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Erkundungen auf Friedhöfen: „Gest. im Exil am 6. IX. 1943 in Split“

Der jüdische Friedhof von Split liegt hoch über der Stadt am Rande des Marjan, wie der große bewaldete Hügel, der die Halbinsel abschließt, heißt. Weite Blicke über das blaue Meer. Eine Lage, die idyllisch scheint und bloß unpraktisch war.

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Wenn man nördliche Friedhöfe kennt, wirkt die Vegetation um die Gräber beinahe noch exotischer. Immer bedecken alte Nadeln die Steinplatten, irgendwo wuchern große Agaven über Gräber, scheinen sie als steinfressende Pflanzen verschlingen zu wollen.

Fast alle der Grabsteine liegen auf dem Boden, was ihrem Erhaltungszustand nicht entgegenkommt. Auffällig sind rechteckige Steine, die mit schrägen Seiten wie längliche Pyramiden oder Walmdächer aus dem Boden ragen.

Ihre Schrägen sind so beschriftet, daß man die Zeichen kaum erkennt, bevor man begreift, daß man sie direkt vor der schmalen Fußseite stehend so lesen muß, als wären sie auf einer ebenen Fläche.

Bei den ältesten sind es nur wenige, sehr große hebräische Buchstaben, bei anderen viel mehr, bei einem kommt an der Kopfseite ein Kronenmuster, das einige Worte rahmt, hinzu.

Die einleitende Formel auf den Grabsteinen, zumeist צמק, ist anders als im Norden, sicher auch die Namen, die zu finden man besser hebräisch lesen können müßte.

Ab den 1870er Jahren gibt es italienische Angaben unter den hebräischen, die später länger werden und sich ab den 1920ern in serbokroatische wandeln.

Häufig sind nun, ganz oben links auf dem Friedhof, stehende Tafeln auf Serbokroatisch, die liegende und schlichtere hebräische ergänzen.

Nur das Grab des Dr. Mosko Poljokan macht es andersherum, offenbar ein extravaganter Charakter.

Fast zerstört und noch dazu von einer, womöglich gleich den Agaven nicht einheimischen, Pflanze verdeckt ist das Grab von August Blumberg.

Auch er war kein Einheimischer, sondern geboren „am 14. VIII. 1867 in W [Wien?]“ und „gest. im Exil am 6. IX. 1943 in Split“.

Anderen, angesichts des Grabs eher zweifelhaften, Angaben zufolge starb Blumberg allerdings erst zwei Jahre später im italienischen Bari. Die Aussicht auf die friedliche und schöne Adria läßt die schmerzliche Süße eines solchen südlichen Exils ahnen, die er, auf der Flucht vor den Deutschen ins von Italien annektierte Dalmatien gelangt, gestorben gerade in der Phase der zwischenzeitlichen Befreiung durch die jugoslawischen Partisanen, wahrscheinlich nie empfunden hat. Zusammen mit dem nahen Grab von J. Levi, „Advokat – Borac J.A.” (Anwalt – Kämpfer der Jugoslovenska Armija [Jugoslawischen Armee]), der 1945 starb, markiert das Grab einen Endpunkt für den Friedhof.

Neuere gibt es nicht. Der Friedhof ist ein Denkmal und die jüdische Gemeinde bestattet ihre Mitglieder anderswo.

Vor dem Friedhof, bei dessen Eingang ein heute als Restaurant genutztes kleines Gebäude mit kurzer hebräischer Aufschrift steht, ist eine beliebte Aussichtsterrasse. Für das heutige Tourismussplit liegt er also nicht schlecht, aber viele Besucher hat er dennoch nicht. Vielleicht sollte ein Exil so aussehen.

Erkundungen auf Friedhöfen: Die konstruktivistische Porträtphotographie

Photographien auf Grabsteinen sind meist traurig. Zeigen sie alte Leute, so sind sie traurig, weil sie sie nicht in der Blüte ihres Lebens zeigen. Zeigen sie Kinder, so sind sie traurig, weil die Gezeigten die Blüte ihres Lebens nie erreichten. Zeigen sie jemanden irgendwo dazwischen, so sind sie traurig, weil sie sie unvorteilhaft oder banal wirken lassen, was zwar der Realität entsprechen mag, aber nicht sein sollte, wie an irgendwen öffentlich erinnert wird. Es ist sehr selten, daß man solch eine Photographie ohne zusätzliche Traurigkeit betrachten kann und deshalb muß hier von der 1936 verstorbenen Miladka Knotková auf dem Friedhof Klokoty in Tábor die Rede sein.

