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Dzierżyński und Pieck in Görlitz

Es scheint fast, als habe sich jemand in Görlitz meine Kritik daran, wie wenig von der polnischen Nachbarstadt – und angeblichen zweiten Hälfte einer Europastadt – Zgorzelec auf den offiziellen Stadtplänen zu sehen ist, zu Herzen genommen: seit einer Weile findet sich nahe dem Bahnhof in der Berliner Straße ein neuer Stadtplan, der auch große Teile von Zgorzelec zeigt.

StadtplanGörlitzBerlinerStraße

Daß in der Schreibweise der dortigen Straßen die polnischen Sonderzeichen konsequent unberücksichtigt bleiben, ist wenig erstaunlich. Doch die Görlitzer Stadtväter fanden noch eine weitere, ziemlich überraschende Möglichkeit, ihr absolutes Desinteresse an Zgorzelec auszudrücken: auf dem Stadtplan sind Straßennamen, die es seit vermutlich fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gibt.

StadtplanGörlitz

Ich selbst finde es ja sehr sympathisch, mir in Zgorzelec eine Ulica Feliksa Dzierżyńskiego (Feliks-Dzierżyński-Straße) und eine Ulica Wilhelma Piecka (Wilhelm-Pieck-Straße) vorzustellen.

Feliks Dzierżyński war immerhin eine der interessantesten polnischen Persönlichkeiten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Wiewohl aus einer Szlachta-(Adels-)Familie aus dem heutigen Weißrußland stammend, fand er seinen Weg zur Arbeiterbewegung und wurde, wie Rosa Luxemburg, zu einem Mitbegründer der SDKPiL (Socjaldemokracja Królestwa Polskiego i Litwy – Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens). Während Luxemburg nach Deutschland ging, mußte Dzierżyński sich, auch wegen langer Gefängnisstrafen, auf Rußland konzentrieren und baute nach der Revolution 1917 als enger Vertrauter Lenins unter anderem den Geheimdienst Tscheka, den Vorgänger von NKWD und KGB auf. Er starb 1926 nicht lange nach Lenin und in der Folge wurden viele Straßen oder Städte nach ihm benannt, doch Dzierżyński war der wohl einzige sowjetische Politiker, für den das nichts Besonderes war: der Sitz seiner Familie hieß ohnehin schon Dzierżynowo.

Wilhelm Pieck nun, der erste und einzige Präsident der DDR, stammt aus Guben, das wie Görlitz an der Neiße liegt und eine ähnliche Geschichte hat: seit 1945 gehört sein östlicher Teil als Gubin zu Polen und genau in diesem steht Piecks Geburtshaus. Anders als Dzierżyński hätte er sich als Tischler und Sohn eines Kutschers wohl nie träumen lassen, daß seine Heimatstadt einmal zur Hälfte Wilhelm-Pieck-Stadt Guben heißen würde. Aber er hat mit Zgorzelec auch direkt zu tun, da in seiner Regierungszeit 1950 im Dom Kultury (Kulturhaus) der Vertrag über die Oder-Neiße-Friedensgrenze unterzeichnet wurde.

Sympathisch also kann man diese Namen finden. Aber man muß leider davon ausgehen, daß es den Verantwortlichen in Görlitz nicht darum ging, polnische und deutsche kommunistische Persönlichkeiten zu ehren. Ihnen ist Zgorzelec vielmehr schlichtweg so gleichgültig, daß ihnen auch seit fünfundzwanzig Jahre überholte Straßennamen nicht auffielen. Die heutigen Namen der Straßen lauten übrigens Ignacego Daszyńskiego (Ignacy-Daszyński-Straße) und Piękna (Schöne Straße).

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Erkundungen auf Friedhöfen: Görlitzer Nazigrab

Der Görlitzer Hauptfriedhof hat die traurige Besonderheit, einer der wenigen Orte zu sein, wo man ein Nazigrab finden kann. Die Bezeichnung Nazi ist hier keine Verunglimpfung, sondern eine nüchterne Beschreibung. Alle Verunglimpfung übernahm die Familie des Nazis Rolf Pohl selbst, indem sie ihm dieses Grab errichtete:

