Archiv für den Monat Juli 2015

Gegen die preußische Schule

Die Johanna-Eck-Schule in Mariendorf, einem Bezirksteil im südlichen Westberlin, ist ein typischer preußischer Schulklotz.

JohannaEckSchuleBerlin

Einen Stil hat er kaum, er ist einfach nur groß und monumental. Von der gegenüberliegenden Seite der Ringstraße noch ist er so mächtig, daß er sich mit einem normalen Objektiv nicht vollständig aufs Bild bekommen läßt, von Nahem wirkt er schon auf einen Erwachsenen so einschüchternd und erdrückend, daß man sich nicht vorstellen mag, wie ein Kind ihn erlebt.

JohannaEckSchuleBerlinEingang

Wollte man alles Hassenswerte an Preußen und damit am deutschen Kaiserreich an einem Gebäude zeigen, es wäre eines wie dieses. Es handelt sich um ein Machwerk des Architekturbüros Reinhardt und Süßenguth, das sich auf diese Art preußischer Architektur spezialisiert hatte und für einige der widerwärtigsten Gebäude in Berlin und anderswo verantwortlich war. Entsprechend bauten die beiden Architekten in der Weimarer Republik nur noch wenig und in der Nazizeit waren sie zu alt.

Das Bundesrealgymnasium in der Krottenbachstraße im 19. Bezirk Wiens ist ein typischer österreichischer Schulklotz.

Bundesrealgymnasium19Wien

Vertikal gegliederte Fassade, die Formen ein neobarocker Jugendstil, über dem hohen Eingang ein Doppeladler. Es ist monumentaler, unmenschlicher Bau, aber so schlimm wie sein preußisches Pendant ist er nicht. Preußen verstand es eben, seine Schulklötze noch ein wenig monumentaler und klotziger zu gestalten als andere deutsche Gegenden, woran dann die Nazis nahtlos anknüpfen konnten.

In den Sechzigern oder Siebzigern bekamen beide Schulen Turnhallen, die rechts neben den Schmalseiten ihrer Eingangstrakte errichtet wurden, in Wien zur Cottagegasse hin,

Bundesrealgymnasium19WienMitTurnhalle

in Berlin zu den Kleingärten am Teltowkanal.

JohannaEckSchuleBerlinMitTurnhalle

Sie sind typische Beispiele der Architektur ihrer Zeit, ganz wie die Schulen solche der ihrigen sind.

 Bundesrealgymnasium19WienTurnhalle JohannaEckSchuleBerlinTurnhalle

Das Dach durch einen glatten Betonstreifen abgesetzt, darunter an den Schmalseiten rauer Beton, an der Rückseite Betonstützen und zur Schule hin ein niedrigerer Bauteil mit den Umkleidekabinen. Trotz kleinen Unterschieden – heller getünchter Dachstreifen und kleinere Betonplatten der Verkleidung in Wien, hinter den Stützen in Berlin Glasbausteine, in Wien vertikale Plexiglaspanele, der Berliner Bau etwas zierlicher und ausgewogener in seinen Proportionen – handelt es sich grundsätzlich um ein und dasselbe Gebäude.

Der Unterschied liegt im Bezug auf den Schulbau und die Bedeutung für diesen. Während die Wiener Turnhalle Abstand zur Schule hält oder mit einem neueren verglasten Teil auf Abstand gehalten wird, schließt sie in Berlin mit einem kleinen Trakt an die Schule an.

JohannaEckSchuleBerlinTurnhalleEingang

Zwischen diesem und dem flachen Umkleidetrakt ist ein vom glatten Betonstreifen überspannter Durchgang, der ein dezenter, leicht zu übersehender Gegenentwurf zum bedrohlichen Säulenportal des Schulbaus ist. Die gesamte Turnhalle, weit mehr als in Wien, ist ein fortschrittlicher Gegenentwurf zur preußischen Architektur. Es ist gar, als wolle sie dem Schulbau noch näher kommen. Da sie es aber nicht kann, schickt sie bunte Metallelemente, die vertikal angeordnet und leicht nach links abgeschrägt sind, an dessen Fassade hinauf, einen Farbverlauf, einen Regenbogen.

JohannaEckSchuleBerlinBunt

Sie ziehen sich, grün im Erdgeschoß, um an das dortige Beet anzuknüpfen, entlang der linken Seite der Fenster hinauf und verbinden diese, blau im zweiten, rot im dritten, gelb im vierten Geschoß, zu horizontalen Bändern. Diese simple Gestaltung, abstrakte Kunst im besten Sinne, gleicht einer Kletterpflanze, als die das Neue am Alten hinaufwächst und seine Wirkung etwas abmildert. Und während die Turnhalle in dichtem Gebüsch verschwindet, sind die Farben der Metallplatten zwar sicher nicht mehr so strahlend wie einst, aber doch unübersehbar, das Auffälligste mithin an der gesamten Schule.

Eigentlich hätte dieser Schulklotz zwar nichts anderes verdient, als abgerissen zu werden, aber was die Architekten und Gestalter der Turnhalle machten, war immerhin das Zweitbeste. In Wien bemühten sie sich darum nicht, sie bauten bloß eine Turnhalle. Aber sie mußten es auch nicht, da sie gegen etwas weit weniger Schlimmes anzukämpfen hatten. Das ist im übrigen auch der Unterschied zwischen Österreich und Preußen.

