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Der tschechoslowakische Kompromiß

Die Plastik der sozialistischen Tschechoslowakei wollte abstrakt sein, wie alle tschechoslowakische Kunst, mußte aber, jedenfalls, wenn sie an die exponiertesten Orte wollte, zumindest irgendwie als sozialistischer Realismus einzuordnen sein. Als Kompromiß entstand oft keine Mischform, keine gemäßigte Abstraktion und kein abstrahierter Realismus, sondern ein Nebeneinander. Realistische Plastiken wurden neben etwas Abstraktes gestellt.

Das prominenteste Beispiel ist ein Werk von Vincent Makovský, das meist „Nový věk“ (Neues Zeitalter), aber auch manchmal „Atomový věk“ (Atomzeitalter) genannt wird und vor dem Parlament in Prag

Aus Autorenkollektiv: Praha, její krásy, Praha 1985 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

sowie der Messe in Brno steht.

Aus Budík, Miloš/Sámková, Eva: Brno v 80 barevných fotografiích, Praha 1975

Zwischen einer Frau in einem beinahe antikisierenden Kleid, die Blumen hält, und einem Mann in einem langen Kittel, der zusammengerollte Pläne hält, ist da ein Knäuel ineinander verschränkter Streben, das an Strahlen oder eine Explosion denken lassen kann, aber an sich nichts ist als eben eine abstrakte Form. Mit einem beliebigen Namen interpretiert könnte es auch ein selbständiges Kunstwerk sein. Hier aber flankieren es die beiden völlig realistischen und, wenn man will, sozialistischen Figuren.

Aus Ehm, Josef: Praha, Praha 1977

Ein anderes Beispiel ist die Plastik des Památník československo-sovětského přátelství (Denkmal der tschechoslowakisch-sowjetischen Freundschaft) von Rudolf Svoboda in Plzeň. Links steht der abstrakte Teil, eine hohe stählerne Stele, auf der eine eckig gefaltete Form horizontal sitzt, rechts der realistische Teil, eine bis zu den Schnallenschuhen detaillierte Bronzeplastik eines Mädchens. Von ihrem rechten Arm wächst etwas nach links zum abstrakten Teil hinüber, nimmt die Faltenformen auf, verbindet beide Teile. Man kann in den abstrakten Teilen somit eine Fahne erkennen, aber sie sind eben nicht eindeutig eine Fahne.

Das ist der tschechoslowakische Kompromiß: für die repräsentativsten Kunstwerke dürfen die Künstler so abstrakt arbeiten, wie sie wollen, solange nur auch ein realistischer Teil dabei ist. Ob mit diesem Kompromiß nun jeder oder niemand zufrieden ist, sei dahingestellt. Wichtig ist, daß es etwas völlig anderes ist als in der DDR, wo sich die Künstler von einer gänzlich realistischen Basis manchmal zu Abstraktem vorarbeiteten, das aber immer viel eindeutiger zu interpretieren war.

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Tschechoslowakische Bahnhöfe: Praha-Holešovice

Der Bahnhof Holešovice in Prag liegt in einer schwierigen Umgebung. Es ist einer jener vom Kapitalismus geschaffenen Stadträume, in denen alles aufeinandertrifft und nichts zusammenpaßt: Wohnbebauung, Industrie, das Messegelände, der Fluß. Als in den Siebzigern im Rahmen der technisch sehr aufwendigen Verbindung des hoch gelegenen Prager Hauptbahnhofs mit der Bahnstrecke nach Nordwesten ein neuer Bahnhof für Fernzüge geplant wurde, war das den Planern sicher wohl bewußt. Ein einziges sozialistisches Gebäude kann an den ererbten Problemen seiner Umgebung allein wenig ändern, aber der Bahnhof Holešovice tut sein Bestes.

