Archiv für den Monat September 2015

Poststeg Passau

Die vielleicht wichtigste städtebauliche Maßnahme der bayrischen Stadt Passau verdankt sich der Deutschen Bundespost. Wie meist bei gelungenem Städtebau ist sie leicht zu übersehen.

In der Bahnhofstraße sieht man nur ein gewöhnliches Bürogebäude, sechs Geschosse hoch, die Schmalseiten aus Beton, die Breitseiten mit Fensterbändern und vertikalen Streben.

PoststegPassauBürogebäude

Heute ist darin nicht einmal mehr eine Postfiliale, aber oben hängt noch wie vergessen das nunmehr so altmodische gelbe Posthorn auf gelbem Grund. In der Grünaustraße sieht man nur den Eingang einer großen und langen Halle, etwas erleuchtet durch Fenster links und Oberlichter zwischen den Streben, die das Dach tragen.

PoststegPassauHalleEingang

Weder das Bürogebäude noch die Halle wären eines zweiten Blicks wert, wenn sie wie unzählige vergleichbare irgendwo in einer westdeutschen Stadt herumständen. Doch das Gebäude steht nahe dem Bahnhof und die Halle spannt sich auf der Höhe des dritten Geschosses über die breiten Gleisanlagen.

PoststegPassauGesamt

Sie steht etwa dort, wo die Bahnsteige enden, auf massiven Betonstützen. Auf der einen, bis auf horizontale Schlitze kahlen Seite, führen einige Treppenhäuser hinab,

PoststegPassauLamellen

während auf der anderen Seite ein Weg, der eigentliche Poststeg, die beiden Seiten der Gleise miteinander verbindet.

Geht man den oft umgebauten Steg entlang, blickt man über die Gleislandschaft und zum Bahnhof.

PoststegPassauBahnhof

Es ist eine Landschaft des Fortschritts. Die Gleise sind wie ein vierter, jedoch menschengemachter Fluß im so sehr von Flüssen geprägten Passau. Doch ihm fehlt, was Flüsse erst menschlich macht: die Brücken. So ist er zugleich eine Wunde in der Stadt. Einzig die aufgestützte Halle mit dem Poststeg überbrückt die Gleise und ist wie ein Pflaster auf dieser Wunde. Wenn sie auch nicht heilt, so zeigt sie doch den Weg zur Heilung auf. Sie schlägt eine Brücke zwischen den Gegenden, die von den Gleisen zertrennt waren, und schafft zusätzlich wertvollen neuen städtischen Raum. Aus ganz banalen Bestandteilen entsteht ein wichtiges städtebauliches Verbindungsglied.

Aufgabe des Bahnhofs und der Stadt als solchen wäre es, ebenfalls über die Gleise zu wachsen, aber sie tun es nicht. Sie bleiben im 19. Jahrhundert. Das 1975 errichtete Bundespostgebäude zu Passau bleibt allein, bleibt Zukunft. Es ist ein Beispiel für eine schlichte, der Stadt unermeßlich viel gebende fortschrittliche Architektur, nicht weniger schön als der barocke Dom, dessen Türme und Kuppel in der Ferne daneben aufragen.

PoststegPassauDom

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Tschechoslowakische Bahnhöfe: Kralupy nad Vltavou

Verkehrstechnisch ist der Bahnhof von Kralupy nad Vltavou (Kralupy an der Moldau) seit jeher dadurch geprägt, daß sich hier die von Prag nach Norden führende Strecke spaltet. Architektonisch ist er seit Mitte der Achtziger dadurch geprägt, daß er der Bahnstrecke und seiner Stadt ein jeweils ganz anderes Gesicht zeigt.

Von der Bahn aus ist der Bahnhof die Abfolge der Bahnsteigdächer, die mit graugemasertem Stein verkleideten Mauern um die Treppenabgänge und ein fünfgeschossiges Gebäude.

NádražíKralupyNadVltavouGleiseGebäude

Dessen Fassade besteht aus kurzen Fensterbändern in einem Raster kräftiger vertikaler und horizontaler Streben. Das oberste Geschoß nimmt nur die Mitte des Gebäudes ein, hat durchgehende Fensterbänder und sein mittlerer Teil steht etwas hervor. Obwohl es offenkundig keine ist, vielleicht wegen der sandigen Farbe des Putzes, erinnert etwas an dem Gebäude an eine Pyramide. Links ist an einer Mauer parallel zu den Bahnsteigen ein Wandbild, das durch bunte Kreissegmente und verbindende Streben den Eindruck von Rädern einer Dampflokomotive erweckt.

