Archiv für den Monat September 2019

Die Autobahn über dem Schloß

Man kann Schloß und Autobahnbrücke in Velké Meziříčí nur zusammen betrachten. Egal, aus welcher Perspektive man auf das Schloß blickt, die Autobahnbrücke wird sich unweigerlich ins Bild schieben. Dieses Beieinander ist nur ein Zufall, aber ein Glück für Velké Meziříčí. Schlösser schließlich gibt es in Tschechien hunderte, ein Schloß unter der Autobahn, das ist etwas Besonderes!

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Das Schloß ist denn auch kein weiter bedeutender Bau.

Etwas Renaissance, etwas Barock, einige noch ältere Überbleibsel und manche neuere Umbauten.

Gelegen halbhoch an der Ecke zwischen dem rechts abzweigenden Tal der Oslava und dem weiterführenden Tal der Balinka, den beiden Flüssen, die Velké Meziříčí den Namen geben (meziříčí bedeutet in etwa „zwischen den Flüssen“). Ein Schloß wie viele.

Ganz anders ist es mit der Autobahnbrücke. Auf hohen Stützen spannt sie sich über das Tal der Oslava, ein schlankes TT hinter dem Schloß. Je näher man ihr kommt, desto faszinierender wird die Konstruktion.

Es ist strenggenommen nicht eine, sondern zwei Brücken. Die je zwei Fahrspuren in die jeweiligen Richtungen haben ihre eigenen massiven Betonpfeiler mit H-förmigem Grundriß und zwischen ihnen ist ein kleiner, aber deutlicher Zwischenraum.

Während die Pfeiler aus Beton sind, sind die Fahrbahnelemente aus Stahl. In der Mitte, wo sie auf den Pfeilern ruhen, sind sie dick, an den Seiten hingegen wirken sie geradezu filigran, wie leichte Flügel, die den Autoverkehr tragen. Zu den zwei von weither sichtbaren Pfeilerpaaren, die nur etwas oberhalb der Talsohle im Hang stehen, kommen weiter oben zwei weitere, viel kürzere Paare, die hinter Bäumen eher versteckt sind. Erst, wenn man oben bei diesen steht und die Länge der Brücken/Brücke entlangblickt, merkt man, daß ihre Fahrbahnen nicht völlig gerade, sondern in leichtem Schwung verlaufen.

Nicht nur für die Stadt im Ganzen, sondern auch für das Schloß im Besonderen ist die Autobahnbrücke ein Glück. Wie ein Rahmen aus Beton und Stahl legt sie sich um das Panorama des Schlosses und macht es zu mehr, als es sonst wäre.

Das ist ein ganz freundlicher, beiläufiger Antifeudalismus, nicht mehr als ein erfreulicher Nebeneffekt davon, daß die sozialistische Tschechoslowakei 1978 das fortschrittliche Bauwerk, das sie zur Vervollständigung der Autobahnverbindung von Prag nach Bratislava brauchte, baute. Kein Zweifel, daß sie stolz darauf war, immerhin war es die längste und höchste Brücke der Autobahn D1. Auch das heutige Velké Meziříčí bekennt sich, wie man ihm zugute halten muß, zu seiner Autobahnbrücke. Neben Schloß und Kirchturm ist sie stilisiert auf dem Orteingangsschild abgebildet.

Aber einst hatte dieser Stolz auf die Brücke noch einen anderen, gleichsam städtebaulichen Ausdruck. Am Hang hinter dem Schloß erstreckt sich ein großer, eher stiller Landschaftspark mit alten Bäumen, etwa einer riesigen gespaltenen und deshalb hohlen Linde.

Ganz am oberen Ende des Parks wurde eine überdachte hölzerne Aussichtsplattform errichtet. Und Aussicht bot sie auf die Autobahnbrücke. Dank der Position etwas unterhalb der Fahrbahnen konnte man von dort sowohl alle Aspekte der Konstruktion als auch ein wenig vom Verkehr sehen. Schloß und Autobahnbrücke, im Stadtbild ohnehin untrennbar verbunden, bekamen so eine weitere Verbindung.

Heute ist die Aussichtsplattform halb abgesperrt und in bedenklichem Zustand, während ihre Aussicht mit Bäumen zugewachsen ist. Sie war ja auch nie wichtig, sie war nur ein Detail, ein Beispiel der Liebenswürdigkeit des Sozialismus.

Schloß und Autobahnbrücke bleiben das Wahrzeichen von Velké Meziříčí.

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Ein tschechischer Film in Sopot

„Czeski film“ (tschechischer Film), das ist im Polnischen ein Ausdruck für etwas Unverständliches und Merkwürdiges. Es wäre nicht schwer, sich vorzustellen, daß er entstand, als in den späteren Sechzigern das Kinopublikum im konservativen Polen mit den Werken der tschechoslowakischen nová vlna (neuen Welle), vielleicht Věra Chytilovás großartigen „Sedmikrásky“ (Gänseblümchen), konfrontiert wurde. Tatsächlich ist er etwas älter und entstand durch den Film „Nikdo nic neví“ (Niemand weiß etwas) von 1947. Wie beliebt diese Slapstickkomödie um die Bemühungen zweier Straßenbahner, im besetzten Prag einen scheinbar toten sudetendeutschen SA-Mann loszuwerden, in den anderen jungen Volksdemokratien war, mag man schon daran erkennen, daß gegenwärtig bei YouTube nur die polnische und die ungarische Fassung, nicht aber das Original zu finden sind. Aus dem polnischen Titel „Nikt nic nie wie“ entstand die Wendung „To jak czeski film – nikt nic nie wie“ (Das ist wie der tschechische Film – niemand weiß etwas), wovon meist bloß noch „czeski film“ bleibt. Noch immer ist der Ausdruck vielleicht nicht allzu gebräuchlich, aber gewiß bekannt.

