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Gottwaldov

(siehe zuerst Zlín)

Man könnte sagen, daß Gottwaldov eben der Name war, den Zlín zwischen 1949 und 1991 trug, ungefähr also in der kurzen Zeit des Sozialismus in der Tschechoslowakei, und man könnte diese Benennung nach dem ersten kommunistischen Präsidenten Klement Gottwald als bloßen Ausdruck des damals modischen Personenkults abtun. Aber Gottwaldov ist mehr als nur ein anderer Name für eine Stadt, es ist eine andere Stadt, und das heutige Zlín trägt soviel von Gottwaldov wie von den früheren Städten namens Zlín in sich.
Das neue Zlín, die Stadt des Kapitalisten Baťa, war zuallererst eine Stadt der Arbeiter. Ihnen verdankte Baťa seinen Reichtum, sie bauten sein Zlín. Baťa war auch insofern ein äußerst moderner Kapitalist, als er sehr früh die neusten fordistischen Methoden zur effektiveren Ausbeutung der Arbeitskraft anwendete. Zudem arbeitete er stark mit kollektivistisch klingenden Motivationsparolen, die halb amerikanisch, halb sowjetisch wirken. Als einer der ersten hatte er verstanden, daß man die Arbeiterbewegung, die nun auch noch ihren eigenen Staat, die Sowjetunion, hatte, am besten dadurch bekämpft, daß man so tut, als gehe es einem selbst um das Wohl der Arbeiter. Er war damit, ganz wie die späteren Sozialstaaten, ziemlich erfolgreich. Gleichzeitig verzichtete er aber auch nicht auf die brutalste Unterdrückung der Arbeiterbewegung. Wer einer Gewerkschaft, die nicht von Baťa selbst kontrolliert wurde, angehörte oder gar Kommunist war, wurde sofort entlassen. Die armen Bauern der umliegenden Regionen standen als billige Ersatzarbeitskraft ja jederzeit zur Verfügung. Die Organisationen der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei konnten in Zlín so nur illegal arbeiten. Auch die heute so hochgelobten Häuschen, die Baťa seinen Arbeitern baute, waren weniger großzügige Sozialleistung als Machtmittel. Denn zum einen gab es nie genug von ihnen und zum anderen konnten die Arbeiter sie für Mißverhalten ebenso schnell wieder verlieren wie sie sie bei guten Leistungen bekommen konnten. In seinem Roman „Botostroj“ beschrieb Svatopluk T. schon in den Dreißigern Baťa als ein totalitäres System, in dem der allmächtige Chef jedes Detail des Lebens seiner Arbeiter kontrollieren will. Der Flug, auf dem Tomáš Baťa starb, hat bei ihm Berlin, wo Hitler gerade an die Macht gekommen ist, zum Ziel. Das stimmt zwar nicht und auch inwieweit sein Nachfolger Jan Antonín Baťa, der 1938 nach Brasilien ging, mit den Deutschen kollaborierte oder kollaborieren wollte, ist nicht geklärt. Unzweifelhaft ist aber das Ausmaß der Kollaboration der übrigen Baťa-Führung. Dominik Čipera etwa, ein wichtiger Manager, wurde Minister der Protektoratsregierung. Vor diesem Hintergrund muß man die Umbenennung Zlíns in Gottwaldov sehen. Man kann nur ahnen, was es für ein Gefühl für die Arbeiter war, daß die Stadt nun nach einem von ihnen hieß.
Auch im neuen Gottwaldov blieb die Schuherstellung die wichtigste Industrie und das riesige, wenn auch im Krieg beschädigte Werk der Firma Baťa, die direkt nach dem Krieg verstaatlicht und 1949 in Svit (Morgenröte) umbenannt wurde, blieb sein Herz. Städtebaulich waren die Entwicklungsmöglichkeiten denkbar gut, da ja schon Baťas Zlín keine kapitalistische Stadt gewesen war. Trotz des neuen Namens ist Gottwaldov gerade kein radikaler Bruch mit Zlín, weil die ganze Fortschrittlichkeit, die dieses ausmachte, gleichsam nur darauf gewartet hatte, mit sozialistischem Inhalt erfüllt zu werden.
Die ersten Bauten, die nach dem Krieg entstanden, noch bevor die Stadt 1949 den neuen Namen bekam, ziehen sich wie ein Band von Osten nach Westen durch das Tal der Dřevnice. Inmitten der unzähligen zweigeschossigen roten Doppelhäuschen, die in diesem Teil der Stadt vorherrschen, ragen die Bauten der frühen Volksdemokratie hoch auf und schaffen erst eine Struktur, die auch eine gewisse Entsprechung zur Fabrik im Westen ist. Zuerst ganz im Osten fünf neungeschossige Punkthäuser. Sie haben einen quadratischen Grundriß, im obersten Geschoß eine Dachterrasse, einige vorgesetzte Balkone, vor allem aber eine vollständig rote Kachelverkleidung, wie sie bei einem Gebäude solcher Größe recht ungewöhnlich ist.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Gleich riesigen monolithischen roten Stelen sind sie aufgereiht – oder aber gleich riesigen Versionen der Baťa-Häuschen. Handelt es sich hier noch um ein bloßes Zitat, sind die beiden weiter stadteinwärts quer zur Straße angeordneten Morýsovy Domy (Morýs-Häuser) nicht weniger als eine architektonische Enteignung Baťas.

