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Architektur auf Architektur

In der Raadhuisstraat (Rathausstraße) im Zentrum von Amsterdam ist ein für die Stadt typisches schmales Haus mit weiß verziertem Giebel, einigen schmucklosen Geschossen aus dunklem Backstein und einem Ladenraum im Erdgeschoß.

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Falls es auffällt, dann wegen eines Schilds über dem Erdgeschoß, in dem groß steht: Eerste Hollandsche Levensverzekerings-Bank (Erste Holländische Lebensversicherungsbank).

Wenn man genauer hinschaut, mag man bemerken, daß die holzgefaßten Glasflächen des Ladenraums rechts geschwungen zum zurückgesetzten Eingang verlaufen, daß die schmalen Seitenteile beidseits des Erdgeschosses mit dezent ornamentiertem schwarzen Stein und beige und braun bemalten Kacheln verkleidet sind und oben mit angedeuteten Kapitellen unter dem Schild anschließen und daß sich links im Stein sogar „H.H. Baanders, Architect“ verewigt hat. Er war Architekt nicht des Gebäudes, sondern der Erdgeschoßfassade und des Raums, in dem also eine Bankfiliale war. Auf dem Schild, das ebenfalls aus Kacheln besteht, ist weiterhin rechts weiß auf Blau ein deutlich größeres Gebäude abgebildet und unter dem Namen der Bank steht eine Adresse: Kantoor (Büro) Keizersgracht 174-176.

Weit ist es bis dahin nicht, der Straße folgend über zwei Kanäle, vor der Westerkerk (Westkirche) nach rechts und dort, Ecke Keizersgracht (Kaiserkanal) und Leliegracht (Lilienkanal) steht das Bürogebäude vom Schild.

Der Hauptsitz der Hollandsche Levensverzekerings-Bank ist auf eine ganz andere Weise ein typisch Amsterdamer Bau. Von fünf Geschossen an den Seiten, mit denen er ohnedies schon höher ist als alle Nachbarhäuser, steigt er zur Ecke hin auf sechs, sieben, acht Geschosse an und endet in einer komplizierten Dachkonstruktion mit Schrägen, Uhren, obeliskgerahmten Giebeln und einem offenen Türmchen.

1905 von dem in der Raadhuisstraat genannten Herman Henrik Baanders errichtet ist es ein Bau aus der Zeit, als Amsterdam New York sein wollte, weit über die alte Stadt hinauswachsende Architektur, Symbol einer neuen Zeit des Kapitalismus. Das Gebäude ist monumental bei gemäßigt historistischen Formen, die starke Jugendstilanklänge haben. Es zieht seine Wirkung vor allem aus den vertikal gegliederten Volumen und der unten schwarzen, oben grauen Steinverkleidung, während die Ornamente leicht zu übersehende Gravuren im Stein sind.

Die Bank schmückt sich mit zwei Mosaiken in billigstem akademistischen Stil, der keinerlei Jugendstilanklänge hat. Statt mit einem Künstlernamen sind sie mit dem Ortsnamen Briare nach dem Mosaikhersteller Émaux de Briare (Briarer Emaillen) aus der gleichnamigen zentralfranzösischen Stadt gezeichnet. Das erste ist neben der Ecke zum Leliegracht im zweiten Geschoß unter dem Ansatz eines Erkers und zeigt eine sorgenvoll oder trauernd dasitzende Frau, die von einem vor ihr stehenden weißgekleideten Mädchen und einem hinter ihr stehenden großflügligen Engel auf eine Versicherungspolice, die vor ihr auf einem Rot umhüllten Tisch liegt, hingewiesen wird.

Man könnte das als Allegorie der Lebensversicherung bezeichnen, aber auch als einfache Werbung, die bloß durch die Mosaikform über die Zeiten gerettet wurde. Das gilt umso mehr, als das zweite Mosaik hoch oben in den zum Keizersgracht gerichteten Giebeln genau dieselbe Szene von Frau, Mädchen und Engel zeigt, nun aber auf einer Wiese in einer Berglandschaft.

Es ist eine entschieden unniederländische Landschaft und damit vielleicht eine niederländische Traumlandschaft, die gut zu einem Gebäude paßt, das mit der überkommenen niederländischen Architektur bricht und, auf ebenso mediokre Weise wie das Mosaik, von etwas Neuem träumt.

