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Verliebt in Kaliningrad

Sofort auffällig ist in Kaliningrad die Menge an guter realistischer Kunst mit sozialistischem Anspruch, was eine Gemeinsamkeit mit der DDR  oder Ungarn und einen Unterschied zu Polen und erst recht der Tschechoslowakei darstellt. Im Schatten der Bäume des Parks, der die Stelle der Altstadt einnimmt, ist es leicht, sich in die aus weißem Stein gehauene Skulptur einer jungen Arbeiterin zu verlieben.

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Ihr Blick ist nachdenklich und ernst, ihr Haar hinten von einem Tuch zusammengehalten, ihr Hemd schlicht. Den linken Arm hält sie rechtwinklig vor dem Bauch und in ihrer linken Hand ruht der Ellenbogen ihres nach oben gefalteten rechten Arms, in dessen Hand sie einen kleinen Strauß Blumen an die Schulter hält. Auch diese Haltung ist nachdenklich und ernst, nicht abweisend oder einladend, eher so, als sehe man sie in einem privaten Moment nach einer Feier oder einem Rendezvous. Aber ihr Gesicht wie ihr Körper sind schön, auch wenn dieser nur bis kurz unter den Hüften reicht, wo er auf einer schmalen rechteckigen Sockelstele aus schwarzem Stein ruht. „Современница” (Zeitgenössin) lautet einer der Namen dieser 1973 von Valeria Semenowa geschaffene Skulptur.

Überhaupt haben viele der Skulpturen deutliche Sockel, was wiederum von einem gewissen Konservatismus zeugt. Auf einer niedrigen runden Stütze und einer quadratischen Platte steht auch die Bronzeplastik eines schlanken nackten Jungen mit ausgebreiteten Armen, von dem nach hinten wie nach vorne zwei den Körperformen entsprechende Hüllen schräg abfallen.

Er ist doch wohl der neue Mensch, gezeigt im Moment, da er die Hüllen des Alten absprengt und frei hervortritt.

Fast wird dieses 1980 entstandene Werk von Zinaida Romanowa dadurch geschmälert, wenn man seinen nichtssagenden Titel „Мир без войны” (Welt ohne Krieg) kennt. Aber so wie sie ist, nicht wie sie heißt, könnte die Plastik zugleich eine Personifizierung von Kaliningrad sein, das sich recht konsequent von allem Alten befreit hat. Wie um das zu betonen, landete, als ich dort stand, eine schöne Taube mit schwarz-weiß gesprenkeltem Kopf und schwarz-weißem Gefieder auf der vorderen der Hüllen.