Archiv der Kategorie: Persönliches

Essen in Velké Meziříčí

Das beste Essen meiner tschechoslowakischen Reise 2018 hatte ich in Velké Meziříčí etwa im Jahre 1985.

Ein Flachbau am Hang beim Bahnhof Velké Meziříčí zastávka (Velké Meziříčí Haltestelle), vorgesetzte Terrasse mit Hochbeet im Betongeländer, verglaste Vorderseite, von einem gemeinsamen Foyer in der Mitte erschlossen eine kleine coop Jednota-Kaufhalle rechts und das Bufet „U zastávky“ (Bei der Haltestelle) links, was oben unter dem Dach auch in weißen Rechtecken mit grünen Buchstaben als „Bufet“ und „Potraviny“ (Lebensmittel) ausgepriesen ist.

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Ein Raum mit holzgetäfelten Wänden, nicht klein, nicht groß, nicht eng, nicht geräumig, sondern genau so, wie er sein muß. Stühle mit rotem Kunstlederpolster und weißem Saum, auf Stahlstützen im Boden befestigte Tische mit roten und grünen Tischdecken. Direkt neben der Glastür die Theke, wo ein älterer Mann, Herr Pěchota, das Essen ausgibt, nicht unfreundlich, nicht freundlich, nicht abweisend, nicht jovial, sondern genau so, wie er sein muß. An der Wand hinter ihm steht das Essensangebot des Tages und vor ihm schon die Fleischstücke, damit er nur noch die Soße darüber gießen und die knedlíky (Semmelknödel) dazulegen muß. Ich bestellte svíčková (Lendenbraten), er verstand sekaná (Hackbraten), aber das war die bessere Wahl. Wohl da ich recht spät kam und nichts davon mehr sehr warm war, stellte er es kurz in eine riesige Mikrowelle der Firma National. Jede andere Mikrowelle hätte im tschechoslowakischen Jahr 1985 anachronistisch gewirkt, aber dieses Modell der heute besser als Panasonic bekannten japanischen Firma kann man sich als teuren Import aus dem kapitalistischen Ausland gut vorstellen. Gleiches gilt für die beiden softpornographischen Aufnahmen an der Holzvertäfelung nach dem Ende der Theke, gleich hinter dem Getränkeangebot aus bereitstehenden Dessertdrinks und zu zapfendem Bier, bloß die Schamhaare fehlten. In der Wand sind weiterhin noch die Durchreiche der Geschirrückgabe und die Tür zu den Toiletten.

Das Essen konnte in dieser Umgebung nur gut sein und das Publikum war so gemischt und unprätentiös, daß ich mit langem Haar und bunter Tasche wohl als Tscheche hätte gelten können, wenn ich denn Bier getrunken hätte. Die Lage mit Fensterfront auf die Terrasse, das Grün und die eingleisige Bahnstrecke hätte nicht besser sein können, doch wenn das Gebäude sich zur andere Seite öffnete, würde es einen einzigartigen Blick über die Stadt bieten. Kirchturm, Schloß und Autobahnbrücke lägen zum Greifen nahe vor einem.

Für die Tschechoslowakei wäre das vielleicht besser gewesen, aber das Bufet wäre dann auch so ein unverkennbar perfekter Ort, daß es sich das Jahr 1985 wohl kaum über dreißig lange Jahre Kapitalismus so unverfälscht bewahrt hätte.

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Möbel in Gdańsk

Geschichte liegt auf der Straße, im übertragenen wie im konkreten Sinne. Etwa die Möbel in den Straßen von Gdańsk, bei den Hauseingängen, bei den Müllplätzen.

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Es handelt sich um typischen halbwilden Sperrmüll, der daraus resultiert, daß Wohnungen renoviert werden.

Fast alle Möbel stammen daher noch aus der sozialistischen Zeit, aus der PRL (Volksrepublik Polen).