Was lag also näher, als ein tschechisches Restaurant so zu benennen und um der Exotik willen gleich tschechisch geschrieben: „Český Film“? Ein solches Restaurant gibt es in Sopot und es hatte das Glück, ein dem Namen angemessenes Gebäude zu finden. Beim Ende der Fußgängerzone Bohaterów Monte Cassino (Straße der Helden von Monte Cassino) steht kurz vor den Gleisen ein Eckbau: verglastes Erdgeschoß, deutlich überstehendes hohes Obergeschoß mit unmerklich zur Straße ansteigendem Pultdach, weißem Putz und weit oben einem Band schmaler horizontaler Fenster in vorgesetzten Rahmen. So wie unten das Glas die Ecke umläuft, tut es oben eines der Fenster.

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Angesichts des weitgehend öffnungslosen Baukörpers kann man sich gut vorstellen, daß es sich um ein ehemaliges Kino handelt. Wenn man dazu auf dem weißen Putz in schwarzen Buchstaben „ČESKÝ ° FILM“ liest, beginnt die Architektur sogar an die tschechoslowakischen dreißiger Jahre zu erinnern.

So fremd und neu wie ein Werk des Brnoer Funktionalismus steht das Kino zwischen den kaiserzeitlichen Mietshäusern Sopots.

Zugleich weiß man, daß diese tschechoslowakische Impression nicht der Realität entsprechen kann, und daß das Gebäude tatsächlich viel neuer sein muß, denn die Architektur der Freien Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk, zu der Sopot in der Zwischenkriegszeit gehörte, war fast nie so avanciert wie die der Tschechoslowakei. Allgemein sind Gebäude nur selten älter, als man sie einschätzt, für gewöhnlich ist es andersherum. In Wirklichkeit stammt das Gebäude aus den späten Sechzigern und war auch nie ein Kino, sondern beherbergte einen Laden der Firma Baltona, die gegen Devisen westliche Waren und andere Luxusgüter verkaufte. Doch die Betreiber des Restaurants Český Film verstanden offenbar den Wert ihres Gebäudes. Statt, wie es naheliegend gewesen wäre, das Tschechische durch bierselige Rustikalität auszudrücken, fanden sie es in der sachlichen Architektur, die sie mit der schnörkellosen wie markanten Schriftart des Namens gleichsam vervollständigten. So versetzten sie das Gebäude in der Zeit und im Ort. Dank dieser Subtilität hat Sopot heute eine wahrhaftige tschechische Exklave, nicht bloß kulinarisch, sondern auch architektonisch.

Daß neben dem Restaurant heute der Eingang eines „Gentleman’s club“ ist, schafft immerhin auch einen Bezug zu aktuellerem tschechischen Filmschaffen anderer Art.

Veszpréms Zentrum – Verbindungen

Das Denkmal ist der dezente Mittelpunkt von Veszpréms Zentrum und es endet mit ihm noch lange nicht. Etwa auf der Höhe, wo links des Boulevards das Kaufhaus Bástya steht, endet rechts das Wohngebäude und weiter nach rechts öffnet sich neben ihm ein breiter abzweigender Weg oder zweiter Platz. Ihn rahmen üppige Beete und seinen Abschluß bildet das Vár áruház (Warenhaus Vár [Burg]), das eine neue Fassade hat.

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Der prägende Bau ist hier die Post, die nach dem Ende des Weg-/Platzbereichs vom Boulevard abzweigt, aber auch in ihn vorragt.

Ein dreigeschossiger Bau nur, das Erdgeschoß beim Eingang zum Boulevard hin in Kolonnaden mit Doppelstützen aufgelöst, sonst hinter den Beeten versteckt, das zweite Geschoß um die Fensterbänder mit braunem Metall verkleidet und das dritte Geschoß als schräger brauner Dachaufbau weit zurückgesetzt. Auf ihm steht vorne in silbernen Metallbuchstaben das Wort „Posta“ (Post), das man so schon von Weitem bemerkt.

Als gänzlich unpolitisches Gegenstück zum Kunstwerk auf dem Platz ist an der Ecke ein unregelmäßig abgerundetes Brunnenbecken, in dem im Kreis drei Frauen mit großen Hintern stehen. Das Wasser läuft von einer Platte, die eine Frau über dem Kopf hält, über zwei weitere Platten, die zwei weitere Frauen auf unterschiedlichen Höhen in den Händen halten.

Links schließen an das Kaufhaus Bástya vier weitgehend identische zweigeschossige Ladenpavillons mit vorgesetztem Obergeschoß an, zwischen denen schmale Gassen oder Passagen, mal überspannt von Betongittern, mal mit freistehenden Treppen, abzweigen.

