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Das Fachwerktempelchen von Hammelburg

Während der Heroldsberg in Hammelburg ein Freilichtmuseum bürgerlicher Architektur der letzten hundert Jahre ist, befindet sich das schönste Kleinod der Stadt in der nahen Seeshofer Straße.

Dort steht hinter einem großen Vorplatz ein Einfamilienhaus aus den Siebzigern: weißes Erdgeschoß und hohes schwarzes Dach, das nach links zum großen, bis zum Bahndamm reichenden Garten ansteigt. Dazu rechts die große Garage in Weiß mit schwarzem Dachstreifen. Dazwischen ist der Eingang zurückgesetzt, wobei der schwarze Streifen schwebend weiterverläuft, so daß in einem offenen, aber separierten Vorbereich noch ein japanisch-zierlicher Steingarten mit Magnolie seinen Platz findet.

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Es ist ein baulicher Bruder, fast ein Zwilling, eines Gebäudes oben am Heroldsberg, dieselben Farben, derselbe Aufbau, dieselbe westdeutsche Schönheit, zweifelsohne ein Werk desselben Architekten.

Was ihm an Aussicht fehlt, gleicht es durch seine Umgebung aus.

Denn als wäre es selbst noch nicht genug, verbindet es sich mit dem faszinierendsten älteren Gebäude Hammelburgs. Auf der roten Steinmauer, die das Grundstück von der Straße trennt, sitzt etwas, das man nur als ein Fachwerktempelchen bezeichnen kann. Von beiden Seiten steigt die Mauer schräg an, um ihm zu einem Sockel zu werden. Vorne hat es einen Balkon, über dem nur vier dorische Holzsäulen einen dreieckigen Giebel mit Fachwerkstruktur tragen. In der Mitte sind sowohl unten in der Mauer als auch oben im Holz des Tempels Türen, die oben noch dadurch betont sind, daß die Säulen die Mitte freilassen.

Seitlich ist jeweils ein Fenster mit hölzernen Läden und Fachwerk, das aus zwei horizontalen Streben und zwei im S-Schwung beidseits unter das Fenster führenden Teilen besteht.

Das alles wirkt so zierlich, so filigran, daß es so unglaublich wie naheliegend ist, daß es rückwärtig ebenfalls nur auf dorischen Holzsäulen schwebt. Die antikisierenden Formen sind nicht nur mit der lokalen Fachwerkbautechnik verbunden, sondern zum Schweben gebracht, als solle gezeigt werden, daß alles Griechische außerhalb von Griechenland, alles Antike nach der Antike, ohne Basis im Leeren schwebt.

Das Hammelburger Fachwerktempelchen ist wohl nur eine Gartenlaube, ein Gebäude ohne größeren Zweck, eine Spielerei, einst vielleicht nur Anhängsel eines größeren Baus, der die Zeiten nicht überstanden hat. Selbst von wann es genau ist, läßt sich schwer sagen, das gesamte 19. Jahrhundert und ein paar Jahrzehnte davor und danach kommen in Frage. Aber so wichtig ist das nicht einmal, denn seine erstaunliche architektonische Idee gibt ihm einen überzeitlichen Wert. In diesem Gebäude ist weder bloßer Historismus, noch bloße traditionelle Fachwerkarchitektur, sondern eine Verbindung, die über beide hinausgeht und etwas Einzigartiges entstehen läßt.

Jetzt hat das Tempelchen mit dem Einfamilienhaus die Gesellschaft der besten neueren Architektur der Stadt und scheint leerzustehen.

Es sind zwei Kleinodien, im Kontrast und in Harmonie nebeneinander, ein überraschendes Ensemble. Wer dort wohnt, kann sich wohl glücklich schätzen und wer daran vorbeigeht sicherlich. Aber wieder muß geschlossen werden: das Fachwerktempelchen hätte noch viel mehr verdient.

