Archiv für den Monat August 2019

Grenzen, Hochwasser und Betonjugendstil

Was Grenzen sind, kann man erkennen, wenn man an einer Brücke in Mikulovice liest: „Bauunternehmung Ed. Ast & Co. Ingenieure Wien IX.“

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Von Wien ist das Dörfchen Mikulovice weit entfernt, schlesische Industriegegenden jedoch, in denen es zweifellos viele fähige Bauunternehmen gab, sind nah. Aber das ist egal: Mikulovice liegt an der Grenze, heute an der tschechisch-polnischen, früher, als es Niklasdorf hieß, an der österreichisch-preußischen. Deshalb wurde dort eine Brücke von einer Wiener Firma errichtet, während es im einige Kilometer flußabwärts gelegenen Głuchołazy, damals Ziegenhals, eine Berliner Firma hätte sein können. Das beidseits der Grenze damals Deutsche lebten, war völlig unwichtig. Entsprechend anders hätte die Brücke Anfang des 20. Jahrhunderts vermutlich drüben in Preußen ausgesehen.

In Mikulovice haben die beiden in die Strömung spitzen und zum kleinen künstlichen Wasserfall runden Pfeiler oben drei horizontale Rillen und die Ränder unter der Brückenfläche ein Muster aus großen Quadraten und horizontalen Rechtecken, wobei alles aus Beton gefertigt ist. Sogar einen solchen technischen Bau in einem Grenzdorf in solche minimalistischen Jugendstilformen zu kleiden, ist typisch österreichisch.

Die katholische Kirche war internationaler, Bistumsgrenzen entsprachen nicht unbedingt Staatsgrenzen, und so kommt es, daß ein wichtiger Förderer des Neubaus der Mikulovicer Kirche auf dem Hügel bei der Kirche Kardinal Georg Kopp, Bischof von Wrocław, dem damaligen Breslau, war.

Vielleicht geht es zu weit, in dem 1904 eingeweihten riesigen neoromanischen Kirchklotz, für den ein unscheinbarer Vorgängerbau abgerissen worden war, etwas Preußisches sehen zu wollen, denn er ist einfach Ausdruck der konservativen historistischen Architektur seiner Zeit. In Wien hätte man darüber die Nase gerümpft und ironischerweise hätte Mikulovice heute tatsächlich viel davon, wenn Otto Wagner oder auch ein weniger radikaler Jugendstilarchitekt seine Kirche errichtet hätte.

Die Brücke an ihrem Fuße ist nur wenige Jahre neuer als die Kirche, aber architektonisch so weit von ihr entfernt wie, nun, Wien von Breslau. Es war ein Hochwasser während des Baus der Kirche, nicht gerade ein gutes Omen, das den Anlaß zur Regulierung des Flusses Běla gegeben hatte.

Die Ufer wurden stellenweise in Beton oder Stein gefaßt, das Gefälle in mehreren Stufen geordnet und auch an kleineren Wasserläufen im Ort wurden Schleusen aus Beton, Stahl und Holz gebaut.

Bei der Brücke selbst ist der Übergang vom einen zum anderen Ufer weniger wichtig als die darunter verlaufende Betonstufe, dank der ein fast parallel, aber deutlich höher verlaufender Bach hinter ihr einmünden oder bei Hochwasser auch vor ihr durch eine Schleuse abfließen kann.

An der steinernen Wand am Aufgang zur Kirche erinnern Jahreszahlen in kaum vorstellbaren Höhen an frühere Hochwasser und vom Erfolg der Flußregulierung zeugt, daß das Wasser erst 2007 wieder die untersten Steine erreichte.

Die Brücke ist somit nur Aushängeschild einer viel umfangreicheren Maßnahme. Daß sie in einem sachlichen Betonjugendstil, der auch zwanzig, dreißig Jahre später noch zeitgemäß gewirkt hätte, ausgeführt wurde, war nicht einmal eine besonders gewagte Entscheidung – es war einfach der semioffizielle österreichische Stil der Zeit. Dennoch ist der Kontrast zur Kirche vielsagend. Die Brücke wurde seit ihrer Erbauung kaum verändert, guter Beton hält lange. Ihre jetzigen Geländer aus runden Eisenstangen passen vielleicht noch besser zu ihr als die ursprünglichen, von denen noch ein Pfosten mit oben nach außen geschwungenem Abschluß, wie sie auch beim Aufgang zur Kirche zu finden sind, übrigblieb.

Mikulovice kann sich glücklich schätzen, daß es auf dieser Seite der Grenze lag.

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„Polnisch-französische Küche“

Hohe und niedrige Küche existieren immer nebeneinander und sind auf vielfältige, später oft nicht mehr zu ergründende Weise verbunden, was alte Spuren dieser Verbindungen so faszinierend macht.

