Archiv für den Monat Februar 2016

Die Toleranzpatente in der Hansson-Siedlung

Am Rande eines der Teile der Per-Albin-Hansson-Siedlung im südlichen Favoriten, direkt neben der Autobahn, stehen nebeneinander zwei Kirchen: eine evangelische und eine katholische. Sie stehen beide am Holeyplatz, der eher ein Parkplatz ist.

ThomaskircheFranzVonSalesHanssonSiedlung

Die evangelische Thomaskirche ist ein kleiner Backsteinbau, kaum mehr als ein Geschoß hoch, geöffnet zur Straßenecke, wo eine Betonbank und ein einziger Baum stehen, und dorthin auch sein auffälligstes Element, ein über den Eingang ragendes Dach aus milchigem Glas, zeigend.

ThomaskircheHanssonSiedlung

Nichts an dieser Kirche läßt an einen Sakralbau denken.

Die katholische Kirche Zum hl. Franz von Sales ist eine große Halle, deren Dach in einer leichten Schräge ansteigt und mit einer großen Fensterfläche endet.

FranzVonSalesHanssonSiedlungGesamt

An der rechten Breitseite sind außerdem zwei größere vertikale Fensterflächen. Daß man hier trotzdem sofort den Sakralbau erkennt, liegt weniger an dem großen Christus-Relief an der fensterlosen Vorderseite als am leicht abgesetzt rechts stehenden Turm, der auf quadratischem Grundriß hoch aufragt und sich oben in vertikalen Streben öffnet. Während die evangelische Kirche mit einem einzigen Baum auskommen muß, hat die katholische links einen eigenen Garten, einen Kreuzgang gleichsam, der zum Platz hin verglast ist und von den anderen Seiten durch flache Anbauten umschlossen ist. Die Rückseite zur Autobahnhin ist überraschenderweise aus Backstein.

FranzVonSalesHanssonSiedlungRückseite

Das ist zum einen eine Gemeinsamkeit mit dem evangelischen Nachbarn, erinnert aber auch an die Kirche Maria Treu im 8. Bezirk, die nach vorne, zur Piaristengasse, eine prachtvolle weiße Barockfassade hat,

MariaTreuPiaristengasse

sich nach hinten, zur Lederergasse, jedoch als ein viel nüchternerer Backsteinbau zeigt.

MariaTreuLederergasse

Das Nebeneinander und die Unterschiedlichkeit der beiden Kirchen ist nicht überraschend, so ist das eben einem Land, in dem der Katholizismus dominiert und der Protestantismus eine nur marginale Stellung hat. Doch zugleich weisen die beiden Kirchenbauten aus den Jahren 1977 respektive 1963, als sie errichtet wurden, weiter in die österreichische Geschichte zurück, in die Jahre 1781 und 1782 nämlich. Damals erließ Kaiser Joseph II. die sogenannten Toleranzpatente, mit denen erst den Protestanten, dann auch den Juden eine freiere Religionsausübung gestattet wurde. Dazu gehörte auch die Möglichkeit, Kirchen beziehungsweise Synagogen zu errichten. Diese Toleranzbethäuser durften allerdings von außen keinerlei Schmuck oder irgendeinen Hinweis auf ihre sakrale Funktion haben, vor allem also keinen Turm, sondern mußten sich hinter gewöhnlichen Wohnhausfassaden verstecken. Beim jüdischen Stadttempel in der Seitenstettengasse, der, die Toleranz arbeitete langsam, erst 1826 eröffnet werden konnte, kann man diese Bauprinzip noch heute sehen, da man eben nichts sieht.

Die beiden nach 1781 entstandenen protestantischen Kirchen in Österreich, die Evangelische Kirche A.B. (Augsburgischen Bekenntnisses), also die Lutheraner, und die Evangelische Kirche H.B. (Helvetischen Bekenntnisses), also die Reformierten, bauten sich ihre Toleranzbethäuser nebeneinander in der Dorotheergasse.

EvangelischeKirchenDorotheergasse

Diese Gebäude sind inzwischen im Einklang mit der weiteren Emanzipation der Protestanten völlig verändert. Der Bau der Evangelischen Kirche A.B. sieht mit seinem merkwürdigen Neoklassizismus zwar vielleicht noch immer nicht wie eine Kirche aus, aber wie ein typisches Wohngebäude auch nicht.

