Archiv der Kategorie: Montpellier

Das 19. Jahrhundert im Stau

Ein Problem des 19. Jahrhunderts war, daß es das Auto nicht vorhersehen konnte. Fatale Wirkung hatte das insbesondere für die bürgerliche Repräsentationsarchitektur der Innenstädte. Alle Boulevards wurden zu Autobahnen und was im Zeitalter der Kutschen noch eine gesuchte Wohnadresse gewesen wäre, reichte im Zeitalter der Autos gerade noch für Büros.

So konnte es in einer Zeit, als es noch keinen mechanischen Verkehr gab, noch sinnvoll erscheinen, auf einem dreieckigen Grundstück dort, wo eine sich spaltende Straße auf eine Querstraße trifft, wie in Montpellier Boulevard Renouvier (Renouvier-Boulevard) und Rue Raoux (Raoux-Straße) auf eine große Kreuzung namens Place du 8 Mai 1945 (Platz des 8. Mai 1945), zwei historistische Wohnhäuser zu errichten, eines mit schmalem Garten in der spitzen Ecke,

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

ein zweites, das sich gar Villa  St Georges nennt, mit kleinem Hof zu einer anderen.

Wieso auch nicht? Die extravagante Lage hob die Häuser hervor und wer sich ihnen zu Fuß oder in einer Kutsche gemächlichen Tempos näherte, hatte viel Zeit, den Reichturm ihrer Besitzer zu bestaunen. Vielleicht glaubten sie sogar, mit ihren Häusern in gerade noch innenstädtischer Lage die Vorteile der Repräsentation mit dem Komfort einer Villa am Stadtrand zu verbinden.

Mit allen Vorzügen war es vorbei, als das Auto aufkam und nach und nach zum Massenverkehrsmittel wurde. Heute sind die beiden Gebäude eine dreieckige Insel, ständig umtost vom Verkehr einer großen und komplizierten Kreuzung, zu der weiterhin absichtlich geschaffene Verkehrsinseln mit Palmen und eine Hochstraße gehören, schwer zu erreichen zu Fuß und fast unmöglich mit dem Auto, das auch nirgends parken könnte, dafür unablässig Lärm und Gestank ausgesetzt.

Kein Zweifel, daß Verkehrsplaner in den Sechzigern dieses Hindernis am liebsten weggerissen hätten und wieso nicht, angenehm wohnen ließ sich dort ohnehin nicht mehr und von der intendierten repräsentativen Wirkung blieb für die vorbeirasenden Autos nicht einmal mehr eine Ahnung. Auch um die historistische Architektur wäre es nicht schade.

Etwas anders ist das beim Eckbau links davon, der eines der zartesten Beispiele des Jugendstils in Montpellier ist.

Um Repräsentation ist es jedoch fast noch stärker bemüht. Zwei Geschosse auf einem erhöhten Keller, drei Fensterfolgen an der Vorderseite, je eine an den schrägen Nebenseiten, stadttypischer heller Sandstein. Im Erdgeschoß beschränkt sich die Ornamentik auf die hohe und schmale Eingangstür in der Mitte, ist aber auch dort nicht mehr als ein archetypisch jugendstiliges Frauengesicht und einige Blattformen. Im Obergeschoß wird eine nach unten geöffnete Bohnenform zum bestimmenden Merkmal. Sie bildet schmale horizontale Fenster noch über den eigentlichen Fenstern, wo Distelzweige sie rahmen, sie ist mit filigranen Metallornamenten gefüllt in den Geländern der vor den Fenstern hängenden sandsteinernen Balkonen und sie ist noch zu erahnen in den Bögen einer Brüstung auf dem Dach, die auf einen überstehenden Teil mit Kranzgesims folgt. Das alles ist, gerade im Vergleich zum Historismus nebenan, klar, einfach, leicht und hübsch, wie der Jugendstil das eben im besten Fall ist.

Ein wertvoller Akzent sind die wenigen türkisen Kacheln über den flachen Bögen der Erdgeschoßfenster und die Kachelbordüre unter dem Dach, die auf blauem Grund schlanke grüne Ranken mit violettblauen Kelchblüten zeigt.

Diese Prunkwinden sind für Montpellier typisch, oft sieht man sie über Mauern hängen und auch an diesem Jugendstilgebäude, wo tatsächlich von einem Balkon etwas über eine Ecke der Fassade wächst, würden sie nicht überraschen, so daß ihre Darstellung fast tautologisch ist. Somit eine ortstypische Pflanze zum bestimmenden Ornament zu machen, ist einer der kleinen Schritte, mit dem der Jugendstil über den Historismus hinausgeht.

