Archiv für den Monat Dezember 2015

Vom Beckenrand springen im Schafbergbad

Jedes Freibad ist ein Spaßbad, ob es das nun zugibt oder nicht. Zwar mag es dort die geben, denen es um sportliches Bahnenschwimmen geht, aber für die meisten gibt es dort nur Abkühlung und Spaß im Wasser. Dennoch verbieten alle Freibäder das Springen vom Beckenrand und die Durchsetzung dieses Verbots gehört zu den Hauptaufgaben der Bademeister.

Aber es geht auch anders, wie das Schafbergbad zeigt.

SchafbergbadGesamt

Es ist ein Sommerbad der Stadt Wien auf einem Hügel hoch über der Stadt und auch seine Architektur ist eine Architektur ganz für den Sommer.

SchafbergbadEingang

Der Eingangsbau und alle folgenden sind nicht mehr als runde Betonstützen, die mit runden, schraubenmutternähnlichen Betonelementen an horizontale, oben von gelbem Kunststoff umhüllte Streben anschließen, welche wiederum die Betonplatten oder Plexiglaskuppeln des Dachs und manchmal Wände aus gelben Kunststoffwabenelementen oder Glas tragen.

SchafbergbadAussicht

Wie sich diese Dächer, unter denen die Kabinen völlig frei angeordnet sind, offen und durchlässig den sanften Hang hinaufziehen, erinnert an eine römische Tempellandschaft, doch ohne jedes historistische Moment.

SchafbergbadKabinen

Zur anderen Seite wird der Boden zur Terrasse, unter der weitläufige, aber zugleich offene Bereiche mit weiteren Kabinen und Schränken und später die Zugänge zu den technischen Räumen angeordnet sind.

SchafbergbadTerrasse

Vom Eingangsbereich kommt man direkt auf die Becken zu. So wie sie in die Liegewiesen am vielfach terrassierten Hang angeordnet sind, bilden sie auch selbst Terrassen. Drei quadratische Nichtschwimmerbecken steigen nach links den Hang an, die Geländer und Außenränder gelb, orange, rot.

SchafbergbadKleinereBecken

Zwischen den unteren öffnet sich nach vorne das größere Becken, blau gefaßt, Herzstück des Schwimmbads, noch klassisch groß und geformt, aber kaum auch nur noch vortäuschend, daß es dem Sport diene. Rechts ein Seitenbecken für die hohe Rutsche, links am Ende zwei Sprungbretter, unter denen der mit bunten Kacheln eingelegte Beton der Beckenränder zu horizontal verschobenen Scheiben zerfließt.

Ebenfalls links, noch davor und von den oberen Becken, die teils darüber aufgestützt sind, umgrenzt, ein weiteres Nichtschwimmerbecken. Mitten in ihm stehen zwei Betonpodeste mit weißen und orangenen Kacheln, die in viel vielfach versetzten und unterschiedlich hohen dreieckigen Flächen enden, wie die Andeutung eines zerklüfteten Felsen.

SchafbergbadBeckenSpringen

Diese Podeste haben nur einen Zweck: das Kinder von ihnen ins Wasser springen können. Nicht mit Verboten wird im Schafbergbad das Springen vom Beckenrand verhindert, sondern dadurch, daß die Kinder eine viel bessere Stelle zum Springen ins Wasser zur Verfügung haben, durch die Architektur.

Und genau das ist es, was Architektur soll: Lösungen für Probleme finden. Architektonischer Fortschritt wäre es, wenn diese Lösungen sich durchsetzten und weiterentwickelt würden. Stattdessen beschäftigt sich die Schwimmbadarchitektur wie alle andere mit Dekoration. Aber das Schafbergbad zeigt die ganze arkadische Schönheit des Funktionalen.

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Kahlenberg und Leopoldsberg

Der Kahlenberg gilt als der Hausberg von Wien, aber es ist nicht ganz klar wieso. Liegt seine Beliebtheit in der sentimental gepflegten Erinnerung an die türkische Belagerung 1683, als von hier das polnische Entsatzheer seinen Angriff begann, begründet? Oder eher einfach nur darin, daß man früher mit einer Zahnradbahn und jetzt mit einem Bus bis auf seinen Gipfel fahren kann? Ohne seine Bebauung jedenfalls würde man nicht einmal klar sagen können, wo der Kahlenberg oder sein Gipfel eigentlich sind. Und diese Bebauung, ein Hotel, eine obskure Privatuniversität und eine Kirche, ist von erstaunlich geringer Qualität. Die neueren Gebäude steigen als Terrassenstufen an, doch damit fügen sie sich weder nahtlos in die Landschaft ein, noch werden sie zu etwas markantem Eigenen.

