Archiv der Kategorie: Gdynia

Erkundungen auf Friedhöfen: Józef Dlouhy

Ein kurzweiliges, wenn auch etwas deprimierendes Spiel auf polnischen Friedhöfen ist es, die Gräber ohne religiösen Bezug zu suchen. Fündig wird man, zumindest auf größeren Friedhöfen, sicherlich, aber nicht oft. Vielleicht sind die betreffenden Gräber und die in ihnen Begrabenen dafür umso interessanter.

Das Grab des Józef Dlouhy auf dem großen Friedhof Witomino in Gdynia etwa fällt schon auf, bevor man merkt, daß es von Kreuzen oder religiösen Formeln frei ist. Hinter einem großen Grab am Hauptweg, das von den drei leichten Stufen in der Grabplatte bis zu den vier Grabsteinen, die abwechselnd konkav und konvex gewölbt eine Welle bilden, perfekt ist, ragt eine eigentümliche rote Betonkonstruktion hervor.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Von links nach rechts geschwungen aufsteigend, mit großer ovaler Öffnung und voller abgerundeter Formen ist sie recht eindeutig kein Kreuz, kein Engel, keine Maria, kein Jesus.

Vor der großen grauen Grabplatte ist zudem ebenfalls aus rotem Beton ein von einer schmalen Basis anwachsendes ovales Hochbeet.

Solcherlei von fließenden roten Betongebilden gerahmt, steht Józef Dlouhys Grab in Witomino so fremd wie es wohl auf jedem anderen Friedhof der Welt stände. Den Namen kann man dabei gar nicht so gut lesen. Im niedrigen linken Teil der Grabskulptur, wo auch eine Vase in den Beton integriert ist, sind die Buchstaben erhaben herausgearbeitet und mit goldener Farbe bemalt:

„Oficer PMH/Józef Dlouhy/28.XI.1905 – 27.III.1972“ und kleiner „oraz syn Andrzej“ (sowie Sohn Andrzej), was für diesen nicht so nett ist. Erst jetzt, ob der Berufsbezeichnung Oficer PMH (Offizier der polnischen Handelsmarine) fängt man an, in der Betonform einen Bug, eine Schiffsschraube, eine Welle erkennen zu wollen. Gräber von Seeleuten, Admirälen, Kapitänen, tragisch in Bangkok Verunglückten, gibt es auf diesem größten Friedhof der Hafenstadt Gdynia viele, doch kein anderes schafft es, schon ohne diesen Bezug so interessant zu sein und es durch ihn noch mehr zu werden.

Dazu der tschechische Nachname (dlouhý heißt lang, polnisch wäre es długi) zum polnisch geschriebenen Vornamen, der eine faszinierende Lebensgeschichte ahnen läßt und vielleicht auch das Desinteresse an Religion erklärt. Viele weitere Informationen über Józef Dlouhy findet man im Internet nicht. Laut einem Adreßbuch war er 1937 in Gdynia gemeldet, von Beruf Seemann und wohnhaft auf dem Schiff „Robur IV“ der Polskarob (Polsko-Skandynawskie Towarzystwo Transportowe – Polnisch-Skandinavischen Transportgesellschaft). Laut dem Archiv der Akten des Staatssicherheitsdiensts der Volksrepublik Polen arbeitete er von 1945 bis zu seinem Tode mit diesem zusammen. Ein vorbildliches Leben also offenbar, von dem man gerne mehr wüßte. Und ein wenig wird die Skulptur auch zur roten Fahne.

Seine Witwe Emilia hat auf einer kleinen Platte schon die konventionellen religiösen Formeln und angesichts der Jahre zwischen 1972 und 1995 kann man es ihr vielleicht nicht verdenken.

Advertisements

Sowjetisches Gdynia

In Gdynia gibt es einen sowjetisch-polnischen Friedhof für die sowjetischen und polnischen Soldaten, die die Stadt befreiten. Im Vorort Redłowo erstreckt er sich an der Straße Legionów und ein Stück den Hügel hinauf. Auf ihm ruhen die Soldaten zweier Armeen und entsprechend hat er zwei Eingänge.

