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Die Verhöhnung der Zaaner Architektur

In Zaandam, dem größten Ort an der Zaan nördlich von Amsterdam, kann man wie beschrieben noch einige Beispiele der traditionellen Architektur dieser Gegend, kleine Häuschen mit grünen Holzgiebeln, sehen.

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Aber genausogut kann man sie übersehen, da es in diesem industrialisiertesten und städtischsten Teil der Zaanstreek (Zaangegend) auch vieles andere gibt. Was man dafür auf jeden Fall bemerken wird, wenn man einmal im Zentrum von Zaandam war oder auch nur im Zug daran vorbeifuhr, ist die Verhöhnung dieser Architektur.

Entlang der Bahnstrecke, direkt neben dem Bahnhof stehen drei riesige grüngieblige Zaaner Häuser. Die Formen sind jeweils unterschiedlich abstrahiert, aber die Farbe und die Dreiecksgiebel lassen keinen Zweifel daran, was hier gemeint ist. Aber es sind keine traditionellen Zaaner Häuser, es sind die Quertrakte eines achtgeschossigen Verwaltungsgebäudes, zwischen dessen Stützen ein Busbahnhof ist.

Wenn man den Bahnhof verläßt, tritt man auf eine kleine Straße voller Zaaner Häuschen, typisch zweigeschossig, mit Holz und Giebelchen. Die Straße verläuft leicht gebogen und abschüssig, rechts ist ein schmaler Wasserlauf.

Aber es ist keine kleine Straße mit Zaaner Häuschen, es ist eine Terrassenebene mit Ladenzeilen über einer großen Straße.

Am Ende der Straße sind rechts viele Zaaner Häuschen übereinandergestapelt. Manche ragen etwas hervor, manche sind ineinander gesetzt, die Giebelchen sind jeweils unterschiedlich, von den einfachsten aus dem 17. Jahrhundert über barocke und klassizistische findet man alle Varianten. Aber es sind keine übereinandergestapelten Zaaner Häuschen, es ist ein zwölfgeschossiges Hotelhochhaus.

Wurden zuvor die Formen der Architektur an der Zaan aufgegriffen oder originalgetreu nachgeahmt, so werden hier die einzelnen Häuschen selbst zu Dekorationselementen eines anderen Gebäudes.

Danach beruhigt sich die Ornamentik etwas. Die Terrassenebene führt noch immer leicht abschüssig über ein Wasserbassin. Seitlich rechts noch weitere einfache grüne Dreiecksgiebel und im Hintergrund ein weiteres Hochhaus, das mit angedeuteten Treppengiebeln in angedeutetem Backstein gerade nicht Zaaner, sondern anderweitig niederländische Formen müde nachahmt. Das ockerfarbene Kino rechts und das weiße Wohngebäude links könnten dann auch überall anders sein.

Die Terrassenebene verläuft zwischen ihnen beidseits eines aus dem Bassin entspringenden Kanals. Zu ihr und zum Ufer öffnen sich aus den rahmenden Gebäuden Geschäfte. Links führt die Terrassenebene schließlich als sanfte Rampe auf die ebene Erde herab, während sie rechts vorher endet.

Hier beginnt die Haupteinkaufsstraße von Zaandam, die Gedempte Gracht. Der Straßenname wäre etwa mit Aufgefüllter Kanal zu übersetzen, doch in der Mitte verläuft vielfach überbrückt weiter der genannte Kanal, der, 1858 zugeschüttet, 2011 neu angelegt wurde. Nicht nur die Gebäude, auch der städtische Raum selbst ahmen vergangene Zeiten nach.

Die Bebauung der Straße ist niedrig und vermischt, nicht anders als in anderen niederländischen Städten.

Auf der rechten Seite hat sich ein einziges traditionelles Zaaner Haus aus dem 18. Jahrhundert erhalten. Nachahmungen aber stehen als Imbißpavillons in der Mitte der Straße und einige Geschäfte, etwa C&A, haben Fassaden in monströs vergrößerten Zaaner Formen.