In der ehemaligen DDR wäre das meist anders, da die Menschen dort schon in den Neunzigern genug Geld hatten, sich zeitgemäße neue Billigmöbel zu kaufen.

In Polen hingegen war es den meisten nicht möglich, funktionierende Möbel einfach wegzuwerfen. Erst jetzt, da Leute die in den Siebzigern, Achtzigern eingerichteten Wohnungen ihrer verstorbenen oder anderswo abgestellten Großeltern übernehmen, füllen sich die Straßen.

Man kann hier wirklich alles finden, was man zur Einrichtung einer Wohnung bräuchte, von verschiedensten Schränken, Betten, Tischen, Stühlen für Wohn-, Schlaf-, Eß-, Kinderzimmer, Bad, Küche bis hin zu Haushaltsgeräten wie Kühlschränken.

Auch Türen sieht man und sogar eines der breiten und stabilen Fensterbretter, die zu den großen Vorzügen der Falowiec-Wohnungen gehören, stand einmal neben dem Aufzug.

Bei den Haushaltsgeräten scheint die Retromode noch nicht angekommen zu sein, obwohl es doch kaum einen größeren Ausdruck von Luxus gäbe als einen Kühlschrank der Marke „Szron“ (Tau) mit stilisiertem Tannenlogo und gewiß enormem Stromverbrauch bei geringer Leistung.

Vieles andere ließt sich in Berlin gewiß gut als Vintage verkaufen und gewiß haben findige Unternehmer in grenznäheren Städten dieses Potential schon lange erkannt.

Es ist eine wahre Freiluftgalerie der Designgeschichte, durch die man hier geht.

Der vielfach variierte Grundton ist das Braun von furniertem Holz, zu dem oft kräftige Farbakzente von Bezugsstoffen kommen.

Die Formen sind minimalistisch und funktional, allein die Stühle und Sessel erlauben sich manchmal expressivere Elemente. Schnörkel oder auch nur Blumenmuster sind selten. Wer sich mit dem Thema besser auskennt, wird in den Gdańsker Möbeln vielleicht Parallelen zu IKEA-Modellen der gleichen Zeit finden, denn bekanntlich hatte diese Firma ihre Produktion schon in den Siebzigern nach Polen outgesourct, was ihren Gründer reich und zum Alkoholiker machte.

Auf den Rückseiten der Möbel sind oft noch Aufkleber in gelblich verblichenem Papier, die neben technischen Daten den Herstellungsbetrieb und -ort, manchmal auch aufgestempelt Verkaufspreis und -jahr verraten.

Sie sind sich alle ähnlich, aber nie identisch. Sehr selten kommt zur Schrift ein Logo hinzu.

Es tut sich hier eine recht verwirrende Fülle von Betriebsformen auf, die zu verstehen man eine tiefere Kenntnisse der Wirtschaftsstruktur im sozialistischen Polen und deren Veränderungen über einen Zeitraum von immerhin vierzig Jahren bräuchte.

Fabryki meble (Möbelfabriken) scheinen sich von selbst zu erklären, aber am häufigsten ist die spółdzielna pracy (Arbeitsgenossenschaft), was offenbar einfach der sozialistisch angehauchte Name für eine nicht-staatliche Firma ist.

Oft sind dabei die Betriebe aus einem Ort einem zweiten aus einem anderen, größeren untergeordnet und über alles legt sich irgendwann der Krajowy Związek Spółdzielni Meblarskich (Landesverband der Möbelgenossenschaften) mit Sitz in Warschau.

Die Form eines przedsiębiorstwo państwowe (staatlichen Betriebs) ist selten, öfter noch gibt es die spółdzielna inwalidów (Invalidengenossenschaft), eine spezifisch polnische Betriebsform, die sogar heute noch in irgendeiner Form fortexistiert.