KahlenbergGebäude

Auch die Kirche ist ein gänzlich banaler Bau, der zeigt, daß dem Wien des 18. Jahrhunderts an der Erinnerung an den Sieg über die Türken nur wenig gelegen war.

Der nahegelegne Leopoldsberg hingegen hat alles, was der Kahlenberg nicht hat.

StiftKlosterneuburgBlickWien

Direkt am Ufer der Donau ragt er, jedenfalls von Wien gesehen, steil auf und wird so zum natürlichen Wachturm an der natürlichen Grenze, die der Höhenzug des Wienerwalds bildet. Und betont ist dieser ohnehin schon markante Berg von einer stattlichen barocken Kirche mit zwei Türmen und eine Kuppel.

LeopoldsbergOberleitungen

Man merkt, daß der Barock noch wußte, welcher der beiden Berge seine Aufmerksamkeit verdient hat.

Vor den Mauern des zur Kirche gehörenden Komplexes, direkt über der Donau, ist eine große halbrunde Aussichtsterrasse mit Betongeländern.

LeopoldsbergAussichtsterrasse

Von hier blickt man nicht nur über Wien,

LeopoldsbergAussichtWien

sondern entlang des Flusses auch ins Umland im Nordwesten, nach Klosterneuburg und Korneuburg,

LeopoldsbergAussichtUmgebung

man erlebt, wie die Stadt mit ihm verknüpft und zugleich auch von ihm getrennt ist.

Die Terrasse, weitere Flächen, die die Kirche fassen und ein steiler Treppenweg, der von Kahlenbergerdorf am Donauufer hinaufführt, sind Teil des Projekts der Höhenstraße. Es war eine große Infrastrukturmaßnahme des faschistischen Ständestaats, die vor allem der Arbeitsbeschaffung diente und als einzige praktische Wirkung Teile des Wienerwalds für den Motortourismus erschloss. Die Straße zum Kahlenberg führt auch weiter zum Leopoldsberg, und manchmal fährt gar bis zu ihm ein Bus, aber so beliebt wie sein Nachbar ist er dennoch nicht.

Er hat einfach kein Glück: der Kirchenkomplex ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich, weil er in Privatbesitz ist und sich der Privatbesitzer mit Ankündigungen über extravagante Umbaupläne begnügt. Das ist eine sehr Wiener Situation und paßt vielleicht zum Leopoldsberg, der, viel mehr als der Kahlenberg, der Wiener Berg schlechthin ist.

Jedeshochhaus

Dieses Bürohochhaus ist ein solch archetypischer Ausdruck der Architektur der sechziger Jahre, daß es wirklich überall stehen könnte, in einer kleinen Stadt oder einer großen, in einem sozialistischen Staat oder einem kapitalistischen, in einem reichen Land oder einem armen.

FestoHochhausGesamt

Neun Geschosse hoch, quadratischer Grundriß, umlaufende Waschbeton- und Fensterbänder. In der Mitte einer der Seiten ein fast monolitisch aus Beton geformtes Treppenhaus, das halboval vorragt und in einem schmalen vertikalen Fenster zwischen zwei weiter vorragenden Wandstreifen endet.

FestoHochhausSeite

Seine geschwungene, expressive Form ist die kleine Extravaganz, die die geschäftsmäßige Nüchternheit des übrigen Baus bricht. Das oberste Geschoß  dann weit zurückgesetzt hinter einer Dachterrasse, über die sich ein Balkenwerk aus Beton spannt. Ganz oben, auf dem höhergeführten Erschließungskern, zu allen Seiten das Logo.

Dieses bestimmte Exemplar dieses universellen Hochhauses steht im 14. Bezirk von Wien und man sieht ihm gleichsam an, wie ein alter Kapitalist, der die Firma vielleicht schon in zweiter, dritter Generation leitete, sich mit ihm sein Lebenswerk krönte. Man sieht ihn an seinem Schreibtisch im obersten Geschoß sitzen und zufrieden in die blaue Ferne schauen oder auf die Dachterrasse treten und noch zufriedener auf seine Firma hinabschauen.