Näher scheint es diesem in zwei halbrunden Giebelfeldern im Abschluß der Fenster an beiden Rändern der Fassade zu kommen.

Auf goldenem Grund sind hier Reliefs rechteckiger und quadratischer Formen in vor- und hintereinander verschachtelter vertikaler und horizontaler Anordnung.

Das ist eine geradezu kubistische Ornamentik, die auf dem Gebäude und neben seiner Kunst völlig fremd wirkt. Tatsächlich wurden die seitlichen Teile jedoch erst 64 Jahre später an den Eckbau angefügt, weshalb sie auf dem Schild in der Raadhuisstraat noch fehlen. Statt auf etwas Neues vorzuweisen, waren sie damit nur eine konservative Anknüpfung an das Alte und die Reliefs nur ein kleiner ironischer Bruch.

Bleibt die Abbildung des Bankgebäude auf dem Schild in der Raadhuisstraat, gleichsam als Logo. Daß ein neues Bürogebäude von einer Firma zu Werbezwecken benutzt wird, ist nicht einmal ungewöhnlich, doch selten wurde das Bild eines Gebäudes selbst zum Teil der Architektur und noch seltener überdauerte es die Zeiten. Man sieht in der Raashuisstraat also Architektur abgebildet auf Architektur. Sogar das obere Mosaik ist auf dem Schild gut zu erkennen.

Wenn die Darstellung sehr viel detaillierter wäre, hätte man es mit Architektur abgebildet auf Architektur abgebildet auf Architektur zu tun, denn in der Berglandschaft des Mosaiks fehlt auch rechts im Hintergrund eine zweitürmige Kirche in einem vagen Phantasiestil nicht.

Diese Vervielfachung der Architektur erst, dieses Ineinander gebauter und abgebildeter Architektur, macht das Gebäude der Eerste Hollandsche Levensverzekerings-Bank so interessant. Wer weiß, vielleicht gibt es anderswo in Amsterdam oder in den Niederlanden weitere ehemalige Filialen mit ähnlichem Schild.

Nieuwe Kerk Groningen

Neu ist die 1665 erbaute Nieuwe Kerk (Neue Kirche) im nordwestniederländischen Groningen unzweifelhaft in städtebaulicher Hinsicht.

Stehen die beiden älteren großen Kirchen der Stadt irgendwie seitlich am etwa rechteckigen Grote Markt (Großen Markt) oder am Ende des langgezogenen Vismarkt (Fischmarkts), mehr oder weniger also dort, wo sie die Zufälligkeiten der Stadtentwicklung hinsetzten, so steht die Nieuwe Kerk in der Mitte eines großen quadratischen Platzes. Er und damit sie bilden den Mittelpunkt einer geplanten Stadterweiterung des 17. Jahrhunderts, die sich durch ein regelmäßiges rechtwinkliges Straßenraster auszeichnet.

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Aber die Nieuwe Kerk steht nicht nur in der Mitte des Platzes, sie paßt auch dorthin. Der Grundriß des Backsteinbaus ist ein griechisches Kreuz, also ein Plus, dessen Enden zu den Platzseiten zeigen.

Genau in der Mitte, im Kreuzungspunkt der Dächer, sitzt ein kleiner offener Turm aus Holz. In die Zwischenräume des Kreuzes sind niedrigere Bauteile gesetzt, die seine Ecken verbinden und so einen dreieckigen Grundriß haben. In ihnen sind Portale, auf die Wege von den vier Ecken des Platzes zuführen.

Die Architektur ist somit perfekt den Bedingungen des Städtebaus angepaßt. Eine typischere Kirchenform, die ein Vorne und ein Hinten hat, hätte auch den Platz hierarchisch geteilt. Durch die gewählte allansichtige Form aber gibt es keine Hierarchie, jede Seite ist gleich wichtig und die Nieuwe Kerk ist wirklich Mittelpunkt des Platzes und des neuen Stadtteils. Das ist neu.