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Tschechoslowakische Bahnhöfe: Praha-Holešovice

Der Bahnhof Holešovice in Prag liegt in einer schwierigen Umgebung. Es ist einer jener vom Kapitalismus geschaffenen Stadträume, in denen alles aufeinandertrifft und nichts zusammenpaßt: Wohnbebauung, Industrie, das Messegelände, der Fluß. Als in den Siebzigern im Rahmen der technisch sehr aufwendigen Verbindung des hoch gelegenen Prager Hauptbahnhofs mit der Bahnstrecke nach Nordwesten ein neuer Bahnhof für Fernzüge geplant wurde, war das den Planern sicher wohl bewußt. Ein einziges sozialistisches Gebäude kann an den ererbten Problemen seiner Umgebung allein wenig ändern, aber der Bahnhof Holešovice tut sein Bestes.

Entscheidend ist, daß er weit von der Bahnstrecke, die entlang der Vltava (Moldau) verläuft und den Blick und Zugang zu ihr völlig versperrt, bis zur Plynární (Gaswerkstraße) ausgreift.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaEingangsgebäude

Das Gebäude an dieser Straße, auf der die Straßenbahnen fahren, ist eine Art Vorposten des eigentlichen Bahnhofs. Es hat einen etwa quadratischen Grundriß und zwei Geschosse. Das untere mit den Eingängen ist zur Straße hin und auch seitlich in goldgefaßte dunkle Glasflächen aufgelöst. Das obere hingegen wendet der Straße eine Verkleidung aus vertikal angebrachten grauen Steinplatten zu, wie sie für das Äußere, aber auch das Innere des Bahnhofs bestimmend ist. Die übrigen Seiten des Obergeschosses bestehen vor allem aus braun-spiegelnder Glasverkleidung und davon kaum zu unterscheidenden Fensterbändern. Steinverkleidet ist eine hohe und flache Stele, die vor den Eingängen steht. Sie scheint erst ganz funktionsloser Selbstzweck, Entsprechung des einzigen schmalen Fensters an der Vorderseite, gehört aber tatsächlich zum Belüftungssystem der Metrostation Fučíkova, heute Nádraží Holešovice (Bahnhof Holešovice), zu der man hier gelangt. Zugleich ist sie durch einer schwarzen Tafel mit silberner Schrift auch Denkmal für diesen 1984 eröffneten Abschnitt der Prager Metro.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaGedenktafel

Steinverkleidet ist auch das dicke Vordach der Bushaltestelle, das rechts quer neben dem Eingangsgebäude steht.

PrahaNádražíHolešoviceBusstation

Hinter dem Gebäude, nein: auf seiner straßenabgewandten Seite ist ein kleiner Ruhebereich, der durch ein langes wellengleich geschwungenes Hochbeet mit teils schrägen hohen Betonwänden vom Busparkplatz abgegrenzt ist.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaHochbeet

Das regelmäßige, aus Pflasterlinien zwischen Betonflächen gebildete Rechteckmuster des Bodens wird hier von einem wiederum wellenartigen Streifen aus größeren rötlichen Kieseln unterbrochen. Darüber führen, als wäre es Wasser, unregelmäßige viereckige Platten aus schwarzem Stein, während einige große abgerundete Steine, glattgeschliffen und schwarzweiß gemasert, einer in der Mitte geteilt, daraus aufragen. An der steinverkleideten Wand setzt sich der Bodenstreifen andeutungsweise in schräggesetzten Verkleidungsplatten fort.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaSteine

Ein Stück entfernt dient ein weitere solcher Stein als Brunnenbecken. Dieser Ruhebereich mit seinen runden Formen, die mit den eckigen Formen des Gebäudes auf harmonische Weise kontrastieren, ist ein schönes Beispiel eines typisch tschechoslowakischen Designs, dem man verzeihen kann, falls es sich für abstrakte Kunst hielt (das Werk heißt denn auch „Řeka“ (Fluß) und stammt vom Bildhauer Josef Klimeš) .

Von hier kann man jenseits einer größeren Straße schon die weiteren Teile des Bahnhofs sehen: ein dem Eingangsbau entsprechender zweigeschossiger Bau, ein ausgedehnter Flachbau und abschließend entlang der Bahnstrecke ein viergeschossiger Bürobau mit brauner Verkleidung und Fensterbändern unter einem dicken steinverkleideten Dachstreifen.

PrahaNádražíHolešoviceAußen

Doch spätestens hier ist das Äußere des Bahnhofs nebensächlich, da es von keinen relevanten städtischen Bereichen aus zu sehen ist. Vielmehr beginnt mit dem Eingangsbau an der Plynární ein innerer Korridor, der bis zu den Gleisen leitet.

