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Die Wetterau in der DDR

Durch die Wetterau gehen und an die DDR denken.

Blick in Richtung Frankfurt

Ich bin hier aufgewachsen, in zwei Dörfern an der Grenze zu Frankfurt und es schien damals sehr wichtig, daß das erste zu Frankfurt gehört und das zweite nicht, obwohl das doch nur der hessischen Gemeindereform der siebziger Jahre geschuldet war. Gerade hier, wo es noch heute wenig nach dem Rand einer Großstadt aussieht, erkennt man die Beliebigkeit der neuen Grenzziehungen: drei Dörfer nacheinander am selben Bach und das erste kam an Bad Homburg, das zweite an Frankfurt, das dritte an Bad Vilbel. Jedes von ihnen könnte gut darlegen, wieso es historisch gesehen mit den anderen beiden nichts zu tun hat, doch das Ziel einer Verwaltungsreform sollte ja gerade nicht sein, die administrative Zerstückelung von vor 1806 oder 1920 zu reproduzieren.

Die DDR hätte, wie es seit den Zwanzigern der Traum ist, von dem sogar die Sozialdemokratie der Siebziger in einem bald aufgegebenen Plan für eine Regionalstadt Frankfurt noch ahnte, weite Teile des Rhein-Main-Gebiets zu einem Groß-Frankfurt nach dem Vorbild des 1920 geschaffenen Groß-Berlin zusammengefügt. Die Wetterau, also die Landschaft nordöstlich von Frankfurt am Fluß Nidda, würde nicht dazugehören und doch sähe sie ganz anders aus. Wie, darüber denke ich bei all diesen Frühlingsspaziergängen nach.

Denn aufgewachsen bin ich hier, sehen gelernt aber habe ich in der DDR. Es war ein langer, widerspruchsvoller Prozeß der Begegnung erst mit den Stadträumen, die sie schuf, dann mit der Literatur, die diese behandelte und über sie hinausging. Er schuf eine Grundlage. Einst dachte ich, ich könne nur noch leben, wo einmal Sozialismus war, doch bald merkte ich, daß ich überall leben kann, weil ich die DDR in mir trage. Die DDR ist meine geistige Heimat. Wohin ich auch gehe, ich vergleiche alles mit dem, was ich in der DDR und in den anderen sozialistischen Staaten gelernt habe, wohlgemerkt nicht als mit einem unveränderlichen Ideal, sondern als einem Werkzeug für den Fortschritt. Meist ist die DDR denn auch nur im Hintergrund meiner Gedanken, ob in der Wetterau oder anderswo, denn so reizvoll Phantasien darüber, was der Sozialismus mit dieser Landschaft gemacht hätte, sind, wichtiger ist die Betrachtung der seit jeher kapitalistischen Realität.

Es sind also weniger die ewigen Einfamilienhausgegenden, diese Zersiedlung, die die einst meist auf Bach- oder Flußtäler beschränkten Dörfer in der Fläche aufblähte, die ich vergleiche, obwohl an ihrer Stelle in der DDR entweder nichts oder platzsparender und landschaftsprägender mehrgeschossiger fortschrittlicher Wohnbau wäre.

(Blick auf Oberdorfelden und Kilianstädten)

Es sind auch weniger die in den satten Fünfzigern und Sechzigern um- und zugebauten Ortskerne, deren Glasbausteine, Kachelmuster und Betongeländer neben Fachwerk und Schiefer heute den Reiz einer neuen volkstümlichen Architektur haben, obwohl sie in der DDR nicht oder nur in viel geringerem Maße so um- und zugebaut worden wären, während der neue Wohnbau den Bevölkerungszuwachs aufgenommen hätte.

In Ober-Wöllstadt

Es sind nicht einmal die Kriegerdenkmäler des ersten und zweiten Weltkriegs, die ungebrochene deutsche Tradition, obwohl in der DDR letzere nicht existiert hätten und neben erstere solche des Danks an die Sowjetarmee und des Gedenkens an die gefallenen Antifaschisten, die in der Wetterau vergessen sind, getreten wären.

Kriegerdenkmal in Nieder-Erlenbach (Willi Belz, 1932)

Nein, es sind eher die Einschränkungen, die Wege, die in der kapitalistischen Wetterau nicht zu gehen sind.

Wenn man von der Nidda die kurze Strecke nach Groß-Karben geht, folgt auf eine Allee ein großer Park.

Durch ihn verläuft ein langer Weg zwischen niedrigen Steinmauern mit rotem Abschluß, hinter denen gut sichtbar beeindruckende alte Bäume stehen, es ist ein herrschaftlicher Park.

Nur ein paar Ziegen grasen in ihm und irgendwo stehen alte Landmaschinen herum. Zugänglich ist er nicht.

Wenn man Ilbenstadt von einer ungünstigen Seite erreicht, muß man erst lange um eine hohe steinerne Mauer gehen, bevor man den Ortskern erreicht.

Auch hinter dieser Mauer, die kaum auch nur Öffnungen hat, erahnt man einen Park, der hier zu einem ehemaligen Kloster gehört. Zugänglich ist er nicht.

Solche unzugänglichen Flächen mitten in den Orten sind hier normal, man bemerkt sie nicht und auch ich würde sie nicht bemerken, wenn es nicht die DDR gegeben hätte. In der Wetterau herrscht Kapitalismus und das bedeutet Privateigentum an Grund und Boden. Wer Land besitzt, kann selbst entscheiden, wem er dieses zugänglich macht und es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um ein verschachteltes Gärtchen hinter einem umgebauten Bauernhaus oder einen riesigen Park handelt.

Was hier normal ist, war es in der DDR nicht. Parks wie diese wurden enteignet, was dadurch erleichtert wurde, daß ihre Besitzer Nazis oder sonstige Reaktionäre waren und sich rechtzeitig in den Westen, vielleicht zu Verwandtschaft in der Wetterau, geflüchtet hatten. Die Parks wurden Volkseigentum und wenn dieses Wort in Bezug auf Industriebetriebe etwas abstrakt sein mag, so erklärt es sich hier von selbst: sie wurden dem ganzen Volke zugänglich. Die, die in der Wetterau noch immer vor den Mauern und Toren stehen, konnten in der DDR hinein. Umwege wurden beseitigt, Erholungsorte geschaffen und dem Städtebau neue Möglichkeiten eröffnet. Was durch die Klassengesellschaft getrennt war, wurde zusammengefügt.

