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Das sozialistische Einkaufszentrum – СПЕНС

Јеde im Kapitalismus entstandene Gebäudeart läßt sich auch für sozialistische Zwecke verwenden. Dafür, wie das mit dem Kaufhaus geschah, lassen sich in vielen Städten der sozialistischen Welt Beispiele finden. Das Einkaufszentrum, die shopping mall, aufzuheben, bleib aber Jugoslawien, dem Staat der sozialistischen Marktwirtschaft, vorbehalten. So entstand in Novi Sad das СПЕНС (SPENS, benannt nach der Tischtennismeisterschaft, anläßlich der es 1981 eröffnet wurde).

СПЕНСEingangUnten

Es ist ein ausgedehnter Gebäudekomplex in der Form eines Rechtecks, was man aber nicht erkennt, da man ihn von nirgendwo ganz überblicken kann.

СПЕНСCafés

Entsprechend seinen beiden Funktionen hat es auf der einen Seite vielerlei Cafés und Läden im Erdgeschoß, während es sich auf der anderen Seite mit vielen Sportplätzen und dem Außenbereich des Schwimmbads zum Station öffnet. Doch seine Einladung an den Besucher sind die großen Treppenanlagen, die, meist gleich Segmenten von Amphitheatern um die Ecken gesetzt, an mehreren Stellen über den hohen Sockelbereich auf Terrassenflächen vor den Eingängen führen.

СПЕНСTreppen2

Auf dieser Ebene erhebt sich das eigentliche Gebäude meist zweigeschossig, wobei sich das schwer sagen läßt, da es eher ein System verbundener Hallen ist. Die Dächer wirken allesamt wie freischwebend und sind teils abgeschrägt, weiß verkleidet und dickrandig, teils filigrane Konstruktionen aus dünnen orangegelben Stahlrohren und dunklem Plexiglas.

Betritt man das СПЕНС nicht über eine der Treppen, sondern bei den Geschäften im Erdgeschoß, erlebt man es zuerst als recht öde und lichtlose Einkaufspassage.

СПЕНСEinkaufspassage

Doch bald schon öffnet sich ein erster Lichthof über alle Obergeschosse bis zum gläsernen Dach.

СПЕНСLichthof1

Die Hydrobeete mit ihren exotischen immergrünen Pflanzen, die plätschernden Brunnen, der glatte weiße Stein auf dem Boden, die Rolltreppen, die dicken grünen Belüftungsröhren, die sich unter dem Dach hinziehen – so mögen Einkaufszentren in den Siebzigern überall ausgesehen haben, aber dann ist da ein in mehreren Stufen vertiefter Sitzbereich ohne Sinn für den Einkauf und hinter der Scheibe links kann man Leuten beim Basketballspiel zusehen. Der zweite Lichthof ist mit großen verglasten Wandflächen ganz nach außen geöffnet, eine Treppenanlage verbindet das Erdgeschoß, wo eine monströse Plastik das Schlechteste der jugoslawischen Kunst repräsentiert, mit der Hauptebene, die von vielen verglasten Ladenräumen, etwa der Gradska kafana (Stadtcafé), flankiert wird.

СПЕНСLichthof2

Von diesen Höfen, die man auch Plätze nennen könnte, erschließen großzügige begrünte Gänge, die man auch Gassen nennen könnte, die unzähligen Hallen und Räume für jede nur erdenkliche Sportart.

СПЕНСGang

Das Fortschrittliche am СПЕНС ist jedoch nicht zuerst seine überraschende Verbindung von Einkauf und Sport, sondern eher, wie es einen Innenraum schafft, der dennoch öffentlich und nach außen, zur Stadt hin orientiert ist. Entscheidend dafür ist seine Einordnung in den städtischen Raum.

СПЕНСStraße

Zwar gibt es jenseits der kleinen Straße, die ein Stück durch das Gebäude führt, ein Parkhaus, aber grundsätzlich richtet sich das СПЕНС an die Passanten. Die beiden Teile, Einkauf und Sport, sind auch jeweils anderen Teilen der Stadt zugewendet: ersterer ihren älteren Gegenden, den schattigen Straßen aus der jugoslawischen Monarchie, durch die es nicht mehr weit zum Boulevard, zum Donauufer, zum alten Zentrum ist, zweiterer aber, über Stadion und viele Sportanlagen hinweg, den Wohngebieten des sozialistischen Jugoslawien und dem Bulevar Oslobođenja.