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Aus Pechar, Josef: Československá architektura, Praha 1979

Sie sind im unverkennbaren Baťa-Bausystem mit rotem Backstein und Fenstern in einem Betonraster gebaut. Es ist leicht variiert, die Pfeiler der Ecken tragen Balkone, die gleichsam zu schweben scheinen und dem ganzen Gebäude eine gewisse Leichtigkeit geben. Das oberste Geschoß ist jeweils in der Mitte zurückgesetzt, während an den Seiten offene Dachterrassen sind. Vor allem aber ist das System hier nicht für eine Fabrik oder einen Repräsentationsbau der Firma, sondern für große zehngeschossige Wohngebäude verwendet. Mit den Mitteln Baťas wurde somit eine Antithese zu Baťa gebaut. Statt der kleinen Häuschen, in denen die Arbeiter als brave Kleinbürger leben sollten, leben sie hier in Gebäuden, von denen aus ihnen die Stadt so sehr zu Füßen liegt wie vorher nur dem Führungspersonal im Verwaltungshochhaus. Zwischen und um die beiden Gebäude sind kleinere, dreigeschossig und mit roter Kachelverkleidung. Sie stehen ganz frei in öffentlichen Grünflächen, so daß der Bruch mit der Baťa’schen Wohnbebauung aus kleinen privaten Parzellen auch städtebaulich vollzogen ist.
Höhepunkt dieser architektonischen Enteignung Baťas und dieser frühen Phase der Entwicklung Gottwaldovs ist das Kolektivní Dům (Kollektivhaus). Es steht am südlichen Rand der Altstadt, nicht weit vom neuen Stadtzentrum. Gleich den Morýsovy Domy könnte man auch das Kolektivní Dům auf den ersten und auch auf den zweiten Blick für ein Baťa-Gebäude halten, denn in dessen Konstruktionssystem ist es errichtet.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Elf Geschosse hat es. Das vertraute Raster: runde Pfeiler und eckige Geschoßränder. Dazwischen Fensterbänder unterteilt von kleineren runden Pfeilern und rotem Backstein. Kleine Balkone ragen an den Breitseiten versetzt vor jedem zweiten Zwischenraum des Rasters hervor, so daß sich ein Schachbrettmuster ergibt. In der Mitte der westlichen Breitseite ist das Treppenhaus mit Glasbausteinen an den Rändern und Fenster in der Mitte. Es endet auf dem Dach in einem Aufbau, dessen Außenseite völlig aus Glasbausteinen besteht. Das oberste Geschoß hat nur in der Mitte Räume, an den Seiten dagegen sind Dachterrassen, die teils von Betonlamellen überspannt sind. In der Mitte der anderen Breitseite ist der Eingang mit Treppe und dünnem freischwebenden Vordach. Am Rand der Treppenhausseite schließt ein L-förmiger Anbau an, erst zweigeschossig, dann ob des ansteigenden Hangs flach. Es ist dieser Anbau, der das Kolektivní Dům so bedeutsam macht. Noch