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Tschechoslowakische Bahnhöfe: Klatovy

Um die Großartigkeit der typischen tschechoslowakischen Bahnhöfe zu rühmen, darf man auch die mißlungenen Beispiele nicht verheimlichen. Wenige sind so mißlungen wie der Bahnhof von Klatovy.

Von der Bahnstrecke aus sieht man ihn kaum, was noch nichts Ungewöhnliches ist. Das Gebäude steht stattdessen quer zu den Gleisen und wendet sich ganz dem weiten Vorplatz zu. Unter einem hohen Walmdach und einer Bordüre mit breiten vertikalen Streifen ist in der Mitte eine Fläche aus hohen Streben und schmalen vertikalen Fenstern, die dreieckig vorstehen. An den Seiten sind leicht nach vorne und nach außen versetzt Teile mit vertikalem Streifenmuster, auf denen Sandsteinreliefs des Stadtwappens hängen.

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Vorgesetzt ist ein niedrigerer Teil, aus dem vor den Seitenteilen zwei kleine Satteldächer ragen wie um die Sandsteinreliefs im Erdgeschoß, die links Bäuerinnen und rechts eine Schneiderin mit Kundin zeigen, zu markieren.

Noch davor ist ein Vordach aus Beton, das auf mittigen runden Stützen geschwungen aufsteigt und halbrund endet. Es verläuft vor dem Bahnhofsgebäude und ebenso beidseits des Platzes, wo es links Bushaltestellen und rechts den ersten Bahnstein überdacht.

Die vage historistischen Formen des Bahnhofs Klatovy sind weniger monumental als schlichtweg bieder und volkstümelnd. Sie erinnern an postfaschistische italienische Architektur der Fünfziger oder schlimmer noch an das Schlechteste der Architektur im nahen Westdeutschland. Trotz dem eleganten Vordach sind sie kaum anders als reaktionär zu nennen.

Aus Autorenkollektiv: Klatovy – město a okolí, Praha 1988

In der großen Halle im Inneren setzt sich die Biederkeit fort. Sie ist durchaus nicht monumental, ockerfarbene Kachelverkleidung trennt den unteren, für den Besucher konkret erlebbaren Bereich mit Ein- und Ausgängen, Schaltern, Toiletten vom weiß verputzten oberen, der nach einem Streifen mit Laufsprechern und Lampen eine feine vertikale Riffelung hat.

An der linken Schmalseite steht die Skulptur eines blumenverteilenden Mädchens auf einer schmalen hervorstehenden Fläche, während an der Breitseite gegenüber den Eingängen ein langgestrecktes Wandbild ist.

Es soll wohl ein Panorama der sozialistischen Gesellschaft sein, neben der Stadtsilhouette gibt es auch einen Traktor und Neubauten, wirkt  jedoch, vielleicht nur wegen der fast völlig fehlenden Farben, noch lebloser als ein Stich in einem Rentnerwohnzimmer. Auf dem Boden sind Fließen, die weißgraue quadratische Flächen zwischen roten Linien bilden, und an der Decke ist Holzverkleidung in großen Karofeldern.

Sogar die holzgefaßten Lautsprecher erinnern an Radioapparate eines Modells, das in den späten Fünfzigern schon lange nicht mehr modern gewesen wäre.

Daß er seine Funktion erfüllt, ist beinahe das einzig Positive, was sich zu diesem Bahnhof sagen läßt.

Er leitet von den Bahnsteigen durch einen breiten und hellen Tunnel ins Gebäude, von dort weiter nach draußen zu unter dem Vordach gut zugänglichen Bussen, Taxis oder Autos oder in das Wohngebiet, das sich links am Hang erstreckt und durch dieses ins entfernte Stadtzentrum.

Zudem gibt es einige hübsche Details. Im Stadtwappen auf der Fassade ist das eigentliche Schild mit den beiden Türmen gerahmt von einem Zahnrad, um das sich ein Band windet und das dann links von einem Lindenzweig, rechts von einer Ähre und oben von einem geflügelten Rad überdeckt ist. Das Alte ist im Neuen aufgehoben, was ein deutlich besseres Symbol für den Sozialismus in Klatovy ergibt als die Reliefs oder das Wandbild und, wohl zufälligerweise, genau der tatsächlichen Stadtstruktur entspricht.

Die Uhr an der linken Schmalseite der Halle besteht aus wenig mehr als den großen Zeigern und in Kreisflächen gefaßten Zahlen, was denen des großartigen Bahnhofs Pardubice entspricht.

Und wie das Wort „Odjezd“ (Abfahrt) in der Rundung der Wand des zum Bahnsteigtunnel führenden Gangs steht und die Bewegung des Reisenden vorwegnimmt, ist sogar vorbildlich.