Wer heute in Polen gutes Essen sucht, wird in Restaurants verschiedenster Preisklassen sicher fündig und auch Pierogi bekommt er dort. Wer aber authentisches Essen sucht (denn es ist ein Irrtum, daß gut und authentisch immer dasselbe seien), der kommt um eine Bar Mleczny nicht herum. Diese Milchbars sind ein Produkt des Sozialismus der PRL (Polnischen Volksrepublik), aber noch immer so verbreitet, daß man in Polen beim Wort „bar“ eher an einen Ort, wo man Pierogi ißt, als an einen, wo man Cocktails trinkt, denkt. In Gdańsk gibt es noch einige von ihnen, auch wenn schon einige schlossen. Auch sie liegen preislich wie in der Gestaltung recht weit auseinander, aber vom Sozialismus ist nicht mehr viel zu spüren. In der angemessen benannten Bar Turystyczny (Touristischen Bar) im Zentrum kann man bereits mit Karte zahlen und von den resoluten Frauen hinter der Theke in Ansätzen von Englisch kommunizieren, aber auch die Bar Mleczny przy Rynku (Milchbar am Markt) in Przymorze hat Einrichtung wie aus einem IKEA-Prospekt.

Wirklich authentische Versionen solcher nachsozialistischen Schnellrestaurants findet man am ehesten noch in der Provinz, in den Kleinstädten. In Wejherowo etwa gibt es die Społem Bar Expresso. Schon der Name ist eine hübsche Schöpfung, die man nicht mißverstehen sollte, denn während man einen Kaffee wohl bekommen könnte, sollte man mit einem Espresso nicht rechnen.

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Das Lokal befindet sich in einem Wohnhaus, das noch heute dem örtlichen Zweig der Genossenschaft Społem gehört und neben einem Laden gibt es auch eine Gedenktafel für Alfons Chmielewski, den Gründer der Vorläufergenossenschaft Zgoda (Eintracht) im Jahre 1919.

Alfons Chmielewski
1849 – 1934
Leidenschaftlicher Patriot und gesellschaftlicher Aktivist. Unermüdlicher Fürsprecher der Verbreitung des Genossenschaftsgedankens.
Organisator der Konsumgenossenschaft „Zgoda“ [Eintracht] in Wejherowo ab dem Jahr 1919.
Kämpfer für den polnischen Charakter der kaschubischen Länder.
1924 mit dem Orden „Polonia Restituta“ ausgezeichnet.
Ehren seinem Andenken!
Wejherowo, April des Jahres 1969

Innen sind die billige weiße Einrichtung und die beunruhigenderweise bis zur Decke reichenden weißen Kacheln zwar aus den Neunzigern, aber die schwarze Speisetafel mit den weißen Plastikbuchstaben doch wohl aus der PRL. Gleiches gilt auch für die Menschen von den schnell wechselnden Speisenden über den sicher stadtbekannten Spinner, der weniger durch das Wolfsweatshirt als durch die graublonden Locken in Polen, wo mehr als zentimeterlange Haare bei Männern äußerst selten sind, als solcher ausgewiesen ist, bis zu der sympathischen Frau hinter der Theke, die mit allen plaudert und zum Abschied ein Lächeln und ein „miłego popołudnia!“ (Schönen Nachmittag!) von ganz südlicher Herzlichkeit schenkt. (weiter nach der Preisliste)

Datum der Berechnung 04 02 – 2019 Preisliste
Preisliste Preis Gewicht Datum  28 02 – 2019 Preis Gewicht
Kutteln Tee
Tomatensuppe mit Nudeln Kaffee
Ukrainischer Borschtsch Senf
Schweinerippchen Zucker
Brathähnchen Brötchen
Bigos Zwiebelsoße
Bohnensuppe auf bretonische Art Frischer Krautsalat
Schnitzel Eingelegter Krautsalat
Fleischbällchen in Soße Gebratenes Kraut
Schweinegulasch Karotte
Kotelett vom Geflügel Karottensalat
Schweinebraten Salat aus Roter Beete
Frikadelle mit Soße Rote Rüben
Frikadelle Tomatensoße
Gekochte Hachse Kartoffeln
Gebratener Truthahn Filet vom Dorsch
Gulasch vom Herz Rührei
Klöße mit Fleischfüllung Frikadelle
Hering

In den Bar Mleczny Polens nun gibt es, neben vielem anderen, etwas, das manchmal als „Devolay“ angepriesen ist, eine Art spindelförmige panierte Hähnchenroulade mit Butter- und Kräuterfüllung. In den meisten Fällen liest man statt der lautmalerischen, aber trotzdem erkennbar nicht polnischen Schreibung korrekt: „De volaille“ oder auch, wie in der Społem Bar Expresso, „Kotlet de volaille“ (Kotelett vom Geflügel). Wie genau diese halbfranzösische Bezeichnung auf polnische Speisekarten kam und auf denen der Milchbars auch verblieb, ist schwer festzustellen. Eindeutig ist die Herkunft aus der Haute Cuisine.

Einen indirekten Hinweis liefert eine Werbeanzeige des Gdyniaer Hotels Słupski in einigen Ausgaben der sozialdemokratischen Tageszeitung „Danziger Volksstimme“ in ihrem letzten Jahrgang 1936. Daß diese Zeitung sich auch an die damaligen deutschsprachigen Bevölkerungsteile Polens richtete, erkennt man daran, daß ihr Preis als „20 P oder 20 Groszy“ (der Gulden der Freien Stadt Danzig war an den polnischen Złoty, wörtlich Goldener, gekoppelt, die kleinere Einheit waren Pfennig und Grosz) ausgewiesen ist und neben dem „Schiffsverkehr im Danziger Hafen“ auch, kleiner gedruckt, der „Schiffsverkehr im Gdingener [Gdyniaer] Hafen“ notiert ist. Daß die Zeitung noch 1936 erscheinen konnte, weist darauf hin, daß die Freie Stadt eben nicht zu Deutschland gehörte und sich die lokale NSDAP bei der Gleichschaltung etwas mehr Zeit lassen mußte.