heute ist dort ein Kindergarten, aber ursprünglich gab es außerdem noch eine Gaststätte und weitere Gemeinschaftseinrichtungen für die Bewohner des Hauses. Wie der Name schon verrät, handelte es sich bei dem Kolektivní Dům um ein Experiment mit neuen kollektiven Wohnformen, bei denen insbesondere die Essenzubereitung aus dem individuellen Haushalt herausgelöst werden sollte. Neben einem weiteren Kolektivní Dům im nordböhmischen Litvínov und einigen Gebäuden, die in den späten Zwanzigern und frühen Sechzigern in der Sowjetunion entstanden, ist es das einzige Beispiel eines solchen Experiments. Baťas Bausystem diente hier also dazu, ein Gebäude zu schaffen, daß nicht nur über den Kapitalismus, sondern auch über die üblichen Gebäude des Sozialismus weit hinausgeht.
Damit war diese Phase der Stadtentwicklung abgeschlossen, mehr ließ sich aus dem, was Baťas Zlín Gottwaldov hinterlassen hatte, nicht herausholen. Der nächste Schritt der Industrialisierung des Bauwesens war die Großplattenbauweise. Das hauptsächliche Baugeschehen verlagerte sich ans nördlichen Ufer der Dřevnice. Dort, hoch oben am Hang, wurde das Wohngebiet Jižní Svahy (Südhänge) gebaut. Von fast überall in der Stadt ist dessen Panorama zu sehen: niedrige Terrassenhäuser gleich hinaufbittenden Treppen, ein Zickzack von Sechsgeschossern und dahinter der elegante Schwung eines dreizehngeschossigen Gebäudes.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Wie eine Krone sitzt das Wohngebiet über der Stadt. Das von Baťa in den Dreißigern geschaffene Stadtzentrum ist weiterhin in seinem Recht, aber nicht mehr dessen Hochbauten dominieren die Stadt, sondern die Wohngebäude der Jižní Svahy. Erst so wird Zlín ganz zu Gottwaldov. Vom Stadtzentrum führt eine Straße, die bald Hochstraße wird, über den Fluß und windet sich dann in einem weiten Bogen von Westen her in die Hügel hinauf. Vorher verläuft sie so, daß sie die Villa von Tomáš Baťa am Hang geradezu einklemmt. Das mag nur ein Zufall sein, aber diese marginalisierte Lage der Villa ist zugleich ein schönes Symbol dafür, daß Gottwaldov eben eine neue Stadt ist und über Baťa weit hinausgewachsen.
Für den Fußgänger gibt es eine eigene Brücke und dann eigene geschwungene Wege hinauf ins Wohngebiet. Die schon aus der Ferne ablesbare Struktur des Wohngebiets entfaltet sich vor einem. Den untersten Teil bilden Gebäude, die in drei Stufen so in den Hang gesetzt sind, daß jede von ihnen etwa zwei Geschosse hoch ist, wobei auf den unteren beiden Stufen Dachterrassen angeordnet sind. Zwischen ihnen führen Treppenwege an üppigen Vorgärten vorbei hinauf.