Unter der Straße hindurch gelangt man entweder über den nicht sehr tiefliegenden Metrobahnsteig, der mit schrägen Steinstreifen an den Wänden dem üblichen Design der Linie C entspricht,

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaBahnstein

oder durch eine nach der Bushaltestelle beginnende Unterführung, die etwas eng und gegenwärtig – es ist schließlich Tschechien, nicht mehr die Tschechoslowakei – mit esoterischem Graffiti gestaltet ist. So kommt man auf einen breiten, zu beiden Seiten offenen Quergang, dessen mit weißen Kunststoffleisten verkleidete Decke in kurzen Abständen von Lichtschächten unterbrochen ist, so daß entweder durch deren Fenster oder herabhängende Lampen viel Licht hereinfällt. An den Seiten sind verschiedene Läden angeordnet.

PrahaNádražíHolešoviceGang

Gegenüber dem Aufgang der Metro hat die rechte Stütze des Gangs eine Schräge nach links, die mit dunklerem und glatterem Stein verkleidet ist, der ein wenig noch gleichsam über den Boden fließt. Aus dieser Verkleidung ist ein nach links blickendes Gesicht als Relief herausgearbeitet.

PrahaNádražíHolešoviceFučík

Es gehört einem Mann, wohl nicht alt, aber sein Name steht nirgends. Man muß die Worte auf der Stütze links, zu denen sein Blick geht, kennen oder die Verbindung zum alten Namen der Metrostation herstellen, um zu erkennen, wer da gezeigt ist: Julius Fučík. Dieser kommunistische Journalist war aufgrund seines vorbildlichen Lebenslaufs, seiner Hinrichtung durch die Nazis und insbesondere seiner im Gefängnis geschriebenen „Reportáž psaná na oprátce“ (Reportage unter dem Strang geschrieben) so etwas wie ein Säulenheiliger der sozialistischen Tschechoslowakei. Und die hier gewählten Wort sind auch wie dafür geschrieben, in Stein auf einer Wand zu stehen:

PrahaNádražíHolešoviceFučíkText

„Žili jsme pro radost, pro radost šli jsme do boje a pro ni umíráme. Ať proto smutek nikdy není spojován s naším jménem“ (Wir lebten für die Freude, für die Freude zogen wir in den Kampf und für sie sterben wir. Daß deshalb Traurigkeit nie mit unserem Namen verbunden sei). Diese beiden Sätze wie die gesamte „Reportáž“ enthalten das ganze zukunftsgewisse Vermächtnis der Kommunisten der ersten Republik, das der vom Sozialismus gebaute Bahnhof zu erfüllen trachtet. Zwischen beiden Stützen, zwischen Fučíks Gesicht und seinen Worten, blickt man durch Glas in einen üppigen Garten, hinter dem der Bürobau sich erhebt.

PrahaNádražíHolešoviceGarten

Das Fučík-Denkmal im Bahnhof Holešovice, ein Werk des Bildhauers Stanislav Hanzík und des Architekten Aleš Vašíček, ist auf so zwangsläufige und dezente Weise mit der Architektur verbunden, daß es, voller Menschlichkeit und Realismus, ein Höhepunkt der sozialistischen Kunst der Tschechoslowakei ist (ansonsten ein schwieriges Thema).

Von der Unterführung her betritt man den Quergang gegenüber dem rechts am Garten vorbeiführenden Gang zu den Gleisen. An seiner rechten Seite sind Schalter, Gepäckaufbewahrung und ähnliches, während sich auf der linken Seite mehrere durch Wände separierte Wartebereiche zum Garten öffnen.

PrahaNádražíHolešoviceWartebereiche

Das Tageslicht fällt durch die Scheiben links herein, aber auch das künstliche Licht nimmt seinen Ausgang in Lampengruppen über den Wartebereichen und setzt sich in schmalen Lampensteifen zwischen Lamellen in der Decke fort, die den Sonnenstrahlen auf dem Boden entsprechen.

Der Garten ist das Herz des Bahnhofs Holešovice. Er ist nicht sehr groß, man kann ihn nicht betreten, aber er fügt alles erst zu einem Ganzen zusammen. Nichts erwartet man in einem Bahnhof weniger als einen Garten, aber wenn man diesen erlebt hat, fragt man sich, wieso nicht jeder einen hat. Der Garten schafft inmitten des Bahnhofs, der zwangsläufig ein Ort der Bewegung, des Trubels, ja, der Hektik ist, einen Ort der Ruhe und Entspannung. Nicht zufällig vielleicht hat der Garten durch verschiedene meist immergrüne Sträuche, wenige Bäume, Steine auf einer Wiese und einem Betonpodest eine gewisse fernöstliche Anmutung – tschechoslowakisches Zen. Auf wiederum andere Art erlebt man ihn, wenn man auf der Terrasse des Bahnhofsrestaurants, das vor dem Bürobau ist, sitzt. Hier trennt einen keine Scheibe mehr von seinem Grün, man ist fast mittendrin, über einem winden sich Schlingpflanzen um Betonlamellen. Der Bahnhof ist nah und fern zugleich, es ist eine Idylle. Kein besserer Ort für eine letzte Mahlzeit vor einer längeren Zugfahrt.

Etwas schmaler führt der Gang weiter zu den Bahnsteigen. An einer Wand ist noch eine abstrakte Form im Stein, die eine Blume oder ein Vogel sein könnte, tschechoslowakische Kunst von ihrer schlechteren Seite.

