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Wrocławs Kampf gegen die Mietskaserne

Breslau war eine der schlimmsten preußischen Mietskasernenstädte, manchmal heißt es, schlimmer als Berlin selbst. Trotz den enormen Kriegszerstörungen blieben auch Wrocław nach 1945 viele dieser Mietskasernen. Wie die Stadt mit diesem schweren Erbe umging, zeigt beispielhaft der Block zwischen den Straßen Tomaszweska, Przestrenna, Kamienna und Łódzka.

An der Ecke Tomaszewska/Przestrenna scheint die Mietskasernenstadt noch heil. Fünfgeschossige Mietskasernen in irgendwelchen historistischen Formen, irgendwelche Balkone, irgendwelche Giebel, an der Ecke ein Türmchen. Hier noch das preußische 19. Jahrhundert.

An der Ecke Przestrenna/Łódzka treffen Alt und Neu aufeinander, ohne sich zu berühren. Mietskasernen entlang ersterer, ein fortschrittliches Wohngebäude entlang zweiterer Straße. Es ist schmucklos eckig und, obwohl es ebenfalls fünf Geschosse hat, niedriger. Dazwischen ist ein Durchgang.

An der Ecke Łódzka/Kamienna ist die fortschrittliche Bebauung dann geschlossen. Zwei fünfgeschossige Gebäude, das eine höher als das andere, schließen ohne besondere Betonung die Ecke und es gibt einen aufgestützten Durchgang.

An der Ecke Kamienna/Tomaszewska ist es fast genauso wie an der vorigen, doch hier steht eine einzelne Mietskaserne mit etwas Abstand zwischen den fortschrittlichen Gebäuden.

Vier deutlich unterschiedliche Ecken also, von denen man nicht unbedingt denken würde, daß sie zu ein und demselben Straßenblock gehören. Doch sobald man das Blockinnere betritt, sind alle Unterschiede verschwunden.

Es ist unabhängig von der umgrenzenden Bebauung ein einziger zusammenhängender Raum mit Bäumen, Wiesen, Bänken, Spielgeräten, auch Parkplätzen. Und obwohl in letzter Zeit die Parkplätze auf die Wiese ausgegriffen haben, ist es ein angenehmer und wohlgestalteter, ein schöner Raum. Es ist ein Raum, der zu der fortschrittlichen Bebauung gehört: öffentlich zugänglich, als differenzierte Einheit geplant, großzügig.

Was völlig fehlt ist der Raum, der zu den Mietskasernen gehörte: die Hinterhoflandschaft. Egal, ob diese aus Hinterhäusern oder Schuppen bestände, sie zeichnete sich aus durch die Zersplitterung des Raums in private voneinander abgeschottete Parzellen. Dieser Raum des 19. Jahrhunderts ist hier restlos zerstört. Die Mietskasernen sind verwandelt durch den fortschrittlichen Raum, sie sind aufgehoben. Statt auf Hinterhöfe blickt man von ihren Wohnungen in einen Park.

Besonders gut läßt sich die Verwandlung an der einzelnen Mietskaserne an der Ecke Kamienna/Tomaszewska aufzeigen. Sie steht frei, wie sie nie gedacht war. Fenster, die auf dunkle Lichtschächte hätten gehen sollen, öffnen sich zum Grün. Und da die Mietskaserne höher ist als die fortschrittlichen Gebäude daneben, wirkt sie wie ein absichtlich hervorgehobenes Punkthaus.

Der Kampf gegen die Mietskaserne ist in diesem Block gewonnen, ohne daß es nötig gewesen wäre, alle Mietskasernen abzureißen. Diese Art des Umgangs mit dem Mietskasernenerbe ist typisch für Wrocław. Nicht immer ist das Ergebnis so lehrbuchhaft klar wie in diesem Block, aber das Grundprinzip, die alten Gebäude durch neue zu ergänzen und insbesondere einen neuen Raum zu schaffen, ist dasselbe. Es ist wohlgemerkt kein radikales Vorgehen, da die überkommene Straßenstruktur erhalten bleibt. Aber die starre Monotonie der Mietskasernen wird aufgebrochen. Grün mischt sich ins Grau.

Interessant ist, daß es Vergleichbares in Berlin, Hauptstadt der DDR, weit seltener und erst spät gab. Jede Stadt hatte ihre eigenen Taktiken im Kampf gegen die Mietskaserne. Daß der Kampf weiterzuführen sein wird, zeigen Neomietskasernen aus jüngerer Zeit, die einst freie Ecken zubauen und dort Neohinterhöfe entstehen lassen, oder Abzäunungen, die einst zusammenhängenden öffentlichen Raum privatisieren.

