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Sherlock Holmes in Málaga

Das Comisaría de Policía (Polizeikommissariat) im Osten von Málaga hat einen dreieckigen Grundriß und jede der drei Seiten ist so unterschiedlich gestaltet, daß man sie auch drei verschiedenen Gebäuden zuordnen könnte.

Die Hauptseite, die zur Ecke zweier großer Straßen zeigt, ist mit grauem Stein verkleidet, während die Fenster- und Türrahmen einen dunklen Gelbton haben. Alles an ihr ist monumental. Eine Folge einschüchternd hoher runder Stützen, die in der Mitte über dem Eingang durch hohe vertikale Streben im oberen Teil des Gebäudes unterstützt wird, löst sich an den Seiten in leichtem Schwung vom eigentlichen Baukörper, was auch der einzige Hinweis darauf ist, daß es sich nicht um faschistische Architektur, sondern um deren postmoderne Fortführung handelt (das Gebäude wurde zwischen 1986 und 1991 errichtet).

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Das einzig Gute, was sich zu dieser Seite sagen läßt, ist, daß sie hinter der Grünfläche, die den restlichen Raum zur Straßenecke einnimmt, kaum zu sehen ist. Auch ist das Schild aus runden und eckigen unregelmäßige gestapelten Betonplatten mit eingelassenen gelben quadratischen Kacheln besser und menschlicher als alles an der Fassade.

Die Seite zu einer kleinen Nebenstraße ist einfach eine Rückseite, die mit derselben Steinverkleidung und denselben Fensterrahmen nach rein gar nichts aussieht.

Die dritte Seite zeigt ebenfalls zu einer Nebenstraße, ist aber auch über die große Avenida Juan XXIII (Johannes-XXIII.-Allee) hinweg gut zu sehen. An ihr durfte sich die sogenannte Postmoderne austoben. Es beginnt mit einem freistehenden roten Backsteingebilde aus über Eck gesetzten eckigen Stützen und einem sie oben verbindenden Balken, das von der Hauptseite überleitet. Daß solche völlig nutzlosen, nicht einmal wirkungsvoll monumentalen Elemente, die wohl an Säulen erinnern sollen, so typisch für diese Architekturmode sind, sagt bereits genug über sie. Es folgt eine dicke Betonwalze mit gläsernem Zeltdach, eine Art Bauklotzturm, wie ihn die Postmoderne ebenfalls liebte.

Ähnliche Dächer ragen auch aus dem Dach des Hauptteils. Damit die Walzenform besser zur Geltung kommt, ist der bis auf Lüftungslamellen öffnungslose, aber dennoch vertikal strukturierte folgende backsteinerne Teil  nur mit Streifen oben und unten angeschlossen, während vor dem ausgesparten Bereich weitere Stützen sind. Hier ist ein Parkhaus, dem der Walzenteil die Auffahrt birgt, weil Málaga oberirdische Parkhäuser so mag.

Der auffälligste, letztlich der einzig auffällige Teil des Gebäudes gehört jedoch eigentlich zu keiner der drei Seiten, sondern ragt in der Ecke der Nebenstraßen stehend über allen auf. Viel höher als das eigentliche Gebäude erhebt sich ein achteckiger Treppen- und Aufzugstrakt aus Beton und vor ihm erstreckt sich eine ebenfalls eckige Betonplattform, die an den Seiten mit gelben Metallgittern erweitert ist. Sie ruht auf dünnen achteckigen Betonstützen, die an sie mit breiteren Teilen anschließen und untereinander mit X-förmigen gelben Stahlträgern verbunden sind.

Dieser Hubschrauberlandeplatz ist ein zweifelsohne sehr expressiver Bau und farblich ist er entschieden in das Gesamtkonzept des Polizeikommissariats eingepaßt, aber er kann dennoch nicht verhehlen, daß er zuerst funktional ist. Was ihn nach postmodernen Maßstäben scheitern läßt, ist ein Glück für ihn, das Gebäude, die Stadt. Es handelt sich um eines der eher seltenen Beispiele guter Architektur wieder Willen.