Schwieriger ist die Frage nach dem Neuen, was ihren Stil betrifft. Die Eckbauten gleichen mit zwei hohen Geschossen mit eckigen vertikalen Fenstern eher Bürgerhäusern als sakraler Architektur und haben teils tatsächlich eine Wohnfunktion. Die Portale sind niedrig und haben antikisierende Ornamente wie sie in den frühen Barock passen. An den Enden des Kreuzes sind jeweils zwei hohe und eher schmale Fenster, die zwar mit runden Bögen enden, aber doch sehr gotisch wirken. Gleiches gilt für das runde Fenster, das noch weiter oben in der Mitte ist. Über den hohen Fenstern sind völlig bezuglose Tempelgiebelchen angeklebt. Die tatsächlichen Giebel scheinen zu spitzen Dreiecken vor einem Satteldach werden zu wollen, aber die Kirche hat Walmdächer, so daß sie wie abgeschnitten mit Balustraden enden müssen.

Alles wirkt, als werde hier eine Architektur, die einerseits noch von der Gotik zehrt, andererseits aber schon bereit ist, losgelöst von allen Traditionen neue funktionale Lösungen zu finden, in antikisierende Moden hineingezwungen. Zugleich lassen sich aber auch die etwas lächerlichen Zierformen schwer in Stilbegriffe wie Renaissance oder Barock fassen. Denn nichts, rein gar nichts,  hat diese protestantische niederländische Kirche mit dem zu tun, was zeitgleich in katholischen Ländern entstand, was den geringen Wert von Stilbezeichnungen zeigt.

Das spezifisch Niederländische an der Nieuwe Kerk sieht man auch daran, daß sie kein Einzelstück und kein Original ist, sondern so stark an die Amsterdamer Noorderkerk (Nordkirche) angelehnt, daß man von einer Kopie sprechen kann.

Die Noorderkerk entstand bereits 1622 und hat an den Giebelseiten etwas aufwendigere und nicht ganz so offensichtlich lächerliche Verzierungen. Der entscheidende Unterschied aber ist die städtebauliche Einordnung. Die Noorderkerk steht in der Ecke eines kleinen dreieckigen Platzes am Beginn der Prinsengracht (Prinzenkanal), so daß zwei Seiten zu schmalen Straßen zeigen.

In Amsterdam ist die Allansichtigkeit der Kirche verschwendet, da sie ob ihrer Lage dennoch ein Hinten und Vorne hat. Sie könnte auch irgendwie anders aussehen, müßte es vielleicht. In Groningen aber ist es der umgebende Platz, der die architektonische Form fordert. Die Noorderkerk zu kopieren und in die Mitte eines Platzes zu stellen, war im eigentlichen ein schöpferischerer Akt als die Noorderkerk zu bauen. Wie in Groningen mit einem Versammlungsgebäude, das groß und repräsentativ, aber nicht erdrückend monumental ist, ein städtebaulicher Mittelpunkt geschaffen wird, das ist auf gelungene und ungewöhnliche Weise neu.

Autopon oder Architektur der Verschwendung

Fast jeder Architektur wohnt vielleicht eine gewisse Verschwendung inne, weil sie immer etwas mehr ist, als sie unbedingt sein müßte. Selten jedoch ist das so deutlich wie bei diesem Gebäude in Amsterdam.

AutoponAmsterdam

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Es steht am Ende des Overtoom, einer der wichtigsten Verkehrsachsen der Stadt, und ist entsprechend der Kurve zum Amstelveenseweg leicht geschwungen. Die ersten beiden Geschosse sind verglast und zurückgesetzt. Schräge Betonstützen, die schmal beginnen und sich dann als kompliziert abgerundete und eingewölbte Formen verbreitern, tragen eine Betonwanne und erst auf dieser sind die fünf Wohngeschosse. Ihre Fassade ist strukturiert aus teils unterbrochenen horizontalen Balkongeländern und vertikalen Streben, dahinter aber ebenfalls verglast. Im rechten Teil ist auf dem Dach ein weiteres zurückgesetztes Wohngeschoß, über dessen Terrassen sich ein Brüstungsband spannt. An all dem wäre noch nichts ungewöhnlich, man könnte das Gebäude sogar als Variation auf eine Le Corbusier’sche Unité d’habitation (Wohneinheit) betrachten.

Doch im linken Teil ist auf dem Dach noch ein zweigeschossiger Aufbau, ein wahres Penthouse, vor dessen Obergeschoß auf dünnen Stützen eine Terrasse steht und sogar noch über die Fassade des Gebäudes hervorragt. Und etwa in einer Linie mit der freischwebenden Terrasse auf dem Dach ist unten ein Raum, der vor dem zweiten verglasten Geschoß schwebt.