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Ihr Name (eigentlich Milada) ist in der Verniedlichungsform eingemeißelt, wie es oft bei Kindern geschieht, obwohl sie immerhin fünfundzwanzig Jahre alt wurde, und er ist der erste auf dem Stein, auf dem noch einige weitere Familienmitglieder folgen. Ihr Bild ist das einzige, weshalb es den Blick auf sich zieht. Es zeigt eine junge Frau in einem langärmligen schwarzen Kleid, die rechts mit leichter Neigung nach links sitzt, den linken Arm auf einen Tisch gelegt, den rechten angewinkelt darauf aufgestützt, so daß ihr Kinn auf dem ausgestreckten Zeigefinger ihrer rechten Hand ruhen kann. Ihr von kurzem dunklen Haar in leichten Wellen umrahmtes Gesicht ist halb in die Kamera gewendet.

Miladka Knotková war eine schöne Frau und wie sie sich auf dem Bild als moderne Frau der modernen Tschechoslowakei präsentiert, läßt hoffen, daß sie ihre Schönheit und das Leben für wenigstens ein paar Jahre genossen hatte und auch der Ring an ihrem linken Ringfinger sie nicht daran hinderte. Unterstrichen wird ihre Schönheit noch durch die ungewöhnliche künstlerische Qualität der Photographie. Links der Porträtierten ist an der Wand ein zu ihrem Kopf geöffneter Halbkreis, der noch weiter links von einem Rechteck durchdrungen wird. Das obere Ende des Halbkreises ist genau auf der Höhe ihres Scheitels, so daß der Bogen ihres Kopfs die Kreislinie weiterzuführen scheint, während das untere Ende wiederum an die Dreieckformen um ihren angewinkelten Arm anzugrenzen scheint. Die äußerst minimalistische geometrische Dekoration des Studios ergänzt die menschliche Form auf eine Weise, die das Auge eines vom Konstruktivismus beeinflußten Künstlers verrät.

Und Miladka Knotková und der Konstruktivismus, sie passen zusammen. Ob sie sich den Photographen bewußt ausgesucht hatte oder ob aus ihrem Porträt eher eine Zeit und ein Land, in denen das Moderne, Minimalistische, Konstruktivistische, Geometrische, Sachliche schon weitverbreitete Mode geworden waren, das weiß man nicht und es ist vielleicht nicht wichtig. Es besteht jedenfalls kein Zweifel, daß sie ihre Photographie zu Lebzeiten gemocht hatte und sie, so ungern sie dieses sähe, gerne auf ihrem Grab sähe. Heute, mehr als hundert Jahre schon nach ihrer Geburt, überstrahlt ihr Schwarz-Weiß den banalen Grabstein, der vom Konstruktivismus wenig weiß, und fast auch den Friedhof, um erst wieder in den vielen, vielen Türmen des barocken Klosters Klokoty, hinter dem er liegt, etwas Ebenbürtiges zu finden.

Wie traurig wäre es gewesen, wenn irgendein anderes Bild der Miladka Knotková sich auf ihrem Grabstein fände und wie viel Schönheit und schöne Photographien mögen sich hinter den anderen traurigen Grabphotographien verbergen!

Erkundungen auf Friedhöfen: Das Reihenhaus des Todes

Straßen wie diese gibt es in den Niederlanden tausende. Zweigeschossige rote Backsteinreihenhäuser mit kleinen Vorgärten, die Entstehungszeit an den gemäßigt historistischen Stilen kaum abzulesen. So könnte man die St Jorislaan in Eindhoven tausendmal entlanggehen, ohne zu bemerken, daß eines der Reihenhäuser nicht ganz paßt.

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Im Erdgeschoß ist statt der Tür und des großen Fensters ein Tordurchgang mit Gewölbe, vor dem etwas höheren Dach ist eine Art Erker, der im Obergeschoß von Atlanten in zwei Variationen des heiligen Georg getragen wird und in einer Art Türmchen mit Kreuz endet.

Durch das Tor blickt man auf eine lange dunkle Allee und begreift: dort ist ein Friedhof. So surreal es scheint, mitten zwischen den Reihenhäusern einen Friedhofseingang anzuordnen, genau so geschah es Ende des 19. Jahrhundert dem St Joriskerkhof (Sankt-Georgs-Friedhof).