Der erste ist der sowjetische Eingang. Nach nur wenigen flachen Stufen wird man empfangen von einer großen Bronzeplastik in der Wiese links hinten und einem Denkmal in der Mitte der Wegfläche.

Die Plastik zeigt eine überlebensgroße und übertrieben realistisch dargestellte fortschreitende Frau, die eine mit einem Band über ihrer Schulter befestigte Fahne trägt.

Sie gehört nicht hierher, sondern stand früher auf einer hohen runden Stele im Stadtzentrum. Das Denkmal besteht aus je zwei übereinandergesetzten Steinen, deren erstes Paar zum Betrachter zeigt, während das zweite nach rechts gerichtet ist.

Im oberen linken Stein ist ein fünfzackiger Stern im Relief und auf den anderen verteilen sich die Worte einer russischen Inschrift:

„Вечная память героям павшим смертью храбрых в боях за освобождение польского народа от гитлеровских захватчиков“  (Ewiges Andenken den Helden, die in den Kämpfen für die Befreiung des polnischen Volks von den hitlerfaschistischen Eindringlingen den Tod der Tapferen gefallen sind)

Der zweite Teil des Denkmals ist wie ein Wegweiser hinein in den sowjetischen Teil des Friedhofs, der sich dann in mehreren Reihen parallel zur Straße hinzieht.

Auf den Gräbern sind fünfzackige Sterne mit Namen, Rang und Lebensdaten der Gefallenen.

Sie stehen auf den unteren Spitzen und wirken in ihrer unklaren dunklen Farbe metallisch, sind jedoch tatsächlich aus Kunststoff. Der Hauptweg führt dann auf eine hohe Stele aus glattem silbernen Stahl zu, doch die steht bereits im polnischen Teil des Friedhofs.

Diesen kann man auch durch den zweiten, den polnischen Eingang betreten.

Rechts von ihm steht ein ähnlicher Stein wie auf dem sowjetischen Teil mit der polnischen Aufschrift: : „Cmentarz żołnierzy radzieckich i polskich poległych w latach 1939-1945“ (Friedhof der in den Jahren 1939-1945 gefallenen sowjetischen und polnischen Soldaten), wobei das „radzieckich i“ (sowjetischen und) herausgemeiselt ist. Eine lange flache Treppe führt parallel zur Straße und nach links abgeschirmt von Nadelsträuchern etwa hinauf. Danach öffnet sich der Blick auf den polnischen Teil des Friedhofs, dessen Höhepunkt am rechten Rand die silberne Stele bildet.

Nach weiteren Stufen ist man auf dem vom sowjetischen Teil heranführenden Weg. Dahinter erstreckt sich eine breite Treppenanlage, in der vor der Stele eine schräge Tafel aus glattem schwarzen Stein mit weißem polnischem Adler und der Inschrift „Bohaterskim obrońcom Gdyni poległym w walce z hitlerowskim najeźdźcą 1939-1945“ (Den heldenhaften Verteidigern von Gdynia, die im Kampf gegen die hitlerfaschistischen Eindringlinge gefallen sind) ist. Glatter Stein bildet auch ein unregelmäßiges Muster im Boden um die Stele.

Die weite zentrale Fläche wird links im Schatten großer Birken von freistehenden Wänden mit langen Inschriften und einer Liste der Gefallenen begrenzt, während rechts hinter der Stele eine große Rotbuche steht. Der polnische Friedhof zieht sich dann als weites Halbrund aus vielen Reihen mit Grabsteinen den Hang hinauf.

Auf den einzelnen Gräbern sind Steine in der Form von Wappenschildern, auf denen Namen, Lebensdaten und Rang der Gefallenen und oben ein Ordenskreuz mit den Worten „Na polu chwały“ (Auf dem Feld des Ruhms) sind.