Der dritte der Pavillons bildet den Sockel des zwanziggeschossigen Hochhauses, das von allen bisher dargestellten Teilen des Zentrums auf die eine oder andere Art zu sehen war. Um die Ecke der neben ihm beginnenden Gasse hängt ein großes Backsteinrelief von Árpád Csekovszky aus dem Jahre 1976, das verschachtelte historische Stadtlandschaften und Wappen zeigt. Um deren Bezug zu Veszprém zu erkennen, muß man aber entweder die Stadtgeschichte sehr gut oder den Titel „A régi városközpönt emlékére“ (Zum Gedenken an das alte Stadtzentrum) kennen.

Rechts tritt das Gebäude der Post nach den Kolonnaden des Einfangs weit zurück und für seinen nunmehr parallel zum Boulevard verlaufenden Abschluß schließt es mit einem nachgeahmten Satteldach genau an das tatsächliche eines alten Häuschens an. Auf dem Dachaufbau ist zu dieser Seite ein silbernes Posthorn.

Schon gegenüber von den letzten Pavillons stehen am abfallenden und leicht nach links abbiegenden Boulevard dann rechts nur noch überkommene Häuser.

Unten an der großen Straße endet der Boulevard des sozialistischen Zentrums und das kapitalistische Veszprém beginnt. Bald kann man von der Straße aber wieder nach rechts gehen, wo man bald die auf einem schmalen Fels ins Land ragende Altstadt erreicht.

Das neue Veszprém ist mit dem Alten geradezu verzahnt und der Übergang ist völlig bruchlos. Wie als Symbol dafür steht von unten gesehen eine kleine weiße Kirche mit spitzem Turm am Hang direkt vor dem transparenten und schwarzen Hochhaus.

Schon, wenn dies alles wäre, wäre das Zentrum ein großartiges fortschrittliches Stadtensemble in würdiger Nachfolge der Lijnbaan, um das auch größere Städte Veszprém beneiden können. Aber da ist mehr. In fast alle Richtungen folgt auf die Gebäude des Boulevards noch mehr, nicht umsonst gibt es all die abzweigenden Wege. Jenseits des Wohngebäudes erstreckt sich, wie ja schon vom Busbahnhof gesehen, ein kleines Wohngebiet. Üppige Grünflächen mit hohen Bäumen zwischen drei quer aufgereihten fünfgeschossigen Gebäuden, eine ganz typische Anlage, harmonisch und ruhig, wie sie überall stehen könnte.

Hier aber trennt nur das höhere Wohngebäude, das zu dieser Seite Laubengänge und milchig verglaste Treppenhäuser hat, vom belebten Boulevard und dank den beiden großen Durchgängen sind es nur Schritte zu ihm.

An der anderen Seite des Wohngebiets steht das genannte Punkthaus und, parallel zu dem am Boulevard, aber deutlich versetzt zu ihm und bis hinter das Warenhaus Vár reichend, ein sechsgeschossiges Gebäude.

Hier müssen wohl die bestgelegenen Wohnungen der Stadt sein, denn bereits vom vor ihm verlaufenden Weg, der nach einer Stufe im Terrain als Terrasse weiterführt, schaut man über Schulen niedriger am Hang und das Tal zu den Türmen der Altstadt.

Um die älteren Teile der Stadt zu erreichen, muß man auch nicht den beschriebenen Weg nehmen, da etwa parallel dazu zwischen Warenhaus Vár, das die Burg schon im Namen trägt, und der anderen Seite der Post eine weitere Verbindung verläuft.

Ein Durchgang führt durch ein L-förmiges Gebäude mit Läden, das in einfachen Formen – nur weißer Putz, aus dem Dach ragende spitze Fenster und schräge Dächer über den Schaufenstern – in den Hang gesetzt ist. Hinter den alten Häusern am Boulevard sind dann oft keine privaten Hinterhöfe, sondern öffentliche Bereiche mit kleinen, oft historisierend gestalteten Gebäuden, die wohl aus den späten Achtzigern stammen.

So gelangt man ohne Straßen zu berühren in die ebenfalls den Fußgängern vorbehaltene Altstadt.

Jenseits der Pavillons schließlich ist ein Verwaltungsbau, der durch verschiedene Terrassenstufen und vieleckigen Grundriß sehr bewegt, aber durch Fensterbänder und weiße, unten schräg vortretende Verkleidungsbänder sehr einheitlich wirkt. Er ist jedoch eher der Kurve der Straße als dem Zentrum zugewandt.

Insgesamt ist Veszpréms Zentrum beinahe makellos zu nennen. Die Stadt scheint seinen Wert zu kennen, denn sogar die jüngst stattgehabte Sanierung richtete keinen Schaden an. Auch, daß auf dem Platz die vulgäre nationalistische Büste eines Königs gesetzt wurde, läßt das sozialistische Kunstwerk im Kontrast nur noch mehr erstrahlen. Vom ersten Anblick bis ins letzte Detail, vom Busbahnhof bis zum Übergang in die älteren Teile der Stadt, von Architektur bis Kunst – Veszpréms Zentrum ist vorbildlicher fortschrittlicher Städtebau.

Veszpréms Zentrum – Kunst

Auf dem Platz in der Mitte von Veszpréms Zentrum steht ein Kunstwerk, das es noch klarer zum sozialistischen Zentrum macht.

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Sein niedriger Sockel ist quer zum vorbeiführenden Boulevard in die Treppe gesetzt und mit demselben hellen Sandstein verkleidet, aus dem die Skulptur gefertigt ist. Es ist der Mittelpunkt des Platzes, wurde aber nicht in seiner Mitte, sondern in seinem rechten Teil näher zum Kaufhaus Bástya angeordnet.

