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Johannes von Nepomuk im Exil

Wenn man den Johannes von Nepomuk im Dorf Velká Dobrá bei Kladno sieht, hat man nicht das Gefühl, daß er dort nicht hingehöre.

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Auf einem schlichten Sockel steht er, das Kruzifix mit beiden Händen haltend, um den Kopf fünf goldene Sterne, in der linken Hand ein goldener Palmwedel, eher hineingesteckt als plausibel gehalten – eine Skulptur durchschnittlicher Qualität wie so viele andere auch. An die große Durchgangsstraße in Velká Dobrá paßt er so gut wie der Weiher weiter unten und die kleine barocke Kapelle von 1816 neben ihm.

Er scheint hier zu Hause, wie er ja ohnedies überall in Tschechien und anderen katholischen Gegenden zu Hause ist.

Tatsächlich aber ist dieser Johannes von Nepomuk, so wenig man es ihm anmerkt, so gut er sich eingelebt hat, nur im Exil. Ursprünglich stand er im nahen Kladno auf einer Säule an der Hauptstraße, die damals Královská Třída  (Königsallee) hieß und heute T.G. Masarykova (T.-G.-Masaryk-Straße) heißt. Diese wurde am 5. Juli 1919 während einer Demonstration gestürzt. Es war der Vorabend des Jahrestags der Verbrennung von Jan Hus und Johannes von Nepomuk galt damals bei den antiklerikalen Kräften in Tschechien, zu denen sowohl die bürgerlichen Nationalisten als auch die Sozialisten gehörten, als eine Art Anti-Hus, als Symbol der brutalen Rekatholisierung nach 1622. In den ersten Jahren der 1918 gegründeten tschechoslowakischen Republik gab es Forderungen, nicht nur die Denkmäler der österreichischen Monarchie, sondern auch alle Nepomuk-Statuen zu entfernen. Offizielle Politik wurde das nie, aber es kam zu einigen spontanen Bilderstürmen, insbesondere in Gegenden mit starker Arbeiterbewegung wie Kladno.

Fast ein halbes Jahrhundert lag der gestürtzte Johannes von Nepomuk im Garten des Dekanats, bevor er 1968 wenigstens ins Exil des noch immer frommeren oder mittlerweile gleichgültigen Dorfs Velká Dobrá ausreisen durfe. Er kehrte nie nach Kladno zurück, nie wirklich. Seit 2003 steht an der alten Stelle eine Kopie auf einer leicht spiralförmigen Stele aus dunklem Stein.

Das ist nicht ganz schlecht gelöst, da es nicht die Illusion des heilen Alten schafft, und auf einer Tafel sind vage auch die Ereignisse von 1919 erwähnt.

Ein Denkmal verdient hätten jedoch die damaligen Bilderstürmer, die sich als Nachfolger der Hussiten sahen. Heute kann man über ihren gleichsam katholischen Glauben an die magische Kraft von Bildern vielleicht lächeln, aber ihr Wirken war ein faszinierender Ausdruck des tschechischen Antiklerikalismus. Wie man heute weiß, brachte die konsequente antiklerikale Politik erst der bürgerlichen, dann der sozialistischen Republik die organisierte Religion in Tschechien zum Verschwinden, ohne daß ein einziger Johannes von Nepomuk mehr fallen mußte.

Auch das Zentrum von Kladno hatte er nie ganz verlassen, da er als einer von vier Heiligen um die Mariensäule auf dem Platz steht – hier bloßhäuptig und mit dem Birrett in der Hand, was eine der größeren Freiheiten in seiner Darstellung ist, die sich barocke Künstler erlauben durften.

Das potentielle Denkmal für den neohussitischen Bildersturm von 1919 dürfte weiter gehen, es könnte sogar die originale Nepomuk-Skulptur auf originelle Art einbinden, etwa im Fall. Das wäre eine Rückkehr aus dem dörflichen Exil in eine bessere Gegenwart, aber die Zeit für solch ein Denkmal ist leider auch erst einmal vorbei.

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Poldi

Kladno ist eine Bergbaustadt ohne Bergbau, eine Industriestadt mit wenigen Resten von Industrie. Wenn es nicht so nah an Prag läge, hätte es wohl ernste Probleme. So muß es zumindest zu seiner Vergangenheit eine Haltung einnehmen.

