Archiv der Kategorie: Humenné

Humenné – Südlicher Teil

Im Zentrum des südlichen Teils von  Humenné, einer durch Straße und Bahnstrecke geteilten nordostslowakischen Stadt, befindet sich ein langer Platz, der wieder Námestie Slobody (Platz der Freiheit) heißt. Als eine Art Einleitung steht rechts ein Punkthochhaus. Der Platz ist locker gerahmt von zweigeschossigen Ladenzeilen und bis zu viergeschossigen Gebäuden, in denen eine Post und andere Gemeinschaftseinrichtungen sind.

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Trotz vielen EU-geförderten Umbauten ist die Grundstruktur noch zu erkennen. Sowohl das weit vorgesetzte Treppenhaus einer Ladenzeile rechts als auch der vorgesetzte Saal eines Gebäudes links sind zum Platz hin mit grün-grauem Schiefer verkleidet, wobei auf ersterem ein abstraktes Muster aus Edelstahl ist und auf zweitem eines aus bunten Kacheln, das vielleicht auf die Muster lokaler Trachten Bezug nimmt. Davor steht die überlebensgroße Bronzeplastik einer Frau und eines Mannes, die ein Kind in die Höhe halten.

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Der Platz endet leicht nach rechts versetzt, was durch den Winkel der Bibliothek links und zwei Punkthäuser rechts markiert ist.

Eine stählerne Brücke mit zwei flachen Bögen führt zu Einfamilienhäusern am anderen Ufer des Flusses Laborec.

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Sie stammt aus dem Jahre 1900 wie ungarische Schilder in ihrer Mitte, die ausführlich die beteiligten Ämter nennen, verkünden. Damals war sie eine Straßenbrücke, Symbol des technischen Fortschritts, der auch in die entlegensten und unungarischsten Gegenden Ungarns drang, heute ist sie als Fortsetzung des verkehrsfreien Platzbereichs eine Fußgängerbrücke, noch immer nützlich, aber auch ein Kleinod aus einer anderen Zeit.

Rechts des Platzes geht es langsam ins Industriegebiet. Zuerst technische Schulen und das etwa 15-geschossige Verwaltungshochhaus von Chemkostav, dann die eigentlichen Werke. Bloß das Eisstadion und das Hallenbad passen nicht auf diese Seite.

Links erstreckt sich das Wohngebiet, dessen Erschließungsstraße Třebíčská (Třebíčer Straße) heißt, ein schöner tschechoslowakischer Name nicht nur, weil Třebíč in Mähren liegt, sondern auch, weil das Slowakische den Buchstaben Ř nicht kennt. Es ist von zwei markanten Gebäudetypen geprägt. Der erste ist lang und neungeschossig. Verglaste Treppenhäuser auf der einen und schräg beginnende Balkone auf der andere Seite. Zwischen den aus dem Dach ragenden Betriebsräumen der Aufzuge schwerelos wirkende Verbindungsdächer.

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Unten an den Schmalseiten zwischen den nach außen schräg ansteigenden Stützen Durchgänge, die geschickt in das Wegesystem des Wohngebiets einbezogen sind.

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Der zweite ist ein Punkthaus, das aus einem vierzehn- und einem dreizehngeschossigen quadratischen Teil bestehen, die in einer Ecke um ein halbes Geschoß versetzt ineinandergefügt sind und zu den entstehenden Winkeln hin Dachaufbauten aus Betonlamellen haben.

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Die langen Gebäude bilden als mäanderndes Y das Rückgrat des Wohngebiets, während die Punkthäuser an den Rändern entlang der parallel zur Bahnlinie verlaufenden Straße Laborecká und des Flusses angeordnet sind.

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Daß das niemals schematisch wirkt, liegt vielleicht auch an der großartigen Gestaltung der Freiflächen. Kindergärten, Schulen und eine Kaufhalle sind so eingebettet, daß sie gut zu erreichen, aber nie im Weg sind. Zum Fluß hin gibt es nach den langen Gebäuden keine Straßen mehr, sondern einen weiten offenen Grünbereich.

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Am Fluß selbst verläuft ein erhöhter Spazierweg und es gibt eine Kneipe und einen Tretbootverleih.