EvangelischeKircheAB

Die Evangelische Kirche H.B. nun verfiel im späten 19. Jahrhundert darauf, ihr Gebäude neobarock umzubauen, wodurch seine Fassade und sein Turm nun die Blickachse vom Neuen Markt entlang der Plankengasse dominieren.

EvangelischeKircheHBPlankengasse

Wie hier ausgerechnet die in Österreich ziemlich bedeutungslosen Reformierten mit dem Barock, dem denkbar katholischsten Stil, der ihnen 1781 entschieden verwehrt geblieben war, auftrumpfen, ist geradezu amüsant.

In der Hansson-Siedlung, fern des Zentrums, wo die evangelische Kirche, A.B. selbstverständlich, unscheinbar, beinahe unsakral, und turmlos neben der großen katholischen Kirche mit dem hohen Turm steht, wurde zufällig ein Zustand ganz im Sinne der Toleranzpatente geschaffen.

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Etwas Brutalismus für Wien

Der Brutalismus ist angeblich ein Architekturstil der 1960er und 1970er Jahre. Er ist damit einer jener Stile, die sich die Architekturtheoretiker ausgedacht haben, um das wirklich Neue und Fortschrittliche an der Architektur des 20. Jahrhunderts besser zerreden zu können. Wie alle Stilbegriffe sagt auch dieser nicht darüber aus, ob ein Gebäude gut oder schlecht ist, sondern nur darüber, wie es aussieht.

Der Name leitet sich vom béton brut, dem rohen Beton, ab. Ein brutalistisches Gebäude kann definiert werden als eines, das nicht nur aus Beton errichtet wurde, denn das ist seit etwa 1960 bei fast jedem Gebäude so, sondern seinen rohen Beton auch auf möglichst ostentative Weise nach außen zeigt. Man könnte sagen: Brutalismus ist, wenn Beton zum Ornament wird. Oft haben brutalistische Gebäude besonders ungewöhnliche skulpturale Formen, für die sich der Beton eben gut eignet. Entsprechend beliebt ist der Brutalismus in der Architekturphotographie. Es entstehen dann Bilder, auf denen die Gebäude vollends unkenntlich, vollends Ornament werden, Bilder etwa wie dieses:

Kirchstetterngasse19Architekturphotographie

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

In Wien gab es wenig Brutalismus, da die Wiener Architektur im besten Fall zu funktional und im schlimmsten Fall auf stumpfere Art ornamental war. Eine interessante Ausnahme ist daher das Wohngebäude Kirchstetterngasse 19 im 16. Bezirk.

Kirchstetterngasse19Gesamt

Es ist ein zwar zurückhaltender Brutalismus, aber nichtsdestominder Brutalismus in Reinform. Die Fassade des sechsgeschossigen Gebäudes ist ganz bestimmt von rohem Beton. Er ist vertikal gemasert in den wenigen vertikalen Stützen und horizontal gemasert in den horizontalen Bändern eines jeden Stockwerks. Er ist in den erst geraden, dann schrägen Seiten der verglasten Erkerelemente, die jeweils beidseits der Mitte vorragen und die im eigentlichen eher übertriebene Fensterbänke sind.

Kirchstetterngasse19Erker

Er ist schließlich in den beidseits einer schmalen Wand, die das zurückgesetzte Obergeschoß in der Mitte teilt, vorragenden rechteckigen Pflanzenkästen, wo er beinahe skulptural wird.

Kirchstetterngasse19Oben

Betont wird der rohe graue Beton noch durch das kräftige Orange der Fensterrahmen und das Blau des Garagentors und einiger kleiner Metallflächen in der Mittelachse des Gebäudes.

Es ist ein Gebäude, das auffällt, weil es in Wien dergleichen so selten gibt. Seinem Reiz kann man sich auch schwer entziehen. Der tiefe Eingang ganz rechts, die eine Ecke umlaufende milchige Glasfläche, hinter der man dennoch gut die Autos in der Garage sieht, das breite Garagentor links.

Kirchstetterngasse19Eingang

Die symmetrischen Obergeschosse mit Fenstern in der Mitte und den Erkern und Balkonen beidseits davon. Die die Mitte markierende Betonwand mit den beiden Kästen oben. Das ist alles ausgesprochen hübsch, es ist ein brutalistisches Kleinod.

