Archiv der Kategorie: Persönliches

La Dolce Vita in Gdynia

Eigentlich mag ich weder Möwen noch das Gdynskie Centrum Filmowe (Filmzentrum Gdynia) besonders. Jene sind aggressive Aasfresser, die den bescheideneren Tauben wie den intelligenteren Krähen das Leben schwer machen, dieses ist ein Stück irgendwie asymmetrischer Modearchitektur, wie ihn sich Städte gerne irgendwo hinstellen, um ein wenig Bilbao zu spielen. Doch wenn eine Möwe in dem irgendwie schiefen Becken unter dem irgendwie schiefen Gebäudeteil am Eingang ein Bad nimmt, werden beide wunderbar.

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Die Möwe näherte sich forschenden Schritts durch die Grünfläche an der rechten Seite, hüpfte flügelunterstützt über eine niedrige gläserne Brüstung und dann ins Becken. Das Wasser aber war so niedrig, daß sie darin stehen konnte. Nicht schwimmend, sondern gehend bewegte sie sich dort. Sie tauchte den Kopf ins Wasser, trank, schien mit dem Schnabel ihr Gefieder zu putzen und mit dem Fuß den Schnabel.

Von meinen Blicken ließ sie sich nicht stören. Nach einer Weile hüpfte sie an einer anderen Stelle mit wieder nur einem Flügelschlag hinaus. Kurz noch stand sie auf dem Weg, bevor sie mit Anlauf abhob und gen Meer flog.

Das Eigentümliche und Schöne an dieser Begegnung war, daß all das, was diese Möwe tat, auch ein anderer, nicht mit dem Wasser verbundener Vogel ausreichender Größe, eine Krähe etwa, hätte tun können. Für eine Weile legte die Möwe alles Möwenhafte ab, wiewohl im Wasser, war sie nicht mehr Wasservogel. Zudem wirkte dieser wilde Vogel in dem blaubeschichteten Becken vor dem expressiv schiefen Gebäude wie ein Zootier, ein Pinguin vielleicht, er domestizierte sich selbst.

Wenn das Gdynskie Centrum Filmowe einer Möwe zu einem Fellini-Zitat verhilft und anderen zum Kinobesuch, ist das ja schon etwas. Und zugunsten seiner Architektur kann man immerhin sagen, daß sie nicht zu viel Platz wegnimmt, was auch schon etwas ist.

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Von unbekannten Orten und ihrer Entdeckung

Manchmal hört man die Klage, daß es auf der Welt nichts mehr zu entdecken gäbe, daß alles erforscht und kartographiert sei. Das mag stimmen, doch was heißt das schon? Irgendjemand war überall, irgendjemand hat alles gesehen, aber ich ja nicht. Mit einer gesunden Dosis Sensualismus verschwindet das Problem sofort: man glaube nur, was man mit eigenen Augen gesehen hat. Selbstverständlich weiß ich, daß es beispielsweise Peru gibt, aber glauben, wirklich glauben kann ich es doch erst, wenn ich es gesehen habe.

Und bloß weil es über alles so viele Informationen gibt, heißt nicht, daß man nichts entdecken kann. Man muß die Informationen ja nicht einholen, bevor man auf die Entdeckungsfahrt aufbricht. Man kann jeden einzelnen Ort besuchen, als sei man der erste, der ihn besucht. Man kann sich selbst die Karten zeichnen, wenigstens im Kopf, die Sprachen der Einheimischen lernen und so ihrer Bauweise, ihren Sitten, ihrer Geschichte näherkommen. Bloß, weil etwas schon einmal jemand gemacht hat, heißt nicht, daß man es nicht wieder machen kann. Das tastende und staunende Entdecken von etwas ganz Anderem, das im 17. Jahrhundert ein jesuitischer Missionar in Vietnam oder ein Frankfurter Kaufmannsgehilfe in Moldawien erlebt haben mochte, es läßt sich wiedererleben, wenn man das denn will.

Aber selbstverständlich will das keiner. Die Klage ist nicht ernst gemeint. Das Entdecken neuer Orte als wäre man ihr Entdecker ist mühselig, vielleicht manchmal gefährlich, sicher oft frustrierend. Selbstverständlich will jeder lieber den ausgetretenen Wegen, die früher Baedeker, heute Instagram vorgeben, folgen. Daran ist auch nichts Falsches. Falsch ist nur die Klage, es gäbe nichts mehr zu entdecken, denn es gibt davon so viel wie eh und je.

