Archiv der Kategorie: Turin

Turiner Einzelheiten: Ein Eckbau aus Backstein

Das folgende kleine Beispiel soll zeigen, wie wichtig es ist, in jedem Land die Architekturbetrachtung völlig neu zu lernen, da man sonst nichts verstehen oder, schlimmer, alles mißverstehen wird.

Das Eckhaus Via Milano/Via Corte d‘Appello (Mailänder Straße/Berufungsgerichtsstraße) im engsten und ältesten Teil Turins westlich des Piazza Castello (Burgplatzes). So hoch wie die angrenzenden historistischen Gebäude, aber so schmal, daß es zu jeder Seite nur ein Fenster pro Geschoß hat und freistehend ein Punkthaus wäre. Im Erdgeschoß ein verglaster Ladenraum, das Dach leicht überstehend, aber nicht weiter betont. Es ist ganz seine backsteinerne Fassade, auf der dicht an dicht horizontale Streifen aus vorgesetzten Backsteinen verlaufen und eine Rillenstruktur bilden. Nur um die Fenster im dritten und vierten Geschoß sind oben und unten glatte Backsteinflächen, beziehungsweise im vierten Geschoß unten ein weiterer Fensterteil, Über ihnen bilden schräge Backsteinstreifen rundbögige Kränze, was sie, wiewohl ohnedies rechteckig, viel vertikaler und viel näher an konventioneller Ornamentik wirken läßt als sie es eigentlich sind.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Sieht es schon in den oberen beiden Geschossen aus, als ob die horizontalen Streifen nach unten abknicken, um diese Kränze zu bilden, so wird das bei den Fenstern im zweiten Geschoß noch deutlicher. Beidseits von ihnen sind die schräg nach unten abgeknickten Streifen auf solche Weise versetzt, daß oben schmaler und unten breiter ausgewölbte Formen entstehen.

Eigenartigerweise sind die Auswölbungen an beiden Seiten nicht einmal völlig regelmäßig und gleich groß. Diese Ornamentik, die ganz aus der regelmäßigen Rillenstruktur erwächst, hat keinerlei historische Vorbilder mehr. Hier wird der Backstein, dieses sehr typischer Turiner Material, das anderswo in historisierende Formen gepreßt ist, auf ganz neuartige Weise verwendet.

Mehr ist an dem Gebäude nicht, weshalb auch schwer ist, es zeitlich einzuordnen. Ich schloß, daß es letztlich aus der Zeit des Faschismus stammen muß, weil es für frühere zu schlicht und für spätere zu handwerklich ist. Der schmale Grundriß in der Ecke wie die einfache, aber auffällige Fassade lassen es als Werbung für das Geschäft im Erdgeschoß verstehen.

Diese Einschätzung war völlig falsch. Tatsächlich handelt es sich um den 1788 erbauten Sockel des geplanten neuen Torre Civica (Stadtturms). Er wurde errichtet, noch bevor auch nur klar war, wie der Turm aussehen sollte, aber das war auch egal, da er letztlich nie gebaut wurde. Seine heutige Gestalt hat der Sockel vermutlich aus dem Jahre 1822, wobei in den erhaltenen Plänen zwar die konventionelleren oberen Fenster, nicht aber die unteren eingezeichnet sind.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009

Nicht ein geplantes modernes Gebäude aus der Zwischenkriegszeit, sondern letztlich eine vom Zufall geformte Investitionsruine für einen beinahe noch mittelalterlichen Gebäudetyp steht an der Ecke.

Meine so große Fehleinschätzung liegt darin begründet, daß es ein durch und durch italienisches Gebäude ist, daß es im Norden niemals geben könnte. Auch die Nebengebäude, die ich auf den Historismus des späten 19. Jahrhunderts schätzte, sind hier vermutlich hundert Jahre älter. Die einzige Möglichkeit, solche Fehler in Zukunft zu vermeiden, ist, in Italien alles, was man über Architektur zu wissen glaubt, zu vergessen und von Neuem zu lernen. Das gilt für jedes Land, auch für auf den ersten Blick noch ähnlichere.

