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Gdynia

Gdynia ist eine Planstadt aus den zwanziger Jahren. Das merkt man aber nicht. Man würde vielleicht auch nicht merken, daß Gdynia eine besondere Stadt ist, die ihre Existenz ganz den Zufällen der geschichtlichen Entwicklung verdankt. Das wiederentstandene Polen hatte in den Friedensverhandlungen nach dem ersten Weltkrieg mühsam einen kleinen souveränen Zugang zum Meer erlangt, den sogenannten  polnischen Korridor, doch dort gab es keine nennenswerten Häfen. Auch, daß Polen in Danzig/Gdańsk mit seinem Hafen, das als Wolne Miasto/Freie Stadt unabhängig wurde, einige Rechte bekam, genügte nicht. Ein polnischer Hafen mußte her und die Wahl fiel auf eine sumpfige Bucht beim kaschubischen Fischerdorf Gdynia, keine dreißig Kilometer nördlich von Gdańsk. In kurzer Zeit wurde dort der größte und modernste Hafen der Ostsee gebaut, bald verkehrten polnische Ozeandampfer von Gdynia nach Amerika. Und neben dem Hafen, für den Hafen entstand ab etwa 1925 die Stadt Gdynia.

Aufgrund dieser Geschichte gilt Gdynia in Polen oftmals als Inbegriff der modernen Stadt. Das ist ein Irrtum, der durch einen verständlicherweise oberflächlichen Blick auf viele Fassaden von Gebäuden aus der glorreichen Anfangszeit der Stadt, den zwanziger und dreißiger Jahren, noch verstärkt wird. Denn tatsächlich ist es leicht, Gdynia so zu photographieren, daß es äußerst modern wirkt.

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Alles ist weiß und insbesondere die Eckbauten haben oft geschwungene Balkone oder andere abgerundete Elemente. Diese hervorgehobenen Gebäude der Hafenstadt wollen selbst ein wenig Schiffe sein. Andere Gebäude haben dann bei sehr schlichten Formen meist fünf normale Geschosse und ein zurückgesetztes abschließendes Geschoß.

All das ist für seine Zeit so modern wie typisch. Etwa so wurde auch in der tschechoslowakischen Demokratie, in der jugoslawischen Monarchie oder im österreichischen Ständefaschismus, um nur einige zu nennen, gebaut.

Fast ebensoleicht aber kann man Gdynia so photographieren, daß es überhaupt nicht modern wirkt.

Da sind dann Gebäude mit dreieckigen Tempelgiebeln oder halbrunden, irgendwie neobarocken Giebeln über stuckverzierten Fassaden. Solche historistischen Gebäude sind zweifelsohne in der Minderheit, aber daß es sie gibt, ist bezeichnend.

Besser als die modernsten und die historistischsten Gebäude repräsentiert Gdynia daher vielleicht  ein Nebeneinander wie dieses in der zentralen Straße Świętojanska: links ein Gebäude mit zurückgesetztem Obergeschoß und abgehobenem Mittelteil, der von einer Balkonnische mit Metallgeländer abgeschlossen wird, und direkt daneben eines mit schrägem Dach und Dreiecksgiebel, in dem unglaublicherweise die Jahreszahl 1930 steht.

Nebeneinander also ein Gebäude, das völlig in seine Zeit paßt, und eines, das dreißig, vierzig Jahre zu spät ist. Und es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß das modernere Gebäude früher errichtet wurde.

Doch all das bisher Beschriebene berührt nur die Fassaden der Gebäude, die eben auf die eine oder andere Art gestaltet sind. Entscheidend für die Frage nach Gdynias Modernität ist aber die Stadtplanung. Die beschriebenen Gebäude, ob nun von außen modernistisch oder historistisch, sind allesamt Teil von Blockrandbebauung in einem regelmäßigen rechtwinkligen Straßenraster. Das ist das 19. Jahrhundert.

Wenn man an der Świętojanska durch eine Einfahrt tritt, gelangt man in einen Hinterhof. Einige Schuppen mit Werkstätten, ein quergesetztes Hinterhaus.

Das ist das 19. Jahrhundert.