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Der redselige Johannes von Nepomuk

Johannes von Nepomuk ist für Verschwiegenheit bekannt, schließlich ging er lieber in den Tod als das Beichtgeheimnis zu verletzen. Für die meisten seiner skulpturalen Darstellungen gilt das nicht und ganz gewiß nicht für die auf der Ostrow Tumski (Dominsel) in Wrocław. Sie wollen so viel erzählen, wie Skulptur, Sockel und Inschrift erlauben, und die in Wrocław ist dabei noch etwas redseliger.

Dieser Johannes von Nepomuk steht an der Katedralna (Kathedralenstraße), der schmalen Straße, die durch das klerikale Herz der Stadt auf die beiden mächtigen Türme des backsteingotischen Doms zuführt, aber nicht direkt in dieser Achse, sondern etwas seitlich. Vielleicht ist das Absicht, denn Sockel und Skulptur erheben sich haushoch, so daß sogar die Strebepfeiler einer anderen backsteingotischen Kirche dahinter zu schrumpfen scheinen.

Der Sockel ist zuerst ein großer Quader mit an den Ecken schräg vorgesetzten Teilen, dann ein schlankerer vertikaler Quader mit allerdings leicht eingewölbten Seiten und schließlich nach einer überstehenden Plattform ein noch schlankerer Pyramidenstumpf. Ganz oben steht Johannes von Nepomuk, in typischem Priestergewand, kurzbärtig, mit Birett, fünffachbesternt, das Kruzifix im ausgestreckten Arm in die Höhe gehalten und der ins Ungefähre gerichtete Blick nicht besonders intelligent. Zu seinen Füßen ballen sich Wolken und tummeln sich Putten mit teils erschreckend alten Gesichtern. Auf den runden Voluten in den Ecken des Pyramidenstumpfs sind goldene Sternformen. Größere Engeln tragen als Atlanten die Ecken der Plattform. Putten sitzen auch auf den eckigen Voluten, die auf die Ecken des niedrigeren Sockelteils zum Betrachter hinabrollen, aber immer noch über der Hohe seines Kopfes bleiben.

Eine der Putten hält zum Zeichen der Verschwiegenheit einen Finger vor den Mund, während alles an dem Denkmal so laut ist. Da ist viel Überladenheit, viel Geschmacklosigkeit, viel Monumentalität, Barock von seiner schlechtesten Seite. Doch dazwischen, gerahmt davon, ist noch etwas anderes, mit dem das Denkmal etwas erzählt, was es wert ist, gehört zu werden: große Reliefs an den vier Seiten des Sockels.

Beginnend mit der linken Seiten erzählen sie im Uhrzeigersinn die Legende des Johannes von Nepomuk. Über den halbrund endenden Reliefs sind jeweils längsovale Felder mit lateinischen Inschriften, so daß es eine Art barocker Comic ist, den man hier betrachten kann.

Auf dem linken Relief sieht man die Königin kniend bei der Beichte, mit Krone, in langem Kleid, das einen Fuß freigibt, wodurch ihr Knien etwas beinahe Laszives bekommt. Ihr Gesicht ist von der Trennwand des Beichtstuhls halb verdeckt und auch das zu ihr geneigte des Priesters, der Johannes von Nepomuk selbst ist, ist nicht zu erkennen, da er sich ein Tuch vor den Mund hält.

Auf dem hinteren Relief sieht man Nepomuk, nun an seiner Kleidung klar erkennbar, auf dem Weg hügelan zu einer kleinen Kapelle. In der einen Hand hat er einen Wanderstock und in der anderen einen Rosenkranz mit Kreuz und sein Birett, das er vielleicht ob der Anstrengung abgenommen hat.

Auf dem rechten Relief sieht man Nepomuk vor dem König. Jener fordert ihn vom Thron herab mit geöffnetem Mund und ausgestrecktem Arm zum Reden auf, doch er legt den Finger auf den Mund, während er das Birett zum Zeichen des Respekts in der Hand hält.

Auf dem vorderen Relief schließlich sieht man, wie Nepomuk von Soldaten von einer Brücke gestürzt wird. Kopfüber stürzt er, sein Birett liegt bereits im Wasser. Man sieht die Bewegung des Hineinwerfens, man sieht den Mord eingefroren im Moment seines Geschehens. Statt im Wasser zu landen, steht Johannes von Nepomuk zum Heiligen geworden riesenhaft oben auf dem Sockel.