Nazigrab

vorgesetzte niedrigere Seitenteile und ein Mittelteil aus grau-gemasertem Stein in Formen, die man als eckig-dorisch bezeichnen kann, darauf der brutale Adler des großdeutschen Reichs mit dem umkränzten Hakenkreuz in den Klauen und die Inschrift „Am [] Mai 1940 erlitt den Heldentod für Führer u. Volk bei Calais Oberleutnant u. Komp.-Chef i. Einer Pz-Div. Rolf Pohl geb. Am 1. Aug. 1909“. Genau so, nur hundertmal größer, hätte ein Grab aussehen können, daß Albert Speer für Hitler gebaut hätte. Bloß das Hakenkreuz und das Wort „Führer“ wurden später herausgemeiselt, während eine sehr umfangreiche weitere Inschrift bloß nicht in Schwarz ausgemalt und daher unleserlich ist. Selbst das Bibelzitat ganz unten, „Unser Glaube ist der Sieg (1. Joh. 5,4)“, ist weniger religiös als nazifaschistisch.

Das Grab selbst steht an der Seite der heute zwischen Rhododendron versteckten und mit Efeu bewachsenen Grabstätte der Familie Pohl.

GrabPohlGörlitz

Dieser, Anfang der Dreißiger errichtet, sieht man die politische Haltung der Familie noch nicht an, sie ist bloß eine graue Steinwand mit Amphore, auf der mittig eine Frauenfigur ein Band mit dem Spruch „Der Glaube tröstet, wo die Liebe weint“ und seitlich die Namen sind.

GrabPohlGörlitzBank

Auf der anderen Seite, gegenüber dem Nazigrab, steht eine Sitzbank in dessen Stil und man kann sich gut vorstellen, wie die Familie Pohl dort sonntags in Trauer um ihren Nazisohn saß. So ist dieses Grab eines der seltenen, wo man sich freut, daß der dort Begrabene tot ist, aber zugleich wütend wird, daß die Familie weiterlebte, die ihm dieses Grab bauen ließ und nach 1945 nicht den Anstand besaß, es abzureißen, ja, die sogar das „u.“ vor „Volk“ stehen ließ, damit sich jeder den „Führer“ hinzudenken könne.

Nach dem ersten Schock fragt man sich, wieso man eigentlich so wenige Nazigräber sieht und gibt sich die traurige Antwort, daß die meisten Nazis erst in späteren Phasen des Kriegs starben, als allzu direkte Bekundungen der Weltanschauung wenigstens unterbewußt als weniger opportun begriffen wurden und das Geld für aufwendige Gräber knapper war, oder die noch traurigere, daß die meisten Nazis viel zu lange lebten. Auch weiß man nicht direkt, wie man sich den Umgang mit dem Nazigrab wünschte: antifaschistische Grabschändung oder doch eher eine Hinweistafel, die es in einen Kontext rückte. Eine solche müßte auch erwähnen, daß die schiere Verkommenheit der Familie Pohl umso eklatanter wird im Vergleich zum Grab der Familie Gruender, die an ihren ebenfalls in den großdeutschen Eroberungskriegen, ebenfalls in Frankreich gestorbenen Sohn Georg mit einem schlichten „gef. 24.6.1944 bei Cherbourg“ erinnert.

GrabGruenderGörlitz

Es bliebe und es bleibt jetzt der Ekel, für dieses Nazigrab irgendwelche Worte und nicht bloß Speichel aufgebracht zu haben.

Was Zgorzelec und Görlitz verbindet

(siehe auch Zgorzelec und Görlitz)

Die naheliegende Antwort auf die Frage nach dem Verbindenden zwischen den beiden Neißestädten wäre: die Europabrücke. Sie verbindet Görlitz‘ Altstadt mit dem Zgorzelecer Ufer und gilt, anläßlich des EU-Beitritts Polens 2004 errichtet, als Symbol für das Zusammenwachsen beider Städte zur „Europastadt“. Doch sie ist eine Verbindung zwischen Ungleichem, eine Verbindung von Reich zu Arm, von Sieger zu Besiegtem, geradezu von Herr zu Diener. Denn Deutsche, die diese Brücke überqueren, kommen, um in den polnischen Restaurants günstig und von Polen selbstverständlich auf Deutsch bedient, zu essen, aus keinem anderen Grund. Vom wahren polnischen Zgorzelec können sie da nichts sehen. Die Europabrücke ist, so sehr jede Brücke zu begrüßen ist, ganz wie die Bezeichnung Europastadt ein Mittel zur Verschleierung der wahren Machtverhältnisse zwischen Polen und dem vergrößerten Deutschland. An dieser Situation ändert auch nichts, daß selbstverständlich Polen über die Brücke nach Görlitz kommen, um dort zu arbeiten oder einzukaufen, und daß es selbstverständlich auch in Görlitz viele Menschen mit einem wirklichen Interesse an ihren Nachbarn gibt, Menschen, die polnisch lernen, kulturelle Kontakte pflegen, Jugendprojekte organisieren. Was das offizielle Görlitz von Zgorzelec denkt, lese man am Platz ab, den es ihm auf dem Stadtplan, den man in der Touristeninformation bekommt, zugesteht.

