Archiv für den Monat April 2016

Wandbilder in Łódź

Łódź ist die drittgrößte polnische Stadt, hat aber auch unter Polen einen sehr schlechten Ruf. Tatsächlich ist es eine komplizierte Stadt, über die man leichter sagen kann, was ihr fehlt, als was sie hat. Industriestadt ohne Industrie, jüdische Stadt ohne Juden, Stadt voller Geschichte ohne Altstadt, Stadt der Arbeiterbewegung ohne Arbeiterbewegung, etc. Deshalb soll es hier einfach um die Wandbilder von Łódź gehen, derer es zwei Arten gibt.

Da ist einmal die sogenannte Street Art. Das ist ein eigenartiger Begriff für aus der Graffitti-Kultur erwachsene öffentliche Kunst, der im eigentlichen Sinne dazu dient, das Graffitti aus dem sympathischen Bereich der Schmiererei in den anrüchigen Bereich des bürgerlichen Kunstbetriebs hinabzuziehen. Street Art also findet man auf vielen Brandmauern der inneren Stadtteile. Mal ist sie nett und nimmt Bezug auf ihr Umgebung wie bei diesen spielenden Mardern.

StreetArtMarderŁódź

Mal ist sie dekorativ ornamental.

StreetArtAbstraktŁódź

Oft allerdings will sie irgendeine Botschaft haben und ist entsprechend unerträglich, denn alle bürgerliche Kunst, die eine Botschaft haben will, erschöpft sich in dümmlicher Konsum-, Zivilisations- oder was auch immer Kritik.

StreetArtHerzŁódź

Mit dieser Street Art rühmt sich das offizielle Łódź, es gibt dazu hübsche Informationstafeln, Internetseiten, wer weiß, vermutlich sogar Bücher.

StreetArtInformationstafel

Es handelt sich also um Auftragskunst im Dienste des Stadtmarketings. Die Street Art ist Teil eines verzweifelten Versuchs, Łódź nach dem Wegfall seiner textilindustriellen Basis im Jahre 1990 und seinem daraus resultierenden völligen Niedergang als Stadt der Kultur neuzuerfinden – als bräuchte irgendjemand so viel Kultur und als könne Kultur jemals irgendwen in eine Stadt ohne Altstadt locken.

Dann sind da Werbewandbilder aus sozialistischer Zeit. Auch sie findet man auf Brandmauern, allerdings solchen in besonders öffentlichkeitswirksamer Lage wie an großen Straßen oder an Kreuzungen. Etwa das Wandbild für die ZPB im. Armii Ludowej (etwa Baumwollindustriekombinat „Volksarmee“) an der Kościuszki.

ZPBSzumigajŁódź

Im oberen Teil das Logo, eine Aufführung der Produkte und der stolze Name, darunter nicht mehr als ein auf der Spitze stehendes Quadrat aus bunten Pixeln. Es handelt sich um ein Werk von Andrzej Feliks Szumigaj. Unnötig zu sagen, daß der Betrieb nicht nur nicht mehr diesen Namen trägt, sondern auch nicht mehr existiert.

Oder das Wandbild für das Kaufhaus Central, das sogar noch existiert, an der Zgierska.

CentralWandbildŁódź

Nur der Name, ein Kreis aus bunten Farben, dessen rechtes oberes Viertel ausgespart ist, um neben der Adresse gelungene Einkäufe im Genossenschaftskaufhaus zu wünschen.

Oder das Wandbild für die Firma WPHW an der Ecke Narutowicza/Jana Kilińskiego.

WPHWSzumigajŁódź

Wieder ein auf der Spitze stehendes Pixelquadrat, in dem der Name steht, wieder von Szumigaj.

Oder das Wandbild an der Ecke Limanowskiego/Zachodnia.

TotalizatorSportowyJankowskiŁódź

Eine Welle aus drei Farben, die mit einem Fußball endet, ein seltenes gegenständliches Motiv, aber für den Sportartikelhersteller Totalizator Sportowy angemessen. Gestaltet wurde es von Jerzy Jankowski.

Falls diese Wandbilder Kunst sein wollen, so ist das jedenfalls nicht ihr vordergründiges Ziel. Anders als die Street Art haben sie ganz offen eine Werbefunktion und anders als die Street Art erfüllen sie diese Funktion auch. Während die Street Art von der hoffnungslosen Gegenwart von Łódź erzählt, erzählen die Werbebilder von seiner industriellen und sozialistischen Vergangenheit.

Es ist bezeichnend, daß sich in den heruntergekommensten Teilen von Łódź, in Stare Miasto (was lustigerweise Altstadt heißt) und Bałuty, die die Deutschen zum Ghetto Litzmannstadt gemacht hatten, nur wenig Street Art findet. Das ist im Sinne des Stadtmarketings vernünftig, denn schon das Zentrum im Straßenraster um die Piotrkowska ist nach touristischen Maßstäben nicht in einem guten Zustand. Stare Miasto und Bałuty können mit ihrem schieren Elend dann geradezu schockieren und man muß sich wirklich, wirklich für die jüdische Geschichte von Łódź interessieren, um dort umherzugehen und die unscheinbaren blaßgelben Gedenktafeln auf Polnisch, Englisch, Hebräisch und Jiddisch zu lesen.