Während ringsum alles so überladen ist, sind die Reliefs ganz auf das Nötigste reduziert. Alles was da ist, muß da sein. Den Figuren und wenigen Kulissen bleibt viel Platz auf der Relieffläche. Die Geschichte, die sich im frühen 15. Jahrhundert zugetragen haben soll, scheint dabei in der Gegenwart des Jahres 1731 zu spielen. Von der Kleidung über die Einrichtung bis zur Architektur ist fast alles in den Reliefs barock. Einzig die Rüstungen der Soldaten sind aus der früheren Zeit. Auch die Brücke könnte tatsächlich die gotische Prager Karlsbrücke, von der Nepomuk gestürzt wurde, sein, aber der Brückenbau hatte in der Zwischenzeit ohnedies keine großen Fortschritte gemacht.

Geradezu zärtlich sind die in den Reliefs gezeigten Architekturen. Die Kapelle hat unten einen niedrigen Sockel aus Steinblöcken und eine erst halbrund, dann vorhangartig abgeschlossene Tür, darüber korinthische Pilaster an den Ecken, schmale rundbögige Fenster und ein niedrig gewölbtes Dach, aus dem in der Mitte ein kleiner Turm ragt. Auch der Beichstuhl ist eher ein Bauwerk als ein Möbelstück. Die vier Stützen, die die niedrige runde Kuppel tragen, sind einzige Voluten, die sich in einer langgezogenen S-Form hinaufschwingen. Die Zierlichkeit dieser imaginierten barocken Gebäude ist auch ein Gegengewicht sowohl zur barocken Monumentalität des umgebenden Kunstwerks als auch zur gotischen Monumentalität der nahen Kirchen.

Wir können wohl froh sein, daß Johannes von Nepomuk zwar nie verriet, was die Königin ihm gesagt hatte, aber von seiner Verschwiegenheit so gerne und ausführlich erzählte. Wenn wie hier in Wrocław zwischen unzähligen Ausschmückungen ein einfacher und gar nicht uninteressanter Kern leibt, ist es besonders schön. Und wie mit diesem Johannes von Nepomuk ist es mit der barocken Kunst insgesamt.

Universität Wrocław

Das 1733 vollendete Gebäude der Universität von Wrocław ist eines der schönsten Beispiele dafür, was Barock im besten Falle sein kann.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Es ist ein Gebäude, das vom Fluß aus gesehen werden muß. Der Oder zeigt es seinen ungewöhnlich langgestreckten und recht schlicht gegliederten viergeschossigen Baukörper.

UniversitätWrocławFlußseite

Nach dem als Sockel abgesetzten Erdgeschoß folgen zwei hohe Geschosse mit vertikalen Fenstern und ein niedriges Geschoß mit kleineren Fenstern. Im Walmdach sind in jedem Drittel des Gebäudes je drei Dachgauben, deren mittlere einen etwas größeren Giebel haben. Nur bei den Ecken des Gebäudes und auf einem und zwei Dritteln seiner Länge verbinden ionische Pilaster die drei Obergeschosse. Die je drei Pilaster bei den Ecken markieren die Anfänge oder Abschlüsse des Gebäudes. Die acht Pilaster beim linken Drittel des Gebäudes markieren eine rundbögige Durchfahrt. Die sechs Pilaster beim rechten Drittel des Gebäudes, eigentlich, um den Eindruck einer Vorwölbung zu erwecken, sechs und zwei Halbe, markieren den Turm. Sie leiten über zu einem quer in das Dach gesetzten Bauteil mit zwei weiteren Geschossen, die ihrerseits von, jedoch viel kleineren, ionischen Pilastern gegliedert sind. Das flache Dach ist begrenzt von einer steinerner Balustrade mit allegorischen Skulpturen in den Ecken und in der Mitte ragt der eigentliche Turm auf. Er ist rund und hat eine schlanke Haube, auf deren Spitze eine komplizierte Konstruktion aus einer goldenen Kugel und mehreren Ringen sitzt. Während man all das sofort sieht, kann man fast übersehen, daß im rechten Drittel des Gebäudes zwischen den Teilen mit den Pilastern in den Obergeschossen nur zwei, entsprechend höhere Geschosse mit rundbögigen Fenstern sind, hinter denen sich offenkundig Säle befinden.

Alles, was man hier sieht, ergibt sich aus der Funktion. Trotz großer Regelmäßigkeit ist nichts nur dem Wunsch nach Monumentalität oder Effekt geschuldet. Statt einer betonten Mitte hat das Gebäude mehrere gänzlich gleichwertige Teile. Ist die Durchfahrt die Verbindung vom Fluß zu Stadt, fast ein neuartiges Stadttor, so ist der Turm, die Wieża matematyczna (Mathematischer Turm), eher eine Dachterrasse, die Blicke sowohl über den Fluß als auch über die Stadt erlaubt. Für die Säle schließlich ist sogar die Regelmäßigkeit der Fensteranordnung bereitwillig unterbrochen.