In der Wohnung über dem Durchgang wohnte oder wohnt der Kapelaan (Kapelan), so daß der Friedhof ihr Garten wird. Diese Vorstellung mag etwas unheimlich sein und der Ort tut mit der engen und dunklen Tannenallee in seiner Mitte auch wenig, dieses Gefühl zu zerstreuen. Die Gräber stehen quer neben der Allee und im Halbrund um ein großes Kruzifix bei ihrem Ende.

Als ziehe der Ort das an, findet man auf dem Friedhof zwei ungewöhnlich unheimliche Gräber. Es sind Kindergräber, die ohnedies immer besonders traurig sind.

Das erste ist das Grab eines Mädchens namens Louise Adoplhine Theonie de Block, das 1878 im Alter von nicht einmal vier Jahren starb. Der Name auf dem podestartigen Sockel ist dabei viel schwerer zu lesen als ihr marmornes Ebenbild, das auf dem Sockel in einem satteldächigen Glaskasten liegt, zu sehen ist. Sie liegt leicht seitlich auf einer Liege mit Kissen, trägt zeittypische bürgerliche Kinderkleidung, hat den Kopf in die rechte Hand gestützt, scheint zu schlafen.

Die Skulptur wäre noch nicht gar so ungewöhnlich, aber der Glaskasten um sie ist es in großem Maße. Man denkt an Schneewittchen oder aber an Brutkästen und begreift nicht, was für eine Art Trost es den Eltern gegeben haben mochte, ihre Tochter in Stein, scheinbar schlafend und hinter Glas auf dem Friedhof zu besuchen.

Das zweite ist das Grab eines Jungen namens Herman, der 1936 im Alter von nicht ganz fünf Jahren starb. Vor einer spitzbögigen schwarzen Steinplatte steht er ganz aus Bronze in Matrosenhemd, kurzer Hose und mit Roller auf einem niedrigen Sockel mit seinem Namen.

Wo die Familie de Block ihre Tochter schlafend zeigte, entschied die Familie hier, ihren Sohn lebend in einer Alltagssituation zu zeigen. Wo das Mädchen eine verwirrende Fülle von Vornamen hatte, ist der Junge bloß Herman, schon die Lebensdaten sind kleiner und schwer lesbar, ein Nachname fehlt. Wo allerdings die schlafende Skulptur etwas immerhin Friedliches hat, das erst durch den Kontext unheimlich wird, erinnert die stehende Plastik des Kinds mit großem, leicht gesenktem Kopf, unklarem Lächeln, starr nach vorne gerichtetem Blick, streng gescheiteltem, doch gewiß blonden Haar, und direkt über dem Kopf im Stein hängenden Kreuz an irgendeinen Horrorfilm, wozu gewiß auch die unregelmäßigen Verfärbungen des Kupfers beitragen. Hier ist noch unklarer, was die Eltern sich dabei gedacht haben mögen.

Kindergräber sind traurig und umso mehr, wenn sie wie bei diesen beiden Darstellungen den Tod nicht hinnehmen und die Kinder zu Untoten machen wollen, umso mehr, wenn die Eltern ihrer Trauer aus Übermaß an Geld und Mangel an Geschmack solch traurige Formen geben. Aber auf traurige Art passen Louise und Herman in dieses Reihenhaus des Todes.

Erkundungen auf Friedhöfen: Zittau am Hang

Eine schönere Lage könnte Zittaus Friedhof kaum haben. Er nimmt einen eigenen niedrigen Hügel ein, so daß er ein Ort ganz für sich ist. Dennoch läßt man die Welt nicht ganz zurück, wenn man durch die Memento Mori des barocken Tors getreten ist.

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Vielmehr ist man ihr näher, da der Friedhofshügel sowohl Blicke zu den nahen Türmen der Altstadt als auch zum weiten Bergpanorama nach Tschechien hin bietet.

Am höchsten Punkt des Hügels steht eine stattliche, aber etwas unförmige gotische Kirche mit barockem Türmchen, aber die ist eher Ausgangs- als Mittelpunkt des Friedhofs. Statt bei ihr zu verweilen, fließt er gleichsam die Hänge Richtung Gebirge hinab.