Die Geschichte der Arbeiterbewegung blendet es heute naheliegenderweise aus, doch aus der sozialistischen Zeit blieben einige Gedenktafeln an Gebäuden. Das gegenwärtige Kladno betreibt lieber einen gewissen Kult um den Wiener Kapitalisten Karl Wittgenstein. Dieser war Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Investor der Pražská železařská společnost (Prager Eisenindustrie-Gesellschaft) und betrieb die Gründung des neusten Stahlwerks, der Poldihütte. Es waren mithin also auch die Kladnoer Arbeiter, die es Karls Sohn Ludwig später erlaubten, als Lehrer, Architekt und Philosoph zu dilettieren, letzteres mit einigem Erfolg. Wichtiger für Kladno war, daß Karl die Fabrik nach seiner Frau Leopoldine Poldi nannte und ihr Gesicht zu deren Zeichen machte. In der sozialistischen Zeit, als eher die Rolle der Arbeiter als die der Kapitalisten betont wurde, hieß die Fabrik Spojené ocelárny n.p. (SONP – VEB Vereinigte Stahlwerke), behielt aber mindestens halboffiziell immer den hübschen Namen Poldi. Auch das Gesicht der Namenspatin blieb und wurde in seiner nunmehrigen Variante zum vielleicht hübschesten Logo, das je ein Industriebetrieb hatte: in einem aufrechten Oval ein Frauenkopf mit hochgestecktem Haar im nach links blickenden Profil und etwas oberhalb der Stirn ein schräger fünfzackiger Stern, alles in Linien stilisiert.

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Das Antlitz der Kapitalistengattin wurde als Logo des sozialistischen Betriebs gewissermaßen in Volkseigentum überführt. Noch immer empfängt es, auf einem dreieckigen Betonelement vor dem Werksgelände oder auf einer der Hallen, den Besucher, der dem Schriftzug Poldi auf einem Schornstein gefolgt sein mag. Vom Werk jedoch ist nicht mehr viel übrig.

Wie wichtig dem heutigen Kladno seine Geschichte ist, zeigt das Muzeum Poldi (Poldi-Museum). Es wurde 1975 als Muzeum SONP in einem dafür perfekt geeigneten Gebäude eingerichtet: der sogenannten Bachrovna (sinngemäß Bacher-Haus), in der Karl Wittgenstein eine Dienstwohnung für seine Besuche hatte und der Bergbaudirektor Gottfried Bacher lebte. Die große kommunistische Schriftstellerin Marie Majerová beschreibt das Gebäude und seinen Bewohner in ihrem Kladno-Roman „Siréna“ (Die Sirene) folgendermaßen (zur deutschen Übersetzung):

„Bohumír Bacher, důlní ředitel, bydlil ve vile s věží, která přípomínala středověký hrad; měla jakoby cimbuří a přístavbu, které se říkalo šermírna.

Bohumír Bacher měl kolem svého sídla vysoký plot a vrata mřízová z litého železa, výrobek Vojtěchovy huti, okázalý ve své výšce a nedobytnosti jako na výstavu.

Bohumír Bacher měl rozsáhlou anglickou zahradu, na dvoře americkou lednici a jeho roční příjmy se rovnaly položce všech příjmů havíře Jana Stádníka z Braškova, jenž pracoval v uhelně třicet let a vydělal za tu dobu třináct tisíc zlatých.“

((Gottfried [tschechisch Bohumír] Bacher, der Bergbaudirektor, wohnte in einer Villa mit Turm, die an eine mittelalterliche Burg erinnert; sie hatte nachgeahmte Zinnen und einen Vorbau, der Fechthalle hieß.

Gottfried Bacher hatte um seinen Sitz einen hohen Zaun und Gitterpforten aus Gußeisen, ein Erzeugnis der Vojtěch-Hütte, in seiner Höhe und Uneinnehmbarkeit prunkvoll wie für eine Ausstellung.

Gottfried Bacher hatte einen ausgedehnten englischen Garten, im Hof ein amerikanisches Gewächshaus und sein Jahreseinkommen entsprach dem Lebenseinkommen des Bergmanns Jan Stádník aus Braškov, der dreißig Jahre in der Zeche gearbeitet und in dieser Zeit dreizehntausend Gulden verdient hatte.)

Bacher und seine Villa wurden dadurch berüchtigt, daß er bei einer Streikdemonstration an Fronleichnam 1889 die Polizei in die Menge schießen ließ, wobei drei Kinder getötet wurden. Allen folgenden Verwaltern und anderen Nutzungen zum Trotz blieb die Villa so die Bachrovna. Über die Bedeutung des Streiks von 1889 für die Arbeiterbewegung in Kladno urteilt Majerová (zur deutschen Übersetzung):

„Kladno třetího června toho roku odložilo cechařské odznaky, které nosilo již jen ze setrvačnosti, a objevilo se na jevišti světa jako průmyslový dav. Průmysl a uhelná těžba za tří desítky let nepozorovatelně vytvářely nové lidi.“

(Kladno legte am dritten Juni dieses Jahres die Zunftabzeichen, die es nur noch aus Beharrlichkeit getragen hatte, ab und zeigte sich auf der Bühne der Welt als industrielle Masse. Unmerklich hatten Industrie und Kohlebergbau in drei Jahrzehnten neue Menschen geschaffen.)