Gdynias sowjetisch-polnischer Friedhof besteht somit aus zwei deutlich verschiedenen Teilen. Der sowjetische Teil erstreckt sich bandartig entlang der Straße, während der polnische Teil quer dazu hügelan verläuft und halbrund abschließt. Zugleich sind die beiden Teile vielfach miteinander verbunden. Nicht nur führt der Hauptweg des sowjetischen Teils zur zentralen Fläche des polnischen, sondern auch weiter oben stößt das Halbrund der polnischen Wege wieder auf die geraden sowjetischen, sie fließen gleichsam ineinander.

Das komplizierte Zusammenkommen verschiedener Teile auf dem Friedhof entspricht wohl der Komplexität des gemeinsamen Kampfs der sowjetischen und polnischen Armeen und mehr noch den verschiedenen Erinnerungskulturen beider Staaten. Wenn auch ein Ganzes entsteht, wirken manche Details geradezu disparat. Die sternförmigen sowjetischen Grabsteine etwa wirken unendlich viel moderner als die biederen polnischen Wappenschilder, was man umso stärker merkt, wenn man sie von der anderen Seite betrachtet, die nur bei den polnischen Steinen eine unschöne Rückseite ist.

Der Kern zum Verständnis des Doppelfriedhofs ist die bewußt ambivalente Gestalt seines höchsten und markantesten Elements, der Stele.

Aus zwei zueinander zeigenden Halbkreisformen aus Edelstahl, die oben zu beiden Seiten gleichsam aufklappen, zusammengesetzt, ist sie ist recht eigentlich gar nichts, damit jeder darin alles sehen kann. Für den konservativen Teil der polnischen Bevölkerung, der seit Mitte der Fünfziger nicht mehr ansatzweise bekämpft wurde, ist sie ein Kreuz. Für den beiläufigen nichtreligiösen Betrachter ist sie eine abstrakte Form, irgendwie hoch, heroisch vielleicht. Für, nun, für vielleicht niemanden als den, der das wirklich sehr will, ist sie ein Hammer, genauer gesagt der Hammer zur Sichel, die der Grundriß des Friedhofs, gerade und halbrund, bildet.

Es gehört kein kleines Geschick dazu, so viele widersprüchliche Bedürfnisse in einem einzigen Friedhofsensemble, das trotz allen Spannungen harmonisch bleibt, zu befriedigen. Das ist die Stärke wie die Schwäche des sowjetisch-polnischen Friedhofs von Gdynia.

Fast Food Religion

Im Einkaufszentrum Riviera in Gdynia gibt es direkt nebeneinander KFC, Burger King und McDonald’s. Wenn man Fast Food als Religion betrachtet, dann sind das der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Aber schon diese Dreifaltigkeit der Systemgastronomie kann nur ein synkretistischer subjektiver Blick als solche erkennen, da nicht alle dieser Ketten überall gleich beliebt sind. In Deutschland oder Ungarn beispielsweise ist Burger King der natürliche Zweite, der größte Konkurrent von McDonald’s, das Andere, an das man denkt, wenn man an Fast Food denkt. KFC hingegen fristet ein Schattendasein und würde vielleicht sogar noch unbeholfen Kentucky Fried Chicken genannt. In Tschechien oder Polen aber ist auf dem zweiten Platz KFC, während es Burger King lange Jahre gar nicht gab und sich auch jetzt erst nach und nach verbreitet – betrieben von derselben Firma wie KFC.

So hat Fast Food, wie jede andere Religion, seine lokalen Ausprägungen. In Amerika, so hört man, ist er polytheistisch.

Ferne Tote

Daß in einem großen Krieg wie dem zweiten Weltkrieg Soldaten fern ihrer Herkunftsländer sterben, das weiß man, das gehört zu einem solchen Krieg. Dennoch ist es noch einmal etwas anderes, an unerwarteten Orten daran erinnert zu werden. Noch faszinierender ist es, wenn die Toten keine Soldaten aus den großen kriegsführenden Staaten waren, die eben dort starben, wo deren Armeen kämpften, sondern solche, die erst ungewöhnlichere komplizierte Schicksale in die Armeen, für die die sie kämpften und starben, geführt hatte.