Die Herstellungsorte zeigen, daß die Möbelindustrie im sozialistischen Polen stark regional gegliedert war. Fast alle stammen aus Orten, die nicht mehr als hundertfünfzig Kilometer von Gdańsk entfernt liegen, ein nicht kleiner Teil sogar direkt aus der Trójmiasto (Dreistadt) oder unmittelbar angrenzenden Orten. Oft sind es sehr kleine Orte, was auf sehr kleine Betriebe hindeutet.

Umso faszinierender sind daher Importe aus anderen sozialistischen Ländern, die man ausschließlich an den Aufklebern, niemals am Design erkennt.

Ein Kühlschrank der ungarischen Marke „Lehel“ (eine halbmystische Gestalt der magyarischen Frühgeschichte) gibt sich auf dem ansonsten ungarischsprachigen Schild weltgewandt als „Made in Hungary“.

Ein russischsprachiger Aufkleber wurde mit dem eines polnischen Betriebs überklebt, so daß sich der Herstellungsort in der Sowjetunion leider nicht mehr feststellen läßt.

Am häufigsten vertreten ist die DDR. Da ist der VEB (K) Holzindustrie Barth-Mecklenburg mit einer hübschen Kommode im Logo.

Da ist ein „Export: VR Polen“ des VEB Holzindustrie Halberstadt, der sogar zweisprachig beschriftet ist. Bei einzelnen Worten ist die Übersetzung ins Polnische noch tadellos oder wenigstens verständlich, aber an der Formulierung „Produkt entspricht dem vom DAMW geprüften und bestätigten Muster“ scheitert sie völlig.

Und da ist der „VEB Vereinigte Möbelf“, wie auf dem halb abgerissenen Aufkleber noch zu erkennen ist.

Auch dieser Aufkleber ist zweisprachig und die polnische Übersetzung enthält einen markanten Fehler: „artykół” statt „artykuł“. Da ó und u im Polnischen denselben Lautwert haben (sogenanntes geschlossenes und offenes u), ist dies ein Fehler, der besonders Muttersprachlern und anderen, die zuerst wußten, wie Worte klingen und erst danach lernten, wie sie geschrieben werden, unterläuft. Wer Polnisch im Ausland als Fremdsprache lernte, kannte hingegen das Schriftbild wohlmöglich schon vor dem Klang und würde eher nicht das fremdartige ó an die Stelle des vertrauten u setzen. Sofort spekuliert man über die Geschichte des Übersetzers. Ein Deutscher vielleicht, der in einer Stadt des polnischen Korridors der Zwischenkriegszeit etwas Polnisch gelernt hatte und später ausgesiedelt wurde? Oder ein Jude, der irgendwo in Galizien ein paar Klassen einer polnischen Schule besucht hatte und später in den Wirren von Krieg und Nachkrieg in die DDR gelangt war? Die wahrscheinlichste Identität des Übersetzers ist etwas prosaischer: ein polnischer Arbeiter im betreffenden DDR-Betrieb. Dafür spricht, daß der Hersteller vermutlich vollständig VEB Vereinigte Möbelfabriken Frankfurt/Oder hieß und direkt an der Friedensgrenze zwischen Polen und der DDR lag. Man kann sich gut vorstellen, wie irgendein Manager ihm einen Stoß Papiere in die Hand drückte: „Hey, du bist doch Pole, übersetz das mal schnell!“ Daß Sprachkenntnisse allein noch nicht zum guten Übersetzen befähigen, kann man so vierzig Jahre später in den Straßen von Gdańsk nachlesen.

Zur Geschichte kommen eben immer auch die kleinen, meist nur zu erahnenden Geschichten. Auch die Möbelstücke selbst können sie erzählen, denn neben der industriellen Fertigung gab es die individuelle Umgestaltung. Man kann beispielsweise das massive Unterteil eines Küchenschrank finden, das gewiß noch von vor dem zweiten, wenn nicht dem ersten Weltkrieg stammt, aber den Moden der sechziger, siebziger Jahre angepaßt wurde. Seine Seiten und Füße wurden dazu zitronengelb und seine Türen in hellem Türkis gestrichen, auch neue Griffe bekam er und die weißen Schubladen sind noch neuer. Wenn sein Schicksal nur ein wenig anders verlaufen wäre, würde er vielleicht restauriert werden, um wieder wie vor hundert Jahren auszusehen, doch er wartet auf dem Sperrmüll.