Grundsätzlich aber unterscheidet es sich aber durch nichts von seinem Nachbargebäude links, das aus derselben Zeit stammen dürfte.

Kirchstetterngasse17Und19

Es versteckt seinen Beton ebenfalls nicht, ist aber von dunkelgrüner Verkleidung bestimmt. Und beide Gebäude, ob nun brutalistisch oder nicht, sind eben nur Blockrandbebauung, traurig im Straßenraster des 19. Jahrhunderts gefangen.

Ein Brückenzwitter am Donaukanal

Wenn man zu Fuß oder im Auto über die Rossauer Brücke am Donaukanal kommt, wird man sie im besseren Fall nicht bemerken

RossauerBrückeStraße

und im schlechteren über die billige Neojugendstilornamentik ihrer Lampenpaare lachen oder verärgert sein.

RossauerBrückeLampen

Die 1983 errichtete Brücke könnte so ein weiteres Beispiel dafür sein, wie wenig Wien das fortschrittliche Erbe Otto Wagners verstanden hat.

Ganz anders jedoch ist es, wenn man zu Fuß oder besser noch auf einem Boot unter ihr hindurchkommt.

RossauerBrückeWasser

Erst hier zeigt die Brücke ihre Schönheit. Auf einer leicht abgeschrägten Fläche zwischen Uferweg und Wasser ruhen auf einem zehneckigen sich leicht verjüngenden Betonsockel und einem Pufferelement die vier Stützen der Brücke.

RossauerBrückePfeiler2

Wie aus einem einzigen Betonblock erwachsen sie und streben schräg hinauf, die Fahrbahn zu tragen. Alle vier Stützen sind eher flach, aber breit, und man könnte erst meinen, sie seien alle identisch. Doch die beiden uferseitigen sind deutlich weniger schräg und verbreitern sich nach oben hin, während die beiden anderen bis weit über das Wasser hinausragen.

RossauerBrückePfeiler

Aus reiner Konstruktion erwächst hier enorme Expressivität. Im ersten Moment mag das Aufspießen der Stützen überraschen, weil man es so noch nie sah. Man denkt an geöffnete Hände, Strahlenkränze oder eine sich öffnende Blüte, irgendetwas, das viel leichter und zarter ist als der Beton der Stützen. So skulptural wirken diese Stützen, daß man die Brücke über ihnen fast vergessen könnte. Doch zugleich erfüllen sie ihre tragenden Funktion perfekt, bleiben der Brücke klar untergeordnet. Die Konstruktion hat nichts Kompliziertes oder Gesuchtes, sondern wirkt zwangsläufig und harmonisch.

RossauerBrückePfeilerStraße

Hier erst, wo nichts nach Otto Wagner aussieht, geschieht die Anknüpfung an ihn. Die Brücke ist als expressive Konstruktion, die dennoch nie zum Selbstzweck wird, und als symbolisches Tor für den Schiffsverkehr auf dem Donaukanal eine klare Nachfolgerin von Wagners Schemerl-Brücke.

Brücke

Sie teilt mit dieser auch den Zwittercharakter, dieses sehr Wienerische Schwanken zwischen größter Klarheit und schlimmstem ornamentalen Kitsch. Letzterer zeigt sich bei ihr außer in der lächerlichen Dekoration des Geländers auch im Graffiti, das heute den einst nackten Betonkörper der Pfeiler bedeckt. Es zeugt von ihrer selbstbewußten Dezenz, daß es ihnen gar nichts anhaben kann. Ein schöner Körper bleibt eben auch mit Tätowierungen, sogar solchen, die er sich nicht selbst aussuchen konnte, schön. Wie man bei der Schemerl-Brück die gratuite Monumentalität der Löwen getrost ignorieren kann, so ignoriere man eben auch die Ornamentik der Rossauer Brücke.