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Johannes von Nepomuk in Hammelburg

Man merkt schon, daß Johannes von Nepomuk im Städtchen Hammelburg in Unterfranken nicht ganz zu Hause ist. Zwar ist Hammelburg, ist auch die weitere Umgebung katholisch, aber es ist nicht mehr weit in protestantische Gegenden oder gar in solche mit religiöser Toleranz. Die Länder der Gegenreformation jedenfalls, Böhmen, Österreich, aus denen Nepomuk stammt, sind fern und so unterscheidet sich seine Hammelburger Darstellung in manchem von den dortigen Konventionen.

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Auf einem Volutensockel steht er wenig verrenkt, die Hände hat er zum Gebet gefaltet, was seinen Umhang besonders frei hinter ihm hängen läßt, ein Birett ist nirgends zu sehen und um den Hals hat er einen hochgeschlossenen, irgendwie protestantisch wirkenden Kragen, ein sogenanntes Beffchen. Insbesondere hat er statt des ihm, nur ihm gebührenden fünfsternigen Heiligenscheins einen typischen helikopterähnlichen Strahlenkranz, wie ihn jeder x-beliebige andere Heilige auch haben könnte. Das kleine, offenkundig viel neuere Metallkruzifix ist zusammenhangslos in seinen Arm gesteckt, als habe ein Reisender aus Böhmen die Kunde mitgebracht, daß ein echter Johannes von Nepomuk das haben müsse. Was der Hammelburger Bildhauer Johan Jakob Faulstig hier 1756 im Auftrag des Landesherrn, dem Bischof von Fulda, schuf, ist kein Spiel mit den Konventionen, sondern verrät eine Unkenntnis der Konventionen.

Erst durch die Umgebung der Skulptur kann man ganz sicher sein, daß dies wirklich Johannes von Nepomuk ist. Die beiden Tafeln am Sockel bestätigen es, einmal deutsch und einmal lateinisch.

Den wichtigsten Hinweis jedoch findet man auf der Rückseite der Skulptur, die heute nur umständlich zu betrachten ist.

Dort sitzt ein Engel mit auf dem Mund gelegtem Finger und verschlossenem Buch als Symbolen der nepomukschen Verschwiegenheit So versteckt hinter dem Rücken des Heiligen scheint er aber eher den Betrachter aufzufordern, ihm nicht zu verraten, wie wenig er von vorne als Johannes von Nepomuk zu erkennen ist.

Ursprünglich stand  Johannes von Nepomuk mitten auf dem Marktplatz. Er stand mit dem Rücken zum zurecht berühmteren Renaissancebrunnen und war sich dessen, wie der Engel zeigt, auch bewußt. Erst in den dreißiger Jahren wurde er an den Rande eines kleineren Platzes in der Nähe gesetzt. Es ist, als sollte er damit noch etwas erniedrigt werden, als sollte noch weiter betont werden, wie sehr er in Hammelburg in der Fremde ist, denn nunmehr steht er am – Viehmarkt.

Am Heroldsberg

Wer in Hammelburg Geld hat, wohnt beispielsweise am Heroldsberg. Das heißt nicht, daß man allen Häusern, die da am Hang unterhalb der Weinberge und mit Blick über das Saaletal stehen, das Geld ansieht. Manch einer hatte wohl einfach nur Glück, dort ein Stück Land zu haben und baute, wie es seinen Mitteln entsprach und wie er überall gebaut hätte. Aber zwischen den unauffälligen Häusern sind die, die den Heroldsberg zu einem Freilichtmuseum der Architekturmoden der letzten knapp hundert Jahre machen.

Unten noch, in der Seeshofer Straße, steht ein zweigeschossiges Haus mit zur Straße zeigendem Satteldachgiebel, laut dem roten Stein unter einer verglasten Mariennische „Erbaut von  Josef Aul 1913.“

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An den Ecken hat es halb verdeckt von Regenrinnen Ornamente aus einer runden Form und nach unten verlaufenden Streifen; es ist der Höhepunkt des Hammelburger Jugendstils.

Am anderen zeitlichen Ende und am Ende der Straße An der Leite, die hier noch nicht geteert ist, steht vor den alten Gebäuden des Steinbruchs eine achtzig Jahre verspätete Version der Villa Tugendhat.

