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Plauen – Stadtbild und Überhöhung

(siehe zuerst Plauen – Vom Oberen Bahnhof hinab in die Altstadt)

Zuerst überrascht das Einkaufszentrum direkt dort, wo die Altstadt beginnen sollte, aber schnell begreift man es als Teil einer Plauener Bautradition. Denn wenn man hinauf in die Altstadt geht, ob links durch das Einkaufszentrum und andere neuere Bebauung oder rechts durch einen kleinen Park, wo das Theater und eine kleine gotisch-barocke Kirche stehen, überall dominiert der riesige historistische Klotz des Rathauses, dessen brutaler Maßlosigkeit man ansieht, daß er kurz vor dem ersten Weltkrieg begonnen und erst danach fertiggestellt wurde.

Ein wenig entschärft wird diese martialische Architektur des neuen Rathauses durch die Bauteile an seinen beiden Enden. Den ersten sieht man sofort, wenn man den Park entlangblickt.

PlauenRathausAnbau

Zwischen Teilen des Rathauses, über einer Treppenanlage am Hang, ragt freischwebend ein Gebäudeteil anderer Art hervor. Seine Front verjüngt sich in einem hohen und zwei normalen Geschossen und besteht nur aus Glas, wenig blauer Verkleidung und vertikalen Streben, seine Seiten sind weiße Dreiecke. Offen und hell schwebt dieser Anbau zwischen der Finsternis des Rathauses und zeugt von einer neuen Welt. Nicht zufällig ahnt man hierin die Kühnheit tschechoslowakischer Architektur, in den siebziger Jahren wurde er von einem Kollektiv aus dem nahen Františkovy Lázně erbaut. Innen führt eine Treppe, die sich um eine sandsteinerne Wand windet, in den Vorbereich der Ratsäle, denen die großen Fenster gehören. Beim Gang um die Öffnung der Treppe kann man gut die Sandsteinreliefs im Abschluß der Wand betrachten.

PlauenDieMühenderEbene

Die Breitseiten zeigen vielerlei menschliche Gestalten, in den Schmalseiten stehen Worte Brechts, die die Devise aller sozialistischen Regierungsarbeit sind: „Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen.“

Auf der anderen Seite schließt an den Klotz des Rathauses das Alte Rathaus an.

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR,  Leipzig 1979

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR, Leipzig 1979

Es wendet sich einem kleinen Platz zu und macht mit selbstbewußter Schönheit das Ding hinter sich vergessen: ein Renaissancebau, zwei, ob des Hangs an der einen Seite drei Geschosse mit vorhangbögigen Fenstern als einzigem Schmuck, darüber ein hoher gewellter Giebel, in dessen Mitte sich übereinander verschiedene Anzeigen einer astronomischen Uhr befinden. Die überdachte Treppe, etwas zu perfekt symmetrisch, wurde mit dem neuen Rathaus gebaut. Solcherlei zwischen schönen Beispielen alter und neuer Architektur ist das neue Rathaus nur halb so schlimm, aber aufgehoben zu werden ist es einfach zu schwer.

Eine eigentliche Altstadt hat Plauen nicht, das Zerstörungswerk, das das neue Rathaus begonnen hatte, führten allierten Bomben, die diese für die faschistische Rüstungsproduktion wichtige Industriestadt reichlich trafen, fort. Unweit des Rathauses steht noch die Johanniskirche ein großer Bau mit zwei massiven romanischen Türmen mit barocken Hauben.

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR,  Leipzig 1979

Aus Adamiak, Josef/Pillep, Rudolf: Kunstland DDR, Leipzig 1979

Während an der Vorderfront das eine gotische Spitzbogenfenster wie ein Fremdkörper zwischen den dicken Wänden wirkt, ist das Langhaus mit Pfeilern und Spitzbögen schon viel gotischer, obwohl die Wände dick bleiben.

Was das alte Plauen im Mittelalter gewesen sein könnte, ahnt man am besten, wenn man unten am Ufer der Elster bei der Postsäule hinter der alten Steinbrücke steht: auf dem einen Hügel die Kirche und das Rathaus, direkt gegenüber auf einem anderen Hügel, dem Hradschin, die Reste eines alten Schlosses, die später in ein Gericht und Gefängnis integriert wurden. Für das neue Plauen ist der entsprechende Blick derjenige von der Bahnhofsterrasse. Der alte Blick ging hinauf, der neue geht hinab, Symbol der neuen Stellung des Menschen. Die Stadt jedoch ist weder so klar wie der eine noch wie der andere.