Frei und allansichtig steht die Skulptur auf dem Platz, hat aber doch klar Anfang und Ende. Der Inhalt ist dabei einfach genug, um schnell erfaßt zu sein, und detailreich genug, um längere Betrachtung zu belohnen.

Schaut man von der Seite auf sie, zeigt sie von hinten nach vorne Teile der ungarischen Geschichte in verschiedenen verbundenen Figuren.

Als erstes nach hinten und zu den Seiten blickend eine Gruppe mittelalterlicher Kämpfer und ein Mönch mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, der eine Schriftrolle mit lateinischer Schrift, eine Urkunde, präsentiert. Als nächstes ein Reiter, ebenfalls mittelalterlich, ein Ritter, auf sich aufbäumendem Pferd. Nach einem weiteren Kämpfer in Helm und Kettenhemd werden die Figuren moderner, sie tragen nun einfache Anzüge und Kappen.

Nach vorne zeigend, aber gleichsam im Inneren der Skulptur ist ein Redner an einem Pult. Über dem vorderen Teil der Skulptur weht nun eine zusammenfassende Fahne, die eine Frau und ein Mann wie nach vorne schreitend und tatsächlich nach vorne zeigend tragen.

Die hinteren Teile zeigen die frühen Kämpfe der Ungarn, die Entstehung des ungarischen Staats, die vorderen zeigen die Revolution. Ob es die bürgerliche von 1848 oder die sozialistische von 1919 ist, bleibt unklar, was das Kunstwerk heute, vielleicht nach der Entfernung einer expliziten Aufschrift, vielleicht rettet. Ob schon der Künstler László Marton im Jahre 1981 die Unklarheit wollte und deshalb den vagen Namen „Történelmi allegória“ (Geschichtliche Allegorie) wählte, läßt sich bloß spekulieren, aber die Umgebung des sozialistischen Stadtzentrums macht deutlich: es ist die rote Fahne der ungarischen Räterepublik von 1919, die der Arbeiter und die Arbeiterin da vorantragen.

Die Formensprache gehört ebenfalls ganz in die Kunst des Sozialismus, was jedoch noch nichts heißt. Die Figuren sind genau so stilisiert, daß sie nicht kitschig wirken, und genau so realistisch, daß sie klar zu erkennen sind. Sind sie ganz hinten eher statisch, so sind ab dem aufgebäumten Pferd alle voller Bewegung. Alle Figuren erwachsen aus einer Basis aus versetzten Quadern und an mehreren Stellen ist die Skulptur durchbrochen. Alles drängt vom hinteren Teil zum vorderen, vom Anfang zum Ende, scheint abheben zu wollen, steht hinten wie vorne auch schon weit über. Wie in der ungarischen sozialistisch-realistischen Bildhauerei typisch kommen zum Stein weitere Materialien. Die Spitzen des Morgensterns eines Kämpfers sind aus silbernem Stahl,

ebenso die große Kugel über der Brust einer Figur weiter vorne,

und hinter der hinteren Gruppe sind horizontale Streifen eines glatten rotgesprenkelten Steins,

was eine Fahne in den weiß-roten Farben der Árpáden-Dynastie ergibt.

Erst auf den zweiten Blick bemerkt man Szenen voller Dramatik und Drastik. Unter, dank einer Öffnung der Skulptur tatsächlich unter, dem Pferd ist ein stürzender gegnerischer Kämpfer, gerade in dem Moment, da er niedergetrampelt wird.

Auch vor den Fahnenträgern ist ein gestürzter Körper zu erahnen, während rechts der Fahnenträgerin ein anderer gerade stürzt, über dem ein noch Stehender mit nach hinten gewandten Kopf etwas ruft. Die Toten bilden geradezu die Basis, auf der die anderen voranschreiten.

Das Denkmal spart die Opfer, die Geschichte immer bedeutet, nicht aus, aber stellt sie auch nicht als heroisch dar. Sie sind eben Teil eines Prozesses, der auch nicht vorne in der roten Fahne und ihren Trägern endet, sondern sich aus ihnen heraus im umgebenden neuen Zentrum von Veszprém fortsetzt.

Ob der Künstler es nun wollte oder nicht, er schuf ein sozialistisches Kunstwerk für ein sozialistisches Stadtzentrum.

Veszpréms Zentrum – Grundlagen

Veszprém, eine Universitätsstadt in Westungarn in den niedrigen Bergen oberhalb des Balaton, ist in jeder Hinsicht hübsch und idyllisch und dazu trägt nicht zuletzt sein sozialistisches Zentrum bei. Das größte Problem der Stadt ist, daß der Bahnhof weit außerhalb liegt, was den topographischen Bedingungen geschuldet und schwer zu ändern ist. Stadtplanerisch wurde darauf im Sozialismus insofern reagiert, als das größte Wohngebiet auf halbem Weg zwischen Stadtzentrum und Bahnhof angeordnet ist, aber das macht die Wege eben auch nicht kürzer.