Aus Autorenkollektiv: Mapa Turystyczna Uznam-Wolin/Touristenkarte Usedom-Wolin, Warszawa/Berlin 1980

Kegeln in Linköping

Gamla Linköping (Alt-Linköping) ist nicht etwa die Altstadt des südostschwedischen Linköping, sondern ein Freilichtmuseum am Rande der Stadt, wohin in den Fünfzigern und Sechzigern viele ältere Gebäude aus dem Zentrum versetzt wurden. Vielleicht ist das nicht die schlechteste Art, mit wertvollen Bauwerken, für die in der neuen Stadt einfach kein Platz mehr ist, zu verfahren. Wenn es sich wie in Linköping vor allem um Holzgebäude handelt, ist es wohl auch nicht besonders aufwendig. Aber es betrübt zu sehen, daß im Zentrum an die Stelle dieser früheren kapitalistischen Bebauung eben ganz und gar keine Stadt neuer Art, sondern nur andere kapitalistische Bebauung trat, und daß die alten Holzhäuschen im Freilichtmuseum nun eine Idylle simulieren, die es nie gab, als sie noch Teil einer lebendigen kapitalistischen Stadt waren.

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Wenn man auf all den Schildern liest, die Häuser seien in diesem oder jenen Jahr „flyttad“ („umgezogen“, hier eher „umgesetzt worden“), fällt es noch schwerer als sonst, nicht an das etymologisch nahe „geflüchtet“ zu denken, denn geflüchtet vor den Veränderungen in Linköping sind sie ja.

Die Funktion der meisten Gebäude von Gamla Linköping ist einfach zu erkennen, doch ein einziges verwirrt. Es steht gut sichtbar in einem Garten an der Ecke der Straßen Majagatan/Malmslättsvägen, wo das Freiluftmuseum endet.

Das Verwirrende an diesem offenen Holzbau mit Geländern und auf Doppelstützen ruhendem Satteldach ist seine Länge.

Wäre es rund, quadratisch, was auch immer, dann wäre es ein Gartenhäuschen wie die anderen ringsherum, die Ornamentik der Giebel und bei den Stützen paßt gut dazu. Es wäre ein typisches Produkt des 19. Jahrhunderts, hübsch vielleicht, weil es erhalten ist, aber nicht sonderlich erhaltenswert, da sich Adel und Großbürgertum auf der ganzen Welt ähnliches in die Gärten ihrer Villen gestellt hatten. Aber wieso ist es so lang und hat nur an einer Schmalseite einen Zugang? Auch die Details helfen nicht weiter.

Der Anfang ist am breitesten und hat seitliche Bänke, dann folgt ein langer schmaler Mittelteil, nach dem das Ende wieder etwas breiter wird. Hinten ist eine niedrige Barriere mit Gitter und nach kurzem Abstand ein verschlossener Kasten. An der linken Seite ist außen neben dem Geländer eine Art Rinne, einfach aus zwei in V-Form zusammengefügten Brettern gezimmert, die von hinten nach vorne leicht abschüssig verläuft.

Die gesamte Konstruktion sitzt auf niedrigen Steinstützen, was denn auch die einzige Spekulation über ihren Zweck fundieren mag: ein Steg für einen großen Gartenteich. Was sie tatsächlich ist, würde man so leicht nicht erraten: eine Kegelbahn.

Das erklärt sogleich alles, die Länge, die Aufteilung, die Barriere, vor der man nun auch metallene Markierungen für die Kegel bemerkt, und die Rinne.

Die ungewöhnliche Form des Gebäudes ergibt sich erstaunlicherweise aus seiner ungewöhnlichen Funktion. Viele Bürger hatten Gartenhäuschen in ihren Villengärten, aber nur wenige hatten dort so etwas wie der Linköpiger Beamte Adolf Wallenberg, der seine kägelbanan 1867 bauen ließ. Daß man bei diesem Gebäude wohl zuletzt an eine Kegelbahn gedacht hätte, liegt auch daran, daß das Kegeln heute als populäres, ja, proletarisches Vergnügen gilt. Diese großbürgerliche Kegelbahn zeigt, daß dies erst Ergebnis des nivellierenden und demokratisierenden 20. Jahrhunderts ist. Dabei hat sie durchaus schon alles, was auch heutige Kegelbahnen haben, bloß mußte das heute automatische Wiederaufstellen und Zurückschicken der Kugeln eben ein Bediensteter erledigen.

Kegel-, beziehungsweise Bowlingbahnen (der Unterschied zwischen Kegeln und Bowling ist für mich wie der zwischen dasselbe und das gleiche – nachvollziehbar, wenn er mir erklärt wird, aber völlig belanglos, so daß ich ihn sofort wieder vergesse), Bowlingbahnen gibt es im heutigen, nicht hinreichend neuen, aber doch sehr veränderten Linköping etwa in der Sporthallen (Sporthalle), die den Anspruch des Neuen noch am besten verkörpert.