Turiner Einzelheiten: Centrale del Latte di Torino

Schon der Name: Centrale del Latte di Torino (Milchzentrale von Turin). Das klingt nach einer Zeit, in der es in Deutschland Milchverkaufsstellen gab und die Versorgung der Bevölkerung mit Milch als staatliche Aufgabe begriffen wurde. In der Tat handelt es sich bei der 1950 gegründeten Organisation um einen Zusammenschluß privater Unternehmen unter der Leitung der Stadt Turin. Das 1952 errichtete Gebäude paßt dazu.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Entlang der Via Filadelfia (Philadelphia-Straße), an der ansonsten Wohnbebauung ist, stehen zwei nüchterne lange Gebäude mit zwei Geschossen, die oberen überstehend und mit durchgehenden Fensterbändern, Archetypen der Industriearchitektur. In der Mitte hinter dem Tor mit dem Namen erhebt sich quer dazu eine Halle, aber vor allem die halben Ovale hoher weißer Betonbögen, die weit über das fast flache und von ihnen an vertikalen Streben gehaltene Dach aufragen.

Es ist eine einfache und klare Bauweise, aber solange man nicht direkt davorsteht, verschieben sich die Bögen ständig in einem Spiel geschwungener Formen.

Auf dem fast einen ganzen Straßenblock einnehmenden Areal der Turiner Milchzentrale sind noch weitere, teils hohe Anlagen, die ganz wie die Halle offenkundig der Produktion von Milch und ihren Folgeprodukten dienen, ohne daß man sie als Laie und von außen verstehen könnte.

Auch als normale Fabrik wäre das Gebäude auffällig und schön, doch durch den so offiziell klingenden Namen wird es gleich wichtiger.

Vielleicht deshalb bemerkt man eine auf dieselbe Weise errichtete kleine Halle zwischen den Gebäuden des nahen Blocks zwischen Via Baltimora (Baltimore-Straße), Via Lima (Lima-Straße) und Corso Sebastopoli (Sewastopol-Allee), die ihre niedrigeren Bögen zu einem Weg hin hinter einem zweigeschossigen Backsteinbau versteckt.

Früher war dort gewiß eine Fabrik oder Werkstatt, heute ist es ein Supermarkt und es paßt, daß man in diesem architektonischen Nebenprodukt der Milchzentrale, dessen Konstruktion man auch innen nicht sieht, nun Milch – gewiß auch dort erzeugte  – kaufen kann.

Turiner Einzelheiten: Blau

Auffällige und beeindruckende Bauten, halbwegs hohe auch, gibt es in den Weiten von Turin viele. Etwa dieses zehngeschossige und 1970 errichtete Wohngebäude an der Corso Dante (Dante-Allee), die dann auf einer Brücke über die Gleislandschaft hinter dem Bahnhof Porta Nuova führt. Seine Fassade besteht ganz aus Balkonen und einem Rautenmuster aus Betonstreben und -balken. Vor jedem Balkon bildet ein Betonbalken den Handlauf des darunter verglasten Geländers und ein weiterer verläuft oben in entsprechendem Abstand von der Geschoßdecke, während vertikale Streben sie links und rechts in kleinem Abstand von den Balkonecken kreuzen.

Daß diese regelmäßige Struktur nie langweilig wird, liegt zum einen daran, daß mal mehrere der Rautenbalkone zusammengefügt und mal Abstände zwischen ihnen sind, was tiefe vertikale Furchen auf die Fassade zeichnet, und zum anderen daran, daß in den unteren vier Geschossen über den Läden im Erdgeschoß nur im breiten Mittelteil Balkone sind und die Wandflächen daneben nach hinten schräg verlaufen.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

So ist das Gebäude in den oberen fünf Geschossen weit breiter als unten und bekommt eine gewisse unwahrscheinliche Leichtigkeit, was viel zu seiner straßenprägenden Wirkung beiträgt. Noch wichtiger ist aber vielleicht, daß seine typisch italienischen Rolläden einen kräftigen Blauton haben. Wiewohl alle eigentlich baulichen Elemente weiß, grau oder transparent sind, nimmt man das Gebäude als ein blaues wahr und wenn man denn einen Grund hätte, es zu beschreiben, würde man es das blaue Hochhaus am Corso Dante nennen.