Entscheidend ist, daß er weit von der Bahnstrecke, die entlang der Vltava (Moldau) verläuft und den Blick und Zugang zu ihr völlig versperrt, bis zur Plynární (Gaswerkstraße) ausgreift.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaEingangsgebäude

Das Gebäude an dieser Straße, auf der die Straßenbahnen fahren, ist eine Art Vorposten des eigentlichen Bahnhofs. Es hat einen etwa quadratischen Grundriß und zwei Geschosse. Das untere mit den Eingängen ist zur Straße hin und auch seitlich in goldgefaßte dunkle Glasflächen aufgelöst. Das obere hingegen wendet der Straße eine Verkleidung aus vertikal angebrachten grauen Steinplatten zu, wie sie für das Äußere, aber auch das Innere des Bahnhofs bestimmend ist. Die übrigen Seiten des Obergeschosses bestehen vor allem aus braun-spiegelnder Glasverkleidung und davon kaum zu unterscheidenden Fensterbändern. Steinverkleidet ist eine hohe und flache Stele, die vor den Eingängen steht. Sie scheint erst ganz funktionsloser Selbstzweck, Entsprechung des einzigen schmalen Fensters an der Vorderseite, gehört aber tatsächlich zum Belüftungssystem der Metrostation Fučíkova, heute Nádraží Holešovice (Bahnhof Holešovice), zu der man hier gelangt. Zugleich ist sie durch einer schwarzen Tafel mit silberner Schrift auch Denkmal für diesen 1984 eröffneten Abschnitt der Prager Metro.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaGedenktafel

Steinverkleidet ist auch das dicke Vordach der Bushaltestelle, das rechts quer neben dem Eingangsgebäude steht.

PrahaNádražíHolešoviceBusstation

Hinter dem Gebäude, nein: auf seiner straßenabgewandten Seite ist ein kleiner Ruhebereich, der durch ein langes wellengleich geschwungenes Hochbeet mit teils schrägen hohen Betonwänden vom Busparkplatz abgegrenzt ist.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaHochbeet

Das regelmäßige, aus Pflasterlinien zwischen Betonflächen gebildete Rechteckmuster des Bodens wird hier von einem wiederum wellenartigen Streifen aus größeren rötlichen Kieseln unterbrochen. Darüber führen, als wäre es Wasser, unregelmäßige viereckige Platten aus schwarzem Stein, während einige große abgerundete Steine, glattgeschliffen und schwarzweiß gemasert, einer in der Mitte geteilt, daraus aufragen. An der steinverkleideten Wand setzt sich der Bodenstreifen andeutungsweise in schräggesetzten Verkleidungsplatten fort.

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaSteine

Ein Stück entfernt dient ein weitere solcher Stein als Brunnenbecken. Dieser Ruhebereich mit seinen runden Formen, die mit den eckigen Formen des Gebäudes auf harmonische Weise kontrastieren, ist ein schönes Beispiel eines typisch tschechoslowakischen Designs, dem man verzeihen kann, falls es sich für abstrakte Kunst hielt (das Werk heißt denn auch „Řeka“ (Fluß) und stammt vom Bildhauer Josef Klimeš) .

Von hier kann man jenseits einer größeren Straße schon die weiteren Teile des Bahnhofs sehen: ein dem Eingangsbau entsprechender zweigeschossiger Bau, ein ausgedehnter Flachbau und abschließend entlang der Bahnstrecke ein viergeschossiger Bürobau mit brauner Verkleidung und Fensterbändern unter einem dicken steinverkleideten Dachstreifen.

PrahaNádražíHolešoviceAußen

Doch spätestens hier ist das Äußere des Bahnhofs nebensächlich, da es von keinen relevanten städtischen Bereichen aus zu sehen ist. Vielmehr beginnt mit dem Eingangsbau an der Plynární ein innerer Korridor, der bis zu den Gleisen leitet.

