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Alma oder Polen im Supermarkt

Alma war ein Luxussupermarkt. Alma war ein Ausdruck des Glaubens der liberalen polnischen Eliten an den Kapitalismus.

Obwohl es Alma seit spätestens 2017 nicht mehr gibt, kann man noch vielerorts Spuren davon sehen. In Sopot etwa, der reichsten Gliedstadt der Trójmiasto, steht recht zentral an einem Parkplatz hinter der großen Durchgangsstraße Aleja Niepodległości (Uabhängigkeitsallee)  ein kleines Einkaufszentrum, in dem Alma das wichtigste Geschäft war.

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Es ist ein verhältnismäßig eleganter Bau, die Verkleidung des eckigen Körpers und das Glas der vorgewölbten Fassade in dunklem Alma-Grün. Heute sieht es gleichzeitig unberührt und verlassen aus. Schilder in den Türen müssen auf die noch geöffneten Geschäfte im Obergeschoß hinweisen. Im Erdgeschoß jedoch blickt man in den Alma-Supermarkt. Logos, Regale, Kassen, alles ist noch da, bloß Menschen, Waren, auch Licht fehlen.

Das Schicksal der Geschäfte oben scheint auch absehbar, der Moment, da die Tauben das Gebäude ganz für sich haben werden, nah, doch wer weiß.

Beim Bahnhof Oliwa in Gdańsk beispielsweise trat an die Stelle von Alma ein Biedronka-Supermarkt. Das ist sehr symbolisch, denn Biedronka, ein von portugiesischem Kapital ausgebauter Discounter mit nettem polnischen Namen (übersetzt Marienkäfer) und entsprechendem Logo, ist eine Art Anti-Alma.

Was Alma sein sollte, sieht man in Sopot noch an einer makellosen Reklame: auf weißem Hintergrund eine Erdbeere und ein Champagnerkorken.

Alma sollte zeigen, daß der Kapitalismus sein Versprechen erfüllt und Polen reich gemacht hat. Diese Vorstellung muß jedem, der Polen kennt, lachhaft erscheinen, doch genau das glaubten die liberalen Eliten, ja, sie glauben es noch heute. Tatsächlich hat sich in der polnischen Gesellschaft seit 1989 eine Oberschicht und auch eine prekäre Mittelschicht, die in outgesourcten Abteilungen westlicher Firmen arbeitet und in hypothekenbelasteten Eigentumswohnungen in engen abgezäunten Wohnanlagen lebt, herausgebildet, während alle anderen bestenfalls durch das Geld, das im Westen arbeitende Familienmitglieder schicken, vor dem schlimmsten Elend bewahrt werden. Die Menschen der neuen Ober- und Mittelschichten hätten bei Alma einkaufen sollten, doch sie waren einfach nicht zahlreich genug oder gingen lieber doch zu Biedronka.

Das Scheitern von Alma ist das Scheitern des Glaubens an den Kapitalismus. Ihm entspricht der Niedergang der PO, der liberaleren rechten Partei Polens. Sie, die Alma-Partei, glaubt noch heute, daß in Polen dank dem Kapitalismus alles wunderbar läuft. Da das für weite Teile der polnischen Gesellschaft, insbesondere außerhalb der großen Städte, nichts mit der Realität zu tun hat, hatte die PiS, die rechtere rechte Partei Polens, ein leichtes Spiel. Als Biedronka-Partei versprach sie zum einen, die liberalen Eliten etwas zu ärgern, und zum anderen, die Härten des Kapitalismus mit bescheidenen sozialpolitischen Maßnahmen etwas zu mildern. Der Sieg der PiS war somit unausweichlich, zumal die Sozialdemokratie, die in der Übergangszeit der Neunziger noch gebraucht worden war, sich vorher durch die Unterstützung sämtlicher liberalen wirtschaftlichen wie reaktionären geschichtspolitischen Maßnahmen selbst abgeschafft hatte, und es auch sonst keine nennenswerte Linke gibt. Wenn man heute Zeichen der sozialdemokratischen SLD sieht, sind das so sehr Relikte einer vergangenen Zeit wie die verbliebenen Genossenschaftsläden von Społem.