Ansonsten ist auch diese Gebäude im chaotisch gefüllten regelmäßigen Straßenraster Turins wie gehabt Teil der Blockrandbebauung. Links daneben ist in der abzweigenden Via Tommaso Grossi (Tommaso-Grossi-Straße) ein fünfgeschossiger Gebäudeteil mit weniger markanten, in Betonstreben aufgehängten Balkonen, der an die nächsten Gebäude anschließt.

An der anderen, über eine Hinterhoflandschaft zu erahnenden Seite hat es einfache Fenster-, Balkon- und Treppenhausöffnungen, von denen man bestenfalls dank der blauen Rolläden und den hier hinzutretenden blauen Markisen erkennen würde, daß sie zum selben Gebäude gehören.

Das Auffällige und Beeindruckende erschöpft sich in der werbeträchtigen Fassade zur großen Straße.

Turiner Einzelheiten: Mole Antonelliana

Turins Wahrzeichen ist die Mole Antonelliana, aber wenn man es nicht wüßte, würde man es vielleicht nicht herausfinden. Es handelt sich um einen 167 Meter hohen Turm aus dem späten 19. Jahrhundert in entsprechenden neoklassizistischen Formen. Auf einem fast den gesamten Straßenblock einnehmenden Sockel, der allein schon höher als die umstehenden Gebäude ist, sitzt eine sehr hohe Kuppel mit vier steil und geschwungen ansteigenden Seiten, darauf sind weitere Geschosse mit zwei hohen säulenumstandenen Umgängen und Dreiecksgiebeln und darauf erhebt sich ein stetig schmaler werdender runder Teil mit Umgängen in regelmäßigen Abständen, der in einem Stern endet.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Es ist eine markante Form, insbesondere die Kuppel und der die Höhe beinahe verdoppelnde runde Schaft, aber man sieht sie nur selten und noch seltener gut. Im so einfachen und wohlgeordneten Turin mit seinem rechtwinkligen Straßenraster und seinen großen Achsen steht die Mole ohne Bezug zu irgendetwas. Keine Straße führt auf sie zu, kein Platz ist vor ihr. Daß sie einen monumentalen Eingang mit riesiger Tempelfassade hat, ist völlig unnötig, da man ihn erst recht von nirgendwoher sehen kann. Wenn man die Mole sieht, ist es immer als Überraschung.

Manchmal nur überquert man eine Straße und plötzlich steht sie in all ihrer imposanten Größe in der Ferne. Vom zentralen Piazza Castello (Burgplatz) oder Piazza Vittorio Veneto (Vittorio-Veneto-Platz) aus ist ihr oberer Teil manchmal zu sehen, aber wie etwas Fernes, Unverständliches.

Vom Monte dei Cappuccini (Kapuzinerberg) oder einem der anderen Hügel jenseits des Flusses Po aus ist sie zwar die höchste, aber zugleich nur eine der aus der Stadt aufragenden Spitzen.

Am besten sieht man sie von manchen Stellen am Ufer des Po, etwa im Süden von der Ponte Isabella (Isabella-Brücke) über den Park Valentino hinweg.

In San Mauro im Norden, wo von Turin sonst nichts zu ahnen ist, wird sie sogar zur Stellvertreterin der Stadt.

Erst von außerhalb kann die Mole daher so wirklich als Wahrzeichen wirken und vielleicht ist ja gerade das der Sinn eines Wahrzeichens. In mancher Hinsicht gleicht ihre Lage in der Stadt dem eines frühen amerikanischen Hochhauses, wie Turin durch chaotische Bebauung in einem strengen Straßenraster ohnedies etwas Amerikanisches hat. Anders als diese Hochhäuser hatte die ursprünglich als Synagoge begonnene und nach enormen Kostenüberschreitungen von der Stadt fertiggestellte Mole aber nie einen konkreten Nutzen, war mehr Beispiel für bauliche Möglichkeiten, ein Piemonteser Turm von Babel. Vielleicht ist sie das Wahrzeichen der Stadt gerade, weil sie beinahe unsichtbar ist.

