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Brücken in Tczew

Venedig des Nordens – so wird Tczew nie genannt. Das liegt vermutlich daran, daß Venedig, zu Recht oder zu Unrecht, als idyllische Lagunenstadt weltberühmt ist, während Tczew als auf den ersten Blick eher trostlose Kleinstadt irgendwo im flachen Land südlich von Gdańsk nicht einmal in Polen weiter bekannt ist. Was Venedig und Tczew jedoch verbindet, ist ihre Abhängigkeit von Brücken.

Tczew ist als wichtiger Eisenbahnknoten ungewöhnlich stark von Bahngleisen zerschnitten. Anders als in anderen Städten dieser Art verlaufen die Gleise dort immer in vertieften Bereichen, während die Stadt mit ihren Straßen und Häusern separiert von ihnen höher liegt. Was für Venedig das Wasser der Kanäle ist, das sind für Tczew die Schienen der Eisenbahnanlagen. Von diesen ist die Stadt in mehrere größere und kleinere Inseln zerteilt, die wie in Venedig mit Brücken verbunden werden müssen.

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Tczew weiß von seiner Verwandtschaft mit Venedig vermutlich nichts. Wenn es etwas an sich findet, worauf es stolz sein will, dann zwar durchaus eine Brücke, aber bloß eine Eisenbahn- und Straßenbrücke über die Wisła (Weichsel) von 1857.

Mit ihren letzten verbliebenen Türmen und Zinnen zeigt sie alles, was an der historistischen Architektur dieser Zeit falsch war. Denn wie haarsträubend lächerlich ist es, einen solchen stolzen Stahlbau, einen Ausdruck des technischen Könnens und der industriellen Möglichkeiten einer Zeit in die sinnlos gewordenen Formen des Mittelalters zu hüllen! Gegenwärtig wird die Brücke aufwendig restauriert, während die Züge auf einer neueren ehrlicheren Brücke daneben fahren.

Noch zwei weitere markante Brücken hat Tczew und anders als die Eisenbahnbrücke sind sie Teil des Stadtarchipels. Mit der ersten überbrückt die Wojska Polskiego (Straße der polnischen Armee) Schienenstränge, um zwei Inseln der Stadt zu verbinden. Ihr einziger weiter Bogen aus blauem eckigen Stahl führt von der einen Straßenseite auf der einen Seite des breiten Gleisgrabens zur anderen Straßenseite auf dessen anderer Seite und legt sich also schräg über die von Stahlseilen gehaltene Fahrbahn.

Diese einprägsame Asymmetrie ist aus der zwar etwas gesuchten, aber doch einfachen Lösung der Bauaufgabe gewonnen und unterscheidet diese Ende 2011 eröffnete Brücke von vielen anderen jüngeren Brücken in Polen, die, wenn auch auf andere Art als die historistische Weichselbrücke, überladen und kompliziert wirken. Gelungener als die Calatrava-Brücke bei Venedigs Piazza di Roma (Rom-Platz) ist diese Tczewer Brücke allemal.

Tczews Rialto schließlich, das ist die zweite der markanten Brücken: der Bahnhof. In ihm wird die Brücke zum Gebäude. Auf hohen Betonstützen ruht der geschlossene backsteinerne Gang über den Gleisen.

Ganz wie bei der Rialtobrücke in Venedig ist kaum mehr wichtig, welche Orte der Stadt der Bahnhof verbindet, da er selbst ganz Ort eigenen Rechts ist. So weit wie der Markusplatz von Rialto ist Tczews altes Zentrum vom Bahnhof entfernt. Wie dort der Verkehr von Vaporetti (Wasserbussen), Wassertaxis und Motorbooten fließt hier der Nah- und Fernverkehr auf einer der wichtigsten polnischen Bahntrassen unter dem Brückengebäude hindurch.

Beide Brücken passen nach Tczew und hätten es verdient, seine Wahrzeichen zu sein. Aber genau wie in Venedig nur die hunderte prosaischer Brücken eigentlich wichtig sind, zählen auch in Tczew die vielen unbeachteten Brücken.