Ursprünglich hätte die Universität eine weit konventionellere barocke Form haben sollen. Nach den Plänen wäre sie dann links um ein Viertel mit einem dem rechten entsprechenden Turm länger gewesen und hätte über dem Durchgang, wo dann die Mitte gewesen wäre, einen weiteren, höheren Turm gehabt. Obwohl diese Teile nie gebaut wurden, finden sich phantasievolle zeitgenössische Abbildungen davon. Die Brillanz der Planung zeigt sich darin, daß sie eine Art Modulsystem verwendete und das Gebäude nicht unfertig wirkt, obwohl ihm ein Viertel fehlt, was durchaus nicht selbstverständlich ist.

Von der Stadt aus gesehen entspricht die Fassade grundsätzlich der flußseitigen, doch sie ist schon deshalb weniger wichtig, weil man sie nie ganz sehen kann. Durch die Durchfahrt tritt man auf einen kleinen Platz, der links von einem schräg angefügten Trakt, dessen Ecke Pilaster markieren und geradezu geschwungen wirken lassen, begrenzt ist.

UniversitätWrocławPlatz

Seine hauptsächliche Wirkung ist es, den Blick auf die dahinter angrenzende Kirche, einen banalen barocken Bau mit geschwungenen Giebeln, zu verstellen. Wiewohl es sich ursprünglich um eine jesuitische Universität handelte, ist die Kirche hier also bereits bloß noch ein verschämt verstecktes Anhängsel.

Auf der anderen Seite des Turms ist der Haupteingang der Universität.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Er ist durch einen flachen Bogengiebel vorm Dach, in dem das IHS-Logo der Jesuiten prangt, und ein säulengetragenes Portal mit Putten und allegorischen Skulpturen markiert. Hier ist der Wille zur Monumentalität so offenkundig wie verschwendet, da sie sich bloß in eine enge Gasse wendet. Es ist der feinfühligen Stadtplanung des sozialistischen Polen zu verdanken, daß man den Eingang nun zumindest aus angenehmer Entfernung sehen kann: sie baute das gegenüberliegende Eckhaus nicht wieder auf oder riß es bewußt nieder.

Aus Drankowski, Tadeusz/Czerner, Olgierd: Wrocław z lotu ptaka, Wrocław/Warszawa/Kraków/Gdańsk 1977

Aus Drankowski, Tadeusz/Czerner, Olgierd: Wrocław z lotu ptaka, Wrocław/Warszawa/Kraków/Gdańsk 1977

Kühnere Ideen gingen gar vom Abriß des gesamten Häuserblocks gegenüber, der kriegsbeschädigt und verfallen war, und der Schaffung eines wirklichen Platzes aus. Die Universität hätte so auch zur Stadt hin ihre volle Schönheit zeigen können, doch es kam nie dazu.

Heute wie zu ihrer Erbauungszeit ist die Universität von Wrocław auch eine gebaute Allegorie des Strebens des Barock nach dem Neuen. Von den engen Gassen der Stadt sieht man das Gebäude als viele disparate Einzelteile, aber auf dem Weg zur Offenheit des Flusses reinigt es sich von Überflüssigem wie Portal und Kirche und zeigt sich als großartiges Ganzes voller Klarheit, Ausgewogenheit und Funktionalität.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Das ist radikaler Barock und daß diese Radikalität sich teilweise dem Zufall verdankt, tut ihr keinen Abbruch.

Was für ein Gebäude, wenn nicht ein solches, könnte einem potentiellen Ort der Aufklärung und des Fortschritts wie einer Universität angemessener sein?

Weihnachten in Wrocław

Wrocław, deutlich abseits des Zentrums, eine Kreuzung zweier großer Straßen, wie sie in den neueren Teilen polnischer Städte so typisch sind und sie gerade im Winter so unangenehm machen können – eine schwierigere Lage für Wohnbebauung gibt es kaum. Die erste wichtige Entscheidung für das folgende Ensemble war es deshalb, seine drei Gebäude deutlich von den beiden Straßen, Ślężna und Aleja Armii Krajowej, zurückgesetzt zu errichten. Daß sie dennoch von weither bemerkt werden können, liegt weniger an ihrer Größe als an ihren markanten Formen.