NádražíKralupyNadVltavouGleiseWandbild

Von der Stadt aus, von der ein Parkstreifen heranführt, ist der Bahnhof ein etwa dreigeschossiges Gebäude.

NádražíKralupyNadVltavouStadtGeb§ude

Es hat rechts eine weißgekachelte Wand mit großer Uhr und links ein nach dort aufsteigendes und zu den Rändern schräg abfallendes kupferverkleidetes Dach, unter dem zwischen breiten steinverkleideten Brüstungsstreifen eine Glasfläche die linke Ecke umläuft, während das Erdgeschoß hinter Kolonnaden zurückgesetzt ist.

Fast könnte man also meinen, es seien zwei völlig verschiedene Gebäude. Doch sie fügen sich völlig zwangsläufig zusammen.

Von den Bahnsteigen gelangt man in eine erst schmale, dann breitere Unterführung, deren Wände mit graugemasertem Stein verkleidet sind.

NádražíKralupyNadVltavouGang

An ihrem Ende führt links eine breite, gar nicht lange Treppe in die niedriger als die Gleise gelegene Bahnhofshalle hinauf.

NádražíKralupyNadVltavouHalle

Vor einem erstreckt sich die Halle umlaufen von einer Galerie und vorne und rechts durch die großen Glasflächen geöffnet. Rechts auch verläuft eine Reihe eckiger Stützen, die das Dach tragen. Sie sind mit einem Stein in einem wärmeren sandfarbigen Ton verkleidet, der neben dem Glas, aus dem auch die Geländer größtenteils sind, die Halle bestimmt. An der Decke bilden die rechteckigen Gitter und weißen Öffnungen der Klimaanlage eine Art Kassettendecke.

Beidseits des Aufgangs führen kurze Treppen auf eine Zwischenebene auf Gleishöhe, dann führen weitere kurze Treppen auf die Galerie.

NádražíKralupyNadVltavouZwischenebene

Von der Zwischenebene, an deren rückwärtiger Wand die Anzeigetafeln hängen, gelangt man ins Bahnhofsrestaurant. In einem, sehr im Kontrast zur offenen und hellen Halle, eher kleinen und niedrigen Raum kann man unter Steinlamellen, zwischen dunkler Holzvertäfelung und vor einem Sandsteinrelief, das Kralupy mit Kirche, Schornsteinen, Plattenbau zeigt, günstig und reichlich essen und dem lokalen Proletariat beim mittäglichen Biertrinken zusehen.

NádražíKralupyNadVltavouRestaurant

Als erstes sieht man auf der Zwischenebene aber eine große Bronzeplastik, die auf einer Fläche vor der Wand rechts steht.

NádražíKralupyNadVltavouPrométheus

Sie zeigt eine menschliche Gestalt, die Gliedmaßen so dünn wie der Kopf, die Arme nach hinten ausgestreckt, ein Bein wie zum Sprung angewinkelt, eine schwer zu definierende, weit ausgreifende Bewegung. An ihr vorbei gelangt man auf die Galerie, die den Wartebereich und das ruhende Zentrum des Bahnhofs bildet. Auf schmalen Podesten stehen zahlreiche Holzbänke, wobei diese Bezeichnung ungenau ist, handelt es sich doch um jeweils doppelte Sitze, die durch Zwischenräume zur Gepäckablage verbunden sind, eine Art Neuinterpretation der traditionellen hölzernen Bahnhofsbank.

NádražíKralupyNadVltavouBänke

Auf entsprechenden Podesten stehen näher an den Glasflächen Töpfe und holzverkleidete Kästen mit allerlei exotischen immergrünen Pflanzen. An der linken Seite der Galerie sind einige Geschäfte, deren Aufschriften, wie die der Schalter unten und die des Bahnhofsrestaurants, pro Buchstabe ein vorgesetztes Leuchtquadrat haben. Dieses Design wirkt so stark, daß nicht nur der seit Bahnhofseröffnung unveränderte Friseur, sondern auch der viel neuere Teeladen sich daran halten.

Die großen Glasflächen lassen das Licht in die Halle und öffnen Ausblicke auf die Stadt, unter anderem auch den Kirchturm, aber sie haben noch eine zweite Funktion: sie tragen Kunstwerke. In regelmäßigen Abständen sind darauf vertikal angeordnete weiße Glasmalereien von Oldřich Vašica, die, vielleicht mit leichtem Ortsbezug, verschiedene geschichtliche Epochen zeigen.