Polen hat politisch heute die Wahl zwischen Alma und Biedronka, eine furchtbare Wahl. Und Alma gibt es nicht einmal mehr.

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Der Strand der Trójmiasto

Eines der schönsten Dinge an der Trójmiasto (Dreistadt) ist ihr langer, langer Sandstrand. Wenn man will, kann man ihn an einem Stück vom Rande des Hafens von Gdańsk bis zur Klippe im Gdyniaer Stadtteil Orłowo gehen, etwa 12 Kilometer, und dann noch weiter.

Vom äußersten Punkt an der Mündung der Motława in Gdańsk, wo Hafenanlagen und das Westerplatte-Denkmal aufragen,  sieht man den Strand in einem sanften Bogen vor sich und jenseits der Klippe Gdynia.

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Man passiert Brzeźno, wo die erste Molo (Seebrücke) weit ins Meer hineinragt, und Przymorze. In Jelitkowo zwingt die Einmündung des Potok Oliwski (Oliwaer Bachs), die sich mäandernde Miniaturcanyons in den Sand gräbt, zu einem Umweg in den Park, da man sie trockenen Fußes nicht überqueren kann.

Mit dem schlanken weißen Körper des Hotels Marina beginnt Sopot, die zweite Stadt der Trójmiasto.

Sopots Zentrum rückt bis dicht an den Strand heran und greift mit der Molo noch weit ins Meer hinaus.

Bald danach ändert sich die Landschaft. Nun sind es die Hügel, die bis nah ans Meer rücken.

Der Strand wird schmaler, wilder, nun wachsen hier Bäume und wenn man zurück auf Sopot und Gdańsk blickt, ist es, als blicke man von einer einsamen Mangroveninsel in die ferne Zivilisation. Ein weiterer Wasserlauf, der Kamienny potok (Steinbach), gräbt sich seinen Weg durch den Sand zum Meer, aber er ist meist schmaler, man kann hinüberspringen.

Etwa hier beginnt Gdynia, die dritte Stadt der Trójmiasto, doch genau merkt man es nicht. Wieso Polen nach dem ersten Weltkrieg diesen Teil der Bucht von Gdańsk bekam, ist dafür umso klarer erkennbar: es ist der schlechtere, der landschaftlich schwierigere, der dünner besiedelte auch, der, dessen Verlust die Deutschen leichter verschmerzen konnten. So passiert man Orłowo, das die dritte und kleinste der Seebrücken hat, und direkt danach endet der Strand. Wenn man weitergehen will, hat man die Wahl zwischen Betonbefestigungen um die Klippe oder Waldwege auf ihr. Es folgt noch etwas Strand im Wechsel mit Promenade, nun ohne Aussicht auf die vorherigen Teile, bevor man im Zentrum von Gdynia ankommt. Erst von dem weit ins Meer reichenden Kai, der schon zum Hafen gehört, blickt man wieder auf den Rest der Trójmiasto zurück.

Die Nutzung dieses langen Strands für Tourismus und Naherholung konzentriert sich auf die Seebrücken in Brzeźno, Sopot und Orłowo, auf Jelitkowo, wo eine Straßenbahn endet, und auf die Promenade in Gdynia. Doch auch sonst wird man am Strand immer Menschen um sich haben, denn die Bewohner der Trójmiasto nutzen die luxuriöse Nähe des Meeres. Auch im tiefsten Winter, wenn der Sand von Schnee bedeckt ist, gibt es Spaziergänger.

Auch an Frühlings- und Herbstabenden sitzen am Rande Paare und Grüppchen und trinken Bier, denn das polnische Verbot des öffentlichen Alkoholkonsums wird hier nicht durchgesetzt.

An heißen Sommerwochenenden dann, auch außerhalb der Saison, ist es voll wie in einem Urlaubsort.