Als diese neuen Menschen die Bachrovna später zum Museum machten, war das auch ein symbolischer Akt der Enteignung der Burgen des Kapitals und ihrer Aufhebung im Sozialismus. Die Villa sieht noch immer aus wie von Majerová beschrieben, aber kein Zaun versperrt mehr Blick oder Weg.

Egal, von wo man auf das nunmehrige Poldi-Museum zukommt, man sieht zuerst Denkmäler für die Opfer des Faschismus unter der Arbeiterschaft.

Kommt man von der Straße, steht links in der Grünfläche eine überlebensgroße Skulptur des Bildhauers Jiří Bradáček. Sie zeigt einen behelmten Arbeiter in einer unklaren Bewegung, die Aufbäumen wie Zusammensinken sein könnte, die rechte Hand zur Faust geballt über den Kopf erhoben, die linke auf der Brust. Kampf wie Tod sind im Stein dargestellt und auf dem niedrigen Sockel steht: „Kladenským hutníkům obětem druhé světové války“ (Den Kladnoer Hüttenarbeitern, die Opfer des zweiten Weltkriegs wurden).

Kommt man durch das Gelände vor der stadtseitig angrenzenden Poliklinik, sieht man vor dem Turm eine freistehende Betonwand, auf der eine vertikale schwarze Steintafel mit den Worten „Nezapomínáme oběti fašismu“ (Wir vergessen die Opfer des Faschismus nicht) und vielen Namen angebracht ist. Auf der Hälfte ihrer Höhe unterbricht sie ein vertikales beidseitig überstehendes Relieffeld, das rechts einen leidend, sterbend liegenden Mann und links eine helfend zu ihm gebeugte Frau zeigt.

Nach dieser Einleitung kommt man zum Museum. In den nunmehr kleineren Garten führt rechts neben der Villa ein niedriges ornamentiertes Eisentor, das ein bauliches Majerová-Zitat sein könnte.

Danach ist er unregelmäßig mäandernd von mit kleinem Abstand nebeneinandergesetzten Betonstelen umgeben.

So selbstbewußt die fortschrittliche Architektur der Tschechoslowakei hier Alt und Neu verbindet, so freundlich ist sie auch, da die Stelen nur so hoch sind, daß man gut in den Garten blicken kann. Alles Abweisende ist dieser Umrandung, die kein Zaun mehr ist, genommen.

Im Garten stehen einige riesige rostende Maschinenteile, während sich aus einem niedrigen Teil der Villa große, bis zum Boden reichende Fensterflächen und Türen öffnen, die auch in ein viel neueres Gebäude passen würden.

Das Muzeum Poldi könnte im weiteren alles über Kladno erzählen, was die Stadt von sich erzählt haben will. Könnte, denn es ist bereits seit 2006 geschlossen. Keiner tritt mehr durch die Glastüren in den Garten, keine Tafeln erklären mehr die Geräte. Kladno ist eine Industriestadt ohne Industrie und auch ohne Museum für diese Industrie.

Das sozialistische Kladno: Wohngebiet Sítná

Das Wohngebiet Sítná in Kladno liegt beim Sítenské údolí (Sítná-Tal), das ein Stück südlich der Altstadt in den Hügel schneidet. Die entscheidende städtebauliche Tat war es, über das Tal eine Brücke zu spannen. Während oben auf mächtigen Betonstützen der Autoverkehr fließt, wurde das Tal als Park gestaltet. Jenseits der Brücke und oberhalb des Parks erstreckt sich das Wohngebiet.

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Es ist nicht besonders groß und besteht aus zwei Teilen, die durch die von der Brücke kommende Straße getrennt sind. Links sind an den Rändern, auch gleich einer Skyline am Hügelrand, Punkthäuser mit bis zu elf Geschossen und ansonsten fünf- und achtgeschossige Gebäude in Zeilenbauweise.

Rechts sind am Hügelrand quer aufgereihte siebengeschossige Gebäude und ansonsten bis zu neungeschossige Gebäude, die weite Höfe bilden.