NádražíKralupyNadVltavouGlasbildVorgeschichte

Von der im Stil von Höhlenmalereien gezeigten primitiven Vorgeschichte direkt nach der Treppe rechts geht es bis in die Gegenwart vorne links, die als Atommodelle, Silos, Graphen dargestellt ist.

NádražíKralupyNadVltavouGLasbilderGegenwart

In dieser Abfolge bekommt auch die Plastik einen möglichen Sinn: sie könnte das Ursprüngliche, allgemein Menschliche zeigen wollen, was auch immer das sein sollte. Tatsächlich heißt sie „Prométheus“. Erst durch die Verbindung mit den realistischen Glasbildern und die Einordnung in die Bahnhofshalle wird die Plastik zu mehr als einem reichlich banalen und verspäteten Epigonen des berühmten Rotterdamer Werks von Ossip Zadkine.

Nachdem man den Bahnhof von Kralupy so erlebt hat, wird klar, daß er sich der Bahnstrecke und der Stadt so verschieden zeigt, weil er beiden gibt, was das Ihre ist. Der Bahnstrecke zeigt er das Gebäude mit dem überragenden Kontrollraum. Der Stadt zeigt er die Uhr, die das Wichtigste ist, wenn man zum Bahnhof eilt. Die Halle gehört zu beidem, aber etwas mehr zur Stadt. Sie öffnet sich ihr mit dem Glas, ja, sie ist wie ein zur ihr zeigender Pfeil. Für den Reisenden, der keine Zeit für einen Besuch in Kralupy hat, stellt die Halle es mit dem Ausblick und den Kunstwerken wenigstens vor. Entsprechend hält der Bahnhof für den Reisenden, der nur vorbeifährt, das Kunstwerk außen bereit, das ihm, etwas tautologisch, aber nett, von Bewegung und Fahren erzählt. Alles ist an seinem Platz und wird zu einem Ganzen. Der Bahnhof Kralupy nad Vltavou ist sowohl ganz Bahnhof als auch ganz Kralupy nad Vltavou.

Kaplice

Kaplice ist eine Bandstadt. Der alte Teil des Städtchens im südlichsten Südböhmen, nahe der österreichischen Grenze, ist nur klein, einige Straße um einen rechteckigen Platz etwas oberhalb eines Bogens des Flusses Malše.

KaplicePlatz

Den Platz bestimmt das Rathaus, das sich wenig von den übrigen zweigeschossigen Häusern unterschiede, wenn nicht aus seinem Dach ein noch einmal doppelt so hoher Turm ragte. Seine heutige Gestalt ist barock, ionische Pilaster, oben zu allen Seiten Uhren, die von höher ragenden Bögen und entsprechenden Bögen im Putz darunter gerahmt sind, und als Abschluß eine Haube mit offener Laterne. Daß ganz genauso auch ein Kirchturm aussehen könnte und der Turm der rechts etwas abseits des Platzes stehenden Kirche auch nicht viel anders aussieht, kann man als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewußtseins oder einen Ansatz davon verstehen.

Die Kirche ist ein barockisierter gotischer Bau, wie das vielen katholischen Gegenden eben so üblich ist. Doch direkt daneben steht eine weitere, weit kleinere und schlichtere, Kirche.

KapliceKirche

Ihr, ebenfalls ursprünglich gotisch, sieht man die stetigen Erweiterungen stärker an. Schon von vorne fallen die beidseitig angefügten halbrund endenden Teile auf und von der Seite sieht man ihr Wachsen umso deutlicher.

KapliceKirchenSeite

Die Erklärung für das Nebeneinander der Kirchen ist einfach: sie dienten verschiedenen Nationalitäten, die große den Deutschen, die kleine den Tschechen, ein architektonischer Ausdruck der komplizierten Geschichte Böhmens.

Lange vergrößerte sich Kaplice bescheiden und auf die üblichen Weisen. Es wuchs als Nové Domky (Neue Häuschen) einen Bach entlang oder entlang der Linecká (Linzer Straße) den Hügel hinauf, wo in einer Straßengabelung ein Platz entstand.