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Nicht zuletzt unterstützt die künstlerische Gestaltung den Charakter des Wohngebiets. Bei jedem Spielplatz sind Betonskulpturen und Betonwände, die teils Reliefs, teils bunte Kacheln tragen.

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Während die Wände eine Vielzahl gegenständlicher Motive, die sich an Kinder richten, haben, sind die Skulpturen abstrakt, scheinen aber den Beton und die vorgefertigten Platten der Gebäude ringsum manchmal gleichsam zu karikieren, wenn sie scheinbar vorgefertigte Teile so ineinanderfügen wie sie unmöglich ineinandergefügt werden können.

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Sogar die bunten Stahlgerüste der Spielgeräte verwandeln sind manchmal in Raketen.

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Eine solch konsequente künstlerische Gestaltung ist auch in der Tschechoslowakei selten, fast fühlt man sich an ein Wohngebiet im fernen Prag erinnert.

Der äußere, östliche Teil des Wohngebiets erreicht dieses städtebauliche und künstlerische Niveau dann nicht mehr. Er ist von offener neungeschossiger Hofbebauung geprägt, die nur durch einige Punkthäuser und dadurch, daß sie an den Ecken manchmal auf sieben und fünf Geschosse abfällt, aufgelockert ist. Doch in diesem Teil befindet sich ein bemerkenswertes kleines Wohngebietszentrum.

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An sich wären die mit blauen kleinen Kacheln verkleidete Poliklinik, die beiden zweigeschossigen Ladengebäude und der achtgeschossige Bürobau im Humenné-Stil, die da um einen kaum gestalteten Platz stehen, nichts Besonderes, doch in dem Bürobau sitzt das Okresný súd (Kreisgericht). Dadurch handelt es sich hier um ein gelungenes und leider äußerst seltenes Beispiel dafür, wie das Nebenzentrum eines Wohngebiets mit einer für die Gesamtstadt wichtigen Funktion verbunden werden kann.

Insgesamt ist die Situation im südlichen Teil von Humenné genau umgekehrt als im nördlichen. Im Norden ist das Bedeutendste das Zentrum mit dem Dreiklang aus Schloß, Denkmal und Kulturhaus, während die Wohngebiete nichts Besonderes sind. Im Süden ist das Zentrum nur mittelmäßig, da wirklich prägende Gebäude fehlen und vieles in den letzten Jahren umgebaut wurde. Das Wohngebiet ist hier hingegen großartig, da es die landschaftlichen Gegebenheiten, also die Nähe des Flusses, ausnutzt und interessante Gebäudetypen mit einem harmonischen Stadtraum und passenden Kunstwerken verbindet. Der nördliche und südliche Teil von Humenné zeigen so auf jeweils verschiedene Art die Leistungen von Architektur und Städtebau in der Tschechoslowakei.

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Humenné – Nördlicher Teil

Das nordostslowakische Humenné ist eine geteilte Stadt. Der eine Teil liegt nördlich von Fernverkehrsstraße und Eisenbahnstrecke, der andere südlich, und dazu kommt noch anderes, was zu keinem so ganz gehört und Möglichkeiten böte, die Teilung aufzuheben.

Der nördliche Teil erstreckt sich entlang der Gottwaldova (Gottwald-Straße), die heute vom Verkehr befreit Námestie Slobody (Platz der Freiheit) heißt. Er beginnt mit einem Halbkreis aus viergeschossigen, teils satteldächigen Gebäuden, in dem rechts der überdachte Marktplatz und links einige ältere Häuser sind. In der Mitte öffnet sich, flankiert wie von einem Tor durch siebengeschossige Gebäude mit flügelartigen Dachaufbauten, die Straße/der Platz.

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Bis zur nächsten Querstraße bildet diese Bebauung viergeschossig und an den Ecken fünfgeschossig mit Flügelaufbauten die Seiten der Straße/des Platzes. An der Querstraße weist eine Ladenzeile mit ihren vertikalen Linien, die in komplizierten kubischen Formen enden, nach links, ein schönes Beispiel des Humenné-Stils.

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In der Mitte erstrecken sich Grünanlagen, in denen auch eine wenig alte Skulptur des Johannes von Nepomuk steht.

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Nach einem Springbrunnen wird der Platz/die Straße noch etwas breiter.

