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Klosterneuburg und sein Drache

In Klosterneuburg gibt es einen Drachen.

StiftKlosterneuburgDrache

Um ihn gut zu sehen, muß man den Kopf in den Nacken legen und nach oben blicken, denn er ist Teil eines gotischen Kunstwerks im roten Stein unter einem Fenster.

StiftKlosterneuburgLöweFenster1

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

In der Mitte ist da ein Mensch, der die Arme zu einem Wappenschild links und einem rechts ausstreckt. Weiter links sitzt ein Löwe und weiter rechts der Drache. Auch sie greifen zu den Wappenschildern und sind nur ihretwegen da. Aber der Drache ist anders als der Mensch oder der Löwe. Er wirkt auf überraschende Art lebendig und – niedlich. Mit seinem auf dem langen Hals vorgestreckten Kopf scheint er sich spielerisch am Wappenschild zu reiben und die zarten, wie durchsichtigen Flügel verraten, daß der Bildhauer schon einmal eine Fledermaus aus der Nähe gesehen hat. Er wirkt gar nicht wie die Miniatur eines schreckeneinflößenden Fabelwesens, sondern wie eine lebensgroße Darstellung eines ganz realen und harmlosen Tiers, das nur zufällig nicht bekannt ist. Der niedliche kleine Drache scheint geradezu Teil einer spezifisch Klosterneuburger Fauna zu sein. Doch er ist zugleich eine letzte Erinnerung an diese, da sie ausgestorben ist. Lebendiges oder Niedliches gibt es in Klosterneuburg sonst nicht.

Der Name sagt bereits alles: Klosterneuburg ist eine Stadt, genauer gesagt eine Stadtgemeinde, die ganz auf ein Kloster, das Stift Klosterneuburg, ausgerichtet ist. Ihre alten Teile legen sich in einem Bogen um das auf einer felsigen Anhöhe über der Donau thronende Stift.

Im Norden ist der untere Teil des Orts, dessen Zentrum der langgestreckte Stadtplatz bildet. Das Stift sieht man von hier nicht, aber aus der großen barocken Dreifaltigkeitssäule ragt unter den Füßen von Gott und Jesus, wo die Welt sein könnte, eine schwarze Kugel hervor, auf der in Gold das Wappen des Stifts, eine Art umgedrehtes T, zu sehen ist.

StiftKlosterneuburgDreifaltigkeitssäuleDetail

Von den zum Kierlingbach führenden Gassen dann sieht man das Stift als mächtige Kathedrale mit zwei gotisch-neogotischen Türmen.

StiftKlosterneuburgBlickStadt

Zum oberen Teil der Orts führt eine enge und steile Straße, die aber schon die Verbreiterung eines noch engeren und steileren Wegs ist. Obwohl der Rathausplatz, das Zentrum des oberen Teils, direkt westlich neben dem Stift ist, scheint es eigenartig fern. Man sieht jenseits des Platzes außer den Türmen viel von einem riesigen barocken Gebäude mit riesiger Kuppel, aber spürt, daß es sich nicht an Klosterneuburg richtet.

Und in der Tat zeigt seine Hauptfassade von der Stadt weg nach Südosten, zum Fluß, zur heranführenden Straße und letztlich: nach Wien.

StiftKlosterneuburgBlickWien

Von dort und von den dorther Kommenden, nicht vom kleinen Klosterneuburg, will diese Fassade des Stifts gesehen werden.

StiftKlosterneuburgLöweFensterBarockerTeil

Vier Geschosse ist sie hoch, doch schon an der rechten Ecke wird sie noch ein weiteres Geschoß höher und enthält eine kupferne Kuppel mit Krone. Im linken Teil wölbt sie sich halbrund hervor, im unteren der beiden riesigen Geschosse Säulen, im oberen Pilaster, vor dem Dach viele Skulpturen und als Abschluß eine noch höhere Kuppel mit noch größerer Krone.

StiftKlosterneuburgBarockerTeilLinks

Es ist eine Fassade, die Macht ausdrücken und einschüchtern soll. Nichts Menschliches dort, bloß Monumentalität. Es ist Barock in seiner reaktionärsten Ausprägung. Gemildert und gebrochen wird die Wirkung einzig dadurch, daß das Gebäude unvollendet blieb. Der halbrunde Teil sollte offenkundig die Mitte sein, doch der linke Abschluß und auch andere Teile einer wahnwitzigen kaiserlichen Planung aus den 1730er Jahren wurden nie gebaut, was ein Glück für Klosterneuburg und die Welt ist.

Aber je näher man das Stift betrachtet, desto mehr merkt man, daß die bösartige Monumentalität des barocken Teils keine Verirrung war, sondern leider zu den übrigen Teilen paßt. Sie scheint geradezu das Vorbild für alle historistischen Umbauten des späten 19. Jahrhunderts gewesen zu sein. Daß die Türme einschüchternd hoch und vertikal sind, gehört eben zum Wesen der örtlichen Gotik, aber an der Seite der Kirche werden auch die üblicherweise so schlichten romanischen Säulen zu eigentümlich monumentalen Pilastern.

StiftKlosterneuburgNeoromanischerTeil

Es scheint, als haben sich im Stift Klosterneuburg alle Baustile von ihrer schlechtesten Seite zeigen wollen.