KapliceLinecká

Dort steht heute ein sowjetisches Ehrenmal, das schon am 7.11.1945 auf Betreiben einer sowjetischen Einheit und der örtlichen KSČ (Komunistická Strana Československa – Kommunistische Partei der Tschechoslowakei) eingeweiht wurde.

KapliceSowjetischesEhrenmal

Die Jahre 1945 und 1948 brachten die Veränderungen, die Kaplice seinen heutigen Bandstadtcharakter gaben.

Von der Altstadt gelangt man schnell in einem Park am Ufer der Malše, der sich einen weiteren ihrer Bögen entlangzieht und den Zugang zu den höher am Hang gelegenen Wohngebieten bildet. Das erste, Na Výhlidce (Zur Aussicht), beginnt mit einem zwölfgeschossigen Punkthochhaus, dem höchsten der Stadt.

KapliceNaVýhlidce

Das Wohngebiet selbst besteht aus fünfgeschossigen Gebäuden entlang zweier dann aufeinanderstoßender Straßen. An das Punkthochhaus schließt ein L-förmiger Ladenbau an und es gibt ein weiteres Dienstleistungsgebäude. Jenseits einer Wiese, näher zur Linecká, gibt es außerdem einen großen Schulkomplex.

Größer und gelungener ist die Sídliště 1. Máje (Wohngebiet des 1. Mai). Sie ist eigentlich nur eine gerade Straße, von der rechts eine zweite Straße als Halbkreis durch höher am Hang gelegene Bereiche führt. An beiden stehen fünf- und sechsgeschossige längere Gebäude. Am Ende der geraden Straße ist links ein neungeschossiges Gebäude, während rechts höher am Hang das Wohngebietszentrum angeordnet ist.

KapliceSídliště1.MájeZentrum

Es besteht aus einem Kaufhallengebäude mit Kolonnaden und einem Terrassenbereich mit Hochbeeten aus dunklem Backstein, auf dem eine Y-förmige Stele Sandsteinreliefs mit tschechischen Löwen zeigt.

KapliceSídliště1.MájeLöwenKunstwerk

Doch die Hangbereiche zwischen den Straßen sind von sechsgeschossigen Punkthäusern umspielt und um das Zentrum, oberhalb des Parks, bilden Punkthäuser einen lockeren Abschluß. In die offenen Grünbereiche wurden einzelne Felsformationen als Gestaltungselemente integriert, die daran erinnern, daß sich das Wohngebiet auf einem Felsen über der Malše, demokratische Version einer Ritterburg, erstreckt.

KapliceSídliště1.MájeFelsen

Mit ganz einfachen Mitteln entsteht so ein unverwechselbarer Ort, selbständig, aber gut verbunden mit der Stadt.

Für den Autoverkehr erschlossen werden die Wohngebiete über eine große Straße, die Schnellstraße von České Budějovice nach Linz, die auf ihrer anderen Seite verläuft. Auch wenn sicher einiges noch besser sein könnte – die Wege vom Park nach oben noch besser ausgebaut, der Park noch stärker in die Altstadt ausgreifend – zeigt Kaplice gut, wie unter Ausnutzung der landschaftlichen Gegebenheiten und bei strenger Trennung von Fußgänger- und Autoverkehr die bandartige Erweiterung einer Kleinstadt aussehen kann. Entscheidend dafür ist ein Plan, der die Stadt als Ganzes und das Alte und das Neue als gleichwertige, einander ergänzende Teile dieses Ganzen betrachtet.

Bittere Ironie, daß Kaplice, eine Stadt, in der öffentlicher Nahverkehr sinnlos wäre, weil alle Entfernungen mit Leichtigkeit zu Fuß zurückzulegen sind, auf Busse als Verbindung zum fünf Kilometer entfernten Bahnhof, der wie zum Hohn seinen Namen trägt, angewiesen ist.

Die Dreifaltigkeit in Havlíčkův Brod

In Havlíčkův Brod ist die Dreifaltigkeit Architektur geworden.

KostelNejsvětějšíTrojiceHavlíčkůvBrodVorne

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Nicht weit vom Platz, am Rande des Parks Budoucnost (Zukunft), steht eine kleine Kapelle mit dreieckigem Grundriß. Sie hat an den Ecken angedeutete Pilaster, in der Mitte aller drei Seiten Eingänge, über denen horizontale ovale Fenster sind, und ein hohes spitzes Dach, das mit einer kleinen Haube aus offener Laterne, Zwiebelform und doppeltem Kreuz endet. Eine Spitze des Dreiecks zeigt zur Straße und auf der gegenüberliegenden Seite steht höher am Hang eine weitere Kirche, zu der eine Treppe hinaufführt.