Weihnachten in Wrocław

Wrocław, deutlich abseits des Zentrums, eine Kreuzung zweier großer Straßen, wie sie in den neueren Teilen polnischer Städte so typisch sind und sie gerade im Winter so unangenehm machen können – eine schwierigere Lage für Wohnbebauung gibt es kaum. Die erste wichtige Entscheidung für das folgende Ensemble war es deshalb, seine drei Gebäude deutlich von den beiden Straßen, Ślężna und Aleja Armii Krajowej, zurückgesetzt zu errichten. Daß sie dennoch von weither bemerkt werden können, liegt weniger an ihrer Größe als an ihren markanten Formen.

HotelPielęgniarekWrocławGebäudeRechts

Zu beiden Breitseiten haben sie Balkone mit schräg nach innen ansteigenden Seiten aus weißem Beton und ebenfalls schrägen dunklen Holzgeländern. Die Gebäude wachsen mit vielen Vor- und Rücksprüngen in die Höhe, steigen von den Schmalseiten zur Mitte hin an und werden dabei zugleich breiter, so daß sie eine einerseits komplizierte, aber andererseits auch einprägsame, weil an stilisierte Tannenbäume erinnernde Form bekommen.

HotelPielęgniarekWrocławGrünbereich

Von der Straßenecke, wo eine Tankstelle und anderes sind, tritt man in einem Grünbereich, der sich zwischen den beiden höheren Gebäuden wie ein Trichter öffnet. Das rechte Gebäude ist bis zu neun Geschosse hoch und noch ungefähr an der Straße ausgerichtet, das linke ist bis zu acht Geschosse hoch und bereits völlig von den Straßen losgelöst. In der Öffnung des Trichters ein weiteres Gebäude, das deutlich kleiner und nur bis zu drei Geschosse hoch ist. Nicht zur Straße, sondern ebenfalls zum Grünbereich sind auch die drei zum Ensemble gehörigen Ladenpavillons ausgerichtet.

HotelPielęgniarekWrocławLadenpavillonsGroß

Zwei größere stehen beidseits eines Durchgangs vor dem Gebäude rechts, während ein kleinerer, in dem noch heute ein Friseur ist, völlig frei vor dem niedrigeren Gebäude steht.

HotelPielęgniarekWrocławLadenpavillonKlein

Passend zu den Gebäuden sind auch die Wände der Ladenbauten schräg. Hinter der Wellblechverkleidung und den großen Fenstern läßt sich eine tragende Konstruktion aus dünnem Stahlgitterwerk erkennen.

HotelPielęgniarekWrocławLadenpavillonDetail

Vervollständigt wird das Ensemble schließlich durch eigens designte Bänke und Mülleimer.

HotelPielęgniarekWrocławBankMülleimer

Das Ensemble ist so, von den Gebäudeformen bis zum entstehenden Raum, eine in sich geschlossene Einheit, die überall stehen könnte. Dennoch verschließt sie sich der umliegenden Stadt in keiner Weise. Zwischen den großen Straßen und dem direkt angrenzenden großen Park Skowroni bildet es keine Barriere, sondern bleibt immer durchlässig, ja, mit seinem eigenen Grün und den Tannenformen der Gebäude kann man es sogar als ein symbolisches Tor zu dem Park betrachten.

HotelPielęgniarekWrocławTanne

Im Kleinen zeigt dieses weihnachtliche Ensemble, das 1985 für die Akademia Medyczna (Medizinische Akademie) als sogenanntes Hotel Pielęgniarek (Pflegerinnenhotel) errichtet wurde, die Möglichkeiten und Leistungen der Architektur der PRL (Volksrepublik Polen). Ob es je genug war, sei dahingestellt, aber ein einziger vergleichender Blick auf die angrenzende neue Blockrandbebauung, die sich ihrer Umgebung ignorant verschließt und zugleich stur an den Straßen ausgerichtet ist, zeigt seinen Wert.

Architektur der falschen Bescheidenheit

Bei Schoorl in Nordholland steht ein Haus, das aussieht, als wäre es nur gebaut worden, um in Architekturzeitschriften abgebildet zu werden.

HausSchoorl2

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Es wirkt sehr bescheiden. Sein oberer Teil ist großflächig verglast wie einige berühmte Villen der Fünfziger, sein Sheddach erinnert gar an ein an Fabrikgebäude. Doch dieser gesamte obere Teil ist nur eine verschwenderisch große Wohnküche. Alle übrigen Räume befinden sich darunter in einem bunkerartig grasbewachsenen Sockelgeschoß, das sich mit einer Fensterfront zu einem großen Feld öffnet.

