Archiv für den Monat November 2015

Erkundungen auf Friedhöfen: Weiße Russen in Moravská Třebová

Der Friedhof des Städtchens Moravská Třebová liegt hoch oben auf dem Křížový vrch (Kreuzhügel). Um hinaufzugelangen, tritt man durch einen Torbogen

EingangFriedhofMoravskáTřebová

und geht dann eine lange überdachte Treppe,

TreppeFriedhofMoravskáTřebová

die wie ein Tunnel aus dem städtischen Leben unten zur andachtsvollen Ruhe oben führt.

AlleeFriedhofMoravskáTřebová

Fast scheint so architektonisch ein Aufstieg von der Erde in den Himmel nachvollzogen.

Dort oben, zwischen all den tschechischen und deutschen Gräbern, irgendwo vor der großen gotischen Kapelle, findet man etwas, was man hier kaum erwartet: orthodoxe Kreuze, russische Inschriften.

RussischeGräberMoravskáTřebová

Sie sind die einzige Erinnerung an ein russisches Gymnasium, das von 1921 bis 1935 bestand. Seine Existenz hat mit einem kleinen Kapitel der russisch-tschechoslowakischen Beziehungen zu tun. Die Schule wurde für russische Immigranten, sogenannte weiße Russen, Angehörige der zaristischen Eliten, die vor der Revolution geflohen waren, eingerichtet. Vielleicht fühlte sich die tschechoslowakische Regierung zu dieser humanitären Tat verpflichtet, hatten doch die Weißen und die tschechoslowakischen Legionen, zur russischen Seite übergelaufene österreichisch-ungarische Soldaten tschechischer und slowakischer Nationalität, in Sibirien gemeinsam gegen die Revolution gekämpft. Sie waren der roten Armee letztlich selbstverständlich unterlegen. Während die Tschechoslowakei aber dank ihres antirevolutionären Engagements das Wohlwollen der Westmächte hatte und die zurückgekehrten Legionäre einen kampferprobten Grundstock für ihre Armee bildeten, blieb den Weißen überhaupt nichts mehr. Alles, was sie gehabt hatten, ihr gesamter Lebensstil, all ihre Traditionen, wurden restlos ausgelöscht und ihr Besitz verstaatlicht – eine der schönsten Episoden des 20. Jahrhunderts.

Eine Schule in der mährischen Provinz war da kaum ein kleiner Trost. Und selbst von der bleiben heute bloß eine Handvoll Grabsteine. Manche sind nur russisch beschriftet, andere zweisprachig. Es gibt ein Gemeinschaftsgrab für Schüler und das Grab eines zaristischen Offiziers. Am bezeichnendsten jedoch ist das Grab von Fedor Kaplowitsch Frolow.

GrabFedorKaplowitschFrolowMoravskáTřebová

Unter einem orthodoxen Kreuz ist sein Porträt in Bronze und darunter die Inschrift. Er, oder besser seine Familie, entschloß sich, die jeweiligen Phasen seines Lebens in den jeweiligen Sprachen aufzuführen. So steht dort zuerst russisch in alter, die bolschewistische Rechtschreibreform von 1918 selbstverständlich ignorierender kyrillische Schrift: „Donkosake, Direktor des Gymnasiums von Nowotscherkassk“. Dann verliert er den Vatersnamen, wird auf tschechisch in lateinischer Schrift zu Theodor Frolov und „Lehrer am russischen Gymnasium in Moravská Třebová“. Das ist zweifelsohne ein Abstieg, aber auch kein so großer. Keiner jedenfalls hatte so etwas mehr verdient als ein reaktionärer russischer Intellektueller, oder nein, viele hätten das und weit Schlimmeres verdient, doch es ist schön, daß es wenigstens Frolow und seinesgleichen auch wirklich zu erleben hatten.

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Austrofaschistischer Boulevard

Die kurzen Jahre der austrofaschistischen Herrschaft in Österreich, der sogenannte Ständestaat, diese Zwischenzeit von ‘34 bis ‘38, hinterließen Wien einen Boulevard oder den Ansatz eines solchen. Man sieht ihn aber nicht. Der Boulevard ist ein Teil der Operngasse und beginnt, wie so vieles, am Karlsplatz.

Dort, an der Ecke Operngasse/Rechte Wienzeile, steht ein achtgeschossiges Gebäude.