Den Wunsch der Architektur, neue Verbindungen zu schaffen, sieht man auch in der Wetterau manchmal. Im erwähnten Ilbenstadt steht an der Hanauer Landstraße das Bürgerhaus, ein großer zweigeschossiger Bau in einem typischen Stil der Siebziger, Beton, Glas, aber auch Backstein und ein teils schräges Dach mit schwarzer Verkleidung.

Rechts bei der Ecke ist ein Betonbalkon und daneben führt eine Treppe durch Nadelgebüsch den Hang hinauf, wo man erst merkt, daß das Gebäude dort nur noch flach ist. An den Balkon schließt eine große Terrasse an, über die sich halb ein Vordach auf dünnen runden Stützen spannt, in dem wiederum eine längliche rechteckige Lücke Licht zu einem ebensolchen Beet neben der Wand durchläßt. Der Name des hier befindlichen Restaurants, „Klosterschänke“, erschließt sich dadurch, daß in der Verlängerung von Vordach und Terrasse ein Turm steht.

Auf einem achteckigen Sockel in der Ecke der Mauer des Klosterparks hat sein Obergeschoß spitzbögige Fenster und ist genau wie die geschwungene Kuppel mit Schiefer verkleidet.

Die kontrastreiche Verbindung von Neu und Alt, die hier angestrebt wird, gleicht durchaus der Cottbusser Gaststätte „Am Stadttor“. Sie bleibt hier aber bloß optisch, was auch nicht wenig ist, der Turm ist für die Gäste auf der Terrasse im neuen Gebäude aufgehoben, aber räumlich bleiben sie getrennt, der Park ist so unzugänglich wie eh und je und auch bis vor das Kloster ist es noch ein ganzes Stück an der Mauer entlang.

Wie der Kapitalismus die Architektur, die manchmal das Richtige will, behindert, das sehe ich oft, wenn ich durch die Wetterau gehe und an die DDR denke. Vor allem aber weiß ich dank der Anschaung der DDR, daß es auch anders geht.

Städtebau und Coronavirus oder Wann ist ein Park ein Park?

Für mich war es der sprichwörtliche Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, als am 1.4.2020 in Polen die Strände und Parks geschlossen wurden. Denn so sehr es mir fehlte, am städtischen Leben wenn schon nicht viel teilzunehmen, so es doch in Großraumbüros, Straßenbahnen und Fast-Food-Restaurants wenigstens zu erleben, alle sicher sinnvolle Einschränkung war halb so schlimm, wenn zehn Minuten von meiner Wohnung in Gdańsk-Przymorze der Strand von Jelitkowo wartete und fünf Minuten von ihr der Park Reagana (Reagan-Park). Aber darauf verzichten? – Nein! Ich trat, da das als Insel der Normalität jenseits des Meeres lockende Schweden die Schließung der polnischen Strände womöglich nicht als zwingenden Einreisegrund akzeptiert hätte, die Reise nach Deutschland an – „Home is where when you go there, they have to let you in“ (John Dolans Paraphrase einer Zeile von Robert Frost).

Dabei hatte ich es noch gut, denn direkt vor meiner Wohnung, keine Minute mit dem Aufzug oder der Treppe, habe ich eine großzügige Grünfläche, in der im polnischen Frühjahr Forsythiensträucher und Kirschbäume blühten und Weiden ihren Anspruch, zu den immergrünen Bäumen gezählt zu werden, deutlich machten, während auch alle anderen Pflanzen erste Knospen bekamen. Ich wohne in einem blühenden sozialistischen Wohngebiet. Ein Park ist die Grünfläche vor meinem Gebäude nicht, dem Namen nach nicht und nicht nach Definition der polnischen Behörden. Aber selbst wenn, wie wollte man sie sperren, wenn sie so eng mit der Gesamtstruktur des Wohngebiets verwoben ist, daß sie sich nur auf bizarren Umwegen vermeiden ließe?

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Es stellt sich die Frage, was einen Park zum Park macht. Groß genug, um mit einem wohlklingenden Namen versehen grüne Lunge einer enger bebauten Gegend zu sein, ist meine Grünfläche allemal. Hier aber ist sie nur ein winziger Teil der Grünflächen des Wohngebiets Przymorze und der fast nahtlos im Süden und im Norden anschließenden Wohngebiete Zaspa und Żabianka. Auch ohne die offiziellen Parks, die es auch hier gibt, haben die Bewohner dieser Gegenden alle Vorteile von Parks direkt vor der Haustür. Überkommene Bezeichnungen wie Park – und in geringerem Maße auch Platz oder Straße – werden, wie man merkt, in solchen neuartigen und fortschrittlichen Stadträumen geradezu unsinnig. Ein Nebeneffekt des offenen Städtebaus von Wohngebieten wie diesen und unzähligen anderen, die einst in sozialistischen wie kapitalistischen Staaten entstanden, ist, daß er durchaus coronagerecht ist. Andere Aspekte, etwa die Aufzüge, die offiziell nur noch einzeln benutzt werden dürfen, verursachen zwar wiederum Probleme, aber heute mehr denn je ist es ein Glück, in solch einem Wohngebiet zu wohnen. Den Park kann uns keiner nehmen.

Nicht zuletzt zeigen die parkartigen Grünflächen vor meinem Gebäude und darüber hinaus, wie widersinnig die polnischen Schließungsmaßnahmen sind: sie treffen die offenen Räume, wo sich Menschen gut aus dem Weg gehen können, während die engen Gehsteige insbesondere in Gegenden mit dichter Blockrandbebauung weiter benutzt werden müssen und bloß noch voller werden. Dies war auch der eigentliche Grund für meine Abreise, denn ich kann zwar überall Vieles hinnehmen, aber meine Vernunft kann ich mir auch gleich in meiner Muttersprache beleidigen lassen.