Oder man sieht einen Küchenhängeschrank aus der sozialistischen Zeit, an den jemand liebevoll neue Türen aus modischer furniertem Holz anbrachte, was ihn aber auch nicht rettete.

Schließlich gibt es noch die Möbel, die einfach so schön sind, daß ich sie nicht auf der Straße stehen lassen konnte.

Was bleibt auch anderes übrig bei einem Sofa mit strahlend orangenem Bezug und braunen kunstledernen Armlehnen? Noch dazu, wenn es bis hin zum grünbedruckten Aufkleber des Herstellerbetriebs Dąb (Eiche) aus Gdynia mit dem dreidimensionalen d-Logo perfekt ist.

Es ist zudem kein Sofa, sondern ein kanapo-tapczan, wie die mit starkem PRL-Beiklang behaftete Bezeichnung, eine Mischung aus kanapa (Sofa) und tapczan (Liege), lautet. Liegesofas dieses Typs mit einfachem, aber robustem Klappmechanismus und abnehmbaren Armlehnen lernte ich dank meinem kanapo-tapczan überall und in allen Farben oder Mustern erkennen.

Ein Teil von mir würde all die Möbel retten wollen, Möbelhändler werden, in einem Lagerhaus wohnen, aber mir bleiben nur die Worte. Das freudigste Erlebnis war es deshalb, als ich einmal merkte, daß ich mit meinem Interesse an den abgestellten Möbeln nicht allein bin. Denn die hellblaue Stehlampe der Firma zaos gefiel mir selbstverständlich sehr – ganz aus Metall, nicht mehr mehr als eine runde Standfläche, eine dünne, oben leicht schräge Stange und eine nach unten geöffnete Halbkugel für die Glühbirne. Ich hätte sie gerne mit nach Hause genommen, aber ich gönne sie der Frau, die ein paar Momente schneller bei ihr war und dank der die Geschichte nun weitergehen kann.

La Dolce Vita in Gdynia

Eigentlich mag ich weder Möwen noch das Gdynskie Centrum Filmowe (Filmzentrum Gdynia) besonders. Jene sind aggressive Aasfresser, die den bescheideneren Tauben wie den intelligenteren Krähen das Leben schwer machen, dieses ist ein Stück irgendwie asymmetrischer Modearchitektur, wie ihn sich Städte gerne irgendwo hinstellen, um ein wenig Bilbao zu spielen. Doch wenn eine Möwe in dem irgendwie schiefen Becken unter dem irgendwie schiefen Gebäudeteil am Eingang ein Bad nimmt, werden beide wunderbar.

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Die Möwe näherte sich forschenden Schritts durch die Grünfläche an der rechten Seite, hüpfte flügelunterstützt über eine niedrige gläserne Brüstung und dann ins Becken. Das Wasser aber war so niedrig, daß sie darin stehen konnte. Nicht schwimmend, sondern gehend bewegte sie sich dort. Sie tauchte den Kopf ins Wasser, trank, schien mit dem Schnabel ihr Gefieder zu putzen und mit dem Fuß den Schnabel.

Von meinen Blicken ließ sie sich nicht stören. Nach einer Weile hüpfte sie an einer anderen Stelle mit wieder nur einem Flügelschlag hinaus. Kurz noch stand sie auf dem Weg, bevor sie mit Anlauf abhob und gen Meer flog.