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Als Ausgangspunkt des neuen sozialistischen Stadtzentrums kann man daher den Busbahnhof verstehen, der auch das bessere Bauwerk ist. Über seinem langen Bahnsteig schwebt ein Dach aus dünnen Betonschalen in der Form hyperbolischer Paraboloide. Sie erwachsen jeweils auf einer Stütze und ragen mit aufsteigenden Spitzen weit in Richtung des Haltebereichs der Busse und der dahinter sichtbaren Zentrumsbebauung vor, während abfallende Spitzen auf rückwärtigen Stützen ruhen.

Wie kompliziert geformte Wellen scheint der Beton des Dachs in Bewegung hin zum neuen Veszprém, zu dem er schon gehört. Auch das am Ende des Bahnsteigs leicht schräg angeordnete Funktionsgebäude des Busbahnhofs hat entsprechende Schalendächer, von denen einige höher gesetzt sind, um durch verglaste Zwischenräume Licht in die Wartehalle zu lassen.

Das Zentrum ist jenseits der wartenden Busse und des Verkehrs auf der vorbeiführenden Straße schon in groben Zügen zu erkennen.

Zuerst Wohnbebauung mit charakteristischem orangenen Glas vor den Balkonen und weißer Steinverkleidung unter den Dächern und an seitlichen Flächen. Ein freistehendes zehngeschossiges Punkthaus, nach links ein langgestreckter fünfgeschossiger Bau parallel zur Straße und ein siebengeschossiger quer zu ihr.

Dann ein sechsgeschossiges Bürogebäude an der leicht abbiegenden Straße, das wohl Fensterbänder und vertikale dunkle Metallstreben hat, von dem man aber nur die strahlend hellblaue Verkleidung so wirklich bemerkt. Und hinter all dem das Hochhaus, vertikale Dominante der Stadt, die man schon von der fernen Bahnstrecke sieht.

Zwanzig Geschosse hoch, rechteckiger, fast quadratischer Grundriß, umlaufende Fensterbänder und Verkleidung aus leicht vorgewölbten schwarzen Kacheln in horizontaler Anordnung, oben um die technischen Geschosse hellgraue Betonverkleidung, in der an zwei Ecken verglaste Teile sind, hinter denen sich aber leider statt Restaurant und Café nur weitere Technik verbirgt.

Es ist das über der Stadt thronende Symbol des ungarischen Sozialismus, aber es kann dies nur sein, weil es Teil eines Ganzen ist.

Um weiter ins Zentrum zu kommen, passiert man als nächstes die parallel zur Straße stehende Markthalle. Ein einfaches Gebäude, langgestreckt rechteckig, außen ein flacher Teil mit grauer unregelmäßiger Steinverkleidung und aufsteigend schräg überstehendem weißen Dach, in der Mitte die eigentliche Halle, nicht mehr als Glas und dünne grüne Stahlkonstruktion, innen zusätzlich graue Belüftungsrohre.

Der Weg, selbstverständlich breit und mit Beeten, trifft nach der Markthalle zwischen eingeschossigen Ladengebäuden auf den flach abfallenden Zugang zur Unterführung. Sie beginnt weiter links neben der abzweigenden Straße bei einem viergeschossigen Bürogebäude mit Fensterbändern und großen Kreisen in der Betonverkleidung, entspringt gleichsam aus seinen absteigenden Terrassenstufen.

Hier ist der Anfang des eigentlichen Boulevards von Veszprém. Die Unterführung führt auf genau die richtige Weise sanft hinab, unter der Straße hindurch und wieder hinauf. Das Wohngebäude rechts, das orangene Balkone und eine steinverkleidete Fläche neben der Schmalseite zeigt, und das hellblaue frühere pártház (Parteihaus) links, das bei seiner rechten Ecke eine vorgesetzte Treppe und Terrasse mit weißer Betonbrüstung und im Geschoß darüber einen rahmenartig vorgesetzten Teil hat, bilden nun ein Tor ins Herz des Zentrums, von dem gerahmt das Hochhaus aufragt.

Das rechte Gebäude ist auch das Rückgrat des folgenden Platzes und im Erdgeschoß hat es Läden, zwei breite Durchgänge und ein abstraktes Relief aus schwarzem Stein.

Links folgt angeschlossen an das Parteihaus ein Hallenbau, dessen leicht versetzte Wände jeweils ein Pultdach tragen, so daß sich eine  Art nach hinten weisendes Sheddach ergibt.

Während sich die schmale Vorderseite zum Boulevard mit dem Eingang und großen Glasflächen öffnet, sind die Breitseiten ganz mit horizontalen dreieckigen Platten aus körnigem sandfarbenem Stein, der bis in die spitzen Wellen des Dachs reicht, verkleidet und haben nur rechts einige kleine dreieckige Fenster.

Nun öffnet sich der Platz nach links, wo er mit einer breiten, aber nicht hohen Treppenanlage ansteigt. Rückwärtig schließt ihn das lange dreigeschossige Hotel Veszprém zur Straße hin an. Es hat Glasflächen im Erdgeschoß und Balkone in einem Gerüst aus Betonstreben und -balken in den weit überstehenden Obergeschossen.

An seinem anderen Ende bildet der bis auf die Schaufenster im Erdgeschoß und den roten Schriftzug weiße Kubus des Kaufhauses Bástya (Bastion) den Abschluß.

Auf diesem Platz, zu dem Beete mit Bäumen und Rosen gehören, steht das sozialistische Kunstwerk, das er verlangt.