So ist das Wohngebiet Sítná nicht nur nicht besonders groß, sondern auch einfach nichts Besonderes. Gute Lage, typische Architektur, reizvolle landschaftliche Einordnung – Durchschnitt für ein ab Mitte der sechziger Jahre errichtetes Wohngebiet der Tschechoslowakei. Es hat jedoch ein großes Zentrum, das beinahe wichtiger ist als die Wohnbebauung.

Der Náměstí Sítná (Sítná-Platz), wie dieses Zentrum heißt, liegt rechts der Straße und beginnt direkt hinter der Brücke mit dem elfgeschossigen Bau des Hotel Kladno. Wie schon der stolze Name sagt, ist es eines jener Hotels, wie sie sich jede sozialistische Stadt, die etwas auf sich hielt, in den Sechzigern, Siebzigern baute. An den Schmalseiten hat es eine Verkleidung aus kleinen quadratischen Kacheln mit leichtem Grünstich, während die zur Straße und ins Wohngebiet zeigenden Breitseiten in Balkone mit milchigen Geländern aufgelöst sind. Mit seinem Namen in roter Leuchtschrift vervollständigt es die Skyline von Sítná.

Das Bettenhaus sitzt auf einem langen zweigeschossigen Sockel, der sich ein kurzes Stück zur Straße und ein langes Stück ins Wohngebiet erstreckt. Sein zweites Geschoß ragt dabei deutlich über das Erdgeschoß hervor und hat zwischen der grauen Kachelverkleidung ein hohes durchgehendes Fensterband. Zur Straße hin ist unten der Eingang ins Hotelfoyer und oben das Restaurant. Zum Platz hin ist unten eine Kneipe, zu der man auch vom Foyer gelangt, während sich oben das Restaurant fortsetzt.

Das sind die typischen Einrichtungen eines Hotels, doch der weitere Teil des Sockels richtet sich ganz an das Wohngebiet. Hier ist im Inneren ein langgestreckter, eher schmaler Hof mit umlaufender Galerie, über den sich heute ein Glasdach spannt. Neben den Konferenzräumen des Hotels gibt es die verschiedensten Läden. Das Restaurant im Obergeschoß wie die Kneipe im Erdgeschoß haben dadurch große Fensterflächen sowohl in den Hof als auch hinaus auf den Platz.

Das Rückgrat des Náměstí Sítná bildet ein langes siebengeschossiges Wohngebäude parallel zur Straße, das nach einer Erschließungsstraße noch deutlich vor dem Abschluß das Hotelsockels beginnt. Seiner herausgehobenen Lage entsprechend sind in dem Gebäude Maisonettewohnungen, was auch daran zu erkennen ist, daß es abwechselnd in einem Stockwerk durchgehende Balkone und im nächsten kleine Balkone neben Wandflächen mit Fenstern hat. Bis weit vor sein Erdgeschoß reicht eine Ladenzeile, in der unter anderem eine Kaufhalle ist.

Die davorliegende eigentliche Platzfläche ist halb von Parkplätzen und halb von Grünanlagen eingenommen.

In der folgenden Ecke des Platzes steht das Dům Kultury (Kulturhaus). Es ist ein großer quadratischer Bau mit etwa drei Geschossen. Im Erdgeschoß sind Restaurants, Läden, Kneipen und die Eingänge zu Veranstaltungsräumen und dem Kino Hutník (Hüttenarbeiter), wohingegen die Obergeschosse sich teils mit den großen Glasflächen der Säle öffnen und teils mit einer Verkleidung aus kleinen quadratischen grünen Kacheln verschließen.

Das Dům Kultury ist ein Gebäude, das kein Hinten und Vorne kennt, sondern sich mit allen vier Seiten ganz der Umgebung zuwendet, ob nun dem Platz, dem Wohngebiet oder sogar den Einfamilienhäusern jenseits der nächsten Querstraße.

Der Abschluß des Náměstí Sítná ist wiederum ein elfgeschossiges Gebäude, in dem heute eine Fakultät einer Prager Hochschule sitzt. Es steht quer zur Straße, so daß seine vertikal strukturierten Breitseiten zum Platz und von ihm weg zeigen. Die Obergeschosse ragen von dünnen schrägen Stützen getragen etwas über das Erdgeschoß hinaus. Auch dieses Punkthochhaus hat einen Sockel, der rückwärtig, dem Platz abgewandt, aus schlichten Flachbauten besteht. Vorne, zum Platz hin, ist eine niedrige Terrassenebene, auf der man rechts zu den Eingängen kommt, während links ein flacher Trakt die Verbindung zum vorgesetzten Hörsaalgebäude schafft. Nach all der zurückhaltenden sachlichen Architektur, die den Platz prägt, entfaltet er hier seine Schwingen: Die mit braunem Metall verkleideten Dächer über den beiden vorne verglasten Hörsälen steigen nach links länger und flacher, nach rechts kürzer und steiler an und legen sich dabei in spitze Falten, die so auch an ihren Seiten nach unten führen.