СПЕНСBlickWohngebiete

Gewiß genügt ein einzelnes Gebäude, sei es auch noch so gelungen, nicht, eine so komplizierte und disparate Stadt wie Novi Sad zu einer Einheit zu machen, aber der Versuch allein ist von Wert und zeigt, was ein Einkaufszentrum, richtig, sozialistisch verstanden, wollen kann.

Modell des vom Institut für Architektur und Urbanismus der Architektonisch-urbanistischen Fakultät Sarajevo und „Monter“ Split errichteten Gebäudekomplexes

Modell des vom Institut für Architektur und Urbanismus der Architektonisch-urbanistischen Fakultät Sarajevo und „Monter“ Split errichteten Gebäudekomplexes

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Die Boulevards von Novi Sad

Novi Sad ist eine Stadt, in der man sich unmöglich zurechtfinden kann. Da es aus einer Vielzahl kleiner Orte, die ungeplant beieinander gegründet wurden und ungeplant zusammenwuchsen, entstand, ist es ein gänzlich undurchschaubares Gewirr verwinkelter Sträßchen. Orientierungspunkte, wie man sie aus anderen Städten kennt, der Verlauf einer Stadtmauer etwa, fehlen in Novi Sad völlig. Bloß vielerlei Kirchen, orthodoxe, katholische, protestantische, auch eine große Synagoge, ragen aus dem Chaos auf, schaffen aber ihrerseits keine Orientierung. Eher tragen sie noch mehr dazu bei, daß man sich mitten in der Großstadt wie auf dem Dorf fühlen kann.

KircheAlmaškaNoviSad

In der ungarischen Zeit bekam Novi Sad zwar einen Platz und an diesen eine neogotische Kirche und ein Rathaus, die auch überall sonst in Österreich-Ungarn stehen könnten, aber in den angrenzenden Straßen herrscht dennoch dörfliche zweigeschossige Bebauung vor.

Als Stadt erleben kann man Novi Sad einzig an seinen Boulevards. Die muß man suchen, um sich zu orientieren, heißt es.

Der erste entstand im ersten jugoslawischen Staat in den zwanziger und dreißiger Jahren und trug entsprechend vielerlei Namen, am längsten aber den Titos. Er erstreckt sich von der Donau im Osten bis zum etwa zwölfgeschossigen Hochhaus der Post im Westen. Zum Fluß öffnen sich gleich einem Tor zwei sechsgeschossige weiße Gebäude, die erst quer zur Straße stehen und dann schräg von ihr wegstreben. Hier wie bei manchen anderen Gebäuden des Boulevard ist es schwer einzuschätzen, ob sie vor oder nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, aber es ist auch nicht so wichtig. Das Posthochhaus etwa wurde zwar erst 1961 fertiggestellt, aber der Architekt war schon dreißig Jahre früher prominent am Bau des Boulevard beteiligt. Der weitere Boulevard großzügig und breit, die Blockrandbebauung meist sechsgeschossig und in Formen, wie sie in der Zeit eben modisch waren, mal monumental, mal sachlich. Nördlich öffnet sich der ältere Park Dunavski, südlich ein kleiner Platz, der seine Planungsvorgaben sehr klar dadurch zeigt, daß die beiden ihn flankierenden Gebäude, wiewohl recht verschieden, höhergeführte Eckteile haben.

PlatzAmBulevar

Das markanteste Gebäude am Boulevard steht ebenfalls auf seiner südlichen Seite. Ganz mit weißem Stein verkleidet, besteht es aus einem turmartigen, von vertikalen Streben geprägten Teil und einem etwa viergeschossigen Teil mit Fensterbändern, der langgezogen und horizontal an den ersten anschließt und abgerundet endet.

VerwaltungVojvodinaNoviSad

Auf seiner anderen Seite steht völlig frei noch ein weiteres Gebäude, das einen runden Saal und zu gleich vier Seiten monumentale Stützenreihen hat. Staatliche Repräsentationsarchitektur dieser Art, die zwischen Machtdemonstration und Sachlichkeit schwankt, hätte zur gleichen Zeit, 1939, auch im faschistischen Italien entstehen können. Nachdem das Gebäude nur kurz seinen Zweck als Verwaltungssitz der Dunavska Banovina (Donau-Banschaft), einer territorialen Einheit des Königreichs Jugoslawien erfüllen konnte, beherbergt es nun schon lange die Verwaltung und das Parlament der autonomen Vojvodina. Gegenüber öffnet sich der Boulevard zwischen zwei langen Geschäfts- und Wohngebäuden zum k.u.k.-Zentrum der Stadt, was denn auch seine bemerkenswerteste städtebauliche Leistung ist.