Den vagen Quellen nach wurde das Gebäude erst 1920, als der Jugendstil anderswo schon überwunden war und Autos sich gerade vom Sportvergnügen für reiche Söhne zum Massenverkehrsmittel entwickelten, errichtet. Vorm dennoch ungeahnten Verkehr rettet es auch seine etwas bessere Architektur selbstverständlich nicht, im Gegenteil. Seine zarte Fassade ist gänzlich der Kreuzung ausgesetzt und von kaum irgendwo gut zu betrachten. Ein wenig Glück hatte es paradoxerweise gerade dadurch, daß es die Gesellschaft eines ganz dem Auto dienenden Gebäudes bekam: einer Werkstatt. Sie steht, wo einst der Garten war.

Links, zur Rue Raoux, ist ein großes rotes Hallentor, rechts, zur Avenue Georges Clemenceau (Georges-Clemenceau-Allee) ist ein rotgefaßtes Schaufenster.

Sonst besteht die Werkstatt gänzlich aus weißen Wandflächen ohne jegliche Verzierung, was ihre Architektur so zeitlos macht wie die des von ihr umschlossenen Eckbaus zeitverhaftet ist. Sie bildet einen weißen Rahmen für das hübsche, wenn auch durch den Ablauf der Zeit und das gewonnene Wissen etwas verschroben wirkende Jugendstilgebäude und trennt es von den banalen historistischen Nachbargebäuden.

Das Auto hat gesiegt, was notwendig und im Vergleich zum Vorangegangenen gut war, und indem es in diesem Fall mit der ihm gemäßen radikal schlichten Architektur dem Besten der älteren Architektur zur Hilfe kam, zeigte es sich als ungewöhnlich großzügiger Sieger.

Uns müssen die Probleme des 19. Jahrhunderts nicht kümmern, wohl aber, daß sie nicht überwunden sind. Das Auto zeigte, daß eine andere Art von Stadt nötig ist, aber zumeist wurde bloß die Stadt des 19. Jahrhunderts notdürftig für das Auto angepaßt. Dieses, unser Problem wird nicht zu lösen sein, bevor nicht das große Versprechen des 1917 begonnenen 20. Jahrhunderts eingelöst wird.

Gotik und Brutalismus in Montpellier

Die Kathedrale Saint Pierre (Sankt Peter), die größte Kirche des südfranzösischen Montpellier, ist ein früher gotischer Bau, in dem noch viel Romanik ist. Statt eines filigranen Systems von Strebepfeilern und -bögen sind es quergesetzte Wände, die außen das höchste Gewölbe tragen. Die Fenster sind zwar spitzbögig und hoch, aber entweder liegen sie tief in der dicken Wand oder haben große Abstände zwischeneinander.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Auch die vier eckigen Türme haben auf den zwei über das Kirchenschiff hinausreichenden Geschossen gotisch spitze Fenster, aber gerade dadurch wirken sie fern von der Gotik, deren himmelstürmend schlanke Türme Geschoßstrukturen gerade aufzulösen suchen. Und die dicken Filialen auf den Türmen machen ein zwar ornamentales, aber aus der Konstruktion erwachsendes gotisches Element der Gotik zum reinen Ornament, das auch gegen Obeliske, wie sie die Renaissance mochte, oder sonst irgendetwas ausgetauscht werden könnte.

Bevor man jedoch Gelegenheit hat, irgendetwas von all dem zu bemerken, sieht man den riesigen Vorbau über dem Eingang.

Zwei hohe walzenförmige Türme mit kegelförmiger Spitze stehen frei vor der Vorderseite und tragen ein großes Kreuzrippengewölbe, das an die Kirche anschließt.

Es entsteht ein enormer Baldachin aus Sandstein, der keinen anderen Zweck hat, als den Eingang zu beschirmen.

Dieser besteht aus einem großen, aber eher flachen Spitzbogen flankiert von zwei massiven Strebepfeilern, die in großen Filialen ähnlich denen auf dem Turm enden.

Es ist, als ob die Erbauer von Saint Pierre sich des zweifelhaft gotischen Charakters der Kirche bewußt waren und deshalb gleich im Vorbau zeigen wollten, daß sie fähig sind, ein gotisches Gewölbe zu errichten.