An der steilsten Stellen verwandelt sich der Hang in ein ungemein verschachteltes Gewirr aus Treppen und Terrassen. Zusammen mit den dichten Nadel- und Rhododendronsträuchern entsteht eine Art grünes Labyrinth, in dem nun tatsächlich die Umgebung ganz unwichtig wird und man ganz bei den Gräbern sein kann. Die Treppen und Terrassen sind dabei ohne jede erkennbare Ordnung angelegt, wodurch man in diesem bloß kleinen Teil des Friedhofs viel Zeit verbringen und immer wieder Neues entdecken kann.

Mal sind die Terrassen miteinander verbunden, mal völlig separiert, mal stehen viele Grabsteine, mal nur ein einzelner auf ihnen. Daß zwei Treppen zu einer winzigen Terrasse, die im Winkel zweier anderer eingefügt ist, führen und dort nur ein kleiner klassizistischer Grabstein steht, ist durchaus nicht ungewöhnlich.

Zumeist könnten die Gräber auch überall anders sein, sie sind so zufällig wie die Struktur des Orts, den sie bilden. Zwei jedoch wissen um ihre Umgebung. Das erste steht noch oben am Hang, bevor die Terrassen wirklich beginnen und hat einen großen klassizistischen Stein auf drei oder sogar vier Sockeln.

Ganz unten rechteckige Blöcke, darüber ein an Basaltfelsen erinnernder Teil mit aufrechten sechseckigen Blöcken, darauf kleiner wieder rechteckige Blöcke und noch darüber eine sich nach innen verjüngende Bordüre mit Rankenornamentik. Erst darauf ruht gleich einem kleinen antiken Tempel oder eher dem Modell eines Tempels der eigentliche Grabstein. Seine Fläche ist durch einen rechteckigen unteren Teil, einen rundbögigen Durchbruch in der Mitte und eine darüber verlaufende Bordüre aufgeteilt. Den Abschluß bildet ein auf einem Kranzgesims deutlich überstehendes Dach mit gleich zwei dreieckigen Giebeln, die durch halb- und viertelkreisförmige Elemente verbunden sind.

So klar und streng wie der Aufbau sind die weiteren schmückenden Reliefs. An den Schmalseiten sind oben Kränze und unten zum Kreis gewordene Schlangen, die sich in den eigenen Schwanz beißen, und nach unten zeigende Fackeln.

An der Rückseite sind oben gekreuzte Ährenbündel und unten Palmwedel. An der Vorderseite ist oben auf einem Sims über dem Rundbogen ein über einer Urne kniender Engel und beidseits von ihm Kränze. Die übrigen Flächen neben dem Boden sind den Inschriften vorbehalten. Vorne sind ausführlich die Verstorbenen aufgeführt, wobei interessant ist, daß Martha Jansche zwölf Jahre alt war, als sie den einundzwanzigjährigen Gutsbesitzerssohn Gottlieb Scholze heiratete.

„Hier ruhet
Hr. Gottlieb Scholze
Gutsbesitzer in Olbersdorf
Brauberechtigter Bürger
in Zittau
sowie auch Landtags-Deputirter
geboren in Reichenau
den [?] Febr. 1777
gestorben in Zittau
den [?] 1857“
„Hier ruhet
an der Seite ihres Gatten
die vorangegangene
Fr. Martha [?] Elisabeth
Scholze geb. Jansche[?]
Sie ward gebor. zu Reichenau
den 15. Octbr. 1786
verehelicht den [?] Nov. 1798 mit
Gottlieb Scholze
Gutsbesitzer in Olbersdorf
und starb den 7. Novbr. 1855
Sie zeugten in 57 jähr. Ehe 7 Kind
als 2 Söhne und 5 Töchter
davon sind ihnen 2 Söhne und 1 Tochter
durch den Tod in die Ewigkeit
vorangegangen.“
Während das aus heutiger Sicht sehr fremd wirkt, enthält das lange Gedicht auf der Rückseite, das vielleicht eigens für das Grab geschrieben wurde, romantische Vorstellungen, die uns deutlich näher sein mögen.