BulevarKircheHochhausNoviSad

Besonders südlich des Boulevards, mit dem Novi Sad verspätet etwas von einer typischen kapitalistischen Stadt bekommt, entstand auch ein ganzes neues Stadtviertel, dessen meist in Blockrandbebauung, teils als Villen errichteten Gebäuden eine Art Museum der fortschrittlicheren Architekturmoden der Zwischenkriegszeit bilden.

BauhausstilNoviSad

Man sieht alles von abgerundeten verglasten Ecken über bauhausstilige Stahlrohrbalkone bis zur Dachterrasse à la Villa Savoye.

SavoyeNoviSad

Diese schattigen Straßenzüge sind mithin die einzigen, wo man in Novi Sad eine klassische europäische Urbanität erleben kann, wobei deren schlimmsten Aspekte, die Enge und das Chaos, schon gemindert sind.

Den zweiten Boulevard baute schon der sozialistische jugoslawische Staat und daher heißt er Bulevar Oslobođenja (Boulevard der Befreiung). Er erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung vom Bahnhof zum Most Slobode, der größten Donaubrücke.

Der Bahnhof hat nur drei Gleise, tut aber durch seine Größe und Gestaltung alles, das neue Novi Sad zu repräsentieren. Von einem der Bahnsteige tritt man, vorbei an Wappen und Namen der Stadt, direkt auf die Galerie der Bahnhofshalle.

НовиСадNoviSad

Links das Restoran und das Ekspres Restoran. Ihre zwar serbokroatischen, aber international verständlichen Namen passen zur verbindenden Funktion des Bahnhofs und ihre Anordnung im Gebäude paßt zu den unterschiedlichen Funktionen der beiden Restaurants: ersteres, Ort des längeren Verweilens, hat ein Fenster zur Halle und eins zur Stadt hinaus,

RestoranBahnhofNoviSad

zweiteres, Ort für einen schnellen, vielleicht gar hektischen Imbiß während des Wartens, hat Fenster zu den Bahnsteigen.

EkspresRestoranBahnhofNoviSad

Rechts an der Wand ein abstraktes Kunstwerk. Oben das eckig gefaltete Dach, das außen noch leicht übersteht und mit schrägen Metallstreben ein Vordach über den Eingängen hält.

BahnhofshalleNoviSad

Doch vor allem direkt vor einem, direkt jenseits der völlig verglasten Front: der Boulevard. Er endet hier oder beginnt mit einer weiten Wendeschleife um ein Beet, in der die weiß-blauen Busse des Stadtverkehrs halten.

BulevarOslobođenja

Bevor man sich ganz dem Boulevard, der einem die Großstadt verheißt, zuwendet, mag man noch bemerken, daß es rechts zum Busbahnhof und weiter in einen Park geht, daß der Bahnhof die funktionale Klarheit seines Inneren von außen zeigt und noch um eine große Uhr rechts der Halle ergänzt

BahnhofNoviSad

und daß links ein Denkmal für die 1883 eröffnete erste Zugverbindung nach Novi Sad steht. Es entstand hundertundfünf Jahre später und besteht aus einer ungarischen Dampflokomotive mit jugoslawisch-sozialistischen Insignien, vor der, ohne Sockel und etwas überlebensgroß, die Bronzeplastik eines Eisenbahners steht, der mit scharfen, wettergegerbten Zügen und aufgeschlagenem Mantelkragen an den Comichelden Corto Maltese erinnert.

DenkmalBahnhofNoviSad

Dieser ausdrucksvolle, aber unpathetische Realismus tröstet auch über die banale und dekorative Abstraktion in der Halle hinweg.

