Sprachen bei Nepomuk

Heute ist Nepomuk der wichtigste Orte in der Gegend südwestlich von Plzeň und es verdankt das allein seinem heiligen Johannes. Noch, daß der Bahnhof nach Nepomuk heißt, obwohl er eigentlich im einige Kilometer entfernten Örtchen Dvorec liegt, zeugt davon. Früher, zu Zeiten von Johannes von Nepomuk im 14. Jahrhundert und auch noch später, waren das Zisterzienserkloster im passend benannten Ort Ort Klášter und insbesondere das Schloß Zelená Hora weit wichtiger. Noch heute ist es auf dem in der Tat Grünen Berg, nach dem es heißt, die eindeutige Dominante der Gegend, auch wenn der Berg eher ein Hügel ist und der heutige barocke Bau mit entsprechendem Turm und Haube nicht ungewöhnlich imposant ist.

Am Beginn der Allee, die oberhalb von Nepomuk zu ihm hinaufführt, steht eine große barocke Skulptur, der tote Jesus in den Armen der trauernden Maria, eine Pietà.

Künstlerisch ist sie wohl nicht schlecht, wobei besonders die hohen Kronen der beiden Figuren, die heute an altmodische Kochmützen erinnern, auffallen. Die Krone des ansonsten durchaus angemessen schlaff und, nun, tot in Marias Armen hängenden Jesus steht dabei in zweifelhafter Befolgung der Gesetze der Schwerkraft fast horizontal ab.

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Doch was dem Denkmal seinen Wert gibt, sind die Inschriften an der Seite seines hohen Sockels. Die vordere ist auf Latein, wie das üblich ist:

„Dolorosae Virgini ac Gratiosae Matri Saschinensi ex singulari devotione obvaria beneficia percepta ericitecit Josephus Franciscus Ludl Director Grunberg a die XXV marti Vt Io sa Virgo InteurIs gressVs nostros DirICat atoVe In hora MortIs nobIs pro­­pItIa sVCCUrat“

Wenn man ohne Sprachkenntnisse auch wenig versteht, so sieht man doch, daß auf Tag und Monat, XXV Marti, keine Jahreszahl, sondern ein Satz mit einigen großen Buchstaben folgt: ein Chronogramm.  Es ergibt die Zahl 1741. Chronogramme gehören zur barocken Kunst und an diesem ist bestenfalls auffällig, daß es weder im gesamten Text versteckt ist, noch die Jahreszahl bloß wiederholt, sondern im Text genau die Stelle der Zahl einnimmt.

Die Inschrift auf der rechten Seite ist Tschechisch:

„Bolestne Pannie a Milostiwe Matceboži Sassinske z obwzlasstni pobožnosti za rozlične dosahnute dobrodini postawiti dal Iozef Francz Ludl Sprawce Zeleno Horski dne XXV. Brzezna abI ta sVata panna krokI nasse rzIDIa a przI sMrtI sVaV przIVIetIVostI nas V boha ChranILa“

Der Inhalt dürfte derselbe sein und wieder folgt auf Tag und Monat, XXV. Brzezna, das Chronogramm, doch die Zahl 1741 setzt sich aus anderen Ziffern zusammen. Die Sprache ist sehr altertümlich, aber verständlich, und die Rechtschreibung sehr weit vom heutigen Standard entfernt. So gibt es außerhalb des Chronogramms W statt V und wo heute Y wäre, ist immer I. Von den spezifisch tschechischen Zeichen sind Č und Ž bereits vorhanden, während Ř als RZ und Š als SS wiedergegeben ist.

Die Inschrift auf der linken Seite ist auf Deutsch:

„Der Schmertzhafften Iungfrauen und Gnadenreichen Saschner Mutter Gottes aus sonderbarer andacht wegen vielfaeltig erhaltenen gnaden hat aufrichten lassen Joseph Frantz Ludl Verwalder in Grunberg den XXV marti auf das Die Gottes gebaehrerIn Vnsere sChritt beVartn VnD beI Vns bIs In Letzte stVnD VoLte Verharren“

Wieder sind Inhalt und Chronogramm identisch. Wie weit Sprache und Rechtschrebung vom aktuellen Standard abweichen, kann jeder selbst beurteilen. Die Auflösung des Chronogramms wird dadurch erschwert, daß bei einer Restaurierung leider einige Buchstaben nicht und andere am Ende, wo der Restaurator wohl keine Lust mehr hatte, sich anzustrengen, beliebig falsch ausgemalt wurden.

Daß dieses Schicksal nicht nur der Mehrsprachigkeit der Sockelinschriften geschuldet ist, sieht man daran, daß auf der tschechischen Seite ein sinnloses „breezna“ statt dem korrekten „brzezna“ ausgemalt wurde.

Ohne es vielleicht zu wollen, hinterließ Josephus Franiscus/Jozef Francz/Joseph Frantz Ludl, der Director/Sprawce/Verwalder von Grunberg/Zelená Hora neben dem Marienbildnis auch einen potentiellen Rosettastein, der die Schlüssel zu drei Sprachen birgt. Es sind Latein, die Sprache der Kirche, Deutsch, die Sprache des Staats, und Tschechisch, die Sprache des Volks. Daß Ludl ein deutscher Name ist, sagt noch nichts darüber aus, welcher Sprache sich der Erbauer am nächsten fühlte, obwohl man annehmen kann, daß es nicht Latein war. Daß Tschechisch überhaupt vertreten ist, deutet im Gegenteil darauf hin, daß Ludl es entweder selbst sprach oder ihm zumindest sehr wichtig war, auch von der tschechischen Bevölkerung verstanden zu werden. Häufig nämlich ist das Beieinander beider Sprachen auf Denkmälern keineswegs, so nah Tschechen und Deutsche in Böhmen auch beieinander lebten.

Während für den tschechischen Bauern in früheren Zeiten, der etwas nach Zelená Hora hinaufzuliefern hatte, die Ludl’sche Pietà der erste Vorbote des Schlosses war, ist sie für den heutigen Besucher auch der Endpunkt. Bald danach sperrt ein rostiges grünges Tor die Allee ab, es folgt ein militärischer Bereich, der aber auch nicht mehr viel genutzt scheint.

„Zámek Zelená Hora/Schloß Grünberg/Greenhill castle“ steht dort, ein Echo der Sprachen auf dem Sockel. Das Englische hat Latein ersetzt, was auch deshalb paßt, weil eine hohe weiße Säule an der Wegkreuzug noch vor der Skulptur an im Jahre 1620 auf dem Schloß einquartierte und wenig später besiegte protestantische englische Soldaten erinnert, ohne daß Inschriften in irgendwelchen Sprachen das jedoch erläutern.

Nepomuk, Stadt wie Heiligen, hat man am Rande von Zelená Hora so bereits vergessen, denn nicht allem ist man bei seinem Ursprung am nächsten.

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