Doch genau hier beginnt das Problem dieses Hochhauses und der Grund, wieso man sich die Zufriedenheit des alten Kapitalisten heute nur mit einem beinahe mitleidigen Schmunzeln vorstellen kann. Denn das Hochhaus steht etwa in der Mitte des Firmenareals, das fast den gesamten Block zwischen Hütteldorfer Straße, Lützowgasse, Felbigergasse und Marcusgasse einnimmt. Schon direkt an seine unteren beiden Geschosse schließt eine milchig verglaste Fertigungshalle an und allerlei Hallen und Schuppen bilden auch den Rand des Areals.

FestoHochhausHalle

Da ringsum dichtbebaute Gegenden der Stadt sind, ist das Hochhaus von fast nirgendwo wirklich gut zu sehen. Von der Felbigergasse sieht man es nicht, von der Marcusgasse bestenfalls drei Geschosse

FestoHochhausMarcusgasse

und von der großen Hütteldorfer Straße, auf die es ankäme, bestenfalls vier.

FestoHochhausHütteldorferStraße

In der Lützowgasse dann wird man überrascht, wenn man es durchs Tor plötzlich in seiner ganzen Höhe sieht.

FestoHochhausLützowgasse

Um in der Stadt sichtbar zu sein, müßte das Hochhaus mindestens doppelt so hoch sein. Die gewollte repräsentative Wirkung bleibt aus, die Krönung des Lebenswerks des alten Kapitalisten ist nur eine Mediokrität. Und wenn er seine Firma mit diesem Hochhaus, Sinnbild des Modernen, für die Zukunft vorbereitet sah, so täuschte er sich auch darin: es gibt sie nicht mehr, in den Hallen und im Hochhaus haben sich die verschiedensten Firmen abgesiedelt. Das oberste Geschoß „mit traumhafter Aussicht“ (Werbeplakat) ist noch zu mieten – ich würde es tun, hätte ich denn die Mittel.

Wahr ist die Geschichte vom alten Kapitalisten übrigens eher nicht. Das Gelände gehörte ursprünglich dem Carowerk Wien, während im Hochhaus zuletzt eine Zweigstelle der deutschen Firma Festo saß, die es vielleicht auch errichtete und jetzt in der Nähe ein zeitgemäßeres Gebäude hat.

Aber das Hochhaus erzählt noch von etwas Wichtigerem und Wahrerem: von der Bedeutung der Stadtplanung. Ohne Stadtplanung, die sie unterstützt, ist Architektur herzlich wenig. Denn wenn dieses Hochhaus auch überall stehen könnte, es wäre nicht überall das gleiche. Nur etwas entfernt, höher am Hang gelegen, wäre es ein weithin sichtbarer Orientierungspunkt in der Stadt. Als Teil einer fortschrittlichen Planung, etwa in einer offenen parkartigen Landschaft, könnte es sogar der Mittelpunkt einer kleinen Stadt oder eines Wohngebiets sein. Alles ist immer eine Frage des Kontexts. Ein Gebäude allein zu betrachten, ist niemals genug.

Eine Kirche für die Ewigkeit

Auf der Insel Krk an der kroatischen Adriaküste, an der größten und deshalb in der Saison sehr stark befahrenen Straße, unweit des Orts Punat, zwischen Beachbars, Melonenständen und Leuten, die Zimmer vermieten wollen, steht ein eigentümliches kleines Bauwerk. Sieht man es im Vorbeifahren, weiß man nicht zu sagen, ob es neu oder alt, aus Beton oder Stein, ein Bunker oder eine Star-Wars-Kulisse ist. Alles scheint möglich, nichts würde einen auf dem Balkan überraschen. Beim Näherkommen erst sieht man: es ist eine Kirche aus dem elften Jahrhundert, die Crkva svetog Dunata (Kirche des heiligen Donatus).

KirchePunatVorne1

Sie ist ein winziger und eigentlich ganz simpler Bau: ein Teil mit Tonnendach, der von einem zweiten gequert wird, so daß eine Kreuzform entsteht. Keine Öffnungen außer der Tür und einer Art Schießscharte, die zum Meer zeigt.