Es ist in jedem Moment ein städtischer Strand, ein Strand mitten in der Zivilisation. Die Stadt ist nah. Für die Bewohner der großen fortschrittlichen Wohngebiete Zaspa, Przymorze und Żabianka ist der Strand in fußläufiger Entfernung und für alle anderen führen mehrere Straßenbahn- und Buslinien zu ihm. Und man sieht die Stadt. Selbst, wenn einmal keine Gebäude direkt angrenzen, sind welche in der Entfernung erkennbar. In der Nacht leuchten die Lichter dreier Städte über das Wasser.

Dazu kommen die Schiffe. Frachtschiffe auf Reede, Fähren in nahe Orte oder aber nach Skandinavien, im Sommer Segel- und Motorboote aller Art. Immer wird man so daran erinnert, daß der Strand sich zwischen zwei Hafenstädten und entlang von ehemaligen Fischerdörfern erstreckt.

Man könnte sagen: Dieser lange Strand ist die Trójmiasto. Er ist vielleicht der Orte, wo man all das, was ihre einzelnen Teile miteinander verbindet und voneinander trennt, am besten erleben kann.

Sowjetisches Grün in Sopot

Der Friedhof, den Sopot seinen sowjetischen Befreiern baute, ist nicht ganz leicht zu finden, paßt aber gerade deshalb gut in eine Stadt, wo abseits des Strands und der zentralen Fußgängerzone nichts ganz leicht zu finden ist.

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In der Stanisława Moniuszki (Stanisław-Moniuszko-Straße) weist an einem kleinen gepflasterten Bereich ein quer zum Gehsteig gesetztes Schild zu einer den Hang hinaufführenden Treppe und zum „Cmentarz źolnierzy Armii Radzieckiej poległych w walkach o wyzwolenie Sopotu w marcu 1945 roku“ (Friedhof der Soldaten der Sowjetischen Armee, die im März des Jahres 1945 in den Kämpfen um die Befreiung Sopots fielen). Sein niedriger Sockel und sein abgeschrägter linker Teil bestehen aus weißgetünchtem Beton, während die eigentliche Fläche mit einem roten Stern und der Inschrift aus grauem Stein ist.

Über die Treppe gelangt man auf einen Weg aus Betonplatten, der geradewegs in den Wald führt. Bald läßt man die Gartenseiten der links stehenden großen Villen hinter sich und ist nur noch vom Wald umgeben, diesem typischen Laubwald mit lichtem Unterholz der Hügel der Trójmiasto.

Es geht sanft aufwärts und eine ganze Weile ist da wirklich nichts als Wald und Weg. Schließlich erreicht man den Friedhof, erahnt zuerst hinter Bäumen, wie er sich noch etwas höher entlang des Wegs erstreckt. Die Kopfseite der kleinen Anlage bilden Stufenbeete mit hohen Nadelbäumen, in denen beim Eingang eine einleitende Tafel über die 646 Gefallenen und nach einer Treppe ein zentrales Denkmal mit ihren Namen sind.

Nachdem schon die gesamte Konstruktion aus dunklen Steinblöcken besteht, scheint der Stein des Denkmals zu seiner Naturform zurückfinden zu wollen: aus einigen kleineren zusammengefügten Steinen ragt ein großer Findling, eine Art unförmiger Obelisk, auf.

Diese konservative, gut ins 19. Jahrhundert passende Form deutet sofort darauf hin, daß es sich um ein umfunktioniertes älteres Denkmal handelt. Tatsächlich wurde es ursprünglich 1909 in der preußischen Zeit zur Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg errichtet und später als Weltkriegsdenkmal genutzt. Die heutigen Inschriften sind russisch und polnisch,  wobei beim Denkmal die polnische grammatikalisch falsch ist.

Es ist ein Glück für den Friedhof, daß das Denkmal zwar sein höchster Punkt ist, aber ihn nicht bestimmt. Hier im Wald wirkt es eher wie ein wirklicher Fels, den schon die Bäume davor fast verstecken. Viel wichtiger ist der eigentliche Friedhof. Er erstreckt sich entlang eines Wegs, der in einer Linie mit dem Denkmal und der Treppe verläuft. Auf dem leicht abschüssigen Gelände zweigen auf beiden Seiten je vier Beete und schmalere Wege von ihm ab, wobei sie zum Wald hin kürzer und zum Weg hin länger sind.