Abseits des perfekten Wegs vom Oberen Bahnhof, den zu erschließen eine der großen städtebaulichen Taten der DDR war, zeigt Plauen alle Merkmale, Mängel, Wunden einer großen kapitalistischen Industriestadt. Klarheit, Ordnung, findet man keine. Die Stadt wird zertrennt von Straßen, Tälern, Hügeln, und zusammengehalten von einem Straßenbahnnetz, das vorm Einkaufszentrum seine zentrale Haltestelle Tunnel hat. Die Industrie konzentriert sich entlang der Elster nach Osten und Westen, überhaupt in den niedriger gelegenen Bereichen, die so weitenteils innerstädtische Einöden sind, aber auch nördlich des Bahnhofs. Die Wohnbebauung, ausgedehnte Mietskasernengegenden mit oft breiten Straßen, nimmt hingegen meist die Hügel ein. Auffällig ist, daß sich die meisten Wohngebiete aus der DDR diesen Mietskasernenvierteln einfach anschließen, sowohl in der Ostvorstadt im Südosten, der Südvorstadt im Süden, im Norden hinter dem Bahnhof und auch Am Seehaus im Westen, wo es bürgerlichere Straßenzüge mit Vorgärten gibt. Die neue Bebauung ist jeweils nicht mehr als fünfgeschossig und meist konventionell in Reihen- und Kammformen angeordnet.

Am gelungensten ist dieses Prinzip in der Ostvorstadt angewandt. Die Mietskasernen nehmen den einen Teil des Hügels ein, den anderen das fortschrittliche Wohngebiet Mammenstraße, Fünfgeschosser mit für den Bezirk Karl-Marx-Stadt charakteristischen Wannendächern. Während erstere entlang der Stöckigter Straße aufsteigen, ist das Wohngebiet in einen niedrigeren und einen höheren Bereich gegliedert, zwischen denen bei einem kleinen Zentrum ein Park die Verbindung schafft. Zusammengeschlossen werden beide Teile der Ostvorstadt an der Stöckigter Straße, wo ein alter Schulklotz und eine Schule aus der DDR nebeneinanderstehen.

Das größte Wohngebiet der Stadt, Chrieschwitz, liegt in den Hügeln im Osten, weit draußen, aber mit gutem Bezug zum Kraftwerk und anderen Industrieanlagen an der Elster.

PlauenBlickAufChrieschwitz

Mit diesen Kentnissen der Stadt, die so gut sie kann hält, was sie verspricht, kann man zurückkehren in die Bahnhofshalle, wo sie das Versprechen ohne Pathos gemacht hatte, und nun doch näher das Kunstwerk an der Wand betrachten.

PlauenObererBahnhofWandbild

Man erkennt nun schon viel wieder. Die Metallstreifen bilden die Umrisse vieler Plauener Bauten, unten die Brücke, die Kirche, das Alte Rathaus, den Nonnenturm, weiter oben Industrieanlagen, Kräne, Hochspannungsleitungen, den Verwaltungsturm des VEB Weba, die Friedensbrücke, aber auch den Berliner Fernsehturm, den man in der Stadt vergeblich suchen würde. In diesem Gerüst der Stadt sind auf rechteckigen Metallplatten eingraviert Szenen der Arbeit, der Freizeit bei Tanz, Musik, Sport, Lesen, der Familie, und, Fahnenträger unter Tauben, der politischen Tätigkeit. Die Szenen des sozialistischen Lebens ergänzen kleineren Platten mit Sternen, Blume, Zahnrädern, Sonne, Atommodell, einer weiteren Taube und dem Wappen der Stadt. Ob man etwas von diesem Leben in Plauen noch findet, hängt von Wetter, Jahreszeit und einem selbst ab, die dazugehörige Gesellschaft, der Sozialismus, ist jedenfalls verschwunden und doch in dem, was sie hinterließ, als Versprechen, allgegenwärtig, es genügt ein Blick aus dem Fenster.