PrahaNádražíHolešoviceAbstrakt

Die Bahnsteige haben schlichte Dächer und verraten, wie so oft bei tschechoslowakischen Bahnhöfen, noch nichts vom Bahnhof selbst.

PrahaNádražíHolešoviceBahnsteige

Das ist der Bahnhof Holešovice, ein Korridor, ein Innenraum, aber mit seinem Garten schafft er sich selbst ein Äußeres, eine idealisierte, völlig menschliche Natur, die er sanft umschließt. Es ist auch keineswegs so, daß er sich der umliegenden Stadt verschließt, die Öffnungen des Quergangs zeigen es klar, bloß ist da eben nicht viel. Gut möglich, daß es Planungen gab, anschließend an den Bahnhof ein neues Zentrum für den Stadtteil Holešovice zu schaffen. Dazu reichte die Zeit nicht. So steht der Bahnhof Holešovice allein als ein spätes Beispiel der Großartigkeit tschechoslowakischer Bahnhofsarchitektur.

Antifaschistische Architektur auf dem Fehrbelliner Platz

Der Fehrbelliner Platz ist das größte erhaltene Ensemble von Naziarchitektur in Berlin. Er liegt an der Kreuzung von Hohenzollerndamm und Brandenburger Straße im Westberliner Bezirk Wilmersdorf. Wie so viele Orte, die Platz heißen, ist er nicht wirklich ein Platz, sondern eben eine große Kreuzung.

FehrbellinerPlatzBerlinGesamt2

Drei Gebäude bilden einen von Straßen unterbrochenen Halbkreis und sollten wohl Abschluß irgendeiner Achse werden. In allen sind noch heute diverse Verwaltungseinrichtungen untergebracht. Alle sind fünf Geschosse hoch und haben leicht überstehende Walmdächer.

Das rechte Gebäude ist hell verputzt und könnte genauso auch in der Kaiserzeit entstanden sein. Die drei anderen gehen den kleinen Schritt über das Schlechteste der kaiserzeitlichen Architektur hinaus, der die Naziarchitektur auszeichnet.

FehrbellinerPlatzBerlinGesamt1

Sie haben eine Verkleidung aus drohend dunklen Steinplatten, die vertikalen Fenster springen durch dicke Umrandungen hervor, an den Seiten sind massive Kolonnaden. Wie das bei Architektur, die nur einen einschüchternden Effekt erreichen will, Kulissenarchitektur mithin, üblich ist, beschränkt sich die Steinverkleidung auf die Vorderseite zum Platz hin. Schon in den Nebenstraßen sind die Fassaden schlichter, zu den Hinterhöfen sind sie dann gänzlich schmucklos.

FehrbellinerPlatzBerlinRückseite

Hinter dem Platz, Ecke Brandenburger Straße und Sächsische Straße, steht auch eines der wenigen innerstädtischen Wohnhäuser der Nazizeit.

NaziwohnhausBrandenburgerStraßeSächsischeStraße

Es unterscheidet sich nur wenig von kaiserzeitlichen Mietshäusern. Bloß ist die Ornamentik der sandsteinernen Erker vielleicht etwas weniger verspielt und von oben droht das überstehende Dach mit nachgemachtem Kranzgesims, ein für nazistische wie faschistische Architektur unerläßliches antikisierendes Moment.

NaziwohnhausBrandenburgerStraßeSächsischeStraßeErker

In einem der Erker hat sich der Architekt mit einem verlogen kollektivistischen Spruch nach Naziart, den er vielleicht originell fand, verewigt: „Gemeinschaft schafft bei gleichem Ziel aus wenig viel.“

Glücklicherweise stehen die Gebäude am Fehrbelliner Platz ansonsten allein, die Achse wurde nie gebaut und die späteren Gebäude schaffen ein gewisses Gegengewicht. Doch den Kampf gegen die menschenfeindliche Monumentalität der Naziarchitektur nahm ausgerechnet der U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, der im Rahmen der Westberliner U-Bahnlinie U7 im Jahre 1971 gebaut wurde, auf. Im weiteren Umkreis der Kreuzung des Platzes sind viele kleine Eingänge der U-Bahn, deren Gestaltung eine Variation anderer U7-Eingänge aus den frühen Siebzigern ist.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinEingang

Um die einfachen Treppen verläuft ein Mäuerchen aus Betonblöcken, auf dessen Seiten kurz vorm Ende eine rote Betonwand mit U-Bahnlogo beginnt und das abgerundete Ende schwebend nachvollzieht. Diese zierlichen und klaren Formen sind wie Farbtupfer auf dem Braun der Nazigebäude.

In der Mitte des Platzes oder vielmehr links von ihr, geht der U-Bahnhof mit einem eigenen Gebäude noch einen Schritt weiter.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinEingangsgebäude

Es besteht aus einigen Zylinderformen, die durch ein mehrfach versetztes und abgerundetes, mal Durchgänge, mal Räume überspannendes Flachdach verbunden sind, und es ist völlig mit kleinen roten Kacheln verkleidet. Es scheint in ständiger Bewegung, wellenähnlich, aus jeder Perspektive zeigt es sich anders.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinLampen

Die runden Formen setzten sich in gelbgefaßten Lampen, die im Durchgang herabhängen, in Licht- und Lampenschächten über den Treppen und auch ein wenig im Bahnsteig der U7 fort.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinBahnsteig

Die U3, die ebenfalls hier fährt, hat ihren Bahnsteig von 1913 behalten.