AutoponPenthouseRaum

Bis auf die Decke und den Boden aus Beton ist er völlig verglast und er schwebt wirklich. Keine Stütze verbindet ihn mit dem Boden. Gehalten wird er nur von zwei Stahlträgern, die von schräg oben aus dem Gebäude herausragen als seien sie eine Hand, die den Raum zwischen den ausgestreckten Fingern und dem Daumen über den Gehsteig hält.

AutoponRaum

Das ist ein Effekt der Schwerelosigkeit, der heute so sehr beeindruckt wie 1961, als das Gebäude fertiggestellt wurde. Der dafür erforderliche technische Aufwand war enorm – und ebenso die Kosten. Und daher stellt sich nach dem ersten Moment der Begeisterung die Frage: Wieso wurde dieser Aufwand betrieben? Der Raum, gläsern über den Köpfen der Fußgänger, erfüllt keinen ersichtlichen Zweck, er ist nur grandiose Verschwendung. Wieso also gibt es ihn?

Man kann den schwebenden Raum und das gesamte Gebäude nur begreifen, wenn man weiß, daß es für einen Autohändler gebaut wurde. Nach dem Geschäft von Ben Pon, einem frühen niederländischen VW-Importeur, heißt es allgemein Autopon-gebouw (Autopon-Gebäude). Daher ist auch der Vergleich mit einer Unité d’habitation verfehlt. Wo eine solche eben eine Wohneinheit ist, ist das Autopon-Gebäude in erster Linie Werbung für ein Unternehmen. Wo eine Unité d’habitation freisteht, ist das Autopon-Gebäude Teil der Blockrandbebauung. Wo die Pfeiler dort einen freien Durchgang schaffen, waren hinter ihnen hier die Verkaufsräume mit den Autos. Wo dort auf dem Dach ein halböffentlicher Raum mit Schwimmbad und Schule für die Bewohner ist, ist hier ein Penthouse, das aber auch mehr der Verstärkung der Werbewirkung als dem Wohnen dient. Und der schwebende Raum ist die extreme Variante eines Schaufensters: hier wurde das jeweils neuste VW-Modell ausgestellt. Mit in seiner ganzen verschwenderischen technischen Raffinesse ist er nur ein Gimmick, das die Blicke auf das Gebäude und das Geschäft lenken sollte. Er ähnelt damit den Türmen, mit denen sich so viele Amsterdamer Gebäude der Zwischenkriegszeit schmückten. Wo diese für die Werbewirkung noch monumentale Vertikalität brauchten, wird sie hier bei einem durchaus nicht monumentalen Gebäude durch ein viel subtileres, aber ebenso nutzloses Detail erreicht.

Heute ist im Autopon-Gebäude ein Fitnesstudio und das weiß die Transparenz des schwebenden Raums nicht mal mehr effektiv zu Werbezwecken zu nutzen: die Scheiben sind mit Plakaten zugeklebt.

Amsterdamer Türme

Jedes Gebäude in Amsterdam, das etwas auf sich hält, hat einen Turm. Traditionell waren das vor allem die Kirchen, wie überall, während die normalen Häuser entlang der Grachten und Straßen sich meist mit geschmückten Giebeln begnügten, wie überall. Das änderte sich im späten 19. Jahrhundert durch neue Gebäudetypen wie das Mietshaus, das Hotel, das Bürogebäude, die der entwickelte Kapitalismus hervorbrachte. Die ersten dieser neuen Türme neuer Gebäude, etwa diese Leidsestraat Ecke Keizersgracht, waren noch eher Kuppeln, wie sie ähnliche historistische Gebäude auch in anderen Städten haben.

LeidsestraatKeizersgracht

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Doch als im Jahre 1900 nach nur zwanzig Jahren das „American Hotel“ am Leidseplein (Leidener Platz) umgebaut wurde, wie auf seiner Fassade samt Relief des ursprünglichen Gebäudes festgehalten ist,

AmericanHotelAmsterdamRelief

bekam es nicht nur Jugendstilformen, sondern vor allem auch: einen Turm.

AmericanHotelAmsterdam

Dieser, an der Gebäudeecke zur Singelgracht, mit Uhr, in einer Art Zikkuratform endend, war so etwas wie das Urbild der folgenden Amsterdamer Türme.