KostelNejsvětějšíTrojiceHavlíčkůvBrodSeite

Sie hat in der Mitte einen höheren sechseckigen Teil mit dorischen Pilastern, Eingang, großem Fenster und einem Dach und einer Haube, die der Kapelle entsprechen. An den Seiten sind zwei etwas niedrigere, leicht schräg gesetzte Teile, die sich wie Flügel oder Arme um die dreieckige Kapelle öffnen. Auch die Seitenteile haben kleine Hauben auf den Dächern und mittige Eingänge, aber vor allem über diesen dreieckige Fenster.

Im eigentlichen sind die Kapelle und die Kirche keine einzelnen Gebäude, sondern eine intim verbundene Einheit, ein Ensemble. Für sich genommen wäre die Kirche, die im Jahre 1720 deutlich früher als die Seitenflügel (1731) und die Kapelle (1761) errichtet wurde, auch wenig interessant. Die Kapelle ist wie ein Eingangsbau für sie, in den man durch zwei Eingänge eintritt und durch den dritten wieder hinaus, um die Treppe hinauf zur Kirche zu gehen. Sie mildert so einerseits deren Wirkung, da man durch einen kleineren, menschlichen Raum geführt wird, verstärkt sie aber andererseits, da man die Kirche danach umso größer und vertikaler, weit größer und vertikaler, als sie eigentlich ist, vor sich hat.

KostelNejsvětějšíTrojiceHavlíčkůvBrodTreppe

Das Besondere an diesem Kirchenensemble jedoch ist die Verwendung von Dreiecksformen. Auf eigentlich sehr naheliegende, aber doch überraschende Weise wird dem theologischen Konzept so architektonischer Ausdruck gegeben. Er ist auch, jedenfalls außen, wirklich nur architektonisch, er braucht keinerlei Hilfe von bildkünstlerischen Mitteln. Schon auf den ersten Blick weiß man so, daß diese Kirche nur Kostel Nejsvětější Trojice (Dreifaltigkeitskirche) heißen kann.

Obwohl die Funktion der Gebäude nicht besser oder schlechter ist als bei anderen Kirchen, kann man hier von einem radikalen Barock sprechen. Es ist eine neue, von historischen Vorbildern ganz freie Architektur, mit der man es hier zu tun hat. Bloß die dorischen Kapitelle erinnern noch an die Antike, aber sie haben für das Gebäude keinerlei Bedeutung. Alles andere sind geometrische Formen, die entsprechend leider bloß religiösen Ideen und sich aus diesen ergebenden Funktionen in die Landschaft eingeordnet sind. Das Ergebnis scheint simpel und naheliegend, ist aber ungewöhnlich und neu.

So etwas kann der Barock und das zeigt seine Bedeutung. Stile, die sich an antiken Vorbildern orientieren, Renaissance, Klassizismus, sie können das nicht. In der Antike gab es keine dreieckigen Gebäude oder Fenster, aber dem Barock ist das egal, in seinen besten Momenten baut er einfach, wie es ihm paßte. Was er erst hätte sein können, wenn er bessere Auftraggeber als Kirche und Adel gehabt hätte!

Erkundungen auf Friedhöfen: Rom für Tote

Nekropole bedeutet Totenstadt. Gemeinhin versteht man darunter einen großen Friedhof. Und ein Friedhof, das ist eben eine große Fläche mit Gräbern in der Erde. Der Cimitero Monumentale del Verano (Monumentalfriedhof Verano) in Rom zeigt aber, daß Gräber keineswegs unbedingt in der Erde sein müssen und das die Bezeichnung Nekropole keineswegs unbedingt übertragen gemeint sein muß. Dieser Friedhof nämlich ist eine wirkliche Stadt für Tote, in der sie die verschiedensten Gebäude zur Verfügung haben.

Am Anfang der Entwicklung des Friedhofs zur Totenstadt standen terrassierte und von Gängen durchzogene Hügel.