GedenktafelDüsseldorfŁódź

Keine Spur hier von der jüdischen Folklore, von der etwa Krakóws Kazimierz spätestens seit „Schindlers Liste“ so gut lebt. Eher sieht es stellenweise aus, als seien die Deutschen erst gestern abgezogen, während an anderen Stellen Neubauten aus der sozialistischen Zeit kleine Linderung brachten. Werbebilder gibt es hier noch viele, aber die heutigen Bewohner kaufen wohl eher auf den großen Märkten in Seitenstraßen und auf Parkplätzen als im fernen Kaufhaus Central ein.

Łódź wäre nicht Łódź, eine Stadt, die in die Vergangenheit blicken muß, weil sie keine Zukunft hat, wenn nicht auch den Werbebildern eine informative Internetseite gewidmet wäre. Zweimal wurde demzufolge die Werbung für den ZPB im. Armii Ludowej übermalt, zweimal kam sie unter dem abblätternden Putz wieder zum Vorschein. Der Symbolismus ist fast schon zu aufdringlich. Vielleicht war es hier wirklich einmal die Straße selbst, die Kunst schuf.

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Kirche ohne Kreuz

Schon am Tor erkennt man den Friedhof.

TrauersaalŽideniceBrnoTor

Ein stählernes Muster aus ineinandergesetzten П-Elementen, verändert bei den eigentlichen Torflügeln. Schon an den Bäumen erkennt man den Friedhof. Ausschließlich Nadelbäume, immergrün, manche schlank und in Reihen, andere ausladend und vereinzelt wie Skulpturen. Auch das Gebäude paßt auf einen Friedhof, wieso nicht, moderne Architektur eben. Und wenn man es für sich genommen nicht passend fände, wird es das spätestens durch die Nähe des Tors und der Bäume und den breiten Weg durch eine Wiese, der darauf zuführt.

TrauersaalŽideniceBrnoGesamt

Ein langes Vordach auf eckigen Stützen, ganz mit dunkel gesprenkeltem Stein verkleidet. Dahinter auf einem Teil der Länge dunkles Glas und noch dahinter, rechts der Mitte und etwas kürzer als der verglaste Teil, ein höherer Bauteil, der zwei Fensterbänder, eins nur etwas über dem Vordach, eins deutlich höher, nach vorne zeigt. Von der Seite sieht man, daß das Dach dieses mit dunklem Holz verkleideten Saals erst geschwungen nach rechts aufsteigt, dann vertikal ist und dann geschwungen nach rechts abfällt.

TrauersaalŽideniceBrnoSeite

Parallel zum Vordach schließt dann noch ein Flachbau in ähnlicher Gestaltung an. Links des verglasten Teils der Vorderseite ist ein Durchgang in einen kleinen Hof, dann quer eine schieferverkleidete Wand und abschließend noch ein verglaster Raum.

Ja, das paßt auf einen Friedhof, so kann eine kleine Kirche aussehen. Aber etwas fehlt dazu: das Kreuz oder überhaupt jeglicher Hinweis auf Religion. Das ist kein Zufall, denn es ist keine Kirche. Es ist der Trauersaal des Friedhofs Židenice in Brno, ein säkulares Gebäude für einen säkularen sozialistischen Staat. Auf die Architektur hat das keinen Einfluß. Der Trauersaal unterscheidet sich nur durch das Fehlen des Kreuzes von einer Kirche. Damit verrät er, was das  Gute an vielen Kirchenbauten seit 1945 ist: man könnte sie leicht zu säkularen Zwecken umnutzen.

Der heimliche architektonisches Höhepunkt des Židenicer Trauersaals ist nicht das Saaldach, sondern seine rechte Ecke. Vor ihr stehen in der Wiese ein Nadelbaum und schon auf dem terrassenartigen Vorbereich drei zerklüfftete Steinstelen.

TrauersaalŽideniceBrnoStelen

Die Ecke selbst ist under dem Vordach ausgespart. Links begrenzt sie ein mit dem dunklen Glas kontrastierendes leuchtendes Wellenmuster aus Glas, rückwärtig eine schieferverkleidete Wand, die aber unten eine deutliche Lücke hat.

TrauersaalŽideniceBrnoGlas

Und alles in dieser Ecke ist von Efeu bedeckt.