Unter der Straße hindurch gelangt man entweder über den nicht sehr tiefliegenden Metrobahnsteig, der mit schrägen Steinstreifen an den Wänden dem üblichen Design der Linie C entspricht,

PrahaNádražíHolešoviceFučíkovaBahnstein

oder durch eine nach der Bushaltestelle beginnende Unterführung, die etwas eng und gegenwärtig – es ist schließlich Tschechien, nicht mehr die Tschechoslowakei – mit esoterischem Graffiti gestaltet ist. So kommt man auf einen breiten, zu beiden Seiten offenen Quergang, dessen mit weißen Kunststoffleisten verkleidete Decke in kurzen Abständen von Lichtschächten unterbrochen ist, so daß entweder durch deren Fenster oder herabhängende Lampen viel Licht hereinfällt. An den Seiten sind verschiedene Läden angeordnet.

PrahaNádražíHolešoviceGang

Gegenüber dem Aufgang der Metro hat die rechte Stütze des Gangs eine Schräge nach links, die mit dunklerem und glatterem Stein verkleidet ist, der ein wenig noch gleichsam über den Boden fließt. Aus dieser Verkleidung ist ein nach links blickendes Gesicht als Relief herausgearbeitet.

PrahaNádražíHolešoviceFučík

Es gehört einem Mann, wohl nicht alt, aber sein Name steht nirgends. Man muß die Worte auf der Stütze links, zu denen sein Blick geht, kennen oder die Verbindung zum alten Namen der Metrostation herstellen, um zu erkennen, wer da gezeigt ist: Julius Fučík. Dieser kommunistische Journalist war aufgrund seines vorbildlichen Lebenslaufs, seiner Hinrichtung durch die Nazis und insbesondere seiner im Gefängnis geschriebenen „Reportáž psaná na oprátce“ (Reportage unter dem Strang geschrieben) so etwas wie ein Säulenheiliger der sozialistischen Tschechoslowakei. Und die hier gewählten Wort sind auch wie dafür geschrieben, in Stein auf einer Wand zu stehen:

PrahaNádražíHolešoviceFučíkText

„Žili jsme pro radost, pro radost šli jsme do boje a pro ni umíráme. Ať proto smutek nikdy není spojován s naším jménem“ (Wir lebten für die Freude, für die Freude zogen wir in den Kampf und für sie sterben wir. Daß deshalb Traurigkeit nie mit unserem Namen verbunden sei). Diese beiden Sätze wie die gesamte „Reportáž“ enthalten das ganze zukunftsgewisse Vermächtnis der Kommunisten der ersten Republik, das der vom Sozialismus gebaute Bahnhof zu erfüllen trachtet. Zwischen beiden Stützen, zwischen Fučíks Gesicht und seinen Worten, blickt man durch Glas in einen üppigen Garten, hinter dem der Bürobau sich erhebt.

PrahaNádražíHolešoviceGarten

Das Fučík-Denkmal im Bahnhof Holešovice, ein Werk des Bildhauers Stanislav Hanzík und des Architekten Aleš Vašíček, ist auf so zwangsläufige und dezente Weise mit der Architektur verbunden, daß es, voller Menschlichkeit und Realismus, ein Höhepunkt der sozialistischen Kunst der Tschechoslowakei ist (ansonsten ein schwieriges Thema).

Von der Unterführung her betritt man den Quergang gegenüber dem rechts am Garten vorbeiführenden Gang zu den Gleisen. An seiner rechten Seite sind Schalter, Gepäckaufbewahrung und ähnliches, während sich auf der linken Seite mehrere durch Wände separierte Wartebereiche zum Garten öffnen.

PrahaNádražíHolešoviceWartebereiche

Das Tageslicht fällt durch die Scheiben links herein, aber auch das künstliche Licht nimmt seinen Ausgang in Lampengruppen über den Wartebereichen und setzt sich in schmalen Lampensteifen zwischen Lamellen in der Decke fort, die den Sonnenstrahlen auf dem Boden entsprechen.