Das Gebäude ist ebenfalls also nur ein Eingang, aber auch noch etwas anderes. Es steht genau so, daß es den Blick auf den von zwei aus Lampen aufwachsenden Stangen markierten Eingang des größten Nazigebäudes des Platzes versperrt.

FehrbellinerPlatzBerlinEingang

Jeder Blick geht unweigerlich zu dem Eingangsgebäude, man kann den Fehrbelliner Platz nicht sehen, ohne es zu sehen. Es ist fast gänzlich horizontal, aber es scheut sich nicht, noch ein wenig aufzutrumpfen: auf dem nächst der Kreuzung stehenden Zylinder steht auf dem Dach eine grüne Metallkonstruktion aus vier schräg zueinander gesetzten flachen Streben, die zwischen zwei horizontalen Ringen rote Elemente mit U-Bahnlogo und Digitaluhren tragen.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinTurm

Dieser kleine Turm ist so sehr eine Geste wie er funktional ist.

Das U-Bahngebäude schafft also, obwohl es viel kleiner ist, nur durch seine kräftige rote Farbe, seine bewegte Form und seinen funktional-expressiven Turm, ein starkes Gegengewicht zur nazistischen Architektur, die es umgibt, ja, es überwiegt sie. Das ist ein Sieg Davids über Goliath, der Sieg einer dezenten fortschrittlichen Architektur über eine monumentale reaktionäre Architektur. Das ist eine architektonische Rückeroberung des Fehrbelliner Platzes von den Nazis. Das ist, ob es die Westberliner Architekten und Stadtplaner nun wußten und wollten oder nicht, ein antifaschistischer Akt.

Puzzledeutschland 1970

Das heutige Deutschland ist als Puzzle ziemlich langweilig. Sechzehn Teile, die meisten davon riesig und mehr oder weniger rechteckig, ein paar wiederum so klein, daß sie kaum gute Puzzleteile abgeben.

didactaWestdeutschland

Auch hier, wie bei so vielem anderen, was an Deutschland schlecht ist, kam die DDR zur Hilfe. Als es diese noch gab, hatte die Bundesrepublik Deutschland zwar sogar nur zehn Bundesländer und Puzzleteile, aber dafür steuerte die DDR gleich vierzehn Bezirke und Puzzleteile hinzu. Anders als die westdeutschen Bundesländer sind die Bezirke der DDR auch weder zu groß noch zu klein und dazu recht abwechslungsreich geformt.

didactaBezirke

Natürlich ist es fragwürdig, ob sich die DDR sehr darüber freute, in einem didacta-Puzzle des Otto-Maier-Verlags Ravensburg von 1970 mit dem Titel „Deutschland“ vorzukommen. Umso klarer ist dafür, daß dieses Puzzle durch die Bezirke der DDR sehr gewinnt. Ein ganz vollwertiger Teil dieses „Deutschlands“, zu dem sie nicht gehörte und gehören wollte, ist die DDR jedoch nicht. Während die westdeutschen Bundesländer alle ihre eigenen Farben haben, haben die DDR-Bezirke sich mit einem einheitlichen Olivgrün zu begnügen. Auch in der Aufzählung der Einwohnerzahlen unten rechts sind die einzelnen Bundesländer aufgeführt, die DDR aber als ganzes.

didactaDeutschlandLegende

Und mitten zwischen sich müssen die Bezirke ein einziges Puzzleteil namens Berlin mit dem Westberliner Wappen dulden, wobei in diesem die Grenze zur Hauptstadt der DDR immerhin als Linie eingezeichnet ist.

didactaBerlin

Dieses Puzzle ist also ein eigenartiges Zeugnis einer Zwischenzeit. Das Design, die klare serifenlose Schrift, alles wirkt sehr modern, moderner vielleicht, als ein solches Puzzle heute wirkte. Das schiere Eingeständnis, daß es eine DDR gibt, wenn sie auch nur in der kleinen Karte links unten beim Namen genannt und nie als Deutsche Demokratische Republik ausgeschrieben ist, und daß sie verwaltungstechnisch in Bezirke aufgeteilt ist, war 1970 ebenfalls vielleicht nicht ganz selbstverständlich. Gleichzeitig grenzt aber östlich an die DDR nicht etwa Polen, sondern „Unter poln. Verwaltung“, Ausdruck des damals in Westdeutschlands staatsoffiziellen Revanchismus, der die Ergebnisse des zweiten Weltkriegs und das Potsdamer Abkommen nicht anerkannte. Als sich die offizielle Politik zwei Jahre später änderte, vollzog das Ravensburger Puzzle das sicherlich bereitwillig nach. Interessant wäre zu sehen, wie ein entsprechendes Annaberger Puzzle aus der DDR ausgesehen hat. Seit dem traurigen Jahr 1990 jedenfalls sind Deutschlandpuzzles langweilig. Hier deshalb der Blick ins Jahr 1970:

didactaDeutschland

Wittgenstein auf dem Podest

Margarethe Stonborough-Wittgenstein, Tochter eines der reichsten Industriellen Österreichs, ließ sich 1929 vom Architekten Paul Engelmann in Wien eine Villa errichten.