OperngasseRechteWienzeile

Zur Ecke hin im Erdgeschoß ein halbrunder Vorbau, darüber jeweils kurze vorgesetzte Fensterbänder zwischen rötlichbrauner Steinverkleidung, ganz oben ein höheres Geschoß mit größerer Glasfläche. Von diesem Eckteil schwingt sich das Gebäude zu beiden Straßen hin und wird in Stufen niedriger, so daß der Eindruck eines Schiffskiels entstehen kann. Es ist dort zwar immer noch sieben Geschosse hoch, doch deren oberstes ist bereits hinter einer Dachterrasse zurückgesetzt. Statt Steinverkleidung gibt es hier schlichten Putz. Das, sieben oder acht Geschosse, das oberste zurückgesetzt, schlichte Fassade, ist das Muster für alle anschließenden Gebäude auf der rechten Seite der Operngasse, die den Boulevard bilden.

Operngasse1

Es ist davon auszugehen, daß auch für die linke Seite, wo jetzt vor allem neuere Gebäude der TU sind, ähnliches geplant war. An den Ecken mit der Schleifmühlgasse und der Margaretenstraße endet der Boulevard mit abgerundeten Eckbauten.

Womit kann man diese austrofaschistische Architektur nun vergleichen?

Naheliegend scheint ein Blick nach Norden, zum nazifaschistischen Nachbarn Deutschland. Doch die Gemeinsamkeiten sind gering. Einzig die vorgesetzten steinernen Fensterrahmen, die der Eckbau seitlich hat, finden sich auch in der Naziarchitektur. Ansonsten hat ein zur selben Zeit entstandenes Naziwohngebäude, wie dieses in Berlin, nichts mit denen in Wien gemein.

NaziwohnhausBrandenburgerStraßeSächsischeStraße

In der Operngasse fehlen die verschnörkelten Erker und die überstehenden Kranzgesimse, ja, es fehlt jedes historisierende Element. Ein einziges der Kunstwerke, die die Gebäude des Boulevards begleiten, trägt deutlich nazistische Züge: ein Wandbild in der querenden Faulmanngasse mit leblosen Figuren und dem Spruch „Es gibt nur einen Adel, den Adel der Arbeit“.

AdelWandbildOperngasseFaulmanngasse

Aber es wirkt so sehr als Fremdkörper, daß es gut erst nach dem Anschluß entstanden sein kann.

Als nächstes könnte man nach Süden, ins faschistische Italien, schauen. Dort wird man schon eher fündig. Die Haltung des italienischen Faschismus zu Fragen der Architektur war liberal. Es gab einerseits eine monumentale reaktionäre Architektur, mit der sich der Staat und das Kapital repräsentierten, aber andererseits auch eine in jeder Hinsicht fortschrittliche Architektur, die ähnlich verbreitet war.

Aber die größten Gemeinsamkeiten gibt es mit einem anderen nördlichen Nachbarland, der Tschechoslowakei. Wiewohl sie demokratisch verfaßt war, ähnelte die architektonische Situation sehr der in Italien. Es gab Reaktionäres wie Fortschrittliches. Und schlichte Mietshäuser mit zurückgesetztem Dachgeschoß, genau wie jene am austrofaschistischen Boulevard Wiens, prägen in der Tschechoslowakei das Bild der größeren Städte, so hier in Brno.

BrnoMoravskéNáměstí

Schließlich kann sogar ein Blick auf die unmittelbar vorangegangene Wiener Architektur, die Gemeindebauten der sozialdemokratischen Ära, etwas verraten. So ähneln die Rundbögen in der Dachkonstruktion des Eckbaus an der Margaretenstraße denen etwa am Karl-Seitz-Hof, aber damit enden auch die Gemeinsamkeiten.

OperngasseMargaretenstraße

Das ganze Geheimnis dieses Boulevards, wenn es denn eins ist, verrät eine Inschrift im Bärenmühldurchgang, der durch den Eckbau am Karlsplatz führt:

BärenmühldurchgangInschrift

„Dieses Haus wurde an Stelle eines den Verkehr behindernden Althauses mit Hilfe des Wiener Assanierungsfonds […] im Jahre 1937 errichtet“. Darum geht es, um die Schaffung einer neuen Verbindung für den großstädtischen Verkehr. Ganz typische kapitalistische Stadterneuerung. Städtebaulich ist hier nichts anders als in Straßenzügen, die vierzig, fünfzig Jahre früher gebaut wurden. Es ist Blockrandbebauung, die den städtischen Raum im kapitalistischen Sinne effizient ausnutzt. Bloß die Fassaden sind einfacher als in der k.u.k. Zeit, aber auch das damit verbundene Ersparnis paßt gut zu den Bedürfnissen des Kapitalismus.