Turiner Einzelheiten: Ein Eckbau aus Backstein

Das folgende kleine Beispiel soll zeigen, wie wichtig es ist, in jedem Land die Architekturbetrachtung völlig neu zu lernen, da man sonst nichts verstehen oder, schlimmer, alles mißverstehen wird.

Das Eckhaus Via Milano/Via Corte d‘Appello (Mailänder Straße/Berufungsgerichtsstraße) im engsten und ältesten Teil Turins westlich des Piazza Castello (Burgplatzes). So hoch wie die angrenzenden historistischen Gebäude, aber so schmal, daß es zu jeder Seite nur ein Fenster pro Geschoß hat und freistehend ein Punkthaus wäre. Im Erdgeschoß ein verglaster Ladenraum, das Dach leicht überstehend, aber nicht weiter betont. Es ist ganz seine backsteinerne Fassade, auf der dicht an dicht horizontale Streifen aus vorgesetzten Backsteinen verlaufen und eine Rillenstruktur bilden. Nur um die Fenster im dritten und vierten Geschoß sind oben und unten glatte Backsteinflächen, beziehungsweise im vierten Geschoß unten ein weiterer Fensterteil, Über ihnen bilden schräge Backsteinstreifen rundbögige Kränze, was sie, wiewohl ohnedies rechteckig, viel vertikaler und viel näher an konventioneller Ornamentik wirken läßt als sie es eigentlich sind.

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Sieht es schon in den oberen beiden Geschossen aus, als ob die horizontalen Streifen nach unten abknicken, um diese Kränze zu bilden, so wird das bei den Fenstern im zweiten Geschoß noch deutlicher. Beidseits von ihnen sind die schräg nach unten abgeknickten Streifen auf solche Weise versetzt, daß oben schmaler und unten breiter ausgewölbte Formen entstehen.

Eigenartigerweise sind die Auswölbungen an beiden Seiten nicht einmal völlig regelmäßig und gleich groß. Diese Ornamentik, die ganz aus der regelmäßigen Rillenstruktur erwächst, hat keinerlei historische Vorbilder mehr. Hier wird der Backstein, dieses sehr typischer Turiner Material, das anderswo in historisierende Formen gepreßt ist, auf ganz neuartige Weise verwendet.

Mehr ist an dem Gebäude nicht, weshalb auch schwer ist, es zeitlich einzuordnen. Ich schloß, daß es letztlich aus der Zeit des Faschismus stammen muß, weil es für frühere zu schlicht und für spätere zu handwerklich ist. Der schmale Grundriß in der Ecke wie die einfache, aber auffällige Fassade lassen es als Werbung für das Geschäft im Erdgeschoß verstehen.

Diese Einschätzung war völlig falsch. Tatsächlich handelt es sich um den 1788 erbauten Sockel des geplanten neuen Torre Civica (Stadtturms). Er wurde errichtet, noch bevor auch nur klar war, wie der Turm aussehen sollte, aber das war auch egal, da er letztlich nie gebaut wurde. Seine heutige Gestalt hat der Sockel vermutlich aus dem Jahre 1822, wobei in den erhaltenen Plänen zwar die konventionelleren oberen Fenster, nicht aber die unteren eingezeichnet sind.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009

Nicht ein geplantes modernes Gebäude aus der Zwischenkriegszeit, sondern letztlich eine vom Zufall geformte Investitionsruine für einen beinahe noch mittelalterlichen Gebäudetyp steht an der Ecke.

Meine so große Fehleinschätzung liegt darin begründet, daß es ein durch und durch italienisches Gebäude ist, daß es im Norden niemals geben könnte. Auch die Nebengebäude, die ich auf den Historismus des späten 19. Jahrhunderts schätzte, sind hier vermutlich hundert Jahre älter. Die einzige Möglichkeit, solche Fehler in Zukunft zu vermeiden, ist, in Italien alles, was man über Architektur zu wissen glaubt, zu vergessen und von Neuem zu lernen. Das gilt für jedes Land, auch für auf den ersten Blick noch ähnlichere.

Verliebt in Kaliningrad

Sofort auffällig ist in Kaliningrad die Menge an guter realistischer Kunst mit sozialistischem Anspruch, was eine Gemeinsamkeit mit der DDR  oder Ungarn und einen Unterschied zu Polen und erst recht der Tschechoslowakei darstellt. Im Schatten der Bäume des Parks, der die Stelle der Altstadt einnimmt, ist es leicht, sich in die aus weißem Stein gehauene Skulptur einer jungen Arbeiterin zu verlieben.

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Ihr Blick ist nachdenklich und ernst, ihr Haar hinten von einem Tuch zusammengehalten, ihr Hemd schlicht. Den linken Arm hält sie rechtwinklig vor dem Bauch und in ihrer linken Hand ruht der Ellenbogen ihres nach oben gefalteten rechten Arms, in dessen Hand sie einen kleinen Strauß Blumen an die Schulter hält. Auch diese Haltung ist nachdenklich und ernst, nicht abweisend oder einladend, eher so, als sehe man sie in einem privaten Moment nach einer Feier oder einem Rendezvous. Aber ihr Gesicht wie ihr Körper sind schön, auch wenn dieser nur bis kurz unter den Hüften reicht, wo er auf einer schmalen rechteckigen Sockelstele aus schwarzem Stein ruht. „Современница” (Zeitgenössin) lautet einer der Namen dieser 1973 von Valeria Semenowa geschaffene Skulptur.

Überhaupt haben viele der Skulpturen deutliche Sockel, was wiederum von einem gewissen Konservatismus zeugt. Auf einer niedrigen runden Stütze und einer quadratischen Platte steht auch die Bronzeplastik eines schlanken nackten Jungen mit ausgebreiteten Armen, von dem nach hinten wie nach vorne zwei den Körperformen entsprechende Hüllen schräg abfallen.

Er ist doch wohl der neue Mensch, gezeigt im Moment, da er die Hüllen des Alten absprengt und frei hervortritt.