„Nach manchen schwülen Lebenstagen
Labt Dich die kühle Schlummernacht
Nun schweiget deiner Sehnsucht Klage
Nun ist Dein Leidenskampf vollbracht
Darum gönnen wir Dir deinen Frieden
Ein schöner Trost ist uns beschieden
Du wandelst dort in höhern Licht
Du stirbst in unsern Herzen nicht.
Nicht kennen kann der Tod die Herzen
Die treu und fest das Leben band
Sie folgen nach der Erde Schmerzen
Sich in das ew’ge Friedensband
Und liebend wie sie heimgegangen
Hält hier ein Grabmahl sie umschlangen
Dort jauchzen sie in Morgenroht
Die Liebe kennet nicht der Tod
Wir meinen nicht, daß er von uns geschieden
Er floh des irdschen Lebens flücht‘gen Tand
Der Tugend schönster Lohn war ihm beschieden
In jenem ew‘gen bessern Friedensland
Denn thatenreich und edel war sein Leben
Das gute Herz geöffnet fremdem Leid
Und rein und lauter seines Geistes Streben
Und Wohlthun sein höchste Seligkeit
Wer so gelebt, der ist uns nicht
gestorben.
Ob auch geendet seines Lebens
Traum
Sein Name hat Unsterblichkeit
erworben
Lebt fort in unres Herzens
tiefstem Raum.“
Das Entscheidende an dem Grabstein ist aber nicht die steinerne Fläche, sondern ihre Lücke, der rundbögige Durchbruch. Steht man davor, sieht man durch ihn nur etwas links die beiden Türme der Johanniskirche.

Die Öffnung in der Mitte, die man für ein interessantes, aber beliebiges Gestaltungselement halten könnte, verbindet das Grab mit der Kirche, den Friedhof mit der Stadt. Die Kirche, damals ein Neubau, wird durch den Blick zum Teil des Grabs, zu seiner Mitte gar. Dadurch gewinnt nicht nur das Grab, sondern auch die Kirche, deren monumentaler Klassizismus durch den Rahmen des weit filigraneren, menschlicheren Klassizismus beinahe schön wird.

Das zweite Grab, das um seine Umgebung weiß, ist das der Familie Domschke. Es liegt eigentlich schon am Fuße des Hangs, aber der separierte Raum, den es bildet, gehört noch ganz zu dessen Terassensystem.

Zuerst sieht man zwischen dem Rhododendron eine große Skulptur, die eine schlanke Männergestalt in einem langen GEwand zeigt. Den rechten Arm hat sie mit geöffneter Handfläche leicht nach oben vorgestreckt, während die linke Hand nach unten weist. Das Gesicht ist dabei so ernst und streng wie die gesamte Skulptur wirkt. Was sie zeigen soll, ist nicht klar, aber etwas eindeutig Religiöses ist es nicht, eher vielleicht etwas Antikes und ob der Gestik kann man auch Assoziationen mit einem Verkehrspolizisten schwer vermeiden.

Als nächstes sieht man den Namen Domschke, der auf einem niedrigen Mäuerchen weit vor der Skulptur steht. Zur antiken Würde der Skulptur will dieser irgendwie gewöhnliche, irgendwie slawische, irgendwie sächsische Name nicht passen, auch wenn er sich mit seinen großen kupfernen Buchstaben in schnörkelloser Schriftart, die wirklich auf dem Mäuerchen stehen und durch die man aufs Grün des Grabs blickt, sehr darum bemüht.

Der Namenszug ist schon mit weniger auffälligen Teilen der Grabanlage verbunden. Vom Hang links kommt das Mäuerchen mit Schieferverkleidung und Betonsims heran und wird für die Buchstaben eine Stufe niedriger. Das E von DOMSCHKE setzt sich als schmaler kupferner Streifen fort, der kurz darauf, da das Mäuerchen in einer abgerundeten Ecke noch eine Stufe tiefer wird, ein freischwebendes Geländer bildet. Noch vor der nächsten abgerundeten Ecke verschwindet das Mäuerchen ganz und wein niedrigeres Geländer läuft alleine weiter.

Vor der Skulptur und parallel zur Namensseite schließt es an den einfachen, an den Seiten niedrigeren und in der Mitte höheren Grabstein an, biegt danach um noch eine abgerundete Ecke und endet, kurz bevor es mit dem Mäuerchen eine rechteckige Fläche umschließen würde, in einem kleinen kupfernen Kreuz.

So führt das Mäuerchen über den Namen und das aus ihm erwachsende Geländer in einer Art Spiralform in die Grabanlage hinein. An der rechten Seite gab es eine kleine Pforte und links hinten im Hang steht eine große, von abgerundetem Beton gefaßte Bank mit hölzerner Sitzfläche.