Das Eigentümliche und Schöne an dieser Begegnung war, daß all das, was diese Möwe tat, auch ein anderer, nicht mit dem Wasser verbundener Vogel ausreichender Größe, eine Krähe etwa, hätte tun können. Für eine Weile legte die Möwe alles Möwenhafte ab, wiewohl im Wasser, war sie nicht mehr Wasservogel. Zudem wirkte dieser wilde Vogel in dem blaubeschichteten Becken vor dem expressiv schiefen Gebäude wie ein Zootier, ein Pinguin vielleicht, er domestizierte sich selbst.

Wenn das Gdynskie Centrum Filmowe einer Möwe zu einem Fellini-Zitat verhilft und anderen zum Kinobesuch, ist das ja schon etwas. Und zugunsten seiner Architektur kann man immerhin sagen, daß sie nicht zu viel Platz wegnimmt, was auch schon etwas ist.

Von unbekannten Orten und ihrer Entdeckung

Manchmal hört man die Klage, daß es auf der Welt nichts mehr zu entdecken gäbe, daß alles erforscht und kartographiert sei. Das mag stimmen, doch was heißt das schon? Irgendjemand war überall, irgendjemand hat alles gesehen, aber ich ja nicht. Mit einer gesunden Dosis Sensualismus verschwindet das Problem sofort: man glaube nur, was man mit eigenen Augen gesehen hat. Selbstverständlich weiß ich, daß es beispielsweise Peru gibt, aber glauben, wirklich glauben kann ich es doch erst, wenn ich es gesehen habe.

Und bloß weil es über alles so viele Informationen gibt, heißt nicht, daß man nichts entdecken kann. Man muß die Informationen ja nicht einholen, bevor man auf die Entdeckungsfahrt aufbricht. Man kann jeden einzelnen Ort besuchen, als sei man der erste, der ihn besucht. Man kann sich selbst die Karten zeichnen, wenigstens im Kopf, die Sprachen der Einheimischen lernen und so ihrer Bauweise, ihren Sitten, ihrer Geschichte näherkommen. Bloß, weil etwas schon einmal jemand gemacht hat, heißt nicht, daß man es nicht wieder machen kann. Das tastende und staunende Entdecken von etwas ganz Anderem, das im 17. Jahrhundert ein jesuitischer Missionar in Vietnam oder ein Frankfurter Kaufmannsgehilfe in Moldawien erlebt haben mochte, es läßt sich wiedererleben, wenn man das denn will.

Aber selbstverständlich will das keiner. Die Klage ist nicht ernst gemeint. Das Entdecken neuer Orte als wäre man ihr Entdecker ist mühselig, vielleicht manchmal gefährlich, sicher oft frustrierend. Selbstverständlich will jeder lieber den ausgetretenen Wegen, die früher Baedeker, heute Instagram vorgeben, folgen. Daran ist auch nichts Falsches. Falsch ist nur die Klage, es gäbe nichts mehr zu entdecken, denn es gibt davon so viel wie eh und je.

Aus Autorenkollektiv: Mapa Turystyczna Uznam-Wolin/Touristenkarte Usedom-Wolin, Warszawa/Berlin 1980

Kegeln in Linköping

Gamla Linköping (Alt-Linköping) ist nicht etwa die Altstadt des südostschwedischen Linköping, sondern ein Freilichtmuseum am Rande der Stadt, wohin in den Fünfzigern und Sechzigern viele ältere Gebäude aus dem Zentrum versetzt wurden. Vielleicht ist das nicht die schlechteste Art, mit wertvollen Bauwerken, für die in der neuen Stadt einfach kein Platz mehr ist, zu verfahren. Wenn es sich wie in Linköping vor allem um Holzgebäude handelt, ist es wohl auch nicht besonders aufwendig. Aber es betrübt zu sehen, daß im Zentrum an die Stelle dieser früheren kapitalistischen Bebauung eben ganz und gar keine Stadt neuer Art, sondern nur andere kapitalistische Bebauung trat, und daß die alten Holzhäuschen im Freilichtmuseum nun eine Idylle simulieren, die es nie gab, als sie noch Teil einer lebendigen kapitalistischen Stadt waren.