Auf einem alliierten Friedhof in Nordholland, etwa diesem in Bergen, erwartet man die vielen britischen, kanadischen, australischen und neuseeländischen Gräber.

Doch dazu finden sich auch oft polnische

und manchmal tschechoslowakische.

Mitten im gefühlten Westen ist da der gefühlte Osten, der dort scheinbar so gar nicht hingehört. Die polnischen Adler und tschechoslowakischen Löwen auf den schlichten weißen Steinen in Bergen sind eine Erinnerung an den Beitrag, den Piloten und Flugzeugbesatzungen aus diesen Ländern vom Westen her, mit der britischen Armee kämpfend, im Krieg gegen Deutschland erbrachten.

Im Osten kämpften polnische und tschechoslowakische Truppen an der Seite der sowjetischen Armee, wie ein Denkmal in Gdynia erinnert. Im Vorort Orłowo, abseits der durch die ganze Trójmiasto führenden großen Straße, die hier Aleja Zwycięstwa (Allee des Sieges) heißt, bildet der rechteckige Stein mit Bronzetafel den Mittelpunkt einer kleinen Grünanlage.

Daß hier am 27.3.1945 bei der Befreiung von Gdynia drei Soldaten der polnischen 1. Panzerbrigade „Helden der Westerplatte“ fielen, wäre nur halb so interessant, wenn nicht der erstgenannte Petko Tanczew ein Bulgare wäre, weshalb unter dem Adler und dem fünfzackigen Stern auch eine bulgarische Inschrift folgt. Was Петко Танчев ochotnik, доъроволец, Freiwilligen werden ließ und wieso er der polnischen Brigade zugeordnet wurde, läßt sich wohl nur noch schwer herausfinden. In Gdynia war bis vor einigen Jahren auch noch eine Schule nach ihm benannt. Heute ist die Gedenktafel, so fern vom Schwarzen Meer und so nah an der Ostsee, eine von eher wenigen bulgarischen Spuren in der Trójmiasto.

An einen Kämpfer nicht an der Seite, sondern in der sowjetischen Armee erinnert eine Gedenktafel am Kulturhaus des ostslowakischen Dörfchens Kladzany.

Sein Name war Hans Jahn und er war, wie zu lesen ist, deutscher Antifaschist in den Reihen der roten Armee, der bei der Befreiung von Kladzany kämpfte und fiel.

Laut den verfügbaren Daten war er ein Wehrmachtssoldat, der zur sowjetischen Armee übergelaufen war und bei Kladzany starb, vielleicht, während er einen anderen rettete. Daß er nicht vergessen ist, verdankt sich der DDR, die das in Dessau stationierte Funkaufklärungsregiment „Hans Jahn“ nach ihm benannte, und dessen Soldaten, die mehr über ihren Namenspatron herausfinden wollten. Die 1979 angebrachte Tafel war somit eine freundliche Geste der Tschechoslowakei an die befreundete DDR, eine Erinnerung an die anderen Deutschen, die es erstaunlicherweise gab. In Kladzany ist Hans Jahn dadurch nicht ganz vergessen und erst Ende letzten Jahres führte das örtliche Laientheater ein Stück über ihn auf.

Was diese drei Beispiele, drei von sicher unzähligen, unter denen ebenso sicher noch weit eigentümlichere sind, zeigen, ist, daß der zweite Weltkrieg auch deshalb so genannt wird, weil in ihm alles zusammenhing. Polnische und tschechoslowakische Flieger in Holland, ein bulgarischer Freiwilliger an der polnischen Ostsee, ein deutscher Rotarmist in der slowakischen Provinz – das sagt viel über den zweiten Weltkrieg.