In der Straße Abrahama steht ein einziges Gebäude, fünf Geschosse hoch, seitlich Brandmauern, vorne eine repräsentative Fassade mit horizontaler Gliederung. Daneben öffnet sich der Blick auf die Hinterhoflandschaft jenseits der Świętojanska, den es nicht geben sollte, weil auch hier die Blockrandbebauung geschlossen sein sollte.

Genauso hätte auch eine isolierte Mietskaserne fünfzig Jahre früher dagestanden, bloß die Fassade wäre anders. Das ist das 19. Jahrhundert.

Die Grundidee der Stadtplanung von Gdynia, wenn man sie so nennen will, ist diese: eine Hauptstraße, die am Meer entlangführt, eine Hauptstraße, die aufs Meer zuführt, und in ihrem Kreuzungsbereich ein langer Platz mit Öffnung zum Meer. Dazu ein Villenviertel auf einem Hügel am Meer oberhalb der Stadt und weitere jenseits der Bahnstrecke am Waldrand. Das ist das 19. Jahrhundert.

Da das, was gebaut wurde zwar viel war, aber nie für die 125 000 Einwohner, die Gdynia Ende der Dreißiger hatte, ausreichte, entstanden außerdem am Rande und in Hafennähe Elendsquartiere, Slums mit Namen wie „Pekin“ (Peking) oder „Drewniana Warszawa“ (Hölzernes Warschau). Sie waren wohl unvermeidbare Erscheinungen einer schnellwachsenden kapitalistischen Großstadt. Heute gibt es von ihnen dank dem Sozialismus keine Spuren mehr und geredet wird von ihnen erst recht nicht. Das ist das 19. Jahrhundert.

Gdynia ist also eine Planstadt der 1920er Jahre, deren Plan auch aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte. Es gibt dort nichts, was sich grundsätzlich von Planstädten wie Odessa oder Łódź, die tatsächlich im 19. Jahrhundert entstanden, unterscheidet. Das ist Gdynia oder seinen Planern im übrigen nicht besonders vorzuwerfen. Als seine Erbauung begann, waren die theoretischen Grundlagen einer neuen Stadtplanung noch kaum entwickelt. Auch paßte zu einem rückständigen kapitalistischen Staat wie Polen eben eine kapitalistische Stadtstruktur aus dem 19. Jahrhundert. Nicht zuletzt gibt es, zumeist an den früheren Rändern der Stadt, durchaus einzelne städtebauliche Ansätze, die über die Blockrandbebauung hinausgehen und die einzeln zu erwähnen sein werden.

Die Schaffung des Hafens und der Stadt Gdynia war eine großartige Leistung des jungen polnischen Staats. Es ist eine wichtige und in vieler Hinsicht faszinierende, ja, eine einzigartige Stadt. Es ist die neueste und polnischste Stadt an der Ostsee und bildet innerhalb der Trójmiasto (Dreistadt) den Gegenpol zum alten und deutscheren Gdańsk. Aber eine moderne, den neuen Ideen und Möglichkeiten seiner Zeit entsprechende Stadt, wie etwa das tschechoslowakische Zlín, ist Gdynia eben nicht.

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La Dolce Vita in Gdynia

Eigentlich mag ich weder Möwen noch das Gdynskie Centrum Filmowe (Filmzentrum Gdynia) besonders. Jene sind aggressive Aasfresser, die den bescheideneren Tauben wie den intelligenteren Krähen das Leben schwer machen, dieses ist ein Stück irgendwie asymmetrischer Modearchitektur, wie ihn sich Städte gerne irgendwo hinstellen, um ein wenig Bilbao zu spielen. Doch wenn eine Möwe in dem irgendwie schiefen Becken unter dem irgendwie schiefen Gebäudeteil am Eingang ein Bad nimmt, werden beide wunderbar.

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Die Möwe näherte sich forschenden Schritts durch die Grünfläche an der rechten Seite, hüpfte flügelunterstützt über eine niedrige gläserne Brüstung und dann ins Becken. Das Wasser aber war so niedrig, daß sie darin stehen konnte. Nicht schwimmend, sondern gehend bewegte sie sich dort. Sie tauchte den Kopf ins Wasser, trank, schien mit dem Schnabel ihr Gefieder zu putzen und mit dem Fuß den Schnabel.