HausSchoorl1

Scheinbar könnte dieses Gebäude überall stehen, scheinbar hat es nichts spezifisch Niederländisches an sich. Doch wiewohl ihm jegliche Bezüge auf überkommene Zierformen fehlen, hat es viel mit traditionellen niederländischen Stadthäusern gemein. Diese haben ein großfenstriges, von der Straße gut einsehbares Erdgeschoß und darüber die übrigen Räume; hier ist es umgekehrt.

Zudem ist es ist ein Gebäude, das seine Größe versteckt und das sich bescheiden gibt. Auch das macht es zu einem sehr niederländischen Gebäude.

Geringe Größe, Bescheidenheit sind typische Merkmale überkommener niederländischer Häuser. In der mittelalterlichen Enge der Städte war das kaum anders möglich. Auf dem Land entstanden zwar größere Häuser, etwa die typischen nordholländischen Bauernhäuser mit großem quadratischen Grundriß und hohem, ursprünglich reedgedecktem Zeltdach,

BauernhausSchoorl

aber ihre Größe relativiert sich sehr, wenn man überlegt, daß sie nicht nur dem Wohnen mehrerer Generationen einer Familie, sondern auch noch als Stall und Lagerraum dienten. Auch als sich die alten Städte im 19. Jahrhundert vergrößerten, blieben die meisten der nun entstehenden Reihenhäuser klein und bescheiden, soziale Unterschiede lassen sich nur schwer auszmachen.

Es gab eine kurze Zeit, in der die niederländische Architektur auf ihre traditionelle Bescheidenheit verzichtete. Weder die historistische Backsteinvilla von circa 1900

VillaBergen

noch die sachlich-weiße Villa von 1932, beide in Bergen,

DokterswoningBergenDorpstraat

bemühen sich im geringsten bescheiden zu sein oder zu wirken. Sie zeigen durch ihre Größe im Gegenteil deutlich den sozialen Status ihrer Bewohner.

Lange währte dieses Phase der Ehrlichkeit in der niederländischen Architektur nicht. Mindestens seit 1945 ist sie bestimmt von vorgeblich egalitären Reihenhäusern und einzelnen darüber hinausgehenden Wohngebieten. Doch auch die Häuser der Reichen bemühen sich, ihre Größe möglichst zu verbergen. Dazu werden unter schräge Dächer drei, vier Geschosse untergebracht

VillaReedBergen

oder rustikal-ökologisch anmutende Ferienhäuschen bekommen riesige, aufwendig in den Poldersand gegrabene Kellergeschosse.

FerienhäuserSchoorl

Das eingangs beschriebene Gebäude ist nichts anderes als die, architektonisch sicherlich anspruchvollere, Fortsetzung dieser Entwicklung. Es ist Ausdruck einer Architektur der falschen Bescheidenheit.

Das menschliche Maß in Schwechat

Schwechat, eine Stadtgemeinde am südlichen Rande von Wien, besitzt überraschenderweise eine der interessantesten Kirchen der ganzen Region. Sie paßt zu Schwechat, auch wenn ihre Bedeutung in etwas anderem, nicht Ortsgebundenem liegt. Daß ihr Bau 1765 von einem frühen Kapitalisten gestiftet wurde, paßt zur Industrie, von der es so stark geprägt ist. Daß man direkt über ihrem Turm regelmäßig Flugzeuge im Landeanflug sieht, paßt zum Wiener Flughafen, für den es heute vor allem bekannt ist.

KircheSchwechatFlugzeug

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Und daß in ihrem Hof Autos parken, paßt zur verheerenden bis inexistenten Stadtplanung in Schwechat. Ein Beispiel für letzere ist auch der sogenannte Hauptplatz, der kaum einer ist und von einer starkbefahrenen Straße durchkreuzt wird.

Blickt man von der gegenüberliegenden Seite des nennen wir es eben Platzes auf den Komplex der Kirche, sieht man links und rechts zweigeschossige Quertrakte, die an die übrige, heute neuere, Bebauung anschließen.