In diesem eleganten, von zwei großen freistehenden Betonbögen mit Stahlseilen gehaltenen Hallenbau von 1956 sind sie nicht geradezu versteckt, aber doch nur Nebensache. Nicht durch den Haupteingang rechts, über dem in blauen Leuchtbuchstaben „Sporthallen“ steht, sondern über die linke Schmalseite bei Parkplätzen und Lieferzonen erreicht man sie.

An der Wand der Halle führt eine Betontreppe mit blauem Metallgeländer zu einer kleinen Tür und rechts steht in weit kleineren Leuchtbuchstaben „Bowlinghall“. Irgendwo hier, oder im Park, der nach einer komfortablen Unterführung folgt, wäre vielleicht ein besserer Platz auch für die neunzig Jahre ältere großbürgerliche Kegelbahn.

Indem die Verwandlung eines Sports unmittelbar zu sehen wäre, könnte sie an dieser Stelle mehr über Linköping, alt wie neu, und die Welt aussagen.

Altersruhesitz

Falls ich einmal ganz aufgeben sollte, will ich Alkoholiker werden und Tauben züchten.

Ein ausgesucht schöner Ort dafür wäre an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) in Oliwa in Gdańsk. Zwischen zwei dreigeschossigen kaiserzeitlichen Mietshäusern gibt es da ein deutlich zurückgesetztes Gebäude, das wie Teil eines anderen Bebauungsplans wirkt oder wie ein nur zufällig so exponiertes Hinterhaus. Es hat normale Fenster, nicht groß, nicht klein, aber zusätzlich ganz links vor den beiden oberen Geschossen eine Konstruktion aus Holz und Glas. Angeheftet an die Brandmauer des Nachbarhauses sind das weniger  verglaste Balkone als gläserne Räume, Wintergärten. Im Erdgeschoß ist ein ebenfalls nicht annähernd bis zur Linie der anderen Gebäude reichender Vorbau mit einem Schnapsladen und links vor diesem eine barocke Säule mit Maria und Johannes von Nepomuk.

Ich würde im zweiten Geschoß über dem Laden wohnen und hätte die Tauben vielleicht auf dessen flachem Dach. Jedenfalls würde ich die Tage trinkend in dem gläsernen Raum verbringen, hinausblickend auf meine Tauben, den genau auf meiner Höhe stehenden Johannes von Nepomuk, den Verkehr auf der Grundwaldzka und auf den Straßenbahnwendekreis Oliwa mit seiner bis weit in den Winter grünen Trauerweide.

Bis dahin werde ich auch dieses Jahr weiter regelmäßig hier schreiben.

U-Bahnhof Donaustadtbrücke

Der ungeneigte Leser dieses Blogs könnte mir vorwerfen, daß ich immer alles aus den Sechzigern, Siebzigern möge, während ich alles von heute schlechtmache, daß ich mithin bloß auf andere Art von der „Patina des Alters“ (Georg Piltz) geblendet sei. Mindestens in der Hinsicht, daß ich mir ein Gebäude aus diesen Jahrzehnten eher und wohlwollender ansehe, ist das auch wahr. Meine Entschuldigung könnte sein, daß solche Gebäude sonst zu wenig Betrachtung finden, daß ich hinsehe, wo andere wegsehen. Doch damit der Leser geneigter werde, sei hier einmal ein Gebäude aus jüngerer Zeit in positivsten Tönen beschrieben.

Erbaut wurde der Wiener U-Bahnhof Donaustadtbrücke im Jahre 2010. Architektonisch ist er so tadellos wie unscheinbar, viel roher Beton, viel grauer Stein in den beiden Eingangsbereichen, große Glasfläche um die Bahnsteige, allerdings mit horizontalen Streifen, wohl mehr den Vögeln zuliebe denn zum Sonnenschutz. Diese Ästhetik teilt er sich mit den anderen Stationen der östlichen Erweiterung der lila Linie U2. Wirklich erwähnenswert jedoch wird er durch seine städtebauliche Anordnung und seine Umgebung.

u-bahnhofdonaustadtbrueckeautobahn

Der Bahnhof befindet sich genau am Ende der namensgebenden Brücke, die Bahnsteige spannen sich über die tieferliegende Donauuferautobahn. Durch den einen Ausgang gelangt man direkt zur Neuen Donau, wo bald ein Steg zur Donauinsel führt. Er dient also ausschließlich dem, vor allem sommerlichen, Freizeitbetrieb, was aber auch schon der sichtbarste Nutzen ist.