Tiere im Falowiec

Die Vorstellung, daß einen das Leben in hohen Gebäuden von der Natur entfernte, ist ganz falsch. Es kommt bei allen Gebäuden, niedrigen wie hohen, vor allem darauf an, wie die Umgebung aussieht. Wenn diese wie in fortschrittlichen Wohngebieten aus üppigen Parklandschaften besteht, bringt einen das Leben in hohen Gebäuden der Natur im Gegenteil näher.

In meiner Wohnung im neunten Stock eines Falowiec (Wellenhauses) in Gdańsk-Przymorze ist die Tierwelt nie weit. Schon, wenn ich aufwache, ist es nicht unwahrscheinlich, daß ich eine Taube auf meiner Balkonbrüstung sitzen sehe oder, seltener, eine Elster oder einen Spatzen. Wenn ich aufstehe und hinausblicke, gehören die Lüfte über Przymorze ganz den großen Silbermöwen und Nebelkrähen, zu denen sich noch die kleinen Lachmöwen gesellen. Im Sommer sind auch Schwalben zu sehen, aber die, klein, schnell, hochfliegend, gehören in eine andere Welt. Da es kein Wasser gibt, verirren sich Enten nur selten hierher, am ehesten hört man nachts ihren schnatternden Flug. Unten in den Grünanlagen gehen Leute mit ihren Hunden spazieren und vor allem abends kommen Katzen, die hier halb wild leben, hervor, doch auch der Boden gehört letztlich den Vögeln. Sie gehen hier ihrem Tageswerk nach: der Nahrungssuche, dem Überleben.

Ist das Artenvielfalt? Vermutlich nicht. Es wäre zweifelsohne interessant zu sehen, welchen Einfluß ein Greifvogel, etwa der Sperber, der im Frühling mal auf meinem Balkon saß, auf die Vogelwelt hätte und Papageien gäben einen hübschen Farbakzent, aber wenig ist auch das Vorhandene nicht. Es sind alles Tiere, die mit dem, durch den Menschen leben. Was ihr natürlicher Lebensraum sein mag, interessiert sie wenig, sie leben hier in dem, was wir für uns geschaffen haben. Für die Elstern, Spatzen, Dohlen stehen im Mittelpunkt recht konventionell die Bäume. Die Krähen sind ohnehin nur zu Besuch und überall wie nirgendwo. Die Möwen mögen die Dächer der niedrigeren Gebäude und die Laternen. Die Tauben bewohnen den Falowiec, der mit seinen vielen Balkonen und den dort im Laufe der Zeit von den menschlichen Bewohnern geschaffenen Winkeln und Nischen besser für sie geeignet ist als mancher natürliche Fels.

Die verschiedenen Vogelarten leben gemeinsam und nebeneinander in Przymorze. Gemeinsam fressen sie die Brotreste, die ihnen hingeworfen werden, oder was auch immer einer Krähe aus einem Mülleimer zu holen gelang, aber sie konkurrieren dabei auch immer. Wo die Krähen ihre Intelligenz und die Silbermöwen ihre schiere Größe und Aggressivität einsetzen, müssen die anderen sich auf die richtige Mischung aus Vorsicht und Risikobereitschaft verlassen. Meister darin, falls das kein Widerspruch in sich ist, sind die Tauben.

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Überhaupt die Tauben. Von allen Tieren passen sie am besten zur fortschrittlichen Architektur: sie sind grau, einfach, naheliegend, aber haben auch einen überraschenden Moment schillernder farbiger Schönheit. Da sie sich am liebsten auf den Balkonen, Brüstungen, Fensterbänken aufhalten und auch nicht davor zurückschrecken, durch offene Balkontüren zur Erkundung in Wohnungen zu gehen, wird man sie beim Leben in der Höhe am besten von allen Tieren kennenlernen. Die ständigen Bewegungen des Kopfs, um möglichst alles zu sehen. All die Zeichnungen des Gefieders und die stetig changierenden Farben der Halsfedern in verschiedenen Lichtsituationen. Der Flug, vom flatternden Aufsteigen über den eleganten Segelflug bis zum waghalsigen Sprung vom Balkongeländer ins Leere, der für sie so normal ist wie für uns unvorstellbar. Das Gurren der Balz. Die immer nur kurzen Kämpfe mit Picken und Flügelschlagen. Das stille und schicksalsergebene Dasitzen in der Dunkelheit, plötzlich ganz frei von der Angst und Vorsicht, die sie durch den Tag gebracht hatten.

Nicht nur näher bringt einen das erhöhte Leben der Natur, sondern es eröffnet auch ganz neue Perspektiven auf sie. Im kleinbürgerlichen Einfamilienhaus mag man sie in einzelnen Einblicken erleben, hier oben im poor man’s penthouse (Penthouse des armen Mannes) hat man sie im Überblick. Es ist gar nicht möglich, auf dem Balkon zu sitzen, ohne wenigstens aus den Augenwinkeln verschiedenste Vögel im Flug zu erleben. Vögel sind von hier gesehen nicht mehr etwas, das fern über einem ist, sondern etwas im weiten Bereich vor einem. Oder ganz nah bei einem. Nichts eigenartiger Schönes, als vom Balkon im neunten Stock aus die Lachmöwen zu füttern, ihnen Krumen hinzuwerfen und sie von ihnen aufgeschnappt zu sehen, während sie vor einem in der Luft gleichsam stehen. Oder oft gar unter einem. Nichts Majestätischeres als der Anblick einer Silbermöwe, die viele Stockwerke unter einem langsam am Gebäude entlangsegelt.