Kachelrelief von A. Vaudetti (Via Moncalvo 44)

Turiner Einzelheiten: Lila, Weiß und Grün

Ein typisches bürgerliches italienisches Wohngebäude aus den Fünfzigern oder Sechzigern, gelegen in einer der teureren Gegenden von Turin in den Hügeln jenseits des Po. Ein Eckbau links der ansteigenden Via Giovanni Boccaccio (Giovanni-Boccaccio-Straße), vier Obergeschosse auf dünnen runden Betonstützen, die das Erdgeschoß bis auf den weit zurückgesetzten und von der Straße aus gleichsam unsichtbaren Eingangsbereich auflösen. Der aufgestützte Baukörper ist ganz mit kleinen quadratischen cremefarbenen Kacheln verkleidet, zu denen als Kontrast in den Geländern der Eckbalkone und unter den großen Fensterflächen in der abzweigenden Via Guido Cavalcanti (Guido-Cavalcanti-Straße) ebensolche in kräftigem Lila kommen.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Das Gebäude füllt in schnörkellos kubischer Form sein Grundstück aus, doch zur Via Boccaccio ist auch eine große Einbuchtung. Da sich um sie zu zwei Seiten laubengangartige Balkone legen, die links von einer fortgesetzten runden Stütze getragen werden, während rechts nur schmale Fensterbänder und geschoßhohe ornamental durchbrochene Betonblenden sind, wirkt sie wie ein zufällig offengelassener Hinterhof.

In diesem Bereich steht, ihn bis ins dritte Geschoß ausfüllend, ein immergrüner Baum in nach oben verjüngter Kegelform, wie er in Italien so häufig ist, eine Magnolie, die aber mit den schön- und kurzblühenden Zierbäumen nördlicher Vorgärten und Parks wenig zu tun hat. Sie ist wie der Höhepunkt des wohlgestalteten und ebenso exotischen Gartens unterhalb der aufgestützten Geschosse, zwischen den Betonstützen.

Diese Vegetation und diese Architektur gehören zusammen und sind sehr italienisch. Sie sind geschmackvoll und hübsch und sie sind hier so normal wie bei uns im Norden unbekannt. Ähnliche Gebäude gibt es in Turin zu dutzenden, wenn auch meist eher ohne die Le Corbusier’sch angehauchten Stützen. Gerade diese helfen jedoch, über die hübschen exotischen Oberflächen, in die man sich so gerne verlieben will, hinwegzusehen, denn sie sind für die Stadt ohne Bedeutung. Es handelt sich dennoch um Blockrandbebauung. Um den Garten verläuft eine Mauer mit horizontaler Steinverkleidung und ein Stahlzaun, ganz links neben der Brandmauer des Nachbarhauses ist eine Einfahrt, durch die man bloß in einen kleinen Hinterhof mit einigen Garageneinfahrten kommt.

So fern seine Formen auch davon sind, städtebaulich geht das Gebäude nicht über das 19. Jahrhundert hinaus. Es ist damit durchaus typisch für das kapitalistische Italien der Nachkriegszeit.

Ein Turm für Turin

Selten ist es bei Architekturwettbewerben so, daß sofort klar ist, welcher Entwurf gewinnen muß, eher ist es ein kompliziertes Abwägen vielfältiger Details. Aber es gibt Ausnahmen wie den Wettbewerb für ein neues Gebäude auf dem nordböhmischen Berg Ještěd im Jahre 1963. Während alle anderen Entwürfe ein irgendwie geartetes Nebeneinander von Fernsehturm und Hotel vorschlugen, faßte Karel Hubáčeks Siegerentwurf beides zu einer einfachen und ikonischen, aber schwer zu beschreibenden hyperboloiden Form zusammen, die den Berg vervollständigte und zwangsläufig zum Wahrzeichen von Liberec wurde. Es ist kaum vorstellbar, daß jemand die Auswahl (teilweise zu betrachten auf dieser verdienstvollen Seite) sah, ohne sofort zu erkennen, wer gewinnen mußte.