Von meinen Blicken ließ sie sich nicht stören. Nach einer Weile hüpfte sie an einer anderen Stelle mit wieder nur einem Flügelschlag hinaus. Kurz noch stand sie auf dem Weg, bevor sie mit Anlauf abhob und gen Meer flog.

Das Eigentümliche und Schöne an dieser Begegnung war, daß all das, was diese Möwe tat, auch ein anderer, nicht mit dem Wasser verbundener Vogel ausreichender Größe, eine Krähe etwa, hätte tun können. Für eine Weile legte die Möwe alles Möwenhafte ab, wiewohl im Wasser, war sie nicht mehr Wasservogel. Zudem wirkte dieser wilde Vogel in dem blaubeschichteten Becken vor dem expressiv schiefen Gebäude wie ein Zootier, ein Pinguin vielleicht, er domestizierte sich selbst.

Wenn das Gdynskie Centrum Filmowe einer Möwe zu einem Fellini-Zitat verhilft und anderen zum Kinobesuch, ist das ja schon etwas. Und zugunsten seiner Architektur kann man immerhin sagen, daß sie nicht zu viel Platz wegnimmt, was auch schon etwas ist.

Erkundungen auf Friedhöfen: Józef Dlouhy

Ein kurzweiliges, wenn auch etwas deprimierendes Spiel auf polnischen Friedhöfen ist es, die Gräber ohne religiösen Bezug zu suchen. Fündig wird man, zumindest auf größeren Friedhöfen, sicherlich, aber nicht oft. Vielleicht sind die betreffenden Gräber und die in ihnen Begrabenen dafür umso interessanter.

Das Grab des Józef Dlouhy auf dem großen Friedhof Witomino in Gdynia etwa fällt schon auf, bevor man merkt, daß es von Kreuzen oder religiösen Formeln frei ist. Hinter einem großen Grab am Hauptweg, das von den drei leichten Stufen in der Grabplatte bis zu den vier Grabsteinen, die abwechselnd konkav und konvex gewölbt eine Welle bilden, perfekt ist, ragt eine eigentümliche rote Betonkonstruktion hervor.

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Von links nach rechts geschwungen aufsteigend, mit großer ovaler Öffnung und voller abgerundeter Formen ist sie recht eindeutig kein Kreuz, kein Engel, keine Maria, kein Jesus.

Vor der großen grauen Grabplatte ist zudem ebenfalls aus rotem Beton ein von einer schmalen Basis anwachsendes ovales Hochbeet.

Solcherlei von fließenden roten Betongebilden gerahmt, steht Józef Dlouhys Grab in Witomino so fremd wie es wohl auf jedem anderen Friedhof der Welt stände. Den Namen kann man dabei gar nicht so gut lesen. Im niedrigen linken Teil der Grabskulptur, wo auch eine Vase in den Beton integriert ist, sind die Buchstaben erhaben herausgearbeitet und mit goldener Farbe bemalt:

„Oficer PMH/Józef Dlouhy/28.XI.1905 – 27.III.1972“ und kleiner „oraz syn Andrzej“ (sowie Sohn Andrzej), was für diesen nicht so nett ist. Erst jetzt, ob der Berufsbezeichnung Oficer PMH (Offizier der polnischen Handelsmarine) fängt man an, in der Betonform einen Bug, eine Schiffsschraube, eine Welle erkennen zu wollen. Gräber von Seeleuten, Admirälen, Kapitänen, tragisch in Bangkok Verunglückten, gibt es auf diesem größten Friedhof der Hafenstadt Gdynia viele, doch kein anderes schafft es, schon ohne diesen Bezug so interessant zu sein und es durch ihn noch mehr zu werden.

Dazu der tschechische Nachname (dlouhý heißt lang, polnisch wäre es długi) zum polnisch geschriebenen Vornamen, der eine faszinierende Lebensgeschichte ahnen läßt und vielleicht auch das Desinteresse an Religion erklärt. Viele weitere Informationen über Józef Dlouhy findet man im Internet nicht. Laut einem Adreßbuch war er 1937 in Gdynia gemeldet, von Beruf Seemann und wohnhaft auf dem Schiff „Robur IV“ der Polskarob (Polsko-Skandynawskie Towarzystwo Transportowe – Polnisch-Skandinavischen Transportgesellschaft). Laut dem Archiv der Akten des Staatssicherheitsdiensts der Volksrepublik Polen arbeitete er von 1945 bis zu seinem Tode mit diesem zusammen. Ein vorbildliches Leben also offenbar, von dem man gerne mehr wüßte. Und ein wenig wird die Skulptur auch zur roten Fahne.