KirchePunatHinten

Aber markant ist die Kuppel, die in der Mitte aufragt. Statt der ordentlich behauenen Quader des unteren Teils sind hier rohe, spitz herausragende Steine aneinandergefügt, so daß die resultierende Form an eine Ferrero-Rocher-Praline oder das Dach der Sezession in Wien erinnert, bloß mit einem runden Fenster, das ihr zusätzlich etwas von einem riesigen zyklopischen Auge gibt.

KirchePunatVorne2

Die Kirche wirkt dadurch roh und archaisch, obwohl der Bau dieser Kuppel eigentlich eine große architektonische Leistung war. So verloren und unbeachtet sie heute dasteht, so stolz waren ihre Erbauer vor vielen Jahrhunderten sicher auf sie. Sie ist das einzige, was aus dieser Zeit blieb, stabil, einfach und raffiniert wie eh. Sie ist wie aus der Natur der kargen felsigen Insel, auf der es außer Steinen nicht viel gibt, herausgewachsen. Aber die sonst überall bloß herumliegenden Steine bekommen in ihr einen Sinn, sie ist die Überhöhung der Natur der Insel.

Während diese Kirche mit Krk verwachsen ist und doch darüber hinausweist, steht der nächstgelegene Sakralbau, das Kloster Košljun, in einer anderen Welt. Es ist nur weniger hundert Meter entfernt, aber losgelöst vom steinigen Krk auf einer idyllisch bewaldeten Insel in der Bucht von Punat, wie ein Atlantis, das in bessere Gefilde fortschwimmen möchte.

PunatKlosterKošljun

Vielleicht aber ist alles, was man über die kleine Kirche denkt, auch nur romantische Täuschung. Vielleicht war sie einst außen mit teurerem Stein verkleidet und hatte im heute kahlen Inneren prächtige Mosaike.

KirchePunatInnen

Vielleicht ist ihre heutige Gestalt das Ergebnis der Renovierungen vieler Jahrhunderte, die in ihr schon den naturverwachsenen schlichten Bau sehen wollen und sie erst zu einem solchen machten. Aber wenn man sie heute sieht, hat man doch das Gefühl, sie werde dort auch noch stehen, wenn es keine Straße und keinen Tourismus mehr gibt, ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes ist.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Havlíčkův Brod

Havlíčkův Brod hat einen Keilbahnhof. Bei diesem selten vorkommenden und seltener angemessen architektonisch ausgestalteten Bahnhofstyp liegt das Bahnhofsgebäude in einer Gabelung der Schienenstränge. Entsprechend ist die zu bebauende Fläche etwa dreieckig.

In Havlíčkův Brod reichen die Bahnsteigdächer bis an die Spitze zwischen den Gleisen heran.

NádražíHavlíčkůvBrodKeil

Im breiter werdenden Bereich umschließen sie eine kleine Grünfläche mit Büschen und Nadelbäumen. Erst dahinter ragt ein fünfgeschossiges Gebäude auf, das mit einem verglasten und leicht schrägt überragenden Kontrollraum endet.

NádražíHavlíčkůvBrodBäume

Zu beiden Gleisseiten zeigt das Bahnhofsgebäude weiter Fassaden mit blauer Verkleidung, Fenstern und vertikalen silbernen Stahlstreben. Aber die sieht man auch nur von den Gleisen aus.

Von den Bahnsteigen gelangt man entweder direkt oder durch Unterführungen in die Bahnhofshalle. Wie vom Bahnhofstyp vorgegeben öffnet sie sich in einer Dreiecksform nach vorne.

NádražíHavlíčkůvBrodHalle

An den Seiten sind unten die Schalter und sonstigen Einrichtungen und ober üben heller Holzverkleidung und hinter dunklen Stützen Galerien. An der Decke bilden kleinere und größere herabhängende helle Holzelemente eine Art Faltenmuster. Auf dem Boden ist ein Muster aus grauem und schwarzen Stein. Auffällig ist ein Sitzbereich aus einigen verschieden hohen lehnenlosen Bänken, die um eine erhöhte Fläche, wohl zum Abstellen von Gepäcke, angeordnet sind. An der Wand am schmalen Ende der Halle ist ein Kunstwerk aus goldenem Metall, das Gänse und einen Sputnik im Flug zeigt

NádražíHavlíčkůvBrodGänseSputnik

– eine ungewöhnliche Kombination eines typischen Kitschmotivs aus der westdeutschen Vorstadt mit einem sozialistischen Motiv.