In der Anzeige des Hotels Słupski in der jungen polnischen Nachbarstadt wird noch vor „gut gepflegten Bieten, guten Getränken, soliden Preisen“ und „erstklassiger Bedienung“ die „polnisch-französische Küche“ ausgepriesen. Was genau es dort zu essen gab, weiß man nicht, aber es steht außer Zweifel, daß „De volaille“ dazugehörte.

Das Gebäude des früheren Hotels Słupski steht noch immer beim Gdyniaer Bahnhof. Allerdings würde man ihm sogar, wenn es noch ein Hotel wäre, kaum ansehen, daß es einst eines der ersten Häuser am Platz war, da es mit seinen drei Geschossen schon Ende der Dreißiger von höheren Bauten der schnellwachsenden Großstadt in die Zwinge genommen wurde.

Die letzten Reste der polnisch-französischen Küche des Hotels Słupski und anderer polnischer Hotels seiner Zeit aber sind volkstümlich geworden und leben in den Bar Mleczny weiter. Während Mitte der Dreißiger deutsche Ausflügler in Gdynia darüber rätseln mochten, was denn ein „De volaille“ sein könnte, tun es heute vielleicht deutsche Touristen in einer Bar Mleczny.

Die Herkunft des Gerichts ist übrigens eine etwas andere als man denken könnte: es handelt sich zwar tatsächlich um eine Erfindung der französischen Küche, allerdings nicht der in Frankreich, sondern der in Rußland im späten 19. Jahrhundert, weshalb das Gericht im Rest der Welt als Hühnchen Kiew mehr oder weniger bekannt ist. Das ist jedoch letztlich egal, denn international und französisch genug ist das allemal und daß Polen der französische Bezug lieber ist als ein russischer oder ein ukrainischer es wären, ist bloß eine weitere Wendung in der kulinarischen Geschichte.

 

 

Bahnhof Słupsk

Der Bahnhof von Słupsk im Nordwesten Polens unweit der Küste ist ein gelungenes Gebäude aus der PRL (Volksrepublik Polen), obwohl er erst 1991 eröffnet wurde.

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Der etwa zweigeschossige Hallenbau hat im Obergeschoß sowohl zu den Gleisen als auch zur Stadt dicht an dicht vorgesetzte trapezförmige Erker mit leicht ansteigenden Böden und Dächern und hellbraungrüner Kunststoffverkleidung.

Links schließt quer ein fünfgeschossiger Bürotrakt mit derselben Verkleidung unter den Fensterbändern, der neben dem Bahnhof auf der Stadtseite aufgestützt ist, an. Am rechten Rand des Hallendachs steht in einer Leuchtschrift, bei der die Buchstaben aus jeweils fünf Linien gebildet sind, der Stadtname: Słupsk.

Die große Halle im Inneren hat ein zur Stadtseite leicht ansteigendes Dach mit in dieser Richtung angeordneten Verkleidungsstreifen, die von der Seite zur Mitte dunkelgrüne, hellgrüne, dunkelgelbe und hellgelbe Abschnitte bilden, wobei am Übergang immer schon zwei Streifen der folgenden Farbe eingemischt sind.

Leider ist die Halle jedoch zu dunkel, da es zu wenige Fensterflächen gibt und auch von den in quadratischen Öffnungen eingelassenen runden Lichtern in der Decke immer nur zu wenige angeschaltet sind. Im stadtseitigen Obergeschoß ist links ein langgestreckter Bereich mit Fenstern, in dem wohl ein Restaurant war, und rechts eine Galerie, zu der an der rechten Wand eine Treppe führt, während sich kurz vor der Mitte eine Brücke zur anderen Hallenseite spannt. Eine große Treppe führt in der Mitte der Stadtseite in einen Tunnel, von dem die Bahnsteige erschlossen werden.

Das alles ist gelungen, aber nicht in außergewöhnlichem Maße und verdiente es eigentlich noch nicht, daß man viele Worte darüber verliert. Das Wichtigste am Bahnhof Słupsk findet man dann ungewöhnlicherweise auf den Bahnsteigen. Auch sie wurden in der sozialistischen Zeit neugestaltet, so daß sich über sie nach außen ansteigende Dächer auf mittigen blauen Stahlstützen spannen. Wie schon die Unterführung mit hellgrauem vertikalen Wellblech verkleidet ist, so sind auch die Geländer um die Treppenöffnungen schmale Wellblechkästen, die unten auf kaum sichtbaren Stützen ruhen und an ihren Enden nach unten und vorne abgeschrägt sind, was ihnen eine Stromlinienform gibt, die den meisten dort haltenden Zügen fehlte und fehlt.