StadtplanGörlitz

Die wirkliche Verbindung, der einzige Ort, wo noch spürbar ist, daß Zgorzelec und Görlitz einmal eine Stadt waren, ist ein Park, Stadtpark westlich und Park Miejski (Stadtpark) östlich der Neiße geheißen. Er beginnt in Görlitz mit weiten, von alten Bäumen gerahmten Wiesen und zieht sich dann in intimeren Wegen zwischen riesigen Rhododendronsträuchern und in einem terrassierten Rosengarten den Hang zum Fluß hinab. Dort steht die Stadthalle, das erste der beiden den Park prägenden Bauten. Sie ist fast auf Uferhöhe, aber ihr Eingang ist höher an der zur Brücke führenden Straße gelegen.

StadthalleGörlitz

Sie ist ein letztlich sehr simples, funktionales Gebäude, das aus einem Sockel und einem darauf zurückgesetzten Saaltrakt besteht. Die gewählte Ornamentik unterstützt diese Klarheit in gewissem Maße, sie hat etwas Assyrisches, Babylonisches, das vom Jugendstil, dem man sie zuordnen könnte, schon zum Art Déco der Zwanziger vorausweist, was nicht weit, aber ungewöhnlich weit ist. Sphinxen, Phönixe, Obelisken kommen als passende Skulpturen hinzu, aber sparsam eingesetzt.

StadthalleGörlitzFront

Doch daneben gibt es Putten und Amphoren, die das Stilprogramm auf bizarre Weise durchbrechen. Man kann nur spekulieren, daß der Auftraggeber das Gebäude zu streng fand und deshalb verspielteren, der erhofften Fröhlichkeit der Tanzveranstaltungen angepaßten Schmuck hinzufügen ließ. Dennoch ist die Stadthalle einer der seltenen Bauten der Kaiserzeit, dem man Qualitäten abgewinnen kann. Daß gerade sie leersteht, sagt Trauriges über Görlitz.

Jenseits der Neiße setzt sich der Park fort, doch die fußläufige Verbindung ist leider nicht sehr klar. Von den Uferwiesen zieht sich der Park mit waldartigem Baumbestand den Hang hinauf. Dort steht das Dom Kultury (Kulturhaus) von Zgorzelec.

DomKulturyVertrag

Es ist ein typischer wilhelminischer Protzbau, quadratisch, mit antikisierender Säulenordnung und Kuppel, eigentlich nichts anderes als eine verkleinerte Version des Reichstags in Berlin oder des Reichsgerichts in Leipzig.

Aus Müller, Hans: Neostile - Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Leipzig 1979

Aus Müller, Hans: Neostile – Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Leipzig 1979

Die Skulpturen beim Eingang sind Werke eines monumentalen präfaschistischen Jugendstil, der auch das Leipziger Völkerschlachtdenkmal prägt. Innen

DomKulturyInnen

ganz wie außen ist es, auch wenn die Kaiserskulpturen durch einen Spiegel ersetzt wurden, ein Gebäude, das den Menschen klein machen und erniedrigen will. Polen gab diesem Monstrum, das vorher nichts anderes als Feier des Wilhelmismus war, als Kulturhaus immerhin eine Funktion.

Es ist aber gerade das Dom Kultury, das ein Symbol für die Verständigung nicht nur zwischen Zgorzelec und Görlitz ist. Hier nämlich wurde 1950 zwischen der Volksrepublik Polen und der DDR der Vertrag über die Oder-Neiße-Friedensgrenze unterzeichnet, mit dem die Beschlüsse des Potsdamer Abkommens von einem polnischen und einem deutschen Staat umgesetzt wurden.