Der Garten ist das Herz des Bahnhofs Holešovice. Er ist nicht sehr groß, man kann ihn nicht betreten, aber er fügt alles erst zu einem Ganzen zusammen. Nichts erwartet man in einem Bahnhof weniger als einen Garten, aber wenn man diesen erlebt hat, fragt man sich, wieso nicht jeder einen hat. Der Garten schafft inmitten des Bahnhofs, der zwangsläufig ein Ort der Bewegung, des Trubels, ja, der Hektik ist, einen Ort der Ruhe und Entspannung. Nicht zufällig vielleicht hat der Garten durch verschiedene meist immergrüne Sträuche, wenige Bäume, Steine auf einer Wiese und einem Betonpodest eine gewisse fernöstliche Anmutung – tschechoslowakisches Zen. Auf wiederum andere Art erlebt man ihn, wenn man auf der Terrasse des Bahnhofsrestaurants, das vor dem Bürobau ist, sitzt. Hier trennt einen keine Scheibe mehr von seinem Grün, man ist fast mittendrin, über einem winden sich Schlingpflanzen um Betonlamellen. Der Bahnhof ist nah und fern zugleich, es ist eine Idylle. Kein besserer Ort für eine letzte Mahlzeit vor einer längeren Zugfahrt.

Etwas schmaler führt der Gang weiter zu den Bahnsteigen. An einer Wand ist noch eine abstrakte Form im Stein, die eine Blume oder ein Vogel sein könnte, tschechoslowakische Kunst von ihrer schlechteren Seite.

PrahaNádražíHolešoviceAbstrakt

Die Bahnsteige haben schlichte Dächer und verraten, wie so oft bei tschechoslowakischen Bahnhöfen, noch nichts vom Bahnhof selbst.

PrahaNádražíHolešoviceBahnsteige

Das ist der Bahnhof Holešovice, ein Korridor, ein Innenraum, aber mit seinem Garten schafft er sich selbst ein Äußeres, eine idealisierte, völlig menschliche Natur, die er sanft umschließt. Es ist auch keineswegs so, daß er sich der umliegenden Stadt verschließt, die Öffnungen des Quergangs zeigen es klar, bloß ist da eben nicht viel. Gut möglich, daß es Planungen gab, anschließend an den Bahnhof ein neues Zentrum für den Stadtteil Holešovice zu schaffen. Dazu reichte die Zeit nicht. So steht der Bahnhof Holešovice allein als ein spätes Beispiel der Großartigkeit tschechoslowakischer Bahnhofsarchitektur.

Eden in der Uljanovská

Eigentlich heißt das vorzustellende Wohngebiet in Prag nicht Eden und auch die so hübsch nach Lenins Geburtsstadt benannte Straße Uljanovská ist darin fast bedeutungslos.

Eden heißt aber das Kulturní Dům (Kulturhaus), bei dem das Wohngebiet beginnt. Es ist in mancher Hinsicht ein typisches Gebäude der ČSSR.

KulturníDůmEden

Dreigeschossig, über dem Eingang auf einer Betonfläche ein rundes abstraktes Mosaik in erdigen Braun-, Rot- und Gelbtönen, links und rechts vorgesetzte braungefasste Glasfassaden, wobei die rechte sich um die Ecke zieht und eine Wendeltreppe, in die ein röhrenförmiger Leuchter hineinhängt, birgt.

KulturníDůmEdenTreppe

Oben das Kupferdach der Säle und weiter rechts an der Schmalseite ein halb aus Beton, halb aus Glas bestehender Treppenhausturm. Den Namen Eden hat das Kulturní Dům nach einem Vergnügungspark, der in den Zwanziger dort am Rande des gerade eingemeindeten Prager Stadtteils Vršovice entstanden war. Mittlerweile steht es leer und die andere Seite des Vorplatzes nimmt ein riesiges Tesco-Einkaufszentrum ein, das ebenfalls den Namen Eden trägt.

An der transparenten Ecke des Eden und seinem Treppenhausturm vorbei gelangt man auf den Boulevard, der das Wohngebiet erschließt. Er verläuft parallel zur großen Straße Sboru národní bezpečností (etwa: Straße des Staatspolizei), jetzt Vršovická (Vršovicer Straße), doch während diese leicht abfällt, wird er zur Terrassenebene und bleibt eben. Auf ihr erstreckt sich ein schlichtes fünfgeschossiges Amtsgebäude mit transparenten ovalen Treppenhäusern an der Schmalseiten und schützt das Wohngebiet vor dem Straßenverkehr.