Terrassenhäuser

Oberhalb von ihnen ist eine leicht geschwungene Straße, der sie, nun flach, Garagentore zuwenden. Diese Gebäude sind so etwas wie die Fortentwicklung der backsteinernen Doppelhäuser, aber in einen ganz neuen Kontext eingebettet. Hinter der Straße folgen sechs-, von oben gesehen fünfgeschossige Gebäude, die am Hang so angeordnet sind, daß jeweils eines weiter vorne, niedriger, und eines weiter hinten, höher, steht. Neben großen, der Stadt zugewandten Balkonen sind diese ins Grün eingebetteten Gebäude von roter Kachelverkleidung und Beton bestimmt, eine Reverenz an das unten im Tal liegende Zlín. Jenseits der vom Tal kommenden großen Straßen ist das Wohngebietszentrum, das einem langen, markant geschwungenen dreizehngeschossigen Gebäude mit durchgehenden weißen Balkonbändern vorgesetzt ist. Ob der starken Hanglage ist es von außen gesehen mal zwei-, mal dreigeschossig, während es sich von innen erst als Einkaufsstraße, dann, tiefer gelegen, als großer Hof mit Grünanlagen und Parkplatz, zu dem eine weitgeschwungene Rampe hinaufführt, zeigt. An diesen tieferen Bereich grenzt auch ein Schulkomplex an. Und auf dem rotverkleideten Gebäude dieses Wohngebietszentrums steht, schwebt, ein aus vielen Strahlen und Streben gebildeter fünfzackiger Stern aus silbernem Stahl.

ZentrumJižníSvahy

Zu all diesem, was schon von unten zu erahnen ist, kommen große L-förmige Wohnanlagen, die sich vom Wohngebietszentrum ausgehend entlang der Straße und eines kleinen Parkstreifens nach Osten über den Hügelkamm ziehen. Nach außen zeigen sie sich als dreigeschossige Gebäude, zwischen denen man über viele Treppen auf L-förmige Terrassenebenen gelangt, zu denen hin die Gebäude entsprechend zweigeschossig sind. Von der anderen Seite sind sie begrenzt von fünfgeschossigen Gebäuden, deren Balkone in fast unmerklichen Terrassenstufen ansteigen. Die Terrassenebenen sind intime Grünbereiche mit sehr abwechslungsreicher gärtnerischer Gestaltung, vielen Bänken und Sandkästen, was umso schöner wird, wenn man, an den Einfahrten und an Lüftungsröhren, bemerkt, daß unter ihnen Tiefgaragen sind. In den sozialistischen Staaten wurden solche Lösungen, auch wegen der hohen Kosten, nur sehr selten verwendet, aber es ist nur angemessen, daß gerade Gottwaldov eine Ausnahme ist.
Gehört dieser gesamte erste Teil des Wohngebiets Jižní Svahy zum Besten, was die ohnehin äußerst leistungsfähige Architektur des tschechoslowakischen Sozialismus schuf, so ist der weiter östlich gelegene zweite Teil eine Enttäuschung. Am Hang stehen hier nur drei Terrassenhäuser, darüber dreigeschossige Reihenhäuser, darüber viergeschossige längere Gebäude und darüber achtgeschossige Punkthäuser. Den Großteil der Bebauung machen dann Achtgeschosser aus, die sich zu offenen, teils in der Höhe versetzten Höfen über die Hügelkuppe erstrecken. Ein geschwungenes dreizehngeschossiges Gebäude wie im ersten Teil gibt es sogar, allein ihm fehlt das Wohngebietszentrum. Hier sieht man, wie den Sozialismus die Kraft verließ und er nur noch etwas schaffen konnte, daß weder dem Namen Gottwaldov, noch dem fortschrittlichen Erbe von Baťas Zlín wirklich gerecht wird.
Trauriger ist bloß noch die Situation des heutigen Zlín, das von Neuem ein belangloses Städtchen am Rande eines kleinen Landes ist. Schuhe werden dort keine mehr produziert, aber es ist ganz einer leeren Baťa-Nostalgie gewidmet. Falls es mal eine Zukunft geben sollte, wird die Stadt wieder stolz den Namen Gottwaldov tragen werden.

