Zweierlei Barock

Oft passiert es, daß man geneigt ist, Karel Teige rechtzugeben und an die Stelle der überkommenen Stilbezeichnungen der Architektur eine neue Einteilung, die von den Bautechniken ausgeht, setzen zu wollen. Es gäbe dann die Epoche der aufeinandergeschichteten Steine, die Epoche der Bögen und die Epoche des Stahls und Betons. Denn die alten Stilbezeichnungen sind eben so irreführend. Nichts beispielsweise hat die menschliche, horizontale Gotik Venedigs mit der typischen französischen und deutschen Gotik gemein. Während man das noch mit der geographischen Entfernung erklären mag, zeigt das nächste Beispiel, wie sehr sich auch Ausprägungen eines einzelnen Stils, in dem Falle des Barock, in geographisch und historisch eng verbundenen Gegenden unterscheiden können.

Es soll um zwei Pestsäulen gehen, eine in Wien und eine in Olomouc, beide unter den Wahrzeichen ihrer an Wahrzeichen nicht eben armen Städte. Wie sehr die beiden Städte miteinander verbunden sind, kann man schon daran erkennen, daß sich der Wiener Hof während der Revolution von 1848 dorthin rettete und Olomouc so den traurigen Ruhm hat, daß Franz Josef I dort zum Kaiser gekrönt wurde.

Zuerst die Wiener Pestsäule am Graben, ganz im Zentrum der Stadt, etwa in der Mitte eines Straßenzugs, der sich heute, weil er Fußgängerzone ist, eher als langgestreckter Platz zeigt, ringsherum hohe Büropaläste der k.u.k.-Zeit.

PestsäuleGraben

Der Y-förmige Sockel ist noch bestimmt von einer gewissen Ruhe und Klarheit, eben ein Träger für verschiedene Reliefs und Inschriften.

Sockel

Die untere der beiden Skulpturen vor der Vorderseite, eine Allegorie für den Sieg über die Pest, kontrastiert mit dem Sockel in dramatischer Bewegtheit. Aber schon die obere der Skulpturen, ein knieender Kaiser, leitet zum oberen, weit größeren Teil der Säule über. Dieser bäumt sich auf als ein hohes Gebilde aus vielfach abgerundeten Formen.

Gewalle

Nichts Festes bietet sich dem Blick, alles ist ein verwirrendes Gewalle ohne Anfang und Ende. Man kennt das aus den Innenräumen barocker Kirchen, hier nun ist es ins Freie verpflanzt. Es sieht aus, als wären die Weihrauchschwaden, die diese Kirchen durchzogen haben mögen, Stein geworden. Es sind Formen, gebaut, den Geist zu vernebeln, alles rationale Denken unmöglich zu machen. Es ist das Opium fürs Volk ausgedrückt mit bildhauerischen Mitteln. Darstellen soll es wohl Wolken, auf denen allerlei Engel und ganz oben der dreifaltige Gott sitzen. Aber während das im Inneren einer Kirche noch angingen, also dort, wo eben alles eine hochabstrahierte Theaterbühne ist, ein Baudelaire’sches „paradis artificiel“ (künstliches Paradies), in dem ein Opiumrausch ja reizvoll sein mag, wird hier, unter freiem Himmel, im brutalen Licht der Sonne, allzu klar: Wolken sind so nicht und das nicht vor allem, weil keine Engel auf ihnen sitzen. Man sieht sie doch über sich, sieht ihre ständigen Veränderungen, ihre Komplexität. Wie jede schlechte Nachahmung beleidigt auch diese das Nachgeahmte nur. Viel eher als an Wolken erinnert das, was da inmitten von Wien herumliegt, an einen riesigen Haufen Scheiße, der auch dadurch daß er aus Marmor und Gold ist, nicht appetitlicher wird.

Ganz anders in Olomouc der Sloup nejsvětější trojice (als Dreifaltigkeitssäule übersetzt, wobei leider der schöne tschechische Superlativ nejsvětější, allerheiligst, verloren geht). Diese Säule steht unübersehbar hoch aufragend in der nordwestlichen Ecke des größeren der beiden Plätze der Stadt, aber in gebührendem Abstand sowohl zum Rathaus als auch zu den anderen Gebäuden. Als höchste Skulptur der tschechischen Republik wird diese Säule beworben und ist sie Weltkulturerbe.

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aus Československo, Praha/Bratislava 1988

Aber die Bezeichnung Säule oder Skulptur ist hier eigentlich irreführend. Eher als das ist sie ein Gebäude. Auf sechseckigem Grundriß steigt es drei Geschosse, deren Flächen kleine runde Fenster und Reliefs haben, an. An den Ecken sind Sockel mit Heiligenskulpturen so vorgesetzt, das sich eine Pyramidenform ergibt. Das ist gewiß eine große Menge an skulpturalem Schmuck, aber der bleibt immer der klaren und regelmäßigen Struktur des Gebäudes untergeordnet.

Sloup2

Aus Němec, František/Mager, Hasso: Tschechoslowakei, Leipzig 1980

Auf dem dritten Geschoß, umgeben von weiteren Skulpturen, ragt eine ionische Säule, die zugleich auch Obelisk sein will, auf. Erst an und vor allem auf ihr finden sich die wallend runden vergoldeten Formen, die die Wiener Säule so sehr bestimmen, aber hier wirken sie noch mehr als sonst wie bizarre Geschwüre ohne Zusammenhang mit der übrigen Architektur und den übrigen Skulpturen. Im Inneren dieser Säule schließlich ist eine winzige Kapelle, aber das braucht es gar nicht zur Illustration, daß sie ein Gebäude ist.

Auch die naheliegende theologische Interpretation der beiden Pestsäulen ist sehr verschieden. Während in Wien Gott und seine Engel etwas Diffuses, Unfaßbares bleiben, zu dem von der Erde, vom Sockel, kein Weg führt, sind in Olomouc die Heiligen wie auf Treppen hinauf zu Gott angeordnet. Doch, und das ist die sympathischere, sicher nicht beabsichtigte Interpretation, Gott ist so fern, so hoch oben auf seiner Säule, daß man ihn genausogut ignorieren und sich ganz den wesentlich näheren Heiligen widmen kann – die haben ihm gegenüber auch den Vorteil, wirklich existiert zu haben.

Diese Beispiele helfen vielleicht zu verstehen, wieso jeder Stil, wenn man denn der Verständlichkeit halber bei den überkommenen Einteilungen bleibt, als eine Mischung fortschrittlicher und reaktionärer Elemente, die im ständigen Widerstreit miteinander stehen, verstanden werden muß.

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3 Gedanken zu „Zweierlei Barock

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