HotelPielęgniarekWrocławGebäudeRechts

Zu beiden Breitseiten haben sie Balkone mit schräg nach innen ansteigenden Seiten aus weißem Beton und ebenfalls schrägen dunklen Holzgeländern. Die Gebäude wachsen mit vielen Vor- und Rücksprüngen in die Höhe, steigen von den Schmalseiten zur Mitte hin an und werden dabei zugleich breiter, so daß sie eine einerseits komplizierte, aber andererseits auch einprägsame, weil an stilisierte Tannenbäume erinnernde Form bekommen.

HotelPielęgniarekWrocławGrünbereich

Von der Straßenecke, wo eine Tankstelle und anderes sind, tritt man in einem Grünbereich, der sich zwischen den beiden höheren Gebäuden wie ein Trichter öffnet. Das rechte Gebäude ist bis zu neun Geschosse hoch und noch ungefähr an der Straße ausgerichtet, das linke ist bis zu acht Geschosse hoch und bereits völlig von den Straßen losgelöst. In der Öffnung des Trichters ein weiteres Gebäude, das deutlich kleiner und nur bis zu drei Geschosse hoch ist. Nicht zur Straße, sondern ebenfalls zum Grünbereich sind auch die drei zum Ensemble gehörigen Ladenpavillons ausgerichtet.

HotelPielęgniarekWrocławLadenpavillonsGroß

Zwei größere stehen beidseits eines Durchgangs vor dem Gebäude rechts, während ein kleinerer, in dem noch heute ein Friseur ist, völlig frei vor dem niedrigeren Gebäude steht.

HotelPielęgniarekWrocławLadenpavillonKlein

Passend zu den Gebäuden sind auch die Wände der Ladenbauten schräg. Hinter der Wellblechverkleidung und den großen Fenstern läßt sich eine tragende Konstruktion aus dünnem Stahlgitterwerk erkennen.

HotelPielęgniarekWrocławLadenpavillonDetail

Vervollständigt wird das Ensemble schließlich durch eigens designte Bänke und Mülleimer.

HotelPielęgniarekWrocławBankMülleimer

Das Ensemble ist so, von den Gebäudeformen bis zum entstehenden Raum, eine in sich geschlossene Einheit, die überall stehen könnte. Dennoch verschließt sie sich der umliegenden Stadt in keiner Weise. Zwischen den großen Straßen und dem direkt angrenzenden großen Park Skowroni bildet es keine Barriere, sondern bleibt immer durchlässig, ja, mit seinem eigenen Grün und den Tannenformen der Gebäude kann man es sogar als ein symbolisches Tor zu dem Park betrachten.

HotelPielęgniarekWrocławTanne

Im Kleinen zeigt dieses weihnachtliche Ensemble, das 1985 für die Akademia Medyczna (Medizinische Akademie) als sogenanntes Hotel Pielęgniarek (Pflegerinnenhotel) errichtet wurde, die Möglichkeiten und Leistungen der Architektur der PRL (Volksrepublik Polen). Ob es je genug war, sei dahingestellt, aber ein einziger vergleichender Blick auf die angrenzende neue Blockrandbebauung, die sich ihrer Umgebung ignorant verschließt und zugleich stur an den Straßen ausgerichtet ist, zeigt seinen Wert.

Ulica Powstańców Śląskich oder Neopreußen in Wrocław

So wie das alte Breslau eine preußische und kapitalistische Stadt war, war das neue Wrocław eine polnische und sozialistische Stadt. Das sieht man nicht nur im Zentrum, sondern auch überall in den Außenbezirken. Während Preußen ausgedehnte Mietskasernenviertel baute, bemühte sich Polen, in diese einige Schneisen des Neuen zu schlagen.

Zu den wichtigsten dieser Schneisen gehörte die Ulica Powstańców Śląskich (Straße der schlesischen Aufständischen), die etwa beim Bahnhof beginnt und weiter in den Süden führt. Es handelt sich um eine große Verkehrsachse, aber zugleich um eine Allee, einen Boulevard, bei dem die Größe der Fahrbahnen durch große Fußgängerwege ausgeglichen wird. Gleich einem Rückgrat stehen an der linken Seite drei teils sehr lange Wohngebäude, deren markantestes Merkmal abgerundete und höhergeführte Treppenhaus- und Aufzugkerne mit weißem Putz sind, ihre Wirbel.

GaleriowiecPowstańcówŚląskichWrocław

Wichtiger aber noch sind die meist zweigeschossigen, teils aufgestützten Ladenvorbauten, die noch weiter vom Straßenverkehr separierte Räume für Fußgänger bilden.

LadenbautenPowstańcówŚląskichWrocław

Von den Mietskasernen, die hier einst vorherrschten, findet sich nur noch an einer Ecke ein Rest.