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Die Bebauung bleibt geschlossen, wird aber weniger einheitlich, es gibt eine Post links und ein langes Wohngebäude mit Satteldach rechts.

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Man würde nicht ahnen, daß man nur durch letzteres treten muß, um mitten in einem Wohngebiet zu sein. Es besteht aus viergeschossigen Walmdachgebäuden um offene Höfe mit großen Bäumen, am nördlichen Rand an der Ulica Osvoboditeľov (Straße der Befreier) reihen sich achtgeschossige Punkthäuser. Im weiteren Verlauf werden die Dächer der Häuser flach und es gibt einige kleine Zentren mit Läden.

Erst gegen Ende des Platzes/der Straße und auf der linken Seite stehen wieder einige ältere Gebäude. Am auffälligsten von diesen ist eines von 1936, auf dem das löwengehaltene Stadtwappen prangt. Aber als Gegengewicht gibt es sogleich Gebäude aus sozialistischer Zeit: gegenüber ein Kaufhaus  und direkt angrenzend eine Ladenzeile entlang der nächsten Querstraße.

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Sie besteht aus zwei parallel verlaufenden zweigeschossigen Gebäuden, die aber etwas versetzt stehen, so daß vor den Eingängen kleine Grünbereiche sein können. Die Läden öffnen sich zum ebenerdigen Bereich und zu auf runden Stützen ruhenden Flächen im zweiten Geschoß, die durch mehrere Brücken verbunden sind. Treppen führen teils innen zu diesen Brücken, teils von außen durch die Gebäude hindurch auf die Terrassenebenen.

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Das ist eine ungewöhnliche Lösung, fast weniger Lijnbaan als Passage des 19. Jahrhunderts, weshalb es nur paßt, daß sie heute ein transparentes Dach hat. Anders als leider viele solcher Ladenzeilen wirkt sie auch nicht heruntergekommen oder von improvisierten Billigläden geprägt. Sie ist, könnte man sagen und sogar zu ihrer Lage paßt es, das Nordwestzentrum von Humenné.

Aber wenn man so weit gekommen ist und wohl schon vorher, beachtet man zuerst die beiden bestimmenden Gebäude, mit denen der Platz/die Straße endet: das Schloß links und das Dom Kultúry (Haus der Kultur) seitlich rechts.

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Das Schloß ist ein vielfach veränderter vierflügliger Renaissancebau, auf den man zwischen den Plastiken einer Löwin und eines Löwen zugeht. Sie sind auch viel markanter als das Gebäude selbst.

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Das Dom Kultúry hat eine langgestreckte zweigeschossige Fassade aus blaugefaßtem Glas, die von den weißen Linien der Seitenwände und des Dachs gerahmt ist. Inmitten der Glasfläche ist bei den Eingängen rechts eine weiße Wand, während  hinten links der niedrigere blaue und der höhere weiße Teil des Saals aufragen.

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Alt und Neu stehen so beieinander, ohne das zu sagen wäre, welches davon für den Abschluß des Platzes wichtiger wäre. Im Mittelpunkt der Straßenachse steht keines von beiden und auch der dazwischen angeordnete Pamätník Vďaky (Denkmal des Danks) nicht.

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Auf einem langen leicht abgeschrägten niedrigen Sockel aus rotem Stein stehen links Flammenschale und rechts eine überlebensgroße Bronzeplastik: in der Mitte ein Mädchen mit Blume, rechts ein Arbeiter mit geschultertem Gewehr und links ein sowjetischer Soldat mit gesenkter Maschinenpistole und nach links hin hochgehaltener Fahne, deren Fläche bis nach rechts reicht und eine Art Hintergrund für die Figuren bildet. Die Inschrift auf dem Sockel lautet: „Sloboda prinesená je vzácna, ale sloboda vybojovaná je oveľa drahšia“  (Gebrachte Freiheit ist wertvoll, aber erkämpfte Freiheit ist viel wertvoller). Dieses schöne unbezeichnete Zitat von Gustáv Husák impliziert SNP, Dukla, den ganzen Erinnerungsmythus, und die sowjetisch-tschechoslowakische Freundschaft, ohne sie nennen zu müssen.