Ein letztes Detail ist, daß die erstgenannte Querstraße Calle de Conan Doyle (Conan-Doyle-Straße) heißt.

Erst einmal mag man denken, daß das ja paßt: Conan Doyle, Sherlock Holmes, Detektiv, Polizei. Doch bei auch nur oberflächlicher Kenntnis der betreffenden Geschichten weiß man, daß gerade die Dummheit und Unfähigkeit der Polizei dort ein durchgehendes Thema ist. Dachte jemand in der Stadtverwaltung nicht weit genug oder machte sich jemand über die Polizei lustig? Man weiß es nicht. Und letztlich ist es mit der postmodernen Architektur nicht anders: man weiß nicht, ob sie ein Witz oder ein Mißverständnis ist. Leider ist sie, anders als der lustige Málagaer Straßenname, etwas Schlimmeres und Folgenschwereres.

Die Kathedrale als Schlachtschiff

Die Wasserspeier an der Rückseite der Kathedrale von Málaga sehen aus wie Kanonenrohre. Die Kanonenrohre einer spanischen Galeone, denkt man unweigerlich. Mit solchen Schiffen und Kirchen eroberte Spanien die halbe Welt. Doch sogar hier im äußersten Süden der iberischen Halbinsel hielt es der spanische Katholizismus noch für nötig, die von den Arabern zurückeroberte Stadt architektonisch zu bedrohen, wobei die Kanonen daran das Harmloseste sind.

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Tatsächlich ragt die Kathedrale vom Hafen gesehen wie ein riesiges Schiff aus der Stadt auf, viel höher als alle übrigen Gebäude. Erst das fünfzehngeschossige Hotel Málaga Palacio aus der Francozeit reicht an die Höhe ihres Turms heran und schiebt sich in das Panorama. Wiewohl es als Teil der Blockrandbebauung und mit abgerundeter Ecke für das Jahr 1966 eher konservativ ist, muß man froh darüber sein.

Auf dem prominentesten Kunstwerk, mit dem sich die Stadt ihrer Geschichte widmet – dem 1973 entstandenen großen Glasbild in der Rückwand der verschnörkelt gußeisernen, aber eine maurische Eingangsfassade aufnehmenden Markthalle – sieht man die Kathedrale zwar nicht in ihrer Schiffhaftigkeit, aber vor ihrer und anderer wichtiger Gebäude Fassade sind im Hafenbecken zwei Galeonen gezeigt.

Kanonen sind in Málaga nie fern, aber zum Glück nur noch symbolisch.

Centre Pompidou Málaga

Wieso es im südspanischen Málaga oder irgendwoanders als in Paris ein Centre Pompidou geben sollte, ist schwer zu erklären, aber so ist das eben.

Die andalusische Filiale des berühmten Pariser Museums- und Bibliothekszentrums befindet sich weit im Osten der Stadt. Von der Halbinsel am Hafen, wo die Kreuzfahrtschiffe halten und erst ein weißer Leuchtturm, dann dicht an dicht Wohnhochhäuser stehen, sieht man es in der Ferne noch hinter einer Klippe, die die Strand- und Vorortlandschaft abschließt, als unklaren und fremdartigen Turm.

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Neugierig zumindest macht seine Architektur, hinzukommen jedoch ist nicht ganz leicht.

Es folgt passenderweise auf den zweiten Hügel des sehr teuren Villenvororts El Candado (wörtlich das Vorhängeschloß), der auch einen Jachthafen am Meer und einen Golfplatz im Tal hat.

Aber auch von diesem ist es noch getrennt durch steinige Hänge, wo nach der subtropischen Üppigkeit der Stadt nur noch Kräuter und wenige kleine Bäume unter der südlichen Sonne wachsen, bloß eine letzte Villa schaut neugierig über die Hügelkuppe.

Offenbar ist das Centre Pompidou Málaga noch etwas radikaler in seiner Bemühung, von allem anderen losgelöstes Wahrzeichen seiner Stadt zu sein als die berühmtere Filiale eines anderen Museums im nordspanischen Bilbao.