Lenin in Witomino

Im Wohngebiet Witomino in Gdynia steht ein Denkmal, das nicht Lenin gewidmet ist.

denkmalwitominogesamtzensiert

Es ist groß, riesig sogar, und steht unübersehbar in einem Grünstreifen an der Straße Wielkokacka. Wie eine Basaltformation aus beigeverputztem Beton ragen seine drei aneinandergefügten Stelen auf. Die höchste der Stelen ist quadratisch mit an den Ecken schräg vorstehenden Teilen, die beiden niedrigeren, von denen eine nicht einmal zur Hälfte und die andere bis auf Dreiviertel der höchsten reicht, sind ähnlich, aber dreieckig, so daß der Grundriß insgesamt dreieckig ist. Ganz oben werden die schrägen Teilen zu aufsteigenden Streben, zwischen denen eine Weltkugel aus Beton ruht.

In dieser Form wäre das Denkmal recht banal, ohne jede Aussage, aber man würde ihm doch etwas Sozialistisches anmerken, vielleicht wegen der Größe, vielleicht wegen des verwendeten Betons, vielleicht einfach wegen der elfgeschossigen Wohngebäude, die erhöht auf der anderen Straßenseite stehen.

denkmalwitominoplattenbauzensiert

In einem kapitalistischen Staat Westeuropas kann man sich so ein Denkmal jedenfalls schwer vorstellen, eher vielleicht noch in Südamerika, aber am besten eben im Osten, im sowjetisch geprägten Raum. Was dem Denkmal fehlt, um zu einem typischen Werk des sozialistischen Realismus zu werden, kann man sich daher leicht ergänzen. Oben auf der Weltkugel Hammer und Sichel oder ein fünfzackiger Stern, auf den beiden niedrigeren Stelen Bronzestatuen von Lenin oder Marx und einer lokaleren kommunistischen Persönlichkeit, vielleicht Bolesław Bierut. Alles würde passen.

Würde passen, denn leider weiß man, daß der Sozialismus in Polen zu schwach war, um viele solcher Denkmale zu bauen, und die Reaktion dort heute so stark ist, daß die wenigen dieser Denkmale längst beseitigt sind. Tatsächlich ist das Denkmal weit polnischer und damit noch fremder als das oben Beschriebene ahnen ließe:

denkmalwitominogesamt

auf der Weltkugel steht Maria und auf den niedrigeren Stelen der heilige Wojciech mit einem Ruder und Papst Karol Wojtyła mit segnend ausgebreiteten Armen. Maria ist auf der Tafel unten als „nasza królowna“ (unsere Königin) bezeichnet, denn Königin von Polen ist einer der obskureren Titel dieser Gestalt, während die anderen beiden offenbar keine Vorstellung brauchen.

Das Erstaunlichste an dem Denkmal ist, daß es erst im Jahre 2000 errichtet wurde. Die so eindeutig realsozialistische Formensprache scheint dazu im ersten Moment gar nicht zu passen, im zweiten aber umso besser. Denn die heutige öffentliche Kunst in Polen ist ganz zwangsläufig durch und durch vom Sozialismus geprägt. Egal, wie sie dazu stehen mochten, lebten die heute arrivierten Künstler im Sozialismus und wurden, ob sie wollten oder nicht, von sowjetischen Einflüssen geprägt. Auch für Werke, die inhaltlich im größten Gegensatz zum Sozialismus stehen, mußten und müssen sie sich daher der Formen des sozialistischen Realismus bedienen. Welcher auch sonst? Die offizielle Kunst des Westens ist für Monumentalität, ja, letztlich für jegliche verständliche Aussage völlig ungeeignet. Propagandakunst wie dieses Denkmal in Gdynia aber will monumental und verständlich sein, gut also für die Auftraggeber, daß die Künstler dies in der Schule des sozialistischen Realismus gelernt hatten.