Fast wird dieses 1980 entstandene Werk von Zinaida Romanowa dadurch geschmälert, wenn man seinen nichtssagenden Titel „Мир без войны” (Welt ohne Krieg) kennt. Aber so wie sie ist, nicht wie sie heißt, könnte die Plastik zugleich eine Personifizierung von Kaliningrad sein, das sich recht konsequent von allem Alten befreit hat. Wie um das zu betonen, landete, als ich dort stand, eine schöne Taube mit schwarz-weiß gesprenkeltem Kopf und schwarz-weißem Gefieder auf der vorderen der Hüllen.

Košljun

Nach Košljun waren wir zweimal gefahren.

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Das erste Mal war es die erste Fahrt mit dem gemieteten Kajak, dessen grüne Farbe Robert gewählt hatte und das „Iris“ zu taufen uns erst nachträglich eingefallen war. Als wir auf der Klosterinsel ankamen, hieß uns ein alter Mann von der Kasse her, unsere Oberkörper zu bedecken, was recht ironisch war, da seine Mitfranziskaner direkt daneben ebenso halbnackt im Meer badeten. Da wir kein Geld dabeihatten, blieb uns nichts anderes, als um die Insel herum zum Zeltplatz am Rande von Punat zu fahren. Als wir wieder ankamen, war der Mann nicht da und wir sparten uns das Eintrittsgeld. „Karma“, meinte Robert, „der heilige Franziskus“, sagte ich.

Jetzt hatten wir Košljun für uns, die kleine, fast kreisrunde Insel in der Bucht von Punat auf der Insel Krk an der kroatischen Adriaküste.

Einen perfekteren Ort für irgendeine Art von Befestigung oder Herrschersitz kann es kaum geben und so ist hier also ein Franziskanerkloster, das weit ältere Klostertraditionen fortsetzt.

Von der Anlegestelle an der meeresabgewandten Seite führt ein gerader Weg auf den Klosterkomplex zu.

Wohngebäude links, andere rechts, die Kirche mit Turm geradeaus und in der Mitte der quadratische Kreuzgang, der alles zusammenfaßt und verbindet. In seinen regelmäßigen schmucklosen Rundbögen und dem mittigen Brunnen erst ist die bis auf die Renaissance zurückgehende, aber eigentlich alterslose Architektur mehr als bloße Mauern und rote Dächer, hier erst verwandelt sich der allgegenwärtige Stein von Krk.

Der Kreuzgang ist wirklich Herz des Klosters, nicht nur Anhängsel, sondern funktionaler Kern, von dem alles andere erschlossen ist, still und friedlich auf der stillen und friedlichen Insel.

Robert fühlte sich im Kreuzgang an „Game of Thrones“ und Kings‘ Landing erinnert, ich hatte ob der geschnitzten Querbalken unter dem Satteldach der Kirche skandinavische Assoziationen.

Im Kreuzgang und in der Kirche sind alte Gräber mit lateinischen Inschriften, aber ansonsten ist die meiste künstlerische Ausstattung eher medioker. Weshalb eine Kopie der altkirchenslawisch beschrifteten Bašćanska ploča (Baškaer Tafel), die aus der Stadt Baška im Süden von Krk stammt und in Zagreb aufbewahrt wird,  in den Kreuzgang gestellt wurde, ist unklar. Bei der Anlegestelle steht eine neue Plastik des heiligen Franziskus mit einem Hund, in der Kirche mischt sich Barock mit teils sehr Neuem und in zwei Kapellen des Kreuzwegs sind Wandbilder aus den Siebzigern, die in einem kitschig realistischen Stil Religiöses wie tatsächliche Mönche der Zeit zeigen und sicher von einem von ihnen stammen.

Abgeschiedenheit, sieht man hier, ist künstlerischer Qualität oder Geschmack nicht zuträglich.

Aber da ist die Insel selbst. Sie ist von urwaldartig dichtem Wald, durch den vielerlei Pfade führen, bedeckt. Man spürt, daß sich die Vegetation hier anders als auf dem übrigen Krk ungestört entwickeln konnte, schon von dort besehen ist sie grüner als die steinigen Hänge der Bucht.

Am Rande sind niedrigere Sträucher und als Abschluß eine Mauer aus gestapelten Steinen, die mehr gegen die Gezeiten als gegen eventuelle ungebetene Besucher schützen soll.

Darüber, welche Abenteuer die örtliche Jugend mit der nahen und doch abgeschiedenen Klosterinsel erleben kann, spekulierten wir beim Schlendern durch den Wald viel.

An der Rückseite des Klosterkomplexes ist der Friedhof. Zu den ältesten und faszinierendsten der erhaltenen Grabsteine gehören zwei Gräber von Frauen, was auf der Insel eines Männerklosters erst einmal überrascht; sie sind den Müttern von Mönchen gewidmet sind.

Das Grab der Margerita Vitezić von 1859 ist auf serbokroatisch, das der Luigia Fischthaler von 1877 ist italienisch beschriftet, was zugleich ein Hinweis auf die damaligen Nationalitätenverhältnisse im Kloster ist.

An der Wand hängt ein großes Mosaik in Blautönen mit abstrakten Formen. Zwar hat es einen kreuzförmigen Umriß, aber ansonsten ist der Inhalt mit einem T-Kreuz, einem kleinen Gesicht im Profil und einem Hasen (?) nur vage religiös und erinnert etwa an die Weltraummosaike im Bahnhof von Cheb. Seitlich neben ihm hängen weitere Mosaiken mit einigen Zeilen aus Franz von Assisis Sonnengesang in Altkirchenslawisch und Serbokroatisch in lateinischen Buchstaben, während darunter ein RIP für all die hier begrabenen Mönche steht.

„Gelobt seist Du, mein Herr, durch alle deine Geschöpfe. Gelobt seist Du, mein Herr, durch unsere Schwester, den körperlichen Tod, dem kein Sterblicher entgehen kann. Selig, wen du durch deinen heiligsten Willen aufnimmst.“

Daß das Altkirchenslawische, eine ansonsten nur noch in der orthodoxen Liturgie gebrauchte Sprache, hier von einem katholischen Kloster gepflegt wurde, ist vielleicht die größte Überraschung auf der Insel. Zudem rettet es die Ehre des Klosters, daß es sich hier mit ein wenig  jugoslawischer Kunst höherer Qualität aus den sechziger oder siebziger Jahren schmückte.