Am 6. Juli 1950 wurde in diesem Gebäude der Vertrag zwischen der Volksrepublik Polen und der Deutschen Demokratischen Republik über die Markierung der festgelegten und bestehenden Grenze zwischen beiden Ländern an der Oder und der Lausitzer Neiße als unantastbare Grenze des Friedens und der Freunschaft unterschrieben Zgorzelec 6. Juli 1955

Am 6. Juli 1950 wurde in diesem Gebäude der
Vertrag
zwischen der Volksrepublik Polen und der Deutschen Demokratischen Republik über die Markierung der festgelegten und bestehenden Grenze zwischen beiden Ländern an der Oder und der Lausitzer Neiße als unantastbare Grenze des Friedens und der Freundschaft unterschrieben
Zgorzelec 6. Juli 1955

Hier geschah also nicht weniger als die Sicherung des Friedens in Europa, hier wurde einer der entscheidenden Schritte zur Ausschaltung des deutschen Imperialismus getan und damit einer der Grundsteine für die gesamte gegenwärtige Weltordnung gelegt. So wird das Gebäude fast egal, verschwindet hinter seiner Bedeutung als Ort eines der schönsten und wichtigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts.

Für Görlitz und Zgorzelec bedeutete das die Möglichkeit eines gleichberechtigten Miteinanders als befreundete, aber verschiedene Städte. Die Möglichkeit ist vertan, seit 1980, als in Polen die Konterrevolution drohte, und spätestens seit 1989, als sie überall siegte. Bleibt der Park, der sich vom Dom Kultury noch weit erstreckt, Teiche umspielt, weiter den Hang aufsteigt. Ist es auch ein polnisch-deutscher Park, so bleiben doch Deutsche und Polen zumeist in ihrem Teil. Wenn sie sich aber träfen, so in wenigstens scheinbarer Gleichberechtigung, als Spaziergänger, küssende Pärchen, Trinker, Jogger. Um das zu ermöglichen, sollte neben der Autobrücke eine weitere Fußgängerbrücke von Park zu Park errichtet werden. Da die Städte eine nach Europa und eine nach nach einem polnischen Kirchenchef benannte Brücke schon haben, sollte sie Bierut-Pieck-Brücke, Grotewohl-Cyrankiewicz-Brücke, Brücke der Friedensgrenze, Friedensbrücke oder wenigstens Parkbrücke heißen. Bald wird das nicht geschehen.

Görlitz

(siehe auch Zgorzelec und Was Zgorzelec und Görlitz verbindet)

Görlitz könnte eine schöne Stadt sein, nein, Görlitz ist eine schöne Stadt. Es ist aber auch eine Stadt, gegen die man leicht eine Abneigung haben kann.

Wenn man in Görlitz den Bahnhof verläßt, meint man sich in ein Berliner Mietskasernenviertel versetzt. Alles sieht aus, als habe man die schlimmsten Teile des Wedding oder des Prenzlauer Bergs nach Süden an die Neiße verfrachtet.

MietskasernenGörlitz1

Man sieht sofort: Görlitz ist eine preußische Stadt. Die Altstadt ist inmitten der Auswüchse des Preußentums wie eingeschlossen. Sie zu befreien, muß man erst einmal einen Schlüssel finden. Den aber stellt Görlitz so einfach bereit wie kaum eine andere Stadt: es ist die Verkündigungskanzel vorm Rathaus.

Aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

In einer Ecke zwischen Turm und Gebäude schwingt sich eine Treppe empor zum Eingang und zur Kanzel neben diesem. Steht man davor, sieht man höchste bildhauerische Kunst der Renaissance. Schon mit den Stufen und dem Geländer der Treppe selbst beginnt sie, setzt sich fort in einer schlanken ornamentierten Säule, um die die Treppe sich windet, und endet auch noch nicht mit der Skulptur der Justitia, die mit erhobenem Schwert in der einen und Waage in der anderen Hand auf der Säule steht, sondern setzt sich weiter fort im Wappenrelief an der Wand rechts und den Ornamenten der rundbögigen Rathaustür. Doch bescheidener, auch auf Photos dieser enorm oft photographierten Treppe oft rüde ignorierter oder abgeschnittener Höhepunkt ist die Verkündigungskanzel selbst. Sie ruht auf zwei dicken Säulen an der Wand, die aber alles Schwere verlieren, weil sie auf ihnen so weit übersteht wie es die damalige Technik eben erlaubte, weil sie schweben will. Geht man hinauf und steht selbst auf der Kanzel, öffnet sich einem Görlitz. Man steht nun neben der Justitia, schwebt selbst wie diese, blickt wie diese über den Untermarkt und fühlt sich unweigerlich wie ein Bürgermeister bei einer wichtigen Verkündigung oder ein Richter beim Urteilsspruch. Obwohl eigentlich gar nicht hoch, fühlt man sich hier weit über Görlitz erhoben. Man ist im Mittelpunkt der Stadt oder besser noch: man ist der Mittelpunkt der Stadt. Wenn man in die andere Seite, um die Gebäudeecke, über die die Kanzel ganz leicht übersteht, schaut, wird der Blick über die gesamte Länge des Obermarkts entlanggezogen,