MietskasernenrestAleja PowstańcówŚląskichWrocław

Die fast völlige Zerstörung dieser Gegend bei den Kämpfen am Ende des zweiten Weltkriegs erwies sich städtebaulich als große Chance.

In der gesamten weiteren Umgebung, rechts der Straße hinter offenen Grünbereichen und links von ihr geschützt vom Rückgrat, erstreckt sich weithin die fortschrittliche Bebauung des Osiedle Południe (Wohngebiet Süd).

GebäudePowstańcówŚląskichWrocław2

Sie ist typischer, architektonisch weniger auffällig, eine wohlgeplante Mischung aus fünf- bis zwölfgeschossigen längeren Gebäuden und Punkthäusern, immer durchzogen von großzügigem Grün.

GebäudePowstańcówŚląskichWrocław

Dazwischen die nötigen Schulen, Kindergärten und Ladenzentren. An letzteren kann man noch manchmal alte Leuchtreklame von „Społem“ sehen,

SpołemPowstańcówŚląskichWrocław

einer Konsumgenossenschaft (der Name ist ein altes Wort für gemeinsam), die es noch gibt, während sie zugleich schon so sehr zum Retrochic paßt, daß in Kraków eine Kneipe ihren Namen trägt.

Dominante des Wohngebiets war einst das 25-geschossige Bürohochhaus von Poltegor rechts der Powstańców Śląskich. Ganz schlicht, bloß verspiegelte Fensterbänder und weiße Verkleidung, hätte es kaum besser in seine Zeit, die Sechziger, Siebziger, die in Polen zum Glück länger dauerten, passen können.

Dieses Hochhaus gibt es nicht mehr und daran ist nichts zu bedauern. An seiner Stelle steht das Wahrzeichen eines anderen, nun polnischen und kapitalistischen Wrocław: der Skytower. Er dominiert Wrocławs Skyline nicht, er ist sie.

SkytowerSkylineWrocław

Ein 51 Geschosse hoher Glaszylinder, oben etwas abgeschrägt, unten um einen vom neunzehnten Geschoß geschwungen abfallenden Teil erweitert, paßt er so gut in seine Zeit wie das Poltegor-Hochhaus in die seine gepaßt hatte.

SkytowerPowstańcówŚląskichWrocław

Dadurch, daß er an dessen Stelle steht, fügt es sich sogar in die ursprüngliche sozialistische Stadtplanung ein und bestätigt ungewollt deren Richtigkeit. Während das Gebäude von Poltegor bloß das höchste in Wrocław gewesen war, ist der Skytower nach manchen Zählungen sogar das höchste in Polen.

Doch der Unterschied zwischen beiden Gebäuden ist nicht ihre Form oder Größe, sondern ihr Verhältnis zur umgebenden Stadt. Das Poltegor-Hochhaus stand frei im Grünbereich, es war für sich genommen wenig wichtig, aber als Teil des gesamten Wohngebiets sehr. Der Skytower hat einen viergeschossigen sandsteinverkleideten Sockel mit Kolonnaden aus runden, säulenartigen Stützen im Erdgeschoß, der den gesamten Block zwischen zwei Querstraßen einnimmt, nein, diesen erst zu einem Block macht.

SkytowerPowstańcówŚląskichWrocławSockel

Ist der obere Teil des Skytowers immerhin noch hoch und modisch gläsern, bemüht, den polnischen Kapitalismus als das Siegreiche und Neue erscheinen zu lassen, so ist sein Sockel nur reaktionär. Im Inneren ist ein Einkaufszentrum, nach außen hin entspricht er aber ganz den preußischen Mietskasernen, die in diesem Teil von Wrocław schon überwunden waren.

Neoblockrandbebauung wie diese, bloß ohne Hochhaus, entstand auch näher beim Bahnhof schon und wird in absehbarer Zeit allen freien Raum an der Powstańców Śląskich aufgefressen haben. Passend, daß das Wohngebäude gegenüber dem Skytower seine Vorbauten nicht mehr hat und die Öffnungen mit Backstein zugemauert sind, gleich den notdürftig zugenähten Narben einer Kastration. Der städtebauliche Rückschritt ist eklatant. Was dort in Wrocław entsteht, könnte man als ein Neopreußen beschreiben, aber vielleicht ginge das am Problem vorbei. Eher sieht man hier, daß der Kapitalismus, ob nun preußisch oder polnisch, immer dasselbe will: Blockrandbebauung, enge, effizient verwertete Stadträume, in denen für den Menschen möglichst wenig Platz bleibt.

Wrocław in Hildesheim

In der Sebastian-Bach-Straße in Hildesheim gibt es an einem unauffälligen Haus ein unauffälliges Wandbild.