HausWittgensteinAllein

Sie besteht aus mehreren ineinander versetzten eckigen Bauteilen, die zusammen eine recht komplexe Form ergeben. Der höchste Teil hat drei Geschosse, auf den Dächern der niedrigeren Teile sind Terrassen, an einer der Seiten endet ein flacher Teil mit einem abgeschrägten Glasdach. Der Putz ist weiß, Schmuck gibt es keinen. Auch alle bauhausstiligen Elemente fehlen, während die hohen vertikalen Fenster noch deutlich das Erbe von Otto Wagner erkennen lassen. Insgesamt ist es eine Villa, wie sie zur Erbauungszeit in den teuersten Teilen von Vorortbezirken wie Hietzing, Döbling, Währing ungewöhnlich, aber keineswegs einzigartig war.

Doch am Bau beteiligt war auch Margarethes Bruder Ludwig Wittgenstein, heute bekannt als Philosoph, damals aber in einer für zu gebildete Sprößlinge zu reicher Familien typischen Orientierungslosigkeit auch als Volksschullehrer und eben Architekt dilettierend. Seine Berühmtheit ist der einzige Grund, wieso heute noch von diesem mehr nach ihm als seiner Schwester benannten Haus Wittgenstein die Rede ist. Ein Philosoph, der ein Haus baut – das ist für Architekturhistoriker natürlich der ideale Anlaß, irgendeinen Unsinn zu schreiben. Dabei weiß man alles, was über das Thema Wittgenstein und Architektur zu wissen ist, wenn man ein einziges, in seiner schieren Idiotie allerdings herausragendes Zitat von ihm kennt: „Die Arbeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur – eigentlich mehr die Arbeit an einem selbst.“

Nein, nichts ist für das Haus Wittgenstein unwichtiger als irgendein Philosoph. Was es aber äußerst klar zeigen kann, ist eins: wie absurd es ist, ein Gebäude ohne seinen städtebaulichen Kontext, ohne seine Nachbargebäude, zu betrachten. In einem der genannten Vorortbezirke, wo sich große Gartengrundstücke aneinanderreihen, ginge das vielleicht noch an. Margarethe Stonborough-Wittgenstein ließ ihre Villa aber auf der Landstraße, im 3. Bezirk, der von dichter innenstädtischer Bebauung geprägt ist, errichten. Daß die Villa in dieser Umgebung freistehen kann, ist ein kaum faßbarer Luxus, wie ihn sich zu dieser Zeit in Österreich höchstens noch eine Handvoll anderer Leute theoretisch hätten  leisten können. Mit den teuren Villen in den Vororten hat das Haus Wittgenstein deshalb kaum etwas zu tun. Eher ähnelt es den Adelsresidenzen, von denen sich in der Umgebung noch einige mitsamt Gartenresten erhalten haben. Es ist eine Illustration von Prousts Satz, daß ein kleiner Garten in Paris mehr bedeutet als der größte Landsitz in der Provinz.

Das Haus Wittgenstein geht aber sogar noch einen Schritt weiter als diese Residenzen. Während deren Gärten nach und nach von den heranrückenden Mietshäusern der kapitalistischen Großstadt verschlungen werden, schottet es sich völlig von seiner Umgebung ab. Dank einer leichten Steigung des Geländes zeigt das Grundstück zu drei angrenzenden Straßen, Kundmann-, Geusau-, Parkgasse, nur weiße Mauern, über denen erst der Garten liegt, wodurch die Villa sogar leicht zu übersehen ist.

HausWittgensteinMauern

Das Haus Wittgenstein steht damit wie auf einem Podest. Es gleicht dem Villenmodell auf einer Marmorplatte aus dem Comic „Dolores“. Es wirkt, als habe man eine Vorortvilla mit ihren Garten feinsäuberlich ausgegraben und dann versehentlich in der Innenstadt abgestellt. Es scheint in dem luftleeren Raum stehen zu wollen, in dem Architekturhistoriker jedes Gebäude gerne betrachten. Doch das kann ihm nicht gelingen, denn die Stadt ist eben da. So steht an der vierten Seite des Grundstücks, wo sich früher der Garten fortsetzte, das fünfzehngeschossige Hochhaus des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger.

HauptverbandHausWittgenstein

Es ist bestimmt vom Kupferton seines Stahlgerüsts und der vertikalen Streben zwischen den verspiegelten Fensterbändern, ein typischer, wenig schöner Verwaltungsbau aus den Siebzigern. Dunkel und hoch ragt er dicht neben dem weißen Haus Wittgenstein auf. An der Kundmanngasse ist ein niedrigerer Anbau, der Richtung Erdberggasse mit einer Brandwand endet, als wolle er dort an Blockrandbebauung anschließen, wobei es stattdessen wenigstens einen Grünbereich gibt.