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

vorbei an einem Kirchturm links und hin zu einem Turm der alten Stadtmauer und noch an ihm vorbei zum breit ruhenden Rund einer Bastion. Der Obermarkt, früher Leninplatz, ist nunmehr ganz Raum von klarster Struktur, egal die Gebäude darum, egal die parkenden Autos darauf. Wenn man ihn entlanggeht, entlanggezogen wird wie zuvor der Blick, sieht man die Türme, die diese Struktur bilden, genauer: den schlanken spätgotischen Turm der Dreifaltigkeitskirche

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

und  den auf elegante Weise wehrhaften Reichenbacher Turm, ebenfalls gotisch, aber ganz anders.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Der eigenartige Rundbau des Kaisertrutz‘, aus dem ein kleinerer Turm ragt, bildet den entschiedenen Abschluß, was vielleicht schade, aber auch notwendig ist, da man sich sonst wünschen könnte, der Platz setzte sich ins Unendliche, entlang unzähliger weiterer Türme, fort.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Das Bild  vervollständigt sich einem einzig noch dadurch, daß der Rathausturm, ein Renaissancebau, der man von der Kanzel aus gleichsam selbst gewesen war, zum dritten strukturierenden Punkt des Platzraums wird.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Man weiß auch sofort, daß man, wann immer man nun diese Abfolge dreier Türme aus der Ferne sehen wird, immer gleichzeitig den Raum, den sie markieren, denken wird.

Aus Huhn, Bernhard/Bernhardt, Rudolf (Hg.): Kohle, Wälder und weite Wege, Leipzig 1979

Aus Huhn, Bernhard/Bernhardt, Rudolf (Hg.): Kohle, Wälder und weite Wege, Leipzig 1979

Nur die wenigen Stufen hinauf zur Verkündigungskanzel und Görlitz gehört einem. Nun, in Besitz des Schlüssels zur Stadt, mag man die Gassen erkunden, den Weg zur weit langweiligeren gotischen Peterskirche am Hang oberhalb der Neiße, die von beiden Märkten wohltuend unsichtbar ist, suchen, und man mag das schön finden; wichtigeres und mehr von Görlitz als von der Verkündigungskanzel wird man da aber nicht sehen.

Nun, da man Görlitz ohnehin gegen alle Anfeindungen gefeit weiß, kann man sich sogar dem preußischen, wilhelminischen Görlitz widmen. Zum Demianiplatz führt vom Obermarkt eine Straße, an deren Ende wie ein Wegweiser ein weiterer runder Turm der Stadtmauer steht. Hier treffen Alt und Neu in großer Schärfe aufeinander, aber das bemerkt ob der „Patina des Alters“ (Georg Piltz), die auch dieses Neue schon hat, heute wohl kaum jemand mehr. So schiebt sich etwa ein großes Kaufhaus mit einer Dreistigkeit, die ihm Görlitz lange verziehen oder nie übelgenommen hat, vor eine weitere gotische Kirche. Es ist, als hätten die wilheminischen Städtebauer Marx gelesen und wollten baulich illustrieren, wie der Kapitalismus an die Stelle der „heiligen Schauer der frommen Schwärmerei“ die „gefühllose, bare Zahlung‘“ setzt.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

So fortschrittlich zeigt sich der Kapitalsmus in anderen Teilen von Görlitz aber nicht mehr. Weiter geht es über den Postplatz mit dem namensgebenden rotbacksteinernen Gebäude auf die Berliner Straße. Sie ist die Schönhauser Allee von Görlitz, Einkaufsstraße in der Wüste der Mietskasernen, die zuerst auf einen Eckbau in einer Straßengabelung, dann auf den Bahnhof zuführt. Ringsherum und auch jenseits der Bahnstrecke die immergleichen Straßen mit den immergleichen Mietskasernen.