KircheSchwechatGesamt

Der linke ist etwas länger als der rechte und beide haben dort, wo sie enden, Volutengiebel vor ihren Walmdächern, in denen in Nischen weibliche Figuren, die heilige Katharina und die heilige Barbara, stehen. Zwischen diesen Gebäuden öffnet sich der Hof, der auf die eigentliche Kirche zuführt. Noch bevor er sie erreicht, stehen auf beiden Seiten weitere Quertrakte, die ihm Volutengiebel ähnlich den straßenseitigen zuwenden. Diese lenken den Blick schon nach oben, wo der quadratische Turm  auf der Höhe des Langhausdaches einen dreieckigen Giebel hat, der von dorischen Pilastern getragen scheint. Das Langhaus ist etwas weiter zurückgesetzt und hat auf halber Höhe Nischen mit dem heiligen Florian und vielleicht dem heiligen Donatus. Von seinem Dach schwingen sich zwei Hälften eines Giebels zum Turm auf und auf ihren Voluten sitzen zwei Figuren mit offenen Büchern, König David und Moses.

KircheSchwechatDavidMoses

Der Turm wächst weiter, ein ovales, dann ein hohes rundbögiges Fenster und ionische Pilaster gliedern ihn, bevor er mit Dreiecksgiebeln um die Uhren zur gleichsam losgelöst vom übrigen Baukörper schwebenden kissenartigen Haube weist.

KircheSchwechatTurm

So entsteht eine sehr vertikale, ganz vom Turm bestimmte Fassade. Doch diese Vertikalität wird sofort ausgeglichen durch den um sie geschaffenen Raum. Vom Platz trennt den Hof ein ornamentaler Zaun und ein Tor, auf deren Pfosten zwei Engelsfiguren stehen. Kaum tritt man in den Hof, braucht man gar nicht mehr nach oben zu schauen, denn zu beiden Seite sind in Augenhöhe des Betrachters Heiligenfiguren aufgereiht.

KircheSchwechatHof

Es sind die Apostel. Sie stehen etwa lebensgroß und ordentlich beschriftet in Nischen in den Wänden der Quertrakte und den verbindenden Mauern, die vor Verbindungstrakten weitere kleine Höfe schaffen.

KircheSchwechatHeiligeRechts

Über dieses üppige Defilee der Heiligen blickt Gott, der über der Tür der Kirche als Auge im Dreieck zwischen Engeln und Strahlen dargestellt ist.

KircheSchwechatAuge

Als letztes stehen links Petrus mit geschlossenem Buch

KircheSchwechatPetrus

und rechts Paulus mit offenem Buch

KircheSchwechatPaulus

und wenn man es nicht besser wüßte, könnte man meinen, es seien die beiden Figuren von den wolkengleich fernen Giebeln oben, die freundlich zu den Menschen heruntergetreten sind. Aber in gewisser Weise ist der Weg vom alten zum neuen Testament ja genau das. Außerhalb der Reihe, in der Ecke rechts des Kirchturms, steht noch Johannes von Nepomuk, aber es wirkt, als haben die Schöpfer der Kirche diesen neumodischen heiligen Emporkömmling nur widerwillig aufgenommen.

KircheSchwechatJohannesVonNepomuk

Ein so konventioneller Heiliger würde auch kaum zur Kirche von Schwechat passen, die ein spätbarockes Meisterwerk ist und ganz und gar vom menschlichen Maß geprägt. Gebäude und Figurenschmuck, die eine Einheit bilden, sind immer so gestaltet, daß sich der Mensch zu ihnen in eine angenehme Beziehung setzen kann. Während er sich, egal von wo, nähert, sieht er die erhöht in den Nischen angeordneten Figuren, ohne den Blick heben zu müssen, und erfaßt die Gebäude als von Vertikalen und Horizontalen gebildetes ausgewogenes Ganzes.

KircheSchwechatUmgebung

Wenn er dann nah ist, kann er sich den ebenerdig stehenden Heiligen widmen und muß den Blick wiederum nicht heben.

KircheSchwechatHeiligeLinks

Einzig die Figuren in den Giebeln der zweiten Quertrakte sind von nirgends gut zu sehen. Unnötig auch zu erwähnen, daß das Innere der Kirche, wie das aller Barockkirchen, sehr auf die Überwältigung des Betrachters ausgerichtet ist.

Aber draußen sind die Heiligen schon fast Menschen.