Zeitlich dazwischen und in der Straße Am Heroldsberg steht etwa ein Haus im sogenannten postmodernen Stil mit blaßrosa Holzverkleidung, blasstürkisen Akzenten über den Fenstern, einem kleinen abgerundeten Giebel ohne jede Funktion, einem begrünten Garagendach, das keinesfalls eine Dachterrasse ist, und um den Eingang dekorativ freigelegten Stahlträgern, die mit ihren Löchern keinesfalls einfach normale, bloß funktionale Stahlträger sind.

In den frühen Neunzigern, späten Achtzigern wurde dieses Haus in den Architekturzeitschriften als Zukunft des Bauens vorgestellt und gewann mindestens unterfränkische Preise.

Oder ein Haus von, laut Wetterfahne, 1982, das so tut als habe es einen runden Treppenhausturm wie aus der Renaissance und als haben dessen rundbögige Fenster Umrandungen aus ortstypischem roten Sandstein.

Oder das vielleicht radikalste Haus Hammelburgs, das noch nicht hoch am Hang steht und gerade deshalb Blicke nicht nur über das Tal mit dem Kloster und dem Schloß Saaleck, sondern auch über die Altstadt hat. Auf einem Garagensockel mit rauher roter Steinverkleidung befindet sich sein stadtseitiger Garten und dann sein zweigeschossiger kubischer Baukörper, der unter dem Obergeschoß und um das Flachdach Waschbetonstreifen hat.

Vorne sitzt das Obergeschoß auf teils filligarn stählernen, teils massiv steinverkleideten Stützen. In der straßenabgewandten Ecke führt eine stählerne Wendeltreppe zu einem talseitigen Balkon, neben dem ein trapezförmiger Teil des Hauses anschließt. Anderswo wäre so ein Beispiel der westdeutschen Architektur der Sechziger, Siebziger nicht weiter auffällig, doch in Hammelburg, wo es Flachdächer und Sichtbeton schlechthin nicht gibt, umso mehr. Entsprechend der Kampf, den seine jetzigen Besitzer gegen es führen. Überall, wo Platz war, wurde Kitsch angebracht, und Solarpanele sind nicht nur auf dem Dach, sondern ebenso auf der vorderen Fassade, denn was bringt ökologisches Handeln, wenn es keiner sieht?

Schließlich steht am Heroldsberg auch das Haus, das einen der Höhepunkte der neueren Architektur Hammelburgs bildet. Von Weitem ist es nur ein schwarzes Dreieck am Hang, klar, selbstbewußt, fremd. Von Nahem besteht es ganz aus einem zum Tal hin schräg aufsteigenden und mit schwarzen Holzplatten verkleidetem Dach.

Dieses Dach beginnt über der weißen Doppelgarage, die niedriger am Hang und näher an der Straße steht, spannt sich über den danach hinaufführenden Eingang und steigt über dem weißen Erdgeschoß des eigentlichen Hauses weiter an, birgt ein, zwei weitere Geschosse unter sich, wobei sein schwarzes Holz auch deren Seiten bedeckt. Auch die Talseite, wo Fenster, Balkone, Terrassen sind, fällt nicht senkrecht, sondern leicht schräg ab.

Es ist ein Einfamilienhaus, eine Villa, ein Schloß, errichtet für jemanden, der Geld hatte, originär westdeutsche, kapitalistische Architektur, ein Gebäude, das es in einer besseren Welt, in der für alle statt für einzelne reiche Bürger gebaut würde, nie hätte geben können, aber für das, was es ist, ist es perfekt. Es ist jedenfalls zeitgemäß, Architektur eines Kapitalismus, der behauptet, vielleicht sogar glaubt, noch immer die Zukunft zu sein. So radikal wie sein flachdächiger Nachbar ist es nicht, aber dessen Formen wollen schon lieber sozialistisches Wohnhochhaus als bürgerliches Einfamilienhaus sein. Bei diesem weiß-schwarzen Haus paßt alles und zugleich versteckt es sich nicht hinter Vergangenem, sei es nun Villa Tugendhat oder Renaissanceschloß, oder erschöpft sich im müden Zitatwitz der sogenannten Postmoderne. Sieht man es, so sieht man Westdeutschland, wie es sich selbst sah. Man kann es kaum photographieren, ohne daß es mit Schloß Saaleck im Hintergrund aussieht wie Werbung aus den Siebzigern.