Beim anderen Ausgang mußte der Nutzen erst geschaffen werden, da es keine ältere Bebauung oder sonst irgendetwas gibt. So führt eine unter deb aufgestützten Gleisen hängende Brücke in ein großes Park&Ride-Parkhaus. Und an der Seite ist auf leicht ansteigender Fläche ein tropfenförmiger Wendekreis mit mehreren Bushaltestellen angeordnet, von wo Busse ins Suburbia der Donaustadt oder auch zum Ölhafen abfahren. Erst durch das Parkhaus und vor allem die Bushaltestellen bekommt die U-Bahnstation für das Wiener Verkehrsnetz einen ganzjährigen Nutzen.

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Die Gestaltung des Wendekreises ist auch naheliegend und funktional, aber zugleich sieht man hier sehr schön, was die heutige Architektur von der der Sechziger und Siebziger lernen könnte. In dieser Zeit wäre an diesem Ort vielleicht eine Busstation entstanden. Nun müßte man so weit gar nicht gehen, es müßte dort kein zweites Schottentor sein, ja, es müßten nicht einmal Vordächer, die die Haltestellen mit der U-Bahnstation verbinden, errichtet werden. Aber was spräche dagegen, auf der leeren vertikalen Wandfläche neben dem Beginn der Bahnsteige eine große Uhr anzubringen? Oder auf der horizontalen Fläche unter dem Bahnsteig einen digitalen Abfahrtsanzeiger? Das sind Kleinigkeiten, die nützlich wären und dem Ort einen wiedererkennbaren Charakter geben würden.

Stattdessen ragt oben aus der vertikalen Fläche eine Leuchtröhre, ein Kunstwerk, von dem positiv höchstens zu sagen ist, daß es unmöglich als solches zu erkennen ist. Irgendwie bezieht es sich auch auf ein entsprechendes an der U-Bahnstation Donaumarina am anderen Ende der Brücke und macht sich so noch lächerlicher. An den flußseitigen Bahnsteigenden nämlich steht man wie auf Balkonen und blickt die Länge der Brücke entlang am übertrieben hohen Pfeiler mit den Stahlseilen vorbei zur Schwesterstation. Der Bezug zwischen den Stationen auf den beiden Seiten der Donau ist durch eine kleine Raffinesse der Architektur also bereits gegeben.

Der U-Bahnhof Donaustadtbrücke zeigt deutlich, daß es in der Architektur seit spätestens 1980 keinen Fortschritt mehr gibt, sondern nur noch eine Abfolge verschiedener Moden. Die gegenwärtige Architektur mag, wie in diesem Falle, nicht schlecht sein, aber sie schafft es nicht, in größeren zusammenhängenden Räumen zu denken. Die Bushaltestellen, die mit dem U-Bahnhof eine Einheit bilden müßten, werden nur als dessen Anhängsel begriffen. Und statt nützlicher und nicht einmal teurer Kleinigkeiten wie Uhren oder Anzeigetafeln gibt es nichtige und vermutlich nicht billige Kunst. Ist es da ein Wunder, daß ich mich lieber mit der Architektur der Sechziger, Siebziger beschäftige? Für eine zukünftige Architektur ist aus ihr jedenfalls mehr zu lernen.

Wie eine Wandkarte aus der DDR einmal nett zu Polen war

An Wandkarten kann ich mich aus meiner Schulzeit nur noch vage erinnern und ob sie heute durch Beamer-Projektionen minderer Qualität ersetzt sind, weiß ich auch nicht. Ich bin aber glücklicher Besitzer einer großen Wandkarte „Zur deutschen Geschichte 1917-1939“, die von Dr. H. Fiala gestaltet und vom VEB Hermann Haack, dem kartographischen Verlag der DDR, herausgegeben wurde.

wandkartegesamt

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Aus ihr kann man tatsächlich eine enorme Menge an Informationen über die deutsche Geschichte dieser Zeit, aber auch über die des europäischen Auslands erlangen. Wenn man etwa wissen will, wann es in einem Staat zur „Gründung einer kommunistischen Partei“ kam, zeigt es einem ein roter Stern mit Jahreszahl in einem Kreis.

wandkartegrossbritannien

Und wenn man wissen will, wo sich ein „Zentrum der Kampfaktionen der deutschen Arbeiterklasse Januar 1918 bis Oktober 1918“ befand, erkennt man es an einem weißen Kreis.