In der Zwischenkriegszeit dann, als die Architektur der Stadt von der expressiven Monumentalität der Amsterdamer Schule beherrscht war, kam es zu einer waren Turmschwemme. Wirklich jedes größere Gebäude bekam nun einen.

CarltonAmsterdam

Das riesige, der Vijzelstraat Kolonnaden zuwendende und die Reguliersdwarsstraat überspannende Carlton Hotel von 1928 – es hat einen Turm. Er krönt die komplizierte Dachlandschaft des Hotels und ist mit seinem offenen Stahlaufbau so etwas die eckige Variante einer der typischen offenen Turmhauben der Stadt.

AmsterdamscheBankRembrandtplein

Das ehemalige Bankgebäude am Rembrandtplein (Rembrandtplatz), 1932 fertiggestellt – es hat einen Turm. Das Gebäude tritt an der Ecke leicht zurück, aber nur, um seinen schlanken, aus mehreren eckigen Teilen zusammengesetzten Uhrturm noch stärker wirken zu lassen.

ChevroletStadhouderskadeAmsterdam

Das 1927 fertiggestellte Gebäude eines Chevrolet-Händlers am Stadhouderskade (Statthalterkai) – es hat einen Turm. Eckig und mit vertikalem Fensterschlitz scheint er vor allem zeigen zu wollen, wo das Gebäude anfängt und der Nebenbau aufhört, doch das gelingt ihm kaum, da der dunkelrote Backstein alles dominiert. Das ist auch der Grund, wieso die drei beschriebenen Gebäude einander so ähnlich sind.

DeTelegraafNieuwezijdsVorburgwalAmsterdam

Auch das bereits deutlich fortschrittlichere, von einer einfachen Backsteinfassade mit großen regelmäßigen Fensterflächen bestimmte ehemalige Redaktionsgebäude der Tageszeitung „De Telegraaf“ am Nieuwezijds Voorburgwal (Neuseitner Vorburgwall), 1930 fertiggestellt – es hat einen Turm. Doch dieser ist viel schlichter, eine simple eckige Form, die sich oben in einer dünneren eckigen Konstruktion aus Stahl und Glas fortsetzt, so daß er an eine Antenne erinnert. Er ist auch der höchste der Amsterdamer Türme.

Doch wie sind diese Turmbauten zu Amsterdam nun zu erklären? Vielleicht genügt es, den Namen des ersten so betürmten Gebäudes zu betrachten: „American Hotel“. Alle genannten Gebäude wollen amerikanisch sein oder so, wie sich niederländische Architekten Amerika vorstellten, sie wollen dem alten Amsterdam ein wenig vom ehemaligen Nieuw Amsterdam und heutigen New York geben, sie wollen Wolkenkratzer sein. Doch für wirkliche Wolkenkratzer reichte das Geld und vieles andere nicht, also mußten die Türme als Ersatz dienen, als Andeutung des Strebens in die Höhe. Anders als die Wolkenkratzer Amerikas sind sie damit völlig nutzlos oder, falls sie Uhren haben, zumindest nicht nützlicher als die Kirchtürme und werden so ungewollt doch wieder sehr europäisch. Mit Wolkenkratzern wie Kirchen gemein haben sie allerdings, daß sie in der Stadt mehr oder weniger zufällig und nicht nach stadtplanerischen Gesichtspunkten plaziert sind. Fast keiner der genannten Türme ist aus größerer Entfernung sichtbar oder steht in einer Sichtachse.

An der einen Stelle in Amsterdam, die für ein Hochhaus oder wenigstens einen Turm geradezu prädestiniert wäre, dem innerstädtischen Abschluß der langen und breiten Straße Overtoom, kurz hinter dem Leidseplein, steht zwar durchaus ein Gebäude aus der Zwischenkriegszeit, aber es ist nicht sehr hoch und hat auch keinen Turm.