Vor einem der Boulevard der Befreiung. Vielspurig, breit, aber an seinen Seiten auch viel Platz für Fußgänger und, auf eigenem, durch Bordsteine und Grünflächen abgetrennten Spuren, Fahrräder lassend, führt er in die Stadt hinein. Als ein Tor dienen ihm zwanziggeschossige Wohnhochhäuser, zwei links, eins rechts, deren rot- und graubetonene Fassaden durch vorgesetzte Balkone rhythmisiert sind, die an den Breitseiten horizontal, an den Schmalseiten aber vertikal wirken. Es ist ein beeindruckender Anblick, wenn man aus dem Bahnhof tritt. Lange jedoch hält die Begeisterung nicht vor. Es ist eben doch nur eine große Straße, ein konventioneller Boulevard, der sich von dem älteren nicht grundsätzlich unterscheidet. Zu seinen Seiten ist zwar keine Blockrandbebauung, insbesondere die Wohngebäude bieten auch oft Durchlässe in grünere Ruhebereiche, aber alles bleibt der Straße untergeordnet. Der Boulevard ist eine Schneise in der alten Stadt, nicht aber eine neue Stadt. Zum anderen Boulevard und zum ungarischen Zentrum hat er keine klaren Bezüge. Letztlich führt er nur vom Bahnhof zu den fortschrittlichen Wohngebieten im Süden, Südwesten der Stadt. Dort tut dann das Sport- und Einkaufszentrum СПЕНС sein Bestes, Verbindungen zu schaffen.

Die Wohngebiete, Liman 1-4, sind an einem rechtwinkligen Straßenraster ausgerichtet, zeigen aber viel stärker, was eine neue Stadt sein könnte. An einer Stelle an der Ulica Narodnog Fronta (Straße der nationalen Front), ist das Problem des Bauens an Verkehrsachsen sogar lehrbuchhaft gelöst. Direkt an der Straße ein viergeschossiger Verwaltungsbau, der noch sein Schild aus der Sozialistischen Republik Serbien behalten hat (selbstverständlich auf Serbokroatisch, kyrillisch und lateinisch geschrieben, Ungarisch, Slowakisch und Ukrainisch, aber im Unterschied zu neuen Schildern ohne den ungarischen Stadtnamen Újvídek).

VerwaltungsgebäudeNarodnogFrontaNoviSad

Dahinter, schon vom Verkehr abgeschirmt, ein zweigeschossiger, stark verglaster Pavillon, in dem unter anderem eine Bibliothek ist.

BibliotekaDaniloKiš

Erst dahinter beginnt mit zehn- und fünfzehngeschossigen Punkthäusern, die um einen platzartigen Grünbereich mit vielerlei Betonbänken angeordnet sind, das Wohngebiet.

PlatzNarodnogFrontaNoviSad

In den meisten Fällen jedoch grenzt die Wohnbebauung unmittelbar an die größeren Straßen. Sie besteht teils aus längeren, bis zu zehngeschossigen Gebäuden, die große Höfe bilden, und teils aus höheren Punkthäusern, die locker um offenere Bereiche stehen. Es sind vor allem diese, abwechslungsreich mit Sitzelementen, Spielgeräten und, wir sind in Jugoslawien, Basketballkörben aus Beton gestaltet, die den Wohngebieten das Neue geben.

SpielplatzNoviSad

Unterbrochen wird die Wohnbebauung manchmal von breiten Grünstreifen, in denen die Schulen sind. Die Gebäudeformen sind sehr vielfältig, oft wird ockerfarbenes Mauerwerk mit vorgefertigten Betonelementen kombiniert, und erinnern an solche in den kapitalistischen Ländern Westeuropas.

ArchitekturNoviSad

Insgesamt ist das, was das sozialistische Jugoslawien hier schuf, eher solide als revolutionär.

Jede Kritik, die man daran äußert, erscheint aber sinnlos, wenn man betrachtet, was in Novi Sad nach 1990 gebaut wurde und weiter gebaut wird.

MietskasernenNoviSad

Der gesamte Westen der Stadt nämlich wird von Mietskasernen eingenommen, die sich bloß in ihren Fassaden, nicht aber in ihrer Anlage von denen des 19. Jahrhunderts unterscheiden. Es handelt sich nicht nur um Blockrandbebauung, auch das Innere der Blocks besteht aus Schuppen mit Garagen und manchmal Hinterhäusern.

HinterhofNoviSad

Parallel zum Bulevar Oslobođenja gibt es dort einen weiteren Boulevard, der passenderweise Bulevar Evrope (Europa-Boulevard) heißt. In der Tat ist das hier Gebaute die perfekte europäische Stadt, der Traum aller reaktionären Stadtplaner, die Rückkehr ins 19. Jahrhundert. Für Novi Sad ist das eine besonders tragische Ironie, da es zuvor nie Mietskasernen gehabt hatte. Seine Blockrandbebauung war im 19. Jahrhundert dörflich geblieben und die ersten Mietshäuser waren erst in der Zwischenkriegszeit entstanden. In seinen neusten Teilen holt Novi Sad damit etwas nach, was keiner Stadt je zu wünschen war. Man findet sich dort zwar zurecht, aber es gibt absolut nichts mehr zu finden.