Diese niedrigen stufengleichen Hochbeete sind in Beton gefaßt und in ihnen sind die Gräber der gefallenen sowjetischen Soldaten.

Doch die fast flach auf grauen Sockeln befestigten glatten schwarzen Steinplatten mit den Namen muß man in der üppigen Bepflanzung geradezu suchen. Es sind allesamt keine wirklich exotischen Pflanzen, sondern solche, die man vielerorts gesehen hat, ohne sie benennen zu können.

Farne, Sträucher, Immergrünes, Blumen in vielen Farben, große fleischige Blätter, kleinere mit weißer Zeichnung, niedrige Nadelpflanzen voller Moos oder einfach Löwenzahn in einer unerwarteten Größe.

Was die Beete von Sopots sowjetischem Friedhof jedoch außergewöhnlich macht, ist die schiere Fülle und Vielfalt an für sich genommen ganz typischen Pflanzen. Auch in einem botanischen Garten oder einem Biotop wären Beete wie diese nicht fehl am Platz und tatsächlich ist der Friedhof beides ein wenig.

Er ist gerade noch am Rande einer Verwahrlosung, durch die er ganz zum Biotop würde. Moos wächst über die Beetränder, Gras auf Wegen, aber noch begrenzt der Beton der Beete ein bloßes Wuchern und man spürt noch eine ordnend und pflegend eingreifende menschliche Hand.

So ist es ein wunderschöner Garten im Wald, in dem die Befreier ruhen. Das paßt wiederum zu Sopot, dem großbürgerlichen Badeort voller Villen mit großen Gärten. Ob das schon ursprünglich so geplant war, ist fast egal, denn eine schönere Ruhestätte für Helden kann es kaum geben. Es ist ein später und leider nutzloser Sieg, daß der schönste Garten in Sopot nicht privat und bürgerlich, sondern öffentlich und sowjetisch ist.

Brasilia in Sopot

Ein wenig von Brasilia kann man überall finden, wo seit den Fünfzigern fortschrittliche Architektur entstand, denn alle Architekten wollten, wenigstens unbewußt, ein wenig Brasilia bauen. Auch in Sopot ist das nicht anders.

Das das dort am Rande der Hügel gelegene Gebäude der Wydział ekonomiczny (Wirtschaftsfakultät) der Uniwersytet Gdański (Universität Gdańsk) ist in mancher Hinsicht ein typisches Beispiel für die Architektur der PRL (Volksrepublik Polen), zu deren Zeit die Fakultät noch der Ekonomika Transportu (Transportwirtschaft) gewidmet war.

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Es ist eigentlich ein ganz einfaches, strenges Gebäude. Vier Geschosse an einem weiten Vorplatz, die Breitseiten trotz den Fensterbändern durch vorgesetzte Streben deutlich vertikal strukturiert, an den Schmalseiten kleine vorgesetzte Balkone. Rechts davor ist ein etwa zweigeschossiger Hörsaalbau, der leicht schräg nach rechts verläuft. Sind seine Breitseiten verglast, aber wiederum mit vertikalen Streben versehen, so bringt die eingewölbt geschwungene Schmalseite eine erste Bewegung in die rechteckigen Baukörper.

Mit zwei wohlgewählten architektonischen Elementen wird das Gebäude dann verwandelt.

Das erste ist das Vordach in der Form eines runden hyperbolischen Paraboloiden, das vor dem etwas rechts der Mitte gelegenen Eingang ist. Seine dünne Betonfläche wächst links und rechts aus dem Boden und beschirmt den Eingang wie ein kompliziert gefaltetes Lotusblatt.

Dieses geschwungene, schwingende Vordach steht vor dem strengen Gebäude wie eine Skulptur vor der weißen Wand einer Galerie und ist dabei doch gänzlich funktional. Diese Lösung des Eingangs, eng verwandt der beim Verwaltungskomplex in Kielce, ist zweifelsohne das Auffälligste am Gebäude.