Alles an der Halle aber strebt vom schmalen Ende zur breiten gläsernen Wand, mit der sie sich nach außen öffnet. Deren kleine Scheiben sind unregelmäßig vertikal angeordnet, einige auch blau oder gelb gefärbt. Es ist eine Öffnung zur Stadt, allerdings ist die Stadt nirgends zu sehen und auch noch weit. Bei einem Keilbahnhof ist es eben noch unwahrscheinlicher als bei einem anderen, daß er sehr nahe an seiner Stadt liegt. Statt ihrer sieht man einen großen Bürobau aus der ersten Republik, das für Havlíčkův Brod immerhin eine historische Bedeutung hat, weil eine hier gehisste Flagge am 5. Mai 1945 das Signal für den Aufstand gegen die deutschen Besatzer gab. Die Stadt ist dafür vertreten von einer Stele im runden Beet auf dem Vorplatz. Ihre blaue Keramik scheint zuerst ornamental, stellt aber tatsächlich einige alte Gebäude und die Mariensäule, deren moderne Entsprechung sie ist, dar.

NádražíHavlíčkůvBrodStele

Von der Stadt kommend, ob nun zu Fuß oder mit einem der auf dem Vorplatz haltenden Busse, sieht man den Bahnhof als zwischen dem Dach und einem Vordach leicht eingewölbte Glasfläche und zwei schräge rote Wände an den Seiten, auf einer von denen in Leuchtbuchstaben der Bahnhofsname steht.

NádražíHavlíčkůvBrodAußen

Der Bahnof von Havlíčkův Brod ist somit ein Musterbeispiel für einen Keilbahnhof, das aber über das Muster in nichts hinausgeht.

Klosterneuburg und sein Drache

In Klosterneuburg gibt es einen Drachen.

StiftKlosterneuburgDrache

Um ihn gut zu sehen, muß man den Kopf in den Nacken legen und nach oben blicken, denn er ist Teil eines gotischen Kunstwerks im roten Stein unter einem Fenster.

StiftKlosterneuburgLöweFenster1

In der Mitte ist da ein Mensch, der die Arme zu einem Wappenschild links und einem rechts ausstreckt. Weiter links sitzt ein Löwe und weiter rechts der Drache. Auch sie greifen zu den Wappenschildern und sind nur ihretwegen da. Aber der Drache ist anders als der Mensch oder der Löwe. Er wirkt auf überraschende Art lebendig und – niedlich. Mit seinem auf dem langen Hals vorgestreckten Kopf scheint er sich spielerisch am Wappenschild zu reiben und die zarten, wie durchsichtigen Flügel verraten, daß der Bildhauer schon einmal eine Fledermaus aus der Nähe gesehen hat. Er wirkt gar nicht wie die Miniatur eines schreckeneinflößenden Fabelwesens, sondern wie eine lebensgroße Darstellung eines ganz realen und harmlosen Tiers, das nur zufällig nicht bekannt ist. Der niedliche kleine Drache scheint geradezu Teil einer spezifisch Klosterneuburger Fauna zu sein. Doch er ist zugleich eine letzte Erinnerung an diese, da sie ausgestorben ist. Lebendiges oder Niedliches gibt es in Klosterneuburg sonst nicht.

Der Name sagt bereits alles: Klosterneuburg ist eine Stadt, genauer gesagt eine Stadtgemeinde, die ganz auf ein Kloster, das Stift Klosterneuburg, ausgerichtet ist. Ihre alten Teile legen sich in einem Bogen um das auf einer felsigen Anhöhe über der Donau thronende Stift.

Im Norden ist der untere Teil des Orts, dessen Zentrum der langgestreckte Stadtplatz bildet. Das Stift sieht man von hier nicht, aber aus der großen barocken Dreifaltigkeitssäule ragt unter den Füßen von Gott und Jesus, wo die Welt sein könnte, eine schwarze Kugel hervor, auf der in Gold das Wappen des Stifts, eine Art umgedrehtes T, zu sehen ist.