Doch auf den beiden neugestalteten Bahnsteigen, unter den Vordächern und nicht weit von den Geländern, verblieben die kleinen Häuschen der alten Bahnsteige mit braun-beiger Kachelverkleidung in einem einfachen Fachwerk, abgerundeten Ecken, rundbögigen Fenstern und ornamentalen Holzelementen unter dem Dach.

Der Kontrast zwischen Alt und Neu ist groß, nichts vermittelt zwischen ihnen. Die aus der wilhelminischen Bahnhofsarchitektur übriggebliebenen Häuschen wirken wie antike Möbelstücke in einer modernen Wohnung. Sie sind ausgestellt und aufgehoben. Der neue Bahnhof zitiert in ihnen seine Geschichte.

Daß der Erhalt der beiden Häuschen kein Zufall, sondern eine bewußte Entscheidung war, sieht man daran, daß an den wellblechverkleideten Wänden der zu den Bahnsteigen führenden Treppen hölzerne Handläufe mit abgerundetem Profil und abschließenden nach innen geschwungenen Voluten hängen.

Sie sind dennoch recht schlicht, man kann sie übersehen, der Kontrast ist gering. Nicht zuletzt der Vergleich mit den ebenfalls hölzernen, aber in einem unregelmäßig spitzen Trapez endenden Handläufen der Treppe zur Halle spricht dafür, daß auch diese Handläufe der Bahnsteigtreppen aus dem alten Bahnhof übernommen wurden.

 

Durch diese wohlgewählten Zitate des Alten inmitten des selbstbewußten Neuen wird der Słupsker Bahnhof so doch noch außergewöhnlich.

Nepomuker Kirchen

Eine der beiden Kirchen in Nepomuk heißt naheliegenderweise nach Johannes von Nepomuk. Es ist jedoch die zweite und weniger wichtige, während die erste nicht nach ihm heißen kann, weil es sie schon gab, als der Ort noch Pomuk hieß und von seinem Heiligen nichts ahnte. Die zweite hieß ursprünglich, als Johannes von Nepomuk zwar schon als Heiliger verehrt wurde, aber offiziell noch keiner war, nach einem anderen Johannes (dem Täufer), nannte Ioanis Nepomuceni aber bereits im lateinischen Text über dem erhaltenen Portal und versuchte auch sonst nicht zu verheimlichen, daß sie nur seinetwegen und an der mutmaßlichen Stelle seiner Geburt errichtet wurde.

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In ihrer gegenwärtigen Form ist die zweite Kirche ein riesiger barocker Bau von 1738, der auch heute noch in jeder Hinsicht aus den bestenfalls zweigeschossigen Häusern des Städtchens herausragt.

Insbesondere hat sie eine breite und hohe Vorderseite, was dadurch erreicht wird, daß die beiden quadratischen Türme direkt an den Eingangstrakt anschließen und mit ihm eine massive Mauerfläche bilden, bevor sie erst ganz oben als Türme überhaupt wahrnehmbar werden. Der eigentliche Kirchenbau wirkt dahinter geradezu mickrig. Viel mehr, als daß sie eben groß ist, läßt sich zur Kostel Jana Nepomuckého (Johannes-von-Nepomuk-Kirche) auch nicht sagen. Von den großartigen, mit der Zahl fünf und allen anderen Attributen des Heiligen spielenden Nepomukskirchen späterer Jahrzehnte ist sie weit entfernt.

Die Stadt Nepomuk versuchte der Kirche erst spät mit dem kitschigen Gebäude links daneben oder dem gotisierenden Verwaltungsbau weiter oben am rechts ansteigenden Platz etwas entgegenzusetzen. Während diese historistische Architektur des Kapitalismus so dumm war, sich in der Größe mit der Kirche messen zu wollen, war der Sozialismus wie so oft viel subtiler: er baute direkt rechts daneben das Nákupní středisko Úslava (Einkaufszentrum Úslava). Quer zur Kirche ragt es L-förmig in den Platz hinein, ein erst zwei- dann dreigeschossiger Bau mit schrägen roten Dächern.

Können diese historisierend verstanden werden, so ist es mit hellem Putz, Kachelverkleidung in verschiedenen Braun- und Rottönen und vorgesetzter Terrasse mit Betonhochbeeten doch zweifelsohne ein selbstbewußter Bau seiner Zeit. Es ist weit kleiner und niedriger als die Kirche, aber man kann sie vom Platz aus nicht sehen, ohne es ebenfalls zu sehen. In silbernen Metallbuchstaben samt Wellenform, die den Fluß Úslava repräsentiert, liest man den Namen des Nákupní středisko also auf dem Platz in Nepomuk noch bevor man den Namen Jan/Ioanis/Johannes etc. liest und man kann bei coop Jednota einkaufen statt in die Kirche zu gehen.

Die erste der Nepomuker Kirchen heißt nach dem heiligen Jakob und steht in völlig anderem oder vielleicht vielmehr gar keinem Verhältnis zur Stadt, da sie sich ganz an ihrem Rande befindet. Vom Platz und der zweiten Kirche her steigt der Hang zu ihr sanft, fast unmerklich an, während er hinter, ja, neben ihr schroff abfällt. Es ist von dieser Seite, von außerhalb Nepomuks, daß sich die Kirche auf charakteristischste Weise zeigt. Sie steht auf dem kleinen Plateau eines steilen Hügels, dem schon an der Ecke zur neben ihm hinaufführenden Straße durch mächtige Strebepfeiler die eingreifende Hand des Menschen anzusehen ist. Fast scheinen diese Strebepfeiler in denen des gotischen Kirchenbaus wieder aufgenommen.