CimiteroDelVeranoHügel

Die billigsten Gräber sind versteckt in den Gängen, die normalen Gräber sind auf den Terrassen und die teuersten Gräber, oft Gruften, Penthäuser des Todes, sind oben auf den Hügelplateaus. Die ersten wirklichen Gebäude ahmen diese Hügel lediglich mit architektonischen Mitteln nach. Ob sie sich nun mit den Formen von Renaissancekirchen schmücken

CimiteroDelVeranoNeorenaissancegebäude

oder fast schmucklose langgestreckte Backsteinkonstruktionen sind,

CimiteroDelVeranoBacksteingebäude

immer steigen sie in mehreren Terrassenstufen an und haben Gänge im Inneren. Schon werden die Gänge aber zu Räumen. Der logische nächste Schritt waren daher Gebäude, die nicht mehr verschämt tun, als seien sie etwas anderes, und die die Gräber, die ohnehin schon den Bezug zur Erde verloren hatten, ganz in die Innenräume verlegen.

So entstand auf dem Friedhof ein ganzes Viertel mit vier-, fünfgeschossigen Gebäuden. An schattigen Alleen stehen sie auf umlaufenden Terrassen.

CimiteroDelVeranoGebäudeStein

Manche der Gebäude haben schlichte graue Steinverkleidung mit horizontalen Streifen auf der Höhe der Geschoßdecken, andere zeigen die typischen Formen faschistischer Architektur und verbergen ihre Geschoßstruktur hinter Backsteinverkleidung und monumentalen steinernen Stützenportalen.

CimiteroDelVeranoFaschistischeGebäude

Im Inneren sind offene Treppenhäuser und Höfe,

CimiteroDelVeranoInnenhof

es gibt Müllschlucker und Aufzüge.

CimiteroDelVeranoMüllschlucker

Manchmal sind es offene Räume mit unerwartetem Grün, manchmal spürt man deutlich, wie die faschistische Architektur als Architektur des Todes zu sich selbst findet.

CimiteroDelVeranoFaschistischerInnenhof

Die Toten sind in mit Grabplatten verschlossenen Wandfächern untergebracht, die unzählige hohe Gänge und Räume füllen.

CimiteroDelVeranoGräber

Bei den bis zu sechs so übereinander angeordneten Gräbern denkt man unweigerlich an die aufziehbaren Fächer der Obduktionsräume, die man aus Filmen kennt. Es sind auch wirklich immer Särge in diesen Gräbern; der enorme Platzbedarf, den die Totengebäude befriedigen, resultiert auch aus der abergläubischen katholischen Abneigung gegen Feuerbestattung. In einem der Gebäude ist die Dachterrasse kleineren Fächern mit Urnen vorbehalten. Das ist denn auch das einzige von anderen Friedhöfen bekannten Element – bloß eben im fünften Geschoß.

CimiteroDelVeranoKolombariumDach

Städtebaulich sind die Gebäude der Totenstadt konservativ angeordnet. Trotz vielen Öffnungen haben sie wenige Eingänge und wo Verbindungen zum Nachbargebäude sein könnten, sind oft Sackgassen. Aber Tote flanieren nicht und auch die lebenden Anverwandten, denen die Gebäude eigentlich dienen, werden, wenn sie zu Fuß oder mit dem Auto kommen, immer bestimmte Gräber zum Ziel haben.

Neben diesem Massenwohnungsbau des Todes gibt es auf dem Friedhof einen andernorts seltenen Gebäudetyp: die moderne Gruft. Aus ihnen bestehen die Vororte der Totenstadt. Während bei den Hügeln die besten Lagen oben waren, besteht der Luxus hier darin, unten, nah an der Erde zu sein. Die Gruften haben standardisierte quadratische Grundrisse und Größen, aber sehr abwechslungsreiche Formen. Zwar findet man auch den erwartbaren billigen Historismus, besonders bei den neusten Gruften,

CimiteroDelVeranoHistoristischeGruften

aber häufiger sind skulpturale Formen aus vielfach vertikal versetzter Steinverkleidung.

CimiteroDelVeranoModerneGruften

Gleich fremdartigen Felsformationen ragen diese Gruften aus dem Boden. Diese Formen, die Steinverkleidung, die metallgerahmten Türen, die Fenster, die kleinen Hochbeete, sind zugleich eigentümlich vertraut, man kennt sie von Bürogebäude aus den Siebzigern.