StiftKlosterneuburgDreifaltigkeitssäuleDetail

Von den zum Kierlingbach führenden Gassen dann sieht man das Stift als mächtige Kathedrale mit zwei gotisch-neogotischen Türmen.

StiftKlosterneuburgBlickStadt

Zum oberen Teil der Orts führt eine enge und steile Straße, die aber schon die Verbreiterung eines noch engeren und steileren Wegs ist. Obwohl der Rathausplatz, das Zentrum des oberen Teils, direkt westlich neben dem Stift ist, scheint es eigenartig fern. Man sieht jenseits des Platzes außer den Türmen viel von einem riesigen barocken Gebäude mit riesiger Kuppel, aber spürt, daß es sich nicht an Klosterneuburg richtet.

Und in der Tat zeigt seine Hauptfassade von der Stadt weg nach Südosten, zum Fluß, zur heranführenden Straße und letztlich: nach Wien.

StiftKlosterneuburgBlickWien

Von dort und von den dorther Kommenden, nicht vom kleinen Klosterneuburg, will diese Fassade des Stifts gesehen werden.

StiftKlosterneuburgLöweFensterBarockerTeil

Vier Geschosse ist sie hoch, doch schon an der rechten Ecke wird sie noch ein weiteres Geschoß höher und enthält eine kupferne Kuppel mit Krone. Im linken Teil wölbt sie sich halbrund hervor, im unteren der beiden riesigen Geschosse Säulen, im oberen Pilaster, vor dem Dach viele Skulpturen und als Abschluß eine noch höhere Kuppel mit noch größerer Krone.

StiftKlosterneuburgBarockerTeilLinks

Es ist eine Fassade, die Macht ausdrücken und einschüchtern soll. Nichts Menschliches dort, bloß Monumentalität. Es ist Barock in seiner reaktionärsten Ausprägung. Gemildert und gebrochen wird die Wirkung einzig dadurch, daß das Gebäude unvollendet blieb. Der halbrunde Teil sollte offenkundig die Mitte sein, doch der linke Abschluß und auch andere Teile einer wahnwitzigen kaiserlichen Planung aus den 1730er Jahren wurden nie gebaut, was ein Glück für Klosterneuburg und die Welt ist.

Aber je näher man das Stift betrachtet, desto mehr merkt man, daß die bösartige Monumentalität des barocken Teils keine Verirrung war, sondern leider zu den übrigen Teilen paßt. Sie scheint geradezu das Vorbild für alle historistischen Umbauten des späten 19. Jahrhunderts gewesen zu sein. Daß die Türme einschüchternd hoch und vertikal sind, gehört eben zum Wesen der örtlichen Gotik, aber an der Seite der Kirche werden auch die üblicherweise so schlichten romanischen Säulen zu eigentümlich monumentalen Pilastern.

StiftKlosterneuburgNeoromanischerTeil

Es scheint, als haben sich im Stift Klosterneuburg alle Baustile von ihrer schlechtesten Seite zeigen wollen.

Ganz so ist es jedoch zum Glück nicht. In einem großen, aber von außen gänzlich unscheinbaren Teil bietet der Leopoldihof Erholung. Direkt neben den Türmen tritt man durch ein Tor

StiftKlosterneuburgLöweFensterEingangLeopoldihof

und mit einem Mal zeigt sich die Gotik schlicht und funktional.

StiftKlosterneuburgLeopoldihof

Ein reich verzierter Erker wirkt hier als Schmuckstück,

StiftKlosterneuburgErker

während ein großes spitzbögiges Fenster mit Strebebögen gar schon ein bewußter Versuch der Renaissance ist, mit gotischen Formen ein Schmuckstück zu schaffen.

StiftKlosterneuburgNachgotischesFenster

Und hier, fast versteckt neben dem Erker, hat auch der Drache seinen Platz gefunden.

StiftKlosterneuburgLöweFensterGesamt

Es ist als versteckte er seinen niedlichen kleinen Körper vor all dem Bösen und Monumentalen draußen. Fast würde man ihm wünschen, er könne wegfliegen. Verdient hat ihn Klosterneuburg nicht, aber er ist großzügig und bleibt.

StiftKlosterneuburgLöweFenster2