Zum Ende des Plateaus, also zur Landschaft vor der Stadt, zeigt die Front der Kirche mit dem dreieckigen Giebel vor dem Satteldach des höchsten Teils, wobei weder dieser noch der spitzbögige Eingang besonders geschmückt sind.

An den Breitseiten sind niedrigere Seitenbauten mit abfallendem Pultdach, die wie der höhere Teil regelmäßige Strebepfeiler und eher kleine spitzbögige Fenster haben. An der straßenabgewandten Seite kommt noch ein großer und hoher rechteckiger Anbau mit entsprechend höheren Fenstern und Pfeilern hinzu, der den Kirchenraum beträchtlich vergrößert. Etwas niedriger, aber noch einmal etwa ebensogroß ist der Chor, der in einem eckigen Halbrund endet. Auch er hat Strebepfeiler, doch sie treten nach oben in drei Stufen zurück. Die erste reicht bis zu einer vorgesetzten Wand, nach der die spitzbögigen Fenster beginnen, die zweite bis zu deren Hälfte und die dritte bis fast zu ihrem Abschluß, wo noch ein schräger Teil zur Wand folgt. Und in der zweiten Stufe sind zur Wand hin niedrige spitzbögige Öffnungen.

Dadurch erst wird die Kostel Sv. Jakuba (Jakobskirche) zu etwas Besonderem. Die Öffnungen passen einerseits gut zur Gotik, die Wände aufzulösen und durchlässig zu machen trachtete, sind andererseits aber höchst ungewöhnlich. Um den Chor sind durch sie unzählige ungewöhnliche Durchblicke und es entsteht gleichsam ein erhöhter Arkadenumgang für Zwerge oder Tauben. Durch dunkelrote Umrandungen im hellen Putz sind sie wie die Fenster zudem besonders hervorgehoben.

Diese durchbrochenen Strebepfeiler allein würden genügen, den Chor, der eigentlich die Rückseite ist, zur Vorderseite der Kirche zu machen. Daß man überlegt, ob hier vielleicht spätere, barocke Eingriffe den gotischen Bau veränderten, liegt jedoch daran, daß direkt vor dem Chor, aber ohne ihn zu berühren, ein barocker Glockenturm steht.

Wenn bereits die Öffnungen der Strebepfeiler ungewöhnlich sind, so ist es der gleich einem italienischen Campanile freistehende Turm umso mehr.

Hier sieht man das Bemühen des Barock, die Kirche umzudrehen und der Stadt zuzuwenden. Kommt man von dort hinauf, sieht man erst einen gänzlich barocken Platz. In der Mitte der Turm auf quadratischem Grundriß, durch dorische Pilaster in zwei Abschnitte geteilt und mit hoher kupferner Haube, in der Mauer um das Plateau regelmäßige rundbögige Aufbauten, an der rechten Platzseite der große Bau des Dekanats mit zwei Geschossen und Walmdach, davor eine schlanke Säule mit dem heiligen Vojtěch, im Hintergrund das Schloß Zelená Hora.

Die eigentlich gotische Kirche ist hinter all dem also völlig versteckt. Vielleicht ist der Turm eine Art Versprechen, dahinter auch eine passende Kirche zu errichten. Vielleicht wurden dann, als dafür die Mittel fehlten oder man sie lieber für eine ganz neue Kirche unten in der Stadt verwendete, wenigstens die Strebepfeiler des Chors umgebaut. Wie so oft wäre es dann der Zufall, der das interessanteste Bauwerk schuf. Ebensogut ist möglich, daß es sich um eine neogotische Phantasie aus den 1850er Jahren handelt, als die 1786 aufgehobene Kirche wieder hergerichtet und bald darauf wieder geweiht wurde.

Wertvoller als die zwar einheitliche, aber bloß monumentale zweite Kirche ist die erste jedenfalls unzweifelhaft. Nach Johannes von Nepomuk heißen muß sie gar nicht, denn sie ist es, die er selbst noch betreten hat – obwohl er sie vielleicht nicht mehr wiedererkennen würde.

Gang durch einen fehlenden Park

Der Park Oliwski (Oliwaer Park) will zum Meer. Da das etwa dreieinhalb Kilometer entfernt ist, gelingt ihm das nicht, aber er will es zumindest, wie alle barocken Parks das Absolute wollen, die völlige Verwandlung und Ordnung der Welt. Seinen Willen zeigt er dadurch, daß seine zentrale Allee zwischen Wänden aus Bäumen erst in ein langes Bassin übergeht und gerade fortgesetzt bei Przymorze aufs Meer stieße.

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Was der Park will, gelingt dem Potok Oliwski (Oliwaer Bach) ganz natürlich. In den Hügeln des Walds, an dessen Rand der Park liegt, entspringt er, dem Bassin leiht er sein Wasser und in Jelitkowo mündet er ins Meer, weshalb er auch Potok Jelitkowski (Jelitkowoer Bach) heißt.