TrauersaalŽideniceBrnoEfeu

Es wächst die Stütze des Vordachs hoch, gleicht einem Baum an der Seite der rückwärtigen Wand und nimmt auch den Boden ein, sowohl dort, wo einst auch zuvor ein Beet war, als auch dort, wo einst Steinboden war. Denn der Trauersaal steht, wiewohl erst 1984 eröffnet, seit 2007 leer, ein Schicksal, das ihm, wäre er eine Friedhofskirche in einem westlichen Staat, erspart geblieben wäre. Von der auch dem Leben dienenden Friedhofsarchitektur wurde er zum unfreiwilligen Symbol des Sterbens. An vielen Stellen ist denn auch der Verfall offensichtlich. Schieferplatten und auch Teile des teureren Steins fallen herab, liegen in Scherben auf dem Boden oder haben es, will man hoffen, in die Badezimmer findiger Brnoer geschafft. Doch in der beschriebenen rechten Ecke bietet sich das Bild eines edleren, reineren Niedergangs. Das Efeu bedeckt zwar mehr als es sollte, aber noch läßt es die menschengewollten Formen klar erkennen, ja,  sein dunkles Grün läßt die Linien im Glas eher deutlicher hervortreten. Das Wachsen des Efeus ist noch kein Wuchern. Es ist eine Art von Verfall, die die Romantiker in Rom sehen wollten, ein Verfall, der von allem Dreck und aller Häßlichkeit gereinigt ist und sich daher zur Symbolik eignet. So paßt der Trauersaal auch nach dem Verlust seiner Funktion noch  auf den Friedhof. Von der säkularen Kirche, die er war, wurde er zur säkularen Kirchen- oder gar Tempelruine.

Funktional und einsam bleibt ein kleiner Brunnen direkt links neben dem Trauersaal:

TrauersaalŽideniceBrnoBrunnen

eine kleine Betonwand mit einem Hahn oben in der Schmalseite, die schräg in der Ecke einer quadratischen Betonfläche steht, die zu einem runden Ablauf in der Mitte kaum merklich tiefer wird . Besser als ein Kreuz ist das immer noch.

Mein Lieblingstier

Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich eine Taube. Wer Städte mag, muß Tauben mögen. Nicht die hochgezüchteten Ziertauben, auch keine weißen Tauben, die von Picassos stolzem Symbol der kommunistisch gelenkten Friedensbewegung zum traurigen Zeichen der kleinbürgerlichen Ideologie des Pazifismus verkamen, sondern ganz normale großstädtische Tauben. Die Taube ist das Tier der Großstadt. Fliegende Ratten, beschimpft man sie, und warum auch nicht?

Das Problem an Ratten ist ja gerade, daß sie nicht fliegen können. Einzig Vögel kann der Mensch beneiden. Schwimmen, tauchen, klettern, rennen – all das kann der Mensch, fliegen niemals.

Sicher gibt es interessantere und majestätischere Vögel als die Taube, sogar auch im Alltag der Stadt. Enten etwa können viel mehr als Tauben, sind aber doch zu stark ans Wasser gebunden. Krähen sind sogar dem unbedarft beobachtenden Blick als sehr intelligent erkennbar, aber sie haben auch etwas Brutales, Soldatisches. Sieht man Gruppen von ihnen in der Herbsttrübheit über Wiesen staksen, denkt man unweigerlich an SS-Männer im Hinterland der Ostfront. Tauben sind weder so vielseitig wie Enten noch so intelligent wie Krähen, aber sie sind überall. Sie sind Teil der Stadt, sie lassen sich von der Stadt gar nicht trennen. Sie haben nichts Romantisches oder Sentimentales, nichts Ruhiges oder Gelassenes, sie sind wie Penner, Stadtstreicher, Clochards, immer auf der Suche nach etwas zu essen, immer in Gefahr. Dennoch beneide ich sie. Denn sie leben wirklich in der Stadt, mit der Stadt. All die Gebäude und Orte, die man nur mit Blicken und Schritten durchstreift, ihnen sind sie Lebensraum.

BadendeTaubenPriorBratislava

Beim Kaufhaus Prior in Bratislava

Etwa die Tauben am Schottentor, einer Wiener Straßenbahnstation, um deren offenes Oval auf zwei Geschossen Straßenbahnen halten: Sie schreiten über den Steinboden vor der Inschrift von 1961,

TaubeSchottentorJonas

balzen auf dem Geländer am oberen Bahnsteig,

TaubenGeländerSchottentor

schlafen mit eingezogenem Kopf zwischen den Betonkolonnaden, picken auf den Gleisen Krumen auf und fliegen erst davon, wenn die Straßenbahn sehr nah ist, oder bleiben noch länger, wenn ein unerfahrener Straßenbahnfahrer ihretwegen bremst. Das Gras und die Bäume in der Mitte bräuchten sie nicht, sie können überall leben und leben überall. Aber die Öffnung des Schottentors nach außen, durch die uns bloß die Blicke zur Votivkirche gehen, sind ihnen ein wirkliches Tor zur umliegenden Stadt, durch das sie ein- und ausfliegen.