Als wir Košljun zum zweiten und letzten Mal verließen und es hinter uns kleiner werden sahen, waren wir so zufrieden, wie wir es nach nur einem Besuch nie gewesen wären.

Tiere im Falowiec

Die Vorstellung, daß einen das Leben in hohen Gebäuden von der Natur entfernte, ist ganz falsch. Es kommt bei allen Gebäuden, niedrigen wie hohen, vor allem darauf an, wie die Umgebung aussieht. Wenn diese wie in fortschrittlichen Wohngebieten aus üppigen Parklandschaften besteht, bringt einen das Leben in hohen Gebäuden der Natur im Gegenteil näher.

In meiner Wohnung im neunten Stock eines Falowiec (Wellenhauses) in Gdańsk-Przymorze ist die Tierwelt nie weit. Schon, wenn ich aufwache, ist es nicht unwahrscheinlich, daß ich eine Taube auf meiner Balkonbrüstung sitzen sehe oder, seltener, eine Elster oder einen Spatzen. Wenn ich aufstehe und hinausblicke, gehören die Lüfte über Przymorze ganz den großen Silbermöwen und Nebelkrähen, zu denen sich noch die kleinen Lachmöwen gesellen. Im Sommer sind auch Schwalben zu sehen, aber die, klein, schnell, hochfliegend, gehören in eine andere Welt. Da es kein Wasser gibt, verirren sich Enten nur selten hierher, am ehesten hört man nachts ihren schnatternden Flug. Unten in den Grünanlagen gehen Leute mit ihren Hunden spazieren und vor allem abends kommen Katzen, die hier halb wild leben, hervor, doch auch der Boden gehört letztlich den Vögeln. Sie gehen hier ihrem Tageswerk nach: der Nahrungssuche, dem Überleben.

Ist das Artenvielfalt? Vermutlich nicht. Es wäre zweifelsohne interessant zu sehen, welchen Einfluß ein Greifvogel, etwa der Sperber, der im Frühling mal auf meinem Balkon saß, auf die Vogelwelt hätte und Papageien gäben einen hübschen Farbakzent, aber wenig ist auch das Vorhandene nicht. Es sind alles Tiere, die mit dem, durch den Menschen leben. Was ihr natürlicher Lebensraum sein mag, interessiert sie wenig, sie leben hier in dem, was wir für uns geschaffen haben. Für die Elstern, Spatzen, Dohlen stehen im Mittelpunkt recht konventionell die Bäume. Die Krähen sind ohnehin nur zu Besuch und überall wie nirgendwo. Die Möwen mögen die Dächer der niedrigeren Gebäude und die Laternen. Die Tauben bewohnen den Falowiec, der mit seinen vielen Balkonen und den dort im Laufe der Zeit von den menschlichen Bewohnern geschaffenen Winkeln und Nischen besser für sie geeignet ist als mancher natürliche Fels.

Die verschiedenen Vogelarten leben gemeinsam und nebeneinander in Przymorze. Gemeinsam fressen sie die Brotreste, die ihnen hingeworfen werden, oder was auch immer einer Krähe aus einem Mülleimer zu holen gelang, aber sie konkurrieren dabei auch immer. Wo die Krähen ihre Intelligenz und die Silbermöwen ihre schiere Größe und Aggressivität einsetzen, müssen die anderen sich auf die richtige Mischung aus Vorsicht und Risikobereitschaft verlassen. Meister darin, falls das kein Widerspruch in sich ist, sind die Tauben.

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Überhaupt die Tauben. Von allen Tieren passen sie am besten zur fortschrittlichen Architektur: sie sind grau, einfach, naheliegend, aber haben auch einen überraschenden Moment schillernder farbiger Schönheit. Da sie sich am liebsten auf den Balkonen, Brüstungen, Fensterbänken aufhalten und auch nicht davor zurückschrecken, durch offene Balkontüren zur Erkundung in Wohnungen zu gehen, wird man sie beim Leben in der Höhe am besten von allen Tieren kennenlernen. Die ständigen Bewegungen des Kopfs, um möglichst alles zu sehen. All die Zeichnungen des Gefieders und die stetig changierenden Farben der Halsfedern in verschiedenen Lichtsituationen. Der Flug, vom flatternden Aufsteigen über den eleganten Segelflug bis zum waghalsigen Sprung vom Balkongeländer ins Leere, der für sie so normal ist wie für uns unvorstellbar. Das Gurren der Balz. Die immer nur kurzen Kämpfe mit Picken und Flügelschlagen. Das stille und schicksalsergebene Dasitzen in der Dunkelheit, plötzlich ganz frei von der Angst und Vorsicht, die sie durch den Tag gebracht hatten.

Nicht nur näher bringt einen das erhöhte Leben der Natur, sondern es eröffnet auch ganz neue Perspektiven auf sie. Im kleinbürgerlichen Einfamilienhaus mag man sie in einzelnen Einblicken erleben, hier oben im poor man’s penthouse (Penthouse des armen Mannes) hat man sie im Überblick. Es ist gar nicht möglich, auf dem Balkon zu sitzen, ohne wenigstens aus den Augenwinkeln verschiedenste Vögel im Flug zu erleben. Vögel sind von hier gesehen nicht mehr etwas, das fern über einem ist, sondern etwas im weiten Bereich vor einem. Oder ganz nah bei einem. Nichts eigenartiger Schönes, als vom Balkon im neunten Stock aus die Lachmöwen zu füttern, ihnen Krumen hinzuwerfen und sie von ihnen aufgeschnappt zu sehen, während sie vor einem in der Luft gleichsam stehen. Oder oft gar unter einem. Nichts Majestätischeres als der Anblick einer Silbermöwe, die viele Stockwerke unter einem langsam am Gebäude entlangsegelt.

Die Schönheit und Majestät ist jedoch nicht die des Vogels im Flug, sondern die des Menschen, dessen Größe diesen Anblick ermöglicht. Aus einem hohen Gebäude kann die Natur nah und schön sein, aber immer als etwas, das vom Menschen gestaltet, also recht eigentlich erst geschaffen ist.

