Das Herz von České Budějovice

Wieder mal na náměstí, auf dem Platz. Das wird sich ein jeder Besucher, der sich eine Weile in České Budějovice, der größten Stadt Südböhmens, aufhält, früher oder später sagen und sich vielleicht wundern, wie selbstverständlich das geworden ist. Denn kaum je findet man einen Platz, der so sehr das Herz einer Stadt ist. Er hat auch einen Namen, heutzutage Náměstí Přemysla Ottokara II. (Přemsyl-Ottokar II.-Platz), in sozialistischer Zeit Žižkové Náměstí (Žižka-Platz), vorher wohl noch anders, aber das ist nicht wichtig. In České Budějovice sagt man nur Náměstí und jeder weiß, was gemeint ist.

Erhart, Josef/ Erhartová, Marie: Jižní Čechy, Praha 1979

Aus Erhart, Josef/ Erhartová, Marie: Jižní Čechy, Praha 1979

Was für ein Platz das auch ist! Ein exakt einen Hektar großes Quadrat, dessen Seiten zu den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. Ringsum dreigeschossige Häuser mit Arkaden, deren Fassaden zumeist in Renaissance- oder Barockformen gestaltet sind. Wenn man ihn zum ersten Mal betritt, ist man überwältigt von seiner schieren Weite und Größe. In der Mitte die Samsonová Kašna, ein hochaufragender Barockbrunnen mit Motiven der Samson-Geschichte,

Aus Erhart, Josef/ Erhartová, Marie/Kuthan, Jiří/Kuthanová, Věra: České Budějovice, Praha 1980

Aus Erhart, Josef/ Erhartová, Marie/Kuthan, Jiří/Kuthanová, Věra: České Budějovice, Praha 1980

einige Bänke, seitlich Parkplätze, ein Kreisverkehr, aber sonst nur: Platz.

Hier spielt sich das Leben der Stadt ab. Man braucht nur eine Weile dort zu sitzen, um es wirklich zu spüren. Obdachlose, die auf den Bänken dahindösen. Leute, die sich vom Shopping in den Geschäften der umliegenden Straßen erholen. Liebespaare. An den Wochenenden Brautpaare, die vorm Brunnen posieren. Alte Leute. Touristengruppen, die eine Weile herumstehen und dann weitergehen. Nervöse Jugendliche, die auf das Eintreffen einer Verabredung aus dem Internet warten. Familien mit Kindern. Alles trifft sich hier, ohne sich in die Quere zu kommen. Der náměstí bietet genug Platz für alle und wirkt niemals voll. Wer durch die Altstadt kommt, kommt über den náměstí und so ergeben sich unweigerlich Zufallsbegegnungen mit Bekannten, man plaudert kurz und jeder geht seinen Weg.

Nichts Kleinstädtisches aber haftet dieser Szenerie an. Denn ist der alte Teil von České Budějovice auch nicht groß, der náměstí ist es allemal. Fast scheint es, als hätten die Stadtväter vor vielen Jahrhunderten schon eingeplant, daß České Budějovice einmal knapp hunderttausend Einwohner haben würde. Ein revolutionärer Akt jedenfalls, in die alte mittelalterliche Stadt dieses riesige Quadrat zu setzen. Der Rest der Altstadt mit seinen engen Straßen ist eben mehr oder weniger wie in jeder alten Stadt. In den heute allesamt renovierten Häusern gibt es unzählige Geschäfte und Restaurants, in denen sich viel Zeit verbringen läßt.

Alles aber, was die Stadt ausmacht, läßt sich vom náměstí aus am besten erleben und betrachten. Zwei Türme, die etwas abseits stehen, scheinen in uraltem Streit um den Platz befangen. Nordöstlich der Černá Věž, der schwarze Turm.

Aus Erhart, Josef/ Erhartová, Marie/Kuthan, Jiří/Kuthanová, Věra: České Budějovice, Praha 1980

Aus Erhart, Josef/ Erhartová, Marie/Kuthan, Jiří/Kuthanová, Věra: České Budějovice, Praha 1980

Er ist ein schlichter steinerner Turm aus der Renaissance, der nur durch seine Höhe, gewiß aber nicht durch seine Schönheit zum Symbol der Stadt wurde. Nordwestlich der Turm des ehemaligen Klosters.

Aus Maleček, František: Jižní Čechy, Praha 1986

Aus Maleček, František: Jižní Čechy, Praha 1986

Er ist ungleich zierlicheres, verspielteres, Türmchen aus dem Barock mit weißem Putz und einer kissenartig geformten Kupferhaube, die bei Regen ein tiefes Dunkelgrün annimmt. Größer könnten die Unterschiede zwischen zwei Türmen kaum sein. So streiten sie also um den Platz, der schwarze und der weiße, der häßliche und der hübsche Turm, doch siegen wird niemals einer von ihnen.

Der náměstí nämlich gehört dem Rathaus und seinem Turm.

Aus Holub, Antonín: České Budějovice, Praha o.J. (nach 1975)

Aus Holub, Antonín: České Budějovice, Praha o.J. (nach 1975)

Es ist das einzige repräsentative Gebäude, das an den Platz angrenzt, doch es ordnet es sich in seiner Weise auch unter, steht nicht etwa frei, sondern bloß im Süden seiner Westseite. Wie alle anderen Gebäude hat es Arkaden im Erdgeschoß. Wappenreliefs über dem zweiten Geschoß, weit vorragende Wasserspeier in Drachenform, links und rechts auf dem Dach zwei kleine Türmchen, dazwischen allegorische Skulpturen und in der Mitte, hinter einem dreieckigen Giebel aufragend, der Turm. Ein klar strukturierter Barockbau. Er ist aber nicht einfach nur da, wird nicht einfach nur von Touristen photographiert, nein, jede Stunde greift er auch unmittelbar in das Leben auf dem náměstí ein, wenn das Glockenspiel seines Turms „K Budějicům cesta“, gleichsam die Erkennungsmelodie der Stadt, spielt. Nach einer Weile kennt man diese Töne, nach einer Weile kennt man den náměstí und man wird es nicht bedauern, diese Bekanntschaft gemacht zu haben.

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