GebäudeSebastian-Bach-StraßeHildesheim

Es zeigt nicht, wie es zwar tautologisch, aber zu erwarten wäre, Hildesheim. Eine zweitürmige gotische Kirche und ein Gebäude mit gotischen Treppengiebeln und Turm, das gibt es im romanisch geprägten Hildesheim nicht, und ebensowenig einen Fluß und einen eigentümlichen Rundbau. Auch das Wappen mit dem schwarzen Adler ist fremd.

Um zu zeigen, wieso dieses Wandbild bedeutsam ist, bedarf es einiger weitergehender Erklärungen. Es gibt in den westdeutschen Vorstädten unzählige Straßen, die nach Städten heißen, die es nicht gibt: Stettiner Straße, Glogauer Straße, Danziger Straße, Krummauer Straße, Iglauer Weg, um nur einige Beispiele zu nennen. Dies sind Städte, aus denen die dort in mehr oder weniger großer Zahl lebenden Deutschen nach 1945 auf alliierten Beschluß ausgesiedelt wurden, um eine friedliche Entwicklung Europas zu ermöglichen. Man könnte nun sagen, daß es nur naheliegend war, daß die ausgesiedelten Deutschen dort, wo sie sich in Westdeutschland niederließen, die Straßen nach ihren alten Heimatorten benannten – wenn man nicht wüßte, daß sich darin die fehlende Bereitschaft der Deutschen und des westdeutschen Staats, die Ergebnisse des zweiten Weltkriegs zu akzeptieren, und der Wille des deutschen Imperialismus, diese rückgängig zu machen, ausdrückte. Und sogar wenn man somit um alle politischen Hintergründe solcher Straßenbenennungen nicht wüßte, könnte man es nach siebzig Jahren, da kaum noch jemand, der sich an diese Städte erinnern kann, lebt, angebracht finden, die Realität nunmehr anzuerkennen und die Straßen nach den heutigen Städten umzubenennen: nach Szczecin, Głogów und Gdańsk in Polen und Český Krumlov und Jihlava in Tschechien also, um bei den Beispielen zu bleiben.

WandbildSebastian-Bach-StraßeHildesheim

Das Hildesheimer Wandbild nun ist eine künstlerische Entsprechung solcher Straßennamen, denn es zeigt die polnische Stadt Wrocław, die in der deutschen Zeit Breslau hieß. Man sieht eine Kirche, die der Kościół św. Marii Magdaleny (Magdalenenkirche) ähnelt, aber dort steht, wo der Dom stehen sollte, das Rathaus, die Odra (Oder), die Hala Ludowa (Volkshalle, besser bekannt als Jahrhunderthalle, da sie 1913 anläßlich der deutschnationalen Feierlichkeiten zum hundertsten Jubiläum der sogenannten Völkerschlacht bei Leipzig errichtet worden war) und das Wappen von Niederschlesien. Damit an der Gesinnung des Auftraggebers und Hausbesitzers keine Zweifel bleiben, sind auf dem Wandbild auch noch zwei Eichen. Und doch ist es vielleicht anders zu bewerten als die Straßennamen. Wo diese noch immer unweigerlich die diffuse Phantasie eines verlorenen großdeutschen Reichs hervorrufen, bewirkt das Wandbild – gar nichts. Da nirgendwo eine Beschriftung ist, wird nur jemand, der Wrocław gut kennt, überhaupt wissen, welche Stadt gemeint ist. Revanchismus als kryptische Anspielung auf vorstädtischen Hauswänden – damit läßt sich leben.

Selbstbewußte und selbstverleugnende Architektur

Eine Situation in Wrocław in der Straße Piaskowa:

BlickPiaskowa

Rechts ein Kloster. Es wendet der Straße den Chor einer gotischen Kirche zu, an den aber zu beiden Seiten barocke Gebäude, eine kleine Kapelle und ein dreigeschossiger Wohntrakt, anschließen.

KlosterPiaskowa

Was man hier sieht, ist selbstbewußte Architektur. Die Barockbauten nehmen keinerlei Bezug auf ihren gotischen Vorgänger. Der Kontrast ist offensichtlich und könnte kaum größer sein: hier die Vertikalität hoher Pfeiler und spitzbögiger Fenster, dort die Horizontalität rechteckiger Fensterreihen; hier blanker roter Backstein, dort Putz in Weiß- und Gelbtönen. Die Architektur des Barock ist, wie man sieht, völlig von sich überzeugt. Sie duldet das Alte gerade noch zwischen sich, käme aber niemals auf die Idee, sich ihm anzupassen. Es ist eine Art von Selbstbewußtsein, die man auch Arroganz nennen könnte, aber bis etwa 1800 war jede Architektur so.