Essen in Velké Meziříčí

Das beste Essen meiner tschechoslowakischen Reise 2018 hatte ich in Velké Meziříčí etwa im Jahre 1985.

Ein Flachbau am Hang beim Bahnhof Velké Meziříčí zastávka (Velké Meziříčí Haltestelle), vorgesetzte Terrasse mit Hochbeet im Betongeländer, verglaste Vorderseite, von einem gemeinsamen Foyer in der Mitte erschlossen eine kleine coop Jednota-Kaufhalle rechts und das Bufet „U zastávky“ (Bei der Haltestelle) links, was oben unter dem Dach auch in weißen Rechtecken mit grünen Buchstaben als „Bufet“ und „Potraviny“ (Lebensmittel) ausgepriesen ist.

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Ein Raum mit holzgetäfelten Wänden, nicht klein, nicht groß, nicht eng, nicht geräumig, sondern genau so, wie er sein muß. Stühle mit rotem Kunstlederpolster und weißem Saum, auf Stahlstützen im Boden befestigte Tische mit roten und grünen Tischdecken. Direkt neben der Glastür die Theke, wo ein älterer Mann, Herr Pěchota, das Essen ausgibt, nicht unfreundlich, nicht freundlich, nicht abweisend, nicht jovial, sondern genau so, wie er sein muß. An der Wand hinter ihm steht das Essensangebot des Tages und vor ihm schon die Fleischstücke, damit er nur noch die Soße darüber gießen und die knedlíky (Semmelknödel) dazulegen muß. Ich bestellte svíčková (Lendenbraten), er verstand sekaná (Hackbraten), aber das war die bessere Wahl. Wohl da ich recht spät kam und nichts davon mehr sehr warm war, stellte er es kurz in eine riesige Mikrowelle der Firma National. Jede andere Mikrowelle hätte im tschechoslowakischen Jahr 1985 anachronistisch gewirkt, aber dieses Modell der heute besser als Panasonic bekannten japanischen Firma kann man sich als teuren Import aus dem kapitalistischen Ausland gut vorstellen. Gleiches gilt für die beiden softpornographischen Aufnahmen an der Holzvertäfelung nach dem Ende der Theke, gleich hinter dem Getränkeangebot aus bereitstehenden Dessertdrinks und zu zapfendem Bier, bloß die Schamhaare fehlten. In der Wand sind weiterhin noch die Durchreiche der Geschirrückgabe und die Tür zu den Toiletten.

Das Essen konnte in dieser Umgebung nur gut sein und das Publikum war so gemischt und unprätentiös, daß ich mit langem Haar und bunter Tasche wohl als Tscheche hätte gelten können, wenn ich denn Bier getrunken hätte. Die Lage mit Fensterfront auf die Terrasse, das Grün und die eingleisige Bahnstrecke hätte nicht besser sein können, doch wenn das Gebäude sich zur andere Seite öffnete, würde es einen einzigartigen Blick über die Stadt bieten. Kirchturm, Schloß und Autobahnbrücke lägen zum Greifen nahe vor einem.

Für die Tschechoslowakei wäre das vielleicht besser gewesen, aber das Bufet wäre dann auch so ein unverkennbar perfekter Ort, daß es sich das Jahr 1985 wohl kaum über dreißig lange Jahre Kapitalismus so unverfälscht bewahrt hätte.

Möbel in Gdańsk

Geschichte liegt auf der Straße, im übertragenen wie im konkreten Sinne. Etwa die Möbel in den Straßen von Gdańsk, bei den Hauseingängen, bei den Müllplätzen.

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Es handelt sich um typischen halbwilden Sperrmüll, der daraus resultiert, daß Wohnungen renoviert werden.

Fast alle Möbel stammen daher noch aus der sozialistischen Zeit, aus der PRL (Volksrepublik Polen).

In der ehemaligen DDR wäre das meist anders, da die Menschen dort schon in den Neunzigern genug Geld hatten, sich zeitgemäße neue Billigmöbel zu kaufen.

In Polen hingegen war es den meisten nicht möglich, funktionierende Möbel einfach wegzuwerfen. Erst jetzt, da Leute die in den Siebzigern, Achtzigern eingerichteten Wohnungen ihrer verstorbenen oder anderswo abgestellten Großeltern übernehmen, füllen sich die Straßen.

Man kann hier wirklich alles finden, was man zur Einrichtung einer Wohnung bräuchte, von verschiedensten Schränken, Betten, Tischen, Stühlen für Wohn-, Schlaf-, Eß-, Kinderzimmer, Bad, Küche bis hin zu Haushaltsgeräten wie Kühlschränken.

Auch Türen sieht man und sogar eines der breiten und stabilen Fensterbretter, die zu den großen Vorzügen der Falowiec-Wohnungen gehören, stand einmal neben dem Aufzug.

Bei den Haushaltsgeräten scheint die Retromode noch nicht angekommen zu sein, obwohl es doch kaum einen größeren Ausdruck von Luxus gäbe als einen Kühlschrank der Marke „Szron“ (Tau) mit stilisiertem Tannenlogo und gewiß enormem Stromverbrauch bei geringer Leistung.

Vieles andere ließt sich in Berlin gewiß gut als Vintage verkaufen und gewiß haben findige Unternehmer in grenznäheren Städten dieses Potential schon lange erkannt.

Es ist eine wahre Freiluftgalerie der Designgeschichte, durch die man hier geht.

Der vielfach variierte Grundton ist das Braun von furniertem Holz, zu dem oft kräftige Farbakzente von Bezugsstoffen kommen.

Die Formen sind minimalistisch und funktional, allein die Stühle und Sessel erlauben sich manchmal expressivere Elemente. Schnörkel oder auch nur Blumenmuster sind selten. Wer sich mit dem Thema besser auskennt, wird in den Gdańsker Möbeln vielleicht Parallelen zu IKEA-Modellen der gleichen Zeit finden, denn bekanntlich hatte diese Firma ihre Produktion schon in den Siebzigern nach Polen outgesourct, was ihren Gründer reich und zum Alkoholiker machte.