Es ist ein hohe blaue Stahlkonstruktion, in der silbergraue rohrartige Formen aufgehängt sind, während zwei enorme gelbe Rohre im spitzen Bogen noch nach oben vorstehen und dann parallel außen hinunterführen. Zu diesem Turm kommen verschiedenste Sockelbauten, am auffälligsten ein dicker Betonzylinder mit Zeltdach und vier miteinander verbundene schmalere Betonzylinder mit flachen Abschlüssen.

Wie das ursprüngliche Centre Pompidou als scheinbar industrielle Skulptur aus dem Häusermeer von Paris ragt das Centre Pompidou Málaga aus der rauhen mediterranen Landschaft vor dem Hintergrund des tatsächlichen Meers.

Die architektonische Verwandtschaft jedoch ist offenkundig, wobei es überraschen kann, daß zum vertrauten High-Tech-Stil so viel brutalistischer Beton kommt, aber irgendein Alleinstellungsmerkmal muß es wohl geben.

Wie vielleicht schon deutlich wurde, war alles nach dem ersten Satz  dieses Texts eine Lüge. Das betreffende Gebäude ist tatsächlich Teil einer Zementfabrik mit großem Steinbruch. Sie ist lokal vor allem für Umweltverschmutzung bekannt und ging seit 1990 durch die Hände von italienischem und französischem Kapital, bevor sie vor kurzem als Teil der Heidelberg Cement Group in deutschen Besitz kam.

Ein Vergleich mit dem Pariser Centre Pompidou kann aber einiges über dieses aussagen, denn die architektonischen Gemeinsamkeiten sind ja tatsächlich groß. Im ersten Fall handelt es sich um einen modernen Industriebetrieb, der genau so gebaut ist, wie er zum Erfüllen seiner Funktion eben sein muß, und der keinerlei ästhetische Absichten hat. Im zweiten Fall handelt sich um einen Museumsbau, der die Formen industrieller Architektur für ästhetische Zwecke benutzt. Zwar behauptete die High-Tech-Architektur, eine Architekturmode der späten siebziger Jahre, von der Modulhaftigkeit und Veränderbarkeit der Industriearchitektur inspiriert zu sein, aber das Centre Pompidou war nie modular oder veränderbar; die funktionalen Formen von Industriebetrieben waren in ihm zum Ornament geworden. Das verbindet den High-Tech nebenbei gesagt mit jener anderen Architekturmode der späten Siebziger, der Postmoderne: wo diese die überkommenen Architekturstile bestahl, bestahlt jene die Industriearchitektur. Immer noch besser immerhin war der High-Tech, weil seine Idee eine theoretisch gute war, während die Postmoderne in ihrer gesamten Idee reaktionär war. Beide logen, aber die Postmoderne wollte nie etwas anderes als zu lügen.

All das erzählt der beeindruckende Industriekomplex der Zementfabrik am Rande von Málaga, aber vor allem erfüllt er seine Funktion.

Im Übrigen gibt es das Centre Pompidou Málaga wirklich, aber es steht im Stadtzentrum als wichtiger Angelpunkt der Hafenpromenade und es versucht glücklicherweise nicht, die Formen des Pariser Stammhauses zu imitieren. Es hat einen geschoßhohen Sockel mit nach oben und außen abgeschrägten Wänden, auf dessen mit den Nebenbauten verbundener Terrassenfläche ein gläserner Würfel ruht.

Seine leicht nach unten schrägen quadratischen Scheiben sind abwechselnd transparent, vertikal weiß gestreift, gelb, rot, grün und blau, was sowohl tags bei Sonnenlicht als auch nachts in der von innen strahlenden Beleuchtung eine markante und photogene, aber sehr einfache Form ergibt, die gut an diese Stelle paßt.

Großartige Architektur ist dies nicht, schlechte ebensowenig. Wieso es in Málaga ein Centre Pompidou gibt, ist dennoch nicht zu erklären.