Subtiler, aber vielleicht noch wichtiger, sind die Rampen, die entlang der beiden verglasten Seiten des Hörsaals zu Eingängen führen.

Ihre breiten dunklen Betonflächen steigen ganz langsam an und ruhen schließlich auf kräftigen Stützen, die nach quadratischem Beginn umgedrehte Pyramidenformen werden. Ihre niedrigen Geländer bestehen aus je drei scheinbar schwebenden langgezogenen Metalldreiecken an den Seiten und vertikalen Stangen deutlich vor den Enden, die unten wieder aus dem Beton herausragen.

Der durch die Rampen überwundene Höhenunterschied ist sehr gering, aber gerade dadurch werden sie so wirkungsvoll. Völlig funktional inszenieren sie die Loslösung vom Erdboden, das Erheben des Menschen in die Architektur geradezu. Heute scheinen sie ihre Funktion jedoch verloren zu haben, ihre Anfänge sind nicht mehr mit der Umgebung verbunden und sie stehen wie etwas traurige Skulpturen in der Wiese.

Beide zusammen, das auffällige Vordach wie die subtile Rampe, machen das Brasilianische an diesem Gebäude aus.

Was hier in den Hügeln Sopots entstand, war der Trójmiasto (Dreistadt) bescheidene Version von Brasilia. Es erschöpft sich auch nicht im Beschriebenen. Hinter dem Gebäude ist die eingewölbte Seite eines zweiten Hörsaals zu sehen und dahinter steht ein entsprechendes, aber ein Geschoß niedrigeres Gebäude.

Hinzu kommen Wohnheime auf dem angrenzenden Gelände und auf der anderen Straßenseite die Bibliothek, deren Eingang als Brücke zum niedriger am Hang gelegenen Gebäude führt.

Es ist weit eher ein wirklicher Campus als die trostlosen Anlagen der übrigen Fakultäten am Rande von Oliwa. Schade daher, daß sich die Universität Gdańsk bei ihrer Gründung 1970 nicht viel stärker an Brasilia ein Vorbild nahm.

Sopot in Westdeutschland

Sopot ist ein Badeort in Polen, mittlere Stadt der Trójmiasto (Dreistadt), aber wer in Westdeutschland aufgewachsen ist, wird dort auf dem zentralen Platz alles auf unangenehmste Art vertraut finden. Denn er sieht aus wie in einer westdeutschen Provinzstadt. Obwohl schon der unentschlossene Name Plac Przyjaciół Sopotu (Platz der Freunde von Sopot) nichts Gutes verspricht, gelingt es der Bebauung auf seiner linken Seite, noch weit schlimmer zu sein.

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Geschwungen erstreckt sich da ein langes Gebäude mit Geschäften, Büros, wohl auch einem Hotel, das mit allerlei spitzen und runden Giebeln irgendeinen historischen Bezug haben will, der aber nicht einmal an die Bauklötzchenstädte eines Dreijährigen heranreicht.

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Quer dazu steht an der nach links abzweigenden Straße ein nicht weniger großes Gebäude, das als Dom Zdrojowy (Kurhaus) neben Geschäften und Büros noch eine kulturelle Funktion, nämlich als Kunstgalerie, behauptet. Billige Steinverkleidung, weißes Metall, viefach unterteiltes Glas, das an leicht vorgesetzten Teilen abgerundet endet, über dem Eingang einen halbrunden Giebel bildet und an den Ecken in spitzen Pyramidenformen aufragt.

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Wie hier historistische Formen auf billig stilisierte Art zitiert werden, ist nun endgültig Bad Homburg circa 1986. Daß diese reaktionäre Architektur der achtziger Jahre in Sopot erst 2009 entstand, macht es nicht mehr oder weniger schlimm, sondern zeigt nur eines: was auch immer für Probleme Polen in den Achtzigern hatte, vor derlei Auswüchsen war es gefeit. So dominant sind diese beiden reaktionären Gebäude auf dem Platz in Sopot, daß man den weiter vorne rechts neben dem Dom Zdrojowy stehenden Turm eines Gebäudes, dessen Neorenaissanceformen um 1905 ähnlich dumm und reaktionär waren, übersehen kann und alles andere auch.