Die Verbindung zwischen Wald und Meer durch einen Grünzug aber ist nicht nur eine barocke Wunschvorstellung, sondern eine städtebauliche Notwendigkeit. Sie müßte selbstverständlich dem Lauf des Bachs folgen und nicht etwa die barocke Allee fortsetzen. Die Schaffung einer solchen Verbindung ist so naheliegend wie wenige andere städtebauliche Fragen. Martin Kießling beschrieb es 1929 so: „Aus der Ferne sei nur für dieses Gebiet noch einmal die Mahnung gestattet, die Parkverbindung zwischen Oliva [Oliwa] und der See nicht zu vergessen, und nicht in den nie wieder gut zu machenden Fehler Zoppots [Sopots] zu verfallen, die Verbindung zwischen Wald und Seebad durch ein verworrenes Häusermeer zu verriegeln. Diese Verbindung, für die ja in Oliva durch den Glettkaubach [Potok Jelitkowski] […] alle Grundlagen gegeben sind, kann nicht breit genug sein.“ Kein Zweifel, daß folgende Generationen ganz ähnliche, nun polnische, Worte dafür fanden. Und es gibt diese Parkverbindung ja auch fast. In diesem „fast“ allerdings liegt das Problem. Dieses „fast“, das sind drei große Hindernisse, von denen 1929 noch wenige geahnt hätten.

Das erste und größte ist direkt am Rande des Parks die Aleja Grundwaldzka (Grunwald-Allee). Diese vierspurige Straße ist die wichtigste Verkehrsader und städtebauliche Geisel von Gdańsk und der gesamten Trójmiasto (Dreistadt). Beim Park Oliwski zerreißt sie die Verbindung zum nächsten Park, den es ja gibt, der gleich auf der anderen Straßenseite ist. Der Bach ist hier zu einem großen Teich erweitert, ringsherum stehen große Bäume und in der warmen Jahreszeit ist in der Mitte eine große Fontäne.

Um vom Park Oliwski aus dem Bach zu folgen, müßte man über einen Zaun klettern und über die Straße rennen oder geduckt durch einen langen Kanal waten.

Einzig gangbar ist ein zehn Minuten langer Umweg über drei Ampeln. Entsprechend sind an diesem Teich nie viele Menschen und wohl keine von diesen kamen aus dem gegenüberliegenden Park. Nur selten sieht man städtebauliche Möglichkeiten, nein, Zwangsläufigkeiten, so verschwendet. Um dieses Hindernis zu beseitigen, wäre mindesten ein neuer Parkausgang und eine neue Ampel nötig, obwohl es noch besser wäre, wenn die Straße hier aufgestützt geführt würde, um den Fußgängern ungebremsten Durchgang zu erlauben.

Auf der anderen Seite des Teichs fließt ein betongefaßter Wasserfall in einen kleineres Becken mit einem runden Inselchen, bevor der Bach seinen Lauf durch weitere Parklandschaft fortsetzt.

Bald folgt das zweite Hindernis: die Bahnstrecke. Während der Bach unter ihr hindurchfließen darf, ist der Fußgänger zu einem Weg entlang der Straße Pomorska gezwungen. Obwohl der Umweg nicht groß ist und man den Park nur kurz verlassen muß, wäre es unbedingt notwendig, den Fußgängern beidseits des Bachs Pfade unter der Bahnlinie zu schaffen, damit er, wie dieser fließt, zwischen Kleingärten und Hundeübungsplatz weitergehen kann.

Von nun an ist lange alles, wie es sein soll. Für ein wundervolles Stück gibt es parallel zur Pomorska genau den Parkstreifen, den die Stadt braucht.

Zuerst ein weiterer langgestreckter Teich, dann nach einem weiteren Wasserfall auf Beton große Bäume, Wiesen und, wieso nicht, einige Kleingärten um den mäandernden Lauf des Bachs, nach links zwischen vier quergesetzten Wohngebäuden Öffnungen ins Wohngebiet Żabianka und schließlich noch ein Teich mit Insel.

Hier zeigte der Sozialismus, wozu er fähig ist, obwohl das rechts angrenzende Einfamilienhausgebiet zugleich die Mängel seiner halbherzigen polnischen Variante offenbart.

Erst nach diesem langen Abschnitt folgt als letztes Hindernis die große Straße Chłopska. Wieder ist der nötige Umweg zur nächsten Ampel nicht allzugroß. Man kann dann weiter der Pomorska folgen und obwohl man auf deren Gehsteig angewiesen ist, wirkt der Weg dank dem Lauf des Bachs rechts und hohen Bäumen auch auf dem breiten Mittelstreifen sowie dem hier eher geringen Verkehr halbwegs parkartig. Der Bach erreicht unter mehreren Brücken und durch einen letzten Teich hindurch den Park Jelitkowski (Jelitkowoer Park) und bald darauf den Strand, wo er ins Meer mündet, während die Fußgänger dafür auf Zebrastreifen die kleine, aber stark befahrene Straße Kapliczna überwinden müssen.