CimiteroDelVeranoGruftLattanziEingang

Doch während sie dort Details waren, werden sie hier zur Hauptsache. Jede Gruft wirkt, als sei ein Stück aus einer Firmenlobby herausgenommen und im freien Gelände abgestellt worden. Die architektonische Phantasie konnte sich hier freier ausleben, da keinerlei Rücksicht auf Funktionalität genommen werden mußte. So sind die Gruften mehr abstrakte Kunstwerke, die architektonische Elemente zitieren, als wirkliche Gebäude. Zum Abstrakten kommen Skulpturen, Plastiken, Mosaike, Glasbilder mit sakralen Motiven, oft durchaus geschmackvoll und gut mit der Gruftarchitektur verbunden. Manchmal entstehen Kleinodien wie diese Gruft, bei der die Steinverkleidung zum subtilen Kreuz für eine Jesusplastik wird,

CimiteroDelVeranoGruftBianco

oder Bizarres wie diese völlig gläserne Gruft.

CimiteroDelVeranoGläserneGruft

Alles am Cimitero Monumentale del Verano widerlegt die beliebte Behauptung, daß der Tod nivelliere. Er zeigt im Gegenteil, daß der Tod nichts ändert. Alle Widersprüche und sozialen Abstufungen der Stadt sind hier fortgesetzt, auch im Tod gibt es für die Einwohner Roms keine Gleichheit, die Totenstadt ist eine kapitalistische Totenstadt.

In Rom erlebt man, was eine wirkliche Nekropole ist. Es ist, als hätte man nach einem Leben in Dörfern zum ersten Mal staunend eine Großstadt gesehen. Normale Friedhöfe erscheinen danach erst einmal langweilig.

Bzenec

Wo das Zentrum des südmährischen Bzenec sein sollte, ist nichts. Ein langgestreckter Platz namens Náměstí Svobody (Platz der Freiheit) durchschnitten von einer großen Straße, umgeben von sehr renovierten Häusern und so feindselig kahl, daß es ausnahmsweise einen Gewinn darstellte, wenn hier wenigstens ein Parkplatz wäre. Die Mariensäule auf dem Platz ist aus dem Jahre 1915 und das sieht man ihr auch an. Hinter dem Platz sieht man auf einem nicht hohen, aber doch markanten Hügel eine backsteinerne Ruine und, nah hinter einer der Ecke, eine barocke Kirche.

Wenn man sich der Kirche nähert, begegnet man auch dem einen Gebäude, in dem der Sozialismus hier seine Spur hinterließ. Vom Platz aus ist es nicht mehr als die viergeschossige Vertikale eines Treppenhauses, ein klarer Bezug auf den Kirchturm, und ein rechts vorgesetzter flacher Raum mit Terrasse.

BzenecgebäudePlatzseite

Doch zur Querstraße erstreckt sich das Gebäude als zwei Terrassenstufen auf dem dann im ansteigenden Hang verschwindenden Erdgeschoß.

BzenecGebäude

Braun-rote Kachelverkleidung unten und an den Seiten, weiß die Wohngeschosse, zwischen den Wohnungen schräge Wände, so wendet sich das Gebäude der Kirche zu, in seiner Gestalt horizontal gegen deren Vertikale, in der Funktion, dem betreuten Wohnen, menschlich gegen deren Spiritualität.

Als wollte sich der Ort selbst für die Mängel des Platzes entschuldigen, beginnt kurz hinter der Kirche eine breite Parkachse, die sich zwischen beachtenswerteren dörflichen Häusern entlang des Hangs und parallel zum Platz nach Westen erstreckt. Dort stößt sie auf den Horní náměstí (Oberen Platz), der vom Schloß bestimmt sein sollte. Doch so wie man es hinter hohen Bäumen fast übersehen kann, führt auch die Achse an ihm vorbei. Um den Platz gibt es außerdem noch eine Sokolovna und ein typisches Dienstleistungsgebäude, Läden im Erdgeschoß, nach einer Terrasse das leicht abgeschrägte und mit dunklem Holz verkleidete Obergeschoß.

BzenecDienstleistungsgebäude

Das Schloß ist ein großer neogotischer Bau, den eine Adelsfamilie in der Mitte des 19. Jahrhunderts an der Stelle einiger Vorgängerbauten errichten ließ, englisch inspirierte Modearchitektur.

BzenecSchloß

Seit langem schon dient das Schloß einem großen Weingut und das Schönste an seinem Vorplatz ist vielleicht auch die aus dem Nadelgebüsch aufragende vierteilige Laterne. Im älteren Park dahinter langweilen sich Pfauen, deren Farben gleich denen des Schlosses verblasst scheinen.