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Zlín

(siehe auch Gottwaldov)

Zlín ist eine einzigartige Stadt. Es ist keine kapitalistische Stadt, aber die Stadt eines Kapitalisten: des Schuhfabrikanten Tomáš Baťa. Die Geschichte der Stadt ist die Geschichte der Firma Baťa. Es ist eine Geschichte, die man kaum anders denn als kapitalistische Heldengeschichte, als American Dream im äußersten Osten von Mähren, als Herrenmenschenphantasie à la Ayn Rand erzählen kann. Entsprechend gerne wird sie heutzutage in Tschechien erzählt, denn kapitalistische Helden sind dort rar (alle anderen tschechischen Helden sind entweder Kommunisten, und von denen will man nicht reden, oder Intellektuelle, und die sind letztlich wenig massenwirksam).
Aber es ist eben auch eine erzählenswerte, weil wie gesagt einzigartige Geschichte. Der kleine Schuhmachermeister aus der Kleinstadt am Rande der Welt, der dank der gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch dort erfolgten Anbindung an die Eisenbahn seine Werkstatt zum Industriebetrieb ausbauen kann, das wäre noch nicht interessant, das gab es öfter mal. Auch, daß der zum Kapitalisten gewandelte Provinzschuhmacher während des ersten Weltkriegs durch geschicktes politisches Agieren in der Hauptstadt Wien Großaufträge vom österreichisch-ungarischen Heer bekommt, ist noch nicht völlig außergewöhnlich. Aber daß dieser Kapitalist nach dem Weltkrieg, in dessen Folge seine Stadt vom Rande Österreichs in die Mitte des jungen und wirtschaftlich starken Industriestaats Tschechoslowakei rückt, innerhalb weniger Jahre zu einem der größten Schuhproduzenten der Welt wird, das ist einzigartig.

Aus Zlín - The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Aus Zlín – The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Selbst dieser wirtschaftliche Erfolg jedoch wäre heute bloß noch eine geschichtliche Fußnote, wenn Baťa nicht noch einen Schritt weiter gegangen wäre: er baute sich eine Stadt. Keine Werksiedlung, eine Stadt. Er baute ein neues Zlín. Dessen Bevölkerung wuchs von 3557 im Jahre 1910 auf 43 660 im Jahre 1938. Dieses neue Zlín, das seit den zwanziger Jahren entstand, sollte vor allem modern sein, wie Baťa die Modernität in Architektur und Design überhaupt zu seinem Markenzeichen machte. Auch das unterschied ihn von anderen Kapitalisten seiner Zeit, die für ihre Bauten zumeist konservative und monumentale Stile wie Art Déco oder Expressionismus wählten. Einzig Baťa nutze die neuesten, radikalsten, zukunftsweisenden Strömungen für seine Zwecke. Seine Gebäude, aber auch die gesamte Propaganda der Firma, waren erfüllt vom Pathos des Neuen und des Fortschritts wie man ihn in dieser Zeit bloß noch aus der Sowjetunion kannte. So entstand denn das Zlín des Kapitalisten Baťa als nichtkapitalistische Stadt.
Der Anfang von Baťas Bautätigkeit in Zlín war noch konventionell: er ließ sich eine Villa bauen, wie das Kapitalisten eben zu tun pflegen. Auch das Rathaus, das er bauen ließ, als er in den Zwanzigern Bürgermeister wurde, ist kein bemerkenswerter Bau. Aber gleichzeitig begann westlich des alten Stadtkern der Bau des neuen Zlín, das ganz Baťas war. Dessen Rückgrat ist dementsprechend die Fabrik, die sich zwischen Straße, Eisenbahnstrecke und dem Flüßchen Dřevnice von Westen nach Osten hinzieht. Sie hat damit eine sehr effektive Bandstruktur, der zur Perfektion nur die Schiffbarkeit der Dřevnice fehlte. Entlang von Fabrikstraßen mit Eisenbahngleisen stehen schier unzählige drei- und fünfgeschossige Gebäude mit Werkstätten und Fertigungsräumen. Sie alle sind in einem äußerst avancierten Bausystem errichtet, das Baťa für seine Stadt entwickeln ließ: innerhalb eines Stahlbetonskeletts aus runden Pfeilern und eckig endenden Bodenflächen sind Wandflächen aus Backstein und große Fensterflächen angeordnet.