Tauben in Málaga

Die Tauben im südspanischen Málaga sehen nicht anders aus als anderswo, sie verhalten sich auch nicht anders – ihr Leben ist ein stetiger schutzloser Überlebenskampf mit Nahrungssuche, Schlaf und Nachwuchsaufzucht – und doch ist etwas anders an ihnen. Anders sind die Tiere, mit denen sie sich ihren städtischen Lebensraum teilen, anders die Pflanzen.

Ganz im Zentrum ist da etwa eine Eule. Wieso auf einen der Sonnenschirme vor dem McDonald’s an der zentralen Straßenachse, die hier eigenartigerweise Plaza de la Marina (Marineplatz) heißt, eine Eulenfigur gesetzt wurde, bleibt unklar, aber falls es dazu dienen sollte, die Tauben abzuschrecken, hatte es jedenfalls keinen Erfolg.

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Im Gegenteil, die Sonnenschirme sind noch vor den Palmen an der Straße oder den Simsen des Gebäudes der Lieblingsort der McDonald’s-Tauben der Stadt. Weitgehend unbemerkt von den darunter Speisenden sitzen sie am Rand, um auf allfällige Essensreste zu lauern, oder aber sie ruhen sich mit gemütlich unter das Gefieder gefalteten Beinen von ihrem anstrengenden Alltag aus.

Auch im Dunkeln noch – vielleicht, weil das breite Trottoir so hell erleuchtet ist, vielleicht, weil sie eine spanisch-abendliche Lebensart pflegen – ist dieses Treiben der Tauben ununterbrochen.

Tags wie nachts wacht mitten unter ihnen die Eule wie ein ruhiger und weiser Anführer, der eben zufällig einer anderen Spezies angehört.

Die wichtigsten realen Tiere, die außer den Tauben in Málaga leben, sind kleine grüne Papageien. Sie wirken hier vielleicht nicht einmal exotisch, da es ähnliche auch in weit kühleren Gegenden wie niederländischen und westdeutschen Großstädten gibt. Allerdings sind es dort afrikanisch-asiatische Halsbandsittiche und hier südamerikanische Mönchssittiche. Da beide im Flug ohnehin zu grünen Blitzen verschwimmen, sind nicht die Unterschiede in Größe und Aussehen, sondern die in ihren Behausungen bedeutend. Die Mönchssittiche nämlich wohnen in den Palmen, die in Málaga, ob in Parks, an Straßen im Zentrum oder auf einem Parkplatz beim Strand in Pedregalejo, häufiger als Bäume sind.

Anders als Halsbandsittiche, die in Baumhöhlen nisten, oder als Tauben, die mit Mühe ein paar Zweige an halbwegs geschützten Stellen übereinanderlegen, flechten diese Papageien Zweige zu kunstvollen und großen Nestern, wahren hängenden Höhlen, aviären Penthäusern – und zwar unter den Kronen der Palmen.

Dies nun kommt den Tauben, denen schon die verholzten Ansätze abgestorbener Palmwedel leidlich breite und ebene Sitzflächen bieten, die sie an Gebäudenischen und -simse erinnern mögen, sehr gelegen. Wie sonst die Baukunst der Menschen ist es hier die der Papageien, die den Tauben geeignete Orte zum Ruhen und vielleicht auch Nisten bietet. Da sie nicht das Innere, sondern nur die mit den flachen Teilen der Palmen verbundenen Dächer der Nester nutzen, kann man sogar von einer Art symbiotischen Verhältnis sprechen. Ob dieses auch den Papageien dient, ist dabei unwichtig, da sie schlichtweg zu klein sind, um etwas gegen die Tauben ausrichten zu können und es entsprechend auch nicht versuchen. Wenn man in Málaga auf einer Palme Tauben und Papageien sieht, dann zwar oft in großer Nähe, aber nicht eigentlich gemeinsam.

Eulen, Papageien, Palmen und spanischer Lebensart sei Dank sind die Tauben von Málaga also anders als ihre nördlicheren Artgenossen, aber genauso sympathisch.

Zum Abschluß noch zwei Málagaer Suchbilder mit Tauben und Papageien (zum Vergrößern anklicken):