Operngasse2

Ähnliche Straßenzüge, ähnliche Gebäude, wurden nach dem Krieg, bis in die sechziger Jahre hinein, in Wien und anderswo gebaut und wirken auch deshalb so vertraut.

Vom Freihaus, einem großen Gebäudekomplex, der dem Boulevard weichen mußte, blieb nichts übrig, bloß die weitere Kunst erinnert daran. Am Eckbau ein verwitterndes Steinrelief zur Bärenmühle,

ReliefBärenmühle

in der Ecke Faulmanngasse eine farbenfrohes Relief zur Uraufführung von Mozarts „Zauberflöte“,

ZauberflöteOperngasseFaulmanngasse

an der Ecke Margaretengasse ein Wandbild über die Geschichte des Freihauses

WandbildFreihausOperngasseMargaretenstraße

und an der Ecke Schleifmühlgasse ein Stadtplan, der „das alte Freihaus und die neuen Strassenzüge“ zeigt.

PlanFreihausNeueStraßenzüge

Nichts unterscheidet diese netten und harmlosen Werke von solchen, die früher oder später enstanden.

Die Architektur des Austrofaschismus war also vor allem eins: normal. Normale kapitalistische Architektur auf der Höhe ihrer Zeit, in keiner Weise auffällig. Nicht normal war die Situation in Deutschland, wo etwas wie dieser Boulevard niemals hätte entstehen können. Es war eben enorm selten, daß Systeme allumfassende Vorgaben zur Architektur machten, wie allumfassende, totale Systeme insgesamt selten waren. Falls die austrofaschistische Architektur sich durch irgendetwas auszeichnet, dann gerade durch ihre Normalität und Unscheinbarkeit. Deshalb gibt es in Wien diesen Boulevard, aber man sieht ihn nicht.

Überraschende Parallelen

Manchmal gibt es architektonische Parallelen, die erst überraschen, dann aber ganz logisch erscheinen.

So sieht man in den ionischen Kapitellen der jesuitischen Kirche in Wien die Buchstaben IHS

IMG_3363

und in den Blattkapitellen des stalinistischen Bahnhofs in Odessa Hammer und Sichel.

BahnhofOdessaKapitelleHammerUndSichel

In beiden Fällen wird ein großartiges und klares Logo – das IHS mit Kreuz des Jesuitenordens und das Hammer und Sichel der revolutionären Arbeiterbewegung – zum bloßen Ornament reduziert und durch diese Wiederholung vulgarisiert. Die Parallelen gehen weiter: während das IHS von den goldenen Zacken einer stilisierten Sonne umgeben ist, befindet sich hinter dem Hammer und Sichel etwas, das ebensogut als Muschelform wie als die Strahlen einer aufgehenden Sonne betrachtet werden kann. In der Nähe sind jeweils figürliche Darstellungen von Gestalten, die für die jeweilige Weltanschauung wichtig waren – in Wien unter anderem die Heiligen Katharina und Anton, in Odessa ein sowjetischer Soldat und ein sowjetischer Matrose – aber jeweils so weit oben angebracht, daß man sie kaum wirklich betrachten kann.

Diese Parallelen sind bei näherer Betrachtung beinahe selbstverständlich. In Dingen der Kunst und Architektur waren sowohl der Jesuitenorden als auch der Stalinismus durch und durch reaktionär. Nichts Monströseres als jesuitische Kirchen, nichts Monströseres als stalinistische Prachtbauten, jedenfalls in den meisten Fällen. Doch so wie der Jesuitenorden für das Fortbestehen des Katholizismus notwendig war, war der Stalinismus notwendig für das Fortbestehen des Sozialismus. In Zeiten der größten Bedrohung, das wußten sowohl Ignatius von Loyola als auch Josef Stalin, wären Skrupel verhängnisvoll gewesen. Der Unterschied ist, daß der erste damit etwas Schlechtes bewirkte, der zweite jedoch etwas Gutes. Manchmal erzählt die Architektur einem eben doch nicht alles.