Der eigentliche Grabstein nun ist eingebettet in den von Mauer und Geländer umgebenen Bereichs, zwischen Name und Skulptur. In der Mitte ist ein schmales Bronzerelief, das eine flache Schale zeigt, die von unten zwei Hände halten, während oben zwischen vier kleinen Sternen Rauch aufsteigt. Darum stehen in Schwarz die Vornamen der Familienmitglieder, allesamt Doppelnamen.

Den Anfang macht 1932 Alma-Hulda, auf wann das Grab Domschke also zu datieren ist, den Abschluß 2002 Gisela-Ute, der der gute Erhaltungszustand zu verdanken ist. Zwar versinkt es gleichsam im Rhododendron, der Grabstein ist zwischen Efeu auf dem Boden und verschiedenen Pflanzen fast versteckt, aber das wirkt geplant, nicht verwahrlost.

Das Grab lebt vom Kontrast zwischen der Monumentalität der Skulptur und den viel intimeren Elementen im Inneren, dem Kontrast zwischen dem Wunsch, von weither gesehen zu werden, und der der Verweigerung, jemanden zu schnell und zu leicht in seine Nähe zu lassen, dem Kontrast zwischen Öffentlichem und Privatem mithin. Überall wäre solch ein Grab ein bemerkenswertes Ensemble, aber hier, an den verwinkelten Hang des Zittauer Friedhofs, paßt es so wirklich. Gewiß ist das kein Zufall und wer es gestaltete wußte, daß er mit ihm geplant fortsetzte, was diesen Teil des Friedhofs seit jeher zufällig ausgezeichnet hatte.

Beide Grabmäler, das von 1855  und das von 1932, zeigen, daß Friedhofsarchitektur weit mehr als ein Stein mit irgendwelchen Aufschriften und Verzierungen sein kann. Die schöne Lage des Zittauer Friedhofs wird noch schöner, wenn sie so bewußt architektonisch ausgenutzt wird.

Erkundungen auf Friedhöfen: Die Madonna der fünfziger Jahre

Seit dem 19. Jahrhundert gilt es als lustig, daß frühere Zeiten die Gestalten der Bibel in die jeweils zeitgenössischen Moden gekleidet haben. Eine Maria in mittelalterlicher Haube oder im barocken Kleid – wie naiv sie waren! Dem 19. Jahrhundert fiel dafür ein, die Bibelgestalten in rekonstruierte antike Kostüme zu stecken und merkte nicht, daß es sich damit erst recht lächerlich machte, denn zum einen ist es unmöglich genau zu wissen, was sie anhatten, und zum anderen waren sie keine wirklichen Menschen. Die verlachten früheren Zeiten handelten viel vernünftiger, wenn sie die fernen, alten Charaktere mit zeitgenössischen Kleidern in ihre Gegenwart holten. Sie machten sie so wieder lebendig, gebaren sie von Neuem. Auch später geschah solches trotz dem offiziellen Amusement noch manchmal.

Auf dem Friedhof von Święty Wojciech, einem Dorf am Rande von Gdańsk, kann man etwa eine Madonna der fünfziger Jahre sehen.

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Auf einer schmalen eckigen Betonstele, die heute deutlich schräg steht, ist sie etwa ab der Hüfte gezeigt wie sie den etwas links vor ihr stehenden und bis zu ihrem Kopf reichenden Jesus hält. Auch die beiden sind ganz aus Beton und sie sind zuerst eine Mutter und ihr Kind. Marias Blick ist ernst nach vorne gerichtet, die Haare hat sie im Dutt zusammengebunden. Jesus ist ein Kind mit pausbäckigem Gesicht, Locken und stilisiertem Hemd, das linke Bein hat er wie im Gehen vorgesetzt, aber sie hält ihn unter dem rechten Arm und der linken Hand, damit er nicht fällt.

Zugleich sind die beiden eindeutig Jesus und Maria. Er hat die Arme gerade zu den beiden Seiten ausgestreckt, sein Körper ist ein Kreuz. Um ihren Kopf ist ein Heiligenschein, ein einfacher stählerner Reif, aber von ihrem Rücken ausgehend so groß, daß er auch seinen Kopf aufnimmt. Sie sind ganz Menschen ihrer Zeit und doch mehr, gerade dadurch mehr.