HauptverbandErdberggasse

Der Blick auf die Villa ist von dieser Seite völlig verstellt. Sie rückt damit in eine Art Hinterhof und teilt, verspätet wie sie verspätet und völlig fehlplaziert gebaut wurde, das Schicksal der Adelsresidenzen.

HausWittgensteinTiefgarage

Vor dem Haus Wittgenstein sind heute die geschwungenen Ein- und Ausfahrten der Tiefgarage des Sozialversicherungshochhauses, dessen schönsten Teile, und eine dunkle Wand aus billigem Marmor auf der zu lesen ist: „Soziale Sicherheit ist die verlässlichste Grundlage der Demokratie“.

HausWittgensteinJohannBöhm

Diese Weisheit stammt nicht von Wittgenstein, sondern von Johann Böhm.

Das Haus Wittgenstein wurde spätestens durch das daneben gebaute Hochhaus völlig unbewohbar. Mitte der Siebziger wurde es von der Volksrepublik Bulgarien gekauft, die aus ihm das einzige machte, wozu es, vielleicht, zu gebrauchen ist: ein Kulturzentrum. Sie gab dem Eingang in der Parkgasse ein ornamentales Tor, hängte eine schlichte, aber wohlgestaltete Gedenktafel daneben, bietet auch Besichtigungen an, konzentriert sich im Garten aber lieber auf Kyrill und Method, die als Begründer der slawischen Schriftsprache auch zweifelsohne wichtiger sind als dieses Haus.

Ölhafen und Paradies

Die Dechantlacke ist die Wiener Version des Paradieses. Ein kleiner See nur, mitten oder wenigstens am Rand des dichten Walds des Naturschutzgebiets Lobau. In den warmen Jahreszeiten sind die unzähligen kleinen Uferstellen, Buchten und Halbinseln bevölkert von größtenteils nackten Menschen, die der Natur erst das Paradiesische geben. Wie an jedem Ort, der regelmäßig von einer größeren Zahl Nudisten frequentiert wird, gibt es die Ureinwohner, die immer dort sind und deren Farbe zwischen Braun und Orange schwankt. Sie haben sich, was nicht an jedem solchen Ort selbstverständlich ist und daran liegt, daß sie zumeist Hippies sind, hölzerne Unterstände, fast schon Hütten, gebaut, in und um die sie ihre Zeit verbringen. Auch die Baumstämme, die scheinbar zufällig auf dem Wasser treiben, stellen sich bald als Flöße heraus, teils sogar mit ausgeklügelten mechanischen Antriebssystemen. Wie jedes Paradies ist auch die Dechantlacke ein wenig eintönig, eine einzige Harmonie des kollektiven Nichtstuns, der richtige Ort für die heißesten Sommertage.

DechantlackeHippies

Die Welt scheint hier fern, aber, und das erst macht die Dechantlacke so interessant, sie ist es nicht. Die Lobau liegt am Rande von Wien, im Südosten abseits der Donau, aber eben in Wien. Wenn sie heute mit weiteren Seen, Sumpf-, Wald- und Wiesengebieten so sehr als unberührte Natur erscheint wie die Dechantlacke als Paradies, dann stimmt das nur halb. Denkmäler und einige Überreste erinnern daran, daß hier Napoleons Hauptquartier in der Schlacht von Aspern war. Damals, 1809, war die Lobau eine Insel; die heutige Landschaft ist Ergebnis der Donauregulierungen seit dem späten 19. Jahrhundert. Mitten in der Lobau sind auch die Reste des Donau-Oder-Kanals, eines nie über Ansätze hinausgekommenen Infrastrukturprojekt der Nazis. Bunker, auf die man immer wieder stoßen kann, dienten den Wachmannschaften der Zwangsarbeiter. Schon von der Dechantlacke selbst sieht man manchmal den hohen Schornstein des Dampfkraftwerks Donaustadt aus den Siebzigern.

Dechantlacke

Und immer wieder hört man das Donnern der Tankzüge, die zum Ölhafen mit dem Zentrallager der OMV fahren(geschickte Idee, aus der altbackenen Österreichischen Mineralölverwaltung durch die Wegnahme des Umlauts ein cooles internationales Unternehmen mit nichtssagender Abkürzung zu machen).

ZentrallagerOMV

Diese Anlagen wurden ebenfalls im Zusammenhang mit den Kanalplanungen von den Nazis gebaut und später erweitert. Sie liegen ebenfalls mitten in der Lobau.

Der Weg ins Paradies führt also über die Abstellgleise vor dem Ölhafen und vielleicht machen erst diese das Paradies erträglich.

FrachtenbahnhofLobau

Oben auf der Betonstraße fahren die Tanklaster und, bei schönem Wetter, viele Autos mit Ausflüglern. Die lassen die Dechantlacke aber zumeist links liegen und nutzen die ebenfalls gänzlich unnatürliche, erst durch den Bau der Donauinsel entstandene Neue Donau, um die es vielerlei Imbisse und konventionellere Badegelegenheiten mit und ohne FKK gibt. Ins Paradies fährt auch der Bus 92B Richtung Ölhafen.