Es ist diese ganz und gar nicht beliebige, aber äußerst expressive Form, die dem Platz seinen unverwechselbaren Charakter gibt. Seine Lage ist dabei perfekt gewählt, denn man sieht die aufsteigenden Dächer bereits von Weitem, wenn man von der Altstadt her die große Straße entlangkommt. Durch die leichte Wendung der Straße bildet sie links neben dem Hotel die optische Mitte des Wohngebiets.

Und auch, wenn man von der anderen Seite die Straße entlangkommt, sieht man das höhere der Dächer vor sich wachsen.

Daß der Hörsaalbau wie ein Mittel- und Angelpunkt wirkt, ist durchaus kein Zufall. Der Náměstí Sítná nämlich ist ein Zentrum nicht nur für sein, wie gesagt nicht besonders großes und nicht besonderes, Wohngebiet, sondern für die ganze Stadt. Es liegt etwa auf halbem Wege zwischen der Altstadt und dem größten Wohngebiet Kročehlavy, doch auch in andere Teile der Stadt ist es nicht weit. Von nirgendwo kann man ganz Kladno besser überblicken als gerade von Sítná. Von der Brücke aus oder aus einem der oberen Geschosse vieler Gebäude öffnet sich ein Blick über den Park und über die Arbeiterhäuser auf die weite Industrielandschaft, die heute von den Kühltürmen des Kraftwerks dominiert wird.

Mit dem Náměstí Sítná wurde bewußt ein zweites, ein neues, ein sozialistisches Zentrum für Kladno geschaffen, in dem deshalb auch gesamtstädtisch bedeutsame Einrichtungen sind. Neben dem Hotel und dem Kulturhaus war das auch das OV KSČ (Okresní výbor Komunistické strany Československa – Kreiskomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei), das in dem zweiten Hochhaus saß. Vor ihm wäre der angemessene Ort für das Denkmal für Antonín Zápotocký, den aus Kladno stammenden zweiten kommunistischen Präsidenten der Tschechoslowakei, gewesen, doch das Gebäude wurde erst 1987 fertiggestellt, während das Denkmal bereits seit 1971 vor einem stalinistischen Ensemble weiter stadteinwärts stand. Dank dem Hörsaalbau setzte sich die Partei dennoch auf subtile Art in die Mitte der unter ihrer Leitung erbauten neuen Stadt. Kurz vor dem Ende vollendete sie das Wohngebiet.

Leider muß der Náměstí Sítná als zweites Zentrum auch darüber hinwegtrösten, daß es der Kladnoer Stadtplanung nie gelang, näher an der Altstadt etwas Überzeugendes zu schaffen. Es gibt dort bloß einige Gebäude, die zwar kaum historistisch, aber doch als Blockrandbebauung eine Straße rahmen, und einen viel zu weiten Bereich, um den neungeschossige Gebäude wie Mauern stehen. Fern ist die fortschrittliche Kühnheit anderer Stadtzentren.

Auch der Náměstí Sítná ist nicht perfekt und er hatte ja auch nie den Anspruch, das alte Zentrum völlig zu ersetzen. Wie so oft ist die Straße das Problem, zu groß, zu wenig eingedämmt.

Es gibt eine Unterführung, die aber trotz all dem zur Verfügung stehenden Raum nur steile, statt der notwendigen flachen Zugänge hat. So bleibt der Platz zu fern von der Hälfte gerade seines Wohngebiets. Doch viel wichtiger als seine Mängel ist, was das Wohngebiet Sítná und sein Platz erreichen. Nirgendwo anders hat man so viel Kladno auf einmal wie hier über dem Sítenské údolí.

Das sozialistische Kladno: Widerwilliger Stalinismus

Kladno hat einige der eigenartigsten Bauwerke der ganzen Tschechoslowakei. Es sind Hochhäuser und so, „věžáky“, heißen sie auch umgangssprachlich, ohne das näher gesagt werden müßte, um welche es geht, da sie in den Fünfzigern die ersten in der Stadt waren und bis heute zumindest die höchsten blieben. Sechs von ihnen stehen aufgereiht in der Straße Vítězná im Stadtteil Rozdělov.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Sie bestehen aus einem dreizehngeschossigen Teil quer zur Straße, an den hinten zu beiden Seiten elfgeschossige Teile anschließen. Was an der mit braunem Putz und hellen rötlichen Kacheln gestalteten Fassade auffällt, ist, daß alles an ihr vertikal ist. Die Fenster sind immer durch vertikale Streifen voneinander getrennt. An der Vorderseite sind zwischen Kachelflächen außen und pro Geschoß zwei Fenstern in der Mitte tiefe Furchen, deren Vertikalität auch durch kleine Balkone in jedem zweiten Geschoß nicht vermindert wird.