Sie sind schmucklose Zweckbauten, mal mit stählernem Aufbau, mal ohne, oft in abblätternden Farben, oben Gelb, unten Hellblau, gestrichen, vielleicht haben sie auch Namen. Und sie sind, beinahe ebenso wie in Venedig, entscheidend für das Funktionieren der Stadt. Da Tczew zwei Ebenen hat, eine untere für die Schienen und den darauf fließenden Zugbetrieb und eine obere für die eigentliche Stadt, ist es immer äußerst aufwendig und vielerorts nachgerade unmöglich, anders als über die Brücken von einer Insel zur anderen zu kommen. So auf die Brücken angewiesen, so von ihnen abhängig, meint man, wie in Venedig, daß sie nie da sind, wo sie sein sollten, daß es viel mehr von ihnen geben sollte. Wie in Venedig findet man sich damit ab.

Die Probleme, die einem die Stadtstruktur bereitet, als Ausdruck des Charmes eines jedenfalls besonderen Orts zu empfinden, ist in Nordpolen wohl etwas schwieriger als in Norditalien. Aber hiermit wurde Tczew so genannt: Venedig des Nordens.

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Strom in Tczew

In Tczew, einem Städtchen südlich von Gdańsk, sieht man noch oft die Befestigungen alter überirdischer Stromleitungen an den Gebäuden.

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So altmodisch wirkt das heute, daß man leicht vergißt, wie kurz eigentlich die allgemeine Elektrifizierung der Städte zurückliegt. Sie geschah mit genau solchen Leitungen und Befestigungen, die demnach einmal die Symbole größter Modernität waren. Der ebenfalls symbolische Mittelpunkt des elektrifizierten Tczew ist eine Transformatorenstation unterhalb der Altstadt nahe dem Ufer der Wisła (Weichsel).

Auf quadratischem Grundriß erhebt sie sich turmartig. Um den unteren Teil, in dem vorne eine Metalltür ist, verlaufen auf dem hellen gelben Putz leicht vorstehende horizontale Bänder aus Backstein. Der höhere obere Teil ist durch etwas stärker vorstehende vertikale Streben, die unten und oben abgerundet sind, strukturiert. An den Seiten sind drei dieser Streben, hinten und vorne zwei. Der oberste Teil, das Dach, ist ganz leicht vorgesetzt und wird von einer schmalen horizontalen Bordüre in zwei Hälften zerteilt. Vorne flankieren die Streben mittige Metalllamellen und über ihnen ragt ein schmales und hohes Wappenschild noch höher als das Dach auf, wo neben ihm beidseits zwei schräge Zacken sind.

Es ist eine eigentümliche Architektur, nicht historistisch, aber auch nicht sachlich, sondern um eine Expressivität bemüht, die das Moderne der Elektrizität gleichsam nachzuzeichnen versucht, eine Architektur, die ausnahmsweise Art Déco genannt werden kann. Aus dem eckigen horizontalen Teil erwächst der runde vertikale, bevor Dach und Wappen den Abschluß bilden. Sie wollen das fast Klassische, jedenfalls konventionell Repräsentative dieses Turms sein, sind aber eher eine gewisse Inkonsequenz. Es ist, als traue die Architektur ihren bloßen Formen nicht und meine, noch eine Krone zu brauchen. Dazu paßt, daß sich das, was von vorne ein Dach scheint, von hinten als bloße Blende vor dem eigentlichen Flachdach offenbart.

Obwohl grundsätzlich Zweckbau, ist die unter den wenigen Resten der Stadtmauer gelegene Trafostation dort auch eine neue Art von Wachturm, der alten Stadt zugewandt, sie mit seiner Elektrizität beschützend und verjüngend. Seit circa 1936, als sie gebaut wurde, hat sich die Umgebung verändert. Leerstehende Fabriken, neue Mietshäuser, ein Sportplatz sind nun ihre Nachbarn.

So ist sie zum einen schon Denkmal einer anderen elektrischen Epoche, aber zum anderen auch noch in Benutzung. Noch immer spannen sich sogar überirdische Leitungen nach rechts und verbinden die Zeiten.