Havlíčkův Brod

Man kann Havlíčkův Brod als Städtchen wie aus dem Tourismusprospekt erleben. Dann ist es ein etwa quadratischer Platz am leicht ansteigenden Hang, dem zweigeschossige Häuschen ihre Renaissance- und Barockgiebel zuwenden.

In der südwestlichen Ecke stehen die Rathäuser.

Havlíčkův BrodRathäuserBrunnen

Das alte hat ein drittes Geschoß mit Renaissancezinnen auf dem Dach, aus dem in der Mitte auch ein kompliziert gebrochener Giebel und ein kleiner Turm ragen. In der mittleren Nische des Giebels steht ein Skelett, was natürlich mit einer lokalen Legende zu tun hat, die das Tourismusprospekt dann erzählen kann. Das neue ist ein reich ornamentierter Barockbau, ebenfalls mit mittigem Giebel, und einem zwiebelturmgekrönten Erker in der Ecke.

Jenseits der nordöstlichen Ecke, höher am Hang, steht die Kirche, deren dicker Turm noch viel Gotisches zeigt, während auf dem Langhaus eine sehr barocke Kuppel sitzt. Sie müßte für das Tourismusprospekt noch etwas herausgeputzt werden, aber das sollte nun, nachdem der tschechische Staat der katholischen Kirche im Zuge der Kirchenrestitution enorme Vermögen geschenkt hat, ja machbar sein.

Auf dem Platz, den sein neues Pflaster dem EU-Förderungsstandard angleicht, wozu alles Grün entfernt wurde, stehen ein barocker Brunnen, der einen Neptun mit Muschelschale auf dem Kopf zeigt, und eine barocke Säule, die auf vier Seiten Heilige und hoch oben auf dem korinthischen Kapitell eine verzückt betende Maria zeigt.

Havlíčkův BrodSäule

Wie so oft bei solchen religiösen Kunstwerken spürt man, daß der Künstler sich lieber mit anderen Dingen beschäftige. Daher wirkt hier der goldgeflügelte Drache zu den Füßen der Maria weit interessanter als diese selbst.

Havlíčkův BrodSäuleDrache

Brunnen und Säule sind der niedrige und der hohe, der weltliche und der religiöse Pol des Platzes und sie liegen genau in einer Linie zwischen den Rathäusern und der Kirche.

Das wäre das Havlíčkův Brod aus dem Tourismusprospekt, so hübsch und alt wie fast jede tschechische Stadt. Auch eine etwas vom Platz entfernte Kirche, ein barockes Kleinod, paßte noch gut in dieses Prospekt. Doch es gibt dort glücklicherweise noch mehr.

Schon der heutige Stadtname, übersetzt Havlíčeks Furt oder idiomatischer Havlíčekfurt, ist politisch geprägt; bis 1945 hieß die Stadt Německý Brod, wörtlich Deutsche Furt oder eben Deutschfurt. Nach den Erfahrungen mit dem Verrat der Deutschen an der Tschechoslowakischen Republik und ihrer folgenden Terrorherrschaft im Protektorat wurde beschlossen, die Stadt stattdessen nach ihrem berühmtesten Sohn Karel Havlíček Borovský, einem wichtigen Journalisten und Schriftsteller des tschechischen národní obrození (nationale Wiedergeburt), zu benennen. So gibt es jetzt in Havlíčkův Brod den beschriebenen Havlíčkovo náměstí (Havlíčekplatz), an dem ein Havlíčkův Dům, Havlíčeks Geburtshaus, steht. Es ist zu betonen, daß diese Umbenennung ein rein linguistischer Akt war, da Německý Brod seit jeher eine tschechische Stadt ohne nennenswerte deutsche Bevölkerung gewesen war, was auch am unsinnigen früheren deutschen Namen Deutschbrod zu erkennen ist. Die wirklichen Aufgaben bei der Lösung des deutschen Problems der Tschechoslowakei, also die Aussiedlung der meisten Deutschen, mußten anderswo bewältigt werden.

Auch städtebaulich ist Havlíčkův Brod mehr als der Platz aus dem Tourismusprospekt. Schon wenn man aus Richtung Prag zum Bahnhof fährt, sieht man oberhalb der Altstadt ein neues Wohngebiet, ebenfalls ein typischer Anblick in jeder tschechoslowakischen Stadt ab einer gewissen Größe. Aber das Neue ist hier sogar noch viel näher am Alten. Direkt westlich vom Platz ist ein zweiter, völlig anderer Platz, den man durch Straßen an den Ecken oder einen Durchgang in der Mitte erreicht.