SchottentorFrühling

Und dort können sie alles sehen, was unserem Blick ewig verborgen bleibt, die gelangweilten Studenten in der Universität, die gestressten Angestellten in den Büros, die verzweifelten Handlungsreisenden in den Hotels. Ihren Blicken nämlich bleibt nichts verborgen, auf jedem Fenstersims können sie sich niederlassen, in jedes Fenster hineinsehen. Und die Architektur der Stadt, die für den Menschen gedacht sein sollte und doch so oft bloß gedacht ist, ihn niederzudrücken, können sie jederzeit aus jeder beliebigen Perspektive sehen. Details von Dächern, die dem Menschen immer fernbleiben, versteckte Skulpturen auf gotischen Kirchen, die nicht einmal für Menschenaugen bestimmt waren, all das sehen die Tauben. Sie haben ein totales Bild, ein totales Erlebnis der Stadt. Oder jedenfalls kann man es sich so vorstellen. Eigentlich sehen Tauben natürlich nichts und erleben nichts, sie sind bloß Tiere. Zudem haben sie ganz im Gegenteil die unschöne Eigenart, der Stadt eher zu schaden.

SkulpturTaubePratoDellaVallePadova

Auf dem Prato della Valle in Padua

ObertoPallavicinoPratoDellaVallePadova

Aber wenig ist auch die Vorstellung, die Architektur durch die Augen von Tauben zu sehen, nicht.

Und dann gibt es noch die Architektur für Tauben: Taubenschläge. Ein schönes Beispiel eines prachtvollen freistehenden Taubenschlag kann man in Kaiserebersdorf, ganz am Südrand von Wien, finden.

TaubenschlagKaiserebersdorf

Ein über zwei Meter hoher runder Sockel aus Stein, der oben drei Reihen mit Öffnungen für Tauben hat und dann in leichtem Schwung auskragt. Darauf noch weiter überstehend der eigentliche etwa würfelförmige Baukörper aus dunklem Holz. Um die vier Ecken auf je drei schrägen Stützelementen noch etwas weiter überstehende Teile, die sich an den vier Seiten zu Rundbögen verbinden. Erst hier sind wieder Öffnungen für Tauben. Den Abschluß bildet ein Schindeldach mit einer kupfernen Spitze. Bei aller Einfachheit ist diese Architektur nicht ohne Ornamente. Von den Rändern des oberen Teils hängen halbrunde Holzelemente herunter, die Öffnungen für die Tauben haben Rundbögen und die Stützelemente sind als drei abgerundete Stufen gestaltet.

TaubenschlagKaiserebersdorfDetail

Aber entscheidend ist doch die Konstruktion: der Kontrast zwischen dem schmalen runden Sockel aus Stein und dem großen eckigen Oberteil aus Holz, dort wieder der Kontrast zwischen den öffnungslosen Flächen und den vielen von der Ecke ansteigenden Öffnungen. Das mag expressiv scheinen, ist aber weitgehend funktional: der Sockel muß so hoch sein, damit kein Fuchs oder Marder zu den Tauben gelangen kann, und in einer der scheinbar öffnungslosen Flächen ist eine Tür, durch die der Innenraum für den Menschen erreichbar ist.

TaubenschlagKaiserebersdorfTür

Taubenschläge werden zurecht als wichtige Zeugnisse einer Volksarchitektur beschrieben. Einfache Bauern konnten hier architektonische Brillanz, wie sie sonst nur den Häusern der Reichen vorbehalten waren, beweisen. Taubenschläge eigneten sich dafür gut, weil sie anders als andere Ställe nicht unbedingt nötig sind. Also baute jemand in Kaiserebersdorf den Tauben ein Schloß, das auf seinem Sockel thront wie feudale Schlösser auf Felsen.

Heute sollen dort keine Tauben mehr leben, die Öffnungen sind mit Draht versperrt. Der Taubenschlag selbst steht neben der Ausfahrt eines McDonald’s.

TaubenschlagKaiserebersdorfMcDonald's

Aber wer weiß, vielleicht findet einmal eine der Tauben, die vor dem Restaurant auf Pommes Frites lauern, zufällig in den alten Taubenschlag und richtet sich dort ein, Hausbesetzerin in einem einst für ihresgleichen gebauten Haus. Verstehen könnte sie nicht, was daran so schön wäre, genausowenig wie sie verstehen kann, wie beneidenswert es ist, daß nicht nur der Kaiserebersdorfer Taubenschlag, sondern auch das Schottentor und jedes Gebäude ihr gehört, und daß sie mein Lieblingstier ist.

McDonald's am Karlsplatz

McDonald’s am Karlsplatz

Erkundungen auf Friedhöfen: Sowjetische Variationen in Rodaun

Daß auf dem Friedhof von Rodaun im Süden von Wien sowjetische Soldaten begraben sind, kann man sogar, wenn man direkt an den Gräbern vorbeigeht, übersehen, so unscheinbar sind die Grabsteine auf der Wiese und die Stelen in einer Nadelhecke.

SowjetischerFriedhofRodaunGesamt

Kein roter Stern schwebt über all dem, man muß nah herangehen, um zu erkennen, mit was man es überhaupt zu tun hat. Dann aber ist die schiere Fülle an kyrillischen Inschriften lehrreich.

Alle sind Variationen eines Satzes von Stalin:

„Вечная слава героям, павшим в боях за свободу и независимость нашей Родины!“

(„Ewiger Ruhm den in den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Heimat gefallenen Helden!“, meist übersetzt als „Ewiger Ruhm den Helden, die in den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit unserer Heimat gefallen sind!“)

Auf der mittleren und größten Stele ist dieser Satz in roter Schrift auch als direktes Zitat zu lesen.