Höhepunkt des Parks ist eine sehr alte Linde mit in mehrere Teile zerfallenem, nunmehr vielfach aufgestützt eher horizontal weiterwachsendem Stamm.

BzeneckáLípa

Auf einem Stein beschreibt eine deutsche Inschrift mit Bezug auf eine Urkunde von 1604 die enormen Ausmaße des einstigen Stamms,

BzeneckáLípaInschriftDeutsch

während eine tschechische Inschrift die ältere deutsche mehr kommentiert als übersetzt.

Laut einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1771 war diese Linde schon im Jahre 1604 an die 500 Jahre alt

Laut einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1771 war diese Linde schon im Jahre 1604 an die 500 Jahre alt

Durch ihr Alter, die verschiedenen Inschriften und ihre eigentümliche heutige Gestalt ist diese Bzenecká lípa (Bzenecer Linde) ist ein Baum, der die Bezeichnung Naturdenkmal ausnahmsweise wirklich verdient hat. Sie dürfte, vielleicht selbst von Menschen gepflanzt, auch älter sein als fast alles unmittelbarer Menschengemachte im Ort.

Die übrigen Straßen von Bzenec sind von vermischter dörflicher Bebauung geprägt. Im oberen Teil sind dabei die bunkerartig in die Hänge gesetzten Weinkeller wichtig, die dem Ort eine geradezu mediterrane Anmutung geben können.

BzenecStraße

Am Rande der Weinberge steht als weitere Botin der Architektur der ČSSR eine Schule:

BzenecSchuleEingang

eine Treppe zum Eingang, rechts ein Hochbeet aus rotem Backstein, links ein völlig verglaster Eingangsbau, in der Mitte ein Vordach, das weiter ins Gelände führt, nur П-förmige Stahlträger und Holz.

Im unteren Teil, zu den Schienen hin, neuere Bebauung, Einfamilienhäuser aus der ersten Republik, dazwischen eine hussitische Kirche. Etwa gegenüber vom Bahnhof noch einmal, nun als beziehungsloses Kleinod, ein Gebäude der späten Tschechoslowakei.

BzenecBürobau

Drei Geschosse, das unterste etwas tiefer als die Straßenebene, vertikale Putzstreifen, horizontale rot-braune Kacheln zwischen den Fenstern, rechts an der Ecke Balkone, im linken Teil ein vorgesetztes Treppenhaus mit Plexiglas. Nichts, gar nichts Besonderes, ein beliebiger Bürobau, doch dann diese kleine, beinahe gratuite Raffiniertheit: die Treppe.

BzenecBürobauTreppe

Sie beginnt parallel zum Gebäude, aber weit vor ihm, nur einige Stufen auf eine wie freischwebende Ebene, von der es dann schräg zum Eingang geht, über dem ein schräges Vordach auf die Laune der Treppe eingeht. Man kann das unnötig nennen, ein Gimmick, barock, und es stimmt vielleicht. Aber dadurch, daß es sich dieses Gimmick kostengünstig aus einem konstruktiven Element holt, statt aus einer beliebigen Verzierung der Fassade, ist dieses kleine Gebäude besser als vieles, was heute als gute Architektur gilt.

Und über der Stadt steht die Ruine der Kaple Sv. Floriána (Florianskapelle). Ein barocker Bau, nicht groß.

BzenecKapleSvFloriána

Einige Pilaster, Reste der Kuppel sind noch zu erkennen sonst ist sie wie entblößt auf die sonst versteckten konstruktiven Details, die Backsteinmauern, die Holzbalken über den Fenstern. Es ist keine alte Ruine, erst Ende des zweiten Weltkriegs wurde die Kapelle zerstört. An die vielen rumänischen Soldaten, die bei den Befreiungskämpfen 1945 starben, erinnert ein Ehrenmal unten in der Parkachse.

Den gefallenen Helden der 1. rumänischen Infanteriedivision für die Befreiung der Tschechoslowakei

Den gefallenen Helden der zweiten rumänischen Infanteriedivision für die Befreiung der Tschechoslowakei

Von hier oben wird Bzenec auf seine größten Gebäude reduziert: die Schule, die Kirche, das Schloß. Früher hätte noch die von den Nazis zerstörte Synagoge dazugehört. Manchmal sieht man einen modelleisenbahngroßen Zug durch die Landschaft fahren. Was gut ist, was schlecht ist an Bzenec, von hier wüßte man es nicht einzuschätzen. Entfernung idealisiert.

BzenecAussicht