Kurz noch stand sie auf dem Weg, bevor sie mit Anlauf abhob und gen Meer flog.

Das Eigentümliche und Schöne an dieser Begegnung war, daß all das, was diese Möwe tat, auch ein anderer, nicht mit dem Wasser verbundener Vogel ausreichender Größe, eine Krähe etwa, hätte tun können. Für eine Weile legte die Möwe alles Möwenhafte ab, wiewohl im Wasser, war sie nicht mehr Wasservogel. Zudem wirkte dieser wilde Vogel in dem blaubeschichteten Becken vor dem expressiv schiefen Gebäude wie ein Zootier, ein Pinguin vielleicht, er domestizierte sich selbst.

Wenn das Gdynskie Centrum Filmowe einer Möwe zu einem Fellini-Zitat verhilft und anderen zum Kinobesuch, ist das ja schon etwas. Und zugunsten seiner Architektur kann man immerhin sagen, daß sie nicht zu viel Platz wegnimmt, was auch schon etwas ist.