So verachtenswert der polnische Katholizismus, der dieses Denkmal baute, ist: es ist ein gutes und gelungenes Kunstwerk, das an genau der richtigen Stelle im Stadtraum steht. Und irgendwann kann man dann die notwendigen Veränderungen vornehmen, um Form und Inhalt wieder in Einklang zu bringen und dann endlich wird Lenin in Witomino sein. Falls sich jemand, der dies liest, auf Photoshop versteht, kann er schon einmal einen Entwurf machen, hier die nötigen Zutaten:

Aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Hammer und Sichel in Banská Bystrica, aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983

Bahnhof und McDonald’s in Gdynia

Der Bahnhof von Gdynia, der nördlichsten und jüngsten Stadt der Trójmiasto, ist ein stalinistisches Gebäude, aber keines von der schlimmsten monumentalen Sorte. Eher ist es auf so unauffällige und unaufdringliche Art konservativ, daß es in jedem Jahr der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sein könnte.

bahnhofgdyniagesamt

Es stammt von 1955. Von der spätstalinistischen Architektur dieser Jahre zeugen vor allem die Vordächer mit den tragenden Säulen, die dann in antennenartigen Fahnenmasten enden.

bahnofgdyniaeingang

Bestimmend sind die hohe vertikal gegliederte Fensterfront der Halle in der Mitte und die etwas niedrigere des Restaurants links. Dahinter schließen sich zu den erhöhten Bahnsteigen noch andere Teile an. Weiter nach links führen Kolonnaden zum Dworzec Podmiejski (Stadtverkehrsbahnhof), der zweigeschossig und halbrund endet.

bahnhofgdyniakolonnaden

An dem Gebäude selbst wäre nichts irgendwie Bemerkenswertes, wäre da nicht die Kunst.

Betritt man den Bahnhof von den Kolonnaden her, passiert man zwei Sitznischen, über denen große Mosaike angeordnet sind. Das eine zeigt eine bunte Unterwasserwelt.

bahnhofgdyniamosaik1

Das andere zeigt eine Hafenlandschaft mit ihren Kränen, aber ebenso bunt und voller phantastischer Vögel.

bahnhofgdyniamosaik2

Betritt man den Bahnhof an seinem rechten Ende neben der Halle, kommt man auf einen breiten Durchgang zu, über dem sich ein weiteres Mosaik befindet.

bahnhofgdyniamosaik4

Es zeigt ebenfalls eine Hafenlandschaft, doch in diese mischt sich fast unmerklich die Unterwasserwelt. Die Ballen in den Netzten der Kräne werden zu Muscheln und Schnecken, die Kräne selbst werden zu schlanken Wasserpflanzen. In diesem Mosaik fließen die Motive der beiden anderen so gleichsam ineinander.

In der Halle selbst sind keine Kunstwerke, doch das links um den Eingang des Restaurants angeordnete Mosaik wirkt stark in sie hinein.

bahnhofgdyniahalle

Wo die anderen überströmen vor Details, ist dieses fast leer. Von der Tür geht eine Art Strahlenkranz von Linien aus, während sich konzentrische Linien eines Kreissegments über sie legen. Es ist eine stilisierte Sternenkarte und auf den Linien sind außer kleinen Sternen ein geflügeltes Rad und zwei geflügelte Pferde, die diese ihre Umlaufbahn entlangzurasen und –galoppieren scheinen.

banhofgdyniamosaik3

Der realistisch-symbolische, aber gänzlich unstalinistische Stil der Mosaike paßt schon besser ins Jahr 1955, besser als das Bahnhofsgebäude selbst. Wie es dem Bahnhof der Hafenstadt Gdynia gebührt, zeigen sie Motive des Meeres, des Hafens und durch das geflügelte Rad auch des Eisenbahnwesens.