Seine Witwe Emilia hat auf einer kleinen Platte schon die konventionellen religiösen Formeln und angesichts der Jahre zwischen 1972 und 1995 kann man es ihr vielleicht nicht verdenken.

Sowjetisches Gdynia

In Gdynia gibt es einen sowjetisch-polnischen Friedhof für die sowjetischen und polnischen Soldaten, die die Stadt befreiten. Im Vorort Redłowo erstreckt er sich an der Straße Legionów und ein Stück den Hügel hinauf. Auf ihm ruhen die Soldaten zweier Armeen und entsprechend hat er zwei Eingänge.

Der erste ist der sowjetische Eingang. Nach nur wenigen flachen Stufen wird man empfangen von einer großen Bronzeplastik in der Wiese links hinten und einem Denkmal in der Mitte der Wegfläche.

Die Plastik zeigt eine überlebensgroße und übertrieben realistisch dargestellte fortschreitende Frau, die eine mit einem Band über ihrer Schulter befestigte Fahne trägt.

Sie gehört nicht hierher, sondern stand früher auf einer hohen runden Stele im Stadtzentrum. Das Denkmal besteht aus je zwei übereinandergesetzten Steinen, deren erstes Paar zum Betrachter zeigt, während das zweite nach rechts gerichtet ist.

Im oberen linken Stein ist ein fünfzackiger Stern im Relief und auf den anderen verteilen sich die Worte einer russischen Inschrift:

„Вечная память героям павшим смертью храбрых в боях за освобождение польского народа от гитлеровских захватчиков“  (Ewiges Andenken den Helden, die in den Kämpfen für die Befreiung des polnischen Volks von den hitlerfaschistischen Eindringlingen den Tod der Tapferen gefallen sind)

Der zweite Teil des Denkmals ist wie ein Wegweiser hinein in den sowjetischen Teil des Friedhofs, der sich dann in mehreren Reihen parallel zur Straße hinzieht.

Auf den Gräbern sind fünfzackige Sterne mit Namen, Rang und Lebensdaten der Gefallenen.

Sie stehen auf den unteren Spitzen und wirken in ihrer unklaren dunklen Farbe metallisch, sind jedoch tatsächlich aus Kunststoff. Der Hauptweg führt dann auf eine hohe Stele aus glattem silbernen Stahl zu, doch die steht bereits im polnischen Teil des Friedhofs.

Diesen kann man auch durch den zweiten, den polnischen Eingang betreten.

Rechts von ihm steht ein ähnlicher Stein wie auf dem sowjetischen Teil mit der polnischen Aufschrift: : „Cmentarz żołnierzy radzieckich i polskich poległych w latach 1939-1945“ (Friedhof der in den Jahren 1939-1945 gefallenen sowjetischen und polnischen Soldaten), wobei das „radzieckich i“ (sowjetischen und) herausgemeiselt ist. Eine lange flache Treppe führt parallel zur Straße und nach links abgeschirmt von Nadelsträuchern etwa hinauf. Danach öffnet sich der Blick auf den polnischen Teil des Friedhofs, dessen Höhepunkt am rechten Rand die silberne Stele bildet.

Nach weiteren Stufen ist man auf dem vom sowjetischen Teil heranführenden Weg. Dahinter erstreckt sich eine breite Treppenanlage, in der vor der Stele eine schräge Tafel aus glattem schwarzen Stein mit weißem polnischem Adler und der Inschrift „Bohaterskim obrońcom Gdyni poległym w walce z hitlerowskim najeźdźcą 1939-1945“ (Den heldenhaften Verteidigern von Gdynia, die im Kampf gegen die hitlerfaschistischen Eindringlinge gefallen sind) ist. Glatter Stein bildet auch ein unregelmäßiges Muster im Boden um die Stele.

Die weite zentrale Fläche wird links im Schatten großer Birken von freistehenden Wänden mit langen Inschriften und einer Liste der Gefallenen begrenzt, während rechts hinter der Stele eine große Rotbuche steht. Der polnische Friedhof zieht sich dann als weites Halbrund aus vielen Reihen mit Grabsteinen den Hang hinauf.