SídlištěVlastaUřád

Die Zulieferungsstraße nun, die halb versteckt unter der Terrassenebene verläuft, das ist die Uljanovská (Uljanovsker Straße).

UljanovskáPraha

Aber vielleicht paßt das zu dem leichten Paradox einer Straße, die nach einer Stadt benannt ist, die wiederum nach ihrem berühmtesten Sohn benannt ist, der allerdings unter einem anderem Namen berühmt wurde, den später auch mehrere Städte und unzählige Straßen bekamen. Quer zu ihr stehen fünf identische elfgeschossige Gebäude mit durchgehendenden Balkonen und verglasten Treppenhäusern, zwischen denen grüne Höfe angeordnet sind.

SídlištěVlastaHofKazašská

Nach dem Ende des Amtsgebäudes ist ein Platz mit Sitzsteinen und Hochbeeten, der sich zur großen Straße und den Fabrikgebäuden auf der anderen Seite öffnet.

SídlištěVlastaBoulevard

Dann geht es ein Stück hinab auf eine zweite Terrassenebene. Unter ihr sind zur Straße hin Kolonnaden mit Läden, während auf ihr ein achtgeschossiges Wohngebäude steht, das der Straße vorgesetzte Treppenhäuser und Fensterbänder zuwendet und im Erdgeschoß ebenfalls Läden hat.

SídlištěVlastaGesamt

Durch verglaste Verbindungstrakte ist es mit zwei quer gesetzten fünfzehngeschossigen Wohnhochhäusern zu einer U-förmigen Anlage verbunden.

TreppeMagnitogorská

Zwischen den dreigeschossigen Sockeln der Hochhäuser, wo unter anderem eine Polizeidienststelle war, führt eine große Treppenanlage mit vielerlei Grünanlagen nach unten auf die Magnitogorská (Magnitogorsker Straße), einer Erschließungsstraße, die das andere Ende des Wohngebiets bildet und an der noch Schulen und Kindergärten sind.

Wenn der Boulevard und die Treppe das Rückgrat des Wohngebiets sind, so sind die grünen Höfe seine Herzen. Alle diese Höfe auf unmerklich abfallendem Gelände sind umlaufen von Straßen, die sogar jeweils einen Namen nach zentralasiatischen Sowjetrepubliken oder deren Hauptstädten haben. Sie gliedern sich in drei Bereiche: einen asphaltierten Ballspielplatz, eine tiefer- oder höhergelegte Wiese und einen Spielplatz. Umgeben und zusammengefügt sind die drei Bereiche aber immer auf verschiedene Arten durch meist rechteckige, teils runde Hochbeete mit Betonmäuerchen. Auf dem Boden wechseln sind quadratische Betonplatten und Kopfsteinpflaster ab.

Weiter individualisiert sind die Höfe durch die Kunst, die sich in ihnen findet: jeweils eine Plastik oder Skulptur von Vendelín Zdrůbecký in der Wiese und ein Mosaik von Radomír Kolář auf einer freistehenden Betonwand beim Spielplatz. Nur in der Kazašská (Kasachischen Straße), der ersten nach dem Kulturhaus, wo ein junges Paar aus Stein im Nadelgebüsch sitzt

VendelínZdrůbeckýPaarKazašská

und das Mosaik Tiere zeigt,

RadomířKolářTiereKazašská

ist kein Zusammenhang zwischen den beiden Kunstwerken zu erkennen. In der Tadžická (Tadschikischen Straße), wo man an einem Mosaik mit Flugzeugen und Schiffen vorbei

RadomírKolářFlugzeugeTadžická

zu einem bronzenen Jungen mit hocherhobenem Spielzeugflugzeug blickt

VendelínZdrůbeckýJungeMitFlugzeugTadžická

und das Motiv noch von einem flügelartigen Aufbau auf dem Amt fortgesetzt scheint, ist der Zusammenhang offensichtlich, in der Turkmenská (Turkmenischen Straße), wo das Mosaik Zirkusszenen

RadomírKolářZirkusTurkmenská

und die Plastik eine junge Tänzerin zeigt,

VendelínZdrůbeckýTänzerinTurkmenská

ist er schon ferner.