Durch die beiden Türen unter Rad und Pferden geht es ins Restaurant, wo heute, wie das gelbe M verkündet, ein McDonald’s ist. Auch dieser ist geradezu gefüllt von Kunst, was man aber auf den ersten Blick ebenso wie in der Halle übersehen kann.

mcdonaldsgdyniabahnhofgesamt

Sobald man es aber bemerkt, sieht man, daß fast alle Decken- und Wandflächen von Bildern eingenommen sind. In der kleinteiligen Kassettendecke bei den Fenstern schauen aus den quadratischen und kreuzförmigen Feldern allerlei Tier- und Phantasiegestalten herab, meist aus den Ecken.

deckemcdonaldsbahnhofgdynia

In dem großen, aus zwei versetzten langen Rechtecken bestehenden Feld im hinteren Teil der Decke, das über die Theke bis in die Küche reicht, sammeln sich Sternzeichen- und Sternenkonstellationsgestalten um zwei Sonnen zu einem allegorischen Himmel.

decke1mcdonaldsbahnhofgdynia

Bei diesen Deckenbildern paßt es einmal, daß man den Kopf in den Nacken legen muß, um sie zu sehen, denn so ist es beim wirklichen Sternenhimmel ja auch.

decke2mcdonaldsbahnhofgdynia

Die Wandbilder beginnen über der von der Halle hereinführenden Tür mit einer detaillierten Karte der polnischen Küste.

kartekuestemcdonaldsbahnhofgdynia

In der rechten Ecke des breiter werdenden Raums sind runde Weltkarten, über der mittigen rückwärtigen Tür eine Kompaßrose, in der rechten Ecke eine Karte von Europa und hoch oben eine des Ostseeraums.

Der Höhepunkt ist dabei die Karte von Europa, die auch die gesamte Mittelmeerregion einschließt.

karteeuropamcdonaldsbahnofgdynia

Alle Städte von Mediolan (Mailand) bis Jerozolima (Jerusalem) sind polnisch bezeichnet. Dazu kommen einige Merkwürdigkeiten, die man politisch oder durch die Unachtsamkeit des Künstlers erklären kann. Auf den ersten Blick, der zwangsläufig zu dem Land, mit dem man am stärksten verbunden ist, geht, ist alles, wie es in den späten Fünfzigern zu erwarten ist: die vertraute Dreiteilung in Westdeutschland, DDR und Westberlin. Auch Polen und die Sowjetunion sind in ihren vertrauen Grenzen zu sehen, doch schon hier stimmt etwas nicht: die baltischen Staaten sind eingezeichnet, obwohl sie damals bereits der Sowjetunion eingegliedert waren. Auch Italien ist in seiner Größe aus der Zwischenkriegszeit, also mit Istrien, gezeigt. Gänzlich merkwürdig ist die Gestalt von Israel, die es nie hatte.

Geben schon diese Merkwürdigkeiten, ob nun gewollt oder nicht, dem nüchternen Kartenmaterial etwas Unklares, Surreales, so werden sie es noch stärker dadurch, daß die Wesen von der Decke in sie hineingefunden haben. Als bunte und freundliche Seeungeheuer tummeln sie sich in allen Meeren. Die Karten gehören somit weniger in die Mitte des 20. Jahrhunderts als in die Zeit des Barock. Überhaupt ist die künstlerische Gestaltung des Bahnhofsrestaurants am besten als barock zu beschreiben. In barocker Weise geht sie auf den Raum ein, verbindet sich organisch mit ihm. Das geht so weit, daß auch die runden Wandlampen in die Bilder integriert sind, etwa als die Sonne in der Sowjetunion.

Es ist ein eigenartiger Raum, der so entsteht, er könnte genausogut wie ein Bahnhofsrestaurant oder einen McDonald’s ein Kuriositätenkabinett beherbergen. Trotzdem ist die Kunst, im Restaurant wie in der Halle, weit weniger konservativ als die Architektur. Freundlich und informativ, sachlich und verspielt, immer dem Menschen zugewandt und unzählige Perspektiven zulassend, können diese Werke von Juliusz Studnicki sogar ein schönes Beispiel sozialistischer Kunst sein. In einem besseren Gebäude wäre sie noch besser aufgehoben, aber so reißt sie den Bahnhof aus der Mediokrität und bestätigt Warhols Satz:

Das Schönste in Gdynia ist McDonald’s.