In Novi Sad an der Donau

Der Ort, von wo aus sich die Stadt Novi Sad im Norden Serbiens am besten begreifen läßt, ist auch der, wo alle Touristen ihre Photos machen und alle Einheimischen promenieren: das Donauufer. Breit erstreckt sich der Fluß und trennt die Stadt an seinem flachen westlichen Ufer vom hügeligen Umland im Osten. Dort, wo die Donau einen fast U-förmigen Bogen macht, steht auf einem Felsen und selbst wie ein Fels die Festung Petrovaradin. Sie kann nur dort stehen, ihre Lage ist strategisch völlig zwangsläufig. Zu sagen, Novi Sad läge im Schutze dieser Festung, wäre aber verfehlt. Vielmehr lag Novi Sad jedem heranrückenden Eroberer völlig schutzlos ausgeliefert, während die Festung die umliegenden Landesteile verteidigte. Bewohner von Novi Sad, die in früheren Zeiten am Ufer der Donau standen, sahen in dem heutigen Wahrzeichen mit seinen kahlen Wänden, keilförmigen Bastionen und dem kleinen Uhrturm also wohl weniger ein Zeichen der Macht als eine Erinnerung an mögliche Gefahren.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadPlastikBrücke

Nur an einen der Kriege, die Novi Sad erlebte, wird der Betrachter am Donauufer direkt erinnert: den zweiten Weltkrieg. Da sind zum einen die Betonstützen einer Eisenbahnbrücke, die auf die Festung zuführen. Laut einer Gedenktafel wurde sie von der jugoslawischen Armee bei ihrem Rückzug 1941 gesprengt, von den Deutschen später wieder aufgebaut und 1944 endgültig gesprengt.

Sichtbarer aber ist das Denkmal für die Opfer des Faschismus und insbesondere eines Massakers im Januar 1942. Seine rechteckige Fläche erstreckt sich neben der Uferpromenade und liegt direkt gegenüber der Festung.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadGesamt

So wie diese Fläche gleichsam zwangsläufig aus der Promenade erwächst, wächst das Denkmal auf der niedrigen Ziegelmauer von deren Umrandung heraus. Etwas vorgesetzt auf einem quadratischen Sockel ist eine schräge Bronzetafel, auf der man in kyrillisch geschriebenem Serbokroatisch liest, daß im Januar 1942 in der südlichen Bačka (der weiteren Region von Novi Sad) vom ungarischen Besatzer unter Beteiligung einer gewissen Zahl einheimischer Ungarn mehr als viertausend Serben, Juden und Zigeuner ins Eis von Donau und Tisa geworfen und ganze Familien so ausgelöscht wurden.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadTafel1

Während auf dem Boden nun ein Beet mit niedrigen Sträuchern verläuft, sind auf der Umrandung selbst schräge Tafeln mit unzähligen Namen gesetzt, die in regelmäßigen Abständen von rechteckigen Blöcken mit Davidsternen und zwei verschiedenen Arten von Kreuzen unterbrochen sind.

Dieser Teil leitet über zu einem etwas höheren Beet, das dreieckig die Ecke der Denkmalfläche einnimmt. In den beiden Ecken stehen wiederum Sockel mit schrägen Tafeln, auf denen serbokroatisch und hebräisch beschrieben ist, daß die ungarische Soldateska mit Gehilfen in Novi Sad mehr als 1300 unschuldige Frauen, Kinder, Männer und Alte ermordete: „Ewiger Ruhm den Opfern des Massakers.“

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadTafel2

Vom gesamten Massaker führt der Weg also nach Novi Sad. Zugleich aber führt er von der konkreten Nennung der Nationalitäten und der Auflistung der Namen der Opfer zur Erinnerung, zu etwas Allgemein-Menschlicherem, Abstrakterem. Entsprechend steht auf einem Sockel im Beet eine große Plastik, die eine Familie zeigt.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadPlastikFestung

Die Gestalten sind langgezogen und dünn, menschlich, aber leicht abstrahiert. Ihre Vertikalität wird unterbrochen und sie werden zusammengefügt durch den Arm des Kindes, die waagerecht zur Hand des Vaters geht und den Arm des Babys auf dem Arm des Vaters, der zur Schulter der Mutter geht. Politik ist keine mehr in diesen Figuren, die oberhalb des Wassers der Donau und neben der Festung stehen. „Ewiger Ruhm ihnen“, steht wiederum serbokroatisch und hebräisch auf dem Sockel, dazu die Zahlen „1941 – 1945“. In der Mauer zwischen den Tafeln, zu Füßen der Plastik aber steht auf lateinisch und kyrillisch geschriebenem Serbokroatisch, auf Ungarisch und Slowakisch: „Žrtvama fašisma * Жртвама фашисма * A fasizmus áldozatainak * Obetiam fašismu“ – „Den Opfern des Faschismus“.