Auf den einzelnen Gräbern sind Steine in der Form von Wappenschildern, auf denen Namen, Lebensdaten und Rang der Gefallenen und oben ein Ordenskreuz mit den Worten „Na polu chwały“ (Auf dem Feld des Ruhms) sind.

Gdynias sowjetisch-polnischer Friedhof besteht somit aus zwei deutlich verschiedenen Teilen. Der sowjetische Teil erstreckt sich bandartig entlang der Straße, während der polnische Teil quer dazu hügelan verläuft und halbrund abschließt. Zugleich sind die beiden Teile vielfach miteinander verbunden. Nicht nur führt der Hauptweg des sowjetischen Teils zur zentralen Fläche des polnischen, sondern auch weiter oben stößt das Halbrund der polnischen Wege wieder auf die geraden sowjetischen, sie fließen gleichsam ineinander.

Das komplizierte Zusammenkommen verschiedener Teile auf dem Friedhof entspricht wohl der Komplexität des gemeinsamen Kampfs der sowjetischen und polnischen Armeen und mehr noch den verschiedenen Erinnerungskulturen beider Staaten. Wenn auch ein Ganzes entsteht, wirken manche Details geradezu disparat. Die sternförmigen sowjetischen Grabsteine etwa wirken unendlich viel moderner als die biederen polnischen Wappenschilder, was man umso stärker merkt, wenn man sie von der anderen Seite betrachtet, die nur bei den polnischen Steinen eine unschöne Rückseite ist.

Der Kern zum Verständnis des Doppelfriedhofs ist die bewußt ambivalente Gestalt seines höchsten und markantesten Elements, der Stele.

Aus zwei zueinander zeigenden Halbkreisformen aus Edelstahl, die oben zu beiden Seiten gleichsam aufklappen, zusammengesetzt, ist sie ist recht eigentlich gar nichts, damit jeder darin alles sehen kann. Für den konservativen Teil der polnischen Bevölkerung, der seit Mitte der Fünfziger nicht mehr ansatzweise bekämpft wurde, ist sie ein Kreuz. Für den beiläufigen nichtreligiösen Betrachter ist sie eine abstrakte Form, irgendwie hoch, heroisch vielleicht. Für, nun, für vielleicht niemanden als den, der das wirklich sehr will, ist sie ein Hammer, genauer gesagt der Hammer zur Sichel, die der Grundriß des Friedhofs, gerade und halbrund, bildet.

Es gehört kein kleines Geschick dazu, so viele widersprüchliche Bedürfnisse in einem einzigen Friedhofsensemble, das trotz allen Spannungen harmonisch bleibt, zu befriedigen. Das ist die Stärke wie die Schwäche des sowjetisch-polnischen Friedhofs von Gdynia.

Fast Food Religion

Im Einkaufszentrum Riviera in Gdynia gibt es direkt nebeneinander KFC, Burger King und McDonald’s. Wenn man Fast Food als Religion betrachtet, dann sind das der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Aber schon diese Dreifaltigkeit der Systemgastronomie kann nur ein synkretistischer subjektiver Blick als solche erkennen, da nicht alle dieser Ketten überall gleich beliebt sind. In Deutschland oder Ungarn beispielsweise ist Burger King der natürliche Zweite, der größte Konkurrent von McDonald’s, das Andere, an das man denkt, wenn man an Fast Food denkt. KFC hingegen fristet ein Schattendasein und würde vielleicht sogar noch unbeholfen Kentucky Fried Chicken genannt. In Tschechien oder Polen aber ist auf dem zweiten Platz KFC, während es Burger King lange Jahre gar nicht gab und sich auch jetzt erst nach und nach verbreitet – betrieben von derselben Firma wie KFC.

So hat Fast Food, wie jede andere Religion, seine lokalen Ausprägungen. In Amerika, so hört man, ist er polytheistisch.

Ferne Tote

Daß in einem großen Krieg wie dem zweiten Weltkrieg Soldaten fern ihrer Herkunftsländer sterben, das weiß man, das gehört zu einem solchen Krieg. Dennoch ist es noch einmal etwas anderes, an unerwarteten Orten daran erinnert zu werden. Noch faszinierender ist es, wenn die Toten keine Soldaten aus den großen kriegsführenden Staaten waren, die eben dort starben, wo deren Armeen kämpften, sondern solche, die erst ungewöhnlichere komplizierte Schicksale in die Armeen, für die die sie kämpften und starben, geführt hatte.