Mit ihrer Kombination aus idyllischer Natur und unidyllischer Industrie sind die Dechantlacke und die weitere Lobau ein sehr Wienerischer Ort. Es gehört zum enormen Luxus des Lebens in dieser Stadt, daß die Hippies ihr eigenes kleines Naturparadies haben können, aber aufgehoben zwischen Kraftwerk, Bahngleisen und Ölhafen, Stützen der städtischen Zivilisation. Vielleicht geben sie sich da Illusionen von einem freieren, selbstbestimmteren Leben hin, während die zuständigen Magistratsverwaltungen sie unaufdringlich umsorgen, indem sie etwa die Mülltonnen leeren. Doch auch wenn man den Ölhafen mehr liebt als das Paradies: für die heißesten Tage gibt es nicht Besseres als die Dechantlacke.

Fachwerk um 1900

Als der Historismus des 19. Jahrhunderts in den letzten Zügen lag, wurde eine Pseudofachwerkarchitektur sehr beliebt. Nachdem alle gesamteuropäischen Stile von der Romanik bis zum Barock geplündert waren, besann man sich nun auf eine romantisch idealisierte Heimat, was ein weiterer, zuvor kaum für möglich gehaltener Rückschritt war, eine Art architektonischer Deutschtümelei.

Ein Musterbeispiel solcher Architektur kann man in der Severin-Schreiber-Gasse im 18. Bezirk betrachten.

SeverinSchreiberGasse

Ein großbürgerliches Mietshaus nahe dem Türkenschanzpark, vier, fünf Geschosse hoch. Zur Straße hin hinter dem Vorgarten eine eher schmale Fassade. Rechts der Mitte eine Terrasse, die auf dorischen Säulen einen Erker trägt. Im dritten Geschoß ist dieser nach links versetzt, das Fachwerk kommt hinzu. Er wächst weiter auf, verbindet sich mit einem komplizierten Dach mit vielerlei hölzernen Giebeln, oben eine abgerundete und verglaste Ecke. An der linken Seite hängt oben ein weiterer hölzerner Erker.

SeverinSchreiberGasseSeite

Alles soll etwas ungeordnet, wie Ergebnis eines jahrhundertelangen Bau- und Umbauprozesses erscheinen. Bis ins kleinste Detail ist das Gebäude mit Naturkitsch geschmückt. Rankenmuster um die Stützen eines Erkers, ein Eichhörnchenrelief, rechts unten eine Eule zwischen romanischen Säulchen mit Froschkapitellen, unter der ein steinerner Wasserfall entspringt.

SeverinSchreiberGasseEule

Heute tun echte Kletterpflanzen das ihrige, den Eindruck einer halbverfallenen Ritterburg, der schon zur Erbauungszeit beabsichtig war, zu verstärken. Abgesehen von seiner Fassadendenkoration unterscheidet sich dieses Gebäude aber nicht von einem beliebigen anderen Mietshaus seiner Zeit. An der Seite und bei dem angrenzenden Hinterhaus ist die Ornamentik schon sehr zurückgenommen.

Daß mit Fachwerk auch ganz anders umgegangen werden kann, zeigt ein Gebäude in der Vegagasse im 19. Bezirk. Es ist ebenfalls ein großbürgerliches Mietshaus und steht gar nicht weit entfernt, bloß am anderen Ende des Cottage, eines der wichtigsten Wiener Villenviertel.

Vegagasse17

Ein eher schlichter Bau, drei Geschosse hoch, bei den Ecken dreieckig vorgesetzte Teile mit besonders großen Fenstern, über denen das sehr hohe Walmdach, das auch sonst übersteht, halbrund wird. Die Fassade ist strukturiert von einem Fachwerk, das aber nicht aus Holz, sondern aus rot-brauner Keramik besteht. Es bildet regelmäßige Felder, in denen Fenster und verputzte Mauerflächen sind. Mit deutschtümelnder Naturromantik hat dieses Gebäude nichts zu tun. Es braucht keinerlei Ornamente oder Details. Von Robert Orley 1906 erbaut, wie bei den Türen geschrieben steht, ist es auch unabhängig von seiner Fassade etwas eindeutig Anderes ist, nicht radikal anders vielleicht, aber weit entfernt von einem typischen Mietshaus der Zeit.

Mit dem Jugendstil, der sich durchaus gerne auch mit Fachwerkkitsch verband, haben beide Gebäude außer der Zeit wenig gemein, bloß in der Ornamentik der Zäune finden sich Spuren. Doch das eine bleibt hinter ihm zurück, das andere geht über ihn hinaus. Während das Haus in der Severin-Schreiber-Gasse das Fachwerk, ein früher funktionales Element, rein dekorativ verwendet, um auf eine idealisierte Vergangenheit zu verweisen, sind im Fachwerk des Hauses in der Vegagasse, gleich, ob sich dahinter wirklich ein tragendes Gerüst verbirgt, schon die Stahlbetongerüste der kommenden fortschrittlichen Architektur zu erkennen.

Fassadendetail eines Baťa-Gebäudes in Zlín

Fassadendetail eines Baťa-Gebäudes in Zlín