Havlíčkův BrodPunkthäuser

Es ist ein neuartiger städtischer Bereich, der etwas zwischen Platz, Boulevard und Park ist. Seine eine Seite bildet unter anderem ein riesiges k.u.k Postgebäude, während auf der anderen drei siebengeschossige punktartige Wohnhäuser hinter einer teils flachen, teils zweigeschossigen Ladenzeile aufragen.

Havlíčkův BrodLadengebäude

Im leicht ansteigenden Bereich davor ist erst ein breiter Fußgängerbereich und dann eine parkartige Fläche mit Wiesen, Hochbeeten und Bäumen.

Havlíčkův BrodBürogebäude

Nach einer Querstraße wird der Bereich abgeschlossen von einem ganz in Blau verkleideten Bürobau, der mit einem zweigeschossigen Sockel auf die Ladenzeilen Bezug nimmt, dann aber deutlich zurückgesetzt und leicht über die Querstraße ragend weitere fünf Geschosse in die Höhe wächst.

Nach Süden erstreckt sich die fortschrittliche Bebauung weiter zur Sázava, über die einst die namensgebende Furt führte.

Havlíčkův Brod

Die fünfgeschossigen Gebäude haben teils Flächen mit braunen Kacheln und aus dem Dach ragen flache Dreiecke, die wohl Dachschrägen alter Häuser andeuten sollen. Es handelt sich wohl um Bauten den allerspätesten Achtzigern und die Dachschrägen zeigen den Einfluß der von Westen, aber auch aus der DDR hereindrängenden neohistoristischen Architekturauffassung, von der die Architektur der ČSSR im allgemeinen erstaunlich frei blieb. Und umso schöner sind die Reste der alten Stadtmauer in die Gestaltung der Grünflächen einbezogen.

Havlíčkův BrodStadtmauer1

Was man vom Zug aus gesehen hatte, bleibt hinter diesem neuen Zentrum weit zurück. Einige Straßen mit fünfgeschossigen Gebäuden, siebengeschossige Punkthäuser an der Schnellstraße zwischen Prag und Brno, die zwar von der Autobahn entlastet, aber noch immer stark befahren ist, dort auch das Kaufhaus Alej. Die Wege sind nicht weit, überhaupt ist das Stadtgebiet recht kompakt, aber sie sind alle konventionell an Straßen gebunden.

Es scheint, als haben die Stadtplaner von Havlíčkův Brod ihr ganzes Können für das Zentrum verausgabt und alles übrige als Nebensache betrachtet. So gelang es ihnen immerhin, Ansätze einer nicht nur dem Namen nach neuen Stadt zu schaffen. Wie hier eine alte Stadt auf rücksichtsvolle Weise neuen Bedürfnissen angepaßt wurde, kann sogar als typisch für den tschechoslowakischen Städtebau gelten. Das überraschende Nebeneinander von Neu und Alt, bei dem aber beide ganz für sich bleiben, ja, man das Neue bei flüchtiger Betrachtung sogar übersehen kann, findet sich auch in anderen Städten. Fast wünschte man sich daher, das Bürogebäude oder besser noch die Wohngebäude seien doppelt so hoch, damit sie vom Platz als sozialistische Gegenstücke zur Kirche sichtbar werden und die Bilder des Tourismusprospekts etwas stören.

Heiliger wider Willen

Wie ist das eigentlich, wenn man ohne es zu erwarten Heiliger wird?

Zwar war man ein guter christlicher Funktionär in Prag (oder auch zwei) und starb eines unangenehmen Märtyrertods im Wasser der Moldau, aber das war auch alles. Dann, nach einigen Jahrhunderten im Himmel, findet man sich plötzlich in neuen modischen Kleidern wieder, aus den Ohren wächst einem ein Heiligenschein, sogar mit Sternen, und ein dicker kleiner Engel mit etwas blödem Gesicht trägt einem die Attribute, Palmblätter und Kruzifix, heran, während ein zweiter zur Erinnerung an die Verschwiegenheit, die man angeblich gezeigt hat, einen Finger vor seinen Mund hält. Klar, daß man da erst einmal überrascht dreinblickt, sich leicht nach hinten wegbeugt und beide Hände in einer fragenden Geste auf die Brust richtet: Ich?

Genau so geschah es Johannes von Nepomuk oder vielmehr: so stellte ein Bildhauer es sich vor und einer Skulptur dar, die in Sievering, einem ehemaligen Dorf im 19. Bezirk, zu sehen ist.