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Es ist also immer deutlich, daß es sich um eine Karte aus einem sozialistischen Staat handelt, die die Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung in den Vordergrund rückt. Daß es sich um eine Karte aus der DDR handelt, kann daran erkennen, daß sie für deren Gebiet deutlich mehr Informationen bietet als für Westdeutschland oder für die ehemals deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße.

Interessant ist wie bei jeder Karte auch hier das, was sie nicht zeigt. Viel ist das nicht. Trotz ihrer klar parteiischen Sicht kann man der Karte nicht vorwerfen, irgendetwas falsch darzustellen. Ein wenig aber läßt sie weg und das betrifft vielleicht nicht zufällig immer Polen.

wandkartepolen

Zuerst fällt auf, daß der Kartenausschnitt so gewählt ist, daß die Ostgrenze Polens zur Sowjetunion nicht zu sehen ist. Während sich noch sagen ließe, daß die dortigen Konflikte und Kriege mit der deutschen Geschichte nur indirekt zu tun haben, kann das für die Aufstände in Schlesien, die ebenfalls fehlen, kaum gelten, da sie erst die Grenze zwischen Deutschland und Polen nach dem ersten Weltkrieg bestimmten. Dafür könnte das Fehlen hier mit dem Fokus auf die Arbeiterbewegung begründet werden. Doch wieso fehlt in Polen die schwarze Flamme, die für die „Errichtung der faschistischen Diktatur“ steht? Ungarn hat sie und demokratischer als Horthy war Piłsudski kaum. Schließlich ist da die einzige eklatante und nicht zu entschuldigende Auslassung der Karte: die Teile der Tschechoslowakei, die sich Deutschland und Ungarn 1938 aneigneten, sind mit gestrichelten Linien eingezeichnet und entsprechend beschriftet, nicht aber der kleine Teil in Schlesien, den sich Polen herauspickte (und um den es schon 1920 einen Krieg geführt und verloren hatte).

Daß Polen 1938 gegenüber der Tschechoslowakei als Aggressor aufgetreten war, wurde den Schülern in der DDR vorenthalten. Vielleicht sollten sie einfach nicht davon abgelenkt werden, daß Polen ab 1939 unzweifelhaft neben der Sowjetunion größtes Opfer deutscher Aggression war (zufällig oder nicht scheint Deutschland auf der Karte ein aufgerissenes Maul zu haben, mit dem es Polen zu fressen droht). Es kann nur einen Schluß geben: Die Wandkarte wollte nett zu Polen sein. Ganz wie die gesamte Politik der DDR eigentlich.

Oberlausitzer Landschaft

Bei vielen spätsommerlichen Gängen durch das Vorland des Zittauer Gebirges, wenn Mähdrescher über die Felder fuhren und in der Ferne die Kühltürme des Kraftwerks Turów zu sehen waren, dachte ich, daß das doch das perfekte Sujet für ein sozialistisch-realistisches Gemälde wäre. An einem Spätsommertag dieses Jahres sah ich dieses Gemälde dann zum ersten Mal. Ich war im Wohngebiet Görlitz-Nord zufällig in die Ausstellung „DDR Kunsterfahrung“ (noch bis zum 2.4.2017) geraten, die ihre Räume in einer den Wohngebäuden vorgesetzten Ladenzeile hat, und da hing das Bild, durch das ich so oft gegangen war.

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Es wurde im schönen Jahre 1975 von Karl-Heinz Völker gemalt. Bloß die Mähdrescher fehlen und das dargestellte Kraftwerk ist nicht das polnische Turów, sondern das weiter nördlich auf der anderen Seite der Grenze gelegene „Völkerfreundschaft“ bei Hagenwerder. Aber sonst ist alles genau, wie ich es gesehen und mir für das Bild vorgestellt hatte. Im Vordergrund üppige Wiesen und goldene Felder, in der Mitte die vielen Kühltürme und Schornsteine, deren Rauch sich mit den Wolken des weiten blauen Himmels mischt, während die Mondlandschaft des Tagebaus nur ungefähr zu erahnen ist. Das ist die vom Sozialismus geschaffene Landschaft.

Heute ist vom Kraftwerk „Völkerfreundschaft“ nur noch die riesige Halle übrig, die wie ein Skelett in der Landschaft steht. Doch aus dem Tagebau wurde der große Berzdorfer See und dank ihm ist die Landschaft noch immer vom Sozialismus geprägt. Sie könnte, wenn Mähdrescher über die Felder fahren und in der Ferne die Kühltürme des Kraftwerks Turów zu sehen sind, andere Künstler inspirieren.