SowjetischerFriedhofRodaunStalin

Auf einem kleinen Stein ganz links in der Hecke findet sich die erste Variation: der dort begrabene unbekannte Soldat fiel für „Ehre und Unabhängigkeit der sowjetischen Heimat“.

SowjetischerFriedhofRodaunLinksAußen

Ist dies einfach eine Präzisierung, so verschiebt sich in den weiteren Inschriften der Fokus. Schon auf der mittleren Stele spricht die größere schwarze Inschrift davon, daß die 35 hier begrabenen Soldaten für „die Befreiung der Völker Europas“ starben. Auf der Stele links der Mitte dann widmet die Inschrift „ewiges Gedenken den für die Befreiung Österreichs gefallenen Helden der Roten Armee“.

SowjetischerFriedhofRodaunLinks

Das wiederholt sich auf der Stele rechts der Mitte, wird aber um eine deutsche Übersetzung ergänzt:

SowjetischerFriedhofRodaunDeutsch

„Zum Gedenken für die Befreiung Österreichs gefallenen – Helden der Roten Armee Atzgersdorf 1945“.

Diese Ortsangabe wie auch der andere Stein mit roter Inschrift, könnten darauf hindeuten, daß diese beiden Stelen ursprünglich im nahen Atzgersdorf standen und erst später mit den anderen in Rodaun zusammengestellt wurden. Auffällig ist, daß auf der linken im russischen Text ein kleiner Fehler ist (lateinisches T statt kyrillischem Г [G]). Das könnte dafür sprechen, daß die Rote Armee einen lokalen Steinmetz für die Arbeiten verpflichtete, wozu jedoch wiederum die holprige deutsche Übersetzung nicht paßt.

Die Inschriften in Rodaun erzählen im Kleinen die Geschichte des Großen Vaterländischen Kriegs: aus den Kämpfen für die Freiheit und Unabhängigkeit der sowjetischen Heimat wurden Kämpfe für die Befreiung der Völker Europas und in diesem speziellen Fall für die Befreiung Österreichs. Die Inschriften rücken gleichsam, ganz wie es die sowjetische Armee selbst tat, näher an Rodaun heran. Und während die meisten der Inschriften nur für gleichsam internen sowjetischen Gebrauch waren, weil sie auf Russisch geschrieben sind, wendet sich die letzte, wenn auch ganz unten auf der Stele, wenn auch in unsicherem Deutsch, an die örtliche Bevölkerung, an die unfreiwillig befreiten Österreicher. Die kleine Denkmalanlage in Rodaun ging damit einen wichtigen Schritt weiter als das zentrale Ehrenmal auf dem Schwarzenbergplatz, das zwar auch von der Befreiung der Völker Europas spricht – aber nur auf Russisch, so daß diese Völker es nicht lesen können.

 

Schwechat

Das südlich an Wien grenzende Schwechat ist, außer für den Flughafen und mehr als für die Raffinerie, als Bierstadt bekannt. Da Bier einen bestimmten Ruf hat, könnte man nun an Schwechat als einen Ort rustikaler Gemütlichkeit denken. Nichts wäre falscher. Anders als jeder größere Ort nördlich der Alpen hat Schwechat, das bloß ein kleines Dorf war, keine besonders lange zurückreichende Brautradition, aber das wäre auch völlig irrelevant. Zur Bierstadt wurde es, weil im frühen 19. Jahrhundert ein lokaler Kapitalist namens Anton Dreher begriff, wie viel Geld mit der industriellen Herstellung von Bier zu verdienen ist. Bier, das heißt in Schwechat Industrie. Bierstadt, das heißt Industriestadt.

Von der Industrie und den scharfen Klassengegenständen des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts ist Schwechat noch heute geprägt, man könnte auch sagen: gezeichnet. Auf der einen Seite des Flusses Schwechat erstreckten sich die Industrieanlagen der Brauerei, vor allem auf der anderen Seite wuchs das alte Dorf ungeordnet entlang der großen Verkehrsachsen, teils wurden dem neuentstandenen Proletariat geradezu oberschlesisch schlichte Mietskasernen gebaut.

MietskaserneSchwechat

Dazwischen, direkt am dorfseitigen Ufer der Schwechat und mit Blick auf die Brauerei, ließ sich der Kapitalist Anton Dreher II. im Jahre 1907 eine obzön große Villa in neobarocken Formen errichten.

DreherSchwechat

Villa? Nein, es ist tatsächlich ein Schloß. Die Hauptfassade mit Freitreppe zeigt zum Fluß, zur Fabrik, rechts ist ein großer Wintergarten aus Eisen und Glas, links weist ein vorgesetzter Balkon in den großen, teils wohl noch einem Vorgängerbau zu verdankenden Park. In der Wahl des Neostils mag  man etwas spezifisch Österreichisches sehen, aber grundsätzlich drückt sich in dem Schloß und seiner Lage nur der natürliche Wunsch eines jeden Kapitalisten aus, König in seinem eigenen Reich zu sein und das auch zu zeigen. Auch auf dem Friedhof ist das Grab der Familie Dreher mit Abstand das größte, größer noch als die Kapelle, aber mit seinen beinahe orientalisch anmutenden korinthischen Säulen und der Kuppel auch hübscher, ein Mausoleum für Schwechats Herrscher.