Vor allem weiterem, was zum Zentrum von Zaandam zu sagen ist, muß eingestanden sein: Es ist etwas Besonderes. Es ist etwas Auffälliges. Es ist etwas, das man nur im Vorbeifahren gesehen haben muß, um nicht glauben zu können, daß es so etwas gibt. Dieser seit 2003 umgesetze Bebauungsplan mit dem Namen „Inverdan“  hat eine Idee und eine Stringenz. Gleich darauf muß aber gesagt sein: Es ist lächerlich. Es ist eine Verirrung. Es ist reaktionär. Wie „inverdan“  ein altes Wort des Zaaner Dialekts mit der Bedeutung „von der Bebauung zurückgesetzt“ ist, so ist der so benannte Plan ein Schritt zurück. Ein solcher Bezug auf traditionelle Architektur der Region ehrt sie nicht, sondern verhöhnt sie. Gewiß waren auch die echten Zaaner Häuschen potemkinsch und etwas lächerlich, aber sie waren zugleich Ausdruck einer volkstümlichen Kreativität. Sie hatten einen Sinn. Die Fassaden eines Verwaltungsgebäudes, einer Ladenzeile, eines Hotels, eines Kaufhauses als Zaaner Häuschen zu verkleiden, ist bloß beliebig, egal, ob es in Zaandam oder wo auch immer geschieht.

Anhaben kann die Verhöhnung der Zaaner Architektur wenig. Der beste Weg durch die Zaanstreek verläuft daher entgegen den amsterdamzentrischen Touristenrouten von Norden entlang der Westseite der Zaan nach Zaandam. Nachdem man die echten Zaaner Häuschen gesehen hat, kann man sie am Bahnhof in Form des bizarren Hotelhochhauses in- und aufeinandergestapelt sehen. Die verhöhnende Architektur des Zentrums von Zaandam entlarvt sich so im besten Falle selbst.

Trotz alldem kann man das Zentrum nicht einfach abtun. Unabhängig von den gewählten Dekorationsformen ist es ein durchaus gelungener städtischer Raum.

Man kann dort sogar Anklänge an einige der besten fortschrittlichen Komplexe finden. Zwei Einkaufsebenen unter freiem Himmel, dahinter Wohnbebauung – was ist das anderes als das Frankfurter Nordwestzentrum? Ein großer Teich, ein Wasserfall neben einer Rolltreppe – was ist das anderes als der Londoner Barbican?

Ein Busbahnhof unter einem aufgestützten Gebäude, überbrückte Straßen, Trennung von Fußgänger- und Fahrzeugverkehr – alles fortschrittliche Aspekte. Gewiß wären mehr nichtkommerzielle Freiräume und bessere Wege in die Umgebung wünschenswert, aber als Tor in die Stadt, als Verbindung zwischen Bahnhof und Einkaufsstraße, ist das nicht schlecht.

Unter den reaktionären Formen versteckt sich in Zaandam ein recht fortschrittlicher Raum. Das entschuldigt diese Formen nicht, zeigt aber, daß man hinter sie schauen muß. Das hat das Zaandamer Zentrum dann wieder mit den Zaaner Häuschen gemein. Doch während die sich auf originelle Weise versteckten, weil sie eben nichts anderes hatten, ist es bedauerlich, daß unsere Zeit, die so viel hat, glaubt, sich verstecken zu müssen.

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Architektur an der Zaan

Die Gegend an der Zaan (Zaanstreek) nordwestlich von Amsterdam zeichnet sich durch einen spezifischen und sehr markanten Haustyp aus.

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Er unterscheidet sich von anderer dörflichen Architektur der Niederlande dadurch, daß er ganz oder zumindest an der Schauseite aus glattem Holz in einem satten Dunkelgrün besteht. Die Bretter sind im Erdgeschoß horizontal und im Giebel vor dem Satteldach vertikal angebracht. Im Kontrast zum Dunkelgrün steht das Weiß der Fensterrahmen und der Verzierung des Giebels. Bei den einfachsten der Häuschen ist der Giebel nur ein Dreieck, dessen Ränder einfache Muster bilden, während in der Mitte eine Spitze aufragt.