Auf den Rückseiten der Möbel sind oft noch Aufkleber in gelblich verblichenem Papier, die neben technischen Daten den Herstellungsbetrieb und -ort, manchmal auch aufgestempelt Verkaufspreis und -jahr verraten.

Sie sind sich alle ähnlich, aber nie identisch. Sehr selten kommt zur Schrift ein Logo hinzu.

Es tut sich hier eine recht verwirrende Fülle von Betriebsformen auf, die zu verstehen man eine tiefere Kenntnisse der Wirtschaftsstruktur im sozialistischen Polen und deren Veränderungen über einen Zeitraum von immerhin vierzig Jahren bräuchte.

Fabryki meble (Möbelfabriken) scheinen sich von selbst zu erklären, aber am häufigsten ist die spółdzielna pracy (Arbeitsgenossenschaft), was offenbar einfach der sozialistisch angehauchte Name für eine nicht-staatliche Firma ist.

Oft sind dabei die Betriebe aus einem Ort einem zweiten aus einem anderen, größeren untergeordnet und über alles legt sich irgendwann der Krajowy Związek Spółdzielni Meblarskich (Landesverband der Möbelgenossenschaften) mit Sitz in Warschau.

Die Form eines przedsiębiorstwo państwowe (staatlichen Betriebs) ist selten, öfter noch gibt es die spółdzielna inwalidów (Invalidengenossenschaft), eine spezifisch polnische Betriebsform, die sogar heute noch in irgendeiner Form fortexistiert.

Die Herstellungsorte zeigen, daß die Möbelindustrie im sozialistischen Polen stark regional gegliedert war. Fast alle stammen aus Orten, die nicht mehr als hundertfünfzig Kilometer von Gdańsk entfernt liegen, ein nicht kleiner Teil sogar direkt aus der Trójmiasto (Dreistadt) oder unmittelbar angrenzenden Orten. Oft sind es sehr kleine Orte, was auf sehr kleine Betriebe hindeutet.

Umso faszinierender sind daher Importe aus anderen sozialistischen Ländern, die man ausschließlich an den Aufklebern, niemals am Design erkennt.

Ein Kühlschrank der ungarischen Marke „Lehel“ (eine halbmystische Gestalt der magyarischen Frühgeschichte) gibt sich auf dem ansonsten ungarischsprachigen Schild weltgewandt als „Made in Hungary“.

Ein russischsprachiger Aufkleber wurde mit dem eines polnischen Betriebs überklebt, so daß sich der Herstellungsort in der Sowjetunion leider nicht mehr feststellen läßt.

Am häufigsten vertreten ist die DDR. Da ist der VEB (K) Holzindustrie Barth-Mecklenburg mit einer hübschen Kommode im Logo.

Da ist ein „Export: VR Polen“ des VEB Holzindustrie Halberstadt, der sogar zweisprachig beschriftet ist. Bei einzelnen Worten ist die Übersetzung ins Polnische noch tadellos oder wenigstens verständlich, aber an der Formulierung „Produkt entspricht dem vom DAMW geprüften und bestätigten Muster“ scheitert sie völlig.

Und da ist der „VEB Vereinigte Möbelf“, wie auf dem halb abgerissenen Aufkleber noch zu erkennen ist.

Auch dieser Aufkleber ist zweisprachig und die polnische Übersetzung enthält einen markanten Fehler: „artykół” statt „artykuł“. Da ó und u im Polnischen denselben Lautwert haben (sogenanntes geschlossenes und offenes u), ist dies ein Fehler, der besonders Muttersprachlern und anderen, die zuerst wußten, wie Worte klingen und erst danach lernten, wie sie geschrieben werden, unterläuft. Wer Polnisch im Ausland als Fremdsprache lernte, kannte hingegen das Schriftbild wohlmöglich schon vor dem Klang und würde eher nicht das fremdartige ó an die Stelle des vertrauten u setzen. Sofort spekuliert man über die Geschichte des Übersetzers. Ein Deutscher vielleicht, der in einer Stadt des polnischen Korridors der Zwischenkriegszeit etwas Polnisch gelernt hatte und später ausgesiedelt wurde? Oder ein Jude, der irgendwo in Galizien ein paar Klassen einer polnischen Schule besucht hatte und später in den Wirren von Krieg und Nachkrieg in die DDR gelangt war? Die wahrscheinlichste Identität des Übersetzers ist etwas prosaischer: ein polnischer Arbeiter im betreffenden DDR-Betrieb. Dafür spricht, daß der Hersteller vermutlich vollständig VEB Vereinigte Möbelfabriken Frankfurt/Oder hieß und direkt an der Friedensgrenze zwischen Polen und der DDR lag. Man kann sich gut vorstellen, wie irgendein Manager ihm einen Stoß Papiere in die Hand drückte: „Hey, du bist doch Pole, übersetz das mal schnell!“ Daß Sprachkenntnisse allein noch nicht zum guten Übersetzen befähigen, kann man so vierzig Jahre später in den Straßen von Gdańsk nachlesen.

Zur Geschichte kommen eben immer auch die kleinen, meist nur zu erahnenden Geschichten. Auch die Möbelstücke selbst können sie erzählen, denn neben der industriellen Fertigung gab es die individuelle Umgestaltung. Man kann beispielsweise das massive Unterteil eines Küchenschrank finden, das gewiß noch von vor dem zweiten, wenn nicht dem ersten Weltkrieg stammt, aber den Moden der sechziger, siebziger Jahre angepaßt wurde. Seine Seiten und Füße wurden dazu zitronengelb und seine Türen in hellem Türkis gestrichen, auch neue Griffe bekam er und die weißen Schubladen sind noch neuer. Wenn sein Schicksal nur ein wenig anders verlaufen wäre, würde er vielleicht restauriert werden, um wieder wie vor hundert Jahren auszusehen, doch er wartet auf dem Sperrmüll.

Oder man sieht einen Küchenhängeschrank aus der sozialistischen Zeit, an den jemand liebevoll neue Türen aus modischer furniertem Holz anbrachte, was ihn aber auch nicht rettete.

Schließlich gibt es noch die Möbel, die einfach so schön sind, daß ich sie nicht auf der Straße stehen lassen konnte.