FriedhofSchwechat

So lange währte der feudale Glanz des Bierkapitalisten nicht. Es kamen der Weltkrieg, der Wegfall der Märkte im Osten der Donaumonarchie, die Republik, Zusammenschlüsse mit anderen Brauereien, noch ein Weltkrieg, der Sozialstaat. Das Schloß wurde nun zu Verwaltungszwecken genutzt, der Park öffentlich und für einen kurzen geschichtlichen Moment gab es in Schwechat sogar eine Stadtplanung.

Am Ufer gegenüber dem Schloß wurde ein Schwimmbad angelegt und dahinter schob sich siebengeschossige Wohnbebauung wie eine Wand vor die Brauereianlagen. Wenn man am Schwechatufer am noch immer weiträumig abgezäunten Schloß vorbeigeht, sieht man bald zwischen den Bäumen des Parks ein sechzehngeschossiges Punktwohnhochhaus.

HochhausDreherSchwechat

1968 errichet, ist es das Fanal des veränderten, sozialdemokratischen Schwechats.

HochhausSchwechat

Vom Park tritt man hinter einem Bach auf einen Art Platz, um den links in einem Schwung das Wohnhochhaus und ein Kranz vierer Wohngebäude stehen, während es geradeaus an der Theodor-Körner-Halle, einem schlichten, etwas konservativen Bau von 1960, zu einer der Hauptstraßen geht.

HochhausPlatzSchwechat

Und das ist alles. Der großartige städtebauliche Ansatz bleibt isoliert, da die Verbindung zur nahen Kirche fehlt, ja, durch das unsägliche Rathaus aus den Achtzigern zusätzlich versperrt ist.

Später baute Schwechat an allerlei beliebigen Stellen allerlei Einkaufs- und Kulturzentren. Ein „EKZ“, so der etwas zweifelhafte Name, schaffte es etwa, zwar ein Platz sein zu wollen, aber keinerlei Bezug auf eine banale zweite Kirche und das Ufer, zwischen denen es liegt, zu nehmen.

EKZSchwechat

Anfang 2016 wurde auch die Körnerhalle abgerissen.

KörnerhalleSchwechatAbriss

Was Schwechat bleibt, ist Vorstadtchaos unter dem Fluglärm – und natürlich sein Bier.

„Zur Erinnerung an den Vandalismus früherer Jahrhunderte“

Diese ausgesucht schönen Worte kann man mitten im Zentrum Wiens lesen, auf einer Mauer im Innenhof des Dorotheum-Gebäudes.

DorotheumInnenhof

Die Mauer ist eine kleine Galerie dessen, was der Vandalismus früherer Jahrhunderte übrigließ: Fragmente von Grabsteinen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, manche deutsch, manche lateinisch beschrieben, manche schlicht, manche Werke der Renaissancekunst ihrer Zeit, in einem gar eine kleine Stadtsilhouette mit Stephansdom, die den Ortsbezug stärker als alle Worte herstellt.

DorotheumStephansdom

Es sind, liest man noch vorher, „Fundstücke aus dem Gemäuer des alten Versatzamts-Gebäudes“.

DorotheumVandalismus

So wird die Inschrift geradezu ironisch: das Versatzamt, in dem sich die Grabsteine befanden, war zuvor das Dorotheerkloster mit einer barocken Kirchenfassade von 1705 – und es wurde Ende des 19. Jahrhunderts zugunsten des heutigen hochtrabend und falsch sogenannten Palais des Dorotheums abgerissen. Ob sich damals jemand über den Vandalismus dieses Abrisses empört hatte? Sicher ist jedenfalls, daß sich, wenn man heute vorschlüge, das Dorotheum durch einen Neubau zu ersetzen, sogleich irgendwelche Stadtbildschützer gegen diesen Vandalismus empören würden. Hätten sie recht? Daß das Versatzamt allen Quellen zufolge kein weiter bemerkenswerter Bau war und das heutige Dorotheum zweifelsohne allerbanalste k.k. Architektur ist, kann man dabei außer acht lassen. Und so lautet die Antwort: Ja, sie hätten recht, es war Vandalismus und wäre Vandalismus. Aber was soll man daraus folgern?

„Zur Erinnerung an den Vandalismus früherer Jahrhunderte“ – das kann man doch über jede Straße in jeder Stadt, über jeden Ort, über die ganze Geschichte der Menschheit schreiben. Wohin man auch sieht, sieht man etwas nicht, was einmal dort war. Seit dem ersten Vandalismus, den das Fällen des ersten Baums zum Bau der ersten Hütte bedeutete, ist alle Geschichte eine Geschichte von Vandalismus – von Vandalismus und Aufbau, Umbau, Neuaufbau allerdings. Vandalismus ist die Bedingung des Fortschritts. Was wäre auch die Alternative? Leben wie unsere Vorfahren in der Olduvai-Schlucht, ständig gequält von Hunger und Todesangst, wie Tiere?