Doch es gäbe eine noch weitere, bessere Alternative. Wenn man geradeaus über die Chłopska ginge, was nicht möglich ist, ohne über einen Zaun der Straßenbahnstrecke zu klettern, käme man zwischen einem bewachten Parkplatz und einer Schule in den Park Przymorze (Przymorze-Park).

Durch diesen und seine Fortsetzung bietet sich ein weit großzügigerer und verkehrsfreier Weg Richtung Park Jelitkowski und Meer. Deshalb wäre es  auch hier sinnvoll, mindestens einen weiteren Übergang mit Ampel anzulegen oder besser noch die Straße aufgestützt zu führen und den Boden für die Fußgänger freizuhalten

Dieser letzte Teil des Wegs zwischen Oliwa und dem Meer ist der, der sich am leichtesten zum einheitlichen Park zusammenfügen ließe, weil er fast ausschließlich aus Grünflächen besteht, doch er ist zugleich der, in dem die ärgerlichsten Hindernisse sind: neue teure Einfamilienhäuser abseits der Chłopska, die den Bach für ein Stück völlig zwischen ihren Grundstücken einhemmen. Hier zeigt der Kapitalismus, wie entschlossen er ist, wie sehr es zu seinem Wesen gehört, jeden „nie wieder gut zu machenden Fehler“ zu wiederholen.

Noch aber ist es nicht zu spät. Irgendwann wird der barocke Traum des Park Oliwski in Erfüllung gehen und er wird in verwandelter, gänzlich unbarocker Weise das Meer erreichen, wie es der Bach schon immer tat, die Zivilisation wird die Natur einholen.

Die Unabhängigkeit im Krankenhaus

1977 feierte Rumänien das hundertste Jubiläum seiner Unabhängigkeit vom osmanischen Reich und 1980 wurde mit leichter Verspätung in Iași ein großes Denkmal dazu eingeweiht. Es steht auf dem großen, durch abwechslungsreichen Baumbestand aber angenehmen Piața Independenței (Platz der Unabhängigkeit) am vielbefahrenen Bulevardul Independenței (Boulevard der Unabhängigkeit).

Sein Hauptelement ist die riesige Bronzeplastik einer sehr schlanken und feingliedrigen Frau mit dennoch breiten Hüften und großen Brüsten. Sie steht wie im Schreiten mit leicht vorgesetztem linken Bein und weit ausgebreiteten Armen. Das Kleid, das sie trägt, ist um die Beine und Arme wallend weit, um den Oberkörper jedoch eng. Ihr Gesicht ist ernst mit geschlossenen Augen, ihr Haar recht kurz und gelockt. In der linken Hand hält sie ein Tuch, das dann im weiten Bogen über ihrem Kopf und zu ihrem Rücken weht.

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Sie steht auf einem hohen rechteckigen Sockel mit hellgraubraunweißer Steinverkleidung, durch den quer zur Straße ein wandartiger niedrigerer Teil verläuft. Derselbe Stein ist auch für die niedrige Treppenanlage, auf der die Sockel stehen und für Dachfirst und Flächen an den Rändern des sechsgeschossigen Gebäudes, das den Platz rückwärtig abschließt, verwendet. Mit seinen horizontalen Bändern aus Fenstern und gelbem Putz und schmalen vertikalen Streben bildet es eine Art Rahmen für das weit davor stehende Denkmal.

Das ist alles nicht schlecht. Die von der Bildhauerin Gabriela Manole-Adhoc geschaffene Plastik ist groß, einfach, nicht so leblos, daß sie nur Allegorie sein kann, und ihre Kleidung ist eine gelungene, wiewohl vielleicht unabsichtliche Mischung aus einer Bauerntracht von 1877 und osteuropäischer Posthippiemode von 1977. Doch alles käme nun auf den Sockel an.

Seine Breitseiten sind bedeckt mit Bronzereliefs aus der Hand von Gheorghe Adoc, Ehemann der Schöpferin der Plastik, die vor allem Kriegsszenen und eine Versammlung, wohl die Unabhängigkeitserklärung, zeigen, dazu die Zahl 1877. Das ist nicht nur äußerst nichtssagend, sondern auch künstlerisch recht nichtig. Eine Szene mit vorstürmenden Soldaten, hinter denen eine Fahne mit, damit keine Zweifel bleiben, dem Wort România weht, nutzt den vertikalen Teil des Sockels, aber die anderen wissen mit ihrer Fläche gar nichts anzufangen. Es ist Kunst des 19. Jahrhunderts, in nichts besser als etwa das Vereinigungsdenkmal auf dem nahen Piața Unirii (Platz der Vereinigung). Wie um das zu unterstreichen, steht vorne auf der zur Straße zeigenden Schmalseite des Sockels: „‚Independenta e suma vietii noastre istorice‘ M. Eminescu“ (Die Unabhängigkeit ist die Summe unserer geschichtlichen Lebens).

Das ist genau das, was man auf einem bürgerlichen Unabhängigkeitsdenkmal erwarten würde. 1980 war Rumänien jedoch ein sozialistischer Staat. Davon ist hier keine Spur. Für Mihai Eminescu, einen großbürgerlichen Dichter des 19. Jahrhunderts, mag die Unabhängigkeit die Summe seines politischen Lebens gewesen sein, für einen sozialistischen Staat jedoch ist diese Summe viel zu niedrig. Aus der Entfernung noch, wenn man nur die sowjetisch inspirierte Plastik sieht, kann man ein sozialistisches Kunstwerk erwarten, doch aus der Nähe ist da bloß bürgerlicher Nationalismus.