Trójmiasto – Dreistadt

Gdańsk ist nie nur Gdańsk, Sopot ist nie nur Sopot, Gdynia ist nie nur Gdynia, sondern sie sind immer ein Teil der Trójmiasto, der Dreistadt. So lautet die gängige Bezeichnung für, von Süden nach Norden, Gdańsk, Sopot und Gdynia an der polnischen Westseite der Gdańsker Bucht.

Teil eines Wandbilds von Juliusz Studnicki im Bahnhof von Gdynia

Teil eines Wandbilds von Juliusz Studnicki im Bahnhof von Gdynia

Zwischen den einzelnen Teilen der Trójmiasto gibt es deutliche Unterschiede:

  • Die drei Städte sind in dieser Dreiheit keineswegs alle gleich wichtig. Gdańsk als die mit Abstand größte und Gdynia als die zweitgrößte sind die beiden Pole der Trójmiasto und das zwischen ihnen gelegene kleine Sopot ist eher eine Ergänzung, wenn auch eine willkommene.
  • Alle drei liegen am Meer, aber ihr Bezug zu ihm ist jeweils verschieden. Sopot ist eine Stadt am Meer. Gdynia ist eine Stadt am Meer und zusätzlich eine Hafenstadt. Gdańsk aber ist eine Hafenstadt, die gerade durch ihren Hafen vom Meer getrennt ist.
  • Gdańsk ist eine alte Stadt mit mittelalterlichem Kern. Sopot ist ein vom Tourismus des späten 19. Jahrhunderts geprägtes Seebad. Gdynia ist eine junge Stadt, die erst ab den zwanziger Jahren aufgebaut wurde, weil der junge polnische Staat nur hier einen souveränen Zugang zum Meer hatte und einen Überseehafen brauchte.
  • Die geschichtlichen Beziehungen im Schnittpunkt von Polnischem und Deutschem, die die drei Städte der Trójmiasto untereinander haben,  sind, wie schon das obige andeutet, äußerst kompliziert. Doch die Trójmiasto ist eine polnische Stadt und das nicht nur, weil das originär polnische Gdynia dazugehört. Vielmehr war es erst die Zugehörigkeit aller drei Städte zu Polen nach 1945, die erlaubte, an ihr Zusammenwachsen zu einer Trójmiasto überhaupt zu denken und es sind Wohngebiete aus der sozialistischen Zeit, die die Lücken zwischen den Städten füllen.
  • Die Trójmiasto ist somit eine typische Bandstadt mit all den Vor- und Nachteilen einer solchen. Diese Struktur ist dadurch unterstützt, daß ihre Ausbreitungsmöglichkeiten vom Meer im Osten und von den bewaldeten Hügeln im Westen eingeschränkt sind. Ihr Rückgrat ist der leistungsfähige Gleiskorridor, der durch sie führt. Er ist immer mindestens viergleisig mit zwei Gleisen für den Fern- und Güterverkehr und zwei für die Stadtschnellbahn SKM.

Doch ist die Trójmiasto nun eine Stadt oder drei? Administrativ ist sie keine Einheit, städtebaulich gibt es viele Brüche, die Bewohner identifizieren sich mit den jeweiligen Städten. Vielleicht ist die Frage aber auch falsch gestellt und eigentlich ist es so: Die Trójmiasto ist eine Stadt und drei Städte. Sie ist eine dreifaltige Stadt. Ganz wie jede gute Dreifaltigkeit ist sie beinahe paradox und nur mit kompliziertesten theologischen und städtekundlichen Versuchen annähernd zu verstehen. Derlei Annäherungen soll es an dieser Stelle im Folgenden einige geben.

Die früheren Województwa (Wojewodschaften) Gdańsk und Elbląg im Busbahnhof von Gdańsk

Die früheren Województwa (Wojewodschaften) Gdańsk und Elbląg im Busbahnhof von Gdańsk