Ganz so ist es jedoch zum Glück nicht. In einem großen, aber von außen gänzlich unscheinbaren Teil bietet der Leopoldihof Erholung. Direkt neben den Türmen tritt man durch ein Tor

StiftKlosterneuburgLöweFensterEingangLeopoldihof

und mit einem Mal zeigt sich die Gotik schlicht und funktional.

StiftKlosterneuburgLeopoldihof

Ein reich verzierter Erker wirkt hier als Schmuckstück,

StiftKlosterneuburgErker

während ein großes spitzbögiges Fenster mit Strebebögen gar schon ein bewußter Versuch der Renaissance ist, mit gotischen Formen ein Schmuckstück zu schaffen.

StiftKlosterneuburgNachgotischesFenster

Und hier, fast versteckt neben dem Erker, hat auch der Drache seinen Platz gefunden.

StiftKlosterneuburgLöweFensterGesamt

Es ist als versteckte er seinen niedlichen kleinen Körper vor all dem Bösen und Monumentalen draußen. Fast würde man ihm wünschen, er könne wegfliegen. Verdient hat ihn Klosterneuburg nicht, aber er ist großzügig und bleibt.

StiftKlosterneuburgLöweFenster2

Klosterneuburg in einer Villa

Es gibt Gebäude, deren Perfektion man gleich beim ersten Blick erkennt. So diese Villa in Klosterneuburg.

BlickSachsengasseVillaKlosterneuburg

Sie ist bei diesem ersten Blick nur eine rechteckige weiße Wandfläche mit einem großen Fenster, die sich nur ganz leicht schräg, aber doch ganz deutlich von links in die Achse der steilen Sachsengasse schiebt.

VillaKlosterneuburg

Beim Näherkommen sieht man ein halb im Hang verstecktes Sockelgeschoß, einen freistehenden steinverkleideten Kamin und einen Balkon, der von diesem und dünnen weißen Stützen getragen wird, doch das ist unwichtig. Diese Villa ist nur diese weiße Wand mit Fenster und die Aussicht daraus.

Nun gibt es Häuser, die weiter oben am Nordhang des Leopoldsbergs stehen und eine bessere, umfassendere Aussicht haben. Es sind größtenteils auch keine Villen, sondern vermischte Einfamilienhäuser oder Gartenlauben, die so errichtet sind, als wüßten sie von der Aussicht nichts und das vielleicht auch nicht tun. Es gibt sogar hoch oben auf einem riesigen kahlen Grundstück den traurigen Anblick eines neuen Fertighauses der billigsten Machart, das ein Drittel seiner Fassade für eine Doppelgarage verschwendet.

TraurigesHausKlosterneuburg

Doch auch die wenigen neueren Villen, die offenkundig um sie wissen, haben eine Aussicht, die sich nicht auf Klosterneuburg beschränkt, sondern die gesamte Donaulandschaft nördlich von Wien umfaßt.

BlickKlosterneuburgKorneuburgUmgebung

Die ist am Tag ein trostloses Suburbia und in der Nacht ein Lichtermeer. Tags wie nachts aber ragt das Kraftwerk in Korneuburg am rechten Ufer so prominent aus ihr wie das Stift Klosterneuburg am linken. Und das ist der Unterschied zur Villa.

Durch das Fenster in der weißen Wand sieht man nicht einmal nur Klosterneuburg, nein, man sieht nur das Stift.

BlickVillaStiftKlosterneuburg

Das Wahrzeichen der Stadt, der Grund und jahrhundertelang auch einzige Inhalt seiner Existenz, in diesem Fenster ist es wie gerahmt. Eigentlich ist das gar kein Fenster, sondern ein Bilderrahmen um das Stift Klosterneuburg. Die Türme und Kuppeln des Stifts werden in die Villa hineingeholt, Romanik, Gotik, Barock werden Teil dieser scheinbar so kühlen Architektur aus den Fünfzigern, Sechzigern. Das ist architektonische Perfektion.

Es ist allerdings eine Perfektion, die gänzlich unproduktiv bleibt. Die Villa nimmt sich das Beste der Stadt, gibt aber nichts zurück. Das kann sie auch nicht, sie ist bloß ein privater Wohnsitz auf einem privaten Grundstück, den nichts grundsätzlich von seiner banalen Umgebung unterscheidet. Nicht einmal Lehren kann man aus ihr ziehen, da Gebäude, die einer größeren Zahl Blicke auf Klosterneuburg schenkten, ganz anders aussehen müßten. So handelt es sich um eine zutiefst bürgerliche, elitäre Architektur, um ein ganz nutzlos strahlendes Kleinod.

Unweigerlich wünschte man sich, daß der Erbauer jemand gewesen sein möge, der dem Gebäude gerecht würde, ein wegen Verfehlungen des Stifts verwiesener Mönch, der ihm dennoch nahe sein wollte, letzter dekadenter Sproß eines uralten Adelsgeschlechts, ein verhinderter Prinz Eugen, der sich wenigstens ein zeitgemäßes Belvedere bauen ließ. Die Realität wird, wie meist, prosaischer sein: ein Bauherr mit viel Geld und genug Geschmack, einem Architekten, der ein wenig von seiner Zeit begriffen hatte, beim Bau freie Hand zu lassen. Aber es sind eben Gebäude wie dieses, die die Phantasie anregen.