MietskasernenGörlitz2

Hier war die Heimat des Görlitzer Proletariats und Kleinbürgerturms. Zur Auflockerung dieser erstickenden Enge gibt es in den Bereichen beidseits der Berliner Straße zwei große rechteckige Plätze. Der südöstlich gelegene trägt heute wieder den leider angemessenen Namen Wilhelmsplatz. Am nordwestlich gelegenen steht ein riesiger Kirchenklotz aus Backstein wie es ihn in Berlin dutzendfach gibt, was hier keine Hyperbel, sondern eine konservative Schätzung ist, und vor diesem ein Standbild Luthers, weshalb er Lutherplatz heißt.

LutherplatzGörlitz

Auch hinter dem Bahnhof gibt es, etwas erhöht gelegen, eine weitere Kirche und ein Stück weiter noch einen Platz. Nach Osten hin, zum Stadtpark am Ufer der Neiße, und nach Südwesten, Richtung Landeskrone, bekommen die Mietskasernen Vorgärten und die Straßen Bäume. Hier lebte das mittlere Bürgertum, die Beamten- und Lehrerschaft der Stadt. Am Rande des Parks und noch näher an der Landeskrone stehen die Villen des Großbürgertums, der Kapitalistenklasse, der die Fabriken gehörten, in denen das Proletariat arbeitete, und auch die Mietskasernen, in denen es lebte.

Görlitz ist somit ein Lehrbuchbeispiel, an dem sich die Klassenstruktur des entwickelten Kapitalismus des frühen 20. Jahrhunderts und deren städtebauliche Wiederspiegelung ablesen läßt. Gegensätze und Kontraste, die zu erleben man in Berlin in verschiedene Bezirke fahren müßte, hat man hier in einer Straße. Steht man etwa an der Ecke Schützenstraße/Bismarckstraße, schaut man nach links in eine finstere Mietskasernenstraße

Bismarckstraße2

und nach rechts in eine Straße mit blühenden Vorgärten.

Bismarckstraße1

An der Ecke Bahnhofstraße/Blockhausstraße wiederum erlebt man, wie erstere gleich einem Puffer aus Mietskasernen vor die Gleise gesetzt ist, damit zweitere sich mit ihren Vorgärten umso ungestörter zum Park öffnen kann.

BahnhofstraßeGörlitz

Die eklatante Ungerechtigkeit dieser Stadtstruktur zu beheben, unternahm Görlitz in den Jahren der Weimarer Republik nur wenige Versuche. Es entstanden bloß Einfamilienhäuser und kleinere, konservativ konzipierte Siedlungen am Stadtrand.

Für die DDR stellen Görlitz‘ Mietskasernen ein ebenso schweres Erbe dar wie jene im Prenzlauer Berg oder in Friedrichshain. Hier wie dort bleib ihr wenig mehr, als einerseits dafür zu sorgen, daß sich die Bevölkerung in der vorhandenen Bebauung etwas mehr vermischt und andererseits außerhalb lebenswerteren Wohnraum zu schaffen. Doch eine entscheidende Veränderung bewirkte sie in Görlitz auch inmitten der Mietskasernen: sie machte die Berliner Straße zur Fußgängerzone.

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Aus Kitte, Rainer/Piltz, Georg: Görlitz, Leipzig 1984

Wo früher die Autos gefahren waren, entstand nun ein ganz dem Fußgänger gewidmeter Boulevard, der mit quadratischen Bodenplatten, neuen Bänken und Lampen ein wenig half, seine Umgebung aus der preußischen Vergangenheit in die sozialistische Gegenwart aufzuheben.

Nur die Straßenbahn durfte auf der Fußgängerzone weiter fahren. Die Strecke vom Bahnhof über die Berliner Straße zum Rande der Altstadt am Demianiplatz bildet so das Rückgrat eines für eine Stadt dieser Größe (zur besten Zeit etwa 80000 Einwohner) perfekten Straßenbahnnetzes. Drei Endhaltestellen gibt es. Die eine ist weit im Südwesten am Fuße der Landeskrone.

Aus Autorenkollektiv: Erholungsgebiete Bezirk Dresden, Dresden 1988

Aus Autorenkollektiv: Erholungsgebiete Bezirk Dresden, Dresden 1988

Dieser Hausberg von Görlitz wäre gänzlich uninteressant, wenn sein Kegel nicht so völlig frei in der Landschaft stände, erste höhere Erhebung hinter der Ostseeküste. Während diese Endhaltestelle also bei einem wichtigen Erholungsgebiet liegt, sind die anderen beiden in den großen Wohngebieten der Stadt.