BaťaSystem

Es ist von größter Zweckmäßigkeit und nur dank ihm konnten so schnell so viele Gebäude errichtet werden. Zugleich gibt es der neuen Stadt ihre charakteristischen Farben: das Grau des Betons, das Rot des Backsteins und die schimmernde Transparenz des Glases. Auch das ist ein Teil der Baťa‘schen Corporate Identity. Wo auch immer man dieses Bausystem bemerkt, und das könnte nicht nur in vielen anderen tschechoslowakischen Städten, sondern nach Baťas internationaler Expansion auch in anderen Ländern Europas oder sogar in Kanada und Indien sein, wird man an Baťa denken.
Ein unendlich moderner und im Sinne dieser Corporate Identity genialer Einfall war es nun, nicht etwa nur die Fabrikgebäude, sondern auch andere wichtige Gebäude in ebendiesem Bausystem zu errichten. Das wichtigste ist das Verwaltungshochhaus, das das östliche Ende des Fabrikgeländes und den Beginn der öffentlichen Einrichtungen des neuen Zlín bildet.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Es ist ein fünfzehn Geschosse hoher Bau parallel zur Straße. Das typische Fassadenraster des Baťa-Bausystems hat hier noch größere bandartige Fenster und nurmehr schmale Backsteinstreifen dazwischen. An der nördlichen Seite, die man schon nicht mehr die rückwärtige nennen kann, ist ein großer Treppenhaustrakt vorgesetzt und eine Ecke ist völlig verglast. Das oberste Geschoß ist als große, teils überdachte Terrasse ausgeführt. Mrakodrap, Wolkenkratzer, wird dieses Gebäude in Zlín gerne stolz genannt, was nach heutigen Maßstäben etwas übertrieben scheinen mag, aber schon weit weniger, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es mit einer Höhe von 74 Metern in seinem Entstehungsjahr 1938 zu den höchsten Gebäuden Europas gehörte. Und wenn man erst überlegt, was Zlín nur wenige Jahre vorher noch war, wird es geradezu selbstverständlich, daß sich seine Bewohner angesichts dieses Gebäudes ein wenig wie in Amerika fühlten.
Jenseits der Straße öffnet sich auf leicht ansteigendem Gelände der Náměstí Práce (Platz der Arbeit), der schon bei Baťa so hieß. Seinen südlichen Abschluß bildet das Hotel Společenský Dům (Gemeinschaftshaus). Es ist ein recht langer elfgeschossiger Bau im Baťa-System. Seine ersten beiden Geschosse sind völlig verglast, während die darüber viel Backstein und eher kleine Fensteröffnungen haben. Erst das oberste Geschoß ist wieder verglast und leicht zurückgesetzt. An beiden Schmalseiten sind geradezu filigrane, stark verglaste Treppenhaustrakte vorgesetzt, doch dabei handelt es sich um spätere Ergänzungen in einer anderen Stadt, als das Hotel den Namen „Moskva“ (Moskau) trug. Den westlichen Abschluß bildet ein quer zur Straße in den Hang gesetztes großes Kino mit dem schlichten Namen „Velké kino“ (Großes Kino). Mehr als das ist es auch nicht, aber dennoch bemerkenswert, weil sein Baukörper völlig frei steht.

Aus Zlín - The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Aus Zlín – The city of the national enterprise in Czechoslovakia, Zlín o.J. (vermutlich 1946 oder 1947)