JohannesVonNepomukSievering

Wir wissen, wie die Geschichte weiterging: Johannes von Nepomuk fand sich mit seiner neuen Rolle ab und in tausend anderen Skulpturen wiegt er das Kruzifix schon so verzückt im Arm, als sei es das Jesuskind selbst und er Maria.

Wenn man ohne es zu erwarten Heiliger wird oder sonstwie berühmt, beschwert man sich eben nicht, sondern genießt es, und würde sich wohl auch nicht anders verhalten, wenn man nicht wie Johannes von Nepomuk entweder nie gelebt hätte oder jedenfalls seit Jahrhunderten tot wäre. Es könnte einen bloß mehr stören, daß einige der vielen tausend Skulpturen, die einen zeigen, wirklich schlecht sind, aber solange hin und wieder etwas Interessantes dabei herauskommt, wäre man wohl zufrieden.

Mutmaßungen über die Deutschen in Bratislava

Zwei Dinge sind einleitend zu erwähnen, wenn es um die ehemalige deutsche Minderheit in Bratislava gehen soll.

Erstens: Bratislava ist ein sehr neuer Name. Bis zur Gründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918 hieß die Stadt auf Slowakisch Prešborok, was offenkunding vom deutschen Namen Preßburg abgeleitet ist und auch sonst unschön. Der neue Name, in dem Brüder und Ruhm anklingen, ist hingegen so angenehm tschechoslowakisch wie nur möglich. Das Kommittee, das ihn sich ausgedacht hat, leistete der tschechoslowakischen Staatlichkeit (und auch der gegenwärtigen slowakischen) einen Dienst von gar nicht abzuschätzender Bedeutung.

Zweitens: Bratislava gehörte vor 1918 zu Ungarn und hieß weder Prešborok noch Preßburg, sondern Pozsony. Das ist weit mehr als ein Detail, denn daß es einmal ein Österreich-Ungarn gab, darf nicht zur Annahme verleiten, dieses sei ein einheitlicher Staat gewesen. Wie Robert Musil schrieb: „Die beiden Teile Ungarn und Österreich paßten zueinander wie eine rot-weiß-grüne Jacke zu einer schwarz-gelben Hose; die Jacke war ein Stück für sich, die Hose aber war der Rest eines nicht mehr bestehenden schwarz-gelben Anzugs, der im Jahre achtzehnhundertsiebenundsechzig zertrennt worden war.“ Rot, Weiß und Grün sind die ungarischen Farben, Schwarz und Gelb die Farben Habsburgs, im Jahre 1867 wurde der Dualismus begründet. Österreich und Ungarn waren innenpolitisch seit diesem Jahr völlig autonom und die Unterschiede, insbesondere, was die Behandlung der nichtdeutschen, beziehungsweise nichtungarischen Bevölkerungsmehrheiten anging, waren groß. Es läßt sich etwas grob und vereinfachend sagen, daß es für einen Nichtdeutschen in Österreich halbwegs erträglich war, für einen Nichtungarn in Ungarn aber weniger. Während die Tschechen in Böhmen und Mähren einige Rechte hatten, das heißt die tschechische Bourgeoisie in Prag und anderen Städten an der Macht beteiligt war, und die Polen in Galizien sogar noch mehr, das heißt die polnische Szlachta (Adel) die Kolonialherrschaft über Ukrainer und Juden ausübte, erkannte Ungarn sogar die schiere Existenz von Slowaken kaum an. Und während sich in Österreich die Situation der sogenannten Minderheiten im Laufe der Zeit eher besserte, wurde in Ungarn 1911 mit den Apponyi-Sprachgesetzen, die Grundschulunterricht ausschließlich auf Ungarisch vorschrieben, die Magyarisierungspolitik noch verstärkt. Auch die Deutschen hatten es in Ungarn nicht viel besser als alle anderen, die weder Ungarn waren noch es werden wollten.

Dies alles muß man wissen, um zu verstehen, was nun über die deutsche Minderheit in Pozsony und Bratislava gemutmaßt werden soll.

Zuerst ein Grabstein auf dem Ondrejský Cintorín (Andreasfriedhof).