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Allerdings gibt es für den Plac Przyjaciół Sopotu, ganz wie in der westdeutschen Provinz, mildernde Umstände, ob derer man eher bereit ist, sich mit der Stadt zu befreunden. Neben der durch einem kurzen Tunnel für die querende Straße erreichten Befreiung vom Autoverkehr ist das die Bebauung auf der rechten Platzseite.

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Zuerst sind da ein, zwei kleine Gebäude, die mit ihren Vorbauten aus ornamentiertem Holz und viel Glas das Beste der Seebadarchitektur des 19. Jahrhunderts, eine gewisse Luftigkeit und Leichtigkeit, repräsentieren.

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An sie schließt ein Gebäude mit Cafés und Restaurants an, das die fortschrittliche Architektur des polnischen Sozialismus schuf, aber auch jene der westdeutschen Sozialstaatlichkeit hätte schaffen können.

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Sein Baukörper ist langgestreckt und hat zwei hohe Geschosse, wenig weiße Metallverkleidung und viel durch vorgesetzte silberne Stahlstreben strukturiertes Glas. Doch das sieht man kaum, da ein Stück davor auf hohen schlanken Stützen aus weißen Stahl eine Terasse ist, die zugleich ein Vordach für die Außenbereiche der Restaurants und Cafés bildet. Eine Treppe, die nur aus einer umgedrehten Y-förmigen Stütze, Stufen und Geländer besteht, führt rechts neben der Schmalseite auf die Terasse hinauf.

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In diesen ganz anderen Formen ist die Leichtigkeit der Kurarchitektur fortgeführt, ohne schon zu etwas radikal Neuem zu werden. Links wächst aus dem zweigeschossigen Gebäude dann ein Teil schräg auf sechs Geschosse an. Dieser höhere Teil schließt an die historistische Blockrandbebauung an und sieht von der Querstraße aus auch nur wie ein schmales Bürogebäude aus.

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Anders als die dumme Architektur gegenüber nimmt dieses kleine und leichte Gebäude also auf seine Umgebung Bezug, weiß, daß es in Sopot und nicht in Bad Homburg ist.

Schließlich gibt es auch noch etwas Kunst. Unter dem linken Ende der Terrasse, vor einem Eingang des höheren Bauteils, ist eine zurückgewölbte Wand mit einem Mosaik aus großen Kieseln in Rot, Schwarz, Gelb, Weiß. Hier hätte der polnische Sozialismus zeigen können und müssen, was ihn von Westdeutschland unterscheidet, hier hätte er sich selbst zeigen können und müssen, doch er tat es nicht: das Mosaik ist abstrakt.

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Daß dieses Gebäude in der beschriebenen Form schon nur noch einen Schatten seiner selbst darstellt, braucht nicht zu überraschen in einer Stadt, die ihren Platz mit den eingangs beschriebenen Gebäuden verschandelte. 1960 wurde es als Bar Alga eröffnet und ja, Alga heißt Alge, während Bar im heutigen polnischen Gebrauch auf dem Umweg über Bar Mleczny, Milchbar, zur Bezeichnung günstiger Selbstbedienungsrestaurants, in denen man Pierogi und andere unkomplizierte Speisen, aber keinen Alkohol bekommen kann, geworden ist. Ursprünglich hatte die Terrasse der Bar Alga ein kompliziert gefaltetes Dach aus Stahl und durchsichtigem Kunststoff, das die maritime Luftigkeit der Architektur noch einmal verstärkte. Für eine Weile war sie Wahrzeichen und Stolz der Stadt. Auch ihr späterer Niedergang wäre ähnlich in Westdeutschland geschehen und sogar, daß man ihre Geschichte jetzt auf einer Seite mit dem Namen Powojenny modernizm (Nachkriegsmoderne) nachlesen kann, paßt.