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Wenn man auf all den Schildern liest, die Häuser seien in diesem oder jenen Jahr „flyttad“ („umgezogen“, hier eher „umgesetzt worden“), fällt es noch schwerer als sonst, nicht an das etymologisch nahe „geflüchtet“ zu denken, denn geflüchtet vor den Veränderungen in Linköping sind sie ja.

Die Funktion der meisten Gebäude von Gamla Linköping ist einfach zu erkennen, doch ein einziges verwirrt. Es steht gut sichtbar in einem Garten an der Ecke der Straßen Majagatan/Malmslättsvägen, wo das Freiluftmuseum endet.

Das Verwirrende an diesem offenen Holzbau mit Geländern und auf Doppelstützen ruhendem Satteldach ist seine Länge.

Wäre es rund, quadratisch, was auch immer, dann wäre es ein Gartenhäuschen wie die anderen ringsherum, die Ornamentik der Giebel und bei den Stützen paßt gut dazu. Es wäre ein typisches Produkt des 19. Jahrhunderts, hübsch vielleicht, weil es erhalten ist, aber nicht sonderlich erhaltenswert, da sich Adel und Großbürgertum auf der ganzen Welt ähnliches in die Gärten ihrer Villen gestellt hatten. Aber wieso ist es so lang und hat nur an einer Schmalseite einen Zugang? Auch die Details helfen nicht weiter.

Der Anfang ist am breitesten und hat seitliche Bänke, dann folgt ein langer schmaler Mittelteil, nach dem das Ende wieder etwas breiter wird. Hinten ist eine niedrige Barriere mit Gitter und nach kurzem Abstand ein verschlossener Kasten. An der linken Seite ist außen neben dem Geländer eine Art Rinne, einfach aus zwei in V-Form zusammengefügten Brettern gezimmert, die von hinten nach vorne leicht abschüssig verläuft.

Die gesamte Konstruktion sitzt auf niedrigen Steinstützen, was denn auch die einzige Spekulation über ihren Zweck fundieren mag: ein Steg für einen großen Gartenteich. Was sie tatsächlich ist, würde man so leicht nicht erraten: eine Kegelbahn.

Das erklärt sogleich alles, die Länge, die Aufteilung, die Barriere, vor der man nun auch metallene Markierungen für die Kegel bemerkt, und die Rinne.

Die ungewöhnliche Form des Gebäudes ergibt sich erstaunlicherweise aus seiner ungewöhnlichen Funktion. Viele Bürger hatten Gartenhäuschen in ihren Villengärten, aber nur wenige hatten dort so etwas wie der Linköpiger Beamte Adolf Wallenberg, der seine kägelbanan 1867 bauen ließ. Daß man bei diesem Gebäude wohl zuletzt an eine Kegelbahn gedacht hätte, liegt auch daran, daß das Kegeln heute als populäres, ja, proletarisches Vergnügen gilt. Diese großbürgerliche Kegelbahn zeigt, daß dies erst Ergebnis des nivellierenden und demokratisierenden 20. Jahrhunderts ist. Dabei hat sie durchaus schon alles, was auch heutige Kegelbahnen haben, bloß mußte das heute automatische Wiederaufstellen und Zurückschicken der Kugeln eben ein Bediensteter erledigen.

Kegel-, beziehungsweise Bowlingbahnen (der Unterschied zwischen Kegeln und Bowling ist für mich wie der zwischen dasselbe und das gleiche – nachvollziehbar, wenn er mir erklärt wird, aber völlig belanglos, so daß ich ihn sofort wieder vergesse), Bowlingbahnen gibt es im heutigen, nicht hinreichend neuen, aber doch sehr veränderten Linköping etwa in der Sporthallen (Sporthalle), die den Anspruch des Neuen noch am besten verkörpert.