AntonVonWinzorBratislavaPozsony

Ein typischer obeliskartiger schwarzer Stein, deutscher Text, ein „General der Kavallerie u. Wirkl. Geh. Rat Anton Freiherr von Winzor“ liegt dort seit 1910 begraben. Er war, unter anderem: „Kommandierender General in Pozsony“. Und das ist das Interessante an diesem Grabstein, der ungarische Name der Stadt. Wie erklärt sich, daß ein Deutscher diesen verwendet? Nichts hätte ihn daran gehindert, Preßburg zu schreiben, das kommt auf dem Friedhof oft vor.

Doch weiter, zwanzig, dreißig Jahre später. Ein typisches Wohngebäude aus den Dreißigern an der Ecke Wilsonova/Radlinského, schlichte Fassaden, die Ecke markiert von halbrund vorstehenden Gitterbalkonen.

WilsonovaRadlinskéhoBratislava

Es schwer zu sagen, ob es aus der Tschechoslowakei oder dem faschistischen slowakischen Tiso-Staat stammt. Für letzteres spricht, daß auf dem Relief über dem Eingang, das drei Feuerwehrleute bei der Rettung einer Frau mit Kind zeigt, das slowakische Wappen ist.

HeimDerFreiwilligenFeuerwehrUndRetterInBratislavaRelief

Die slowakischsprachige Tafel links davon hat die Zeit nicht überdauert, die deutschsprachige rechts immerhin teilweise.

HeimDerFreiwilligenFeuerwehrUndRetterInBratislavaInschrift

„Heim der freiwilligen Feuerwehr und Retter in Bratislava“, liest man in verblassenden Buchstaben und dann ein längeres Zitat von Jan Amos Komenský: „Unser einzige Ziel soll das Wohl der Menschen sein. Wir alle sind wohl Bürger derselben Welt. Alle sind wir desselben Blutes. Was für eine Unvernunft, einen Menschen zu hassen nur darum, dass er anderswo geboren ist, dass er eine andere Sprache spricht, dass er eine andere Me[?] hat. Wir alle sind Menschen, alle unvollkommen, alle bedürfen wir der Hilfe. Besonders wir Europäer, wir sind wie Reisende auf einem gemeinsamen Schiff.“

Schon die Wahl dieses Zitats ist interessant, doch entscheidend ist, daß auch hier wieder im deutschen Text der nichtdeutsche Name der Stadt verwendet ist.

Wie erstaunlich das ist, merkt man daran, daß die Deutschen in Böhmen und Mähren nie auf die Idee gekommen wären, irgendeinen Ort, in den in den letzten tausend Jahren ein Deutscher seinen Fuß gesetzt hat, bei seinem tschechischen Namen zu nennen und ihre in den neofaschistischen „Vertriebenenverbänden“ organisierten Nachkommen noch heute gerne von Phantasiestädten wie Pilsen oder Leitmeritz reden.

Die Deutschen in Bratislava waren, wenn man die dürre Beweislage eines Grabsteins und einer Inschrift an einem Feuerwehrgebäude für ausreichend halten will, vielleicht anders. Vielleicht hatten sie ein realistischeres und weniger vom Nationalismus verzerrtes Bewußtsein ihrer Position und paßten sich deshalb den Staaten, in denen sie lebten, stärker an.

Eine Art Erklärung gibt Karl Kreibich, der wichtigste deutsche Politiker der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (Kommunistická strana Československa – KSČ), in seinem „Konec sudetského němectví“ (Das Ende des Sudetendeutschtums) von 1945:

„Ve starých Uhrách byli Němci (‚Švábi‘ a ‚Sasi‘) vždy spolehlivými činiteli maďarského režimu; byli maďarskými vlastenci. […]Režim a školské zákony Apponyiho vzaly také Němcům národní školy, to však neotřáslo jejich maďarským vlastenectvím. […] [Zdá se], že německé menšiny byly vždy tím hodnější, čím přísnější byl režim v zemi i na ně, čím méně jim dával.“

„Im alten Ungarn waren die Deutschen (‚Schwaben‘ und ‚Sachsen‘) immer verläßliche Unterstützer des ungarischen Regimes; sie waren ungarische Patrioten. […] Das Apponyi-Regime und seine Schulgesetzte nahmen auch den Deutschen ihre nationalen Schulen, das erschütterte ihren ungarischen Patriotismus jedoch nicht. […] [Es scheint], daß die deutschen Minderheiten immer desto braver waren, je strenger das Regime im Land auch zu ihnen war, je weniger es ihnen gab.“

Kreibich schließt dann, wie es für den Text nötig ist, daß es den slowakischen Deutschen nicht gut tat, in der Tschechoslowakei alle Rechte bekommen zu haben, denn „víme, jak ‚Karpatendeutsche‘ to republice a Slovákům opláceli“ – „wir wissen, wie die ‚Karpatendeutschen‘ das der Republik und den Slowaken heimzahlten“. Doch eine letzte Nachwirkung hat die Anpassungsbereitschaft der dortigen Deutschen noch immer: der Name Bratislava hat sich, auch im deutschen Sprachraum, unangefochten durchgesetzt und niemand würde mehr von einem Preßburg reden.

