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Lębork an der Łeba

Lęborks größter Schatz und sein wichtigstes städtebauliches Element ist das Flüßchen Łeba, das weiter nördlich beim gleichnamigen Badeort in die Ostsee mündet. Das weiß die Stadt auch zumindest ansatzweise. Die Łeba ist ein bescheidener Fluß, nicht zu groß, nicht zu klein, nicht reißend, nicht still. Man kann Lębork wohl besuchen, ohne sie auch nur weiter zu beachten, aber es lohnt sich, ihrem Lauf entgegen der Fließrichtung durch die Stadt zu folgen, um zu erleben, was sie für sie ist und sein könnte.

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Vom Rande des größten Wohngebiets der Stadt geht man an der linken Flußseite auf Trampelpfaden, neben denen große Weiden schattige Plätze am Ufer bilden, und auf dem Gehsteig einer stillen Straße unter anderen Bäumen bis an den Rand des Stadtzentrums.

Auf der Brücke der Aleja Wolności (Allee der Freiheit) wechselt man auf die andere Seite, wo ein kleiner Park folgt.

Entlang quer zum Ufer gesetzten viergeschossigen Gebäuden gelangt man bei ihrer Brücke auf die Staromiejska (Altstädter Straße), die als Haupteinkaufsstraße nach links zum Rynek (Marktplatz) führt. Doch gerade hier, wo ein wirklicher Boulevard an der Łeba sein könnte, wird sie in den Hintergrund gedrängt. Man kann ihrem Lauf, der nach einem Bogen parallel zur Staromiejska weiterführt, folgen, doch vom städtischen Leben ist man getrennt. Stattdessen blickt man auf die Rückseiten polnischer Blockrandbebauung aus dem neunten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts und die Hinterhöfe deutscher Blockrandbebauung aus seinem ersten, Stadtplanung zweiter Zeiten und Staaten, vereint in ihrer Mißachtung der Bedürfnisse und Möglichkeiten der Stadt, da sie eine kapitalistische ist.

Die Łeba läßt sich davon nicht stören und ist so schön wie überall. Wieder sind an ihrem Ufer große Weiden, unter deren herabhängenden Zweigen hier Obdachloche ihre prekäre Schlafstelle oder Trinker einen vor den Blicken der Polizei geschützten Platz zum Trinken finden können, da niemand sonst einen guten Grund hat, sich dort aufzuhalten.

Nach einem leerstehenden Fabrikgebäude aus Backstein mündet von links ein anderer Wasserlauf in die Łeba und weiter kommt man nicht. Gegenüber aber, in der Spitze zwischen beiden, ist der Garten eines Einfamilienhauses. Von den üppigen Bäumen und Sträuchern über das rahmende Wasser mit seinem Schilf bis zu dem kleinen, vielleicht für Enten gedachten Häuschen am Strand ganz in der Spitze ist das eine perfekte Idylle.

Statt im Zentrum einer nordpolnischen Stadt, nur Meter sowohl vom geschäftigen Rynek als auch von zwielichtigen Hinterhöfen, glaubt man sich in den Niederlanden. Diese Idylle verdankt sich der Łeba, aber es ist eine private Idylle und nicht die, die die Stadt braucht.

Am anderen Ufer verläuft eine große Straße, der zu folgen wenig einladend ist. Zum weiteren Verlauf der Łeba wird man vom Rynek auf anderem Wege kommen und sie ist hier auch schon eine andere. Ein Stück nach der Einmündung von links macht der Fluß einen Bogen nach links, aber er ist nun zweigeteilt. Unten fließt der eher kleine Bach Okalica heran, während geradeaus eine Schleuse ist und die Łeba deutlich weiter oben als breiter Kanal verläuft.

Der Kanal zieht sich links um das einstige Schloß, das noch einen gotischen Treppengiebel hat, aber schon früh ein Komplex aus Mühlen wurde, und mündet dann wieder in die Łeba als ebenjener zuvor beschriebene Wasserlauf. Man sieht hier, wie das Wasser der Łeba für die industrielle Entwicklung Lęborks nutzbar gemacht wurde. Das ist heute nicht mehr nötig, die Mühlen sind stillgelegt, im Schloß sitzt ein Gericht. Aber der Kanal blieb und wenn man ihm nach rechts folgt, sieht man, wie er für den Menschen nutzbar gemacht wurde.

Die entscheidende Voraussetzung dafür war der Bau einer Straßenbrücke, die sich ein Stück hinter dem Wehr auf runden Betonstützen hoch über den schmalen natürlichen Lauf das Bachs und immer noch hoch genug über den kanalisierten Lauf des Flusses legt.

Entlang des geraden Kanals verläuft ein breiter Fußgängerweg, von dem beidseits der Brücke Treppen nach oben führen. Mit Stahlgeländer, quer vom Weg abzweigend, auf einer niedrigen Stütze ruhend, dann parallel mit der Brücke verbunden, sind sie wie das gesamte Bauwerk ganz unprätentiös funktional und doch von großer Leichtigkeit.

Hier hat die Łeba endlich den Boulevard, den sie verdient. Am Giebel des Schlosses vorbei und unter der Brücke hindurch geht man in einen langgestreckten Park mit Bänken und Laternen.

Der gotische Backstein und der sozialistische Beton stehen ganz gleichberechtigt, doch der Ort verdankt sich letzterem.

Rechts sind niedriger gelegen erst sumpfiger Wald, dann Tennis- und Squashplätze. Beim Zaun des Freibads endet der Park. Hier quert ein Weg, auf dem man nach rechts in andere Teile der Stadt oder nach links über eine Brücke in den Wald am Hügel gelangt.

Das Freibad ist der Kulminationspunkt des Boulevards. Es liegt genau zwischen dem Kanal und dem natürlichen Bachlauf und genau dort muß es auch liegen. Zum Bach hin steht ein schlichter flacher Satteldachbau, in dem der Eingang, Umkleiden, Duschen und anderes waren.

In der Schlichtheit zeigt sich etwas architektonische Brillanz, wenn der Bau für einen breiten Durchgang unterbrochen ist, während das Dach an den Seiten aufgestützt weiterläuft, oder wenn die Wände der Umkleideräume gewellt gemauert sind.

Auf dem Gelände sind Spielplätze, Liegewiesen und das große Betonbecken, das aus einem tiefen Teil für Schwimmer und einem niedrigeren für Nichtschwimmer besteht.

All das ist für ein Freibad dieser Zeit, egal ob nun in Ost oder West, ganz durchschnittlich und würde auch völlig reichen, doch in Lębork kommt noch die Verbindung zur Łeba hinzu. Am Kanalufer wächst hier Schilf und beim Ende des Beckens ist ein hölzerner Steg hineingesetzt. Genau hier macht der Kanal eine Biegung nach links, seine erste überhaupt, und wirkt sogleich weit natürlicher. Vom Steg konnte man über das schilfgesäumte Wasser des Kanals zum Wald blicken oder auf das betongefaßte Wasser des Freibads. Beides war das Wasser der Łeba, denn sie bespeiste auch das Freibad.

Heute steht das Freibad leer, im Eingangsgebäude sitzt die „Motolegion Lębork“, die Becken sind leer, im Nichtschwimmerbecken sind Skaterampen, aber zumindest ist es weiterhin ein öffentlich zugänglicher und für die Stadt wertvoller Ort.

Nach noch einer Biegung zieht sich die Łeba weiter in die offene, nach hier flache Landschaft hin. Die Stadt, der sie so viel gegeben hatte und noch so viel mehr geben könnte, ist dort bereits zu Ende.

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