Bevor man sich vom Boulevard der neuen Stadt erneut hinab ins Zentrum tragen läßt, mag man in der Unterführung den anderen Ausgang nehmen und von dort oder direkt vom Bahnhof einmal hinaufgehen in den Stadtpark, der sich über den zwar 431 Meter hohen, von hier aber ganz niedrigen Bärenstein zieht. Dort, unterhalb des Gipfels, steht in einer Wiese ein Guß von Fritz Cremers Plastik „Aufsteigender“.

PlauenFritzCremerAufsteigender

Die nicht starke, nicht schwache, sondern einfach menschliche Gestalt steht mit den Zehen auf dem Boden, hat den Kopf in einem Ausdruck unendlicher Anstrengung an den rechten Oberarm gelehnt und greift mit der Hand schon in den Himmel über Plauen. Hinter ihm und vor dem Betrachter liegt die ganze Stadt. Im Vordergrund Bahnhof und Umgebung, links, schon weit entfernt, das Wohngebiet Chrieschwitz, rechts, näher, die Altstadt mit Rathaus- und Kirchtürmen, und im Hintergrund die Hügel der umgebenden vogtländischen Landschaft. Ein „Aufsteigender“ über der Stadt und so sehr wie sich Plauen vom Oberen Bahnhof hinunter bewegt, so sehr steigt sie auch auf aus wenig Mittelalter und viel Kapitalismus zum Sozialismus und, wie Cremers Plastik das sagt, unter großen Anstrengungen potentiell noch viel weiter. 1989 wurde dieser Guß dort aufgestellt, gerade so, als wolle eine Gesellschaftsordnung hier eine Vollendung verkünden, während sie eigentlich schon lange im Niedergang war und noch im selben Jahr die Bürger Plauens statt aufzusteigen lieber in die Kaufhäuser der dreißig Kilometer entfernten westdeutschen Stadt Hof fuhren.

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Plauen – Vom Oberen Bahnhof hinab in die Altstadt

Nur wenige Städte empfangen einen so perfekt wie Plauen. Noch bevor man wirklich merkt, daß man die Stadt im Westen des Bezirks Karl-Marx-Stadt erreicht hat, hält der Zug auch schon an den Bahnsteigen, die genau in einer Biegung der Strecke liegen. Man geht hinab in die Unterführung, die man trotz Glasvitrinen und Leuchtbändern an den Seiten eben eine Unterführung glaubt.

PlauenImBahnhof

Doch statt zu einer anderen Treppe zu führen, verwandelt sie sich in den Gang des Bahnhofs. Zwischen ockerfarbener Steinverkleidung und eckigen Stützen sieht man schon überall Licht und weiß, daß man nun nie mehr irgendwo hinaufgehen werden muß. Rechts öffnet sich die Tür zu Busbahnhof und Straßenbahnhaltestelle, geradaus gelangt man in die Bahnhofshalle, die hoch und rechteckig links anschließt. Ihre lange Wand ist vertikal gewellt und die schmale Wand, auf die man blickt, wird von einem Kunstwerk aus Metallumrissen und Bronzeplatten eingenommen.

PlauenBahnhofshalle

Man ahnt, dieses Kunstwerk erzählt von der Stadt Plauen und dem Leben im Sozialismus, aber man ist geneigt, es nicht zu beachten, denn durch die gänzlich verglaste zweite Längsseite der Halle sieht man bereits ein weites Panorama von Plauen, das durch und durch vom Sozialismus geprägt ist.

PlauenBahnhofsterrasse

Unter einem großen Vordach verläßt man den Oberen Bahnhof, dessen Namen man nun versteht. Vor dem Gebäude, das von außen bloß ein großer dreigeschossiger Würfel aus Fensterbändern und türkiser Verkleidung ist, spannt sich eine weite Terrassenebene. Deutlich tiefer erst sind eine Kreuzung zweier großer Straßen und die übrige Bebauung.

PlauenVormOberenBahnhof

Nach links ziehen sich vier elfgeschossige Punkthochhäuser an der Bahnstrecke entlang, während an der hinabführenden Bahnhofstraße die Ausläufer eines Wohngebiets mit viergeschossigen Satteldachbauten sind. Rechts sind weit hinter der Straßenkreuzung zwei elfgeschossige Gebäude über Eck gesetzt, während direkt an dieser ein roter, fast fensterloser Flachbau steht. Neben der Terrasse führt eine Treppe herab. Bei ihrem Ende hängt eine Gedenktafel für den von den Nazis ermordeten Lokführer Paul Dittmann: „Er gab sein Leben für ein neues Deutschland.“

PlauenGedenktafelPaulDittmann

Eine ganz simple Gedenktafel mit Namen, Daten, rotem Winkel, wie man sie vielerorts sieht, aber durch ihre wohldurchdachte Plazierung an diesem Bahnhof des neuen Deutschland wird sie zu etwas Größerem.