Auf einem alliierten Friedhof in Nordholland, etwa diesem in Bergen, erwartet man die vielen britischen, kanadischen, australischen und neuseeländischen Gräber.

Doch dazu finden sich auch oft polnische

und manchmal tschechoslowakische.

Mitten im gefühlten Westen ist da der gefühlte Osten, der dort scheinbar so gar nicht hingehört. Die polnischen Adler und tschechoslowakischen Löwen auf den schlichten weißen Steinen in Bergen sind eine Erinnerung an den Beitrag, den Piloten und Flugzeugbesatzungen aus diesen Ländern vom Westen her, mit der britischen Armee kämpfend, im Krieg gegen Deutschland erbrachten.

Im Osten kämpften polnische und tschechoslowakische Truppen an der Seite der sowjetischen Armee, wie ein Denkmal in Gdynia erinnert. Im Vorort Orłowo, abseits der durch die ganze Trójmiasto führenden großen Straße, die hier Aleja Zwycięstwa (Allee des Sieges) heißt, bildet der rechteckige Stein mit Bronzetafel den Mittelpunkt einer kleinen Grünanlage.

Daß hier am 27.3.1945 bei der Befreiung von Gdynia drei Soldaten der polnischen 1. Panzerbrigade „Helden der Westerplatte“ fielen, wäre nur halb so interessant, wenn nicht der erstgenannte Petko Tanczew ein Bulgare wäre, weshalb unter dem Adler und dem fünfzackigen Stern auch eine bulgarische Inschrift folgt. Was Петко Танчев ochotnik, доъроволец, Freiwilligen werden ließ und wieso er der polnischen Brigade zugeordnet wurde, läßt sich wohl nur noch schwer herausfinden. In Gdynia war bis vor einigen Jahren auch noch eine Schule nach ihm benannt. Heute ist die Gedenktafel, so fern vom Schwarzen Meer und so nah an der Ostsee, eine von eher wenigen bulgarischen Spuren in der Trójmiasto.

An einen Kämpfer nicht an der Seite, sondern in der sowjetischen Armee erinnert eine Gedenktafel am Kulturhaus des ostslowakischen Dörfchens Kladzany.

Sein Name war Hans Jahn und er war, wie zu lesen ist, deutscher Antifaschist in den Reihen der roten Armee, der bei der Befreiung von Kladzany kämpfte und fiel.

Laut den verfügbaren Daten war er ein Wehrmachtssoldat, der zur sowjetischen Armee übergelaufen war und bei Kladzany starb, vielleicht, während er einen anderen rettete. Daß er nicht vergessen ist, verdankt sich der DDR, die das in Dessau stationierte Funkaufklärungsregiment „Hans Jahn“ nach ihm benannte, und dessen Soldaten, die mehr über ihren Namenspatron herausfinden wollten. Die 1979 angebrachte Tafel war somit eine freundliche Geste der Tschechoslowakei an die befreundete DDR, eine Erinnerung an die anderen Deutschen, die es erstaunlicherweise gab. In Kladzany ist Hans Jahn dadurch nicht ganz vergessen und erst Ende letzten Jahres führte das örtliche Laientheater ein Stück über ihn auf.

Was diese drei Beispiele, drei von sicher unzähligen, unter denen ebenso sicher noch weit eigentümlichere sind, zeigen, ist, daß der zweite Weltkrieg auch deshalb so genannt wird, weil in ihm alles zusammenhing. Polnische und tschechoslowakische Flieger in Holland, ein bulgarischer Freiwilliger an der polnischen Ostsee, ein deutscher Rotarmist in der slowakischen Provinz – das sagt viel über den zweiten Weltkrieg.

Lenin in Witomino

Im Wohngebiet Witomino in Gdynia steht ein Denkmal, das nicht Lenin gewidmet ist.