Neben dem Beet und der rechten Tafel führt eine Treppe hinab auf eine tiefere Ebene am Ufer. Rechts der Treppe, Schlußpunkt des Denkmals, ist ein letzter Sockel mit serbokroatischer Inschrift, wieder kyrillisch, aber in einer anderen Schrift, die nicht zufällig an das Altkirchenslawisch der orthodoxen Bibel erinnert.

DenkmalOpferDesFaschismusNoviSadTafel3

Dort lies man: „Die Erinnerung ist ein Denkmal / härter als Stein / Wenn wir Menschen sind / müssen wir vergeben / vergessen dürfen wir nicht.“ So erzählt das Denkmal von einem schrecklichen Verbrechen auf eine letztlich sehr positive, versöhnliche Art. Die einheimischen Ungarn, zu Beginn als Mittäter genannt, sind zu Füßen der Plastik schon wieder integriert, indem auch ihre Sprache vorkommt.

Käme man ohne Vorwissen, aber mit einigen Sprachkenntnissen nach Novi Sad, dieses Denkmal ließe einen schon viel ahnen von der komplizierten Mischung der Nationalitäten, die die Stadt und die gesamte Vojvodina ausmacht. Doch das ist nur ein Nebeneffekt, das Denkmal richtet sich an ein jugoslawisches Publikum und sagt sicher viel über das Selbstbild des sozialistischen Vielvölkerstaats Jugoslawien. Auch ganz ohne Sprachen sieht man sofort, wie perfekt das Denkmal städtebaulich eingeordnet ist. Man kann es nicht sehen, ohne die Festung zu sehen, und man kann diese nicht sehen, ohne das Denkmal zu sehen. Auch die Brückenpfeiler im Hintergrund sind gewissermaßen einbezogen. Die Geschichte und die Erinnerung werden so zum notwendigen Bestandteil der Stadt und es entsteht nicht zuletzt ein wunderschöner Ort.

Nur richtig, daß sich dort an der Donau in Sommernächten die Jugend von Novi Sad trifft. Sie gehört schon zu einer Generation, die den Staat, der das Denkmal baute, nicht mehr erlebte. Auch der letzte Krieg, den Novi Sad erlitt und der die letzten, nurmehr traurigen Reste dieses Staats zerstörte, ist ihnen sicher fern, obwohl er erst 15 Jahre zurückliegt. In seinem Verlaufe zerstörten 1999 Kampfflugzeuge der Nato, darunter deutsche, sämtliche Brücken der Stadt. Auch das kann man heute fast übersehen, da bei der Festung eine elegant geschwungene neue Brücke gebaut wurde. Aber weiter nördlich steht noch immer eine behelfsmäßige Eisenbahn- und Straßenbrücke.

BehelfsbrückeNoviSad

Dahinter wird eine Brücke mit großen Betonbögen gebaut, ironischerweise mit EU-Förderung, aber es wird eben keine neue Brücke sein, sondern ein Wiederaufbau des 1961 errichteten Žeželjev Most (Žeželj-Brücke).

Geht man an der Donau entlang nach Süden, kommt man zu einer weiteren großen Brücke, dem Most Slobode (Brücke der Freiheit), deren Fahrbahnen von zwei hohen Pfeilern und Stahlseilen getragen werden. Auch dieses Bauwerk, das 1981 errichtet wurde, aber noch heute nirgends veraltet wirkte, mußte nach seiner Bombardierung neu aufgebaut wurden. Heute ist darunter ein Strand, von dem man außerdem auch die zerbombte Ruine des Fernsehsenders in den Hügeln am anderen Ufer sehen kann.

MostSlobodeNoviSad

Auf ein Denkmal werden diese Brücken von Novi Sad so lange warten wie so vieles andere, was in dieser Stadt im Laufe der Jahrhunderte zerstört wurde. Viel verrät einem also das Donauufer von Novi Sad, viel verschweigt er aber auch.