Oft aber haben die Giebel aufwendige barocke oder klassizistische Ornamente.

Sie sind dann große Flächen, die mit dem eigentlichen Abschluß des Dachs nichts mehr zu tun haben. Voluten, Pilaster, kleine Tempelgiebel schmücken sie.

Die Holzbauweise ist eng mit der Geschichte der Gegend verbunden. Die Zaan war das Zentrum des Schiffsbaus in Holland. Die Handels- und Kriegsflotten, mit denen die Niederlande zur Weltmacht wurden und Kolonien in allen Weltteilen eroberten, sie hatten ihren Ursprung hier. Holz, importiert aus Skandinavien oder Deutschland, gab es daher immer mehr als genug, mit Holz arbeiteten viele, die hier lebten, und es war nur naheliegend, daß sie auch ihre Häuser aus Holz bauten, zumal der Boden für Steinbauten ungünstig ist. Die Holzhäuser an der Zaan sind letztlich Neben-, um nicht zu sagen Abfallprodukte des Niederländischen Imperialismus.

Da die Giebel nicht aus einem wenigstens scheinbar soliden Material wie Stein sind, sondern aus einem so brüchigen wie Holz wirkt dieses Bauen immer etwas rührend und unbeholfen. Es erinnert an Filmkulissen, die niemanden täuschen; ein Blick hinter die dünne Holzfläche offenbar immer das bescheidene Häuschen.

In der Tat ist die Architektur der Zaanstreek eine potemkinsche. Aber in ihr drückt sich das Bemühen der Zaaner Handwerker und Kleinbürger aus, die Formen der Bürgerhäuser in den Städten, insbesondere im nahen Amsterdam, nachzuahmen. Auch diese sind ja potemkinsch, wenn sie je nach Mode verschiedene Giebel bekommen, sie verdanken es bloß dem Material, daß man es nicht sofort merkt. Die bloß dekorativen Formen werden durch ihre ländliche Verwandlung in Holz und Dunkelgrün-Weiß vielleicht entlarvt, aber auch zu etwas Eigenem und Neuen.

In den verschiedenen Orten von an der Zaan, Wormsermeer, Koog an de Zaan, Zaandam, die administrativ, aber nicht urbanistisch zu Zaanstad zusammengefaßt sind, findet man noch einige solcher Häuschen. Zugleich sieht man hier auch, wie sie mit dem 19. Jahrhundert an Popularität verloren. Ein bezeichnendes frühes Beispiel sieht man in Zaandam an der Westzijde (Westseite), wie die an der Westseite der Zaan verlaufende Straße bloß heißen muß . Dort steht ein Doppelhaus von geradezu englischer klassizistischer Eleganz. Ein Geschoß und ein hohes Walmdach, die Türen in der Mitte nebeneinander, weiter große Fenster. Der langgestrecke Baukörper parallel zur Straße und noch hinter einem Vorgarten zurückgesetzt.

Wie veraltet nimmt sich neben dieser schnörkellosen und großzügigen Architektur das kleine traditionelle Zaaner Haus aus, das rechts so nah daneben steht, daß sein dunkelgrüner Giebel fast gegen die Schmalseite stößt und halb verdeckt ist. Doch die Vergangenheit ist noch näher: die hinteren Teile des Doppelhauses, mit denen es bis zum Wasser reicht, sind ebenfalls in zaantypischem grünen Holz errichtet.

Die volkstümliche Architektur war den Erbauern offenkundig schon peinlich. Anderswo wurde aus demselben Grund eine steinerne Fassade vor ein nur eingeschossiges grünes Holzhaus gesetzt.

Das setzte sich im weiteren 19. Jahrhundert fort. An die Stelle des Schiffsbaus trat Industrie, etwa die Verkade-Schokoladenfabrik in Zaandam, und es entstand dazu historistische Architektur, wie es sie ähnlich überall in den Niederlanden gibt. So kann man an der Zaan heute Zaaner Architektur finden, aber sie genausogut übersehen.