Das Ergebnis hat dennoch etwas von einer Karikatur. Die bauklotzgleich simplen runden Türme sind noch gänzlich romanisch. Gewölbe und Eingang mögen wohl gotisch sein, aber in gänzlich unsubtil überzeichneter Form. Statt filigran und zierlich ist diese Gotik grob und groß.

Da die Gotik von Saint Pierre so wenig in das typische Bild der Gotik paßt, wußte die Stadt, als sie im 19. Jahrhundert wieder anfing sich für Gotik und überkommene Stile allgemein zu interessieren, auch wenig mit ihr anzufangen. Alle Um- und Anbauten der vorangegangenen Jahrhunderte wurden kurzerhand abgerissen, gotische Elemente freigelegt und auch der rechte Turm der Vorderseite, der in den Religionskriegen Mitte des 16. Jahrhunderts, als in Montpellier der Protestantismus herrschte, eingestürzt war, wiederaufgebaut. Doch damit nicht genug, zusätzlich wurden an das Kirchenschiff ein noch einmal so großer Chor und ein riesiger Seiteneingang im Stile einer fremden nordfranzösischen Gotik angefügt. Es ist Gotik wie aus dem Lehrbuch und genauso leblos.

Noch im Jahre 1917 errichtete die medizinische Fakultät der Universität in der Nähe ein neogotisches Gebäude für das Institut Bouisson-Bertrand, das immerhin jugendstilinspiriert frei und spielerisch mit seinen Vorbildern umgeht, aber mit Saint Pierre ebensowenig zu tun hat.

Erst viel später erinnerte sich Montpellier daran, was seine wichtigste Kirche wirklich ausmacht.

Das Lycée Jean Monnet (Jean-Monnet-Lyzeum) im nordwestlichen Stadtteil Alco ist aus ganz einfachen großen Betonformen zusammengesetzt: eine lange konkav geschwungene Wand, vor ihrer Mitte, wo sie eine Öffnung hat, zwei aufrechte Walzen, und dahinter eine teils in der Erde versenkte Kugel, die aus der Ferne betrachtet als Kuppel über die Wand ragt.

Schon ein Detail, kaum mehr als der in Metallbuchstaben rechts stehende Name, scheint der dicke Stahlbalken, der den größten Teil der Einwölbung der Wand auf drei Vierteln der Höhe abflacht und in der Mitte an die Walzen anschließt, obwohl doch erst durch ihn links und rechts Eingänge entstehen können.

Vor dem Glas unter dem Balken hängen zwei Reihen großer quadratischer Platten aus silbernem Edelstahl, in die die Namen in- und ausländischer Schriftsteller und Künstler gestanzt sind, allerdings so, daß sie von außen lesbar sind.

All das, die großen bildhaften Betonformen wie die Details, sind nur der Eingang der Schule. Die Wand hat als Funktion bestenfalls die Abschirmung vom Verkehr der tieferliegenden Straße, in der Kugel ist ein Saal, aber über die eigentliche Schule dahinter verrät der Eingang nichts. Sie besteht denn auch nur im hinteren Teil aus aufgestützten pavillonartigen Betongebäuden, die zu ihm passen, während direkt hinter der Wand Gebäude mit horizontal gestreifter Steinfassade und auf hohen Stützen ruhenden Gitterterrassen neben den obersten Geschossen sind.

Erstaunlicherweise wurde die Schule erst 1990 eröffnet.

Die radikale Einfachheit letztlich nur halb funktionaler Betonformen mag sehr französisch sein und ist gewiß sehr brutalistisch. Und selbstverständlich kann man in Montpellier keine Kuppel zwischen Walzenformen sehen, ohne sich sogleich an das Gewölbe zwischen den runden Türmen des Vorbaus der Kathedrale Saint Pierre erinnert zu fühlen. Die Einfachheit der kaum schon gotischen Formen ließ sich in Beton leicht nachformen, ohne daß es sich jedoch um eine offensichtliche Imitation handelt. Nicht zufälligerweise ist diese brutalistische Reverenz an die historische Architektur der Stadt viel subtiler und eleganter als alles, was der reaktionären Postmoderne, die es hier reichlich gibt, je eingefallen wäre. Diese nämlich interessierte sich über die simplistische und karikierende Imitation alter Stile rein gar nicht für tatsächliche Orte und deren Traditionen, darin ihrem ideologischen Vorgänger, dem Historismus, ähnlich.

Möglicherweise heißt das nicht viel, aber das Lycée Jean Monnet ist der würdige architektonische Nachfolger von Saint Pierre.