Für Weinhübel im Süden ist die Straßenbahn auch wirklich die Lebensader, die sie mit der Stadt verbindet. Es sind sehr ruhige, kaum mehr städtische Gegenden, die Bäume höher als die drei-, vier-, fünfgeschossigen Gebäude mit spitzeren und flacheren Satteldächern, die entlang geschwungener Straßen aufgereiht sind. Beide Teile des, wiederum vor allem durch die von der Ausfallstraße abzweigende Straßenbahn verbundenen, Wohngebiets, haben eine leerstehende Schule, beide mit gelungenem Kunstwerk. Die Sonnenuhr mit sowjetischem Raumschiff im älteren Teil schon hübsch,

SonnenuhrRaumschiff

die kupferne Tür der Hans-Beimler-Oberschule im neueren Teil, wo sogar die Türgriffe Tauben sind, erst recht ein gutes Beispiel dafür, was die Kunst der DDR vermochte.

HansBeimlerGörlitz

Als Zentrum im ersten Teil eine geschickt mit der Haltestelle verknüpfte HO-Ladenstraße, Flachbauten mit Pultdach, davor filigran gestützte Kolonnaden, von denen der Blick über die Felder zur Landeskrone geht.

HOLadenstraßeGörlitz

Im zweiten Teil ist vom Zentrum an der Endhaltestelle nur noch wenig zu erkennen.

Das Wohngebiet Nord könnte verschiedener kaum sein. Schon beim Heiligen Grab, am Rande der Altstadt, blickt man die Straßenbahnstrecke und einen großzügigen Gehweg entlang zu seinen höhergelegenen Gebäuden.

GörlitzNordStraßenbahn

Das Wohngebiet beginnt sogar noch vor diesen mit einem kleinen Park.

GörlitzNordPark

Von dort leitet ein Treppenweg hinauf zu einem Fußgängerboulevard, der vorbei an Ladenzeilen, Kaufhallen und Schulen durchs gesamte Wohngebiet führt.

GörlitzNordBoulevard

Die Straßenbahn fährt derweil zwischen dem Rand des Wohngebiets und dem Friedhof, um den Boulevard erst wieder kurz vor ihrer Endhaltestelle zu kreuzen. So entsteht ein recht typisches Wohngebiet der späten DDR, sechsgeschossige Gebäude, die, teils zu geschlossene, Höfe bilden. Es ist auch ein Gegenentwurf zu den Mietskasernengegenden. Wo diese sich erstickend um die Altstadt legen und keinerlei Bezug zu ihr haben, hält das Wohngebiet Nord gebührenden Abstand zu ihr und bietet seinen Bewohnern zugleich weite Ausblicke über sie.

BlickGörlitzNord

Weniger gelungen als die Wohngebiete in der Nachbarstadt Zgorzelec, entspringt es doch demselben fortschrittlichen Geist. Es war der letzte Versuch, ein neues Görlitz zu schaffen und die Altstadt ein wenig aus ihrer wilhelminischen Umklammerung zu befreien.

Das heutige Görlitz ist eine typische Stadt der ehemaligen DDR. Seine Bevölkerungszahl ist trotz Eingemeindungen auf 55000 gesunken. Seine Altstadt sieht neuer aus als wohl je zuvor in ihrer Geschichte, ist aber weitenteils unbewohnt, da die einen es sich nicht leisten können, dort zu wohnen, und die anderen es nicht wollen. In den Mietskasernen wohnen die Studenten und alle, die sonst von niedrigen Mieten gelockt werden. Und wer in den fortschrittlichen Wohngebieten wohnt, will dort auch nicht weg, weil er eben Grün und Ruhe mit guter Anbindung zur Innenstadt schätzt. Was dieses heutige Görlitz so unsympathisch machen kann, ist, daß es sich für etwas Besseres hält oder jedenfalls in den Medien so dargestellt wird. Es scheint zu meinen, daß es wegen ein paar dort gedrehter Hollywoodfilme, eines geheimnisvollen Spenders, der reihenweise Häuser renovieren läßt, und einiger westdeutscher Rentner, die es sich zum Altersdomizil auserkoren haben, etwas grundsätzlich anderes als, sagen wir, Stendal oder Merseburg sei. Doch hinter dieser Hybris ist Görlitz einfach eine schöne Stadt.