In diesem eleganten, von zwei großen freistehenden Betonbögen mit Stahlseilen gehaltenen Hallenbau von 1956 sind sie nicht geradezu versteckt, aber doch nur Nebensache. Nicht durch den Haupteingang rechts, über dem in blauen Leuchtbuchstaben „Sporthallen“ steht, sondern über die linke Schmalseite bei Parkplätzen und Lieferzonen erreicht man sie.

An der Wand der Halle führt eine Betontreppe mit blauem Metallgeländer zu einer kleinen Tür und rechts steht in weit kleineren Leuchtbuchstaben „Bowlinghall“. Irgendwo hier, oder im Park, der nach einer komfortablen Unterführung folgt, wäre vielleicht ein besserer Platz auch für die neunzig Jahre ältere großbürgerliche Kegelbahn.

Indem die Verwandlung eines Sports unmittelbar zu sehen wäre, könnte sie an dieser Stelle mehr über Linköping, alt wie neu, und die Welt aussagen.

Altersruhesitz

Falls ich einmal ganz aufgeben sollte, will ich Alkoholiker werden und Tauben züchten.

Ein ausgesucht schöner Ort dafür wäre an der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) in Oliwa in Gdańsk. Zwischen zwei dreigeschossigen kaiserzeitlichen Mietshäusern gibt es da ein deutlich zurückgesetztes Gebäude, das wie Teil eines anderen Bebauungsplans wirkt oder wie ein nur zufällig so exponiertes Hinterhaus. Es hat normale Fenster, nicht groß, nicht klein, aber zusätzlich ganz links vor den beiden oberen Geschossen eine Konstruktion aus Holz und Glas. Angeheftet an die Brandmauer des Nachbarhauses sind das weniger  verglaste Balkone als gläserne Räume, Wintergärten. Im Erdgeschoß ist ein ebenfalls nicht annähernd bis zur Linie der anderen Gebäude reichender Vorbau mit einem Schnapsladen und links vor diesem eine barocke Säule mit Maria und Johannes von Nepomuk.

Ich würde im zweiten Geschoß über dem Laden wohnen und hätte die Tauben vielleicht auf dessen flachem Dach. Jedenfalls würde ich die Tage trinkend in dem gläsernen Raum verbringen, hinausblickend auf meine Tauben, den genau auf meiner Höhe stehenden Johannes von Nepomuk, den Verkehr auf der Grundwaldzka und auf den Straßenbahnwendekreis Oliwa mit seiner bis weit in den Winter grünen Trauerweide.

Bis dahin werde ich auch dieses Jahr weiter regelmäßig hier schreiben.

U-Bahnhof Donaustadtbrücke

Der ungeneigte Leser dieses Blogs könnte mir vorwerfen, daß ich immer alles aus den Sechzigern, Siebzigern möge, während ich alles von heute schlechtmache, daß ich mithin bloß auf andere Art von der „Patina des Alters“ (Georg Piltz) geblendet sei. Mindestens in der Hinsicht, daß ich mir ein Gebäude aus diesen Jahrzehnten eher und wohlwollender ansehe, ist das auch wahr. Meine Entschuldigung könnte sein, daß solche Gebäude sonst zu wenig Betrachtung finden, daß ich hinsehe, wo andere wegsehen. Doch damit der Leser geneigter werde, sei hier einmal ein Gebäude aus jüngerer Zeit in positivsten Tönen beschrieben.