Was bleibt auch anderes übrig bei einem Sofa mit strahlend orangenem Bezug und braunen kunstledernen Armlehnen? Noch dazu, wenn es bis hin zum grünbedruckten Aufkleber des Herstellerbetriebs Dąb (Eiche) aus Gdynia mit dem dreidimensionalen d-Logo perfekt ist.

Es ist zudem kein Sofa, sondern ein kanapo-tapczan, wie die mit starkem PRL-Beiklang behaftete Bezeichnung, eine Mischung aus kanapa (Sofa) und tapczan (Liege), lautet. Liegesofas dieses Typs mit einfachem, aber robustem Klappmechanismus und abnehmbaren Armlehnen lernte ich dank meinem kanapo-tapczan überall und in allen Farben oder Mustern erkennen.

Ein Teil von mir würde all die Möbel retten wollen, Möbelhändler werden, in einem Lagerhaus wohnen, aber mir bleiben nur die Worte. Das freudigste Erlebnis war es deshalb, als ich einmal merkte, daß ich mit meinem Interesse an den abgestellten Möbeln nicht allein bin. Denn die hellblaue Stehlampe der Firma zaos gefiel mir selbstverständlich sehr – ganz aus Metall, nicht mehr mehr als eine runde Standfläche, eine dünne, oben leicht schräge Stange und eine nach unten geöffnete Halbkugel für die Glühbirne. Ich hätte sie gerne mit nach Hause genommen, aber ich gönne sie der Frau, die ein paar Momente schneller bei ihr war und dank der die Geschichte nun weitergehen kann.

La Dolce Vita in Gdynia

Eigentlich mag ich weder Möwen noch das Gdynskie Centrum Filmowe (Filmzentrum Gdynia) besonders. Jene sind aggressive Aasfresser, die den bescheideneren Tauben wie den intelligenteren Krähen das Leben schwer machen, dieses ist ein Stück irgendwie asymmetrischer Modearchitektur, wie ihn sich Städte gerne irgendwo hinstellen, um ein wenig Bilbao zu spielen. Doch wenn eine Möwe in dem irgendwie schiefen Becken unter dem irgendwie schiefen Gebäudeteil am Eingang ein Bad nimmt, werden beide wunderbar.

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Die Möwe näherte sich forschenden Schritts durch die Grünfläche an der rechten Seite, hüpfte flügelunterstützt über eine niedrige gläserne Brüstung und dann ins Becken. Das Wasser aber war so niedrig, daß sie darin stehen konnte. Nicht schwimmend, sondern gehend bewegte sie sich dort. Sie tauchte den Kopf ins Wasser, trank, schien mit dem Schnabel ihr Gefieder zu putzen und mit dem Fuß den Schnabel.

Von meinen Blicken ließ sie sich nicht stören. Nach einer Weile hüpfte sie an einer anderen Stelle mit wieder nur einem Flügelschlag hinaus. Kurz noch stand sie auf dem Weg, bevor sie mit Anlauf abhob und gen Meer flog.

Das Eigentümliche und Schöne an dieser Begegnung war, daß all das, was diese Möwe tat, auch ein anderer, nicht mit dem Wasser verbundener Vogel ausreichender Größe, eine Krähe etwa, hätte tun können. Für eine Weile legte die Möwe alles Möwenhafte ab, wiewohl im Wasser, war sie nicht mehr Wasservogel. Zudem wirkte dieser wilde Vogel in dem blaubeschichteten Becken vor dem expressiv schiefen Gebäude wie ein Zootier, ein Pinguin vielleicht, er domestizierte sich selbst.

Wenn das Gdynskie Centrum Filmowe einer Möwe zu einem Fellini-Zitat verhilft und anderen zum Kinobesuch, ist das ja schon etwas. Und zugunsten seiner Architektur kann man immerhin sagen, daß sie nicht zu viel Platz wegnimmt, was auch schon etwas ist.

Von unbekannten Orten und ihrer Entdeckung

Manchmal hört man die Klage, daß es auf der Welt nichts mehr zu entdecken gäbe, daß alles erforscht und kartographiert sei. Das mag stimmen, doch was heißt das schon? Irgendjemand war überall, irgendjemand hat alles gesehen, aber ich ja nicht. Mit einer gesunden Dosis Sensualismus verschwindet das Problem sofort: man glaube nur, was man mit eigenen Augen gesehen hat. Selbstverständlich weiß ich, daß es beispielsweise Peru gibt, aber glauben, wirklich glauben kann ich es doch erst, wenn ich es gesehen habe.

Und bloß weil es über alles so viele Informationen gibt, heißt nicht, daß man nichts entdecken kann. Man muß die Informationen ja nicht einholen, bevor man auf die Entdeckungsfahrt aufbricht. Man kann jeden einzelnen Ort besuchen, als sei man der erste, der ihn besucht. Man kann sich selbst die Karten zeichnen, wenigstens im Kopf, die Sprachen der Einheimischen lernen und so ihrer Bauweise, ihren Sitten, ihrer Geschichte näherkommen. Bloß, weil etwas schon einmal jemand gemacht hat, heißt nicht, daß man es nicht wieder machen kann. Das tastende und staunende Entdecken von etwas ganz Anderem, das im 17. Jahrhundert ein jesuitischer Missionar in Vietnam oder ein Frankfurter Kaufmannsgehilfe in Moldawien erlebt haben mochte, es läßt sich wiedererleben, wenn man das denn will.

Aber selbstverständlich will das keiner. Die Klage ist nicht ernst gemeint. Das Entdecken neuer Orte als wäre man ihr Entdecker ist mühselig, vielleicht manchmal gefährlich, sicher oft frustrierend. Selbstverständlich will jeder lieber den ausgetretenen Wegen, die früher Baedeker, heute Instagram vorgeben, folgen. Daran ist auch nichts Falsches. Falsch ist nur die Klage, es gäbe nichts mehr zu entdecken, denn es gibt davon so viel wie eh und je.

Aus Autorenkollektiv: Mapa Turystyczna Uznam-Wolin/Touristenkarte Usedom-Wolin, Warszawa/Berlin 1980