GemeentetramAmsterdam

Der frühere Sitz der städtischen Verkehrsbetriebe Gemeentetram (Gemeindetram) von 1923 beschließt die Achse vielmehr auf dieselbe Art, wie es ein dreiflügeliges Schloß täte. An beiden Seiten des Backsteinbaus sind dreigeschossige Querflügel, die in den Ecken runde, oben verglaste Erker und im oberen Geschoß trapezförmige Fenster haben. Zwei Bauteile, die nur aus Wandflächen und dunkel verglasten Ecken bestehen, leiten über zum viergeschossigen Hauptflügel, der durch vertikale Streben zwischen den Fenstern der ersten drei Geschosse strukturiert ist und in Mitte ein Portal hat. Es ist ein durch und durch konservatives Gebäude, dem sogar der sympathische Wunsch, Wolkenkratzer zu sein, fehlt. Etwas Wertvolles und Schönes hat es aber doch: unterhalb des zweiten Geschosses des Hauptflügels ragen eckige Steinstreben nach vorne, die vom Bildhauer Hildo Krop als Reliefs, nein, als Skulpturen gestaltet sind.

GemeentetramAmsterdamSkulpturenHildoKrop

Die Motive haben mit Verkehr zu tun, Pferde vor einer Kutsche, Sänftenträger, was so naheliegend wie banal ist. Wie der Stein aber ganz ausgenutzt und man etwa vorne die Pferde und an den Seiten die Kutsche sieht, ist großartig.

GemeentetramAmsterdamSkulpturenDetail

Diese Kleinteiligkeit und Allansichtigkeit bricht beinahe die frontale Monumentalität des Gebäudes. Solche neuartigen künstlerischen Herangehensweisen, wie man sie in Wien etwa bei Josef Scheus Grab findet, gibt es in Amsterdam häufiger, bereits an der Börse, einem Jugendstilbau von 1903, gibt es Beispiele.

Wie schön ein Amsterdamer Turm sein kann, wenn er keiner mehr ist, zeigt schließlich das Kaufhaus Vroom & Dreesmann. Es wurde 1934 errichtet und ist eines der fortschrittlichsten Amsterdamer Gebäude seiner Zeit. Eigentlich besteht es nur aus von hellem gelben Backstein gerahmten Glasflächen zur Kalverstraat

V&DKalverstraat

und zum Rokin.

V&DRokin

Doch auf die Andeutung eines Turms kann es nicht verzichten: zum Rokin ragt ein Erker, in dem wohl ein Treppenhaus ist, halbrund hervor. Monumentalität allerdings ist hier keine mehr. Jede horizontale Wirkung wird durch die große Glasfläche daneben aufgehoben. Damit man den Kopf keinesfalls heben braucht, ziert den unteren Abschluß dieses Treppenhauses, genau auf der Augenhöhe der Passanten, ein Steinrelief.

V&DRokinRelief

Es zeigt in der Mitte einen knienden Mann, der das Amsterdamer Wappenschild mit dem xxx hält, und einen sitzenden Mann, der eine Krone darüber hält. Das ist eine simple Darstellung der Verleihung des Rechts, die heilig-römische Kaiserkrone über dem Wappen zu tragen, durch den späteren Kaiser Maximilian I. im Jahre 1489. Der Ort ist wohl gewählt, um die etwas paradoxe Tatsache, daß eine protestantische Stadt sich mit der Krone eines katholischen Herrschers schmückte, darzustellen, denn früher stand dort eine katholische Kirche. Es waren die katholischen Unternehmer Willem Vroom und Anton Dreesmann, die sie abreißen ließen, um 1912 ihr erstes Kaufhaus, den Vorgängerbau des heutigen, zu errichten, selbstverständlich aber nicht ohne anderswo den Bau einer weit größeren neuen Kirche zu unterstützen.

So verbindet sich hier fortschrittliche Architektur, die nicht mehr von Amerika träumt, sondern in aller Schlichtheit und Bescheidenheit ihre Funktion erfüllt, mit einem wichtigen Ansatz für eine fortschrittliche baugebundene Kunst. Oder zumindest ist es das, was man heute sieht. Das liegt jedoch daran, daß nur die Hälfte des ursprünglichen Plans ausgeführt wurde. Dieser sah vor: einen Turm. Er wäre dem des Telegraaf-Gebäudes wohl sehr ähnlich geworden. Wieder einmal taten der Zufall und ökonomische Einschränkungen ihre segenreiche Wirkung für die Architektur. Nur dank ihnen ist das Kaufhaus Vroom & Dreesmann ein Antithese zu allen Amsterdamer Türmen und Beispiel eines Wegs in die Zukunft.