Ganz so absolut war der bürgerliche Charakter des Denkmals zur Eröffnungszeit nicht: das Eminescu-Zitat stammt erst aus den Neunzigern, was auch an dem SMS-Rumänisch ohne Sonderzeichen, das dem Dichter wohl schwerlich gefallen hätte, zu erkennen ist. Vielleicht spürte der rumänische Sozialismus, das doch etwas fehlte und lehnte das von den Künstlern angeblich bereits vorgeschlagene Zitat ab. Stattdessen stand dort etwas von, selbstverständlich, dem Staatschef Nicolae Ceaușescu:

„Eroismul înaintașilor de acum un secol va trăi veșnic în conștiința profund recunoscătoare a întregii națiuni, iar opera făurită cu sângele lor, de generațiile de la 1877, va străluci întotdeauna în istoria noastră, ca una din cele mai mari izbânzi pe drumul libertății, progresului, independenței și fericirii poporului român” (Der Heroismus der Vorfahren von vor einem Jahrhundert wird ewig im tief dankbaren Bewußtsein der gesamten Nation leben, und das mit ihrem Blut, der Generationen von 1877, geschmiedete Werk wird in unserer Geschichte immer als einer der größten Siege auf dem Weg der Freiheit, des Fortschritts, der Unabhängigkeit und des Glücks des rumänischen Volks glänzen)

Das ist wiederum nicht schlecht, es stellt die Unabhängigkeit immerhin in einen bei gutem Willen sozialistisch zu nennenden größeren Zusammenhang, aber es genügte leider nicht, das Denkmal zu einem sozialistischen zu machen, da der Inhalt der Reliefs bürgerlich ist. Und auch mit besseren Reliefs würde es vielleicht kein ganz großes Denkmal werden, aber doch ein angemessenes, das viel von hundert Jahren rumänischer Unabhängigkeit erzählen könnte, aber als einem Prozeß voller Konflikte und Kämpfe.

So ist es vielleicht nur passend, daß das Unabhängigkeitsdenkmal von Iași auch städtebaulich eine verpaßte Gelegenheit ist, da es nicht nur an der großen Straße, sondern genau neben der Achse des Piața Unirii liegt.

Und das rahmende Gebäude dahinter wie die unscheinbaren rechts des Platzes, sie gehören zu einem großen Krankenhaus. Die Unabhängigkeit hätte mehr verdient.

Perlen und Beton

Der Paarl-Hoeve (Perlenhof) steht im winzigen nordholländischen Örtchen Krabbendam als eines der wenigen Gebäude jenseits des am Deich verlaufenden Kanals. Schon deshalb ist er hervorgehoben.

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Von Weitem sieht man jenseits der Schafsweiden ein typisches nordholländisches Bauernhaus mit großen quadratischen Grundriß, einem backsteinernen Erdgschoß und hohem, ursprünglich reetgedecktem Zeltdach. Auf der einen Seite stehen hölzerne Ställe und auf der anderen hohe alte Bäume. Zwischen diesen, zu Wasser und Deich hin, verbirgt sich ein großer Garten und ein großer Anbau, im eigentlich ein weiteres Haus, in historistischen Backsteinformen.

Im holzverzierten Giebel, der von der Straße heute jedenfalls im Sommer kaum mehr zu sehen ist, steht auch der Name „Paarl-Hoeve“. Heute paßt er vielleicht noch besser als früher, als er sich einfach auf die Bauernfamilie Paarlberg, die die Gebäude 1901 errichtet hatte, bezog, denn versteckt wie eine Perle liegt der Hof.

Aber das, was ihn am außergewöhnlichsten macht und am meisten hervorhebt, zeigt er wiederum ganz offen: die Betonbrücke von der Straße auf dem Deich zu seinem Gelände. Bereits im abfallenden Ufer hat sie massive Blöcke, die zur eher schmalen und hohen Öffnung unter der eigentlichen Brücke schmaler werden.

Dem entspricht auf Straßenebene eine trichterförmige Verjüngung der Fläche, die von niedrigen Bordüren begrenzt ist, zur schmalen Brücke hin und die folgende Verbreiterung zu Garten und Haus, die auch etwas niedriger liegen.

Nur aus der Entfernung und bei genauerem Blick merkt man, daß die grundstückseitige Wand der Öffnung nach oben und hinten leicht schräg ist.

Die Betonbrücke des Paarl-Hoeve ist ein makelloser Zweckbau. Wo sich die das historistische Gebäude mit sinnloser Ornamentik schmückt, ist sie völlig funktional. Wo jenes allzu klar in eine Zeit einzuordnen ist, könnte diese irgendwann zwischen 1920 und 1970 entstanden sein oder sogar früher. Obwohl die Brücke kein Brutalismus, der rohen Beton zum Ornament reduziert, ist, merkt man ihr doch eine gewisse Freude am Material, das sie vom backsteinroten Einerlei so deutlich abhebt, an. Sie ist die eigentliche Perle.