Es ist eine offenkundig stalinistische Architektur, aber eine sehr eigenartige. Alle Details passen dazu: Die ersten beiden Geschosse bilden einen Sockel mit Steinstruktur, die Balkone haben als Geländer eine Art Sonnenradform aus Beton, unter den Dächern sind vorstehende Gesimse und auf ihnen sind Geländer mit dicken Streben. Alles an den Hochhäuser will monumental sein, will überwältigen. Dennoch ist irgendetwas anders als bei anderer stalinistischer Architektur. Das Vertikale und die Formen evozieren zwar irgendetwas Historisches, aber keinen bestimmten Stil. Es gibt keine Ornamente, Skulpturen oder auch nur Säulen. Vor den Eingängen sind niedrige Vordächer mit Kassettendecke, deren Stützen über ihnen fortgesetzt und zu stilisierten Torbögen verbunden sind, doch die bemühte Monumentalität bleibt wirkungslos, da es keinen Grund gibt, je von vorne, von der Straße auf die Gebäude zuzukommen.

Wenn ausgerechnet die kleinen Höfe beidseits der Gebäude, die nur der Müllabfuhr oder Anlieferung dienen, die moumentalsten Portale aus Stützen und verbindenden Streben haben, wirkt das beinahe karikierend.

Vielleicht ist das Eigenartige an den Hochhäusern von Kladno, daß sie so leicht auch ganz anders aussehen könnten. Bei anderen stalinistischen Hochhäusern, etwa dem Pałac Kultury (Kulturpalast) in Warschau, verjüngen sich die massigen Baukörper nach oben hin und auch mit einer völlig anderen Fassade würden sie letztlich stalinistisch bleiben. Die Kladnoer Hochhäuer wären mit einer anderen Fassade nicht mehr von der fortschrittlichen Architektur ihrer Entstehungszeit zu unterscheiden. Die stalinistischen Formen gehören nicht zu ihrem Wesen, sie haben sie nur widerwillig angenommen. Schon ihre straßenabgewandte Seite wirkt mit längeren Balkonen und recht langen horizontalen Fenstern viel weniger monumental, so sehr sich auch vorragende kachelverkleidete Streben um Vertikalität bemühen.

Auch städtebaulich ist dieser Teil Kladnos weit entfernt von den durchgängig bebauten Straßenzügen, die die stalinistischen Teile von Ostrava-Poruba oder der Berliner Stalinallee auszeichnen. Zwischen den Hochhäusern stehen dreigeschossige Gebäude in ähnlichen, aber ebenfalls horizontaleren Formen, die im Erdgeschoß Läden oder Restaurants haben und in den Obergeschossen Wohnungen.

Dieses Modell, freistehende Punkthochhäuser und Ladenpavillons entlang einer Straße, ist so vertraut, so grundlegend für den fortschrittlichen Städtebau, daß die hier darübergegossenen stalinistischen Formen einen geradezu surrealen Eindruck erwecken können.

Nun könnte man sich leicht verleitet fühlen, im Widerwillen, mit dem hier die stalinistische Architektur angenommen wurde, einen Entsprechung des Widerwillens, mit dem die Tschechoslowakei den politischen Stalinismus annahm, zu sehen, doch das wäre falsch. Zum einen galt gleiches für alle Volksdemokratien, zum anderen baute auch die Tschechoslowakei viel konventioneller Stalinistisches. Eher sind die Kladnoer Hochhäuser schon Produkte einer Zwischenzeit; als sie 1958 fertiggestellt waren, war die stalinistische Architekturdoktrin bereits verworfen.

Auch das weitere Wohngebiet tut das Seinige, um zu zeigen, welch eine Sackgasse die Hochhäuser waren. In den paar Straßen hinter ihnen sind einige viergeschossige Gebäude mit Walmdach, an die jeweils quer fünfgeschossige mit flacherem Dach anschließen. Sie benutzen den braunen Putz und die hellen rötlichen Kacheln ganz ostentativ gegen die Hochhäuser: an einer ihrer Schmalseiten haben sie Balkone mit zur Hälfte kachelverkleideten, zur Hälfte stahlstrebigen Geländern, die durch mal links, mal rechts angeordnete Wände so verbunden sind, daß sie eckige Schlangenlinien auf die Fassade malen. Von Monumentalität ist hier keine Spur mehr.