Selbstverständlich schlägt diese Alternative kein Kritiker des Fortschritts ernsthaft vor. Man ist nie grundsätzlich gegen Veränderungen, sondern immer nur gegen die Veränderungen, die man selbst miterlebt. Der Reaktionär will nicht in eine konkrete frühere Zeit zurück, sondern immer in die gute alte Zeit, von der ihr ihm seine Eltern erzählt haben. Man bedauert nicht den Abriß des Versatzamts, sondern nur den des Dorotheums (oder der Oberfinanzdirektion). Der „Vandalismus früherer Jahrhunderte“ löst keine Emotionen aus. An ihn zu erinnern und zwar als notwendige und gute Bedingung des Fortschritts, ist eine wichtige Aufgabe.

Hinein nach Kłodzko

Vorgebirgslandschaft im Südwesten Polens, Dolny Śląsk, Niederschlesien, aber ganz anders als in der Metropole Wrocław, reizvoller, abwechslungsreicher, Tschechien schon nah. Eine Stadt: Kłodzko

Der Hauptbahnhof liegt weit außerhalb, was sicher mit technischen Anforderungen des Eisenbahnwesens des 19. Jahrhunderts zu tun hat und somit heute rätselhaft ist. Man kann ihn ignorieren und stattdessen in Kłodzko Miasto (Kłodzko Stadt) aussteigen. Es ist ein nüchterner und einfacher Bahnhof, nur ein breiter leicht geschwungener Bahnsteig mit einem Dach aus Stahlträgern und grauem Wellblech.

BahnhofKłodzkoMiasto

Die Stadt sieht man von hier als gedrängte Masse aus Häusern und Türmen am Hang, über der die abweisenden Mauern einer Festung aufragen. Vor dem Bahnhof ist ein großer Platz mit dem aufsteigenden Vordach des Busbahnhofs, leerstehenden Buden, einem einsamen Mietskasernenteil, und Kłodzko wirkt noch immer nicht einladender.

BlickKłodzkoMiasto

Doch ehe man sich versieht, läßt die Stadt einen herein und nimmt einen auf. Eine großzügige Unterführung mit Läden führt auf die andere Seite einer großen Straße, die man so kaum bemerkt.

UnterführungKłodzko

Dann wendet man sich nach rechts und eine stählerne Brücke führt über die Nysa (Nysa Kłodzka, nicht zu verwechseln mit der Nysa Łużycka, dem Grenzfluß weiter im Westen).

StahlbrückeKłodzko

Schon ist man im unteren Teil der Altstadt, wo mehr als die vielfach veränderten alten Häuschen die Mietskaserne links auffällt, die daran erinnert, daß hier, so unwahrscheinlich das in dieser Landschaft scheint, einmal Preußen war. Fast lückenlos schließt sie an die Rückseite der barocken Franziskanerkirche an.

MietskaserneFranziskanerkicheKłodzko

Zwischen kleinen Häusern mit Geschäften geht es hinauf und schon steht man auf einer gotischen Steinbrücke mit barocken Skulpturen, die in sanfter Steigung hinauf in den oberen Teil der Altstadt führt.

GotischeBrückeKłodzko

Vier nicht sehr spitze Bögen spannen sich zwischen drei Pfeilern und den Seiten über den Kanał Młynówka (Mühlenkanal) und die Wege an seinem Ufer.

GotischeBrückeSeiteKłodzko

Unweigerlich verspürt man hier in der tiefsten polnischen Provinz einen Hauch von Prag. Aber diese namenslose Brücke in Kłodzko begeistert eher noch mehr als die Karlsbrücke. Anders als bei dieser, die heute eben eine von vielen Prager Brücken ist, spürt man bei jener die enorme städtebauliche Bedeutung sofort und unmittelbar. Sie muß genau dort sein und genau diese Steigung haben. Prag würde heute auch ohne die Karlsbrücke noch funktionieren, Kłodzko ohne diese seine Brücke nicht.

Der Weg hinein nach Kłodzko ist somit ein Weg durch Jahrhunderte der Stadtplanung, eine Leistungsschau, eine Parade. Erst die Unterführung, ein Werk des Sozialismus, dann die Stahlbrücke, aus kapitalistischer Zeit, und schließlich die Steinbrücke, ein Meisterwerk des späten Mittelalters. Sie ist nicht wichtiger als die anderen beiden Bauten des Weges, aber doch sein glanzvoller Höhepunkt.

Während die Gotik die ingenieurstechnische Arbeit leistete, steuerte der Barock eine vielsagende Auswahl an Skulpturen bei, die zu beiden Seiten auf den Pfeilern stehen. Unten links der heilige Wenzeslaus (Václav auf Tschechisch, Wacław auf Polnisch), der als Patron Böhmens die enge Verbundenheit der Gegend zum Nachbarland zeigt, und rechts der heilige Franz Xaver, exotische zu bekehrende Völker zu seinen Füßen, der auf eine jesuitische Präsenz hinweist. In der Mitte links eine kleine Pietà und rechts eine Kreuzigungsszene, die größte der Skulpturen. Oben links der heilige Johannes von Nepomuk, der hier einmal besonders gut paßt, weil er von der Karlsbrücke gestürzt worden war, und rechts die Krönung Marias durch den dreifaltigen Gott.