Am schönsten aber ist es in der Taškentská (Taschkenter Straße): dort schaut man einer jungen Frau, sicher einer Kindergärtnerin, zu, wie sie Kindern aus einem Buch vorliest.

VendelínZdrůbeckýKindergartengruppeTaškentská1

Ein Junge stützt sich auf den Schemel der Frau und zwei Mädchen lagern auf der Wiese. Sie sind aus hellem Stein und doch ist sie Szene so voller Leben, daß man fast das Gefühl hat, zu stören, wenn man sie betrachtet.

VendelínZdrůbeckýKindergartengruppeTaškentská2

Und das Mosaik zeigt, was die Frau liest und in den Köpfen der Kinder entsteht: ein Märchenschloß, eine Prinzessin, ein Ritter im Kampf gegen einen vielköpfigen Drachen und vieles mehr.

RadomírKolářMärchenTaškentská

So wird aus zwei Kunstwerken eins, ein wirkliches Gemeinschaftswerk. Auch die sehr unterschiedlichen Stile der beiden Künstler ergänzen sich hier. Zdrůbecký, ein feinfühliger Beobachter, wenn auch vielleicht etwas zu detailrealistischer Darsteller kindlichen Lebens, ist am besten, wo er einfach eine aus dem Alltag gegriffene Szene zeigen kann, Kolář‘ reduziert realistischer, sehr farbenfroher Stil, der an Kinderbuchillustrationen erinnert, eignet sich vorzüglich für ins Phantastische gehende Sujets.

Der starre, repetitive Rahmen der Architektur wird durch die Freiraumgestaltung und die Kunst somit einmalig und unverwechselbar. Man könnte sagen, hier geschehe, was Karel Teige in den Zwanzigern forderte, auch wenn er das selbstverständlich anders meinte: die Poetisten bespielen die Räume, die die Konstruktivisten bauen.

Unterstützt wird der individuelle Charakter der Höfe noch durch die Natur, die sich, halb geplant vielleicht, jeweils unterschiedlich entwickelte. So ist die Tadžická offen und von Wiesen geprägt, während die Turkmenská im Schatten hoher Bäume liegt.

SídlištěVlastaHofTurkmenská

Insgesamt entsteht so in einer wirklich schwierigen Lage zwischen einer großen Straße und Eisenbahngleisen ein Wohnkomplex, der dem Sozialismus angemessen ist. Die Kunst läßt sich nicht sozialistisch nennen, aber sie ist zutiefst menschlich, ist sie doch dort, wo die Menschen sind, und will diesen etwas sagen. Bedauern muß man bloß, daß die Eingänge zu diesem Eden nicht die Kunst haben, die sie verdienen. Am Kulturzentrum immerhin die dekorative Abstraktion, doch am Aufgang der Treppenanlage unfassbar kitschige Pferde, die das Ergebnis sind, wenn Kolář zu realistisch wird.

RadomírKolářPferdeMagnitogorská

Hier wünschte man sich ein Kunstwerk, das eben doch sozialistischen Inhalt hätte und vielleicht etwas über die Beziehungen der Tschechoslowakei zur Sowjetisch-Zentralasien sagte. Doch dazu fehlten Künstler wie Auftraggeber. Was in Eden gelang, ist, was möglich war und es ist nicht wenig, zu viel jedenfalls für den langweiligen Namen Sídliště Vlasta (Wohngebiet Vlasta).

Jugendstil ohne Gott

Jugendstil, das ist oft eine Überladenheit, ein Durcheinander der Formen, Schnörkel und Symbole, ein nicht-historistischer Neobarock. Doch genau wie der Barock alles von chaotischem Protz bis zu klarster Schönheit sein kann, ist auch der Jugendstil viele verschiedene Dinge.