Die Schönheit und Majestät ist jedoch nicht die des Vogels im Flug, sondern die des Menschen, dessen Größe diesen Anblick ermöglicht. Aus einem hohen Gebäude kann die Natur nah und schön sein, aber immer als etwas, das vom Menschen gestaltet, also recht eigentlich erst geschaffen ist.

Die Apotheose von Gdynia

Es ist leicht, Gdynia zu unterschätzen, weil es allgemein zu sehr als etwas gerühmt wird, was es in weiten Teilen schlechthin nicht ist: als moderne Stadt, modernistische Stadt, Stadt des Modernismus etc. So kann man leicht übersehen, wie viel Gdynia hat, das wirklich modern oder, um dieses unklare Wort durch ein anderes zu ersetzen, fortschrittlich ist.

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Am Fuße des heutigen Wgórze Św. Maksymiliana (Hügel des heiligen Maximilian, nach Maximilian Kolbe) und vom Stadtzentrum durch einen breiten Parkstreifen getrennt, abseits, aber unübersehbar an der großen Trójmiasto-Magistrale Aleja Zwycięstwa (Allee des Sieges) stehen vier Gebäude, die einen einzigen Komplex bilden. Sie sind jeweils sechs Geschosse hoch und stehen parallel zueinander aufgereiht quer zur Straße. Von der Zwycięstwa betrachtet steht das links Gebäude an der Ecke Partyzantów (Straße der Partisanen) etwas nach vorne und das rechte Gebäude etwas nach hinten versetzt. Von der Generała Józefa Bema (General-Józef-Bem-Straße) aber, die auf der anderen Seite des Komplexes höher am Hang verläuft, sieht man, daß die nun fünfgeschossigen Gebäude jeweils leicht versetzt genau ihrem leichten Schwung entsprechend stehen und durch die leichte Steigung auch jeweils etwas höher werden, was dadurch erreicht wird, daß das zweite Gebäude deutlich kürzer ist als das dritte, obwohl beide von vorne identisch wirken.

Während von der Generała Bema ebenerdige Grünflächen zwischen den Gebäuden erreicht werden, sind die ersten drei von ihnen zur Zwycięstwa hin durch ein Sockelgeschoß verbunden, in dem rechts ein Ladenraum ist und in der Mitte vor dem zweiten Gebäude Treppen nach links und rechts in die Grünflächen hinaufführen.

Ein entsprechendes Sockelgeschoß steht zwischen den letzten beiden der Gebäude deutlich weiter hinten. Nach dem letzten, dem rechten Gebäude ist versenkt in die Ecke der deutlich höher verlaufenden Straßen Generała Bema und Mikołaja Kopernika (Mikołaj-Kopernik-Straße) ein weiterer größerer Grünbereich. Seine Hänge sind mit üppigen Bäumen und Sträuchern bewachsen und seine Ränder darunter sind mit niedrigen weißen Betonmauern, die nach innen geschwungen enden, und in der Ecke mit einer höheren eingewölbten Betonwand befestigt.

Die vier Gebäude sind alle ähnlich, aber nicht ganz identisch. Alle haben sie nach links verputzte Fassaden mit unauffällig gegliederten Fensteröffnungen und nach rechts durchgehende Balkone, die aus nicht mehr als vertikalen Stützen, horizontalen Flächen und Geländern bestehen. Beim ersten Gebäude sind diese Balkone nach einem vertikalen Teil mit je einem Fenster deutlich vorgesetzt und beginnen leicht schräg. Bei den beiden mittleren Gebäuden sind die Balkone hingegen ebensodeutlich zurückgesetzt und werden von den vertikalen Teilen neben der Schmalseite flankiert.

Zudem ragen bei ihnen über den Eingängen an der Fensterseite die Betriebsräume von Aufzügen aus dem Dach und sind durch horizontale Streben verbunden. Das letzte Gebäude entspricht weitgehend den mittleren, hat jedoch an der rechten Seite über zwei Sockelgeschossen nur ein Geschoß mit durchgehenden Balkonen, über dem vier Streifen mit schmalen Balkonen die gesamte, ansonsten nur aus Fenstern bestehende Fassade durchziehen.

Ein gelungenes Stück fortschrittlicher Architektur des polnischen Sozialismus, will man meinen, späte Fünfziger vielleicht oder frühe Sechziger, als sich dahinter noch der Wzgórze Nowotki (Nowotko-Hügel, nach einem polnischen Kommunisten) erhob, bloß die exponierte Lage etwas unglücklich. Doch je genauer man hinschaut, desto zahlreicher werden die Hinweise, daß der Komplex deutlich älter sein und aus der Zwischenkriegszeit, als er am Wzgórze Focha (Foch-Hügel, nach einem französischen General) lag, sein könnte. Da ist zuerst einmal die Lage selbst. Das letzte Gebäude ist bereits hinter typischen Gdyniaer Mietshäusern aus den Dreißigern, sachliche Formen zu Blockrandbebauung, versteckt und auch vor den anderen wäre Platz, den Blockrand zu schließen und den fortschrittlichen Komplex beinahe in einen Hinterhof zu verbannen.