KircheSchwechatPhilippus

Československý rozhlas Bratislava

Das Gebäude des Československý rozhlas (Tschechoslowakischer Rundfunk, heute Slovenský rozhlas, Slowakischer Rundfunk) in Bratislava ist eines von jenen, die man nie mehr vergißt, auch wenn man sie nur einmal gesehen hat.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Es ist einfach zu markant: eine riesige umgedrehte Pyramide, sechs Geschosse hoch, vor den Fensterbändern ein Rautenraster aus Stahlstreben. Bei diesem ersten Eindruck könnte es bleiben, beim Stauen darüber, daß es solch ein Bauwerk gibt, vielleicht bei der Bewunderung für die tschechoslowakische Architektur, die es noch 1985 fertigzustellen verstand.

Doch das genügt nicht. Daß das Gebäude des Československý rozhlas eine auffällige Pyramidenform hat, ist sicherlich wichtig. Sie erlaubte es, die Büroräume außen anzuordnen und das Innere für technische Anlagen und den großen Konzertsaal zu verwenden.

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Wichtiger jedoch ist der Bereich um diese Pyramide und unter ihr. Der Sockelbau, bis zu drei Geschosse hoch, ist im Kontrast bewußt schlicht gehalten.

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Aus Vyskočil, Kamil: Bratislava, Bratislava 1989

Klare rechteckige Formen, horizontale rotbraune Kachelverkleidung, über den oft die Ecken umlaufenden Fenstern beige gemaserter Stein. Und von der Ecke der Straße Mýtna, direkt neben dem Eingang ins Gebäude, führt eine große Treppe aufs Dach. Auf dieser zweiebigen Dachterrasse, nein, in dieser Dachlandschaft, nein: auf diesem Platz erst steht die umgedrehte Pyramide.

ČeskoslovenskýRrozhlasBratislavaPlatz

Hier noch mehr als von unten wirkt sie schwerelos leicht, fast schwebend nur auf dem quadratischen Mittelteil und acht Stahlstützen. Aber nicht um schwerelos zu wirken, sondern um möglichst viel Platz um sich zu lassen, berührt sie den Boden so wenig. Erst durch den Platz, den öffentlichen Raum, den sie schafft, bekommt die Pyramidenform recht eigentlich einen Sinn, wird zu mehr als nur effektheischerischer Spielerei.

Der Gebäudekomplex des Československý rozhlas will gerade kein selbstgenügsames Kleinod in spektakulärer Form sein, sondern sucht den Kontakt zur Stadt. Es findet ihn nur teilweise. Von der Straße führt die Treppe immerhin auf den Platz unter der Pyramide und dort beginnt ein Weg. Er führt in Höhe des dritten Geschosses über den Sockelbau, über eine verglaste Brücke

ČeskoslovenskýRrozhlasBratislavaBrücke

und über die Terrasse eines weiteren entsprechenden Baus, in dem ein Restaurant und vielleicht auch Läden waren,

ČeskoslovenskýRrozhlasBratislavaWeg

bis zur nächsten Straße, der Žilinská. Sogar diese scheint er noch überbrücken zu wollen.

ČeskoslovenskýRrozhlasBratislavaEnde

Aber auf der anderen Seite stehen Wohngebäude aus den Neunzigern. Ohnedies ist der Weg heute nicht zugänglich und der Platz nur manchmal.

Man spürt noch, wie sehr der Československý rozhlas Teil von etwas Größeren sein wollte, einer wichtigen Achse nämlich, die vom Hauptbahnhof über den Medická záhrada (Medizinischen Garten), einen wichtigen Park, bis zu einem geplanten neuen Kulturzentrum am Donauufer hätte führen sollen. Diese Pläne wurden nie umgesetzt und hinzu kamen spätere Zerstörungen. So steht der Československý rozhlas heute allein. Insbesondere fehlt ihm eine klare Beziehung zum nahen Námestie Klementa Gottwalda (Klement-Gottwald-Platz, heute Námestie slobody, Freiheitsplatz) und es ist schwer vorstellbar, wie die hätte verbessert werden können, ohne einen großen Verwaltungsbau aus den späten Vierzigern abzureißen. So bleibt dieses erstaunliche Gebäude ein Ansatz, aber auch mehr und auf andere Art gelungen, als es im ersten Moment schien.