Einen in leider vor allem schlechten Sinne westdeutschen Platz also hat Sopot. Für ein endgültiges Urteil über seine heutige Gestalt ist noch eine Information wichtig: er liegt nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Anmerken kann man es ihm nicht.

Trójmiasto – Dreistadt

Gdańsk ist nie nur Gdańsk, Sopot ist nie nur Sopot, Gdynia ist nie nur Gdynia, sondern sie sind immer ein Teil der Trójmiasto, der Dreistadt. So lautet die gängige Bezeichnung für, von Süden nach Norden, Gdańsk, Sopot und Gdynia an der polnischen Westseite der Gdańsker Bucht.

Teil eines Wandbilds von Juliusz Studnicki im Bahnhof von Gdynia

Teil eines Wandbilds von Juliusz Studnicki im Bahnhof von Gdynia

Zwischen den einzelnen Teilen der Trójmiasto gibt es deutliche Unterschiede:

  • Die drei Städte sind in dieser Dreiheit keineswegs alle gleich wichtig. Gdańsk als die mit Abstand größte und Gdynia als die zweitgrößte sind die beiden Pole der Trójmiasto und das zwischen ihnen gelegene kleine Sopot ist eher eine Ergänzung, wenn auch eine willkommene.
  • Alle drei liegen am Meer, aber ihr Bezug zu ihm ist jeweils verschieden. Sopot ist eine Stadt am Meer. Gdynia ist eine Stadt am Meer und zusätzlich eine Hafenstadt. Gdańsk aber ist eine Hafenstadt, die gerade durch ihren Hafen vom Meer getrennt ist.
  • Gdańsk ist eine alte Stadt mit mittelalterlichem Kern. Sopot ist ein vom Tourismus des späten 19. Jahrhunderts geprägtes Seebad. Gdynia ist eine junge Stadt, die erst ab den zwanziger Jahren aufgebaut wurde, weil der junge polnische Staat nur hier einen souveränen Zugang zum Meer hatte und einen Überseehafen brauchte.
  • Die geschichtlichen Beziehungen im Schnittpunkt von Polnischem und Deutschem, die die drei Städte der Trójmiasto untereinander haben,  sind, wie schon das obige andeutet, äußerst kompliziert. Doch die Trójmiasto ist eine polnische Stadt und das nicht nur, weil das originär polnische Gdynia dazugehört. Vielmehr war es erst die Zugehörigkeit aller drei Städte zu Polen nach 1945, die erlaubte, an ihr Zusammenwachsen zu einer Trójmiasto überhaupt zu denken und es sind Wohngebiete aus der sozialistischen Zeit, die die Lücken zwischen den Städten füllen.
  • Die Trójmiasto ist somit eine typische Bandstadt mit all den Vor- und Nachteilen einer solchen. Diese Struktur ist dadurch unterstützt, daß ihre Ausbreitungsmöglichkeiten vom Meer im Osten und von den bewaldeten Hügeln im Westen eingeschränkt sind. Ihr Rückgrat ist der leistungsfähige Gleiskorridor, der durch sie führt. Er ist immer mindestens viergleisig mit zwei Gleisen für den Fern- und Güterverkehr und zwei für die Stadtschnellbahn SKM.

Doch ist die Trójmiasto nun eine Stadt oder drei? Administrativ ist sie keine Einheit, städtebaulich gibt es viele Brüche, die Bewohner identifizieren sich mit den jeweiligen Städten. Vielleicht ist die Frage aber auch falsch gestellt und eigentlich ist es so: Die Trójmiasto ist eine Stadt und drei Städte. Sie ist eine dreifaltige Stadt. Ganz wie jede gute Dreifaltigkeit ist sie beinahe paradox und nur mit kompliziertesten theologischen und städtekundlichen Versuchen annähernd zu verstehen. Derlei Annäherungen soll es an dieser Stelle im Folgenden einige geben.

Die früheren Województwa (Wojewodschaften) Gdańsk und Elbląg im Busbahnhof von Gdańsk

Die früheren Województwa (Wojewodschaften) Gdańsk und Elbląg im Busbahnhof von Gdańsk