Nach Osten hin leiten zwei weitere im typischen Bausystem errichtete Gebäude auf einen weiteren Platz über. Direkt an der Straße ein zweigeschossiger Bau, das alte Kaufhaus, und ein Stück weiter etwa parallel dazu das neue Kaufhaus, neun Geschosse hoch und ähnlich dem Verwaltungshochhaus von Fensterbändern bestimmt.
Zwischen beiden kommt man auf den Náměstí T.G. Masaryka (T.-G.-Masaryk-Platz), der sich nach Süden hin den Hang hinaufzieht. Es ist ein Platz ganz anderen Charakters, den man auch gut eine Allee nennen könnte. Zwischen zwei baumbestandenen Straßen ist eine große, von Wegen durchlaufene Wiese und an den Seiten stehen quer aufgereiht je vier fünfgeschossige Gebäude, Wohnheime für Baťa-Arbeiter. In der Achse des Platzes steht ein Gebäude, das fast ebenso hoch ist wie die Wohnheime, aber ganz anders wirkt. Nur an den Seiten hat es zweigeschossige Bauteile mit dem üblichen Raster und Backstein, wohingegen im höheren Mittelteil zwischen den hier enger beieinanderstehenden Pfeilern Glasflächen sind.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Ohne irgendwelche historistischen Formen, nur mit ganz wenigen Linien und auch durch seine Lage, schafft es dieses Gebäude, einen leichten Anklang an griechische Tempel zu wecken. Damit entsprach es auch völlig seinem Zweck, Denkmal und Museum für den Firmengründer Tomáš Baťa zu sein. Der nämlich war 1932 gestorben und zwar ganz wie es sich für einen kapitalistischen Helden gehört: bei einem Flugzeugabsturz, der angeblich geschah, weil er den Piloten zwang, trotz schlechten Wetters vom firmeneigenen Flugplatz zu starten. Noch nach seinem Tod, in dem ihm errichteten Mausoleum, blieb Baťa so der Corporate Identity seiner Firma treu. Die Leitung des Unternehmens und des Aufbaus der Stadt hatte sein Halbbruder, Jan Antonín Baťa, übernommen. Erst später bekam das Gebäude als Dům Umění (Haus der Kunst) einen konkreteren Zweck.
Damit ist das Zentrum von Zlín beschrieben. Um dieses, am Hang gegenüber des Fabrikgeländes, erstrecken sich ausgedehnte Wohngegenden voller kleiner zweigeschossiger Doppelhäuser aus Backstein.

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Aus Petrů, Jaroslav: Gottwaldov, Brno 1970

Gleich den Bauten der Fabrik und des Zentrums sind sie nach einem normierten System errichtet, damit möglichst viele von ihnen möglichst schnell und günstig errichtet werden können. Kleine Straßen und auch Wege ziehen sich zwischen den Häuschen hin. Im Sommer kann man beim Gang zwischen den üppigen Gärten, die mit dem roten Backstein kontrastieren, und beim Blick hinab auf Fabrik und Zentrum gut nachvollziehen, was Zlín zu der Industrie- und Gartenstadt, die es sein wollte, macht.
Dennoch macht nicht die Wohnbebauung, die sich östlich des alten Zlíner Stadtzentrums, in dem nichts weiter ist, beidseits der Dřevnice fortsetzt, die Einzigartigkeit Zlíns aus. Sie ist eben doch nur zeitgemäße Form der Werksiedlung und Wegbereiter für die suburbane Zersiedlung, wie sie zur selben Zeit auch in den USA schon begann. Das Zentrum aber gibt es so nur in Zlín. Hier gibt es keine Blockrandbebauung mehr, hier stehen die Gebäude, mehr oder weniger, frei, hier sind die Wege nicht mehr nur von Straßen vorgegeben. Es ist das vielleicht erste Stadtzentrum, das ganz nach den Grundsätzen der fortschrittlichen Architektur entstand. Die schiere Allmacht eines einzelnen Kapitalisten schuf eine Stadt von solcher Geplantheit und Einheitlichkeit, wie sie im Kapitalismus eigentlich nicht möglich ist. Wenn man der kapitalistischen Heldengeschichte nicht ganz glauben will, wofür es gute Gründe gibt, kann man überlegen, daß es vielleicht einen jungen Staat wie die Tschechoslowakei für so etwas brauchte. Nur dort vielleicht konnte der Kapitalismus noch die erneuernde Kraft sein, die er anderswo in Europa schon lange aufgehört hatte zu sein. Zlíns Geschichte setzte sich dann ohne Baťa und unter einem neuen Namen fort: Gottwaldov.