Dann ist da die Fassade des letzten Gebäudes. Wo die anderen recht beliebig renoviert sind, hat es weißen Putz mit einer Schachtelstruktur aus dünnen roten Streifen, was wiederum sehr an Formen aus den Dreißigern erinnert.

Dann die Kanaldeckel überall vor dem Sockelbau. Sie wurden hergestellt von „Herzfeld & Victorius S.A. Grudziądz“ und S.A. steht für spółka akcyjna, Aktiengesellschaft, AG, eine private Firma also. Aktiengesellschaften gab es in Polen in den Fünfzigern aber ausschließlich noch für die Zwecke des Außenhandels mit kapitalistischen Staaten, gewiß nicht für Industriebetriebe.

Dann die leicht schrägen vertikal schraffierten roten Steinflächen beidseits der Eingänge.

Dann rahmenartige Linien in den einzelnen Steinblöcken der Pfeiler des Gitterzauns, der zur Generała Bema hin zwischen den Gebäuden verläuft.

Überhaupt dieser Zaun, der vielfach erneuert wurde, aber immer da war. Er konterkariert die fortschrittliche Offenheit des Komplexes völlig, er will ihn wieder zu geschlossener Blockrandbebauung machen, er will Architektur, die dem Sozialismus gemäß ist, in den Kapitalismus zurückzwingen.

So sind die drei Grünflächen zwischen den Gebäuden ganz leblos und auch der so große und aufwendig gestaltete Parkbereich in den Ecke dient den Bewohner nur zum Hundegang.

Das alles sind nur Indizien, aber starke. Und wirklich, so unglaublich es scheint: der Bau des Komplexes wurde 1937 begonnen. Auftraggeber war die staatliche Sozialversicherungsgesellschaft ZUPU, beziehungsweise ZUS, für deren Beamte er gedacht war. Damit ist er der mit Abstand fortschrittlichste dieser ersten Epoche der Stadt und war in seiner Entstehungszeit wohl einer der fortschrittlichsten der gesamten Welt. Das liegt nicht etwa zuerst an der Zeilenbauweise, denn die wurde schon in den späten Zwanzigern in Deutschland und anderswo angewandt und auch in Gdynia gibt es einige wenige Beispiele, sondern daran, wie die einzelnen Gebäude mit dem Sockelbau und den Grünflächen zu einem einzigen Komplex zusammengefaßt sind. Auch Zeilenbauten auf Sockeln gab es etwa in der Tschechoslowakei bereits, aber nur als letztlich doch bloß enge Auflockerung innenstädtischer Blockrandbebauung, nie jedoch unter solch gelungener Ausnutzung des Terrains, in solcher Offenheit und in solcher Verbindung mit Grünflächen.

Wenn man den Gebäudekomplex so bereitwillig in eine spätere Zeit einordnet, dann schlichtweg deshalb, weil er identisch auch in den Fünfzigern oder sogar Sechzigern gebaut worden wäre. So wie das Polska YMCA einen später allgegenwärtigen Typ von Bürogebäude vorwegnimmt, allerdings erst nach dem Krieg, nimmt dieser Komplex einen später allgegenwärtigen Typ von Wohngebäude vorweg und das unglaublicherweise bereits vor dem Krieg. Genau so wäre in den fünfziger und sechziger Jahren nicht nur überall gebaut worden, so wurde überall gebaut. Bloß den Zaun hätte es in sozialistischen Staaten nicht gegeben und in den kapitalistischen abhängig vom Klassenstatus ihrer intendierten Bewohner auch nicht.

Wichtig ist auch, daß der Komplex, der heute durch die große Straße und den Park so abgelegen wirkt, am Ende der Świętojanska (Heiliger-Jan-Straße), der Hauptstraße Gdynias, steht und durchaus als Teil des Stadtzentrums gedacht war. Im Sockel hätten ein Kino und ein Restaurant sein sollen, Offenheit und Grün hätten sich direkt mit städtischem Leben verbunden, wie es erst in den Fünfzigern in der Lijnbaan gelang. Hier war Gdynia einmal tatsächlich nicht nur modern, modernistisch, Stadt der Moderne, sondern seiner Zeit voraus. Wenn so die nahe Zukunft Gdynias ohne den Krieg ausgesehen hätte, dann wäre es eine kaum vorstellbar großartige Stadt geworden. Gewiß ist aber auch möglich, daß die Straßenseite doch mit anderer Blockrandbebauung hätte geschlossen werden sollen. Außerdem kam der Krieg. Er kam sogar dem Bauabschluß des Komplexes in den Weg und das erste, das linke Gebäude wurde erst von den deutschen Besatzern fertiggestellt, die den Hügel dahinter Baltenberg nannten, allerdings in vereinfachter Form, was die fehlenden Aufzugsaufbauten erklärt. Statt des Kinos und Restaurants war im Sockel eine Garage der „Kraftfahrkompanie Festungskommandantur Gotenhafen“, wie man auf einem traurigen und lehrreichen Bild sehen kann.

Der Komplex blieb allein. Er ist somit die Apotheose des Gdynia der Zwischenkriegszeit und läßt ahnen, was noch möglich gewesen wäre. Er zeigt, wie sehr Gdynia unterschätzt werden kann, wie sehr es sich aber auch selbst unterschätzt, weil es statt dieses Komplexes, über den man wenig und nicht einmal den Namen des Architekten herausfinden kann, andere Gebäude rühmt.