Schloß, Denkmal, Dom Kultúry bilden gemeinsam den Abschluß der Straße/des Platzes, denn diese/dieser ist keine Achse. Daß sie nicht direkt auf das Schloß zuführen, wie es die alte Stadt sicher stärker tat, ist kein Zufall, doch noch die Torgebäude scheinen eine konventionelle Achse vorzubereiten. Dank dem Fortschritt im Städtebau entstand diese nie und der Platz fließt stattdessen zwischen Schloß und Dom Kultúry, um das Denkmal herum, in den Park hinein, der einst Schloßpark war und nun im schönsten Sinne aufgehoben ist. Das Schloß ist darin beinahe genauso ein Ausstellungsstück wie die regionalen Holzbauten im Freilichtmuseum weiter oben am Hang. Sogar das Denkmal will nicht nur von vorne, sondern auch von seiner Rückseite betrachtet werden, wo zwischen den Falten der Fahne ein liegender Helm, ein Stein (Grabstein?) und ein Baum zu sehen sind.

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Mit den bronzenen Figuren blickt man dann die Gottwaldova/den Námestie Slobody entlang, die schon so vielfältig und spannungsreich sind und doch nur das Zentrum des nördlichen Teils von Humenné.

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Der Humenné-Stil

Daß alle Gebäude in sozialistischen Ländern gleich aussähen, stimmt nie. Es ist immer entweder eine interessierte Lüge oder eine ungeübten Augen geschuldete Fehleinschätzung. Es stimmt jedoch, daß sich in den sozialistischen Ländern nur selten sehr ausgeprägte Lokalstile, die sogar Individualstile sein mögen, finden. Eine Ausnahme ist das ostslowakische Humenné. Hier gibt es einige Gebäude mit markanten verbindenden Merkmalen, die in anderen tschechoslowakischen Städten weniger häufig sind und auf die Arbeit eines bestimmten Architektenkollektivs mit vielleicht einer prägenden Persönlichkeit schließen lassen.

Beim Hotel Karpatia in der Nähe es Bahnhofs fände man noch nichts Auffälliges. Wieso sollte ein typischer sechsgeschossige Hotelbau auch keinen Sockel haben, in dessen zweitem Geschoß links ein Balkon verläuft, während rechts ein seitlich verglaster, vorne nur durch ein rundes Fenster geöffneter Raum auf zwei runden Stützen weit über den Eingang ragt?

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Auch das Urad mesta (Stadtverwaltung) am weiten Bereich westlich des Námestie Sľobody (Platz der Freiheit) ist für sich genommen noch nicht genug, um einen spezifischen Stil erkennen zu lassen. Die Schmalseiten haben helle Steinverkleidung, die von vorne mit einem Streifen heller Verkleidung unter dem Dach zu einem Rahmen für die regelmäßigen Bänder aus Fenstern und orangener Verkleidung wird. Sein Baukörper ist in vier Teile gegliedert, wobei der fünfgeschossige und höchste den Angelpunkt  bildet. Die beiden Teile vor ihm sind jeweils ein Geschoß niedriger und sowohl nach vorne als auch nach links versetzt, während hinter ihm ein viergeschossiger vierter Teil im Gegenteil nach hinten und nach rechts versetzt ist.

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Das ergibt einen eigentümlichen perspektivischen Effekt, beinahe so, als könne man die einzelnen Teile ineinanderschieben. Aber so markant das ist – dergleichen gibt es auch in Bratislava öfter.

Anders wird es beim Okresný súd (Kreisgericht) im südlichen Wohngebiet. Ein einfaches und typisches Bürogebäude, könnte man meinen. An den Schmalseiten weißgraue Steinverkleidung, an den Breitseiten Fensterbänder, silbrig graue Metallverkleidung und vertikale silberne Streben.

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Doch schon dieser Teil begnügt sich damit nicht, springt an der linken Schmalseite viergeschossig zurück, um dann doch wieder fünfgeschossig und mit einem steinverkleideten Dachaufbau sogar sechsgeschossig zu werden. Und dann ruht er auf einem dreigeschossigen Sockel, der als ein Wechsel von Steinflächen und geschosshohen Glasflächen kaum ansatzweise beschrieben ist. Rechts wie links wird er er zweigeschossig. Hinten links im dritten Geschoß hat ein Teil, ein Saal wohl, zur Steinverkleidung schmale vertikale Fenster. Weiter nach links setzt sich der Sockel in einem zurückgesetzten und noch aus vor- und zurückgesetzten Teilen bestehenden Nákupné stredisko (Einkaufszentrum) fort. Neben dem links quer angeordneten Eingang ist ein freistehendes dreigeschossiges Treppenhaus, das seine großzügigen Treppen durch eine, von Steinverkleidung gerahmte Glasfläche zeigt.