Johannes von Nepomuk in Laxenburg

Bekannt ist Laxenburg, zurecht, für seinen vormals kaiserlichen Park und die dazugehörigen Schloßanlagen. Der Ort selbst ist da wenig mehr als ein beliebiges Anhängsel. Vielleicht aus einem Minderwertigkeitsgefühl heraus, eher, weil es ab den Fünfzigern zu viel Geld hatte, kaufte sich Laxenburg zur Ortsverschönerung allerlei Kunst, die in Wien nicht mehr gebraucht wurde. So steht irgendwo ein Sockel mit einem wirklich bizarren venezianischen Steinlöwen aus dem alten Südbahnhof, während vor dem neo-neobarocken Ladenzentrum eine weibliche Bronzefigur aus dem Palais Rothschild herumsitzt.

Das ist recht lächerlich und noch dazu unnötig, denn das interessanteste Kunstwerk in Laxenburg mußte nicht aus der Hauptstadt herbeigeschafft werden, sondern gehört ganz Laxenburg selbst. Es handelt sich um einen barocken Johannes von Nepomuk in der Wiener Straße. Die Skulptur selbst hebt sich in keiner Weise von den unzähligen anderen bildhauerischen Darstellungen dieses Heiligen, dem Popstar der Gegenreformation, ab, aber ihr wurde eine kleine Kapelle, eigentlich nur eine schützende bauliche Umfassung, errichtet.

JohannesVonNepomukLaxenburg

Vor dem Sockel ein steinernes Geländer, an den Seiten nach oben breiter werdende Pilaster, die mitsamt den ionischen Kapitellen aus dünnen, schnurartigen Streifen bestehen oder eher angedeutet  sind, oben ein runder Bogen und als Abschluß ein erst aufgeschwungener, dann halbrunder Giebel, in dessen Feld vor einer Muschelform eigentümlicherweise ein winziger Obelisk ist, was man sicher irgendwie interpretieren könnte.

JohannesVonNepomukLaxenburgObeliskMuschel

Die Formen der Kapelle, die bereits einen souveränen und freien Umgang mit Barockkonventionen verraten, krönte ihr Erbauer mit einem Einfall: sowohl im Bogen als auch auf dem Giebel sind sechszackige Sterne. Es sind die Sterne das Heiligenscheins des Johannes von Nepomuk, der als einziger Heiliger außer Maria überhaupt Sterne im Heiligenschein hatte. Nicht zufrieden mit ihrer untergeordneten, die Skulptur bloß schützenden Funktion, wird die Kapelle zu ihrer Ergänzung, ihrer Vervollständigung, zum gebauten Heiligenschein. Ja, die Architektur wird sogar wichtiger als die Skulptur, die ohne Verlust auch gegen jeden anderen nicht völlig mißlungenen Johannes von Nepomuk ausgetauscht werden könnte. Ein kleiner Einfall also, so naheliegend wie überraschend, genügt, Laxenburgs kleine Nepomukskapelle zu etwas Besonderem zu machen.

Der Ort, jedenfalls die unmittelbare Umgebung der Kapelle scheint das auch zu ahnen: ein typisches flaches Bauernhaus wurde um sie herum gebaut, nimmt sie in sich auf, macht sie stolz zu seinem Schmuck.

JohannesVonNepomukLaxenburgHaus

Das blanke Haus wird gleichsam zur Leinwand für ein Kunstwerk und findet damit, zufällig und ungewollt, zu einem viel zukunftsweisenderen Verhältnis zwischen Architektur und Kunst als es beim nahen barock verschnörkelten Schloß oder der ihm gegenüberliegenden Kirche herrscht. Falls das Haus samt Kapelle dadurch auch nicht schöner oder wichtiger wird als diese, so fühlt man sich ihm zumindest viel näher.