Nichts davon hilft, der Bahnhof Klatovy, 1959 eröffnet, ist ein mißlungener Bau, der der Tschechoslowakei nicht würdig ist. Eine Gedenktafel erinnert in der Halle an die Opfer sowohl des „Luftangriffs im Jahre 1945“ als auch an die Opfer der „Gefangenschaft in der Zeit der Unfreiheit“. Beides ist nicht näher definiert, da wohl jeder wußte, daß es ein alliierter Luftangriff auf einen deutschen Munitionszug war, der den alten Bahnhof in den letzten Kriegstagen zerstörte, während es sich um Gefangenschaft in deutschen Lagern und Gefängnissen handelte.

Ausweißlich des neuen Bahnhofs müßte man urteilen, daß sich das Opfer nicht gelohnt hat, doch es gibt in Klatovy wie im ganzen Land glücklicherweise ja viel mehr. Gut dennoch, daß man den Bahnhof von den Gleisen aus kaum sieht.

Klassenkampf in Klatovy

Städtebau ist immer ein wichtiges Mittel des Klassenkampfs. Le Corbusier, dem nichts ferner lag als Klassenkampf, beschrieb in Punkt 13 und 14 der Charte d’Athènes (Charta von Athen), wie die Villen der Reichen immer die Lagen mit der besten Luft und Aussicht einnehmen, während für die Mietskasernen der Armen die dreckigsten und dunkelsten Lagen bleiben. Auch in Klatovy im südlichen Westböhmen ist das so. Während die Luftverhältnisse schwer zu beurteilen sind, ist es die Aussicht sofort. In Klatovy hat man den besten Blick auf die Altstadt von Osten her. Den schwarzen und den weißen Turm, die Türme der Jesuitenkirche und der Dominikanerkirche, das Rathaus und die gotische Kathedrale sieht man hier hinter erhaltenen Teilen der Stadtmauer aufragen.

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Es ist ein Postkartenblick und er gehörte ganz selbstverständlich einem Villenviertel aus der ersten Republik. Waren die Villen eher bescheiden, so war der Blick umso exklusiver. Doch dann kam der Sozialismus und er baute direkt gegenüber den Maueranlagen einige sechsgeschossige Wohngebäude.

Wenn man vom weißen Turm und der Kathedrale durch ein Tor im ersten Mauerring geht, eingelullt vielleicht vom ach so schönen Alten, das in vielen Details in Wirklichkeit aus dem 19. Jahrhundert stammt, kann es ein Schock sein, jenseits der Grünanlage und des zweiten Mauerrings die betongrauen Fassaden, die durch zurückgesetzte Gitterbalkone rhythmisiert sind, zu sehen. Das ist eine selbstbewußte Architektur und Stadtplanung, die das Alte respektiert, aber ihm ohne Zögern das Neue gegenüberstellt. Wenn man die Straße Štorchova im Villenviertel entlanggeht, wirken die sozialistischen Gebäude wie eine Mauer aus Beton.

Das ist ein ungewöhnlich starkes Beispiel städtebaulichen Klassenkampfs. Der Blick der Villen auf die Altstadt wurde enteignet und statt weniger Bürger können ihn nun viele Proletarier genießen. Auch ist die Mauer keine Mauer, da es einen Durchgang gib, durch den tretend man die Stadtmauer und einige Türme vor sich hat.

Selbstverständlich können auch in diesen Gebäuden nur relativ wenig Menschen wohnen und können auf einer Bank vor einem anderen nur wenige Besucher den Postkartenblick erleben, sie bleiben mehr ein Symbol der neuen Machtverhältnisse in Klatovy.

Es paßt, daß beim nördlichen Ende dieser Gebäude eine kleine barocke Kapelle steht, die auch eine Wegachse durch ein folgendes kleines Wohngebiet mit vier- und achtgeschossigen Gebäuden abschließt.

Diese viel zierlichere alte Architektur vor den Stadtmauern, zu der Skulpturen von Maria und dem heiligen Václav kommen, wird von der Architektur des Sozialismus ganz wie der Blick auf die Altstadt in sich aufgenommen, damit beide schöner werden.

Das städtebauliche Konzept, die Altstadt so weit wie möglich mit fortschrittlicher Architektur zu umrahmen, ist auch im folgenden deutlich. Allerdings führt hier eine mehrspurige Schnellstraße mit großen Kreuzungen durch die Stadt. Wenn hier neue Bebauung vor der alten steht, hat sie eher den Effekt, diese vom Verkehr abzuschirmen, während der Blick hinauf in die Altstadt ohnehin weniger gut ist. Aber bald ist die Altstadt nicht mehr so wichtig und, ob in aufgereihten Achtgeschossern am Fluß oder in ganzen Wohngebieten, ist es offenkundig, daß der Sozialismus den Kampf gewonnen hatte.