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Es ist groß, riesig sogar, und steht unübersehbar in einem Grünstreifen an der Straße Wielkokacka. Wie eine Basaltformation aus beigeverputztem Beton ragen seine drei aneinandergefügten Stelen auf. Die höchste der Stelen ist quadratisch mit an den Ecken schräg vorstehenden Teilen, die beiden niedrigeren, von denen eine nicht einmal zur Hälfte und die andere bis auf Dreiviertel der höchsten reicht, sind ähnlich, aber dreieckig, so daß der Grundriß insgesamt dreieckig ist. Ganz oben werden die schrägen Teilen zu aufsteigenden Streben, zwischen denen eine Weltkugel aus Beton ruht.

In dieser Form wäre das Denkmal recht banal, ohne jede Aussage, aber man würde ihm doch etwas Sozialistisches anmerken, vielleicht wegen der Größe, vielleicht wegen des verwendeten Betons, vielleicht einfach wegen der elfgeschossigen Wohngebäude, die erhöht auf der anderen Straßenseite stehen.

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In einem kapitalistischen Staat Westeuropas kann man sich so ein Denkmal jedenfalls schwer vorstellen, eher vielleicht noch in Südamerika, aber am besten eben im Osten, im sowjetisch geprägten Raum. Was dem Denkmal fehlt, um zu einem typischen Werk des sozialistischen Realismus zu werden, kann man sich daher leicht ergänzen. Oben auf der Weltkugel Hammer und Sichel oder ein fünfzackiger Stern, auf den beiden niedrigeren Stelen Bronzestatuen von Lenin oder Marx und einer lokaleren kommunistischen Persönlichkeit, vielleicht Bolesław Bierut. Alles würde passen.

Würde passen, denn leider weiß man, daß der Sozialismus in Polen zu schwach war, um viele solcher Denkmale zu bauen, und die Reaktion dort heute so stark ist, daß die wenigen dieser Denkmale längst beseitigt sind. Tatsächlich ist das Denkmal weit polnischer und damit noch fremder als das oben Beschriebene ahnen ließe:

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auf der Weltkugel steht Maria und auf den niedrigeren Stelen der heilige Wojciech mit einem Ruder und Papst Karol Wojtyła mit segnend ausgebreiteten Armen. Maria ist auf der Tafel unten als „nasza królowna“ (unsere Königin) bezeichnet, denn Königin von Polen ist einer der obskureren Titel dieser Gestalt, während die anderen beiden offenbar keine Vorstellung brauchen.

Das Erstaunlichste an dem Denkmal ist, daß es erst im Jahre 2000 errichtet wurde. Die so eindeutig realsozialistische Formensprache scheint dazu im ersten Moment gar nicht zu passen, im zweiten aber umso besser. Denn die heutige öffentliche Kunst in Polen ist ganz zwangsläufig durch und durch vom Sozialismus geprägt. Egal, wie sie dazu stehen mochten, lebten die heute arrivierten Künstler im Sozialismus und wurden, ob sie wollten oder nicht, von sowjetischen Einflüssen geprägt. Auch für Werke, die inhaltlich im größten Gegensatz zum Sozialismus stehen, mußten und müssen sie sich daher der Formen des sozialistischen Realismus bedienen. Welcher auch sonst? Die offizielle Kunst des Westens ist für Monumentalität, ja, letztlich für jegliche verständliche Aussage völlig ungeeignet. Propagandakunst wie dieses Denkmal in Gdynia aber will monumental und verständlich sein, gut also für die Auftraggeber, daß die Künstler dies in der Schule des sozialistischen Realismus gelernt hatten.

So verachtenswert der polnische Katholizismus, der dieses Denkmal baute, ist: es ist ein gutes und gelungenes Kunstwerk, das an genau der richtigen Stelle im Stadtraum steht. Und irgendwann kann man dann die notwendigen Veränderungen vornehmen, um Form und Inhalt wieder in Einklang zu bringen und dann endlich wird Lenin in Witomino sein. Falls sich jemand, der dies liest, auf Photoshop versteht, kann er schon einmal einen Entwurf machen, hier die nötigen Zutaten:

Aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Hammer und Sichel in Banská Bystrica, aus Bárta, Vladimír: Banská Bystrica, Martin 1984

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Lenin im Dům Kultury (Kulturhaus) in Kyjov, aus Autorenkollektiv: Pro bohatost a krásu života, Praha 1980

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983

Bierut in Lublin, aus Hartwig, Edward: Lublin, Warszawa 1983