Zwischen hunderten kitschigen Kruzifixen des Friedhofs ist allein hier die Stärke des Katholizismus, die so viele große Kunstwerke hervorgebracht hat, zu spüren. Die Madonna der fünfziger Jahre ist somit ein völlig aus der Zeit gefallenes Kunstwerk, denn diese Zeit brauchte keine religiöse Kunst mehr und ihr gelang deshalb fast nie welche. Irgendetwas, vielleicht eher Kunstsinn und Geschmack als Religiosität, erlaubten der Familie der hier begrabenen und in einer im vertieften Relief gestalteten Inschrift geehrten Maria Popławska ein Werk schaffen zu lassen, das gerade dadurch, daß es völlig ins Jahr 1951 gehört, mehr vom Jahr 1751 als vom Jahr 1851 hat.

Maria Popławska geb. Daniel ruht hier in Gott 1870-1951

Erkundungen auf Friedhöfen: Józef Dlouhy

Ein kurzweiliges, wenn auch etwas deprimierendes Spiel auf polnischen Friedhöfen ist es, die Gräber ohne religiösen Bezug zu suchen. Fündig wird man, zumindest auf größeren Friedhöfen, sicherlich, aber nicht oft. Vielleicht sind die betreffenden Gräber und die in ihnen Begrabenen dafür umso interessanter.

Das Grab des Józef Dlouhy auf dem großen Friedhof Witomino in Gdynia etwa fällt schon auf, bevor man merkt, daß es von Kreuzen oder religiösen Formeln frei ist. Hinter einem großen Grab am Hauptweg, das von den drei leichten Stufen in der Grabplatte bis zu den vier Grabsteinen, die abwechselnd konkav und konvex gewölbt eine Welle bilden, perfekt ist, ragt eine eigentümliche rote Betonkonstruktion hervor.

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Von links nach rechts geschwungen aufsteigend, mit großer ovaler Öffnung und voller abgerundeter Formen ist sie recht eindeutig kein Kreuz, kein Engel, keine Maria, kein Jesus.

Vor der großen grauen Grabplatte ist zudem ebenfalls aus rotem Beton ein von einer schmalen Basis anwachsendes ovales Hochbeet.

Solcherlei von fließenden roten Betongebilden gerahmt, steht Józef Dlouhys Grab in Witomino so fremd wie es wohl auf jedem anderen Friedhof der Welt stände. Den Namen kann man dabei gar nicht so gut lesen. Im niedrigen linken Teil der Grabskulptur, wo auch eine Vase in den Beton integriert ist, sind die Buchstaben erhaben herausgearbeitet und mit goldener Farbe bemalt:

„Oficer PMH/Józef Dlouhy/28.XI.1905 – 27.III.1972“ und kleiner „oraz syn Andrzej“ (sowie Sohn Andrzej), was für diesen nicht so nett ist. Erst jetzt, ob der Berufsbezeichnung Oficer PMH (Offizier der polnischen Handelsmarine) fängt man an, in der Betonform einen Bug, eine Schiffsschraube, eine Welle erkennen zu wollen. Gräber von Seeleuten, Admirälen, Kapitänen, tragisch in Bangkok Verunglückten, gibt es auf diesem größten Friedhof der Hafenstadt Gdynia viele, doch kein anderes schafft es, schon ohne diesen Bezug so interessant zu sein und es durch ihn noch mehr zu werden.

Dazu der tschechische Nachname (dlouhý heißt lang, polnisch wäre es długi) zum polnisch geschriebenen Vornamen, der eine faszinierende Lebensgeschichte ahnen läßt und vielleicht auch das Desinteresse an Religion erklärt. Viele weitere Informationen über Józef Dlouhy findet man im Internet nicht. Laut einem Adreßbuch war er 1937 in Gdynia gemeldet, von Beruf Seemann und wohnhaft auf dem Schiff „Robur IV“ der Polskarob (Polsko-Skandynawskie Towarzystwo Transportowe – Polnisch-Skandinavischen Transportgesellschaft). Laut dem Archiv der Akten des Staatssicherheitsdiensts der Volksrepublik Polen arbeitete er von 1945 bis zu seinem Tode mit diesem zusammen. Ein vorbildliches Leben also offenbar, von dem man gerne mehr wüßte. Und ein wenig wird die Skulptur auch zur roten Fahne.

Seine Witwe Emilia hat auf einer kleinen Platte schon die konventionellen religiösen Formeln und angesichts der Jahre zwischen 1972 und 1995 kann man es ihr vielleicht nicht verdenken.