Nun geht man wieder Stufen hinab in eine Unterführung. Wo sie sich gabelt, sind die Betonwände abgerundet und stehen drei runde, mit Metallgittern ummantelte Stützen.

PlauenUnterführungBahnhofstraße

Wieder sieht man schon Licht, wieder steht am Ende keine weitere Treppe. Wenn man geradeaus zurück ins Freie tritt, bemerkt man überrascht, daß man schon unter dem roten Gebäude, einem Restaurant, hindurch ist. Man steht am Beginn eines kleinen Boulevards, links üppiges Buschwerk, rechts an die Terrasse des Restaurants anschließend freistehende Laubengänge aus dünnen Stahlstreben und gewölbten Plastedächern, dazu das Betongrau des Bodens und der Wohnhäuser.

PlauenBoulevardBahnhofstraße1

Von der großen Straße sieht man, zweite Überraschung, gar nichts. Auf gleichsam fließende Weise wurde man vom Bahnsteig hierher geleitet.

Vor einem historistischen Plattenbau und einem Bürogebäude geht man zwar wieder an der Straße, aber das Neue und Harmonische bleibt.

PlauenBoulevardBahnhofstraße2

Bei der folgenden Kreuzung links ein zehn- und elfgeschossiger Bau und rechts eine hübsche kleine Grünanlage.

PlauenGrünanlageBahnhofstraße

Durch die Wiese schreitet freundlich blickend die Bronze eines nackten Mannes, hinter dem einige Steine gleich den Trümmern der alten Welt liegen. Im Hintergrund beginnt bei einer freistehenden Wendeltreppe ein Laubengang, der erst rankenbewachsen offen ist und sich dann mit Holzdach zwischen steinverkleideten Wänden um ein großes rundes Beet legt. Dieser, wiederum trotz der Nähe zur Straße, sehr intime Bereich bildet eine Membran, die ins Wohngebiet überleitet.

Jenseits der Straße geht man unter dem aufgestützten Teil eines achtgeschossigen Bürogebäudes hindurch und mag so fast übersehen, daß hier beidseits der Bahnhofstraße stalinistische Bebauung ist, einst als Tor zur Stadt gedacht, nun gänzlich aufgehoben.

PlauenEckbauBahnhofstraße

Hier wird die Straße zur Fußgängerzone, auf der nur die Straßenbahn fährt. Um die Haltestelle vielfach ineinandergesetzte rechteckige Hochbeete, über deren Betonumrandungen das Grün den leichten Hang hinabquillt.

PlauenFußgängerzoneBahnhofstraße

Daneben, wie um dem Stalinistischen zu zeigen, was fortschrittliche Architektur ist, eine Imbißstube aus einem kleinen Pavillon, einem Glasdach mit Theke und einem quadratischen Dach, das in einer mittigen Litfaßsäule beginnend völlig frei darüber schwebt.

PlauenImbiß

Jetzt erst wird die Bahnhofstraße zu einer typischen Geschäftsstraße, die von Büro- und Kaufhausgebäuden des 19. Jahrhunderts und wenig Neuerem geprägt ist. War sie vorher weitgehend gerade und fiel nur sanft ab, so führt sie nun in weitem Schwung den viel steileren Hang hinab.

PlauenFußgängerzone

Nach einer Weile sieht man in der Achse der Straße den hohen, irgendwie bunkerartigen Turm des Rathauses aufragen. Er steht schon leicht erhöht am nächsten Hang. Darunter der Nonnenturm, viel zierlicher, ein schlanker weißer Zylinder mit spitzem Dach, doch er verschwindet fast nebem dem riesigen Klotz des Einkaufszentrums, der sich gleichgültig vor die Altstadt schiebt.

PlauenBlickAufsEinkaufszentrum

(Fortsetzung in Plauen – Stadtbild und Überhöhung)