Das Zentrum des Wohngebiets, ein kleiner rechteckiger Platz, öffnet sich zwischen den letzten beiden stadtauswärts gelegenen Hochhäusern. An seiner rechten Seite steht zuerst ein dreigeschossiges Kaufhaus in den Formen der Hochhäuser, das seltene Beispiel eines stalinistischen Kaufhauses also.

Ansonsten ist der Platz von drei fünfgeschossigen fortschrittlichen Wohngebäuden geprägt, wobei das an der linken Seite mit seiner flachen Ladenzeile den entscheidenden Rahmen bildet und auch ein gewisses Gegengewicht zum Kaufhaus ist.

Es ist der linke Abschluß den Platzes, während die Ladenzeile bis weit in ihn hineinragt und zu seinem rückwärtigen Abschluß wird. Zugleich führt ein Durchgang weiter ins Wohngebiet. Das Gebäude hatte einstmals sogar eine Farbgebung, die großzügig auf die der Hochhäuser Bezug nahm. Die ist verschwunden, genauso wie die Sandsteinskulptur in der Platzmitte, eine leicht abstrahiert eine Familie zeigte, genauso wie die gesamte Platzgestaltung.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988

Die Hochhäuser aber stehen weiterhin, seit sechzig Jahren wie unverändert. Sie wirken heute so eigenartig wie damals. Aber bei aller Eigenartigkeit ist das Wohngebiet Rozdělov doch auch im besten Sinne normal und war in allem außer den monumentalen Formen seiner Hochhäuser ein wertvolles Vorbild für die weitere architektonische Entwicklung der Tschechoslowakei.

Das kapitalistische Kladno

Der Grundstein von Kladno war keiner der Steine, mit denen das erste Gebäude des mittelböhmischen Städtchens irgendwann vor 1318 erbaut wurde, sondern eher einer der Steinkohlebrocken, die sich in der Umgebung seit jeher fanden. Als Anfang des 19. Jahrhunderts die wirtschaftliche Bedeutung der Kohle erkannt wurde, kam es zu einem wahren Gold-, das heißt Kohlerausch, in dem die verschiedensten Gestalten, erfahrene Bergleute wie Abenteurer, ihr Glück versuchten. Es war Jan Váňa (auch: Johann Wania), der am 1. November 1846 das erste ergiebige Flöz fand und damit den eigentlichen Grundstein für Kladnos moderne Geschichte legte. Aus der Provinzstadt bei Prag wurde im rasenden Tempo eine Industriestadt und Stadt der Arbeiterbewegung.

Kladno entstand als kapitalistische Stadt, spontan, wild, planlos. Unten im Tal bei den Bergwerken und Fabriken breitete sich das Kladno der Arbeiterklasse aus, das allerdings aus Dörfern bestand, die lange nicht zur Stadt gehörten. Es sind weite Gegenden mit meist eingeschossigen vorstädtischen, im eigentlichen dörflichen Häuschen. Immer ein Geschoß längs der Straße, darauf ein Satteldach, dahinter, vielleicht, ein Gemüsegarten.

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Hier findet man in einer dann ins Industriegebiet auslaufenden Straße eine Gedenktafel für die kommunistische Schriftstellerin Marie Majerová, die dort aufwuchs und in ihrem Roman „Siréna“ die Geschichte der Stadt beschrieb. Heute heißt die Straße nach ihr.

„In diesem Haus verlebte Nationalkünstlerin Marie Majerová ihre Kindheit und lernte die Welt der Berg- und Metallarbeiter kennen. Autorin von „Siréna“ [Die Sirene] und „Havířská baláda“ [Bergmannsballade].“

Oben auf dem Hügel war das Kladno des Bürgertums. Zwar waren die ersten Verwalter noch naiv genug gewesen waren, ihre Villen in der Nähe der Fabriken und Bergwerke zu bauen, aber bald kam es zur stadträumlichen Separation der sich stetig schärfer herausbildenden antagonistischen Klassen.

Das klingt so plakativ, daß man es für eine Karikatur halten kann, doch so war der Kapitalismus eben auch in Europa, bevor er gezwungen wurde, sich zu verstellen.

Das alte Kladno lag am Hang dazwischen, aber eher weiter von den Arbeitergegenden entfernt als von den bürgerlichen. Es ist ebenfalls karikaturhaft symbolisch, daß der zentrale Platz stark abschüssig ist. Alles, was irgendeinen architektonischen Wert hat, liegt abseits davon. Von Süden schaut aus der Straße Plukovníka Stříbrného ein ehemaliges Rathaus herein, ein schmaler und hoher klassizistischer Bau mit dorischen Pilastern im Erdgeschoß und schlankem achteckigen Uhrtürmchen.