Erbaut wurde der Wiener U-Bahnhof Donaustadtbrücke im Jahre 2010. Architektonisch ist er so tadellos wie unscheinbar, viel roher Beton, viel grauer Stein in den beiden Eingangsbereichen, große Glasfläche um die Bahnsteige, allerdings mit horizontalen Streifen, wohl mehr den Vögeln zuliebe denn zum Sonnenschutz. Diese Ästhetik teilt er sich mit den anderen Stationen der östlichen Erweiterung der lila Linie U2. Wirklich erwähnenswert jedoch wird er durch seine städtebauliche Anordnung und seine Umgebung.

u-bahnhofdonaustadtbrueckeautobahn

Der Bahnhof befindet sich genau am Ende der namensgebenden Brücke, die Bahnsteige spannen sich über die tieferliegende Donauuferautobahn. Durch den einen Ausgang gelangt man direkt zur Neuen Donau, wo bald ein Steg zur Donauinsel führt. Er dient also ausschließlich dem, vor allem sommerlichen, Freizeitbetrieb, was aber auch schon der sichtbarste Nutzen ist.

Beim anderen Ausgang mußte der Nutzen erst geschaffen werden, da es keine ältere Bebauung oder sonst irgendetwas gibt. So führt eine unter deb aufgestützten Gleisen hängende Brücke in ein großes Park&Ride-Parkhaus. Und an der Seite ist auf leicht ansteigender Fläche ein tropfenförmiger Wendekreis mit mehreren Bushaltestellen angeordnet, von wo Busse ins Suburbia der Donaustadt oder auch zum Ölhafen abfahren. Erst durch das Parkhaus und vor allem die Bushaltestellen bekommt die U-Bahnstation für das Wiener Verkehrsnetz einen ganzjährigen Nutzen.

u-bahnhofdonaustadtbrueckebushaltestellen

Die Gestaltung des Wendekreises ist auch naheliegend und funktional, aber zugleich sieht man hier sehr schön, was die heutige Architektur von der der Sechziger und Siebziger lernen könnte. In dieser Zeit wäre an diesem Ort vielleicht eine Busstation entstanden. Nun müßte man so weit gar nicht gehen, es müßte dort kein zweites Schottentor sein, ja, es müßten nicht einmal Vordächer, die die Haltestellen mit der U-Bahnstation verbinden, errichtet werden. Aber was spräche dagegen, auf der leeren vertikalen Wandfläche neben dem Beginn der Bahnsteige eine große Uhr anzubringen? Oder auf der horizontalen Fläche unter dem Bahnsteig einen digitalen Abfahrtsanzeiger? Das sind Kleinigkeiten, die nützlich wären und dem Ort einen wiedererkennbaren Charakter geben würden.

Stattdessen ragt oben aus der vertikalen Fläche eine Leuchtröhre, ein Kunstwerk, von dem positiv höchstens zu sagen ist, daß es unmöglich als solches zu erkennen ist. Irgendwie bezieht es sich auch auf ein entsprechendes an der U-Bahnstation Donaumarina am anderen Ende der Brücke und macht sich so noch lächerlicher. An den flußseitigen Bahnsteigenden nämlich steht man wie auf Balkonen und blickt die Länge der Brücke entlang am übertrieben hohen Pfeiler mit den Stahlseilen vorbei zur Schwesterstation. Der Bezug zwischen den Stationen auf den beiden Seiten der Donau ist durch eine kleine Raffinesse der Architektur also bereits gegeben.

Der U-Bahnhof Donaustadtbrücke zeigt deutlich, daß es in der Architektur seit spätestens 1980 keinen Fortschritt mehr gibt, sondern nur noch eine Abfolge verschiedener Moden. Die gegenwärtige Architektur mag, wie in diesem Falle, nicht schlecht sein, aber sie schafft es nicht, in größeren zusammenhängenden Räumen zu denken. Die Bushaltestellen, die mit dem U-Bahnhof eine Einheit bilden müßten, werden nur als dessen Anhängsel begriffen. Und statt nützlicher und nicht einmal teurer Kleinigkeiten wie Uhren oder Anzeigetafeln gibt es nichtige und vermutlich nicht billige Kunst. Ist es da ein Wunder, daß ich mich lieber mit der Architektur der Sechziger, Siebziger beschäftige? Für eine zukünftige Architektur ist aus ihr jedenfalls mehr zu lernen.