Links die Hala Targowa (Markthalle). Mit ihrem Turm, ihren annähernd gotischen Fenstern und ihrem roten Backstein scheint sie ganz Zeitgenossin der Kirche gegenüber zu sein.

HalaTargowaAußen

Doch nicht 1408, sondern 1908 wurde sie errichtet. Tritt man hinein, begreift man sofort, daß die Fassade einem nur etwas vorspiegeln wollte.

HalaTargowaInnen

Man sieht keine Zierformen mehr, auch keine überkommenen Baumaterialien, stattdessen: Beton. In steilem Schwung ragen die Betonpfeiler von beiden Seiten auf, um sich hoch oben als flachere Bögen zu verbinden. Diese Betonrippen tragen das simple Satteldach in der Mitte, und, mittels vertikaler Streben, die nach außen abfallenden Pultdächer an den Seiten, und auch diese bestehen ganz aus Beton. Dazwischen sind Fenster, die das Marktgeschehen in der Halle beleuchten. Hier sieht man eine Architektur, die sich selbst verleugnet. Die Bautechnik, der Stahlbeton, ist äußerst fortschrittlich, aber davor wurde eine Fassade gesetzt, die so tut, als sei sie aus dem Mittelalter. Sie will auch einen Bezug zur Kirche gegenüber herstellen, aber es ist ein oberflächlicher, und noch dazu unnötiger.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław - krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Denn man kann sich angesichts des hohen Gewölbes durchaus leicht an gotische Kathedralen erinnert fühlen. Nicht durch das Material, sondern durch das Raumempfinden entsteht die wirkliche Verwandtschaft zur Kirche, die man durch das Fenster sieht.

HalaTargowaKirche

Aber diese Architektur vertraut nicht auf ihre eigene Kraft, wie die Gotik und der Barock das getan hatten, sondern versteckt sie hinter nachgeahmten Formen des Alten. Sie will sich dadurch legitimieren, erreicht aber das genaue Gegenteil.

Das mangelnde Selbstbewußtsein und der Mißbrauch des Alten, um dieses zu übertünchen, sind typische Merkmale fast aller Architektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (das 19. Jahrhundert endete bekanntlich erst 1917). Ganz selbstverständlich, daß all diese Kraft entfesselt werden wollte, daß die bautechnischen Möglichkeiten die historischen Formen, in die sie gezwängt worden waren, ohne je passen zu können, abschütteln wollten. So entstand die fortschrittliche Architektur des 20. Jahrhunderts. Ein Beispiel dafür kann man direkt angrenzend an einem Gebäude, das zum Ensemble des Plac Nowy Targ (Neuer Markt) gehört, sehen.

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław - krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Aus Czerner, Olgierd/Arcyzński, Stefan: Wrocław – krajobraz i architektura, Warszawa 1976

Ganz wie die barocke Architektur der gotischen stellt sich diese Architektur, jedenfalls in ihren Formen, selbstbewußt aller alten gegenüber. Grauer Beton, Fensterbänder, der Kontrast ist offensichtlich. Anders als beim Barock ist dieses Selbstbewußtsein aber frei von Arroganz. Zum einen nämlich hält dieses Gebäude Abstand zu seinen Vorgängern, statt einfach an sie anzubauen. Zum anderen zeigt es seinem gotischen Nachbarn auf subtile Art, daß es von seiner Existenz durchaus weiß.

BlickKircheGalerie

Es streckt ihm einen kleinen Trakt entgegen, der unter einem dicken Flachdach zwar fast völlig aus Glas besteht, aber auch zwei Wandteile aus Backstein hat, in denen man spitzbögige Fenster erkennt. Dieser transparente Trakt ist nur der oberirdische Teil einer kleinen Galerie für Photographie, die unterhalb der heutigen Straßenebene aus einem romanischen Gewölbe besteht.

Galerie

So nimmt das Gebäude sogar noch einen älteren Vorgängerbau in sich auf und macht ihn wieder für den Stadtraum erlebbar. Es wird damit zu einem schönen Beispiel dafür, wie sich eine gelungene Verbindung zwischen Alt und Neu darstellen kann: als ein selbstbewußtes, aber respektvolles Beieinander, das sowohl Arroganz als auch Selbstverleugnung vermeidet.

Selbstbewußtsein ist also ein wichtiges Merkmal fortschrittlicher Architektur, wobei jedoch keineswegs jede selbstbewußte Architektur auch fortschrittlich sein muß.