In derselben Straße steht die Synagoge, die, wiewohl von 1884, unter ihrem neobarocken Schmuck einfach ein großzügig verglaster Saalbau ist.

Im Norden steht das Schloß, ein bescheidener dreiflügliger Barockbau am Rande des steil abfallenden Hangs mit zwei Geschossen und recht engem Hof.

Von hier aus wurde das Gut verwaltet, das vor der Erschließung der Kohle die Grundlage von Kladnos Wirtschaft war. Im Südwesten steht die Kaple svatého Floriána (Florianskapelle) , ein ganz südlich, italienisch wirkenden Rundbau mit vielfach ein- und vorgewölbter Fassade.

Den Platz selbst prägt jedoch, trotz einigen älteren Häusern und einer barocken Mariensäule, die neureiche Geschmacklosigkeit des späten 19. Jahrhunderts, die die Stadtherren ein Rathaus in Formen der Neorenaissance und eine Kirche in Formen der Neoromanik errichten ließen.

Aber die Stadt schon lange über ihr altes Zentrum hinausgewachsen.

Kladno war sich der Bedeutung der Steinkohle sehr bewußt und schon 1854 wurde ein großer Findling für Jan Váňas Entdeckung aufgestellt. Im Jahre 1954 setzte die nunmehr sozialistische nunmehrige Tschechoslowakei diesen Váňův kámen (Váňa-Stein) auf einen Sockel, auf dem außerdem noch zwei überlebensgroße Bronzeplastiken von Bergarbeitern aufgestellt wurden. Der Kumpel von 1854 mit Hacke und Öllampe reicht dem Kumpel von 1954 mit Preßlufthammer und Helmlampe über den Stein die Hand.

Ein Jahrhundert Kladnos, sein wichtigstes, das, in dem es wirklich entstand, ist so an zentralem Ort in einer Grünanlage oberhalb der Altstadt zusammengefaßt und die Menschen, die es ermöglichten, geehrt. Denn nicht der zufällige Finder des ersten Steins, sondern Generationen von Arbeitern schufen das heutige Kladno. Das Denkmal ist in dieser Form schon ein Grundstein für das sozialistische Kladno.

Arbeiterjugendstil

Am Rande des Industriegeländes im mittelböhmischen Kladno steht in einer Straße, die auch nach hundert Jahren und drei Systemen nur Schlamm und Pfützen ist, ein kleines Haus, das mehr sein möchte.

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Grundsätzlich gleicht es so vielen anderen Arbeiterhäuschen in Kladno: ein Geschoß parallel zur Straße, ein Satteldach. Doch in der Mitte des Dachs sitzt ein zweites Geschoß, unmöglich größer als ein Raum, dessen Fassade fast ganz aus einem großen runden Jugendstilfenster besteht.

Diese eindeutige und starke architektonische Geste wirkt völlig unwahrscheinlich in dieser Umgebung, an diesem Gebäude.

Das Fenster scheint größer als das Haus selbst und wenn dessen übrige Fassade ebenso jugendstilig ist, dann scheint es an der schieren Kraft des Fensters zu liegen. Im Erdgeschoß sind links und rechts zwei kleinere Fenster und in der Mitte ein größeres, alle konventionell rechteckig und mit zwei hell-, beziehungsweisen einer dunkelblauen Kachel als symbolischem Schlußstein. Um die beiden seitlichen Fenster sind im hellbraunen Putz zudem schraffierte Kreisflächen, unter dem Dach verläuft ein Band kleinerer glatter Kreise und das zweite Geschoß mit dem runden Fenster wird von einem abgerundeten Giebel abgeschlossen.

Jugendstil in Vollendung also, in seiner entwickelten, vom größten Kitsch gereinigten österreichisch-tschechischen Spätform, aber an einem dafür scheinbar viel zu kleinen Gebäude. Man kann nur raten, wie dieses unwahrscheinliche Jugendstilarbeiterhäuschen entstand. Ob es einen bis zur Exzentrik stilbewußten Erbauer hatte, der abends aus dem großen runden Fenster auf die Fabriklandschaft Kladnos blickte?  Gut möglich,  daß die Wahrheit prosaischer ist, aber wie alle ihm verwandten Gebäude lädt es zu Spekulationen ein. Es ist ein Kleinod und wertvoller als all der andere Jugendstil der Stadt.