NaŠpejcharu3ModrýDům

Das vielleicht Beste, was er je war, findet man an einer Villa, die Na Špejcharu 3 in Prag verloren zwischen dem Park Letná und einer großen Straße steht. Es ist ein Wandbild, vermutlich von Richard Teschner, halb Relief, halb Mosaik. Die rechteckige Fläche in der Mitte des zweiten Geschosses ist streng symmetrisch aufgeteilt. Oben in der Mitte ist das Halbrund einer Sonne mit sommersproßigem Gesicht, von der sich wellenförmige Strahlen mit ovalen blauen Mosaikstücken in den Bögen ausbreiten. Links steht Gott, der einen Hirtenstab noch links seines Kopfes hält, rechts steht Maria, die eine Blume rechts und einen ganz kleinen Jesus links ihres Kopfes hält. Der Bart Gottes und zwei lange Haarstränge Marias weisen als senkrechte, leicht gewellte Bänder nach unten. Beider schlanke Körper sind ganz mit quadratischen Mosaikplatten verkleidet, die bei Maria und dem Umhang Gottes ein glänzendes Perlmutt und bei Gottes Gewand ein matteres Rot sind.

NaŠpejcharu3WandbildRichardTeschner

So weit, so hübsch wie inhaltlich konventionell. Doch da ist noch mehr: Gott ist ein Maler. In der ruhig herabhängenden Hand hält er eine Palette mit Farben. Und zwischen den beiden Figuren liegen auf dem Halbrund der Erdkugel vielerlei bunte Scherben verstreut. Das ist die Schöpfung, das ist die Welt. Sie zu zeigen, tut dieses Werk des Jugendstils den Schritt in die Abstraktion. Das konventionelle Motiv wird zu etwas Neuem. Zur vielfarbigen verstreuten Schöpfung geht der Blick der drei Figuren hinab wie auch zum Betrachter, der vor dem Gebäude steht. Aber es ist ein Blick, in dem weniger Schöpferstolz als Nachdenklichkeit ist. Die Schöpfung ergibt sogar dem Schöpfer nur noch ein abstraktes Bild. Er zweifelt, er sieht nicht mehr, daß es gut war, aber er macht auch keine Anstalten, etwas zu ändern, er hat gar keinen Pinsel. Die Welt ist allein.

So ist dies auch ein Endpunkt sakraler Kunst, da sie den Zweifel, für den im Glauben kein Platz sein darf, zuläßt. Es ist ein hoffnungsvolles Ende: nun ist es am Menschen selbst, die Scherben zu einer Welt in seinem Angesicht zusammenzufügen und dabei auch eine Kunst zu schaffen, die die Klarheit und Kraft der letzten sakralen Kunst mit menschlichem Inhalt verbinden kann.

Gottwaldova

Die Tragik der U-Bahnen ist es, daß sie einerseits eine sehr gute, unter kapitalistischen Bedingungen sogar die einzige, Möglichkeit sind, innerhalb großer Städte ein effektives Nahverkehrssystem zu schaffen, aber andererseits gerade durch ihre Lage unter der Erde den Blick auf ebendiese Städte verstellen. Sobald man den Eingang einer U-Bahnstation betritt, ist man in einer eigenen Welt, die eigentlich überall sein könnte. Es war deshalb nur naheliegend, daß die ersten Wagen des Londoner Underground fast fensterlos waren.

U-BahnLondon1890

Aus Autorenkollektiv: Lexikon Metros der Welt, Berlin 1985

Wohin schließlich sollte man schauen? Das setzte sich aber zum Glück nicht durch und es entwickelte sich der nunmehr vertraute Wechsel von dunklem Tunnel und hell erleuchteten Stationen. Dadurch wurde auch erst die abwechslungsreiche Gestaltung von U-Bahnstationen möglich.