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Ganz und gar nicht einfach oder typisch, ist der Okresný súd ein Gebilde aus kompliziert verschachtelten kubischen Elementen, das auf den ersten Blick unmöglich vollständig zu erfassen ist. Hier ist das, was man Humenné-Stil nennen kann, schon in Reinform vorhanden.

Ganz ähnlich, aber horizontaler, linearer, zeigt der Stil sich in einer Ladenzeile, die vom Námestie Sľobody nach Westen führt. Sie beginnt mit einem langen Flachbau mit breitem Dach, vor dem in leichtem Abstand ein von je zwei eckigen Stahlstützen getragenes dünnes Vordach verläuft.

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Kurz vor dessen Ende Ende kommt ein zweites Geschoß dazu, das aber zwischen dem breiten Dachband des Flachbaus und seinem eigenen zuerst nur ein flaches Fensterband hat. Bald beginnen etwas zurückgesetzt ein drittes und ein viertes Geschoß mit Fensterbänder. Nach einem großen Fenster rückt das zweite Geschoß zum Vordach hervor, dessen Verlauf im Erdgeschoß von Kolonnaden aus runden Betonstützten fortgeführt wird. Auch ein Teil des dritten Geschosses rückt bald danach etwas nach vorne. Doch all das wird in den Hintergrund gedrängt durch einen kleinen Raum im zweiten Geschoß, der nach dem Ende des Vordachs bis weit über den Gehsteig hervorragt. Keine Stütze trägt ihn, er scheint zu schweben, während er sonst mit den beiden massiven Bändern von Dach und Brüstung und dem transparenten Band der Fenster ganz wie das übrige Gebäude aussieht.

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Auch hier erwachsen aus der scheinbar typischen Ladenzeile kompliziert auf- und ineinandergesetzte kubische Elemente.

Für sich genommen wären diese vier Gebäude bloß interessant, vielleicht hübsch, aber zusammen ergeben sie einen Stil. Auch an sich weniger auffällige Aspekte werden wichtig, wenn sie in den Kontext dieses Stils gesetzt werden. Der konventionell aufgestützte Raum vor dem Hotel ist dann schon ein Vorläufer des freischwebenden Raums vor der Ladenzeile und die voreinandergesetzten kleiner werdenden Kuben des Urad mesta haben weniger mit Bratislava als eben mit Humenné zu tun. Bezeichnend für den Humenné-Stil ist ein Spiel mit kubischen Formen. Was ein ganz gewöhnlicher Bürobau oder eine ganz gewöhnliche Ladenzeile sein könnte, wird auf überraschende Arten neu zusammengefügt, in eine Bewegung versetzt, ohne daß dabei die einzelnen Teile je anders als gewöhnlich aussähen. Es wirkt manchmal, als ob sich die gewöhnlichen Gebäude wehrten, nur gewöhnlich zu sein, oder ganz im Gegenteil, als ob die Gebäude noch nicht ihre endgültige Form erreicht hätten und noch etwas abgefeilt werden müßte. Obwohl die Funktionalität nie leidet, gibt es manchmal, etwa mit der Treppe des Okresný súd und vor allem mit dem schwebenden Raum der Ladenzeile, rein expressive Elemente.

Wer für die Entstehung dieses Lokalstils von Humenné verantwortlich war, läßt sich nur noch schwer herausfinden. Vielleicht lohnte es sich, das zu erforschen. Keinesfalls darf darüber aber vergessen werden, daß nicht die Formen einzelner Gebäude, sondern die aus standardisierten Gebäuden gebildeten Stadträume das Entscheidende und Neue an der Architektur des Sozialismus sind. Gebäude in einem Stil wie dem von Humenné können immer nur besondere Akzente innerhalb des Stadtganzen, dem sie untergeordnet bleiben, sein.