Aus Autorenkollektiv: Nordböhmen, Praha 1981

Ähnlich war es bei dem Wettbewerb für einen neuen Torre Civica (Stadtturm), den die norditalienische Stadt Turin im Jahre 1788 veranstaltete. Fast alle Entwürfe schlagen irgendwelche Türme mit mehr oder weniger vielen Säulen, Ornamenten, Geschossen, Skulpturen vor, die teils noch ganz barock, teils schon klassizistisch sind, aber immer Türme, die nichts grundsätzlich von denen in anderen Städten oder auch nur vom alten Turiner Torre Civica unterscheidet (zu betrachten hier). Anders der Entwurf von Arnolfo Spagnolini. Er ist entschieden klassizistisch: Auf einem bis auf die Tür öffnungslosen steinverkleidetem Sockel, den bloß wenige einfache Relieffiguren schmücken, und einem Band mit mittiger Uhr erhebt sich eine hohe Säule, um die sich ein Relief spiralförmig nach oben zieht. Aber noch um diese Säule verläuft eine große spiralförmige Wendeltreppe mit hohen rundbögigen Arkaden. Der ganze Turm ist eine Spirale.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Spagnolini löste damit das Problem der antiken Triumphsäulen und ihrer barocken Nachahmungen wie etwa vor der Wiener Karlskirche: daß ihre Reliefs nicht zu betrachten sind. Nach dem Spiralteil folgt ein offenes Arkadengeschoß für die Glocken, von wo eine kleinere Wendeltreppe im Inneren ins oberste Geschoß führt. Diese „vero Bel Vedere“ (wahre Gute Aussicht)  ist völlig frei und offen bis auf die schlanken korinthischen Säulen am Rande ihrer runden Fläche, die die Turmhaube, eine von einer Kugel abgeschlossene Kegelform mit flügelartig hervorstehenden Elementen als einzigem Schnörkel, tragen.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009

Neben der schlichten Radikalität von Spagnolinis Spiralturm nehmen sich all die anderen Entwürfe so unendlich altmodisch aus wie die für den Ještěd neben Hubáčeks Hyperboloidturm. Indem er die Treppe nach außen legte, macht es das Besteigen des Turms zum Erlebnis. Aus der Dunkelheit des Sockels tritt man in die Spirale, die Reliefs zeigen die glorifizierte Geschichte von Turin, während das echte nach und nach um einen sichtbar wird, und dann, nach einem kurzen Moment der Dunkelheit, steht man oben auf der offenen Aussichtsplattform, wo nichts mehr ist als die Stadt und die Landschaft unter einem.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009

Auf der Kugel auf der Turmspitze sollte laut Spagnolini der Stier, Turins Wappentier, stehen. Daß er, anders als alle anderen Entwürfe, selbst keine Form für dieses krönende Kunstwerk vorschlug, zeugt von Bescheidenheit und einem durchaus modernen Verständnis für Arbeitsteilung; darum soll sich ein Künstler kümmern, er fand ja schon die architektonische Lösung.

Anders als Hubáčeks Entwurf in Liberec wurde Spagnolinis in Turin nie ausgeführt. Nicht einmal ein Sieger für den Wettbewerb wurde je gekürt. In Folge der französischen Revolution, die seit 1798 auch französische Herrschaft bedeutete, hatte Turin andere Sorgen. Danach brauchte die Stadt, obwohl 1801 der alte Torre Civica abgerissen worden war, keinen Turm mehr, da sie dank dem beginnenden Kapitalismus rasant wuchs und er ohnedies nicht weit genug sichtbar oder seine Glocken weit genug hörbar gewesen wären. Erst hundert Jahre später baute sich Turin mit der Mole Antonelliana wieder einen Turm, der zwar höher als 1788 vorstellbar, aber für die Stadt doch letztlich zu klein und deshalb unwichtig war. Und außer der Größe hat die Mole den Plänen von Spagnolini für den neuen Torre Civica auch nichts voraus.

Was Arnolfo Spagnolini entwarf, bleibt heute so bewundernswert und vorbildlich radikal wie damals. Wäre die Geschichte ein wenig anders verlaufen, hätte etwa die französische Revolution ein Jahrzehnt später stattgefunden, und hätten die Verantwortlichen in Turin so viel Weitsicht bewiesen wie 1964 die in Liberec, wären mithin eine unmögliche und eine unsichere Bedingung erfüllt, die Stadt hätte ein Wahrzeichen mehr.