Das also ist das Freilichtmuseum am Heroldsberg und es ist einen Besuch wert. Doch so faszinierend es ist zu betrachten, was die, die Geld hatten, bauten, so viel Schönheit da ist: ein sozialistisches Hammelburg wäre faszinierender und schöner.

Beim Blick über Hammelburg

Wenn man vom Baderturm, einem der drei erhaltenen Türme der ehemaligen Stadtmauer, über Hammelburg schaut, sieht man ein Häusermeer, aus dem einige Kirchtürme, der Treppengiebel des Rathauses, die Dächer des Schlosses herausragen – und die gelbe Brandmauer eines Eckbaus in der Kissinger Straße.

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Diese Brandmauer, das ist der Kapitalismus. Er ist es, der das Maß der trotz allen Veränderungen und Bränden noch mittelalterlichen Stadtstruktur rüde durchbricht. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, denn deren Maß kann nicht mehr das unsrige sein. Aber es ist ist wohlgemerkt keine irgendwie fortschrittliche Architektur, mit der er das tut. Es ist kein Hochhaus, keine die alte zerbrechende Stadtplanung, sondern ein von Nahem nicht einmal bemerkenswerter oder bemerkbarer Teil der Blockrandbebauung.

Der Kapitalismus bringt Hammelburg nicht das gute Neue, sondern das Schlechteste der Großstädtischkeit, die Brandmauer.

Daß es etwas Neues gibt, auch in Hammelburg – der Blick vom Turm verrät es nicht. Dabei könnte es anders sein. Der sozialstaatliche westdeutsche Kapitalismus kam auch in der unterfränkischen Provinz nicht umhin, „so zu tun, als sei er keiner“ (Ronald M. Schernikau) und baute unter Verwendung fortschrittlicher städtebaulicher Konzepte drei Siedlungen.

Eine von ihnen liegt im Südosten der Stadt direkt hinter dem Friedhof. Schon die Straßennamen sind westdeutsche Ideologie en miniature: Adolf-Kolping (irgendwie sozial, definitiv christlich), Kant (Ostpreußen), Eichendorff (Schlesien) und Adalbert-Stifter („Sudetenland“).

Am Rand sind zweigeschossige Doppelhäuser mit Satteldach, im Hauptteil locker aufgereiht um offene Grünanlagen erst zweigeschossige, dann dreigeschossige Gebäude mit Satteldach und in der Mitte als vertikale Dominante ein siebengeschossiges Punkthaus – mit Satteldach.

Wenig überraschenderweise befindet sich Hammelburg damit tief im konservativen Spektrum der westdeutschen Nachkriegsarchitektur. Etwas Neues, in der ganzen Stadtgeschichte nie Dagewesenes ist die Offenheit und Großzügigkeit der Siedlung dennoch.

Diese Siedlung könnte man beim Blick vom Baderturm sehen, ja, man sieht das Dach des Punkthauses sogar (im obigen Bild weit links), aber man bemerkt es nicht, da es gleichsam mit den Dächern der höhergelegenen Altstadt verschmilzt. Und das, das ist das Problem. Das ist falschverstandener Respekt vor dem Alten. Eine selbstbewußte fortschrittliche Architektur würde sich nicht scheuen, sich mit einem doppelt, dreifach so hohen Punkthochhaus in wirklich neuen Formen in das Panorama Hammelburgs einzubringen.

Doch der Kapitalismus kennt keinen Respekt. Wo fortschrittliche Architektur, die in ihrer Konsequenz über den Kapitalismus hinausweist, dem Alten etwas Neues zur Seite stellen würde, da errichtet er nur eine Brandmauer.