Es liegt an dieser Tragik der U-Bahnen, daß zu den spektakulärsten Momenten aller Linien die gehören, wenn sie von ihren unterirdischen Teilen hinauf an die Oberfläche, auf eine Hochstrecke oder eine ebenerdige Strecke, kommen. Der vielleicht schönste, oder jedenfalls ein sehr seltener, Stationstyp nutzt genau diesen Effekt aus. Er potenziert ihn aber noch, da sich bei ihm nur die Stationen einer ansonsten unterirdischen Strecke nach außen, zur Stadt hin, öffnen.

Ein frühes Beispiel ist die Station Rathaus Schöneberg der U4 in Westberlin. Das Dunkel des Tunnels wird in dieser recht kleinen Station plötzlich durch Blicke hinaus in einen Park unterbrochen. Dessen Elemente werden dem Fahrgast geradezu vorgeführt, da auf der einen Seite eine große Wiese und auf der anderen ein Teich sind. Mitten in einer U-Bahnfahrt ist man so im Freien, mitten in der Stadt im Grünen. Die kleine U4, errichtet im frühen 20. Jahrhundert, als Schöneberg noch eine eigene Stadt war, besitzt so eine Station, die mit nichts anderem in Berlin zu vergleichen ist.

Schöneberg

Der Höhepunkt dieses Stationstyps aber ist die Station Gottwaldova (heute: Vyšehrad) der Linie C der Prager Metro. Der Zug verläßt den dunklen Tunnel und plötzlich hat man jenseits der Fenster ein Panorama vor sich, auf das einen nichts vorbereiten könnte. Über Hausdächer in einem tiefen Tal hinweg blickt man bis zu Hradčany, dem Herz des mittelalterlichen Prag mit den Türmen des Chrám sv. Víta (St.-Veits-Dom). Sieht man in Schöneberg auf einen Park, so hat man hier die ganze Stadt vor sich liegen.

Aus Praha. Soubor 33 listů, Praha o.J.

Aus Praha. Soubor 33 listů, Praha o.J.

Die Stadt, von der Metro praktisch verbunden, wird hier auch optisch in sie hineingeholt. Doch die Gottwaldova ist nicht nur die vielleicht schönste U-Bahnstation der Welt, sie ist, wie sich das für ein Bauwerk des Sozialismus gehört, Teil von etwas Größerem. Schon der Tunnel, durch den man von der Innenstadt her zu ihr kommt, ist nicht einfach ein unterirdischer Tunnel, sondern verläuft als Teil des Most Klementa Gottwalda (Klement-Gottwald-Brücke) in einer Höhe von 40 Metern.

Aus Doležal, Jiří/Rybár, Ctibor: Prag, Leipzig 1980

Aus Doležal, Jiří/Rybár, Ctibor: Prag, Leipzig 1980

Diese außerordentlich wichtige Brücke, die einst durch das Nuselské údolí (Tal von Nusle) getrennte Teile Prags zusammenfügt, trägt wie die Station sehr zurecht den Namen des großen und leider früh verstorbenen kommunistischen Politikers Klement Gottwald, des ersten Präsidenten der sozialistischen Tschechoslowakei. Durch ein Hotelhochhaus und vor allem den Palác Kultury (Kulturpalast), die beidseits der in die Vorstädte hinausführenden Straße stehen, werden Brücke und Metrostation zu einem fortschrittlichen Ensemble vervollständigt, das in selbstbewußtem Dialog mit dem alten Hradčany gegenüber steht. Für dieses neue Herz von Prag ist der Most Klementa Gottwalda das, was Karlův Most (Karlsbrücke) für das alte ist. Man kann sie nicht getrennt denken, wenn man diese Stadt verstehen will.

Auch in Wien schließlich gibt es eine unterirdische Station, die sich nach außen öffnet, auch in Wien ist sie Teil einer Brücke: die Station Donauinsel der U1. Aber so schön die plötzlichen Blicke hinaus auf Donauinsel und Donau sind, hier wie im gesamten U-Bahnbau zeigt sich das sozialistische Prag dem sozialdemokratischen Wien weit überlegen, ein kleiner Triumph der jungen Tschechoslowakei über die alte Hauptstadt.