Den Eingang in den oberen Teil der Altstadt rahmen dann preußische Gebäude, wobei das linke für diesen Kontext geradezu wahnwitzige Dimensionen hat. Durch einen kleinen Eingriff schuf der polnische Sozialismus aber ein Gegengewicht dazu. Es ist ein einfaches fünfgeschossiges Wohngebäude in der Häuserzeile etwas rechts der Ecke, grauer Putz, bunte Balkonöffnungen.

KreuzTerrasseKłodzko

Das ob der Steigung nicht hochgelegene zweite Geschoß ist durchgehend verglast und hat eine große aufgestützte Terrasse, auf die rechts nach der Brücke eine Treppe führt. Wo Preußen nicht mehr als ein typischer historistischer Klotz einfiel, schuf die fortschrittliche polnische Architektur ein zartfühlig auf den Ort abgestimmtes Gebäude. Kein schönerer Platz als diese Terrasse, um auf die Brücke und über die zurückliegenden Teile der Stadt ins Umland zu schauen (die domowe obiady, hausgemachten Mittagessen, in der Bar Kryształowa, zu der sie gehört, sind ebenfalls empfehlenswert).

GotischeBrückeTerrasseKłodzko

Nur noch ein Stück weiter die Straße nach der Brücke hinauf und man ist auf dem Hauptplatz von Kłodzko, dem Plac Bolesława Chrobrego. Auch er liegt noch am Hang und wird vom riesigen Neorenaissancerathaus freundlich ausgedrückt in zwei Teile geteilt, weniger freundlich ausgedrückt zerstört.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Auch der hohe Turm, dessen von schlanken Säulen getragener Umgang noch die Herkunft aus der wirklichen Renaissance verrät, kann diesen preußischen Klotz nicht retten. Den Blick auf die nun schon nahe Festung versperrt eine historistische Häuserzeile, die wohl aus den späten Achtzigern stammt und ähnlich banal und traurig auch in Westeuropa hätte gebaut werden können.

PlatzKłodzko

Die Festung und die Hanglage setzen den Ausbreitungsmöglichkeiten der Altstadt enge Grenzen und so ist sie denn nicht mehr als einige Straßenzüge links des Platzes. Die Gebäude sind eine Mischung aus Altem und Preußischem, manchmal unspektakulär aufgelockert durch etwas aus der sozialistischen Zeit.

AltstadtKłodzko

Darin steht eine große und trotz barocker und neogotischer Umbauten sehr schlichte gotische Kirche. Auch finden sich, wie überall, Kleinodien, Gewagtheiten und Kuriositäten.

Etwa ein kleines Gebäude aus der Zwischenkriegszeit,

ArmiiKrajowej9Kłodzko

dessen beiden Obergeschosse mit glattem ockergemasertem Stein verkleidet sind und leicht vorgesetzte seitlich abgerundete Fensterbänder haben, was etwas von der Stromlinieneleganz Breslauer (Wrocławer) Kaufhäuser in die Provinz bringt, während der angedeutete Treppengiebel noch der älteren Umgebung Reverenz erweist.

ArmiiKrajowej9FensterKłodzko

Oder der Eckbau aus den Fünfzigern, Sechzigern, der über der zurückgesetzten Ecke ein reliefgeschmücktes Teil eines Vorgängerbaus verwendet,

ArmiiKrajowejWojskaPolskiegoEingangKłodzko

während die Geschosse darüber ein betont modernes rotes Gittermuster haben.

ArmiiKrajowejWojskaPolskiegoKłodzko

In der Czeska, der Tschechischen oder Böhmischen Straßen, finden sich unter grauem Putz noch letzte deutsche Aufschriften.

BäckereiCzeskaKłodzko

Von außen ist die Altstadt manchmal ein Gewirr mehrebiger und gänzlich unpreußischer Hinterhöfe, Hügellage als Garantie des Pittoresken.

HinterhöfeKłodzko

Was vom Bahnhof so durcheinander schien, hat sich dank der einleitenden städtebaulichen Dreifaltigkeit aus Unterführung, Stahlbrücke und Steinbrücke aufgegliedert und läßt sich klar erfassen. Kłodzko ist, obwohl es außerhalb des Zentrums noch mehr gibt, nicht mehr und nicht weniger als ein Provinzstädtchen, aber voll jener Reize, die ein solches manchmal haben kann. Sein Hauptbahnhof paßt zu ihm. So wie er weit von der Stadt entfernt ist, liegt Kłodzko selbst in einem gebirgigen Zipfel, der zu drei Seiten von Tschechien umgeben ist, weit außerhalb der eintönigen Ebenen, die einen Großteil Polens ausmachen.