Erkundungen auf Friedhöfen: Sprachen in Kynšperk

Der Friedhof des Städtchens Kynšperk nad Ohří unweit von Cheb ist recht deutlich zweigeteilt. Der ältere Teil direkt hinter dem Tor ist deutsch, da die Bevölkerungsmehrheit bis 1945/46 deutsch war.

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Obwohl das nicht mehr so ist und es das Königsberg, von dem manche der Steine sprechen, nicht mehr gibt, ist er keineswegs verwahrlost. Auch ganz hinten, wo viele Steine umgefallen oder mit Efeu bewachsen sind, ist sein Zustand immer noch viel besser als der des örtlichen jüdischen Friedhofs, der 1938 von ebendiesen Kynšperker Deutschen verwüstet worden war und den zu pflegen niemand übrig blieb.

Das ist mit dem deutschen Teil des Friedhofs auch deshalb anders, weil nach dem Krieg durchaus nicht alle Deutschen ausgesiedelt wurden. Einige konnten bleiben, entweder, weil sie Widerstand geleistet hatten und der Tschechoslowakei treu geblieben waren, oder, häufiger, weil sie in wichtigen Industriebetrieben gebraucht wurden. Die Bestattungen brachen daher 1945 nicht einfach ab.

Der andere Teil weiter links ist tschechisch. Die Gräber sind allesamt neuer und sehen auch anders aus. Oft gibt es hier Grabsteine in der Form kleiner Vitrinen mit Glastüren, hinter denen die Urnen der Verstorbenen stehen.

Neben Kreuzen sieht man nun auch hussitische Kelche. An den Friedhofsmauern sind oft Kolumbarien, ein weiterer Ausdruck des antikatholischen tschechoslowakischen Faibles für Feuerbestattung.

Zu den tschechischen Namen kommen hier manchmal slowakische und ungarische, da viele der Siedler in den ehemals deutschen Teilen des Landes aus der Slowakei stammten. So kam es, daß noch 1960 ein Grab in Kynšperk ungarisch beschriftet wurde, allerdings auch nur halb, da die Monatsnamen tschechisch sind.

Sicherlich auch den Wirren des Kriegs geschuldet, aber nicht mehr einfach zu erklären ist das Grab des 1958 verstorbenen Alexander Michailow mit russischer Inschrift.

Auch die neueren deutschen Gräber setzen nicht einfach das Vorangegangene fort, sondern zeigen die Einflüsse der tschechischen Umwelt. So deutsch etwa der röhrende Hirsch und der Vorname Horst auf einem Grab sind – der Nachname lautet tschechisch Šašek.

Obwohl auf einem anderen Grab sonst alles deutsch geschrieben ist und sogar als Herkunft Klingen, ein heute nur noch schwer aufspürbarer Ortsteil von Kynšperk, genannt ist – die Berufsbezeichnung „Mechanisátor“ ist tschechisch, weil die Familie nicht gewußt hätte, wie sie einen für die Maschinen einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft verantwortlichen Techniker auf Deutsch hätte nennen sollen.

Das Grab des Erhard Wilfer schließlich ist teils auf Tschechisch und teils auf Deutsch beschriftet. Oben sind tschechische Verse, wie man sie in den Katalogen von Bestattungsunternehmen auswählen kann, unten steht: „Hier ruht in Gott unser innigst geliebter Sohn Erhard. Wir werden Dich nie vergessen!“

Für sich genommen sind die beiden Inschriften dieses Grabsteins gleichermaßen konventionell, aber zusammen werden sie durch ihre unterschiedlichen Sprachen einzigartig.

Heute ist Kynšperk nad Ohří denn eine tschechische Stadt und auch diejenigen ihrer Bewohner, deren Vorfahren deutsch oder was auch immer sprachen, sind bohemisiert. Ihnen geschah, was mit dem Namen der Stadt geschah. Neben dem alten Namen Königsberg kann Kynšperk leicht als Verhöhnung erscheinen. Vielleicht aber entspricht die Schreibweise genau dem, wie die örtlichen Deutschen ihren Ort aussprachen – Kinschperk. Vielleicht wurde der Name weniger bohemisiert als in der Orthographie dem Kynšperker Dialekt angepaßt. Zumindest der Stadtname verbände dann die beiden Teile und beiden wichtigsten Sprachen dieses Friedhofs – und das unbemerkt von den Sprechern der einen wie der anderen Sprache.